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Full text of "Ox 72 (2007 Juni-Juli)"

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#72, Juni/Juli 2007 


€4,50 



65DAYSOFSTATIC, BALZAC, BILLY TALENT, COMEBACK klD, 
EARTH CRISIS, EDITORS, FEHLFARBEN, GANG GREEN, SPARTA, 
JAI-ALÄISÄVÄNT, KIM SALMON, MUFF POTTER, TURBONEGRO 


PUNKROCK HÄRDCORE ROCK’N’ROLL 


Auf der CD: 

MUNICIPAL WASTE, ADJUDGEMENT, 
RENTOKILL, FRONTKICK, STATUES, 
CHIP HANNA, DISTEMPER, DALLAX, 
BAD NENNDORF BOYS, MAMBO KURT, 
BAGIO, ABWÄRTS, MATULA, MUFF, 
JUPITER JONES, Hl TERESKA, GUFF, 
THE STYRENES, ZOMBIE GHOST TRAIN, 
HELL CRAB CITY, NO SHAME, CURLEE 
WURLEE!, THE CRETINS, SMALL TOWN 
RIOT, M.A.M.A., THE SEWER RATS, 
FUNNYLOVEPAINFUL, DEMOLITION IN 
PROGRESS 

www.ox-fanzine.de 


Steve von Till erklärt das Universum 


NEURO SIS 

















the tw mm out juty oth 

PURK ROCK HEROES BRD RELlRIOn RRE BACK UHTH ft OEHOEftnCE 
unmftTCHED sincE their eierh 


mm BRftftD REU) TRACKS, mCiUDlft THE HIT SmOLE HOHES 


TIRCD ADKIV 

I lutn Mnri i 


TIGER £RM¥ The new album on CD 
: & Limited Colored Vinyl 


IN STORES NOW 

Produced by Jerry finn 





tigerarmy.com 

myspace.com/tigerarmy 

hell-cat.com 



First ever career spanning 
collection from Punk Legends 



GREATEST HITS 


Features MOMMY'S LITTLE MOHSTEB and the 
Johnny Cash cover Riff Gr OF FIRE. 

Includes the Brand new single FAB BEHIffD. 



socialdistortioB.com • timebombrecordiBgs.com • epitapb.com 



p “The Unseen 
p rock it like the Clash on 
y crack, with AFI style 
pirate rock gang 
vocals a plenty! 

M (...) Proper punktastic” 
m - METAL HAMMER 


A . WMLdWr .. wsmm 
The new album INTERNAL SALVATION 
out July 6th on Hellcat Records 


myspace.com/theunseen • hell-cat.com 


Tlie new album out now 
Includes the single 
“Insurance?” 


THE HIGHER 


Epitaph mysp.icexoin/thehigher^enitaph.com 


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VOR-WORTE 

WIR HABEN UNS GELIFTET. MIT 72 WAR ES MAL WIE¬ 
DER ZEIT, DAS ALTER FORDERT SEINEN TRIBUT. 
UND WIR MACHEN DA KEIN GEHEIMNIS DARAUS, 
JEDER SOLL ESSEHEN. 

Was hat sich also geändert am Ox? Nun, die Aufgaben¬ 
stellung an unsere Layoutentwicklerin Sabine Ahrens 
war denkbar schwierig: „Du kannst alles machen, was 
du willst, nur muss es uns gefallen, es soll aufgeräum¬ 
ter aussehen und wir müssen die gleiche Menge Text un¬ 
terbringen können wie bisher.“ Wir rechnen es Sabine 
hoch an, dass sie an dieser Stelle nicht die Flucht ergriffen 
hat und weiterhin unsere eMails und Telefonanrufe be¬ 
antwortete, denn unsere Forderungen bedeuteten einmal 
mehr die Quadratur eines Kreises vorzunehmen. Doch 
weiß der Teufel, wie sie es geschafft hat, sie hat es hin¬ 
bekommen und wir sind glücklich: Das neue Layout ist 
schmuck, das Titelbild wirkt schön aufgeräumt, das Logo 
wurde überarbeitet - und wir haben immer noch massig 
Lesestoff zu bieten, haben die Heftinhalte nicht dem Style 
geopfert. Wir hoffen, es gefällt euch. Feedback dazu und 
überhaupt gerne an mail@ox-fanzine.de 



VORNE 

005 NEWS 
007 COMMON ENEMY 
008 OX PRÄSENTIERT 
010 THE GRIZZLY ADAMS BAND 
VS. THE MISSING SHADOWS 
010 DIES ODER DAS?: O’DEATH 
010 BLIND DATE MIT... MIT 
011 WAS MACHT EIGENLICH ... 

KIRA ROESSLER? 

011 PHASED 
011 JUGENDSÜNDEN 
011 PUNKROCK IN ... MAINZ 
011 MIXTAPE 


INTERVIEWS 

024 NEUROSIS 
026 MUFF POTTER 
027 BAD ASTRONAUT 
029 SPARTA 
030 EDITORS 
031 MONTREAL 

033 KIM SALMON & THE SCIENTISTS 

034 65DAYSOFSTATIC 

035 LAST DAYS OF APRIL 

037 I WALK THE LINE 

038 THE JAI-ALAI SAVANT 

039 THE CREEPSHOW 

041 COMEBACK KID 

042 AARON HORKEY 

043 DR. NORTON 



EDITORIAL 


Drei neue Rubriken gibt es auch im Heft: Die erste lest ihr 
gerade, die zweite heißt „Various Artists“ und meint die 
Doppelseite vorne im Heft, auf der wir euch eher „klein- 
teilige“ Texte von und über Bands servieren wollen, und 
dann ist da noch „Labelx3“, eine Danksagung an all die 
Leute da draußen, die ihre Freizeit dem Plattenrausbrin- 
gen opfern, ihr Geld in ein kleines Label stecken und die 
wir ab jetzt im Dreierpack portraitieren werden - was 
aber sicher nicht unsere ausführlichen Labelinterviews 
ersetzen wird. 

Apropos ausführlich: Mit einem umfangreichen Special 
widmen wir uns diesmal dem Punkrock in der DDR. Uns 
ist klar, dass all unsere Leser/innen unter 25 kaum eine 
persönliche Erinnerung daran haben dürften, was es mit 
diesem sozialistischen Staat auf deutschem Boden auf 
sich hatte, und schon gar nicht, dass allgemein bekannt 
ist, wie das Verhältnis zwischen Staatsmacht und Punks 
in der „Ostzone“ aüssah. Das wollen wir mit diesem Spe¬ 
cial ändern, haben dazu (per eMail) eine Reihe von Inter¬ 
views geführt und, wie ich denke, sehr interessante Ant¬ 
worten bekommen. 

Meine eigene Erinnerung ist, dass seinerzeit die in mei¬ 
ner süddeutschen Heimatstadt recht starke DKP einmal 
im Jahr (ich glaube zu Pfingsten) einen Teil der örtlichen 


Punkszene mit einem Wochenende Freisaufen köderte, 
und das bestand auf einem Zeltlager in der DDR, wohl 
organisiert zusammen mit der FDJ. Eine paradoxe Situ¬ 
ation also: Einerseits verfolgte die SED (aus der die PDS 
und jüngst „Die Linke“ hervorging) auf ihrem Territori¬ 
um die Punks, stufte sie als Staatsfeinde ein, zum anderen 
lud man die aus dem Westen zum Saufen ein - und die 
ließen es in ihrer Naivität mit sich machen. Für mich per¬ 
sönlich übrigens ein Grund, die PDS/Die Linke mit Miss¬ 
trauen zu betrachten. 

Für die nächste Ausgabe, die Anfang August erscheint, 
haben wir natürlich auch schon wieder reichlich Texte in 
Arbeit: die englischen SUBHUMANS wurden interviewt, 
mit Julien Temple sprachen wir über Joe Strummer, Kal¬ 
le Stille hat ein Interview mit Mike Just geführt, der einst 
mit seinem Label Starving Missile New York Hardcore 
nach Deutschland brachte, AGAINST ME! und BAD RELI¬ 
GION dürfen nicht fehlen, ebenso Jay Reatard und Alic- 
ja Trout, und Jacho von den BOTTROPS hat sich erschöp¬ 
fend über seine Lieblingsband MC5 ausgelassen. 

Jetzt aber erstmal viel Spaß mit dieser Ausgabe des Ox. 
Joachim Hiller 


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INHALT 



045 FUNERAL FOR A FRIEND 

046 TURBONEGRO 

047 BALZAC 

048 FEHLFARBEN 

050 BUBONIX 

051 RADIO DEADONES 

052 SISTER VANILLA 

053 YOU AM I 

055 LOGH 

056 DOM MARIANI 

057 TIM PITTMAN 

098 AUDIOLITH RECORDS 

099 MURDER BY DEATH 

101 BILLY TALENT 

102 GANG GREEN 

102 JERRY’S KIDS 

103 DEAD FISH 

105 THE BOONARAAASÜ! 

106 FUCKHEAD 

107 EARTH CRISIS 

108 THEOTHER 
110 M.O.T.O. 

110 K-KLANGSTUDIO 

111 CHAOSTAGE - DER FILM 

113 THE SETUP 

114 PUNK IN DER DDR 


REVIEWS 

058 GESCHMACKSCONTROL 
060 ALBEN 
061 PLAYLISTS 



061 LESER- & VERKAUFSCHARTS 

063 TOP OF THE OX 

064 SINGLES 

069 DIE BANDS DER OX-CD 

070 RERELEASES 

078 SAMPLER & COMPILATIONS 

082 DVDS 

084 DEMOS 

089 FANZINES 

090 COMICS 

093 MOVIES 

096 LITERATUR 


DER REST 

006 IMPRESSUM 
012 DEROX-SHOP 
013 DASOX-ABO 
014 KOLUMNEN 
018 RAKETEN IN ROCK 
019 LABEL X3 
021 BIGBEATLAND 
022 PETER PUCKS RUDI 
023 REZEPTE 

125 LAST NIGHT THEY HAD ... 

126 PETER PANK 

128 SPONGE-PIX 

129 LIFE ON STAGE 

135 LIFESTYLE 

136 TERMINE 
138 VORSCHAU 


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OX-FANZINE 3 i: 

















ANONYMOUS 


ALL TONES ARE ORIGINAL ARRANGEMENTS 
INSPIRED BY NATIVE AMERICAN MATERIAL 
FROM THE LATE 19 TH CENTURY 


©&© 2007IPECAC RECORDINGS 
P.O. BOX 1778 • ORINDA • CA 94563 • WWW.1PECACCOM 


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(Masters Of Reality) 


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JOSH FREESE OheVondals, A Fterfecl Orde NN) 
DAVE CATCHING (Eagles Of Death Metal) 
’WHITEY KIRST (Iq qy Pop Band) 

PETER PERDlCRZf (The Flysj . 

IPECACEECÖRDtNGS are manufactured and 
distribtifed in Europe by SOUTHERN RECORDS 



IJghtl 1® ww *fnghti 3 

©BOgfcoIcm 7 

DIREKTANGEBOTE 


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ABWÄRTS - „Rom“ LP/CD -12,90/15,50 

ARCTIC MONKEYS - „Favourite worst nightmare“ LP/CD -15,90/14,50 

* THE AUDIENCE - „Celluloid“ LP/CD -13,90/16,90 
AUSTIN LUCAS / CHUCK RAGAN - split 7“ - 6,- 
BAD BRAINS - „Omega sessions“ 10“ - 9,50 
BATTLES - „Mirrored“ 2LP/CD -18,50/14,90 

BILL CALLAHAN - „Woke on a wakeheart“ LP/CD -12,50/15,50 
BILLY CHILDISH - „Punk rock at the British..“ LP/CD -11,90/14,90 

* BITUME - „Gut im Trend“ LP/CD -10,-/12,50 
BLONDE REDHEAD - „23“ LP/CD - je 16,50 
THE BOMB - „Indecision“ LP/CD -11,-/13,- 
BOOZED - „Acid blues“ LP/CD -12,50/13,50 
BORN TO LOSE - „Old scars“ LP/CD - 11,50/13,50 
BOTTROPS - s/t LP/CD - 1J ,-/7,90 

BRANT BJORK - „Somera sol“ LP/CD -12,50/15,- 
BRIGHT EYES - „Cassadaga“ 2LP/CD -19,90/14,90 

* BUBONIX - „please devil send me golden hair“ LP/CD 12,-/12,50 
BURIAL - „s/t“ 2LP/CD 18,90/15,50 

CEPHALIC CARNAGE - „Xenosapien“ LP/CD -14,90/13,90 
CHIP HANNA & THE BERLIN 3 - s/t LP/CD -12,-/13,50 
CHRIST ON PARADE - „Sounds of nature“ LP/CD - je 11,- 
CHUCK RAGAN - „Los feliz (live)“ LP/CD -12,-/14,90 

* CLOROX GIRLS - „Jaime les filles“ LP/CD -10,-/13,- 
COCO ROSIE - „Adventures of ghosthorse“ LP/CD - je 14,- 
CRIPPLED BLACK PHOENIX - „A love of shared ..." 2LP/CD -17,90/15,50 
DANCE INC. - „legs & arms“ LP/CD 14,50/15,90 

DEEP EYNDE - „Bad blood“ LP/CD -10.-/12,- 
DINOSAUR JR - „Beyond“ LP+77CD -15,90/14,90 
DISRUPT - „unrest“ CD -13, 50 | - „rest“ 2CD -14,90 
EARTH - „Hibernaculum“ LP/CD+DVD -15,90/16,90 
EARTHLESS - „Rhythms from a cosmic sky“ LP/CD - je 15,50 
ELECTRELANE - „No shouts no calls“ LP/CD -16,50/16,90 

* ELLIOTT SMITH - „New moon“ 2LP/2CD -17,90/16,90 
ERGS - „Upstairs/downstairs“ LP/CD - 12,50/14,- 

FAKE PROBLEMS - „How far our bodies go“ LP/CD -10,50/11,50 
THE FLESH - „Firetower“ LP/CD -12,90/13,50 

* FRONTKICK - „Cause of the rebel“ LP/CD -11,50/13,50 
FUCKING CHAMPS - „VI“ LP/CD - 12,50/15,50 

GLÖS (Ex-Engine Down) - „Harmonium“ CD -12,50 
GRAILS - „Burning off impurities“ 2LP/CD -17,90/15,50 
HALLO KWITTEN - „Gurus of peace“ LP/CD - je 9,- 

* Hl TERESKA - „winter im herzen“ CD 10,- 

HOLLY GOLIGHTLY - „You can't buy a gun“ LP/CD -12,50/14,90 

ISIS - „Celestial“ 2LP Reissue -19,90 

ISOLATION YEARS - „Sign sign“ LP/CD -12,90/16,50 

JAIALAI SAVANT - „Flight of the bass delegate“ LP/CD -13,-/16,50 

* KING KHAN & THE SHRINES - „What is?“ LP/CD -13,-/14,90 
KING LOUISE & HIS LOOSE DIAMONDS - „Memphis treat“ LP/CD - je 12,50 
KNUGEN FALLER - „Lugna favoriter“ LP/CD -11 ,-/12,- 
LATTERMAN - „We are still alive“ LP/CD -10,50/14,- 

THE LOCUST - „New erections“ LP/CD -13.-/14,- 

LOADED - hold fast LP/CD je 12,90 

LOGH - „North“ LP/CD -15,90/15,50 

LOW - „Drums and guns“ LP/CD -13,50/15,- 

MALAJUBE - „trompe l‘oeil“ 2LP/CD 18,90/14,90 

MALKOVICH - „Kings and bosses“ LP/CD - je 12,- 

MANIC STREET PREACHERS - „Send away the tigers“ LP/CD -16,90/16,50 

MARK SULTAN (=BBQ) - „Sultanic verses“ LP/CD -11,50/14,- 

MELT BANANA- „Bambi's dilemma“ LP/CD -11,50/14,- 

METEORS - „Hymns for the hellbound“ LP/CD -12,-/13,50 

MONKS - „Demo tapes“ LP/CD - je 15,- 

* MUFF POTTER - „Steady fremdkörper“ LP/CD -12,-/13,50 
NEKROMANTIX - „Life is a grave and i dig it“ PicLP/CD - je 14,90 

* NEUROSIS - „Given to the rising“ 2LP/CD -16,90/14,90 

NINA NASTASIA & JIM WHITE - „You follow me“ LP/CD -14,90/16,50 

* NINE - „It's your funeral“ LP/CD -11,50/15,- 

OMAR RODRIGUEZ-LOPEZ - „Se dice bisonte“ LP/CD -12,90/15,50 

PARTS AND LABOR - „Mapmaker“ LP/CD -14,-/15,- 

PISSED JEANS - „Hope for men“ LP/CD -13,50/15,- 

RINGERS - „Detention halls“ LP/CD - 9,50/11,- 

SEA AND CAKE - „Everybody“ LP/CD - 14,90/13,90 * 

SEVERED HEAD OF STATE - „Power hazard“ LP/CD -11,50/12,- 

SHADOW REICHENSTEIN - „It's monster rock“ LP/CD -12,-/15,- 

SHELLAC - „Excellent italian greyhound“ LP/CD - je 14,- 

SONICS - „Busy body live“ LP/CD -12,50/14,- 

SOUTHERN CULTURE ON T. SKIDS - „Countrypolitan“ LP/CD -12,50/15,50 

TALK IS POISON - „Condensed humanity“ LP -11,- 

TAXI - „Yu talk tu mach“ LP/CD -12,-/15,- 

TIED & TICKLED TRIO - „Aelita“ LP/CD -11,90/15,90 

TIGERARMY - „Music from regions beyond“ LP/CD -12,50/14,90 

TIM ARMSTRONG - „a poet's life“ 

* VOLT (F) - “s/t“ LP/CD 11,50/14,- 

* WHITE STRIPES - „Icky thump“ LP/CD -17,90/16,90 
XBXRX - „Wars“ LP/CD - je 12,50 

XIU XIU - „Remixed and recovered“ 2CD -15,50 
V/A - „30 seconds over de“ CD 10,50 


Flight 13 Records || Stühlingerstr. 15 || D-79106 Freiburg 
Fon: ++49 (0)761 208 99 0 || Fax: ++49 (0)761 208 99 11 

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NEWS 



IN EIGENER SACHE 

Das 1. Ox-Schreiber-Festival: Lang hat es gedauert, doch 
jetzt ist es vollbracht: Wer schon immer mal wissen möchte, ob 
die Ox-Schreiber mit ihren eigenen Bands das halten, was sie in 
ihren Rezensionen an anderen Bands kritisieren, kann sich davon 
am 24. und 25. August im AK in Düsseldorf beim 1. Ox-Schrei- 
ber-Festival ein Bild machen. Da stellen sich am Freitag DROW- 
NING ROSES, BUD WHITE, KARATE DISCO und PORNBEAT dem 
selbstverständlich kritischen Publikum. Samstag eifern ihnen 
THE SPOOK, BORN AS A JOKE, NIMRODS, LEFT THE CROWD 
und PROJEKT KOTELETT nach. Da bleibt garantiert kein Auge, 
keine Kehle und kein T-Shirt trocken! 

Sport im Ox: Ox-Schreiber Christoph Lampert hat ein Anlie¬ 
gen, das wir gerne weitergeben: „Gibt es Punks, die Sport be¬ 
treiben? Immer nur Fußball oder Skateboarden kann doch nicht 
alles sein. Motiviert Punk zum Sporttreiben und gibt es Zusam¬ 
menhänge zwischen Hardcore und Sport? Persönlich habe ich vor 
fünfzehn bis zwanzig Jahren MINOR THREAT, YOUTH OF TO¬ 
DAY und CRO-MAGS gehört, um mich vor Wettkämpfen heiß zu 
machen. Ich würde also gern alle Leser aufrufen, sich für Inter¬ 
views zu ihrem sportiven Hobby zu melden. Vielleicht gibt es so¬ 
gar Profis unter den Lesern, ist aber nicht wichtig. Bestimmt gibt 
es außer Fat Mike noch andere Golfer, Bowler, Wasserskifahrer, 
Basketballspieler oder halt Läufer unter der Leserschaft, die über 
Punk-Sein im Sport berichten könnten.“ Meldet euch bei chris- 
toph_lampert@yahoo.de, dann kann da ein interessanter Arti¬ 
kel draus werden. Sport und Punk darf nicht beim Iro von Da¬ 
vid Beckham enden! 

Praktikum: Du suchst einen Praktikumsplatz? Egal ob für Schu¬ 
le, Studium oder Umschulung, wir können fast immer den rich¬ 
tigen Platz anbieten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem redak¬ 
tionellen Bereich. Idealerweise solltet ihr zwei bis drei Monate 
Zeit mitbringen, bereits Erfahrung im Umgang mit dem Compu¬ 
ter haben und auch fit in Sachen Grammatik und Rechtschreibung 
sein. Interesse? Schickt eine eMail, gebt an, wann ihr Zeit habt, 
wie lange das Praktikum dauern soll/muss, wofür ihr es braucht 
und was ihr derzeit so macht: redaktion@ox-fanzine.de. Aktuell 
sind ab Dezember 2007 wieder Plätze zu vergeben, und wir pla¬ 
nen weit im voraus. 

PLÄTTEN 

GOGOL BORDELLO: Via Sideonedummy kommt am 13. Juli 
„Super Taranta!“, das neue Album der New Yorker Gypsypunks 
GOGOL BORDELLO. „Everything on the album is taken to the 
next level. It’s more direct, more abstract, more focused, with 
more dark humor. The dub parts are deeper; the fast parts are 


faster, its pure orgasmo hysteria“, wirbt Frontmann Eugene Hütz 
für das Produkt. 

Dischord: Die dreißig Folgen der FUGAZI-Live-Series, bis¬ 
her nur von Bassist Joe Lally direkt verkauft, gibt es ab sofort im 
Dischord-Webshop zu erwerben. Außerdem wurde FUGAZIs 
„Red Medicine“ remastered, und die „4 Old Seven Inches“-Com- 
pilation-LP sowie die RITES OF SPRING-7“ „All Through A Life“ 
werden in Kürze neu aufgelegt. 

RISE AGAINST: Bis zum Sommer 2008 ist es zwar noch etwas 
hin, RISE AGAINST kündigen dennoch schon einmal ein neues 
Album für diesen vagen Zeitraum an. 

THE HIVES: THE HIVES nehmen momentan in Mississippi eine 
neue Platte auf. Erscheinen soll sie im September. 

TERROR: Die Band aus Los Angeles wird im Sommer eine neue 
EP via Reflections Records veröffentlichen. 

YEAH YEAH YEAHS: Auch von den YEAH YEAH YEAHS er¬ 
scheint eine neue EP. Und zwar am 22. Juli. 

SOCIAL DISTORTION: Statt eines Nachfolgers zum 2004er 
Album „Sex, Love and Rock’n’Roll“ veröffentlicht Mike Ness am 
26. Juni lieber ein Greatest-Hits-Album. Damit das Ding auch je¬ 
mand kauft, gibt es aber einen neuen Song namens „Far behind“. 

KOMMANDO SONNE-NMILCH: Die Veröffentlichung der 
neuen KOMMANDO SONNE-NMILCH-Platte „Jamaica“ ver¬ 
schiebt sich auf den 1. Juli. 

AGAINST ME!: Das Major-Debüt von AGAINST ME! wird „New 
Wave“ heißen und am 17. Juli erscheinen. 

BEASTS OF BOURBON: Zehn Jahre hat es gedauert: Am 20. 
Juli kommt mit „Little Animais“ ein neues Album der Australier 
BEASTS OF BOURBON. 

TOCOTRONIC: TOCOTRONIC haben ein neues Album fertig, 
„Kapitulation“ heißt es und erscheinen wird es am 6. Juli via Uni¬ 
versal. Schon am 22. Juni kommt die gleichnamige Single. 

MADBALL: MADBALL haben bei I Scream Records unterschrie¬ 
ben und werden dort im September ein neues Album veröffent¬ 
lichen. 

Jonah Matranga: Der Mann hinter Bands wie FAR, NEW END 
ORIGINAL oder ONELINEDRAWING wird sein neues Album 
„And“ am 10. August bei Arctic Rodeo veröffentlichen. Mitge¬ 


wirkt haben Ian Love (unter anderem RIVAL SCHOOLS) und Sam- 
my Siegler (unter anderem YOUTH OF TODAY). 

QUI: Der ehemalige JESUS LIZARD-Sänger und Ex-SCRATCH 
ACID-Bassist David Yow ist bei QUI eingestiegen, deren zweites 
Album „Love’s Miracle“ am 11. September bei Touch And Go er¬ 
scheinen wird. Im November ist die Band dann in Europa auf 
Tour. 

ENDSTAND: ENDSTAND sind wieder zu Combat Rock gewech¬ 
selt und werden neben einem neuen Album im September schon 
im Juni eine Compilation alter und rarer Songs veröffentlichen. 

MINUS THE BEAR: Das neue MINUS THE BEAR-Album „Pla¬ 
net Of Ice“ erscheint am 21. August bei Suicide Squeeze Records. 

BOY OMEGA: BOY OMEGA sind von Riptide zu Glitterhouse 
übergelaufen, wo im Laufe des Jahres auch ihr neues Album er¬ 
scheinen wird. t 

HIMSA: HIMSA haben mit den Aufnahmen zu ihrem Century- 
Media-Debüt begonnen, die Platte soll im August kommen. 

MONEYBROTHER: Anders Wendin, den man eher unter sei¬ 
nem Künstlernamen MONEYBROTHER kennt, hat beim Major 
Sony BMG unterschrieben und wird dort im August sein neues 
Album veröffentlichen. 

WHITE STRIPES: Am 15. Juni erscheint das sechste WHITE 
STRIPES-Album „Icky Thump“. 

WEAKERTHANS: Die vielleicht beste Band der Welt befin¬ 
det sich momentan im Studio, um ihr neues, viertes Album ein¬ 
zuspielen, das dann im Herbst erscheinen soll. „This record is 
looking a little less conceptual and more like a collection of songs 
and stories“ lässt Gitarrist Stephen Carroll schon einmal wissen. 

NIMRODS: Neues von den NIMRODS aus dem Ruhrgebiet: Die 
LoFi-Pop-Punk-Truppe mit RAMONES-Einschlag (Nachfolger der 
legendären STEVE MCQUEENS) schickt sich an, am 16. August 
endlich ihr zweites Album zu veröffentlichen. 


DEAN DIRG: Anfang Juni nehmen DEAN DIRG ihre neue Plat¬ 
te in Berlin auf. Erscheinen soll sie Mitte August. Bei welchem La¬ 
bel das sein wird, möchten sie uns allerdings noch genauso we¬ 
nig verraten wie den Titel der Platte. 

ZU: ZU haben zusammen mit King Buzzo und Dale Crover von 
den MELVINS ein paar Songs für das nächste Album aufgenom- 



ROM CD/LP (Cargo Records) 




»Der deutliche musikalische 
Aufwärtstrend der legendären 
Punkband setzt sich mit dem von 
Rodrigo Gonzales (DIE ÄRZTE) 
produzierten neuen Album fort.« 

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ABWÄRTS „Rom“-Tour 2007 
22.08. Braunschweig, Rolling Stone 
23.08. Köln, Prime Club 
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HÖRT „LUCKY FUCKY“ VON ABWÄRTS AUF DER 0X-CD IN DIESER AUSGABE 


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NEWS 


IMPRESSUM 

Redaktion (Postanschrift): 

Ox-Fanzine 
PO.Box 10 22 25 
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Fon 0700 - PUNKROCK (0700 - 7865 7625), 

02104 - 810 828 
Fax 02104 - 810 830 

(Mo - Do 10.00 - 18.30 Uhr, Fr. 10-16 Uhr) 

Pakete an: 

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Redaktion: redaktion@ox-fanzine. de 
Abo: abo@ox-fanzine.de 
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News: news@ox-fanzine.de 

Verlag & Herausgeber, V.i.S.d.P.: 

Joachim Hiller, Bahnstr. 40, 42781 Haan 
(Für den Inhalt von namentlich gekennzeichneten Artikeln ist 
der/die Verfasserin verantwortlich. Sie geben nicht unbedingt 
die Meinung der Redaktion wieder.) 

Redaktion: 

Joachim Hiller, Thomas Kerpen, 

Andre Bohnensack, Thomas Renz 

Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: 

Arndt Aldenhoven, Martha Biadun, Simon. Brüggemann, Simon 
Brunner, Dennis Bruns, Frank Buchholz, Robert Buchmann, 
Annika Büsing, Fabian Dünkelmann, Jan Eckhoff, Thomas Eber¬ 
hardt, Renke Ehmcke, Tobias Ernst, Ross Feratu, Bernd Fischer, 
Klaus N. Frick, Ollie Fröhlich, Abel Gebhardt, Jerk Götterwind, 
Kevin Goonewardena, Matilda Gould, Alex Gräbeldinger, Sven 
Grumbach, Julia Gudzent, Katrin Hacheney, Thomas Hähnel, 
Carsten Hanke, Konstantin Hanke, Matt Henrichmann, Gereon 
Helmer, Uschi Herzer, Andreas Hiither, Lindsay Hutton, Tim 
Kegler, Michael Klarmann, Arne Koepke, Jens Kofoed-Pihl, Mar¬ 
kus Kolodziej, Jenny Kracht, Daniel Kroneberg, Uwe Kubassa, 
Lars Koch, Tom Küppers, Tom van Laak, Christoph Lampert, Si¬ 
mon Loidl, Claudia Luck, Nadine Maas, Nina Maenz, Christian 
Maiwald, Jörg Mechenbier, Christian Meiners, Andreas Michal- 
ke, Stephan „Zahni“ Müller, Jonas Mueller-Töwe,Thomas Neu¬ 
mann, Robert Noy, Christoph Parkinson, Erna Pfleiderer, Zoli 
Pinter, Guntram Pintgen, Ferdinand Praxi, Peter Puck, Wolfram 
Rölirig, H.C. Roth, Ingo Rothkehl, Jürgen Schattner, Katrin 
Schneider, Frank „Nice“ Schöne, Christoph Schulz, Michael 
Schuster, Sarah Shokouhbeen, Sponge, Kalle Stille, Alex von 
Streit, Alex Strücken, Christopher Tauber, Tim „Timbo Jones“ 
Tilgner, Tom Tonk, Myron Tsakas, Mario Turiaux, Bodo Unbro¬ 
ken, Carsten Vollmer, Sebastian Wahle, Walmaul, Tobias Weber, 
Kay Wedel, Lars Weigelt, Lauri Wessel, Olli Willms, Thorsten 
Wilms, Chris Wilpert, Claus Wittwer 

Praktikanten: Christin Pausch, Finn Quedens 

Layout: Andre Bohnensack, Thomas Kerpen 

Layoutentwicklung: Sabine Ahrens (sabineahrens.de) 

Lektorat: Ute Borchardt 

Coverfoto: Jerry Nelson 

Vertrieb: 

Eigenvertrieb, Cargo (Plattenläden) 

UMS (Zeitschriftenhandel; 02291 - 912420) 

Auflage: 12.500 

Abonnement: 

6 Ausgaben 25 Euro incl. P+V (Inland) 

Ausland weltweit 30 Euro incl. P+V (siehe S. 13) 

Druck: WAZ Druck, Duisburg 

Bankverbindung: 

Joachim Hiller (nicht Ox!), 

Postbank Essen BLZ 360 100 43 
Konto-Nr. 4514 10 487 

ISSN 1618-2103 


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anzeigen@ox-fanzine.de und wir mailen euch unsere aktuelle 
Anzeigenpreisliste. Es gilt die Anzeigenpreisliste 2007. Anzei¬ 
genannahmeschluss #72: 14.5.2007, Redaktionsschluss #73: 
2.8.2007, Ox #72 erscheint am 2.8.2007 ( #74: 4.10.2007, 
#75: 6.12.2007, #76: 7.2.2008) 

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chen dann per Lastschrift von eurem Konto ab. 


men, das 2008 veröffentlicht werden soll. Bei einigen Tracks hat 
übrigens Rob Wright von NOMEANSNO am Bass ausgeholfen. 

COSMIC PSYCHOS: Das „neue“ Album der australischen 
COSMIC PSYCHOS erscheint jetzt endlich auch in Europa. „Off Ya 
Cruet“ kommt über pitshark.com 

NONSTOP STEREO: Frank Ludeath, der Kopf der aufgelösten 
BASH!, hat eine neue Band und die gibt nach nur wenigen Monate 
schon richtig Gas. NONSTOP STEREO schimpft sich die Kombo, 
die im Gegensatz zu ihrem Vorgänger ausschließlich mit deutsch¬ 
sprachigen Texten aufwartet. Ende Mai geht die Band ins Studio, 
um im Sommer ihr erstes Album auf RilRec zu präsentieren. 

TftE KLEINS: Die Rock’n’Roll-Punks THE KLEINS aus Duisburg 
und Mönchengladbach feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Be¬ 
stehen. Das ist doch Grund genug, um im Juli oder August ein 
Jubiläumsalbum zu veröffentlichen, für das offenbar zahlreiche 
Gastmusiker verpflichtet werden konnten. 

JIMMY EAT WORLD: Einen genauen Veröffentlichungstermin 
gibt es zwar noch nicht, allerdings sollte das neue Album von JIM¬ 
MY EAT WORLD im Moment abgemischt werden, was die Band 
in helle Aufregung versetzt: „Yes, there is light at the end of the 
proverbial tunnel. We just spent a week in Los Angeles tweaking 
out a few songs (...) We will be working on art and getting all 
our new stage costumes together soon. How does human-size ba- 
nana suits sound? People would definitely ask us less questions 
about emo then.“ 

NERF HERDER: Parry, Steve und Charlie vermelden, dass sie 
ein neues NERF HERDER-Album aufgenommen haben und kön¬ 
nen es selbst gar nicht glauben. Es soll auch erscheinen, nur wann, 
ist noch unklar. 

ANTI-FLAG: Auch Justin Sane, Chris #2, Chris Head und Pat 
Thetic arbeiten an einem neuen Album: „We’ve begun work on 
the songs that will become our next album. The mantra is to chal- 
lenge ourselves, challenge anyone who has ever heard ANTI¬ 
FLAG. Challenge the idea of defining punk rock and political acti- 
vism, while documenting our belief of what it and this Communi¬ 
ty really are. On ,For Blood and Empire* we planned every detail. 
This process will be about the moment. NO schedules, NO dead- 
lines, just write every song we can and stir up as much shit inside 
and outside of us that we possibly can.“ 

OFFSPRING: Die Band, die schon aufgrund ihres Namens dazu 
gezwungen wird, ständig „Nachwuchs“ in Form von Platten in 
die Welt zu setzen, macht genau das, wie Sänger Dexter Holland 
zu berichten weiß: „Most of the music is recorded and we’re wor¬ 
king on vocals now. We counted up the other day, we actual- 
ly demo'd 23 songs for this CD. Wow! That's a new record for 
us. Of those we've recorded 13. Will they all be on the album? I 
don't know! We‘11 see how they turn out. Maybe we‘11 cut one, or 
maybe we‘11 write a couple more. Because we‘re artists we‘re fla- 
ky like that.“ 

Außerdem angekündigt: Neue Alben von DOWN TO 
NOTHING und CAPITAL (beide auf Revelation), A WILHELM 
SCREAM (Nitro), COHEED AND CAMBRIA (Sony BMG), ein Spli¬ 
talbum von DISTEMPER und TARAKANY, PURGEN (beide ANR), 
ARCANA CAIN (My Favourite Toy), YOU SAY PARTY! WE SAY 
DIE! (PIAS) und natürlich „The New Maps Of Hell“, das neue Al¬ 
bum von BAD RELIGION, das am 10 Juli erscheinen soll. 

LABELS 

Monumentum Records: Reflections Records haben ein Sub¬ 
label gegründet, auf dem sie die Sachen veröffentlichen, die sti¬ 
listisch nicht so ganz zum Haupt-Label passen. Die ersten Releases 
kommen von der Doom-Band BURNING SAVIOURS, der Black- 
Metal-Band BLACK ANVIL und den experimentellen, irgendwo 
im Drone anzusiedelnden NIHILL. 

Fat Wreck Chords: Die neuen Platten von MAD CADDIES, 
STRUNG OUT und NO USE FOR A NAME werden nicht auf Vi¬ 
nyl veröffentlicht, was das Label wie folgt begründet: „The reason 
we aren’t putting out these records on vinyl is because they are 
too LONG. The more music you stuff onto a single LP, the wor- 
se it sounds, so we decided we didn’t want to compromise the re- 
cording quality. Fear not because we actually have a couple of re¬ 
ally cool secret vinyl projects coming up. We apologize if you are 
bummed and as a peace offering we give to you the first Strung 
Out mp3 for the song .Calling*. I again apologize but this mp3 
will not be on vinyl.“ 

Newest Industry Records: Es hat sich ausveröffentlicht bei 
Newest Industry. „I’s like when a band breaks up but lies about it, 
they say they re on .indefinite hiatus* - that’s kinda what is hap- 
pening with Newest Industry Records. After almost 5 years, 20 
releases and a ridiculous amount of debt (20.000 pounds - that’s 
40,000 dollars) we have finally given in ... Money is the main pro- 
blem (obviously), no one buys our records even though they’re 
awesome, but there’s also the stress of dealing with complete and 
utter wankers (some band members, tour bookers, other labels 
who actively bootleg your releases then LIE about it, you name 
it ...), distributors that don’t seil any records, pressing plants that 
fuck the art up, and boxes upon boxes of CDs sat in the kitchen. 
It’s like, do we just bail now or go down with it? Downloading 
is definitely an issue as well, but I can’t even be fucked to go into 
that right now ... Basically we’re in a total mess and we’re not put¬ 
ting out anymore records (...) Umm, so yeah... that’s it. Thanks to 
the excessively tiny amount of people that gave a fuck about the 
label, unfortunately you’ve all but run out!“ 

Dead Serious Records: Die CDU ist bekanntlich eine hono¬ 
rige Partei, und seit „Conservative Punk“ wundert uns fast nichts 
mehr. Von daher goutieren wir es auch nur noch mit einem 
Stirnrunzeln, dass Ben Gottschalk, Gründer des saarländischen 
Labels Dead Serious, auch stellvertretender CDU-Stadtverbands- 


vorsitzender von 66299 Friedrichsthal ist bzw. es bis Mitte Mai 
laut der CDU-Saarland-Website noch war. Jetzt steht da nämlich 
was anderes. Späte Einsicht? 

VERANSTALTUNGEN 

Teenage Riot: Der Teenage Riot-Mailorder feiert sein zehnjäh¬ 
riges Bestehen am 16. Juni in der Arena in Wien. Glückwünsche 
kommen auch von der Bühne in Form von SKARFACE, HOLY RA¬ 
CKET, DETERMINATION, DENNYS DRIVE IN, STYRIAN BOOT¬ 
BOYS und THE CRETINS. Der Eintritt kostet 15 Euro. 

Tom Tonk: Am 16.06. um 20:30 Uhr stellt Tom Tonk im Djäzz 
in Duisburg den Nachfolger seines Buches „Raketen in Rock“ vor, 
der „Raketen in Dosen“ heißt. 

Joe Coleman: Der sich selbst als „Apocalyptic Visionary Pain- 
ter“ bezeichnende Joe Coleman stellt noch bis zum 19. August 
im KW Institute for Contemporary Art in Berlin aus. Mehr In¬ 
fos bei kw-berlin.de. 

Marquis de Sade: Noch bis Ende Juli wird im Kraftwerk Vo¬ 
ckerode das Cross-Genre-Aktionstheater „Marquis de Sade“ auf¬ 
geführt: Fragiler Tanz trifft auf martialischen Aktionismus, Mu¬ 
sik des 18. Jahrhunderts verschmilzt mit Punkrock und Industri¬ 
al Music. Mehr Infos zu dem Spektakel gibt’s bei de-sade-spek- 
takel.de. 

TOUREN 

ALEXISONFIRE: Die im Mai aufgrund eines „familiären Un¬ 
glücks“ abgebrochene Tour von ALEXISONFIRE soll im Septem¬ 
ber nachgeholt werden. 

DEMONICS: Die grandiosen DEMONICS haben mit ihrem 
Newsletter unseren Schreiber Bernd Fischer „in absolute Verzü¬ 
ckung versetzt“: „We’re officially announcing ,Hot Rod Pussy - 
The Best of The Demonics 1993-2003*. It’s got 21 tracks, with a 
few hard to find tracks off of singles that you may not have heard 
like ,Hot rod*, ,Drag race in the cemetery* and .Dunebuggy gang*! 
Yeah, we’re still recording some new tracks for a new record, and 
yeah, it’s taking a long ass time!! P.S. Attention people in Germa¬ 
ny: We’re still coming over there to rock!!! We just don’t know 
when. See yaü!“ 

FESTIVALS 

Ruhrpott Rodeo-Festival: Auf dem grandiosen Amphithea¬ 
ter-Gelände in Gelsenkirchen findet am 22. und 23.6. das „Ruhr¬ 
pott Rodeo“-Festival statt. Am Freitag darf man THE RUTS, DI¬ 
SCHARGE, CONFLICT, SPERMBIRDS, DEAN DIRG und BOX¬ 
HAMSTERS nicht vergessen, am Samstag FUZZTONES, MAD SIN, 
SMOKE BLOW, BAMBIX und BOTTROPS - und jeweils noch zig 
andere. Das ganze Programm gibt’s auf ruhrpott-rodeo.de, das 
Kombiticket kostet schlappe 29 Euro, Camping nur 12,50 extra. 

Force Attack-Festival: Genauso gut ist das Programm auf 
dem Force Attack bei Rostock, das vom 27.-29.07. stattfindet. Es 
spielen unter anderem BOXHAMSTERS, CHEFDENKER, MAD 
SIN, CASUALTIES, VAGEENAS, OHL, SPERMBIRDS, MIMMIS, 
THE OTHER, PÖBEL & GESOCKS, SKEPTIKER, PASCOW, LUR- 
KERS und 999. Alles weitere unter forceattack.de 

Summer Blast Festival: Am 15. und 16. Juni findet auf dem 
Ex-Haus-Gelände in Trier wieder das Summer Blast Festival statt, 
erstmalig an zwei Tagen. Am Freitag geht es um 16.00 Uhr los, der 
Eintritt kostet 19,80 Euro im Vorverkauf und am Samstag startet 
man bereits um 14.00 Uhr, der Eintritt kostet dann 33,00 Euro im 
Vorverkauf. Am Freitag spielen HATESPHERE, ABORTED, SWORN 
ENEMY, LENG TCHE, DEADLOCK, ZERO MENTALITY, DOWN 
TO NOTHING, INTERNAL AFFAIRS, RITUAL und CALLEJON und 
am Samstag SHADOWS FALL, CONVERGE, WALLS OF JERICHO, 
LEGION OF THE DAMNED, PARKWAY DRIVE, NEAERA, ILL DIS- 
POSED, JOB FOR A COWBOY, FEAR MY THOUGHTS, MISERY IN¬ 
DEX, NINE, CATARACT, DEW SCENTED, AS WE FIGHT, COLD- 
WORKER, AMINOSITY, NO TURNING BACK, BRING ME THE 
HORIZON und RISE AND FALL. 

Vainstream Rockfest: Am 30. Juni findet am Haverkamp 
in Münster das Vainstream Rockfest statt. Und zwar an der fri¬ 
schen Luft. Los geht es bereits um 10.00 Uhr morgens und der 
Eintritt kostet im Vorverkauf 29,50 Euro plus der üblichen Ge¬ 
bühren. Das Line-Up DROPKICK MURPHYS, HATEBREED, AS I 
LAY DYING, HEAVEN SHALL BURN, AGAINST ME!, LESS THAN 
JAKE, UNEARTH, THE BONES, CONVERGE, CHIMAIRA, BORN 
FROM PAIN, PARKWAY DRIVE, SMOKE BLOW, BROILERS und 
MISERY SPEAKS. 

Phono Pop Festival: Am 20. und 21. Juli findet in Rüsselsheim 
das Phono Pop Festival statt. Mit dabei sind neben BISHOPS, THE 
J’AI ALAI SAVANT, MIT, SUPERPUNK und ROBOCOP KRAUS auch 
die THERMALS, die bei dieser Gelegenheit einen von nur zwei 
Auftritten in Deutschland in diesem Jahr absolvieren werden. 

Pressure Fest: Seit 2003 findet jeden Sommer das Pressure 
Fest in der Gysenberg-Halle in Herne statt. So auch dieses Jahr 
vom 22. bis zum 24. Juni. Zum sechsten Mal (im November 2003 
fand das Pressure einmalig auch in einer „Winter Edition“ statt) 
wird es ein Wochenende lang Stage Dives, High Fives, Pile-Ons, 
Finger Pointing, Circle Pits und Walls Of Death am laufenden 
Band geben. Das diesjährige Line-Up, das einige exklusive Namen 
beinhaltet, lässt schon erahnen, was sich dieses Jahr wieder in 
der Gysenberg Halle abspielen wird: Am Freitag wüten CONVER¬ 
GE, AS I LAY DYING, KNUCKLEDUST, LENGTH OF TIME, JOB 
FOR A COWBOY, RISE AND FALL, ANIMOSITY, BUN DEM OUT, 
am Samstag SICK OF IT ALL, UNEARTH, ALL OUT WAR, HAVE 
HEART, PARKWAY DRIVE, THE WARRIORS, SETTLE THE SCORE, 
CASEY JONES, SIX FT DITCH, BRING ME THE HORIZON, BLACK 
FRIDAY 29 und am Sonntag EARTH CRISIS, WALLS OF JERICHO, 
EVERGREEN TERRACE, SHATTERED REALM, DO OR DIE, MISE- 


OX-FANZINE 6 



NEWS 


RY SPEAKS, SWORN ENEMY, BURY YOUR DEAD, INTERNAL AF- 
FAIRS, DOWN TO NOTHING, IN BLOOD WE TRUST, und RESIS¬ 
TANCE. Das Drei-Tage-Ticket kostet 45 Euro und kann bei allen 
CTS-Vorverkaufsstellen, im Alveran-Shop in Bochum sowie über 
den Alveran-Mailorder alveranshop.de bestellt werden. 

TRENNUNGEN 

BURY YOUR DEAD: Das ging schnell: Michael Crafter, neu¬ 
er Sänger bei BURY YOUR DEAD hat die Band nach zwei Mona¬ 
ten schon wieder verlassen. Der Grund: Heimweh. „Since I got to 
the USA I knew I had a lot of weight on my shoulders. I wanted to 
prove myself so much and be a good frontman for BYD. It’s been 
two months since I got to the USA and all I have wanted is to be 
home with my friends and this stops me from giving my all. (...) 
This tour has opened my eyes up to a lot of things and being in a 
band in another country isn’t what I want to do. (...) My home is 
Australia and home is where the heart is.“ Auf der Europatour im 
Sommer wird CASSIUS-Sänger Myke Terry aushelfen. 

LESS THAN JAKE: Die Band aus Gainesville, Florida hat sich 
in einem offizielles Statement zum Weggang von Sire beziehungs¬ 
weise Warner geäußert. „A few months back we talked as a band 
and decided to ask Warner to release us from our contract and the 
one last record we owed them. It became obvious to me and ever- 
yone eise that its time to move on and in a new direction as band.“ 
Sehr aufschlussreich. 

U NE ARTH: Die Metalcore-Bande hat sich von Schlagzeuger 
Mike Justian getrennt: „There are many reasons why we decided 
it was time to move on without him, but we are not in the busi- 
ness of airing dirty laundry. We will say that we grew apart as in- 
dividuals and as musicians and the split will be best for both the 
band and Mike.“ 

AUFLÖSUNGEN 

GROOVIE GHOULIES: Die umtriebigen und nahezu konstant 
tourenden GROOVIE GHOULIES aus der kalifornischen Haupt¬ 
stadt Sacramento gaben am 9. Mai ihre Auflösung aus persönli¬ 
chen Gründen bekannt. Die Band um Obersympath Kepi, bekannt 
für Pop-Punk mit Rock’n’Roll- und Bubblegum-Einflüssen, kulti¬ 
vierte auf ihren neun Alben und ungezählten Singles von Beginn 
an ein cartoonhaftes Science Fiction-, Horror- und Trivial-Uni- 
versum. Die GROOVIE GHOULIES hatten sich Ende der 80er Jah- 
re gegründet und existierten in der finalen Besetzung seit Febru¬ 
ar 2002. Ihr Auftritt beim Insubordination Fest in Baltimore und 
ihre Konzertreise durch Europa im August wurde durch Solo-Auf¬ 
tritte von Kepi ersetzt. 

4 PROMILLE: Die haben sich nach 10 Jahren und drei Alben 
aufgelöst. Die Gründe sind wie immer bandintern - aber sind sie 
ja eigentlich immer. Zwei der Mitglieder haben wohl die Band 
verlassen und der Rest will verständlicherweise nicht unter dem 
alten Namen weiter machen. Streit gab es zwar keinen, aber wie 
das so ist, manchmal trennen sich lange gemeinsam bestritte¬ 
ne Wege. Man will wohl allerdings noch zwei Abschiedskonzer¬ 
te geben, vermutlich im Oktober. Wo und wann genau ist aller¬ 
dings bisher noch unklar. Sollte aber zeitnah nachzulesen sein auf 
www.4promille.de und www.knock-out.de 

COOPER TEMPLE CLAUSE: Nachdem Sänger und Gitar¬ 
rist Dan Fisher die Band verlassen hat, haben sich THE COOPER 
TEMPLE CLAUSE gleich ganz aufgelöst.. 

GOOD RIDDANCE: Die Band aus Santa Cruz, California ist 
nicht mehr. Die sehr ehrliche Begründung auf der Band-Websi¬ 
te liest sich so: „After over ten years, eight albums and countless 
tours, (we) have decided to call it a career. (...) All of the members 
of GOOD RIDDANCE have become increasingly busy with other 
life interests (work, family, etc.) which has made it difficult for us 
to tour with the same frequency we (and our fans) have grown 
accustomed to. It has also become evident that the musical land- 
scape has continued to change and the material we play has been, 
to some degree, left behind.“ 

SATANIC SURFERS: Nach 17 Jahren sind die Skatepunks SA- 
TANIC SURFERS auf ihren Rollbrettern direkt zur Hölle gefahren. 
Ein cooler Trick zum Abschied quasi. Ein Teil der Band ist aller¬ 
dings als ENEMY ALLIANCE auferstanden. 

AEREOGRAMME: Die Schotten haben ihre Band am 11. Mai 
offiziell aufgelöst: „It is with heavy hearts that we teil you all that 
AEREOGRAMME have decided to split up. Reasons are multiple 
and complex. It is however fair to say that the never ending finan¬ 
cial struggle coupled with an almost superhuman ability to dodge 
the Zeitgeist have taken their toll, ensuring that we just don’t have 
any fight left in us. We are immensely proud of the four albums 
that we made over the past seven years. We hope that they con- 
tinue to grow in your hearts.“ Die Festivals Hurricane, Southside 
und Omas Teich im Juli und Juni sind damit die letzten Möglich¬ 
keit, die Band in Deutschland live zu sehen, denn diese Auftritte 
wollen AEREOGRAMME noch wahrnehmen. 

FILME 

The Passenger: Von „Herr der Ringe“ zu „Skull Ring“ ist es 
offenbar nur ein kleiner Schritt. Elijah Wood soll im Biopic „The 
Passenger“ die Rolle von Iggy Pop spielen. Der Film will sich vor 
allem den frühen Jahren des knochigen Urgesteins widmen. 

SONSTIGES 

THE BRIEFS: DVD kommt bald! Man vermeldet: „A very spe¬ 
cial sneak preview for fans in their hometown Seattle on May 28 at 
the Rendevous Jewel Box Theatre is set for the long awaited Briefs 
movie. Directed by Lewis Ingham, the film chronicles The Briefs’ 
humble beginnings playing local Seattle parties to becoming one 
of the most well respected and beloved punk bands today. Line up 
changes, major label disasters, broken down vans, and everything 


you can imagine in what it takes to become a working punk band 
in today’s music world ... BYO Records will be releasing the DVD 
in late summer/early fall of this year.“ Ja, und was ist mit einer 
neuen Platte und einer Tour? 

SAM I AM/SOLE A: Gitarrist Sergie Loobkoff ist nicht nur Musi¬ 
ker, sondern auch Webdesigner. Ganz neu überarbeitet hat er die 
Homepage seiner anderen Band SOLEA (solea.org) sowie seine ei¬ 
gene Seite slappedtogether.com. Das neue SOLEA-Album wird üb¬ 
rigens in Bälde auf Hamburg Records erscheinen. 

AKERCOCKE: Das neue Album der Londoner Black-Metal- 
Band AKERCOCKE wirbelt einigen Staub auf, und das nur, weil 
es den eigentlich doch ganz schönen Titel „Antichrist“ trägt. Im 
Vorfeld eines Konzertes in Belfast nahm die Band an einer Dis¬ 
kussionsrunde im nordirischen Fernsehen teil, trank dabei Rot¬ 
wein und lachte sich über die lustigen Vorwürfe einiger Christen 
kaputt, die den Auftritt am liebsten verbieten wollten. Dass sich 
auch das Publikum mittels Anrufen und E-Mails an dem Schau¬ 
spiel beteiligen durfte, steigerte den Unterhaltungswert der Ver¬ 
anstaltung nur noch und es fielen großartige Sätze wie „How do 
they know the Antichrist likes that kind of music? They dont look 
evil. Just stupid. Get Uri to bend their drum sticks, For gods sake 
let them sing. At the end of the day people don’t need music to 
turn away from god. COME ON NORTHERN IRELAND STAND 
UP AGAINST THIS EVIL INVASION. PROTECT OUR LAND.“ Dazu 
passt die Nachricht, dass sich das amerikanische Presswerk auf¬ 
grund des „antichristlichen Blickwinkels“ der Platte weigerte, 
auch nur einen Finger zu rühren. Frontmann Jason Mendonca 
hierzu: „I rather perturbed that in this day and age, the 2Ist Cen¬ 
tury, people are so uptight. Whatever happened to freedom of 
speech and freedom of expression in the alleged democracy of 
the USA? Censorship is always ugly no matter how you view it. It 
smacks of fascism to me. What other works of art are barred to 
the good people of America? The attitude of the printers is typi- 
cal of the brainwashed. Judging something (literally) by its cover. 
Anyone who took the time to look into our history would recog- 
nise that we have always stated we are anything but anti-christian. 
It’s divisive attitudes such as this that bring about conflict. Con- 
flict through ignorance.“ 



THE HEARTBREAK MOTEL vs. The Polizei: „Wir möch 
ten uns an dieser Stelle für das große Interesse der bayerischen 
Polizei an THE HEARTBREAK MOTEL bedanken. Gleich zweimal 
wurden die Recklinghausener Deathrocker auf ihrer grade absol¬ 
vierten Tour von Ordnungshütern angehalten und um Autogram¬ 
me gebeten. Beim nächsten Mal bitten wir die Ordnungshüter, 
aber wie alle Anderen auch Autogrammkarten anzufordern. Auch 
ist es nicht notwendig jedesmal den Hund mitzubringen oder im 
Kofferraum nach Fandevotionalien zu suchen. Ist nett gemeint 
und tierlieb ist die Band auch, aber da gibt es doch andere Wege. 
Kommt doch lieber direkt zu einem Konzert.“ 

Underground-Poetry-Almanach: Volly Tanner und der 
Verlag Edition PaperONE planen, einen jährlichen deutschen Un¬ 
derground-Poetry-Almanach auf die Beine zu stellen. Wer mit 
seinen Texten vertreten sein will, meldet sich bei am besten di¬ 
rekt bei Volly: volly@volly-tanner.de. 

VELOUR: Bei einem Konzert in Hamburg wurde der Bus von 
VELOUR von der Polizei beschlagnahmt. Noisedeluxe Records er¬ 
zählt diese Geschichte wie folgt: „Als die Band in Hamburg am 
Sonntagabend im ,Haus 73' spielte, parkte sie ihr Auto auf dem 
Vorplatz der daneben befindlichen Roten Flora. (...) Am nächsten 
Morgen stand der Bus leider nicht mehr da. Man eilte zum nächs¬ 
ten Polizeirevier und erkundigte sich über den Verbleib eines 
weißen Busses mit dänischem Kennzeichen. Der Beamte teilte der 
Band mit, der Bus sei wegen eines Drogenverdachtes beschlag¬ 
nahmt worden. Dieser Verdacht hätte sich aber nicht bewiesen 
und man könne den Bus nun abholen. (...) Ein netter Mensch des 
,Haus 73’ fuhr dann den Tourbegleiter und ein Bandmitglied zum 
zwanzig Kilometer entfernten Hof des Abschleppdienstes. Beide 
Fenster des Busses standen halb offen, (...) (dabei) konnten sich 
alle erinnern, dass in der Nacht mehrmals gecheckt wurde, dass 
der Bus gut verschlossen war. Der Mitarbeiter der Abschlepp-Fir- 
ma teilte mit, der Bus wäre gestohlen gemeldet gewesen und so¬ 
mit hierher verbracht worden. Nach einer zweistündigen Proze¬ 
dur der Identitätsfeststellung, mehreren Telefonaten mit der Poli¬ 
zei in Hamburg war dann geklärt, dass der Bus an die Band ausge¬ 
händigt werden kann. Allerdings mit dem Hinweis, dass die Ab¬ 
schleppkosten nun doch übernommen werden müssten, ansons¬ 
ten werde der Bus weiterhin einbehalten. (...) Völlig in die Enge 
getrieben, rief der Tourmanager eine Polizeistreife, in der Hoff¬ 
nung, diese Ungerechtigkeit könne mit Hilfe der Beamten geklärt 
werden. Man bekam aber nur mitgeteilt, man habe den Betrag zu 
zahlen, sonst verbleibe der Bus in der so genannten .Eigentumssi- 
cherung’. Auch ein Aktenzeichen bekam man nun mitgeteilt, die 
offizielle Version der Akte ist nun .Eigentumssicherung’ des Bus¬ 
ses wegen geöffneten Fenstern. (...) Unter den Augen der Polizei 
blätterte man nun die 465 Euro aus der Tourkasse auf den Tisch, 
um den eigenen Bus wieder frei zu kaufen. (...) VELOUR woll¬ 
ten zunächst die Tour abbrechen, entschlossen sich aber dann mit 
dem Riesenloch in der Tourkasse weiter zu spielen.“ 



COMMON ENEMY 


Es ist schon wieder ein gutes Stück her, als mir 
die erste COMMON ENEMY-Platte mit der Emp¬ 
fehlung „Das ist so Skate-Thrash aus den USA und 
der Gesang wie bei FAST TIMES, das gefällt dir“ 
in die Hand gedrückt wurde. Und ja, das gefiel mir 
tatsächlich. Kurz drauf kamen die Jungs auf Eu¬ 
ropatour. Mittlerweile halte ich schon ihre zweite 
Platte in der Hand und die kommende Tour ist ge¬ 
bucht, also die Gelegenheit, den Skatern, beste¬ 
hend aus Sonic (Gesang), Justin Enemy (Gitarre), 
Greg (Bass) und Tank (Drums), auf den Zahn zu 
fühlen. 

Eure Platten würde ich im Skate-Thrash-Punk-Regal 
einordnen. Wo seht ihr eure persönlichen Einflüsse, 
was läuft beim Skaten? 

Sonic: Puh, schwer, ich würde sagen, ich bin ein Stück 
weit von allem um mich herum beeinflusst. Beim Ska¬ 
ten nehme ich dann alles getreu dem Motto „Anything 
fast is good!“. 

Ich habe euch auf der letzen Europatour einige Male 
live gesehen. Wie ist die Tour gelaufen und was erwar¬ 
tet ihr für Mai 2007? 

Greg: Es war einfach nur großartig und ich kann es kaum 
erwarten, wieder rüberzukommen. 

Sonic: Mir geht es genauso. Ich freue mich auf das Rum¬ 
hängen und darauf, ein paar ordentliche Spots zu skaten. 

Gibt es aus eurer Sicht nennenswerte Unterscheide 
zwischen den Shows in den USA und Europa? 

Greg: Die Shows bei euch in Europa sind einfach geil! Es 
scheint mir, dass viel mehr Leute kommen, um die Bands 
zu Supporten. 

Sonic: Ja und nein. In Europa scheinen die Kids viel offe¬ 
ner für viele Dinge zu sein, die Shows sind wirklich un¬ 
terschiedlich. In den USA ist das in der Regel nicht so. 
Ihr habt euer zweites Album „Thrashing Under The 
Influence“ genau wie den Vorgänger „Late Night Ska¬ 
te“ bei Horror Business Records aus Lünen veröffent¬ 
licht. Wie seid ihr mit Dave in Kontakt gekommen? 
Sonic: Ich habe Dave schon vorher auf einer Tour in Eur¬ 
opa getroffen, noch bevor wir unsere erste „Build Ramps, 
Not Bombs“-Eurotour gefahren sind. Als ich bei COM¬ 
MON ENEMY einstieg, schickte ich ihm gleich ein paar 
Aufnahmen und er mochte es sofort. Dave hat unglaub¬ 
lich viel für diese Band getan und darüber sind wir wirk¬ 
lich sehr froh. 

Eure Texte handeln hauptsächlich von Skateboarding, 
Circle Pits, Saufen und Videospielen. Würdet ihr COM¬ 
MON ENEMY als eine Spaßband bezeichnen? Es gibt ja 
ziemlich viele HC- und Punkbands, die sich mehr den 
negativen Aspekten des Lebens widmen, und die Kids 
scheinen das auch zu mögen. Was denkt ihr über die¬ 
sen „Negativ-Einfluss“? 

Sonic: Ja, ich würde uns schon eher als Spaßband be¬ 
zeichnen. Wenn mir nicht nach Spaß zu Mute w'äre, hät¬ 
te ich wohl auch keinen. Klar, manchmal singe ich auch 
über negative Dinge. Das ist dann definitiv eine Art der 
Aggressionsbewältigung. 

Euer alter Sänger hat die Band ja verlassen, nun singt 
ein neuer, Mikey. Warum hat X die Band verlassen? 
Justin: Sonic/X hat uns nach einem bizarren Zwischen¬ 
fall bei der Gartenarbeit verlassen. Er war danach ein¬ 
fach nicht mehr der Alte. Aus diesem Grund ist Mikey 
für eine kurze Zeit eingesprungen, um uns dann vor kur¬ 
zem leider aus persönlichen Gründen wieder zu verlas¬ 
sen. So fragten wir halt Sonic, ob er wieder bei uns ein¬ 
steigen würde, um mit uns zu touren und den Van ein¬ 
zustänkern. 

Alexander Rakowski myspace.com/commonenemy 


OX-FANZINE 7 







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AS ILM DUNG 




TICKETS: www.alveranslioii.com 

& bei GREEN HEU Münster. 

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sowie www.konticket.de 
www.eventim.de 
& an allen CTS-UVX Stellen 


empfohlen von 

VISIONS 


fuze 



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TÄGLICHE AKTUALISIERUNGEN AUF WWW.LIVEGIGS.DE 


2ND DISTRICT 

08.06. Torgau, Brückenkopf | 09.06. Potsdam, 
Archiv | 18.06. Köln, Sonic Ballroom | 06.10. 
Essen, JUZ Papestrasse peoplelikeyou.de 

AUDIENCE 

09.06. Berlin, Lovelite | 14.06. Mainz, Safa- 
hi Lounge | 15.06. Regensburg, Jahninselfest 
| 22.06. Görlitz, Culture Movement | 23.06. 
Würzburg, U&D Festival | 26.06. Marburg, Cafe 
Trauma | 27.06. Hamburg, Grüner Jäger St. Pauli 
| 28.06. Hannover, Spandau Hannover | 29.06. 
Münster, Amp | 30.06. Homberg, Musikschutz¬ 
gebiet-Festival | 28.07. Hersbruck, Rock gegen 
Rechts | 13.08. München, Theatron 

fkpscorpio.com 

BACK TO FUTURE FESTIVAL 2007 

mit: THE DAMNED, THE BOYS, WALTER ELF, 
DIE LOKALMATADORE, POISON IDEA, THE 
ADVERTS PLAYED BY TV SMITH & THE BO- 
RED TEENAGERS, THE BOONARAAAS!!!, EL 
BOSSO & DIE PING PONGS, VOLXSTURM, 
REZUREX, FRANTIC FLINTSTONES, LOS 
FASTIDIOS, ZOMBIE GHOST TRAIN, ALPHA 
BOY SCHOOL, THE BRIGGS , OUL4W, SHE- 
MALE TROUBLE, UP TO VEGAS, DEAN DIRG, 
SUPERNICHTS, THE GRIT, EASTSIDE BOYS, 
THE CRIMSON GHOSTS, THE HEADLESS 
HORSEMEN, SPERRZONE, GUTS‘N‘GLORY, 
THE SHOEMAKERS, THE EGYPTIAN GAY 
LOVERS, STRONGBOW, DIE HABERZETTLS 
20.07. - 21.07. Leipzig, Halbinsel Pouch 

backtofuture.com 

BANDGEEK MAFIA 

30.06. Heidenburg, Rack am Rong Open Air | 
14.07. Marbach, X-Treme Open-Air Festival j 
15.07. Trier, Ex-Haus rat- trap.de 

BORN TO LOSE 

08.06. Bamberg, Leinbachtalhalle | 09.06. 

Moormerland, JUZ | 11.06. Hamburg, Kaiser¬ 
keller | 12.06. Bückeburg, Kronenwerk | 13.06. 
Koblenz, Spökes | 14.06. Köln, Sonic Ballroom | 
15.06. Neuenkirchen, Juz cityrat.de 


BEN DAVIS AND THE JETTS 
& FIN FANG FOOM 

20.06. Frankfurt / Main, Clubkeller | 21.06. 
Halle / Saale, Hühnermanhattan | 22.06. Rem¬ 
seck, Cafe Impuls selmatravels.de 

BONES 

20.06. Dresden, Campusparty | 30.06. Müns¬ 
ter, Vainstream | 01.07. Roitzschjora, With 
Full Force Festival | 02.07. Frankfurt / Main, 
Nachtleben | 21.07. Wolfurt, Burn Out Festi¬ 
val | 31.08. Lichtenfels, Rock my ass | 01.09. 
Hameln, Joch n'Roll Fest | 12.10. Osnabrück, 
Rock'n'Roll Hellfest 

mad-tourbooking.de 

BOTTROPS 

09.06. Annaberg-Buchholz, Alte Brauerei An- 
naberg e.V. | 22.06. Köln, Sonic Ballroom | 
23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬ 
chen | 29.06. Bremen, Römer | 30.06. Rostock, 
Mau Club | 03.08. Peine, UjZ | 04.08. Oberhau¬ 
sen, Openairea | 05.08. Hamburg, Hafenklang 
(exil) | 25.10. Aachen, Parkside 

destiny-tourbooking.com 

BROILERS 

09.06. Königseggwald, Rock das Schaf | 30.06. 
Münster, Vainstream | 04.08. Oberhausen, Pogo 
United Festival | 18.08. Torgau, Endless Sum¬ 
mer Festival greenhell-booking.de 

BROKEN BEATS 

09.06. Leipzig, Ilses Erika | 10.06. Offen¬ 

bach, Hafen 2 | 11.06. Köln, Blue Shell | 
12.06. Berlin, Cafe Zapata | 14.06. Hamburg, 
Uebel&Gefährlich dude-entertainment.de 

BUBONIX 

08.06. Köln, Sonic Ballroom | 06.07. Geislin¬ 
gen, Helfenstein-Festival | 21.07. Eis, RAG vs. 
NEM Festival | 07.08. Koblenz, Circus Maximus 
| 11.08. Göttingen, JuzI | 24.08. Schwerin, Dr. 
K | 25.08. Darmstadt, Open Air am Steinbrücker 
Teich | 01.09. Höhr-Grenzhausen, Spack Festi¬ 
val amadis.net 


BUILT 4 SPEED 

19.06. Köln, Underground | 28.07. Wettenberg, 
17th Wettenberg Rock'n'Roll Festival | 25.08. 
Weinheim, Cafe Central | 31.08. Lichtenfels, 
Stadthalle | 01.09. Hamburg, Knust | 02.09. Ber¬ 
lin, Pirate Cove | 07.09. Bad Oeynhausen, Alte 
Druckerei myspace.com/built4speedl 

CHEFDENKER 

23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬ 
chen | 07.07. Leverkusen, Kulturausbesserungs¬ 
werk | 14.07. Horb-Mühringen, Cafe AmEri- 
ka | 27.07. Behnkenhagen, Force Attack Festi¬ 
val | 01.09. Hameln, Joch n'Roll Fest | 08.09. 
Warburg-Welda, Kuba | 15.09. Wiesbaden, Kul¬ 
turpalast Wiesbaden | 29.09. Ulm, Beteigeuze | 
06.10. Essen, JUZ Papestrasse | 20.10. Stuttgart, 
Exil trash2001.de 

CHIP HANNA & THE BERLIN THREE 

21.06. Berlin, Wild At Heart | 22.06. Gelsen¬ 
kirchen, Amphitheater Gelsenkirchen | 23.06. 
Nürnberg, Loop / Golden Nugget | 24.06. Frei¬ 
burg, El.Pi Freiburg | 25.06. Backnang, Stras- 
senfest | 28.06. Töging, Silo 1 | 29.06. Aachen, 
AZ | 01.07. Köln, Sonic Ballroom | 02.07. Os¬ 
nabrück, Bastard Club | 04.07. Dresden, Groo¬ 
ve Station | 05.07. Hamburg, Hafenklang (exil) 

| 06.07. Rostock, Mau Club | 07.07. Finowfurt, 
Roadrunners's Paradise muttis-booking.de 

CHUCK NORRIS EXPERIMENT 

28.09. Berlin, White Trash | 29.09. Altenburg, 
Kanonenhaus | 02.10. Amberg, Rockdomizil | 
13.10. Osnabrück, WestWerk 

rockthistown.de 

CREETINS 

22.06. Mönchengladbach, STEP | 30.06. Roitz¬ 
schjora, With Full Force Festival | 20.07. Ha- 
demarschen, RRock Festival | 21.07. Norden¬ 
ham, Fonsstock-Festival | 16.08. Torgau, End¬ 
less Summer Festival | 17.08. Villmar, Sportge¬ 
lände Villmar destiny-tourbooking.com 

DEAD NOTES 

09.06. Regensburg, Alte Mälzerei | 30.06. Mün¬ 
chen, Cafe Marat | 07.07. Amsham, Open- 
Air Amsham | 20.07. Weigendorf, Open-Air | 
06.10. Nürnberg, K4 bigbeat-booking.com 

DEADLINE 

04.08. Großröhrsdorf, Bike'n'Roll - Festival | 
17.08. Weinheim, Cafe Central | 18.08. Tor¬ 
gau, Endless Summer Festival | 07.09. Gräfen- 
hainichen, Ferropolis | 08.09. Saarstedt, Saar- » 
stedt Open Air | 20.10. Zwickau, Alter Gasome¬ 
ter e.V. mad-tourbooking.de 

DISTEMPER 

20.07. Kassel, K19 | 22.07. Schöpfheim, Holz¬ 
rock Open Air | 24.07. Darmstadt, Oetinger Vil¬ 
la | 25.07. Bamberg, Morph Club | 26.07. Cott¬ 
bus, Muggefug e.V. | 27.07. Behnkenhagen, 
Force Attack Festival | 28.07. Braunschweig, B58 
| 29.07. Hamburg, Hafenklang (exil) | 30.07. 
Köln, Sonic Ballroom | 31.07. München, Feier¬ 
werk e.V. | 01.08. A-Innsbruck, PMK Bogen 19 
| 02.08. A-Wien, TÜWI | 03.08. Nitzing, Hei- 
denspass Festival | 04.08. A-Millstatt, Bergwerk 
| 06.08. Gelnhausen, Lorbass | 10.08. Eberswal¬ 
de, Exil anr-music.org 

FEHLFARBEN 

08.06. Berlin, Admiralspalast | 09.06. Magde¬ 
burg, Sackfabrik | 10.06. Dresden, Scheune | 
11.06. Stuttgart, Club Zentral | 12.06. Düssel¬ 
dorf, ZAKK | 14.06. Hannover, MusikZentrum 
| 15.06. Soest, Sonic Club admiralspalast.de 

FONSSTOCK-FESTIVAL 2007 . 

mit: NORMAHL, FRAU DOKTOR, BITUME, 
ZATOPEKS, MAD MONKS, THE APERS, RAM- 
PIRES, VERSAGER, COOLIDGE, STU1SHIT, 
INCOMPLETE, WORST CASE SCENARIO, 
EVIL CLOWN, DIG B.KWARTERS, SHANTY¬ 
CHOR NORDENHAM 

20.07. - 21.07. Nordenham, Fonsstock-Festival 

fonsstock.de 

GRIT 

21.09. Bochum, Zwischenfall | 05.10. Berlin, Pi-^ 
rate Cove | 06.10. Hamburg, Knust 

dieinstyle.de 

HELL NIGHTS FEST 

mit: THE DAMNED, REZUREX, THE OTHER, 
HEARTBREAK ENGINGES, ZOMBIE GHOST 
TRAIN 

21.07. Essen, Funbox Amalie fiendforce.de 

HEARTBREAK ENGINES 

21.07. Essen, Funbox Amalie | 25.08. Wein- 



OX-FANZINE 8 

































OX PRÄSENTIERT 


heim, Cafe Central | 21.09. Bochum, Zwischen¬ 
fall | 05.10. Berlin, Pirate Cove | 06.10. Ham¬ 
burg, Knust dieinstyle.de 

HEARTBREAK MOTEL 

03.08. Anröchte, Big Day Out 3 | 22.12. Wup¬ 
pertal, Die Börse uptodate-altmark.de 

JOCH‘N‘ROLL OPEN AIR 2007 

mit: A TRAITOR LIRE JUDAS, A.M.E.S., AB- 
GEFUCKT, ANALOHG, ANTIDOTE, BAD 
NENNDORF BOYS, THE BONES, BÜR¬ 
DEN OF GRIEF, CATARACT, CHEFDENKER, 
CHOKE ISP, DEADSOIL, DEW SCENTED, DIE 
SCHRÖDERS, DÖDELHAIE, DR. FRANKEN¬ 
STEIN, DRONE, EXCREMENTORY GRIND- 
FUCKERS, FADING STARLIGHT, FINAL CRY, 
FOREVER IT SHALL BE, GIRLSCHOOL, GO 
FASTER NUNS, HATE SQUAD, HATESPHE- 
RE, HAUSVABOT, IN CASE OF FYR, LEGI¬ 
ON OF THE DAMNED, MERCENARY, MYSE- 
RY SPEAKS, NARZISS, NIKKI PUPPET, PEST¬ 
POCKEN, RAID 4, RASTAKNAST, RAUNCHY, 
RAWSIDE, RECKLESS TIDE, SICK OF IT ALL, 
ROUGH SILK, SILBER, SSKALIERT, TRIPSCO- 
PE, V8WANKERS, VOLBEAT, WIEDERKAMPF¬ 
STÄNDER, ZAUNPFAHL 
31.08. - 02.09. Hameln, Joch’n’Roll Fest 

jochnrollfest.de 

JUPITER JONES 

16.06. Oberhausen, Rock Airea | 14.07. Oberer¬ 
bach, Pell Mell Festival | 28.07. Bad Karlshafen, 
Sonic Bang Festival sparta-entertainment.com 

KING KHAN & THE SHRINES 

21.06. Oberhausen, Druckluft | 22.06. Köln, 
Gebäude 9 | 23.06. Laupheim, Summernight 
Festival solarpenguin.de 

LE MAXIMUM KOUETTE 

12.06. Münster, Sputnikhalle | 13.06. Hamburg, 
Hafenklang (exil) | 14.06. Flensburg, Volxbad | 
15.06. Lübeck, Treibsand | 16.06. Leipzig, Mo¬ 
ritzbastei | 17.06. Chemnitz, Subway to Peter | 
16.10. Marburg, Cafe Trauma | 18.10. Halle, Ob¬ 
jekt 5 | 19.10. Jena, Kassabianca | 22.10. Reut¬ 
lingen, Cafe Nepomuk | 23.10. Kassel, Schlacht¬ 
hof | 24.10. Bielefeld, Forum | 25.10. Berlin, 
Dunkerclub patchanka.de 

LOWER CLASS BRATS 

07.06. Köln, Sonic Bällroom | 08.06. Torgau, 
Brückenkopf | 09.06. Potsdam, Archiv | 12.06. 
A-Wien, Movimento | 15.06. CH-Zürich, Dyna¬ 
mo | 18.06. Köln, Sonic Bällroom | 20.06. Dres¬ 
den, Bärenzwinger | 21.06. Jena, Rosenkeller | 
22.06. Stuttgart, UNIversum | 23.06. München, 
Feierwerk e.V. rabazco.de 

MADSIN 

23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gelsenkir¬ 
chen | 28.07. Backnang, Open Air Festival 

destiny-tourbooking.com 

MANNHAI 

20.07. Wohratal-Langendorf, Ragnarock Open 
Air | 21.07. Gießen, Jokus rockthistown.de 

MAROON 

09.06. Röblingen am See, Salt Lake Rocks Fes¬ 
tival | 23.06. Freiburg, Crash Musikkeller | 
26.06. München, Backstage | 01.07. Roitzsch¬ 


jora, With Full Force Festival | 16.08. Dinkels¬ 
bühl, Summerbrezze centurymedia.com 

MATULA 

15.06. Neuruppin, MittenDrin | 16.06. Göttin¬ 
gen, Antifee Festival | 22.06. Wuppertal, Stati¬ 
on 77 | 23.06. Trier, Ex-Haus | 07.07. Itzehoe, 
Haus der Jugend | 27.07. Bad Dürrenberg, Open 
Air | 20.10. Husum, 25 Jahre Speicher 

zeitstrafe.de 

MITOTE 

08.06. Bamberg, SubOptimal | 22.06. Aulen¬ 
dorf, irReal | 23.06. Trier, Exhaus | 27.07. Fürs¬ 
tenfeldbruck, Subkultur | 10.08. München, 

Theatron mondobizarro.de 

MOVEMENTS 

04.08. Vlotho, U&D | 18.08. Stemwede, 31. 
umsonst&draußen Festival rockthistown.de 

NAPALM DEATH 

09.06. Hünxe, Death Fest O.A | 13.07. A-Spital 
am Semmering, Kaltenbach Open Air | 02.08. 
Wacken Open Air mad-tourbooking.de 

NOMEANS NO 

08.06. CH-Düdingen, Bad Bonn | 19.06. Frank¬ 
furt / Main, Cafe ExZess | 20.06. Esslingen, 
Komma | 26.06. Dresden, Starclub | 29.06. 
Rechlin, Fusion Festival | 30.06. A-Ottensheim, 
Festival nomeanswhatever.com 

PLENTY ENUFF 

08.06. CH-Herisau, Open Air Herisau | 09.06. 
CH-Steckborn, Open Air | 29.09. Wiesbaden, 
Schlachthof leechredda.com 

POGO UNITED FESTIVAL 2007 

mit: BROILERS, SONDASCHULE, MASSENDE¬ 
FEKT, THE BOTTROPS, LOS PLACEBOS, SFH, 
THE BREWERS, NOSEDIVE 

04.08. Oberhausen, Open Airea 

kingsofbooze.de 

PRESSURE FEST 2007 

mit: ALL OUT WAR, ANIMOSITY, AS I LAY 
DYING, BLACK FRIDAY ,29, BRING ME THE 
HORIZON, BUN DEM OUT, BURY YOUR 
DEAD, CASEY JONES, CDC, CONVERGE, DO 
OR DIE, DOWN TO NOTHING , EARTH CRI- 
SIS, EEVERGREEN TERRACE, HAVE HEART, IN 
BLOOD WE TRUST, INTERNAL AFFAIRS, JOB 
FOR A COWBOY, KNUCKELDUST, LENGTH 
OF TIME, MISERY SPEAKS, PARKWAY DRI¬ 
VE, RESISTANCE, RISE & FALL, SETTLE THE 
SCORE, SHATTERED REALM, SICK OF IT ALL, 
SIX FT. DITCH, SWORN ENEMY, UNEARTH, 
WALLS OF JERICHO, THE WARRIORS 
22.06. - 24.06. Herne, Gysenberghalle 

alveranrecords.com 

ROCK FOR PEOPLE FESTIVAL 2007 

mit: BEATSTEAKS, DESORDEN PUBLICO, DIE 
HAPPY, DISCO ENSEMBLE, ENTER SHIKARI, 
FRONT LINE ASSEMBLY, GOGOL BORDELLO, 
GREEN FROG FEET, KARAMELO SANTO, LE¬ 
VELLERS, NAVEL, NO MEANS NO, SICK OF IT 
ALL, THE BONES, THE HIVES, THE KILLERS, 
TOY DOLLS, WALLS OF JERICHO 
04.07. - 06.07 CZ-Hradec Kralove, Airport 

rockforpeople.de 


RUHRPOTT 
RODEO OPEN AIR 

mit: THE RUTS, THE METE¬ 
ORS, SPERMBIRDS, BOX¬ 
HAMSTERS, DISCHAR¬ 

GE, CONFLICT, NORMAHL, 
ROCK N ROLL STORMTRO- 
OPERS, BETONTOD, DEAN 
DIRG, FAHNENFLUCHT, BI- 
TUME, CHIP HANNA & THE 
BERLIN 3, SUICIDE HOLI- 
DAY, FUZZTONES, MAD SIN, 
LOKALMATADORE, SMO- 
KE BLOW, STRASSENJUNGS, 
RUBBERSLIME, CASANOVAS 
SCHWULE SEITE, CHEFDEN¬ 
KER, MONTREAL, BAMBIX, 
THE BOTTROPS, TV SMITH, 
COR, COLUMBIAN NECK- 
TIES, V8 WANKERS, PAS- 
COW, EMSCHERKURVE 77, 
2nd DISTRICT 

22.06. - 23.06. Gelsenkirchen, 
Amphitheater Gelsenkirchen 

ruhrpott-rodeo.de 

SACRED SAILORS & 
SWEET ADDICTION 

13.06. Rostock, MS Stübnitz 
| 14.06. Berlin, Pirate Cove | 
15.06. Schönebeck, Barfly | 
16.06. Mittelsinn, Halle 

rockthistown.de 


SPAZIALE 
FESTIVAL 2007 

16.06.1-Turin, Spazio 211 (SO¬ 
NIC YOUTH) | 05.07. I-Tu- 
rin, Spazio 211 (MUDHO¬ 
NEY) | 15.07. I-Turin, Spazio 
211 (BRIGHTEYES) | 17.07.1- 
Turin, Spazio 211 (WILCO) 

spazio211.com 

STOMPING SOULS 

08.06. Dortmund, Bakuda Club 
| 09.06. München, Babalu | 
10.06. Freiburg, El.Pi Freiburg 
| 12.06. Chemnitz, Subway 

to Peter | 13.06. Nürnberg, 
Muz Club | 14.06. Heidelberg, 
Karlstorbahnhof | 15.06. Düs¬ 
seldorf, Pretty Vacant Club | 
16.06. Berlin, Magnet Club 

fdi-music.de 


TED LEO AND THE 
PHARMACISTS 

12.06. München, Feierwerk 
e.V. | 13.06. Stuttgart, Scho¬ 
cken | 14.06. Nürnberg, K4 
| 15.06. Köln, Gebäude 9 | 
16.06. Ludwigshafen, Das Haus 
| 17.06. Wiesbaden, Schlacht¬ 
hof | 18.06. Berlin, Magnet 

Club | 19.06. Hamburg, Molo- 
tow | 20.06. Münster, Gleis 22 
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22./23JUNI 2007 AMPHITHEMER GELSENKIRCHEN 



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CONFLICT 

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CASANOVAS SCHWULE SEITE • RUBBERSLIME • NORMAHL 
BOXHAMSTERS • STRASSENJUNGS • CHEFDENKER , 
t THE BOTTROPS • BETONTOD • FAHNENFLUCHT • DEAN DIRG 
-•* ROCK N ROLL ST0RMTR00PERS • BITUME • TV SMITH \ 
PASCOW • COLUMBIAN NECKTIES • EMSCHERKURVE 77 ^ / 

DISTRICT • COR • V8 WANKERS • MONTREAL • BAMBIX ( 


CHIP HANNA&the Berlin Three • SUICIDE HOLIDAY 


Camping erwünscht!!! 

w 




... more bands to follow!!!!! 


\ 


\ 


I Camping erwünscht!!! 




tasch-dcsi fjn . cl<; 



CLOTHING.. 



HORSING AROUND WITH 


HISTORY 



T-SHIRTS SWEAT-SHIRTS GIRLIE-SHIRTS 
JACKETS SHORTS TUBE SOCKS BEAIMIES 
TRUCKER CAPS ACCESSOIRES 


WEBSTORE: 

WWW.RK8.NET 

Arcade ClofcNng e.K., Osttendstn 40, D-TSöSS Alfdorf 
Photos: Marie Cevey, Max Merz - Cantact:: mariecevey@yahoo.com 


OX-FANZINE 9 
















VÄRIOUS ARTISTS 


THE GRIZZLY ADAMS BAND VS. THE MISSING SHADOWS 


Es ist kein Geheimnis, dass ich großer Fan der Münsteraner GRIZZLY ADAMS BAND bin, und momentan ist mit „Discoscheiße, Mon Amour“ endlich wieder eine neue LP am Start, 
auf der ein grandioses Riff-Punkrock-Feuerwerk erster Kajüte abgebrannt wird. Dass Grizzlys-Gitarrist Jan Frohne auch bei DUESENJAEGER aktiv ist, dürfte allgemein bekannt sein. 
Aber dass sein großen Bruder Ansgar bei den Osnabrücker MISSING SHADOWS singt, wissen nur die wenigsten. Nachdem ebenjene MISSING SHADOWS - alles alte Hasen, unter 
anderem ehemalige COLT SEAVERS-Mitglieder - schon auf ihrem 2006er Demotape hitverdächtig aus allen 77er-Midtempo-Punkrock-Rohren schossen, legt das Quintett jetzt mit 
seiner Debüt-LP nach. Da ich beide Bands in letzter Zeit auch bei tollen Live-Shows erleben durfte, lag es nahe, beide Combos zum gegenseitigen Fragenduell in den Ring zu schi¬ 
cken. Den ersten Fragenteil stellten dabei die Grizzlys, danach waren die Shadows an der Reihe. 



Liebe MISSING SHADOWS, wieso seht ihr so gut aus? 

Wir tragen Masken. 

Seid ihr nicht viel zu alt, um noch mal was Neues anzufangen? 

Da stellt sich uns natürlich die Frage, ob ihr nicht viel zu alt seid, 
um weiterzumachen. 

Wo und wann wurde der Grundstein für eure unglaubliche 
Karriere gelegt? 

Wir wurden von Thomas Anders — ex-MODERN TALKING - Ende 
2004 in Köln gecastet und er schreibt auch die meisten unserer 
Lieder. Sein erster Vorschlag für einen Bandnamen lautete übri¬ 
gens „Missing Nora“. Wir haben damals auch unsere erste Pro¬ 
be live aufgenommen und spielen das Tape bei unseren Auftritten 
jetzt immer Playback ab. 

Wie lange müssen wir noch auf die erste Scheibe der MISSING 
SHADOWS warten? 

Die Scheibe heißt „Western Waste“ und wird zu haben sein, wenn 
dieses Interview hier zu lesen ist. Es ist ein Co-Release von P.Trash 
Records, Matula Records und Drugcontrol. 

Wird der Superhit „Burn-out at a holiday“ auf der Platte sein? 
Der war zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch nicht fertig, aber 
vielleicht wird er ja auf einer Splitsingle mit der GRIZZLY ADAMS 
BAND zu finden sein. Bei uns steht jedenfalls bald wieder ein Stu¬ 
dioaufenthalt an. 

Was für ein Merchandise-Großkonzern seid ihr eigentlich, 

DIES ODER DAS? 

O’DEATH 

Wer sagt denn, dass urbane Musik aus einem Gro߬ 
stadtmoloch und folky Tunes aus einer staubigen 
Scheune am Arsch der Welt kommen muss? Im Fal¬ 
le von O’DEATH ist es genau so: Aus der Nachbar¬ 
schaft von THE WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SO¬ 
CIETY und GOGOL BORDELLO kommt ein Fünfer, der 
auf „Head Home“ (City Slang) auf sehr angenehme 
Weise ein großstädtisches Country-Folk-Album ein¬ 
gespielt hat, das Nick Cave mit den VIOLENT FEM- 
MES, Shane MacGowan mit Neil Young, Punkrock mit 
Polka verbindet. Sänger und Gitarrist Gregory Jamie 
entschied sich für uns ... 

Brooklyn or Nashville? 

Brooklyn is our musical home. Weve played maybe hund- 
reds of shows, fm not sure. Obviouly this place makes sen- 
se to us. Ive only beeil to Nashville a couple times and it’s ok 
but 1 know nothing about it. 

Polka or Punk Rock? 

These two together would be perfect. „It’s kinda likc ’polka 
punk“‘, they’d say. 

Hillbilly or Redneck? 

Hillbilly. 

Bob Dylan or Shane MacGowan? 

Dylan kissing Shane listening to a Neil Young record. 

Whiskey or Whisky? 

I’ve been informed that one is the Irish and one is the Ameri¬ 
can Southern when I inquired to Gabe of O’DEATH. He has a 
wealth of knowledge. 

Life or Death? 

I know you want me to say death, but only it envigorates 
life. 

Intelligentsia or Proletariat? 

Stop it. 

Bluegrass or Supergrass? 

Bluegrass 

Ukulele or Stratocaster? 

Ukeleie is my honey. I like it's sound very much when strut- 
ted hard, when attacked. What a sound. 

Right or wrong? 

Wrong, cause it's cool to be bad, and rock and roll and etc ... 

Joachim Hiller 



dass ihr jetzt schon mehr heißen Scheiß im Programm habt, 
als wir in knapp zehn Jahren zustande gebracht haben? 

Außer sommerlicher Bekleidung bieten wir auch immer viel 
Obst an. Die Gesundheit des/der Punkrockers/in liegt uns also 
am Herzen und das motiviert natürlich zu einem umfassenden 
Merch-Angebot. 

Diesen Links-Rechts-Effekt der beiden Gitarren, die immer so 
hin- und herspielen, habt ihr diese Supertechnik erfunden? 
Redet ihr nach all den Jahren vielleicht schon manchmal so ... 
immer abwechselnd jeder ein Wort? 

Die Technik stammt von den Cowboy-Zwillingen aus der Se¬ 
samstraße, die immer Musik hören wollten. Die Quietsch-Boys 
sind daran gescheitert. Spaß beiseite. Nur aufgrund mangelhaf¬ 
ten Equipments ist es uns gelungen, diese Technik zu perfekti¬ 
onieren. Und ob wir uns so unterhalten? Wir reden eigentlich 
nicht miteinander. 

Was war bei den Frohnes früher im Essen, dass heute gleich 
zwei Familienmitglieder als Punkrocker aktiv sind? 

Wir haben immer zu hören gekriegt: „Werdet was Anständiges! 
Werdet Punkrocker!“ Und wer tut nicht das, was die Eltern ihm 
sagen, gell?! 


Liebe GRIZZLY ADAMS BAND, was macht Grizzly Adams, der 
Typ aus der TV-Serie, eigentlich heute? 

Lange ausschlafen und ausgiebig frühstücken mit O-Saft und 
Rührei. Dann mixt er sich einen Drink, legt sich auf das Bärenfell 
vor dem Kamin und lässt sich von seiner Oma verwöhnen. 

Wie bringt ihr eure Proben zustande, wo ihr doch mittlerwei¬ 
le über ganz Norddeutschland verteilt seid? 

Unsere Proben unterliegen einem strengen Terminplan. Wir 
treffen uns alle drei Monate in einer norddeutschen Stadt unse¬ 
re Wahl. 

Seid ihr - außer Jan, der oft mit DUESENJAEGER unterwegs ist 
- alle stark heimwehanfällig oder warum habt ihr in fast neun 
Jahren Bühnenpräsenz noch keine Tour zustande gebracht? 

Wir sind nicht so belastbar! Und natürlich ist es eine Frage des 
Geldes. Wenn der feine Herr Frohne per DUESENJAEGER reist, 

BLIND DATE MIT... MIT 

Heute ist mein letzter Tag, um das Blind Date mit MIT ab¬ 
zutippen, einem lustigen Krawalltrio aus Köln, das DAF 
und HANS-A-PLAST kennt und auf ihrer EP „Deine El¬ 
tern“ und der Single „Goodbook“ (beide auf hauteareal. 
de erschienen) mit Moog und diverser anderer Elektronik 
hübsch hysterischen wie seltsamen Elektrotanzpunk pro¬ 
duzierten. Diktiergerät an und schon stehe ich mit Kube 
wieder in Köln und warte auf Edi und Tamer von MIT. 

„Leben heißt sterben lernen“, Rocko Schamoni 

Edi (nach ca. einem Takt): Rocko Schamoni? Erkenne ich sofort. 
Das habe ich früher immer im Jugendzentrum mit meinen Chefs 
gehört. Die waren alle Rocko Schamoni-Fans. Ich hab das auch 
gerne gehört. Das war so die „Fast Forward“-Zeit mit „Geld ist 
eine Droge“ und so. Find ich gut. 

Tamer: Finde ich auch gut, kenne aber noch nicht so viel davon. 
Edi: Finde ich witzig. Hat der was Neues draußen? Der spielt doch 
auch bald im Stadtgarten in Köln, oder war das schon? Wir haben 
das früher immer gespielt, um die Kinder zu beruhigen. Ich hab 
an der Theke gearbeitet. Da habe ich Zivildienst in Holweide, ei¬ 
nem Brennpunkt, gemacht und dort liefen sonst immer nur Eins 
Li-ve oder Aggro Berlin auf den Handys. 

„Disco-Stress“, Udo Jürgens 

Edi: Das ist aber schon was älter, oder? Hahaha „Disco-Stress“? 
Das könnte von uns sein. 

Tamer: Ist das Udo Jürgens? Den kann man immer mal hören 
Edi: Das kann ich sofort mitsingen. Ich dachte erst, das wäre An¬ 
dreas Dorau. Wer hat denn die Musik gemacht? Doch bestimmt 
nicht der Udo. Frank Farian bestimmt, haha. 

Tamer: Das muss ich sofort haben. 

Edi: Ja, auf Vinyl. Muss ich sofort kaufen. 

„Lifechange“, WHIRLPOOL PRODUCTIONS 

Edi: WHIRLPOOL PRODUCTIONS. Die haben’s voll drauf. Nies¬ 
wandt und Köhncke ... da sind wir up to. Leider gab es noch kei¬ 
nen Remix für uns ... den können wir uns nicht leisten. 

Tamer: Die sind teuer. 

Edi: Super Lied. 

Tamer: Mag ich auch. Wir brauchen auch mal so einen Vocoder. 

Kennt ihr noch das Lied von Cher, wo sie so einen schreckli¬ 
chen Vocoder benutzt hat? 

Edi: Ja, au weia. Wie hieß das noch? „Believe"? Ich fand das gut 
gemacht, aber ich konnte das nicht lange hören. Danach kam 
dann ja auch erstmal lange nichts mehr, haha. 

Tamer: Madonna hat ja auch einen benutzt. 

Habt ihr viel Bezug zu Pop, also auch was die Charts angeht? 
Tamer: Klar, total. Ich höre eigentlich nur Pop. 

„Les Cactus“, LOLITAS 

Edi: NIRVANA? 

Tamer: Oooh, französisch! 

Edi: STEREO TOTAL! Fran^oise Cactus. 

Tamer: Das hört man sofort raus. 

Du bist auf dem richtigen Weg, aber die sind es nicht, 

Tamer: Ist das ein Nebenprojekt? 

Edi: Ist sie das solo? 



kann er auch mal zum Abendessen nach Hause fliegen. Aber wir 
dürfen ja nie mitfliegen und außerdem hat von uns auch keiner 
einen Lappen für die Kiste. 

Macht ihr mit uns eine Tour? 

Mit euch doch immer! 

Warum sind es immer die Bassisten, für die Aushilfe gesucht 
werden muss? 

Unser Bassist Alex hatte die Angewohnheit immer mal an länge¬ 
ren Kaffeefahrten teilzunehmen. Da war zu unserem Glück im¬ 
mer Herr Neumann [ebenfalls DUESENJAEGER - Anm. des Ring¬ 
richters] zur Stelle und vertrat Alex wie eine Eins. 

Warum tragen bei euch nur Lui und Christian Sonnenbrillen? 

Weil die anderen auch ohne Brille verdammt gut aussehen. 

Wo bleibt der Major-Vertrag? 

Bisher haben wir alle Angebote abgelehnt! Wir legen mehr 
Wert auf das Zwischenmenschliche und sind mehr so die Do-It- 
Yourself-Typen. 

Wann kommt die Splitsingle mit den MISSING SHADOWS 
raus? 

Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2007. 

Was habt ihr eigentlich gegen Disco? 

Gar nichts, wieso? 

Ringrichter: Bernd Fischer grizzlyadamsband.de 

themissingshadows.de 



Die Band ist Prä-STEREO TOTAL 

Tamer: Da waren die noch cool, weil die noch keiner kannte. 
Edi: Find ich cool. Die habe ich auch immer mit meinen Chefs ge¬ 
hört. Ich hätte da auch gerne weiter gemacht, aber irgendwann ist 
Schluss. Das war aber echt ’ne gute Zeit. 

Tamer: Ja, bei mir nicht. Ich habe morgen meinen letzten Tag 
und ich werde mit einem Paukenschlag gehen. 

Du kannst doch morgen total besoffen und fertig auftauchen. 
Tamer: Das habe ich so oft gemacht, das schockt die nicht mehr. 
Edi: Meine Chefs finden das bestimmt witzig, wenn die lesen, wie 
oft sie erwähnt werden. Der eine hat nämlich ein Ox-Abo. 

Das waren die LOLITAS. Fran^oise hat da Schlagzeug gespielt 
und gesungen. 

Edi: Super. Singende Schlagzeugerinnen finde ich gut. 

Das Lied ist eine Coverversion und DIE GOLDENEN ZITRONEN 
haben mal eine deutsche Version davon gemacht. 

„Berlin“, IDEAL 

Edi: IDEAL. Ich habe mir mal die Platte für zwei Euro gekauft, sie 
dann gehört und konnte die Parallelen zwischen unseren Bands 
sehen und verstehen, warum wir in vielen Reviews mit ihnen 
verglichen werden. Ein Einfluss waren sie aber nicht. Das denken 
viele, bei mir ist das aber nicht so. 

Was sind denn eure Einflüsse? 

Tamer: Deutsche Sachen, so Düsseldorf-Musik. D.A.F. und FEHL¬ 
FARBEN. 

Edi: Bei mir sind das eher aktuellere Sachen wie VON SPAR, LI- 
ARS, HOT HOT HEAT und so was. Gutes Lied. Schade, dass die 
Humpe jetzt nur noch Scheiße macht. Beide Humpen, haha. 

„Arbeit macht frei“, LIBERTINES 

Edi: Aha, LIBERTINES. Haben wir lange Zeit viel gehört. 

Tamer: Ich war sogar noch auf deren letzten Konzert, als sie hier 
waren ... allerdings ohne Pete Doherty. 

Edi: Super Lied und eine sehr gute Platte. 

Tamer: Das erste Album fand ich aber noch besser. 

„Never let me down again“ (DIGITALISM Remix), 
DEPECHE MODE 

Edi: Fängt auf jeden Fall gut an. Klingt sehr französisch, muss ich 
sagen ... Ah, das sind DEPECHE MODE mit „Never let me down 
again“. Hab ich auf jeden Fall schon mal gehört. Das ist ein deut¬ 
scher Remix, oder? DIGITALISM ... super. Mag ich auch sehr ger¬ 
ne. DAFT PUNK sind da sicher ein großer Einfluss und ich bin 
ganz gespannt auf die Platte. 

Timbo Jones mitmitmit.net 


OX-FÄNZINE 10 








VÄRIOUS ARTISTS 


WAS MACHT EIGENTLICH ... 

KIRA ROESSLER? 

Zuletzt konnte man die ehe¬ 
malige BLACK FLAG-Bas- 
sistin (und beinahe MARS 
VOLTA-Tour-Bassistin) mit 
UCLA-Abschluss in höhe¬ 
rer Mathematik und einem 
Hang zur Firma Rickenba- 
cker in „American Hard- 
core“ über die guten alten 
Zeiten plaudern sehen - 
oder auch in „We Jam Eco¬ 
no: The Story of the MINU¬ 
TEMEN“ aber ansonsten 
scheint sich die Frau, die 
manche Leute für eine der 
besten Bassistinnen hal¬ 
ten, in der Musikszene rar 
gemacht zu haben. 

Bei BLACK FLAG wirkte die 1961 geborene Schwester von Paul 
Roessler (ein Veteran der L.A.-Punkszene, der u.a. bei den SCRE- 
AMERS und DC3 gespielt hat) auf fünf Platten als direkte Nachfol¬ 
gerin von Chuck Dukowski mit und war danach hauptsächlich als 
eine Hälfte der Band DOS aktiv, zusammen mit ihrem ex-Mann 
Mike Watt, deren künstlerische Zusammenarbeit sich auch nach 


deren Scheidung 1994 fortsetzte und 1996 dann zum bisher letz¬ 
ten DOS-Album „Justamente Tres“ (Kill Rock Stars) führte. Doch 
seit 2003 bastelt man wohl an einem neuen DOS-Album, das tat¬ 
sächlich dieses Jahr mal erscheinen soll - 2004 bestritt man auch 
schon mal eine Mini-Tour in den Staaten und spielt jeden Dezem¬ 
ber in San Pedro eine Benefizshow für die gemeinnützige Wohl- 
fahrtseinrichtung Toberman Settlement House. 

Dass Kira ansonsten kaum noch musikalisch in Erscheinung tritt, 
hat hauptsächlich mit ihrem zeitraubenden regulären Job zu tun, 
denn nachdem sie Datenbanken programmiert hatte, konnte sie 
im Filmgeschäft Fuß fassen und arbeitet seit Mitte/Ende der 90er 
als Sound- bzw. Dialog-Editor für größere und kleinere Filmpro¬ 
duktionen, darunter etwa „Blade: Trinity“, „Sbooter", „Confessi- 
ons Of A Dangerous Mind“ oder „Insomnia“. Das bedeutet, dass 
sie Reparaturarbeiten an den Tonspuren von Filmen durchführt 
und zura Beispiel bei unverständlichen Worten bestimmte Sil¬ 
ben durch andere „saubere“ Dialogstellen austauscht, denn in 
den Staaten wird in der Regel mit Originalton gedreht und nichts 
nachsynchronisiert, denn der Amerikaner reagiert sehr ungehal¬ 
ten, wemi etwas nicht wirklich lippensynchron ist. 

Ein Shakira-Fan der ersten Stunde, bevor Shakira überhaupt je¬ 
mand kannte, ist Frau Roessler übrigens auch noch, was aus ih¬ 
rem Interesse für die spanische Sprache und dem fleißigen Hören 
spanischer Radiosender resultierte, und ich kann mich da ihrer 
fundierten Meinung nur anschließen, dass die Kolumbianerin das 
mit der englischen Sprache besser lassen sollte ... Ansonsten freu¬ 
en wir uns auf ein vielleicht doch noch mal dieses Jahr erschei¬ 
nendes neues Album von DOS, der Band mit den zwei Bässen. 
Thomas Kerpen 



CHRIS S. VON PHASED 

ÜBER NOISE - LÄRM - INDUSTRIAL - DRONES 

Was hat es auf sich, dass einige unter uns den Lärm, Geräusche als musikalisch, andere ihn als unerträglich empfinden? 
Ich lebe mit meiner Freundin zusammen, und diese findet es befremdend, dass sie Baustellengeräusche von Tönen aus 
unseren Lautsprechern nicht unterscheiden kann. Zeit, dem Phänomen Noise nachzugehen ... 

Als die Punks dachten, sie würden neue Musik machen, da haben andere viel radikaleren Krach ge¬ 
macht, ohne Akkorde und ohne musikalische Grundkenntnisse überhaupt - THROBBING GRISTLE, 
die Erfinder des Industrial. Doch waren sie nicht die Ersten, welche bei Geräuschen an Musik dach¬ 
ten. Vor ihnen die Herren Stockhausen, Henry, und andere — Musique Concrete, Dada. Doch erst mit 
dem Industrial wurde der Noise ein akzeptables Element der Populärmusik. Und heute gelten Ma¬ 
rilyn Manson und NINE INCH NAILS als Industrial und verkaufen Millionen. Die Krachmacher von 
heute machen dagegen Harsh Noise, experimentelle Elektronik, Drones. 

Drone, eintöniges Summen, Dröhnen und Brummen, ist mittlerweile durch Bands wie SUNN0))), 
EARTH und SLEEP auch im Metal ein Begriff. Waren die Lärmkünstler früher eher eine in sich ver¬ 
schworene kleine Gemeinschaft, ist es heute dank Laptop zu einem Massenphänomen geworden. 
Täglich neue MySpace Friend Requests von Gleichgesinnten; überall wo man auftritt Kollegen, die 
Tonträger mit dir tauschen wollen; junge und alte Künstler arbeiten mit Geräuschen und erstellen 
Klanginstallationen in Galerien und Museen. Noise overload! 

Doch wie entsteht die Liebe zum Geräusch? Als Kind, als ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, 
da kamen wir bei sonntäglichen Spaziergängen immer an diesen Fabriken vorbei - Rohre, dampfen¬ 
de Leitungen, seltsame, sich bewegende Hebel. Das hat mich fasziniert. Ich denke, dass in der Welt 
der Geräusche auch etwas Ursprüngliches widerhallt, und dass es auch so etwas wie natürliche Musik gibt, man denke nur an das Ge¬ 
räusch einer Brandung. In seiner Monotonie wiederholt es sich nie, und es nervt auch nach etlichen Stunden nicht! 

Früher dachten die Astronomen, dass die Planeten in mechanischen Bahnen um die Erde kreisten und dabei eine so genannte Sphären¬ 
musik erklang. Gar nicht so unrecht: ich besaß einmal eine CD mit Geräuschen, welche die Voyager-Sonden aufgenommen haben - di¬ 
rekt im Weltall! Natürlich sind das elektrische Frequenzen und so Zeug, nicht wirkliche Musik oder Geräusche, welche tatsächlich im 
All klingen. Aber immerhin, sie sind da, irgendwo, irgendwie, und sie klingen schön, in meinen Ohren. 

Nun ist ja unsere Industriegesellschaft auch eine Lärmgesellschaft. Ständig Geräusche, überall. Dauerberieselung durch Musik in der 
Disco, der Bar, dem Kaufhaus. Kein Entrinnen. Tinnitus für alle! Liegt es da nicht nahe, mit diesen Geräuschen zu arbeiten, sie in Mu¬ 
sik umzusetzen? Oder sind wir verhaltensgestört? Gesellschaftsgeschädigt? Ich hab keine Ahnung. Für mich ist Britney Spears unerträg¬ 
licher Krach; BAD RELIGION lahmer Muzak; D.S.D.S. Müll in den Ohren. Dafür dreh ich bei ELECTRIC WIZARD voll ab, schiebe John 
Duncan in den CD-Player, um zu Entspannen, oder mache es mir mit meiner Freundin bei SPECTRUM gemütlich im Bett. Es lebe der 
Noise! Chris S. phased.ch 

(Chris S. macht als b°tong düstere ambiente Klangflächen, hebt mit PHASED ab in spacige Stoner Doom-Welten.) 



DAS OX VOR 10 JAHREN: #27 

JUGENDSÜNDEN 

Das Cover: Illustriert von 
Tomi Riionheimo, Inhaber 
von „Indie Films“ und viel¬ 
leicht dem ein oder anderen 
ein Begriff durch seine Zeich¬ 
nungen für ELÄKELÄISET. 
Facing the technical 
facts: 24 Mitarbeiter füllen 
124 Seiten, die 6.000 Mal für 
je 6,90 DM veröffentlicht wer¬ 
den. Der Vergleich zu #26: -1, 
+8, +0, +0,00. 
Schlagzeilen: 

- Die großherzigen Neffen 
von GG Allin, SICK, SUCK 
AND FUCK, schlagen der 
jüngst dramatisch aufgelösten 
Schlampen-Band TIC TAC TOE den überaus solidarischen Deal 
vor, ihren Namen zu übernehmen: „Der passt sowieso besser zu 
ihnen, und wir wollen dafür einfach nur viel Geld und natürlich 
Vorverhandlungen mit Sekt und Kaviar auf Muttis Couch.“ 

- TEXAS IS THE REASON haben sich aufgelöst. JAWBREAKER 
auch. 

- SAMIAMs Major-Debüt „Clumsy“ floppt total! Also zurück zu 
Burning Heart. 

- Helge Schreiber läuft zum Plastic Bomb über, Tom Van Laak von 
Radio Blast Recordings wechselt vom Plastic Bomb zum Ox. 

- Gegendarstellung: Die in der Bravo 3/97 abgedruckten Altersan¬ 
gaben der vier sympathischen Kreuzberger der TERRORGRUPPE 
entsprechen absolut der Wahrheit. 

Interview-Zitate: 

Jello Biafra: „Daß die anderen drei die DEAD KENNEDYS refor¬ 
mieren wollen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Wir haben uns 
nach acht Jahren aufgelöst, bevor wir anfingen Scheiße zu sein, 


also warum eine Reunion? Nein, das wäre so schmerzvoll für 
mich. Es wäre lächerlich, die alten Zeiten wiederzubeleben, in 
denen wir darüber sangen, wie beschissen die alten Zeiten doch 
waren.“ 

DAYGLO ABORTIONS: „Jimbo kotzt gelegentlich in einen Eimer 
und kippt den Inhalt dann ins Publikum. Anschließend wird mit 
dem Feuerlöscher hinterher gespritzt, hehe.“ Auf die Frage, wie 
sie mit Verfechtern des Political Correctness-Gedankens klarkom¬ 
men: „Hahahahuhu, bruharharharhihihi, hohohohoooo ...“ 
Andreas Michalke: „Wenn man in einen Comicladen geht, fühlt 
man sich ja fast wie in einem Pornoladen. Nur Typen, die in ir¬ 
gendwelche Heftchen reinglotzen, wie ,Druuna‘ und so ’n Kack.“ 
Und: FIXTURES, LOS ASS-DRAGGERS, ALTERNATIVE TENTAC- 
LES, BLOW HARD, NEW RED ARCHIVES & UK SUBS, MILITANT, 
TRANS AM, X-ACTO, Vegane Offensive Ruhrgebiet, SPIDER BA- 
BIES und Mike Kuchar 

Im Soundcheck (Die Ox-Geschmax-Control): 1. MAI 87 

- Fohlenwurst | ATARI TEENAGE RIOT - The Future Of War | 
BEATSTEAKS - Berlin Made 48/49 | THE BUSINESS - The Truth 
| CAPTAIN NOT RESPONSIBLE - Ship Of Fools | CHOREBOY 

- Good Clean Fun | DEVIL IN MISS JONES - Riverside | GORE 
SLUT - Heaven Hotel Presents | HANKSHAW - Nothing Personal 
| MUSTARD PLUG - Evildoers Beware | NO REDEEMING SOCIAL 
VALUE - Hardcore You Lousy Ass Off | OBLIVIONS - Play Nine 
Songs With Mr. Quintron | ONE HIT WONDER - Outfall | OXY¬ 
MORON - The Pack Is Back | PRIDEBOWL - Where You Put Your 
Trust | RADIO BAGHDAD - Hooked On Ebonics | SCATTERGUN 

- Bombshell | SCREW 32 - Under The Influence Of Bad People j 
SLICK - Electric Babyland | VICE BARONS - Steel Blue Moods 
Weltreisen: California Dreaming - Ox goes America | Esto es 
esplendido! - Punkrock in Mexiko | Auf in die Berge — Snow- 
boarding is not a crime! | Carhalo! - Internetsurfen nach Bra¬ 
silien 

Neue Rubrik: Das große Gigium mit Tom van Blast! 

Blind Date: Die CHEEKS erkennen 10 von 10 Songs! Oder sa¬ 
gen wir 9 1/2 von 10. 

Ausgabe immer noch erhältlich? ja. 

Mario Turiaux 



PUNKROCK IN ... MAINZ .. 

MARTIN BUSSER 

Seit über einem Jahr woh¬ 
ne ich nun in Mainz. Mei¬ 
ne ersten Eindrücke: FSV 
Mainz 05, ein einzigartiger 
Dom, eine fahrradfreundli¬ 
che Stadt, der Rhein, der 
als geografische und kul¬ 
turelle Grenze betrach¬ 
tet werden kann, die Re¬ 
duit als traditionelle Ska- 
Metropole und das Haus 
Mainusch als alternati¬ 
ve, nichtkommerzielle Punk-Subkultur, nebst einer heimi¬ 
schen Musikszene, mit der ich einfach nicht warm werde, 
wie auch mit der Mentalität der Rheinländer und der hes¬ 
sischen Nachbarschaft. Als ignoranter Oberpfälzer stol¬ 
perte ich über den Mainzer Ventil Verlag, der unter ande¬ 
rem auch die Ox-Kochbücher herausgebracht hat. Martin 
Büsser, Verleger und Autor beim Ventil Verlag und Musiker 
bei FAMILIE PECHSAFTHA, stand mir in Sachen Punk¬ 
rock und Mainz, Rede und Antwort. 



Was gefällt dir an deiner Stadt - und was überhaupt nicht? 

Mainz ist zu provinziell und zu frohsinnig mit seinen Tausen¬ 
den von Weinstuben und dieser typisch rheinischen Gemütlich¬ 
keit. Vor allem die Fastnachtswoche ist die Hölle. Dummerweise 
haben die Mainzer die Angewohnheit, in der warmen Jahreszeit 
jede Woche ein Fest oder einen Jahrmarkt im Fastnachtsstil zu fei¬ 
ern. Positiv am Provinziellen ist, dass alles dicht beieinander liegt. 
Freunde verlieren sich so schnell nicht aus den Augen. 

Seit wann wohnst du hier? Warum? 

Seit zehn Jahren. Weil hier die Büroräume vom Ventil Verlag sind, 
wir uns da also vorerst niedergelassen haben. 

Welches Stadtviertel ist das Beste? 

Von den Kneipen her die Neustadt, von den Geschäften her, Kla¬ 
motten, Platten und so weiter, die Altstadt. 

Was ist der beste Konzertort in deiner Stadt? 

Das variiert. Bis vor einem Jahr war das definitiv das „Schick und 
Schön“ im Südbahnhof. Die mussten zumachen und haben nun 
einen neuen Ort, wo sie keine lauten Konzerte mehr veranstalten 
können. Inzwischen muss man für gute Konzerte nach Wiesbaden 
in den Schlachthof oder nach Darmstadt in die Oetinger Villa. 
Was ist die beste Kneipe? 

Es gibt ein paar kultige Weinstuben. Im Weinhaus Blum hat sich 
seit den wilden 1968er-Zeiten nichts verändert. Die Punkrocker 
zieht es ins Hafeneck in der Neustadt, das vom ehemaligen FROH- 
LlX-Sänger betrieben wird. Wer auf eine zu volle Kneipe mit zu 
lauter Musik steht, ist da bestens aufgehoben. 

Und der beste Plattenladen? 

Teenage Wasteland in der Kapuzinerstraße ist absolut unterstüt- 
zenswert. Ein Mix aus Platten- und Secondhandladen für Möbel. 

Wo würdest du gerne wohnen? 

In einer Stadt, die eine bessere Konzertkultur hat und mehr Kinos 
als Mainz. Wenn ich jetzt aber Berlin schreibe, wäre das ziemlich 
abgeschmackt, oder? 

Simon Brunner pechsaftha.de 

ventil-verlag.de 


MIXTAPE 


... von Jochen Böllath, 35 
Jahre, kommt aus Wei¬ 
den, Bayern. Er spielt Gi¬ 
tarre bei DUSTER 69 und 
ist Labelboss von Dare- 
devil Records und hat 
ein Mixtape zusammen¬ 
gestellt. Das heißt: Ei¬ 
gentlich hat er uns sei¬ 
ne zehn Liebiingsaiben 
komplett überspielt: „Ich 
nehme zehn Alben, da 
für mich immer der Ge¬ 
samteindruck eines Al¬ 
bums wichtig ist, nicht 
der einzelne Song. Dar¬ 
um zehn Tapes..." 

1. DANZIG „III How The 
Gods Kill": Eine der dreckigsten und ehrlichsten Rockplat¬ 
ten überhaupt. 

2. ONLY LIVING WITNESS „Innocents“: Selten hat eine 
Band so viel Groove und Intensität auf einem Album vereint, 
leider vollkommen unterschätzt und nie gewürdigt! 

3. WHITE STRIPES „Get Behind Me Satan": Trotz viel Spie¬ 
lereien und neuer Einflüsse ein Meisterwerk mit überragen¬ 
den Songs 

4. PORTISHEAD „Dummy“: Das ist auch nach all den Jah¬ 
ren eine der intensivsten Platten aller Zeiten. Absoluter Klas¬ 
siker! 

5. LIFE OF AGONY „Ugly“: Lebt durch die großartigen Melo¬ 
dien von Keith Caputo. Jahrhundertwerk! 

6. MORBID ANGEL „Domination“: Death Metal in Perfek¬ 
tion! 

7. UNIDA „El Coyote": Ein Hit-Feuerwerk um den Ex-KY- 
USS-Sänger John Garcia. Produziert von Rick Rubin, leider 
nie erschienen. Die mit Abstand beste Stoner-Rock-Band 

8. Johnny Cash „IV The Man Comes Around“: Dazu muss 
man wohl nicht viel sagen. Sagenhafte Stimmung. 

9. MISFITS „Earth A.D.“: Immer noch die Punkplatte über¬ 
haupt. Immer noch unerreicht. 

10. DEFTONES „White Pony": Hier vermischt die Band Me¬ 

lodie und Härte in einer nie zuvor gehörten Art und Weise. 
Beeindruckt immer noch! duster69.com 



OX-FANZINE 11 











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Besteht aus Ox-Kochbuch 1,2 und 3, und oben¬ 
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Tom Tonk, seines Zeichens Herausgeber des grandiosen „Hullaballoo“-Fanzines und Autor der 
„Klassikbuden“-Kolumne im Ox-Fanzine sowie bei JIMMY KEITH & HIS SHOCKY HORRORS selbst 
als Musiker aktiv, hat seine Ox-Kolumnen unter dem Titel Raketen in Rock - 33 1/3 Platten für die 
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nach über 25 Ausgaben ha¬ 
ben wir teils eigene, teils von 
den Leserinnen eingesandte 
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gänzt. Wert gelegt wird auf 
verständliche Anleitungen 
und auch auf den Spaß beim 
Kochen: alle Rezepte sind mit 
Musiktips versehen. 



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Beitrag ein Tip abgedruckt 
ist, welche Platte von wel¬ 
cher Band sich als „Koch- 
und Ess-Soundtrack” am 
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Ox #69 



Ox #49 



Ox #48 


Ox #46 Ox #44 


Ox #43 






Ox #42 



Ox #47 

QSI 



Ox #30 



Ox #27 


OX-FANZINE 12 







































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Das Ox-T-Shirt verkaufen wir ab sofort nur noch in fair 
gehandelter Bio-Qualität, deshalb etwas teurer. Die Shirts 
werden aus Baumwolle hergestellt, bei deren Anbau auf den 
sonst üblichen massiven Pestizid-Einsatz verzichtet wird, 
und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind fair und 
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schwarz mit weißen Ärmelstreifen, als Girlie sowie 

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Auf der Außenseite prangt jeweils der Ox-Skull in weiß, die 
Kappe ist nach Wahl schwarz oder weiß (unbedingt angeben), 
und von Größe 36 bis 47 (Herrengrößen, keine „halben“ 
Größen) geht alles. 

Du solltest berücksichtigen, daas unsere Schuhe eher klein ausfallen. 
Wenn du die in einer Größe größer nimmst als deine normalen Chucks, fährst du sicher am besten: 
36=3 I 37=4 I 38=5 I 39=6 I 40=7 I 41=8 I 42=8,5 I 43=9 I 44=10 I 45=11,5 I 46=12 I 47= 13 




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Und so bezahle ich: 

□ Ich erteile für den Betrag von_Euro eine Einzugsermächtigung (nur für 

Konten bei einer Bank in Deutschland!), die ich jederzeit widerrufen kann. 
Wenn mein Konto nicht ausreichend gedeckt ist, ist meine Bank nicht ver¬ 
pflichtet, den Betrag einzulösen. Für die Gebühr von bis zu 10 Euro bei 
Nichtbezahlung komme ich auf. 

Konto-Nr.:_ BLZ_ 


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Postbank Essen, BLZ 36010043 (Inh. Joachim Hiller) überwiesen. 


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dass ich die Abo-Bestellung innerhalb einer Woche schriftlich bei Ox-Fanzine, Postfach 102225,42766 Haan 
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Datum, Unterschrift (Bei nicht Volljährigen die des/der Erziehungsberechtigten) 


OX-FANZINE 13 








































KOLUMNEN 



ALT BIN ICH, WENN ICH MICH 
NICHT MEHR AUFREGE. 

Opferverhöhnung ist das Schlimms¬ 
te, was es gibt „Herr Polizist, er 
wollte dass ich ihn totschlage, ehr¬ 
lich! Er hat mich gebeten, ihn aus¬ 
zurauben, er wollte es!“ Es gibt Ver¬ 
brecher, die mit so was durchkom¬ 
men, und der AHerschlimmste sitzt 
im Vatikan. 


Anlässlich seines Besuchs in Brasiliens hat es der Herr Ratzinger 
doch tatsächlich fertig gebracht, den Ureinwohnern Südamerikas 
zu unterstellen, sie hätten es ja eigentlich gut gefunden, von den 
Spaniern und Portugiesen mal so richtig schön durchmissioniert zu 
werden. Klar, dabei sind ein paar Millionen Menschen krepiert - tot¬ 
geschlagen, verhungert, an eingeschleppten Krankheiten zu Grun¬ 
de gegangen, aber die kamen doch in den Himmel. Und was woll¬ 
ten die auch alle mit dem blöden Gold, die konnten damit doch eh 
nichts anfangen, während es Europa in Kirchen und Palästen we¬ 
nigstens gute Verwendung fand? 

Papst Benedikt XVI., ein großer Denker vor dem Herrn, hat jeden¬ 
falls bei der Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz 
erklärt, den Ureinwohnern sei durch die Verkündigung des Evan¬ 
geliums keine fremde Kultur aufgezwungen worden. Die Indige- 
nas hätten die Christianisierung vielmehr „still herbeigesehnt“. Eine 
komplett absurde Theorie, die wohl nur von einem Kerl kommen 
kann, der sich sein Hirn schon in jungen Jahren durch intensives 
Weihrauchsniffen zu Grütze gemacht hat. Und jetzt warten wir dar¬ 
auf, bis der Papst den Juden mal den Holocaust erklärt. Am Ende hat 
er dafür ja auch noch eine innovative, kuriose Erklärung. 

Der Aufschrei in den europäischen Medien bÜeb übrigens aus, al¬ 
lein Venezuelas Präsident Chavez (selbst allerdings auch kein Hei¬ 
liger) sprach aus, was der Papst da versucht hatte zu relativieren: 
„Hier hat ein Völkermord stattgefunden.“ Wer bislang immer noch 
nach einem Grund sucht, endlich seine Zwangsmitgliedschaft in ei¬ 
ner christlichen Kirche zu beenden, muss seinen Verbleib in diesem 
Verein jetzt jedenfalls noch besser begründen. 

Wenn ihr dieses Heft in den Händen haltet, dürfte die G8-Lach¬ 
nummer gerade beendet sein, wird der monströse Zaun wieder ab¬ 
gebaut, hinter dem sich die Herrscher der Welt vor ihren Unterta¬ 
nen versteck(t)en. Was für eine Symbolik! Meine Vision: Heiligen¬ 
damm zum Volksgefangnis machen! Ein Zaun, der Leute draußen 
halten soll, funktioniert auch von der anderen Seite: Strom anlegen, 
Selbstschussanlage, ein Wassergraben, passt. Kundiges Wachpersonal 
sollte sich auch finden lassen, die Arbeitslosenquote da an der Ost¬ 
seeküste soll ja recht hoch sein, und ein paar Ex-DDR-Grenzer sit¬ 
zen sicher bis heute in ihrer Datsche und grämen sich ob der Verlus¬ 
tes ihres schönen Jobs, Dann noch die Besucher des Davoser „World 
Economic Forum“ noch mit dazusteckt und den Internationalen Ge¬ 
richtshof ebenfalls in Heiligendamm ansiedeln. Dann hat man die 
Leute griffbereit, die außerhalb demokratisch legitimierter Organi¬ 
sationen den Reichtum der Welt verteilen. 


Bleibt die Frage, ob die Welt dadurch besser, gerechter und fried¬ 
licher würde. Ich fürchte nicht. Billige Rachephantasien wie oben 
nützen letztlich gar nichts, Veränderung fängt zuhause an. Und wer 
den Glauben daran, dass Wahlen etwas verändern, nie hatte oder 
längst verloren hat, sollte sich auf das besinnen, was der Kapitalis¬ 
mus seinen Jüngern niemals nehmen wird: Die Möglichkeit, das 
Geld in einen Kanal seiner Wahl zu lenken. Also kauft Bio-Lebens¬ 
mittel, verbraucht Ökostrom, schraubt Energiesparlampen in die 
Fassungen, boykottiert Payback-Karten und seid wachsam. 

Gute Nacht. Joachim Hiller 


WESEL AM NIEDERRHEIN 

... im Krieg ziemlich kaputt gegan¬ 
gen, danach recht lieblos wieder 
aufgebaut, ist noch für ein paar Mo¬ 
nate meine Heimstätte. Diese nun 
scheint von Ignoranten und Angst¬ 
beißern regiert zu werden. Von 
Punkrock-Hassern allemal. 

Dass man unliebsame Subkulturen nicht loswird, indem man ihre 
Treffpunkte verbietet und sie verjagt, scheint bis zum Weseler Ord¬ 
nungsamt noch nicht vorgedrungen zu sein. Schon zum wiederhol¬ 
ten Male wurde jetzt ein Konzert im Weseler Barfly, einer kleinen 
Kneipe mit Asi-Charme und super DJs, verboten, mit äußerst dürf¬ 
tiger Begründung. Meist aus Furcht vor Banlieue-artigen Krawallen, 
die bis zum heutigen Tage allerdings ausblieben. Wahrscheinlich 
aufgrund der außerordentlichen Präventionsarbeit der Stadt und des 
Ordnungsamtes. 

Naja, nicht ganz unschuldig war ein Konzert, das als Faux-pas des 
Besitzers anzusehen ist, ein drittklassiger Oi!-Kracher irgendeiner C- 
Prominenz-Band, die nicht im Vergleich zu dem steht, was sonst an 
Veranstaltungen läuft. Nein, ich spreche nicht von dem COTZRAIZ - 
Konzert. Nun, nichtsdestotrotz wurde an besagtem Abend das zele¬ 
briert, was man allgemein hin als „Stumpf ist Trumpf bezeichnet: 
Taumelnde Azubi-Punker und Suff-demente Fleischmützen, Schlä¬ 
gereien mit dem anliegenden Amusementviertel und Scherben und 
Scherben ... Dass die sonstigen Konzerte ein Hort des Friedens und 
der Glückseligkeit waren, tut da nichts mehr zur Sache. 

Daraufhin hat sich die Stadt Wesel zur Aufgabe gemacht, in blin¬ 
den Aktionismus zu verfallen und zu verbieten, was da so kommen 
möge. MILLIONS OF DEAD COPS kamen da sehr gelegen, diese hielt 
man für eine dem Ku-Klux-Klan nahe stehende Band, die John Way- 
ne abfeiern als einen der ihren, als Nazi. Was man auch als sehr 
konsequenten Antifaschismus betrachten könnte, ist in diesem Falle 



aber totaler Schwachsinn. 

Nun blickt der Niederrheiner nicht gerade auf ein Konzertmekka, 
wenn er auf seinen Heimatlandstrich schaut. Die letzten zehn Jahre 
waren da doch sehr dünn. Bis auf die ihr 25-jähriges Jubiläum fei¬ 
ernde Stockumer Schule, die doch gerade in letzter Zeit wieder Top- 
Konzerte veranstaltet, ging eigentlich recht wenig zwischen Kleve 
und Duisburg, wenn man das Haldern Pop-Festival mal außen vor 
lässt. Aber vielleicht sollte ich es sportlich sehen und den Reiz des 
Wettkampfes in den Vordergrund stellen. 

Wie auch immer, falls sich jemand genötigt fühlt, dem Weseler Ord¬ 
nungsamt mal vor die Tür zu scheißen, ich habe nichts gesehen. 

Dennis Bruns 



DONNERWETTER! 

Mir will partout nichts einfallen, wo¬ 
mit sich diese leere, mich um Wör¬ 
ter und Wortwitz anbettelnde Ko¬ 
lumnenspalte ausfüllen lässt. Mei¬ 
ne Egozentrik verbietet es mir aber 
nichts abzuliefern. Was mache ich 
nun? 


Ich werde mit euch einfach übers Wetter reden. Richtig, übers Wet¬ 
ter! Das Stimmungsbarometer Deutschlands. An Belanglosigkeit 
nicht zu überbieten. Wie komme ich darauf? Aufgrund des tollen 
Frühlingsanfangs. Wie fange ich am besten an? Das Wetter ist ja im¬ 
mer so ’ne Sache. Jeder hat was dazu zu sagen, kann was dazu sa¬ 
gen, darf was dazu sagen und vor allem will jeder was dazu sagen. 
Zuerst dachte ich, dass ist nur ein Thema, das nur von älteren Se¬ 
mestern aufgegriffen wird. In meinem Nebenjob, der mit gelben 
Autos, die für Geld herumfahren, zu tun hat, darf ich mir näm¬ 
lich mehr oder minder freiwillig anhören, wie gut, schlecht, dröge, 
traurig, schön, bewölkt, schwül, unangenehm, nasskalt, deprimie¬ 
rend, qualvoll und so weiter es mal wieder ist. 

Das ist spannend, vor allem, wenn der Monolog mit der Floskel „Ja, 
ne! Ja, zum Glück kann keiner das Wetter bestimmen, sonst gäb’ es 
noch mehr Streit auf der Welt“ beendet wird. Wahnsinn! Wie ge¬ 
sagt, ich dachte, das sei nur ein Symptom unter Senioren. Frech ge¬ 
sagt, ein Symptom von geistiger Leere vielleicht. Man will über ir¬ 
gendetwas mit irgendjemanden reden, egal ob es der langhaarige 
Hippie neben einem ist. Oder weil es das Einzige ist, was man mit 
einem fremden, filzhaarigen Bombenleger besprechen will, wenn 
man sich zur Kommunikation verpflichtet fühlt, um der unange¬ 
nehmen Schweigerei zu entgehen. Aber ich schweife ab. Ich musste 
letztens mit Erschrecken feststellen, dass auch das „Jungvolk“, dem 
ich mich, zumindest körperlich — oder sagen wir hier besser mei¬ 
nem Alter nach - zugehörig fühle, gerne und ausschweifend über 
das Thema philosophiert. 

Gut, bei dem Frühlingsanfang kann ich das verstehen. Alle sind 
glücklich, hibbelig, aufgeregt. Man kann sich wieder mit Sonnen¬ 
brille in Szene setzen, egal bei welchen Lichtverhältnissen. Die Bier¬ 
gärten sind wieder geöffnet und man muss sich nicht mehr schä¬ 
men, öffentlich Alkohol zu konsumieren. Man kann sinnlos mit dem 
Fahrrad durch die Gegend fahren (Tss, tss, reine Kalorienverschwen¬ 
dung!) und Eiscreme oder Gegrilltes in rauhen Mengen konsumie¬ 
ren (so kommen die Kalorien wieder zurück, ein Teufelskreis). Aber 
da gibt es auch noch die — ich sage es ganz bewusst - Schattenseiten. 
Diese zeigen sich dann, wenn sich die anfängliche Euphorie schnel¬ 
ler als einem lieb ist in das Gegenteil wandelt: Nämlich in blanken 
Stress! Sollen wir nicht grillen gehen, sollen wir nicht spazieren ge¬ 
hen, sollen wir nicht „das schöne Wetter nutzen“? 

Da frage ich mich: Warum nutzt man da nicht auch einmal das 
schlechte Wetter? Dieses fühlt sich, wenn es so was zu hören be¬ 
kommt, bestimmt dem guten, dem besseren, dem überlegeren Wet¬ 
ter gegenüber minderwertig, sinnlos, gedemütigt, ja überflüssig! 
(Nebenbei hegt das Gute, das Ästhetische, eigentlich im Auge des 
Betrachters, aber ich gehe einfach von einem gesellschaftlich ge¬ 
stellten „Common Sense“ aus, der dieses „Gute“ für sich definiert. 
Also keine Philosophie für Dummies mehr meinerseits!) Dabei hat 
auch schlechtes Wetter so seine Vorteile: Die Felder und Gärten wer¬ 
den bewässert, man kann nutzlos auf dem Sofa rumlungern, seine 
Zeit mit Trash-TV totschlagen, die Kinder bestrafen, indem man sie 
bei Gewitter in den Wald abkommandiert („Das habt nun ihr da¬ 
von, wenn ihr nicht eure Zimmer aufräumt!“), oder einfach unge¬ 
niert schlechte Laune haben, rumzustänkern und das dann nachher 
auf das Wetter schieben. 

Was bleibt zum Schluss zu sagen? Eigentlich nur, dass man das Wet¬ 
ter keinem recht machen kann. Lieber Wetterfrosch, Petrus, Jörg Ka¬ 
chelmann oder wer sonst die schwere Bürde der Wettermacherei auf 
sich nimmt: Selbst schuld, du bist am Ende der Dumme. Aber ich 
danke dir. So habe ich meine Kolumne dennoch mit viel reden und 
nichts sagen voll bekommen. Oder nein, das lässt mich schlecht da¬ 
stehen. Ich sage es wohl besser in den Worten von Wilhelm Busch: 
„Darf der Gebildete nicht mehr unbefangen übers Wetter reden?“ 

Arndt Aldenhoven 



SO EIN ZUFALL ABER AUCH ... 

Hätte man das nicht anders ma¬ 
chen können? Wärst du mal lie¬ 
ber zu Hause geblieben! Wenn wir 
das nur vorher gewusst hätten. Tja, 
jetzt haben wir den Salat! 


Als ich neulich mit dem Rad zur Arbeit fahre, streift mich ein Taxi, 
als es mich mit überhöhter Geschwindigkeit riskant überholt, zwar 
nur ganz leicht, aber doch genug, um mir einen gehörigen Schre¬ 
cken einzujagen. Als ich am Abend selbst mit dem Auto unterwegs 
bin, fahre ich beinahe einen Radfahrer über den Haufen, weil ich 
meine Augen nicht auf der Straße, sondern auf dem verdammt kur¬ 
zen Rock einer hübschen Passantin habe. Sowas passiert ständig und 
überall in Deutschland, meistens geht es gut, manchmal kracht es. 


Doch gerade an diesem Tag wird mir dadurch bewusst, welche un¬ 
scheinbaren Faktoren unser Leben beeinflussen und in völlig neue 
Bahnen lenken können. 

Wäre ich an besagtem Tag pünktlich aufgestanden, wäre ich fünf 
Minuten eher als das Taxi an der besagten Stelle vorbeigekommen 
und unsere Wege hätten sich nie gekreuzt. Hätte die junge Dame mit 
dem kurzen Rock zwanzig Sekunden später das Haus verlassen, hät¬ 
te ich das Leben des anderen Radfahrers nicht gefährdet. Und wenn 
sie sich dezenter angezogen hätte, sowieso. Das kann man natürlich 
ewig so weiterspinnen und ich muss gestehen, dass es mir enorme 
Freude bereitet, mir solche Zufallsgeflechte auszudenken. 

Neulich habe ich gelesen, dass das sowjetische Raumfahrtpro¬ 
gramm zum Mond eingestellt wurde, weil eine Schraube in der 
Prototyprakete locker war und das Ganze zum Explodieren brachte. 
Eine Schraube! Eine von Zehntausenden. Wer weiß, vielleicht hätten 
die Sowjets mit dem Wettlauf zum Mond auch den kalten Krieg ge¬ 
wonnen, Punkrock wäre nie entstanden und das Ox würde stattdes- 
sen über usbekische Folklore schreiben. Wegen einer Schraube, die 
ein Techniker nicht richtig festgeschraubt hat. Warum? Weil er müde 
war. Warum? Weil er in der Nacht zuvor von einer Fliege wach ge¬ 
halten wurde. Und schon ist die Fliege am Ende des sowjetischen 
Raumfahrtprogramms schuld. 

Wenn man dann noch von Schuld sprechen kann, denn betrach¬ 
tet man solche Kausalketten, verschwimmen abstrakte Begriffe wie 
Schuld und Ursache. Kann man natürlich ewig so weiterspinnen. 
In irgendeinem neueren deutschen Film sagt einer der Protagonis¬ 
ten sowas wie: „Stell dir mal vor, wenn an dem Abend, an dem wir 
gezeugt wurden, was Gutes im Fernsehen gelaufen wäre.“ Über¬ 
haupt, hätte ein anderes Spermium von den 300 Millionen die Eizel¬ 
le, aus der ihr entstanden seid, getroffen, wärt ihr eh nicht das, was 
ihr seid. Das ganze Leben wird von winzigen Zufallen gelenkt und 
aus der Bahn geworfen. Ich will nicht wissen, was aus mir gewor¬ 
den wäre, wenn mich OASIS damals mit neun Jahren nicht von der 
Erhabenheit der Gitarrenmusik überzeugt hätten. Oder sollte ich lie¬ 
ber dem Programmdirektor des Musiksenders danken? 

Wer auch immer mir also das Leben gerettet hat: Ohne ihn wür¬ 
de ich vermutlich jeden Samstag in die Großdiskothek fahren, eine 
Kurzhaarfrisur tragen und Autos tunen. Einmal im Leben die richti¬ 
gen (oder auch falschen) Leute getroffen, und schon entwickelst du 
dich zu einem völlig anderen Menschen und hörst beschissene Mu¬ 
sik. Und vielleicht wärt ihr gerade der Liebe eures Lebens begegnet, 
wenn ihr nicht auf dem Klo sitzen und eure Zeit bei den Kolumnen 
verschwenden würdet. Vielleicht wäre es ja das Mädchen mit dem 
kurzen Rock gewesen, und wenn ihr mit ihm geredet hättet, hätte 
ich meine Augen auf der Straße lassen können. Es bringt natürlich 
nichts, sich die ganze Zeit darüber Gedanken zu machen, was gewe¬ 
sen wäre, wenn. Aber manchmal ist es ganz hilfreich, sich vor Au¬ 
gen zu halten, wie extrem alles miteinander verwoben ist, wie alles, 
was man tut und auch alles, was man nicht tut, Konsequenzen hat. 
Es hilft einem, den Wert der Dinge, die man hat, zu erkennen, denn 
schließlich hätte auch alles ganz anders kommen können. 

So, das reicht an Konjunktiven für heute. Denkt daran, dass ihr mein 
Leben gefährdet, wenn ihr das nächste Mal ein Taxi ruft und erzählt 
mir lieber von euren Kollisionen mit dem Zufall: piglatin@gmx.de. 

Daniel Kroneberg 


THE DYNAMITE RATTS 

Eine wahre Geschichte über eine 
erfundene Band 

Teil 1: The Great Kinderzimmer 
Swindle 

Welcher kleine Junge träumt nicht davon, ein Rockstar wie sei¬ 
ne Hardrock-, Heavy Metal- und Punk-Ikonen zu sein. Anfang der 
Achtziger Jahre sollte eine Band Weltrühm erlangen. Mit Wohnzim¬ 
merteppich, Legobaukasten, Matchboxautos, Playmobilmännchen 
und Kuscheltieren wurden THE DYNAMITE RATTS in meinem Kopf 
ins Leben gerufen: eine real-verrückte Rock’n’Roll-Phantasie. Und 
alles begann mit dem Monokassettenrekorder meiner Schwester in 
den verregneten Sommerferien ... 

Eine neu bespielte Kassette hielt ich in meinen Händen. Aufgenom¬ 
men von einem meiner Klassenkameraden, der schon Black Me¬ 
tal hörte und im Heavy Metal-Fanclub aufgenommen worden war. 
Wow! Auf der billigen Eisenkassette der Marke Universum/Quel¬ 
le für weniger als eine Mark hatte ich nun auf der A-Seite „High 
Voltage“ und auf der B-Seite „Dirty Deeds“ von AC/DC von Plat¬ 
te kopiert bekommen. Durch die Punk- und New Wave Of British 
Heavy Metal-Bewegung wurde harte Musik salonfähiger. Es dauer¬ 
te immer eine Weile, bis Trends auch in die Provinz Einzug hiel¬ 
ten. Auf dem Jahrmarkt wurden zwischen Strumpfhosen, Brotzeit¬ 
messern, Taiwanspielzeug und Bratwurst auch AC/DC- ynd SEX PIS- 
TOLS-Buttons verkauft. Der Autoscooter spielte TWISTED SISTER. 
Ich verschlang die Neuigkeiten aus dem Szenemagazin Metal Ham¬ 
mer und interpretierte in Phantasie-Englisch einige Songs meiner 
Helden. DerWohnzimmertisch eine dicke Orgel oder ein Piano. Per- 
silwaschtrommeln als Schlagzeug umfunktioniert mit Doublebass, 
und der Spazierstock meiner Oma als Flying-V-Elektrogitarre. Wie 
vön der Tarantel gestochen schrie ich rum und pries den Luftgitar¬ 
rengott. Wie so oft stürzte dann meine Mutter ins Zimmer, riss den 
Stecker meiner Fünf-Watt-Höllen-Anlage aus der Dose und unter¬ 
brach mich gerade auf dem Zenit meines Gitarrensolos. Statt Beifall 
bekam ich ein spitzes „Aufhören!“, nicht gerade motivierend. Aber 
welcher Prophet, sprich Rockstar, galt schließlich von Anfang an et- 4 
was im eigenen Lande? 

Ein Ortswechsel musste her. Also wurden meine Aktivitäten verlegt. 
Die angesagten Rockstars zogen in die Weltmetropolen. Ich zog in 
das Obergeschoss des Hauses meiner Eltern, das nur von meiner äl¬ 
teren Schwester bewohnt und sporadisch genutzt wurde. Das Wohn¬ 
zimmer war frei für meine Phantasie- und Spielzeug weit. Die Eisen¬ 
bahn zog sich durch die Spielzeugstadt, in der sich Ritterburg, Bau¬ 
ernhof, Zoo, Western Saloon und Parkhaus neben Lego- und Papp¬ 
häusern befanden. Dazwischen tummelten sich Zinn- und Plas¬ 
tiksoldaten, Cowboys und Indianer, Playmobilmännchen und die 



OX-FANZINE 14 












KOLUMNEN 


damals beginnende Puppen- und Teddybärensammlung meiner 
Schwester. Mit Kreide zog ich meine Straßen durch die Miniatur¬ 
stadt, wo der Teppich nicht mehr ausreichte, um meine Matchbox¬ 
autos zu platzieren. Das war meine Welt, in der ich meine Rockstar- 
Identität finden würde. Ein cooler Name musste her. Ich nannte 
mich ab diesen Zeitpunkt Simon Brien. Zugegeben, im Nachhin¬ 
ein sehe ich hinter diesem Namen auch kein sonderliches Künstler¬ 
potenzial, geschweige denn Wiedererkennungswert. Damals schien 
mir der Name genau der Richtige zu sein, klang das doch so eng¬ 
lisch und international. 

Rockstars mussten jung sein, aber keine Kinder, so wie das heu¬ 
te bald der Fall ist. Ich war natürlich der Bandleader, sang, spiel¬ 
te Gitarre und Piano. Der Harte und der Sanfte, der Mädels wegen, 
wenn’s denn mal sein musste. An meinem Alter musste ich noch et¬ 
was drehen. Deshalb schlug ich einfach mal zehn Jahre drauf. Jetzt 
brauchte ich nur noch eine Band. Die „Leute“ dazu fand ich in der 
Stofftiersammlung meiner Schwester. Rockstars mussten hager sein. 
Lieber ein abgemagerter Sid Vicious als ein fetter Elvis Presley. Un¬ 
ter den Teddybären fand ich einen besonders schlaksigen und abge¬ 
griffenen Kerl, der vor allem cool seine Arme bewegen konnte. So 
wie PeteTownshend von THE WHO. Das war Freddy - Freddy Chest, 
um genau zu sein, der Gitarrist. Am Schlagzeug musste ein straigh- 
ter Typ her, so jemand wie Phil Rudd von AC/DC oder Cozy Po- 
well, der unzähligen Hardrockprojekten seinen Stempel aufdrück- 
te. Ein durchgängiger, druckvoller Beat mit klaren Betonungen an 
den richtigen Stellen. So einen Kerl brauchte ich. Und den fand ich 
an der Losbude auf dem Volksfest. Im wahrsten Sinne des Wortes ein 
Hauptgewinn. Da war er also, Ronny Moreno, der gerade auf Tour 
war mit seiner eigentlichen Hauptband MAXIMUM SPEED, der Vör- 
gängerband der Südstaatenrockindianer BLACKFOOT. 

Ronny war als Stofftier ziemlich groß. Es handelte sich dabei um 
eine Art Schimpansen in fürchterlichen Latzhosen. Soweit ich mich 
erinnere, war die Hose rot und blau. Da er bereits eine sitzende Hal¬ 
tung hatte, war klar, dieser Affe, ähm - Ronny Moreno - war der 
optimale Drummer für diese Band. Ronny war übrigens der ein¬ 
zige von uns, der bereits Banderfahrung hatte. Die Band war noch 
nicht komplett. Wir brauchten noch einen Bassisten. Rockstars müs¬ 
sen nicht nur jung, sondern irgendwie auch cool sein. 

Nicht, dass wir drei nicht bereits einen sagenhaften Coolnessfak- 
tor gehabt hätten, aber wir brauchten noch so jemanden wie John 
Deacon von QUEEN. Der Typ schrieb im Stillen ein paar Hits, wuss¬ 
te den Bass gekonnt einzusetzen und war ansonsten eine sehr ruhi¬ 
ge Seele. Deacon hatte Stil. Dies bewies er nicht zuletzt, als er eine 
Reunion von QUEEN ablehnte und sich von der Musicalproduktion 
„We Will Rock You“ distanzierte. Einen Typen dieses Kalibers fand 
ich unter den netten Teddys meiner Schwester. Eher unscheinbar. Joe 
Lord wurde also in sachlich kompetent wirkender Musikerpose der 
Bassist, der zudem das nötige Know-how für die Technik mitbrach¬ 
te und uns produzieren sollte. 

Das Wichtigste einer Band ist aber ganz klar der Bandname. Eines 
war klar, der Name musste Feuer haben, ein Hingucker, aber trotz¬ 
dem abstoßend sein. Plattencover zeigten actiongeladene Bilder und 
Monster. Meine Begeisterung wuchs dieser Tage sowohl für Metal als 
auch für Punk. Der Name sollte an beides erinnern. Eines schönen 
Tages lag wieder ein neuer Metal Hammer für 4,80 DM in meiner 
Hand. Ein Haufen Geld. Während heute jedem Blatt eine DVD oder 
mindestens eine CD beiliegt, war es damals schon etwas Besonderes, 
als genannter Ausgabe eine Flexi-Disc beilag. Das gute Stück Plas¬ 
tik beinhaltete einen Song der amerikanischen Hardrockband RATT. 
Und so klischeehaft und beknackt der Name heute auch klingen 
mag, so genial fand ich ihn damals. In großen Lettern kündigten uns 
die Veranstalter in ihren großen und in meinen fiktiven Arenen an. 
Und irgendein geschniegelter Promoter brüllte frenetisch von der 
Bühne ins Mikrophon: „Ladies and gentlemen. We proudly present: 
THE DYNAMITE RATTS“ - Der Anfang einer Rocklegende ... 

Simon Brunner 


GEMUSTERT, AUSGEMUSTERT 
... MUSTERMENSCH 

Ich schleiche auf der Suche nach 
alternativer Kultur durch Duisburg 
und komme mir vor wie ein Kamel 
in der Wüste. Keine Oase in Sicht. 

Sicher, kann man auch in Duisburg etwas erleben. Wenn man denn 
nicht so hohe Ansprüche stellt. Waren das noch Zeiten, als in der 
Fabrik noch regelmäßig Punk- und Hardcore-Konzerte stattfanden. 
Wenn ich heute darüber sinniere, kommt es mir fast wie ein Traum 
vor, eine entfernte Erinnerung, die immer mehr verblasst. Doch 
am Horizont erscheint eine Gruppe Menschen, die nicht mehr das 
trostlose Dasein dieser Stadt akzeptieren wollen. „Mustermenschen“ 
wollen sie sein, das Leben alternativ leben, Freiräume schaffen, In¬ 
dividualismus bewahren. 

Aber das stößt auf jeden Fall in Duisburg nicht wirklich auf offe¬ 
ne Arme. Mustermensch e.V existiert seit knapp zwei Jahren. Sie ra¬ 
ckern sich ab, um ein Haus zu finden, einen Platz, wo Punk und 
Nichtpunk Workshops, Konzerte und Jugendarbeit eigeninitiativ 
organisieren kann. Aber in Zeiten, wo man alternative Refugien wie 
das Ungdomshuset in Kopenhagen einfach abreißt, oder versteigert 
- siehe die Köpi in Berlin, sowie vermeintlich konspirative Antifa- 
Treffpunkte bezüglich des G8s paranoid durchsucht — ja, da sieht es 
ja schon fast mau aus, mit der städtischen Unterstützung. 

Auch in Duisburg wird lieber ein Casino gebaut, oder es werden 
millionenschwere Kredite für das marode Rotlichtviertel bewilligt. 
Ach, doch! Da wird noch ein Haufen Geld in ein „Kulturzentrum“ 
namens Hundertmeister gepumpt, das quasi jeden Monat zwei 
BLUES BROTHERS-Coverbands auftreten lässt und dessen Progamm 
so schlecht ist, dass sich schon die Presse weigert, dieses überhaupt 
zu veröffentlichen (ich glaube, diesem Thema werde ich mich mal 
ausgiebiger zuwenden.) Ja, so sieht eine ordentliche 'Kulturförde¬ 
rung in Duisburg aus. Wollen die Mustermenschen überhaupt so 
eine dubiose Unterstützung? Nein, das wollen sie sicher nicht. Sie 
können aus eigenen Mitteln ein Haus finanzieren, der Unterhalt ist 
gedeckt. Nur woher nehmen, wenn nicht stehlen? Fragen über Fra¬ 
gen. Da sind doch bestimmt noch andere kluge Leute in Duisburg 
unterwegs, die euch dabei unterstützen können. 

Gemeinsam gegen den hirnlosen Einheitsbrei! mustermensch.org. 

JeNnY Kracht 




CHRONIK EINES AUFSTIEGS 
ZUR WELTHERRSCHAFT, 

FOLGE 2 

Wer die nächste Folge einer meiner 
Kolumnen nicht abwarten kann, hat 
ab sofort die Möglichkeit, die ent¬ 
sprechende Rubrik in Buchform bei 
mir zu bestellen. 


HC 


EIGENE SCHEISSE 

Es ist laut da unten, hier oben ist 
es eng. Ich sitze auf einem Fens¬ 
terbrett, links von mir Wand, rechts 
von mir Mischpult. Das Bier zu mei¬ 
nen Füßen kriege ich nur schwer zu 
greifen, bewegen ist eigentlich gar 
nicht drin. 


07.07.2006: Oh nein, schon wieder Discoabend auf dem Bellers- 
heimer Sportplatz! Da viele von euch wahrscheinlich so glücklich 
sind, nicht auf dem Land zu wohnen, und daher gar nicht wissen, 
was ein Discoabend ist, gebe ich euch erstmal einen kurzen Crash¬ 
kurs in Bauernkunde: Auf dem Dorf gibt es nicht viele Discos und 
deshalb wird jedes Wochenende in einem anderen Kaff ein Festzelt 
aufgestellt, in dem sich dann sämtliche Idioten aus dem Umkreis 
von 30 Kilometern versammeln, in dessen Nähe ungefähr 100 Leu¬ 
te kotzend im Feld hegen (so wie ich, als ich mir eine solche Veran¬ 
staltung mit 16 zum letzten Mal angetan habe, aber das ist eine an¬ 
dere Geschichte ...) und bei denen das Gewaltpotenzial proportional 
zu Zeit und Einnahmen durch Alkoholverkauf zunimmt. 

Während also der Discoabend nach dem Deutschlandspiel um den 
dritten Platz immer mehr in die Gänge kommt, bevorzugen wir es, 
auf einem Grundstück direkt nebenan zu feiern. Ich wollte schon 
immer mal eine Bombe auf einen Discoabend schmeißen, und als 
mir S. plötzlich einen ans Teichufer gespülten Fisch präsentiert, sehe 
ich die große Chance gekommen. Obwohl ich es kaum noch ab¬ 
warten kann, warten wir noch, bis sich eine dichte Menschenmen¬ 
ge angesammelt hat, schleichen uns dann von hinten an den Zaun 
heran, S. legt den Fisch auf eine Schaufel, holt aus und ich sehe den 
Fisch nur noch im hohen Bogen Richtung Vollidioten fliegen, bevor 
wir alle Mann die Flucht ergreifen. Diese Aktion macht so gute Stim¬ 
mung und erscheint uns so gelungen, dass wir sie unbedingt wie¬ 
derholen und am besten noch steigern wollen. 

Nur leider kann man die Fische nicht zwingen, tot am Teichufer 
zu liegen, und die Fische mit der Schaufel zu fangen, wäre wohl 
auch eher aussichtslos. Also was tun? Es ist wieder S., der die zün¬ 
dende Idee hat und kurzerhand auf die Schaufel scheißt. Dann wie¬ 
der ab zum Zaun, ausgeholt, Scheiße durch die Luft geschleudert 
und schnell wieder weg. Ich hätte zu gerne gesehen, wie irgendein 
eingeölter Discogänger mit vor Coolness eingefrorenem Bier in der 
Hand versucht, ein 14-jähriges Mädchen aufzureißen, als ihm plötz¬ 
lich aus heiterem Himmel ein toter Fisch vor die Stirn klatscht. Da 
ich ein großer Fan des Konsequentseins bin, will ich das Ganze jetzt 
mit einem Backstein wiederholen, aber wie so oft wird mein Vor¬ 
schlag wieder einmal abgelehnt... 

03.09.2006: Scheinbar habe ich schon so oft meinen Dosenpfand 
im Hungener Getränkemarkt abgegeben, dass mich der Typ, der im 
Lager die leeren Bierdosen annimmt, in der Schule grüßt. Das be¬ 
stätigt mich in meinem Verdacht, meine Wampe könnte doch vom 
Saufen kommen. 

27.10.2006: Jonas erzählt mir, dass er ein uraltes Freundebuch aus 
der Grundschulzeit gefunden hat und ich als meine Lieblingsschul¬ 
facher „Religion undTangram“ angegeben habe. Religion?! Ich?!? 
Und was zum Teufel istTangram?!?! Ich kann mich nicht daran erin¬ 
nern, in dem Alter irgendwelche Drogen genommen zu haben, aber 
eine andere Erklärung habe ich bis jetzt auch nicht. 

Liebesbriefe, Morddrohungen & Nacktbilder von euren Ex-Freun- 
dinnen an: tobias_weber@onlinehome.de Tobias Weber 


Noch bevor ich „Haltet die Klappe, ich beginne jetzt zu singen“ 
brülle, ist mir klar, dass ich die da unten heute nicht kriegen wer¬ 
de. Die sind nicht wegen mir da, nein, die sind da, weil sie feiern 
wollen, weil der Friseursalon da drüben heute seinen schmucken 
neuen Laden aufmacht. Ich darf da heute nur sitzen, weil ich mit 
dem Veranstalter der Party heute zusammen Anarchokrachavantgar- 
deprojekt mache. 

Höflicher Applaus nach dem ersten Lied, was Schnittiges über Ab¬ 
schiebung zum Einstieg. Beim Lied über das kleine Schwein und die 
kleine Kuh und den kleinen Schlachter mit dem kleinen Genick¬ 
schussapparat hinterher merke ich sogar Reaktionen, es wird disku¬ 
tiert. Der Lärmpegel nimmt nicht ab, Zeit das Anarchokrachavant- 
gardeprojekt zu covern und ordenthch rein zu schreien. Jetzt habe 
ich sie, kurz darauf beim/uhigen Lied über Konsumwahn habe ich 
sie schon wieder verloren. „Sing was, was uns alle angeht, und nicht 
nur deine eigene Scheiße“, brüllt ein Partygast. Ich verspreche ihm 
das zu tun, und improvisiere eigens für ihn, meinen nächsten gro¬ 
ßen Hit „Eigene Scheiße“. Das Publikum lacht, Kollege Zwischenru¬ 
fer schaut böse, und widmet sich wieder seinem Bier. Ich beschlie¬ 
ße, den Lärm zu ignorieren und das Beste daraus zu machen. Im¬ 
merhin spiele ich heute für einige Freigetränke und einen Haar¬ 
schnitt. Ich kürze um zwei Songs, bringe am Schluss den Hit über 
den Bürgermeister und gebe auf. Es wird Zugabe gerufen. Sollen sie 
kriegen, bevor zu Rockmusikklängen aus der Konserve weiter ge¬ 
feiert werden darf. 

Einigen hat’s gefallen, einige gratulieren zum Mut. Ich bin froh, dass 
die Stimme mitgespielt hat, die ich mir am Montag beim deutlich 
besser angenommenen Gig mit dem Anarchokrachavantgardepro- 
jekt ruiniert habe. Der Mann von der Technik entschuldigt sich zig¬ 
mal dafür, dass man die Gitarre überhaupt nicht gehört hat. 

Ein Monat früher, andere Bühne, größere Bühne, Kleinkunstwettbe¬ 
werb, mein Solodebüt. Vor zwei Jahren habe ich bereits mit dem An- 
archokrachavantgardeprojekt hier gestanden, großes Theater, heute 
noch Kult, sagt der Veranstalter. Ich sitze auf der Bühne, habe nicht 
die geringste Ahnung, wie das hier ausgehen wird, habe nicht die 
geringste Ahnung, wie die zum Lachen gekommene Meute meinen 
sozialkritischen, teils politischen, teils einfach nur dämlichen Lie¬ 
dern gegenüber stehen wird. Die Anfangsansage habe ich versem- 
melt, es gibt irritierte Blicke beim Abschiebungssong. Spätestens bei 
der rührenden Story über das Schwein, die Kuh, den Schlachter und 
das Blut habe ich sie, habe ich sie in meinen Bann gezogen, sie für 
mein Tun da oben auf der Bühne interessieren können. 
Kabarettpublikum ist anspruchsvoll, nicht so anspruchsvoll aber wie 
Friseursaloneröffnungspublikum.Vör allem der Backstageraum tobt. 
Da wo die Veranstalter sitzen, die Roadies und die Barcrew, geht’s ab. 
Vor allem beim letzten Lied, dem Lied über den Bürgermeister, über 
den der immer schimpft, über Türken, über Bettler, Drogensüchtige 
und Punks. Ich singe ein Lied über ihn und die ewige Schimpferei, 
das Publikum findet’s gut. 

Als ich mich nach dem Auftritt zu meiner Freundin an den Tisch set- 


AbanT&UfcP in 


PUNKROCKCITY 


Es herrschen ungewisse Zeiten! 
Auf nichts und niemanden ist mehr 
Verlass, nicht mal in unserer musi¬ 
kalischen Subkultur. Oder wie soll 
ich mir das folgende Erlebnis einer 
Bekannten an einem bundesdeut¬ 
schen Hauptbahnhof erklären? 


r* 

WC 

1 im 


Hey Mädel! Wir haben uns 
was überlegt! Wir schnorren 
immer und nerven damit alle 
Leute. Das muss dringend 
anders werden... 




Deshalb hast Du hier ein 
bisschen Kleingeld. Kauf dir 
was Schönes! Aber nicht 
alles auf einmal ausgeben! 



Verblüffend! Ebenfalls bemerkenswert finde ich aber auch 
. die teilweise kaum noch vorhandene musikalische Schnitt- 
! menge mit Punkrockern jüngeren Alters... 


Häh, wer? 
Nee, nie von 



Und auch Schlagzeuger von künstlerisch 
ambitionierten Ambient-Noisecorebands 
gelangen nach 8 Bieren nur noch zu eher 
weniger kulturell wertvollen Erkenntnissen. 



Was für ein schönes Schlusswort! 
Bis zum nächsten Mal!!! 

© 14.05.2007 Bernd Fischer 
Kontakt: bernd@ox-fanzine.de 
R.i.P. GROOVIE GHOULIESÜ! 


OX-FÄNZINE 15 




































































KOLUMNEN 


ze, trällert eine etwa fünfzigjährige Lady in der silbernen Glitzerblu¬ 
se mein Lied „Lala Hirn aus Kleister, lala Bürgermeister“. Fürs große 
Finale reicht’s heute leider nicht, dafür laden mich die netten Leute 
vom Laden dazu ein, am Sonntag beim so genannten „Schaulaufen“ 
noch einmal aufzutreten. 

Die Lady in der Glitzerbluse ist nicht da, die Reaktionen bleiben ver¬ 
haltener als am Freitag, sind aber okay. So wie meine Grundstim¬ 
mung nach meinen ersten drei Gehversuchen als Alleinunterhalter, 
Singer/Songwriter, Liedermacher okay ist. Ich habe etwas Neues 
ausprobiert, mal kommt’s super an, mal weniger, mal gar nicht. 

Ich mache auf jeden Fall weiter, mache weiter wegen des johlenden 
Backstageraums, wegen der Glitzerlady und um Mr. „Eigene Schei¬ 
ße“ in den Arsch zu treten. H.C. Roth 


VOR EINIGER ZEIT 

... habe ich mich an dieser Stel¬ 
le über den Deutschpunk und sei¬ 
ne grausamen Ausprägungen aus¬ 
gelassen. 

Umso mehr werden meine Erlebnisse in der freien Wildbahn, von 
denen ich euch heute berichte, den geneigten Leser verwundern. 
Ich war nämlich auf einem Konzert der GHOSTBASTARDS aus Wetz¬ 
lar. Den Bandnamen habe ich dem Plakat entnommen, da die Band 
selbst ihren Namen wie „Ghostbusters“ aussprach. Die ersten Ak¬ 
korde konnte ich mir ja noch gefallen lassen. Doch dann - begann 
der deutsche Gesang mit einem Stimmchen, das irgendwo zwischen 
Fisch von den LOKALMATADOREN und einer gequälten Quiet¬ 
scheente lag. Ich hatte mich noch gar nicht ganz erholt, da begann 
der nächste Song. Auf Englisch, oder zumindest in einer Sprache, die 
der Sänger dafür hielt. Ich muss euch sagen, wenn ich drei Minu¬ 
ten brauche, um „Sheena is a punk rocker“ zu erkennen, handelt es 
sich erfahrungsgemäß um keine gute Coverversion. So war ich aus¬ 
nahmsweise mal erleichtert, als der Wetzlarer Sängerknabe wieder 
zum heimatsprachigen Dialekt zurückkehrte. 

In der Zwischenzeit hatte ich Gelegenheit, auf die Band „Erna Pflei- 
derers küchenpsychologische Grundregeln für Rockbands“ anzu¬ 
wenden. Hier die bandspezifischen Grundtypen: 

DER OBERMACKER. In diesem Fall der Sänger. Sieht szenetypisch 
aus, hat die Band gegründet und die besten Platten zu Hause. Falls es 
Groupies geben sollte, bekommt er am ehesten eines ab. 

DER BESTE FREUND. Hat schon im Sandkasten mit dem Oberma¬ 
cker gespielt und musste bei Batman-Spielen immer der Robin sein. 



Seit es die Band gibt, kauft er Platten und Band-T-Shirts, zu denen 
ihm der Bandchef rät, und hofft, dadurch auch endlich mal ein 
Groupie abzubekommen. In diesem Fall der Gitarrist. 

DER STREBER. Er spielt in der Band mit, weil es sonst keinen Be¬ 
kannten gab, der sein Instrument beherrscht. Das beherrscht er auch 
wirklich, nervt die Restband jedoch mit Gelaber, dass Punkrock un¬ 
ter seinem Niveau sei und er sein wahres Talent besser in einer Free- 
Jazz-Combo verwirklichen könne. Bei dieser Band der Schlagzeuger, 
bei dem auch manisches Schwenken der Öko-Lockenmatte nicht 
viel zum Punkrockfaktor beitrug. 

DER KUMPEL. Nicht zu verwechseln mit dem besten Freund. Der 
Bandkumpel wollte schon früher bei allem dabei sein und wurde 
abgewiesen, weil es halt nicht „Batman und Robin und noch einer“ 
hieß. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er weder cool ist noch in ir¬ 
gendeiner Form sein Instrument beherrscht. Meistens hat er reiche 
Eltern, die den Proberaum zur Verfügung stellen, oder kurvt mit En¬ 
gelsgeduld seine besoffenen Kollegen in Muttis Auto zum nächsten 
Konzert. In diesem Fall der Basser, dem ich einmal wieder den al¬ 
ten Grundsatz ans Herz legen möchte: Männerbeine sind in den we¬ 
nigsten Fällen schön. Und weiße Socken, hässliche Turnschuhe und 
Bermudashorts auf der Bühne gehen schon mal gar nicht. 

Wenn ihr also demnächst eine ältere Dame vor eurer Bühne seht, 
die sich fleißig Notizen in ihr kleines Hobbypsychologenbüchlein 
macht, dann ist das sicher ... Eure Erna Pfleiderer 

EIN FRÜHLINGSGEDICHT 

Ich habe mein gesamtes bisheriges 
Leben entrümpelt und die Essenz 
davon in drei Kartons gepackt. 

Bemerkenswert ist, was einem währenddessen alles in die Hände 
gelangt: Alte Liebesbriefe sowie eine Kondomsammlung, die ich im 
Alter von zwölf Jahren angelegt hatte und deren Haltbarkeitsdatum 
das Jahr 1995 nicht überschreitet. Beschämenswerteste Fotos, ge¬ 
fälschte Busfahrkarten und Entschuldigungen aus Schultagen, Nin¬ 
ja-Sterne und andere Waffen. Die Kanüle, mit der mir meine Jugend¬ 
liebe mit 16 einen Ring durch die Lippe gejagt hatte, ohne zuvor ein 
Seminar zur Piercerin belegt zu haben. Zudem abgelaufene Psycho¬ 
pharmaka und eine Zuckerwattenmaschine. 

Darüber hinaus auch das folgende Tagebuch eines Zwölfjährigen, 
welches nach fünf A6-Seiten endet, und vor dem ich den Leser die¬ 
ser Kolumne nun nicht verschonen werde. 

Man stelle sich folgende Zeilen in einer leicht nach links gekipp¬ 



ten Tinten-Füllfederhalter-Schrift vor. Ein Schriftbild, welches häu¬ 
fig in der Orientierungsphase junger Mädchen auftritt, und welches 
ich mir zu jener Zeit ganz einfach abgeguckt hatte, weil ich dachte, 
es wäre cool, so zu schreiben. Rechtschreib-, Grammatik-, Zeichen- 
und Ausdrucksfehler wurden aus Gründen der Authentizität an die¬ 
ser Stelle beibehalten. 

04.02.1992: Ich bin seit drei Tagen in Tina I. verknallt. Ich schrieb 
ihr gestern einen Brief indem stand daß ich mit ihr gehen will. 
Nachmittags so etwa um 15.15 Uhr gab ich ihr ihn und den Ab¬ 
schiedsbrief für Katrin mit der ich Schluß machen wollte weil ich 
glaube dass sie das ganze mit unserer Beziehung nicht ernst nahm. 
Abends rief ich Tina an um zu Fragen ob sie Katrin den Brief gege¬ 
ben hatte. Sie hatte ihr den Brief gegeben. Katrin war sogar bei Tina. 
Tina gab mir Katrin, ich wusste aber nicht was ich sagen sollte weil 
ich ihr gegenüber immer sehr schüchtern war und wollte Tina wie¬ 
der sprechen. Dann fragte ich Tina ob sie den Brief den ich ihr ge¬ 
schrieben hatte gelesen hatte. Sie hatte ihn gelesen wusste aber noch 
nicht ob sie mit mir gehen wollte. 

Heute habe ich sie dann angerufen und fragte ob sie es sich überlegt 
hat. Sie wußte es noch nicht und konnte auch nicht sagen wann sie 
es ungefähr wüßte. Sie klang eher unfreundlich dabei. Dann rief ich 
Marco an der ihr Exfreund war und mein bester Freund. Wir unter¬ 
hielten uns über Computerspiele. Ich erfuhr dann auch das Tina ihn 
gefragt hat ob er wieder mit ihr gehen wollte. Er wollte es, und es 
ihr morgen in der Schule sagen. Jetzt rief ich sofort noch mal Tina an 
und fragte sie ob das mit dem Marco stimmt. Es stimmte leider. 

Es ist mir jetzt klar daß ich nicht mehr viele Changsen bei ihr hab. 
Ich schätze sie bevorzugt es mit dem Marco zu gehen. Sie würde be¬ 
stimmt mit mir gehen wenn Marco nicht auch mit ihr gehen wol¬ 
le daß sie ja morgen erfahren wird. Ich gib die Hoffnung mit ihr 
zu gehen aber noch nicht auf. Sie wollte es sich ja überlegen. Viel¬ 
leicht denkt sie ja ganz anders als ich schätze. Auf jeden Fall will 
ich sie morgen anrufen und fragen ob sie wieder mit dem Mar¬ 
co geht. Wenn nicht, dann frage ich sie wehn sie eigentlich bevor¬ 
zugt. Mich oder Marco? Hoffentlich wird es dazu kommen, dass sie 
mit mir gehen wird. 

05.02.1992: Heute habe ich sofort nach der Schule Tina angeru¬ 
fen und habe gefragt ob sie wieder mit Marco geht. Sie ging wie¬ 
der mit ihm. Ich war aber weiterhin nicht traurig. Ich hatte es ge¬ 
wußt daß es so kommen wird und hatte immer mit dem schlimms¬ 
ten gerechnet. Dann hatte ich noch gefragt ob die Katrin eigentlich 
traurig oder gar sauer war daß ich Schluß mit ihr gemacht hatte. Sie 
war aber nicht sauer oder traurig, sie war eher froh darüber. Sie war 
nie so ernst im Thema Liebe. Sie war immer sehr Kindisch, hat Auf¬ 
kleber getauscht und so. 


As I embark upon this adventure it’s not entirely certain 
that NI make it to the end. Not wanting to tempt fate or 
have it give me a swift kick up the jacksy y’understand. 
The way this Computer is acting up lately then the likeli- 
hood of „total phut“ is always a possibility. It makes me 
long for the days of paste up and this auld geezer honestly 
believes that there is no Software on earth that can match 
that old-fangled practice. But, without any further ado and 
all that, let’s Start with some prime New York Rock in the 
form of THE STAR SPANGLES „Dirty Bomb“. 

I despair sometimes when considering the popularity of groups like THE KAISER CHUMPS, etc. Yours 
truly is down with the concept of recycling but not without some kind of twist. THE STAR SPAN¬ 
GLES suffered their major label tussle by being compared to groups that they were so far beyond that 
it’s laughable. However, Joe and Jess Public did what they do best, they plumped for the safe Option. 
These guys were presumably a little too edgy in their having been passed the baton of banging out real 
NY rock.Taking the pop aesthetic of classic RAMONES and the skirling guitars of CHEAP TRICK orTHE 
DOLLS and injecting a smidge of FACES type pub rock into the mix. Which brings us neatly to this long- 
awaited follow up to „Bazooka“, which includes Ian McLagan weighing in with piano and Hammond, 
Rieh Stirn on Sax and Daniel Rey also tinkling them ivories. Since the recording, the rhythm section as 
was has flown the coop and has been replaced. Released on their own Tic imprint, DB crashes in the 
way it means to go on with „Take Care Of Us“. Recalling a time when rock’n’roll was big and brash. 
When it sounded majestic, before it was simply another commodity. And like all fine punk rock there 
are the little harmonics, summoned up by the sheer joyous noise of it all. And then there’s the gang vo- 
cals and the choruses. „Gangland“ will give you the collywobbles, the louder you play it the colly-er the 
wobble.The drum corps type build in the middle is enough to bring a tear to a glass eye. I like the Unfor- 
given style penny whistle Morricone fill that appears for a split second before „I’m On A High“ bursts in 
to recall the aforementioned Boston type grandeur.The peculiar thing about this band getting the spring- 
board to becoming populär is, in my opinion, this. If people could see them then the songs would over- 
come them virus like. Messrs Wilson and Volume are disenfranchised heroes, trapped in a world they ne- 
ver made.The album closes with „Someone In You“, a down-home slice ofAmericana sung by Tommy. A 
Stones-y hymn to their camaraderie and the staunch support of their hardcore. The album title is some- 
what understated and the sonic fallout of these songs has a half-life that is way longer than any of the la¬ 
test bollocks that the „meeja“ is getting ready to serve up to the stupid and/or terminally hip. THE STAR 
SPANGLES are here to bash some sense into whoever is ready. 

THE NEW YORK LOOSE that should have been a legend in their actual lifetime.Thankfully, even alt- 
hough they gave up, they never gave in. „Born To Loose“ is a Collection of rare and live sides that indica- 
tes just how great they were. It’ll hopefully provide those who never came across them with the smarts 
to petition a reissue of their fantastic „Year Of The Rat“ album that came out on Hollywood Records 
many moons ago. Brijitte West should have been a star. She should have been on the cover of all the ma- 
gazines. However, the various powers that were, blew it. Imagine if THE DOLLS were THE SWEET 
fronted by Suzi Quatro channelling Chrissie Hynde. Man, this lass could pout and by all accounts 
still can. That’s why she’s giving this rockbiz another roll of the dice starting atThe Dirty Water Club in 
London on May 18th. „Bitch“ Starts the whole ball rolling with that patented NY glampunk shimmer 
that makes our eyes water every time. The kind that very few bands this side of THE SPANGLES are 
capable of wrangling. „We are the monolith kids“ goes the chorus of track two and they were so right. 
„Pretty suicide“ is THE glitter rock anthem in waiting. I could describe them all to you but wouldn’t 
you rather bathe in the glam-deur yourself? 19 tracks with added bonus of Video enhancements. „Lord 
Won’t You Send Me A Devil“ sends me spinning back to the Lower East side watching The World Fa- 
mous Blue Jays bring down the amphetamine country that was much in its infancy at the time. I 
think this is distributed in Germany by Cargo and I’m sure that if you speak nice to Lutz at Soundflat 
he TI be able to hook you up. 

And talking of SUICIDE but not necessarily of a pretty variety, Alan Vega’s new set „Station“ on Blast 
First/Mute is a dense dark cauldron of electronic bile. It heralds the Start of a period of activity both solo 
and along with his old mucker Marty Rev. It’s thirty years since they made the album that would alter 
the course of music forever. SUICIDE will be issued again with almost Deutsche Grammofon type sound 
quality on CD and vinyl soon. 

Imissed THE SCIENTISTS recent shows around Europe which was a bit of a pisser. Still, you cannae 
always get what you want and all that. I found some solace in the mini-album by Boris Sujdovic en- 


N.BX 

THE NEXT BIG THING 

TEENAGE EXCJTEMENT, ROMANCE 
ANP MYSTfRy.' 


/THE NEXT BIG THING 


titled „Fuzz Machine“ just released by the Basque Country based Bang! imprint. If Philip Spector produ- 
ced the aforementioned Rev andVega with sundry Scientist and Cramp flavourings then this could have 
been the result. It out Stooges The Weirdness by a good country mile and beats The Mary Chain at their 
own game. Absolutely relentless. Doktor Avalanche evidently has a cousin down under yonder and ol’ 
Boris is David Essex from die darkest side imaginable. Bang has also issued Salmon, a huge slab of guitar 
orchestration which should be played loud enough to Strip paint. 

Hanging in with Australia, CAPITAL CITY’s „Bad Money“ kicks off with a glammish Stomp that recalls 
THE REIGNING SOUND in „Let’sThrow Our Love Away“.This latest In-Fidelity crew tweak all the right 
nipples and I bet these songs really fly when performed onstage. They’re almost too big for just a tiny 
CD. „Come On and Work For The Lord“ conjures up a GUN CLUB vibe in a way that you’ll have to hear 
to believe. Want to hear the ides of „Heroin“ turned into a folk-rocker?Then check out „Beggar Please“. 
The CAPITAL CITY moniker really hides these folks light under a bushel and they swing with that con-, 
siderable charm that made STONEAGE ROMEOS so special to us. 

MY BUDDY MOOSE are from Croatia and their album on dancing Bear was produced by the gre¬ 
at Dalibor of THE BAMBI MOLESTERS. It’s like Lloyd Cole fronting Loaded era Velvets channelling some 
Greg Cartwright sounderaft. There are several folk elements and also accordion also and it all combines 
to create a somewhat unique yet familiär stew. Any group that has the balls to call an original song „He- 
arbreak Hotel“ and better yet pull it off has to be doing something right. Check ’em out on myspace if 
you feel you’re having your chain yanked. 

Now that THE BOONARAAAS!!!’ „5 Steps Ahead“ is out of the traps, I expect it’ll be a wee while un- 
til the next one. Haven’t heard from the girls in a while but I hope it’s all progressing swimmingly. In fact 
there is an interview with them in this very issue. Any way THE MICRAGIRLS „Feeling Dizzy Honey“ 
will feed any ongoing jones for gal garage kicks. It drives long like a three-wheeled jalopy with a primal 
thrust you just don’t hear too often. Organ charged, fuzzed up and frugging ready for anything - the¬ 
se three Finnish ladies look like butter wouldn’t melt. But, looks can be deceiving and whatever they’re 
taking to work up this frenzied ruckus probably isn’t available on any prescription. „My my micraboy“ 
would have made Joey Ramone smile, can you think of a higher accolade? Low on fi but big on spirit 
and heart, check ’em out on BoneVoyage Recordings. 

Similarly no frills is THEE FINE LINES „Set You Straight“ which sounds like it was made to be blas- 
ted out of a transistor radio. Not one of those digital things that are becoming all the rage. Once again, I 
don’t recognise the comparisons with Billy Childish. There’s not a whiff of the impressionism that per- 
vades much ofthat guys work. I feel kind like BC is the opposite side of the Paul Weller coin, this 3-pi- 
ece on the other hand deliver short sharp jolts of primo garage-punk not unlike our own Thanes. Based 
in Skele-country - Springfield, Mo - they have that extra edge that evidently comes from whatever is put 
in the water there. Lou Whitney once told me it was „die buckle on the bible beit“. If that’s the case diey 
sure have a way with the devils music. 

By the time my next missive is due I’U have been to London to catch the UK debut of a chap by the 
name of Roky Erickson. I can’t believe he’s well enough to travel. Particularly after that terrible docu- 
mentary about him that’s just being released on DVD in the USA. The jury is out but by all accounts the 
shows in the US have been great. The reports came from reliable sources too but I’m keeping my expec- 
tations on a manageable level. It’s going to be a real gathering of the clans from all over. The full skinny 
will be unveiled in due course. 

The political landscape in Scotland is sort of bleak. The elections were a total balls-up and alt- 
hough we don’t need a passport to get over the border just yet, I’m sure the ID cards will take care of 
that when they’re dragged in. Actually the UK in general is pretty much fucked. Just today I walked 
around to the shop for the Sunday paper and notice that The Sunday Times is giving away a free „Punk“ 
CD. Now that can’t be right, can it? What happened to the generation chasm we created? I distinctly re- 
member cutting the rope bridge myself. However, in these commoditised times nothing, and I do mean 
nothing, is sacred. Punk has been engulfed. Most of the bands that are on the CD are still hawking their 
arses around in some shape or form with little or no regard for the importance of where they came 
from. What was once sacrilege and filth is just another arm of the entertainment industry. Ever get the 
feeling you’d been sold a pup? 

But anyways, there’s always an alternative to the proposed alternative and this here magazine can provi¬ 
de that antidote if you’ll let it. 

As always, you can reach me via the contact below if you’ve got something to convey. Having got this far, 

I still have to e-mail the file and am a litüe jumpy that it might all shut down and be lost. If you’re rea- 
ding this then my lack of faith was misguided. Until next time then ... 

May 13th 2007 


Lindsay Hutton, tnbt.co.uk 


OX-FANZINE 16 








KOLUMNEN 


Das war mir alles jetzt aber Scheißegal. Für mich war das Thema Lie¬ 
be jetzt gestrichen, einfach aus meinen Leben geworfen. Ich hatte 
genug Probleme. Ich wollte zum Beispiel einen guten Start in der 
Schule machen. Ich wollte einfach anders als die meisten sein. Also 
aus Weibern mir nicht mehr so viel machen und abwarten bis ein 
nettes Mädchen interesse an mir findet. Ich wußte aber nicht ob ich 
das alles aushalte. 

Ende des Tagebuches. 

Zwei Jahre später wurde ich Punker. Ich begann damit mir die Haa¬ 
re bunt zu färben, hatte mir ein Anarchie-Zeichen in den Arm ge¬ 
ritzt und China-Tusche drübergekippt. Ich fing mit dem Saufen an, 
mimte ein abgestumpftes Arschloch und die Schule war mir inzwi¬ 
schen scheißegal. 

Tina fand das affenstark und wollte schließlich doch mit mir gehen. 
Meine Kondomsammlung kam bald darauf erstmalig zum Einsatz - 
rechtzeitig vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums. 

Alex Gräbeldinger 


„DAS MULTITASKING HAT MIR 
NIE JEMAND ERKLÄRT ..." 
(ULTRAFAIR) 

Wir sitzen zusammen. Neben uns 
steht das Equipment der Band. 
Jörg stellt uns das neue Album von 
STEAKKNIFE vor. Mit leuchtenden 
Augen singt er mit. Kube sitzt ne¬ 
ben mir und nippt am Bier. 

Süffisant begleitet er mit einem minimalen Kopfnicken den Takt. 
Ich sitze gegenüber von Jörg und starre gierig auf das über ihm 
hängende THE THERMALS-Poster. Es ist Freitagabend. Wir genie¬ 
ßen unsere gemeinsame Zeit. Wir plaudern über Musik, Mädchen 
und Schwachsinn. „Stand by me“ für Erwachsene. Die Stimmung 
steigt. Vor lauter Eifer drehe ich Kube die rechte Brustwarze um. 
Er quiekt. Jörg lacht. Ich freue mich. Sicherheitshalber verschrän¬ 
ke ich die Arme vor meinem Oberkörper. Kube reibt sich den Nip¬ 
pel. Uns geht es gut. 

Eric stößt dazu. Die Gespräche über Musik werden ernster. Irgend¬ 
wann steht er auf und präsentiert mir abscheuliche Zeichnungen 
und noch abscheulichere Fotografien aus einem veralteten Buch 
über Krankheitslehre. Ich ekle mich. Jörg ist fasziniert. Kube hat sein 
Lachen wieder gefunden. Die Zeit vergeht wie im Fluge. 

Cut. 

„Zieh bitte die schwarze Jacke aus und setz dich!“ 

Eric sieht mich irritiert an. Mit einem verwunderten Gesichtsaus¬ 
druck setzt er sich. Die Jacke lässt er an. 

„Kennt ihr Cecil an der Orgel?“, fragt Jörg. 

Ein erst zurückhaltendes Schmunzeln expandiert in ein lautes Ge¬ 
lächter. Uns kullern die Tränen aus den Augen. Ich mache mir fast 
in die Hose. Eric verlässt den Raum, um zu urinieren. Nach ein paar 
Minuten kehrt er zurück. Er hat Yannik und Torben im Schlepptau. 
Kurios. 

Die Jungs wollen proben. Kube reagiert mit Fickbewegungen. Er äfft 
den Sänger von OXBOW nach. Es ist köstlich, erleben zu dürfen, 
wie er dabei die Mundwinkel bis zu seiner Glatze zieht und vor lau¬ 
ter Tatendrang ins Schwitzen gerät. Beinahe entgleist mir ein Trop¬ 
fen in die Hose. Es ist wohl besser, nun vorsichtshalber mal Was¬ 
ser zu lassen. 

Der lange mit Graffitis besprühte Flur des Bunkers bereitet mir Un¬ 
behagen. Aufmerksam blicke ich um mich herum. Konzentriert lese 
ich die Sprüche an den Wänden. Aus einem Proberaum ertönt selt¬ 
samer Ska mit deutschen Texten. Selten habe ich so eine lächerli¬ 
che Musik gehört. Ich rufe die anderen. Das Erleben dieser Mixtur 
aus wahnwitzigen Klangelementen und verkiffter Dreadlockpoesie 
möchte ich mit ihnen teilen. Sie verweigern sich mit einem halb¬ 
herzigen „Kennen wir schon.“ 

Nur Kube kommt mit, um sich am Klamauk zu ergötzen. Ich hat¬ 
te ihm nicht zu viel versprochen. Er krümmt sich vor Lachen und 
lässt versehentlich einen fahren. Als ich die Tür von dem fremden 
Raum aufreiße, sieht mich ein Haufen seltsamer Typen mit Batik¬ 
shirts verstört an. Ruckartig schlage ich die Tür wieder zu. Wir bei¬ 


de nehmen Reißaus, nehmen unsere Beine in die Hand und verste¬ 
cken uns auf den Sofas im Proberaum von ULTRAFAIR. Jörg ist ge¬ 
rade voll in seinem Element. Das kann doch nicht wahr sein. Wie 
macht er das bloß? 

„Wenn das aaaaaaalles ist, dann singe ich dir noch ein liebes Lied 

Mit den glasigen Augen eines an Diarrhö erkrankten Boxerwelpen 
lässt Kube die Kohlensäure in seinem Mund zergehen. Mir fällt ein, 
dass ich vor lauter Aufregung ganz vergessen hatte, meine Sexta¬ 
nerblase zu leeren. 

Vorsichtig verlasse ich den Raum; schaue nach links und dann nach 
rechts. Tapsend gehe ich zwei Schritte, schaue um mich und versu¬ 
che Haltung zu bewahren. Im nächsten Moment zucke ich zusam¬ 
men, lache in mich hinein, gehe einen Schritt vorwärts und bli¬ 
cke wieder um mich herum. Bei jedem weiteren Schritt wiederho¬ 
le ich diese Prozedur. 

Das Pinkeln gibt mir Halt. Es beruhigt mich. Am liebsten würde ich 
nichts anderes machen und meinen Penis nie mehr los lassen. Nicht 
etwa, um ihn bis zum Erguss zu manipulieren, sondern einfach, 
weil er mir in diesem Moment, in dieser Fremde, so vertraut ist. Er 
ist ein Teil von mir. Er gibt mir Halt. 

Ich kichere wieder in mich hinein. Ich ziehe den Reißverschluss 
hoch, blicke um mich herum und gehe wieder zurück in den Flur. 
Rechts entdecke ich eine weitere Tür. Ich bin neugierig. Aufgeregt 
öffne ich sie und gelange in einen weiteren Gang. Treppen führen 
noch weiter unter die Erdoberfläche. Ich möchte wissen, was dort 
unten ist. Ich schaue nach links und dann wieder nach rechts. Wie¬ 
der versuche ich Haltung zu bewahren. Es klappt nicht. Nach einer 
Sekunde kichere ich spastisch und tapse die steile Treppe hinab in 
die Katakomben. Verunsichert kralle ich mich am Geländer fest. Was 
wird mich bloß erwarten? Ein kurzer Gedanke, der gefolgt ist von 
einem leisen Kichern. 

Neue Wege erschließen sich mir. Viele neue Türen. Viele neue Räu¬ 
me. Ich höre Jazz. So etwas Schönes habe ich noch nie in meinem 
Leben vernommen. Ich kauere mich an die Wand, höre den Klän¬ 
gen zu und gucke herum. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich suche 
nach Halt. Ich vermisse Struktur. Ich habe Angst. Irgendwie fühle ich 
mich dennoch wohl, denn ich habe mich. Mir ist warm ums Herz. 
Ich streichle meine Backen. Ich fühle meine Hände. Ich durchstrei¬ 
che mit ihnen mein dickes Haar. Die Klänge durchdringen meinen 
Körper. Ich verliere mein Zeitgefühl. 

Ich muss weiter. Alles findet ein Ende. Ich muss mehr erleben. Alles 
ist so schön. Ich muss mehr sehen, mehr berühren. Zärtlich streiche 
ich mit meiner Hand über die rauhe, bekritzelte Wand. Das Leben ist 
schön. Hier will ich sein. 

Ein Knarren lässt mich erschaudern. Panisch drehe ich meinen Kopf 
zur Seite. Ich erhöhe meine Geschwindigkeit. Von weitem sehe ich 
weitere Toiletten. Ich gehe auf sie zu. Ich muss pinkeln. Ich brau¬ 
che Halt. 

„Mist!“ 

Verschmitzt werfe ich einen Blick nach hinten. Ich sehe nur, wie ein 
langhaariger junger Mann mir den Rücken kehrt und langsam im 
Dunkeln verschwindet. Glück gehabt. Ich kiekse und verlasse das 
Pissoir. 

Wie lange ich bereits durch die unendlichen Flure tapse, weiß ich 
nicht. Hinter einer Ecke entdecke ich Treppen, die wieder nach oben 
führen. Hier war ich noch nicht. Ich gehe nach oben. Nun stehe 
ich vor einer Eisentür, drücke sie auf und gehe über die Schwelle 
nach draußen - in den ungeschützten Raum. Blitzartig schlägt die 
Tür ins Schloss. Von außen kann ich sie nicht ohne Schlüssel öffnen. 
Ich habe keinen Schlüssel. Ich bin alleine. Alleine im ungeschützten 
Raum. Ich bin verloren im Open Space. 

Der Wind weht mir ins Gesicht, durch die Haare. Ich spüre ihn in¬ 
tensiv. Die Kälte nehme ich nicht wahr. Alles wirkt so fremd. Ich 
greife nach dem Efeu, das an der Tür versucht hoch zu wachsen. Es 
fühlt sich schön an. Doch ich muss weiter. Die Zeit drängt. 
Orientierungslos irre ich herum. Spähe hinter Mülltonnen, hinter 
Autos. Ich inspiziere jede Ecke, jeden Hinterhof. Von weitem sehe 
ich ein Pärchen. Es kommt auf mich zu. Ängstlich drücke ich mich 
mit meinem Rücken an eine Hauswand. Sie gehen an mir vorbei 
und sehen mich argwöhnisch an. Ich grinse und gucke zu Boden. 
Es muss ein Ende haben. Ich sehne mich nach Kontrolle. Ich giere 
nach Zucker. Aufgeregt und von jedem Stein fasziniert, tapse ich zur 


nächsten Straße. Ich komme nur langsam voran. Die mir entgegen¬ 
kommenden Passanten sind mir nicht ganz geheuer. Ich fühle mich 
nackt und schutzlos. Bitte lass sie nicht in mein Gesicht sehen! 

Ein gelbes Tankstellenlogo zieht mich magisch an. Mit gesenktem 
Kopf betrete ich die mit überteuerten Waren aufgefüllte Örtlichkeit. 
Im Schnellschritt eile ich zu den Getränken, dann zur Kasse. Als mir 
ein Mann älteren Jahrgangs „Guten Abend“ wünscht, wird mir be¬ 
wusst, dass ich die Katakomben niemals hätte verlassen dürfen. Ich 
lege dem Mann zwei Euromünzen auf den Tisch und drücke mit al¬ 
ler Kraft die Colaflasche an mein Herz. Ich muss hier schnell wieder 
raus. Ich muss zurück in meine alte Umgebung. 

„Stimmt so.“ 

Ohne mich zu verabschieden und auf die Herausgabe meines Rück¬ 
geldes zu warten, eile ich aus der Tankstelle hinaus. Aus einem Au¬ 
genwinkel scheine ich gesehen zu haben, wie der Mann den Kopf 
schüttelt. 

Hastig trinke ich aus meiner Flasche. Drehe den Deckel fest zu, dre¬ 
he ihn wieder auf und trinke noch mal, drehe den Deckel wieder 
zu und so weiter. Währenddessen sehe ich um mich herum und ki¬ 
chere. Bald stehe ich wieder vor der Eisentür des Bunkers. Die Tür ist 
immer noch verschlossen. Ich bin verloren. 

Minuten vergehen. Die Hälfte des Flascheninhaltes befindet sich in 
meinem Magen. Überraschend keimt ein Funke Hoffnung auf. Ich 
höre Stimmen. Die Tür öffnet sich. Typen mit enormem Handgepäck 
kommen mir entgegen. Lächelnd sieht mich einer von ihnen an. 
„Die Hoffnung! Das Gefühl kennt wohl jeder.“ 

„Ja“, antworte ich einsilbig und schleiche mich an der Gruppe vor¬ 
bei. Ich wünsche mir, dass der Typ der einzige auf der Welt ist, der 
Gedanken lesen kann. 

ULTRAFAIR proben immer noch. Die laute Musik lässt meinen Geist 
erzittern. Ich setze mich neben Kube. Ohne einen ersichdichen 
Grund fängt er an zu lachen. Ich lache mit. Das Leben ist schön. Ein 
zweites Mal greife ich in das auf dem Tisch liegende kleine Säck¬ 
chen. Es kann weitergehen. Christoph Parkinson 




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OX-FÄNZINE 17 



















KOLUMNEN 


M RAKETEN IN ROCK 


V.A. BEAT ON THE KRAUTS VOL. 2 
(BRD, 60er Jahre) 


Auch die Bundesrepublik hatte Mit¬ 
te der Sechziger Jahre eine leben¬ 
dige Live-Musik-Szene. Die meisten 
Bands waren saufende Musikboxen, 
denn ohne das Chartfutter der KINKS, 
der BEATLES, der ANIMALS im Pro¬ 
gramm bekam man keine Auftritte. Es 
gab abertausende Beatgruppen, die in 
Hunderten von Festhallen und Saal¬ 
bauten für einen Kasten Bier und Kar¬ 
toffelsalat die ganze Nacht durch spiel¬ 
ten, sich Schlägereien mit aufgebrach¬ 
ten, anständigen Bürgern lieferten und 
mit ihren langen Haaren Schulverwei¬ 
se oder den Verlust der Lehrstelle ris¬ 
kierten. 

Die meisten Combos erlangten bestenfalls lokalen Bekanntheitsgrad, aber diese Jahre waren die Höhe¬ 
punkte im Leben unzähliger Melodie- und Schlaggitarristen. Bedauerlicherweise hat sich kaum jemand 
die Mühe gemacht hat, deren Memoiren zu schreiben. Zwar existieren ein paar nette Bücher über Be¬ 
atmusik in den verschiedenen Landesteilen, gemessen an der unglaublichen Anzahl der Bands ist das 
aber eher nichts. Völlig unverständlich. Ich glaube, dass man nirgendwo sonst soviel über das Leben, 
die Sinnlichkeit des Moments, über Glück, Lust und Tragik erfahren könnte wie in Büchern über Bands, 
die es nicht geschafft haben, über die Grenzen von beispielsweise Schermbeck oder Hückeswagen he¬ 
rauszukommen. 

So ruhet in Frieden, Ihr unbekannten Soldaten des Rock! Ich denke an euch, wenn ich den rührenden 
Film „The Heartbreakers“ (nicht den aus Hollywood, sondern den aus Recklinghausen) sehe oder in 
dem Roman „Die Stones sind wir selber“ (nicht in dem aus Recklinghausen, sondern dem aus Duis¬ 
burg) blättere. 

Von den etwas bekannteren Bands der zweiten bis zehnten Garde sind einige auf diesem Sampler ver¬ 
sammelt. Die Namen reichen von den RAINBOWS (mit ihrem Hit „Rotkarierte Petersilie“), den STAR¬ 
FIGHTERS, den JAIL-BIRDS, den REBBELS, den GENTS bis hin zu PERCY &THE GAOLBIRDS. Die hätten 
sich damals wohl auch nicht träumen lassen, auf einem Sampler mitzuwirken, der fast vierzig Jahre spä¬ 
ter in den USA herauskommt. Ja, Mann, in den USA! Also dort, wo sie wissen, wie man’s macht. 

Well, in der Tat beweist das Label ein imperialistisches Kulturverständnis, das man als überheblich be¬ 
zeichnen darf, wenn man bedenkt, woher die BEATLES, KINKS und Stones stammen. Vielleicht war die 
teils recht unkonventionelle Schreibweise einiger Bandnamen ein Grund, sich darüber lustig zu machen 
(immerhin steht Life Recording auf dem Cover), vielleicht war aber auch der frische Sound unserer Hel¬ 
den ausschlaggebend, so eine Platte überhaupt herauszubringen. 

Ahnungslose mögen darüber mutmaßen, aber ich weiß, dass es eine Mischung aus billigem Spot, Fas¬ 
zination und Anerkennung ist, die einen Amerikaner beim Hören durchströmt, denn es sind die glei¬ 
chen Gefühle, die mich durchströmen, wenn ich DDR-Rock höre. Doch trotz aller interkontinenta¬ 
ler Glückseligkeit gab es auch Bands, die auf diesem Sampler nicht vertreten sind. Eine von ihnen heißt 
THE BEATS. 

Ein regnerischer Novemberabend. Ich schlendere mit Lothar durch die Straßen, die samstags unseren 
Mikrokosmos kreuzen und mal in die Zivilisation und mal in die Botanik führen. Wir haben keine Plä¬ 
ne, nicht einmal eine sinnvolle Vorstellung von Richtung und lassen uns von Lichtern, Düften und plötz¬ 
lichen Eingebungen treiben. 

Wir sind gut drauf. Ich bin besoffen und Lothar hat seine Psychose, und ich weiß nicht, ob das, was er 
sich eingepfiffen hat, für oder gegen ihn arbeitet. 

Es ist Ende 1990 und wir reden über Frauen. Lothar hat ein paar beeindruckende Vorstellungen, die sei¬ 
ne bisherigen Theorien noch übertreffen. Auch ich bin Single und rechne mir Chancen bei Gabi Jung 
aus, verbringe aber ein paar Abende mit Clarissa, die so liebevoll und nett ist, dass ich mich vor ihren 
Abgründen fürchte. 

Unser Dealer für Pizza heißt Toni, unsere Pizza heißt Margherita, unsere Margherita ist heiß. Schräg ge¬ 
genüber gibt’s Livemusik in einem Laden, der sich Fabrik nennt, obwohl die Betreiber nicht wie Arbeiter 
aussehen, sondern eher so, wie man sich Wehrdienstverweigerer und Gammler vorstellt. Als Sensation 
des Abends präsentieren sich HARMONICA PETE &THE BLUES JUKES, die mal wieder in der Stadt sind 
und darüber singen, dass sie morgens aufgewoketen und Big Momma gegone war. 

Das ist nichts für uns. Wir verduften, stiefeln durch den Nieselregen und reden über Frauen, die viel¬ 
leicht dableiben würden. Wir ritzen die üblichen Namen und Proportionen in die Nacht, stellen uns vor, 
wie glücklich sich die Damen wohl schätzen würden, wenn sie einer von uns auch nur auszieht und ei¬ 
nigen uns darauf, dass unser Style echt voll okay ist. Eigentlich ist es sogar sehr cool von uns, dass wir 
derzeit mit keiner Frau ins Bett gehen. Dann kann sie am nächsten Tag auch nicht verschwinden. 

„Los, da gehen wir jetzt rein“, sagt Lothar, als wir gegen die Außenmauern eines häßlichen Zweck¬ 
baus pissen und feststellen müssen, dass der Regen immer stärker wird. Es ist die Aula der Getrud-Bäu- 
mer-Schule, aus den offenen Türen hören wir Stimmen, Gelächter und die Musik einer uns unterlege¬ 
nen Rasse. 

„Okay“ erwidere ich, „Wenn dich Matthias Reim nicht stört.“ 

Lothar schüttelt den Kopf und kennt mich gut genug, dass er sich das Schütteln sparen kann. Ich weiß, 
dass er die DOORS hört, dass er JEFFERSON AIRPLANE vergöttert, dass er mir für mein Fanzine Artikel 
vom Kaliber „Warum Hippies besser sind als Punks“ zuschustert, aber offensichtlich ist der prasselnde 
Regen ein echtes Argument. 

Wir staksen in das hell erleuchtete Foyer und sehen uns vorsichtig um. Uns wird augenblicklich klar, 
dass wir uns in eine andere Galaxie gebeamt haben, einem Parallel-Universum, das drei Treppenstufen 
über dem unserigen liegt. Da, wo wir herkommen, ist die Atmosphäre erfüllt mit herzhaften Zigaretten¬ 
rauch, hier liegen bleiernde Schwaden Parfüm in der Luft. Zuhause begnügen wir uns mit tropfenden 
Kerzen, hier kommt das Licht aus Neonröhren. Inmitten dieser Soße schwänzeln zufriedene, lachende 
und seltsam gekleidete Leute herum, denen ich nicht die Hand schütteln möchte. Frauen mit glitzern¬ 
den Handtaschen und abenteuerlichen Frisuren, Männer mit Krawatten, Bierbäuchen und Halbglatzen, 
Kinder mit Sweat-Shirts, wie sie Tennisprofis tragen. Lothar und ich stehen in der Ecke und glotzen uns 
an, und als spüren, dass die Freaks uns anglotzen, drehen wir uns zur Wand. Dort hängen Rauchverbots- 
Schilder und Plakate mit dem heutigen Datum. Darauf steht: 

Große CDU-Fete 


verleihen. 

Die Band spielt „She LovesYou" und natürlich spielt sie das jetzt. 

„Ich bin Simone“ sagt sie, spielt den Anfang von „I Want To HoldYour Hand“ und reicht mir ihre zar¬ 
ten Finger. 

Ihre Augen sind so groß wie Ostereier. Ihre Blicke schlendern über eine Long And Winding Road mit ei¬ 
nem Taste Of Honey und sagen eindeutig For Sale. Wenn dieses Girl keine Rubber Soul hat, bin ich der 
Fool OnThe Hill. 

Ich schüttel ihr schmales Händchen, das in meiner Pranke versinkt und sich anfühlt wie ein in Seide ge¬ 
wickeltes Vollkornbrötchen. 

„Thomas“ stelle ich mich vor. Sofort trägt sie wieder dieses Lächeln, mit dem Schwangerschaften begin¬ 
nen. Es ist das gleiche Lächeln, das auch Verkäuferinnen zeigen, wenn sie dir ein Pfund Gehacktes in Pa¬ 
pier einschlagen, ein Lächeln, das alles sagt und nichts. Nicht schlecht für den Anfang. 

Simone beugt sich über die Theke und gibt eine Bestellung auf, für die sie zwei Handzeichen und ein 
Kopfnicken braucht. 

„Wirklich laut hier!“ brüllt sie mir lachend ins Ohr, während die Band in einem Medley ihre Jugend zu¬ 
rückholt. Es ist sehr laut, und es hat den Anschein, als sei Simone das nicht gewohnt. Immer wieder hält 
sie ein Ohr zu, als müsse sie sich vor EQUALS-Songs schützen. 

Ich bin mir sicher, dass sie als Verwaltungsfachangestellte ihr Leben vertrödelt, vielleicht auch als Zahn¬ 
arzthelferin, aber ich sehe an der Art, wie sie ihren Weißwein trinkt, dass sie sündhaft teure Unterwä¬ 
sche trägt. 

„In welcher Ortsgruppe bist du?“, fragt sie beilätifig, während sie ihre Jacke auszieht, um sie über ih¬ 
ren Arm zu hängen. 

„Ich? Äh, ich...also, pfft...“ stammele ich und bemerke in diesem Moment, dass sie keinen BH trägt. 
Wahrscheinlich kann man an meinem Blick ablesen, dass ich in Situationen wie diesen andere Prioritä¬ 
ten setze. Auch Simone kann das und läßt ein kurzes Grinsen über ihr Gesicht huschen. 

„Bist du allein hier?“, frage ich und bekomme das Nicken, das ich erwartet habe. 

„Du auch?“ 

„Ja“, sage ich, und es ist vollkommen logisch, dass ausgerechnet in diesem Moment Lothar von seiner 
Erkundungstour durch die christlich-demokratische Galaxie zurückkehrt. Obwohl ich gerade ziemlich 
offensichtlich dabei bin, mit Simone eine Koalition zu bilden, macht er sich nicht die Mühe, ihr auch 
nur einen Blick zu schenken. 

„Lass abhauen, hier sind nur Bekloppte“, sagt er und zerrt an meinem Ärmel. In seinem Gesicht, das vor 
Anspannung einem zuckenden, großen Muskel gleicht, Zeichen sich Ekel, Panik und verschiedene Me¬ 
dikamente ab. Lothar ist nicht gerade leise. Ich bemerke, wie uns die Leute anstarren mit diesem An¬ 
starren, das man nicht bemerken soll, und ich bin irgendwie froh, dass diese Sache nur uns beide be¬ 
trifft. Ich kenne seine Paranoia, wir hängen ja fast täglich miteinander ab, sowas passiert jede Woche 
und bin bislang ganz gut damit gefahren, ihr keine große Bedeutung beizumessen und den Spaß unse¬ 
rer Meetings nicht danach auszurichten, ob Lothar plötzlich am Rad dreht. Meistens legt er sich irgend¬ 
wann hin und schläft. 

„Draußen regnet’s“, erwidere ich und schiebe vorsichtshalber noch nach, dass es hier doch eigentlich 
ganz nett ist. 

„Ganz nett. Jo, hast Recht.“ Lothar läßt meinen Arm los, dreht sich um und verschwindet wieder in der 
Menge. Vielleicht muss er nur zwei Gänge runterschalten. 

„Ich mag die KINKS“, sag ich zu Simone, die an ihrem Weinglas nuckelt und langsam ihr Lächeln wie¬ 
derfindet. 

„Ja, echt, eine geile Band“, bekräftige ich, weil ich die KINKS nun einmal mag, weil die BEATS gera¬ 
de „You Really Got Me“ spielen, und weil Simone dann möglicherweise vergisst zu fragen, wer der Typ 
gerade eben war. 

„Die KINKS waren die Kings“ sage ich, weil es mir egal ist, dass ich einen im Kahn habe. 

„Ich find Bryan Adams besser“, sagt Simone. Ich nicke. Ein Nicken, das mich Überwindung kostet, ein 
Nicken, über dem in dicken Lettern Geilheit steht und ein Nicken, das sie nicht einmal bemerkt, weil 
ihre Blicke durch die Aula wandern. Ich proste ihr zu. Sie sieht es nicht. 

Vielleicht ist sie gar nicht nicht alleine da, hat die ganze Zeit nur Mist erzählt und wollte nur ihren 
Marktwert testen? 

„Prost!“, schreie ich und wedele mit meinen Becher vor ihrer Nase herum. 

„Prost“, sagt Simone und lächelt wie eine Verkäuferin, die mir ein Pfund Gehacktes in Papier ein¬ 
schlägt. 

Dann trennen sich unsere Blicke, um sich in stillem Synchronismus zur Bühne zu richten. Die Band 
stampft sich durch ein paar Standards und die zwei Personen, die das am wenigsten interessiert, hören 
am intensivsten zu. Ich spüre, dass ich bei dieser Frau mit meinem Latein am Ende bin, während mei¬ 
ne Gedanken noch krampfhaft nach einen schmissigen Satz in Deutsch fischen. Ich schiele zu ihr rü¬ 
ber. Im Großen und Ganzen ist ihr Profil wirklich nicht übel, auch wenn sich bereits andeutet, dass ihr 
schöner Hals irgendwann unter einem stattlichen Doppelkinn verschwinden wird. Ich blicke wieder zur 
Bühne. Die Band spielt BEATLES. 

„Möchtest du noch was trinken?“, frage ich, und sehe in einem Augenwinkel, wie Simone lächelt und 
im anderen, wie Lothar auf die Bühne klettert, sich umschaut und langsam seine Jacke auszieht. Ver¬ 
dammt, was macht der Kerl da? 

Der BEATLES-Song gerät hörbar ins Stottern. In den Augen von Paul und John steht Schulterzucken, wäh¬ 
rend Lothar mit seiner Jacke Richtung Schlagzeug stakst und sie dem Drummer ins Gesicht pfeffert. Der 
ist Profi, schüttelt sich das Ding ab und spielt nach kurzem Aussetzen weiter. 

Scheiße, die Sache mit Simone kann ich jetzt endgültig vergessen. Sie weiß, dass der Freak irgendwie zu 
mir gehört. Ihr Lächeln ist verschwunden und ihr Mund steht weit offen. Offensichtlich hat sie panische 
Angst vor Anarchie. Ich stelle mein Glas ab, und arbeite mich ein paar Meter weiter nach vorne, um in 
der Nähe zu sein, falls die Sache eskaliert. 

Danach sieht es aber im Moment nicht aus, im Gegenteil. Es wirkt eher souverän, wie sich Lothar sein 
Hawaii-Hemd aufknöpft, es auszieht und lässig zu Boden gleiten lässt. Dann schlurft er zu dem Flügel, 
den jemand für spezielle kulturelle Leckerbissen am Bühnenrand dauerhaft geparkt hat, klettert auf die 
edle, hölzerne Abdeckung, legt sich Irin und zündet sich eine Zigarette an. 

In der Halle ist es totenstill. Lothar pafft lautlos vor sich hin, die Band spielt schon lange nicht mehr, und 
dem Publikum fehlen die Worte. Die Luft ist elektrisch geladen mit dieser adrenalindurchtränkten Stil¬ 
le, die normalerweise in Aggression umschlägt, aber das hier ist einfach zu unfaßbar für die anwesen¬ 
den Jungunternehmer. 

Die Ordner machen nichts, die Band macht nichts, nur Lothar liegt im Unterhemd auf dem Klavier und 
bläst genüsslich Rauch durch beide Nasenflügel. Nach einer Weile lässt er langsam seine linke Hand 
sanft in der Luft kreisen. Es sieht aus wie eine noble Geste, die der Band signalisieren soll, dass sie ru¬ 
hig weiterzuspielen kann. 

Die Jungs spielen weiter, vergessen, dass sie die BEATS sind und spielen tatsächlich „Eisgekühlter Bom- 
merlunder“. Die Ordner vergessen, Lothar anschließend ein paar auf die Schnauze zu hauen und Simo¬ 
ne vergisst, mich nach meiner Telefonnummer zu fragen. 



und weiter unten 

Life-Musik: THE BEATS 

Na, immerhin. Live-Musik mit den BEATS ist besser als Reden über soziale Marktwirtschaft, im übrigen 
sind die BEATS gar nicht mal so übel für ihr Alter. Ich habe sie schonmal bei dem Fest einer anderen Par¬ 
tei gesehen und finde es irgendwie putzig, dass die Jungs dermaßen politisch engagiert sind, dass sie 
sowohl auf CDU- wie SPD-Feten spielen. Aber man braucht kein Parteibuch, um zu den Evergreens der 
ROLLING STONES, BEATLES und EVERLY BROTHERS viel Bier zu trinken, zumal die Preise zivil sind und 
viele einsame Hühner herumlaufen. 

„Hallo“, haucht plötzlich jemand, während ich an der Theke auf mein Bier warte, „Ganz schön laut 
hier.“ 

Ich schaue zur Seite, und da steht sie: Die Frau, mit der ich heute abend in die Kiste springe! Sie zeigt 
ihr makelloses Lächeln, sanft umzogen von kirschroten, vollen Lippen, die ihr einen verwegenen Touch 


Und ich vergaß nach all den Jahren fast die BEATS, bis ich den Drummer in einem Büro wiedertraf. 
Ich behielt das Erinnern für mich und sprach ihn nicht auf diesen Gig an. Irgendwie war mir das im¬ 
mer noch peinlich, sodass ich das, was sich ein paar Minuten später in diesem 
Büro abspielte, mehr als Wiedergutmachung betrachtete. Ich gab ihm ein biss¬ 
chen Rock’n’Roll zurück und schloss bei ihm zwei Versicherungen ab. 


Tom Tonk - Raketen in Rock 

33 1/3 Platten für die Ewigkeit 

Das Buch zur Kolumne gibt es für 11,90 Euro (inkl. Porto) auf 
Seite 24 dieses Heftes käuflich zu erwerben. Den Leser erwarten 
kompetente Besprechungen zu 33 1/3 Rockraketen, verfasst von 
Tom Tonk, selbst erfolgreicher Musiker und Lebemann. 



OX-FANZINE 18 










VERDIENTE PLATTENFIRMEN IM KURZPORTRAIT 


MATULA RECORDS 

Wo und wann gegründet, heute wo ansässig? 

Matula Records wurde gegründet 1997 in Hattenheim, einem kleinen Bauernkaff am Rhein. Mittler¬ 
weile ist es in Wiesbaden ansässig. 

Gegründet von: 

Von mir, Falk Fatal. 

Heute steckt dahinter: 

Immer noch Falk Fatal. 

Lebst du von deinem Label? Warum, warum nicht? 

Ich lebe nicht von meinem Label. Das hat folgende Gründe: Zum einen ist ein Label, das genug Geld 
abwerfen soll, um davon leben zu können, ein Fulltimejob und das ließ sich nicht mit Studium und 
meinen anderen Aktivitäten - Bands, Fanzine machen, Konzerte veranstalten - vereinen. Zum ande¬ 
ren habe ich keine Lust, groß Kompromisse einzugehen. Und wenn ich von dem Label nicht leben 
muss, gibt mir das mehr Freiheiten und es bleibt ein schönes Hobby, als wenn ich jeden Monat dar¬ 
auf achten müsste, dass genügend Geld rumkommt, um damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 
In den letzten Jahren trug sich das Label von selbst, es blieb immer genügend Geld übrig, um neue 
Platten zu veröffentlichen, und solange das so bleibt, ist das super. 

Was machst du sonst noch? 

Nebenher habe ich studiert und verdiente und verdiene meinen Lebensunterhalt in einer Wiesbade¬ 
ner Kollektivkneipe, dem Cafe Klatsch. 

Bevorzugte Stilrichtungen: 

Klassischer Punkrock, Oldschool Hardcore und Punk’n’Roll. 

Label-Vorbilder: 

Keins. 

Die ersten Bands, die heutigen Bands: 

Die erste Band war meine damalige Band, THE BECKS STREET BOYS. Aktuelle Bands sind NEIN 
NEIN NEIN, BUBONIX, FRONT, DISCO LEPPERS, VIRAGE DANGEREUX, KAPUT KRAUTS, MISSING 
SHADOWS, TATORT TOILET, M.A.M.A., RZGS und THE BECKS STREET BOYS. 


Die drei wichtigsten oder besten oder meistver- 
kauften Veröffentlichungen? 

Wichtig war für mich jede Platte, die Matula Re¬ 
cords veröffentlichte, da ich mit jeder Platte da¬ 
zugelernt habe. Gut waren auch alle Platten, auch 
wenn das nicht immer alle so sahen wie ich. Für 
die Entwicklung am wichtigsten war bisher wohl 
die „From Inside“-LP/CD von BUBONIX, da ich 
mit der Platte begonnen hatte, das Ganze ein biss¬ 
chen ernsthafter zu betreiben. Ebenfalls sehr wich¬ 
tig für Matula Records waren die TATORT TOILET: 

„Heil Hightech“-LP/CD und NEIN NEIN NEIN: 

„Deine Szene ist ein Zombie“-LP/CD. Die Platten 
haben sich auch bisher am besten verkauft. 

Was fasziniert dich am Labelmachen? 

Einerseits macht es Spaß, aktiv an der Entstehung 
einer Platte mitzuwirken, von der man total be¬ 
geistert ist, praktisch an der eigenen Lieblingsplat¬ 
te mitzuwirken. Andererseits habe ich durch das Label eine Vielzahl von Leuten kennen gelernt, die 
heute Freunde sind, die ich sonst niemals getroffen hätte, und das finde ich extrem cool. Und durch 
ein Label lässt sich natürlich meine eigene Musik/Vinylsucht erheblich preiswerter befriedigen, als 
wenn ich jede meiner Platten hätte bezahlen müssen ... 

Und die Labelpolitik? 

Ich veröffentliche nur Platten, hinter denen ich hundertzehnprozentig stehe, ohne mich auf eine be¬ 
stimmte Schublade festzulegen. Es muss mir gefallen. Wichtig ist, neben der musikalischen Quali¬ 
tät, vor allem das persönliche Verhältnis zu den Bands. Wenn das nicht stimmt, veröffentliche ich 
auch keine Platte der Band. So kann ich behaupten, bisher nur Platten von Freundinnen herausge¬ 
bracht zu haben 
matularecords.de 



ANR RECORDS 



Wo und wann und von wem gegründet, heute wo ansässig? 

1998 als Anna Nadel Redords von Andreas und Ben in Berlin ge¬ 
gründet. Zwischenzeitlich waren auch noch zwei andere Leute 
bei ANR aktiv. In den Anfangsjahren verstärkte Roland das Team. 
Roland lebt mittlerweile seit einigen Jahren in Österreich und be¬ 
treibt da sein eigenes Label Squoodge Records, auf dem er haupt¬ 
sächlich limitierte Vinyl-EPs von Garage/Trash/Minimal/Pop- 
Punk Bands veröffentlicht. Nach Rolands Ausstieg war lange Zeit 
Basti festes Mitglied bei ANR, bis auch er Ende 2006 das Handtuch 
warf. Seine Bands (THE POKES, THE PILLOCKS, DEAD END FA- 
MOUS) nahmen einfach zu viel Zeit in Anspruch. Somit besteht 
das Label wieder aus den Gründungsmitgliedern, wobei Ben das 
eigentliche Tagesgeschäft führt und Andreas, den es mittlerweile 
nach Dresden verschlagen hat, für die Homepage verantwortlich 
ist und demnächst auch wieder den Mailorder betreuen wird. 
Lebt ihr von dem Label? Warum, warum nicht? 

Leider können wir von dem Label nicht leben. Das meiste Geld, 
was reinkommt, wird direkt wieder in neue Veröffentlichungen 
oder Projekte gesteckt. 

Was macht ihr sonst noch? 


Andreas hat mittlerweile sein Informatikstudium abgeschlossen 
und einen Job in einer Software-Schmiede angenommen. Ich bin 
da noch nicht ganz so weit (Geografie-Student im 18. Semester) 
und halte mich hauptsächlich damit über Wasser, dass ich Aufkle¬ 
ber für andere Labels und Bands drucke. 

Bevorzugte Stilrichtungen: 

Manche behaupten ja, bei ANR gibt es keine klare Linie. Wir aber 
sagen, dass wir uns da selber keine Schranken setzen. Und so 
kommt es, dass wir schon Platten von 77er-Punk bis Hardcore 
und von Deutschpunk bis Ska veröffentlicht haben. Und das wird 
auch so bleiben. Veröffentlicht wird, was uns gefällt. 
Label-Vorbilder: 

Gibt es eigentlich nicht wirklich. Wir haben einfach ohne jegli¬ 
chen Plan angefangen und uns dann mehr oder weniger da rein¬ 
gearbeitet. Natürlich gibt es mittlerweile Labels, die wir aufgrund 
ihrer Arbeit oder auch Zusammenarbeit mit uns schätzen. Wir ha¬ 
ben uns aber noch nie irgendwelche Gedanken über einen Mas¬ 
terplan für unser Label gemacht. 

Die ersten Bands, die heutigen Bands: 

Die erste Veröffentlichung war der „Ohrensausen“-Sampler. Die 
ersten wirklichen Band-Releases waren PURGEN aus Russland 
und HAUSVABOT aus Berlin. Später kamen dann noch Moskaus 
Ska-Punk-Helden DISTEMPER dazu, von denen wir im Sommer 
das mittlerweile vierte Album auf ANR veröffentlichen werden. 
Dazwischen gab es natürlich einige Bands, mit denen wir nur für 
eine Veröffentlichung zusammengearbeitet haben. Die letzten 
Veröffentlichungen waren die CDs der Ska-Band MOSKOVSKA- 
YA und der Moskauer HC-Band WHAT WE FEEL, beides Bands, 
mit denen wir auch in Zukunft gerne Weiterarbeiten wollen. Und 
demnächst steht dann auch die Debüt-CD der französischen Band 
SKANNIBAL SCHMITT an. 

Die drei wichtigsten oder besten oder meistverkauften Veröf¬ 
fentlichungen? 

Die nächste Veröffentlichung ist natürlich immer die wichtigs¬ 
te, bei der man alles noch ein bisschen besser machen will als 
bei den vorangegangenen Releases. Aber um hier mal eine Veröf¬ 
fentlichungen rauszugreifen: Da wäre zum einem PURGENs „To- 
xidermists Of Urban Madness“, die sich damals sensationell gut 
verkaufte. Innerhalb von nicht mal einem Dreivierteljahr war die 
gesamte Auflage von 1.000 LPs verkauft. Als weiteres Highlight 


lässt sich auf jeden Fall DISTEMPERs „Ska Punk Moscow“ her¬ 
vorheben. Und eine CD, die uns persönlich sehr am Herzen lag, 
war THE ORDINARY BOYS: „Big Brother Is Watching You!“. Lei¬ 
der nicht der große Verkaufsschlager, aber eine Platte, mit der wir 
uns musikalisch und vor allem textlich hundertprozentig identi¬ 
fizieren können. 

Was fasziniert dich am Labelmachen? 

Ganz klar ist es erst mal faszinierend, selbst ein aktiver Bestand¬ 
teil der Szene zu sein, in der man sich bewegt und die das eige¬ 
ne Leben geprägt hat. Mit der reinen Konsumentenrolle konnten 
wir schon immer nix anfangen. Selbst eine Band zu gründen, fiel 
auf Grund des beschränkten musikalischen Talents flach. Ähn¬ 
lich sah es mit Fanzines aus. Wir wollten halt viel lieber irgend¬ 
was anpacken, als darüber zu berichten. Blieb eigentlich, außer 
vielleicht noch Konzerte organisieren, nur noch die dubiose Rol¬ 
le des Labelchefs, der entscheidet, welche Band eine Platte veröf¬ 
fentlichen darf und welche nicht. Sex, Drugs & Rock’n’Roll für 
die Musikerlnnen - ein Leben in Saus und Braus bei überschau¬ 
barer Arbeit für uns. So weit der Plan. Es ist ein bisschen wie ein 
Mixtape zusammenzustellen, nur dass es sich dabei zumeist um 
komplette Alben handelt. Und alle Alben zusammen bilden dann 
das Label-Mixtape. 

Eure Labelpolitik? 

Eine Chance, bei ANR veröffentlicht zu werden, hat nur, was uns 
selbst absolut begeistert. Alles was in irgendeiner Form mit Punk¬ 
rock zu tun hat, hat prinzipiell eine Chance, genauso wie HC und 
Ska. Auch ist von Vorteil, wenn die Band irgendetwas mitzutei¬ 
len hat und es nicht immer nur um die nächste Party oder um 
mögliche (Sex)Partner geht. Natürlich kann es in der Musik auch 
hauptsächlich um Spaß gehen, nur sollten die Musikerlnnen dar¬ 
über hinaus auch noch was in der Birne haben, mit dem wir uns 
als Labelmacher und Menschen auch identifizieren können. Von 
daher ist es natürlich immer von Vorteil, wenn man sich persön¬ 
lich kennt oder schon mal über den Weg gelaufen ist. Und bei der 
begrenzten Zahl an Veröffentlichungen pro Jahr entscheidet dann 
oft auch die persönliche Sympathie. Außerdem ist es uns wichtig, 
dass die Bands auch live rocken. So wird es eher selten Vorkom¬ 
men, dass wir eine Band veröffentlichen, die wir vorher noch nie 
live gesehen haben. 
anr-music.org 


WANDA RECORDS 

Wo und wann gegründet, heute wo ansässig? 

Gegründet in Dessau/Anhalt im Jahr 1997, heute in Naumburg/Saale ansässig. 

Gegründet von: 

Monster. 

Heute steckt dahinter: 

Monster. 

Lebst du von deinem Label? 

Nein, ich kann nicht vom Label leben, ja, warum eigentlich nicht? Muss wohl an den Verkaufszah¬ 
len Hegen, schätze ich mal. 

Was machst du sonst noch? 

Neben dem Label betreibe ich noch den Wanda Records-Mailorder/Onlineshop und das kleine T- 
Shirt-Label namens Business Nutte. Ach ja, nachts trifft man mich in der Druckerei als Offsetdru¬ 
cker. 

Bevorzugte Stilrichtungen: 

Im weitesten Sinne: Punkrock. 

Label-Vorbilder: 

Gibt es nicht. 

Die ersten Bands, die heutigen Bands: 

Angefangen hat alles mit HASCH ODER ALK, MURDERED COPS und PURGEN, Die letzten Releases 
waren von RADIO DEAD ONES, DIE PUNKROIBER und ... SITUATIONS. 

Die drei wuchtigsten oder besten oder meistverkauften Veröffentlichungen? 



PURGEN: s/t-LP - war in Rekordzeit aus 
verkauft. DISTEMPER: „SkaPunkMos 
cow“-Picture-LP - sehr aufwändiges Co 
verartwork. THE MESSENGERS: s/t-LP - 
einer meiner persönlichen Favoriten, d, 
mit Frauengesang. 

Was fasziniert dich am Labelmachen? 

Tja, warum macht man das alles? War 
um nimmt man das große finanzielle Ri 
siko und die unzähligen Stunden Arbeit ii 
Kauf? Ich denke, es ist zum Teil der Wil 
le, Musik, von der man selbst überzeug 
ist, eine - schön gestaltete - Verbreitungs 
möglichkeit zu geben. Beziehungsweisi 
der Band und auch mir selber den Wunscl 
nach einem Vinyltonträger zu verwirklichen. Perfekt gemacht wird dies dann nur noch vom positi¬ 
ven Feedback aus der Szene, der Fachpresse und natürlich den Verkaufszahlen. 

Deine Labelpolitik? 

Bis 2006 war Wanda Records ein reines Vinyl-Label. Einige der letzten Releases sind mittlerweile 
auch auf CD erschienen, dies soll jedoch die Ausnahme bleiben. Das gute alte Vinyl hat auf jeden Fall 
immer Vorrang bei Wanda Records. Besonderen Wert lege ich auch auf die Aufmachung der Veröf¬ 
fentlichungen. Das Mindeste sind da Textblätter oder bedruckte Innenhülle und 160g-Vinyl. Der Kre¬ 
ativität sind da kaum Grenzen gesetzt und das ist auch gut so. 
wandarecords.de 


OX-FÄNZINE 19 







50 » 


EYNDE 


BORN TD, LOSE 


From Hollywood, California, THE DEEP EYNDE 
return witn force with their latest album, 

BAO BLOOD. to be released this Spring 2007 
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their last album "SHADOWLÄND", the music 
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S rab a beer and sing along. 
escribed as "Working Class Pop Punk." 
and/or "Pub Punk," Born To Lose usesthe 
combination of catchy, beer-drenched vocal 
melodies, anthemic, singalong choruses, ! 
and in your face rock & roll guitar solos .. I 

A total of 17 songs that willkill frustration j 
and let you drink faster and sing louder! ’ 


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★ THE FLÄMING SIDEBURIUS Keys To The Highway LP/CD 
★ AMULET Blessed & Cursed (1093-2007) CD 


H:r* «y BOOZED are back in town! 

[‘Die fünf Jungsnaren sich mittlerweile den Ruf als eine der besten 
^deutschen Rock'n'Roll Bands erspielt und mit ihrem neuen Album * 
interstreichen sie diesen Status einmal mehr. „Acid Blues" ist ein 
teser, rauher Bastard, der sich sofor t im Ohr festbeisst! 

oH Jfi ■■'t 


THE 

FLÄMING THEHICHWAT 

SIDEBURNS 


Endlich ein neues Studioalbum der 
finnischen Garagen-Rock Helden! 

Sie haben wieder zur Rotzigkeit ihrer 
Anfangstage zurückgefunden, klingen dabei 
trotzdem deutlich gereift. Eine echte Perle! > 
Featuring Lisa Kekaula (The Bellrays)! 


Das Vermächtnis der norwegischen HC-Punks! 

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BIGBEATLAND 


von Andreas Michalke 


Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal vor der Köpi stand, hat mich das riesige Haus schwer 
beeindruckt. Das ganze wirkte wie Hafen- und Lobuschstraße in Hamburg zusammen 
genommen. Alles war noch größer und noch wilder, die Köter noch rottiger, die Punks noch 
dreckiger. Berlin eben. 

Dackelblut hatten uns eingeladen bei ihnen Vorgruppe zu machen. Na, richtig eingeladen 
waren wir eigentlich nicht. Riebe hatte uns vorgeschlagen. Von der Band, mit denen wir 
zusammen aus Hamburg im Bus fuhren, hatte uns noch keiner gehört. Und Riebe verkaufte 
nur die T-shirts von Dackelblut.. 


Wir waren die Outtasites, die Out-of-Sights, weil zwei von uns aus medizinischen Gründen 
dicke Hornbrillen trugen. Aus Solidarität trug ich manchmal auch eine. Wir hatten auf St. 
Pauli schon alles rauf und runter gespielt und obwohl uns Tim Warren liebevoll „die Benny 
Goodmans of Punkrock“ genannt hatte, weil wir auf der Bühne immer so gut drauf waren, 
versuchten wir die härteste Garagenpunkband Hamburgs zu sein. 


Außerdem hatten wir, wie das damals in der Garagenpunk Szene schick war: Matching 
Outfits! bei jedem Auftritt hatten wir neue: T-Shirts oder Hemden mit unserem Bandnamen 
drauf, abgeschnittene Kimonos oder irgendwelche billigen, bunten Fummel vom 
Kleidermarkt. Hauptsache, drei gleiche. 

Vor dem Auftritt gabs erstmal zu Essen, dicke Knödel mit dicker Soße. Die waren sehr lecker 
und als wir kurze zeit später auf der Bühne standen, waren unsere Bäuche voll und der Laden 
ebenso. Alle warteten auf Dackelblut. Ein Jahr zuvor, waren Blumfeld Vorgruppe von 
Dackelblut gewesen. Die Punks in der Köpi hatten sie gnadenlos ausgebuht. 


Jetzt standen da drei zitternde, gleich angezogene Hamburger Hombrillentypen mit vollen 
Bäuchen. Gleich beim ersten Stück gabs ne Schlägerei zwischen den polnischen Punks, die 
mir mit ihren Tüten, voll mit mitgebrachtem Dosenbier, schon vor dem Konzert aufgefallen 
waren.. Aufhören wäre sinnlos gewesen. Wir hätten gar nicht die Autorität gehabt die zu 
stoppen. Also weiterspielen, so hart wie möglich. Auch Carsten machte diesmal nicht die 
geringsten Anstalten, das Publikum zu beschimpfen. 

Mein Schlagzeug baute ich immer in der Mitte direkt am Bühnenrand auf. Nachdem die 
Schlägerei vorbei war, hatte es sich jetzt ein älterer Typ mit seinem Kopf, auf meiner Base 
drum gemütlich gemacht. Er war offensichtlich müde. Ich trat umso härter auf meine 
Fußmaschine. 


Einmal wach, fing er an mitzuspielen un d meine Becken durcheinander 
zu bringen. Das brachte wiederum mich durcheinander.' 

Zwischen den Stücken protestierte ich vorsichtig. Ohne Wirkung. 

Irgendwann hatte ich dann doch die Schnauze voll, zielte genau 

StCllSlP Und: Batsch! haute ihm so fest ich konnte 
g^|g|||tj| auf die Finger. 

k* 1 * iatte ' r S en dwie mit einer stärkeren Reaktion 
gerechnet, aber er zuckte 


nur, rieb sich die Finger 
und ließ mich für den Rest des Konzerts in Ruhe. 


Darüber hatte ich gar nicht gemerkt, dass es eigentlich ganz gut lief. Einige Leute tanzten und 
Applaus wurde auch immer lauter. Wir hatten Sie doch noch gekriegt. Nachdem wir noch 
eine Zugabe gespielt hatten, dachte ich: jetzt können wir überall spielen! 


In den letzten fünf Jahren habe ich meine Plattensammlung wieder entdeckt und bin als Gast 
regelmäßig in der Köpi gewesen. Garagenrock ist immer noch tot, aber hier rockts ohne Ende. 
DIY Hardcore Punk ist lebendig wie lange nicht. Natürlich hab ich auch in der Köpi schon 
mal eine schlechte Band gesehen, aber noch nie eine langweilige. Das Publikum ist noch 
immer eins der strengsten und sachverständigsten und du kannst da als Band einfach nicht 
abschwächeln. Die Bands kommen um zu zerstören und keine Gefangenen zu machen. Es gibt 
für mich keinen Grund in kommerziellen Punk Rock Clubs abzuhängen, wenn in Läden wie 
der Köpi so dermaßen die Luft brennt. 


Natürlich ist die Köpi nicht nur ein Konzertort. Seit 17 Jahren finden dort alle möglichen 
politischen und kulturellen Veranstaltungen statt und natürlich wohnen auch eine Menge 
Leute da. Am 8.Mai wurde die Köpi unter sehr dubiosen Umständen verkauft. Damit ist eins 
der wichtigsten Haus-Projekte in Berlin von der Räumung bedroht. Genauere Informationen 


Am 16. Juni ist in Berlin internationale Demo für die Köpi und gegen G8 Repression. 
Na, da bin ich aber mit dabei. 


Köpi bleibt! 


OX-FANZINE 21 










DISCORD IM DISCOUNT 


VON PETER PUCK 


ec**r l icM rffjp va&'Total Gctie&se 

VOM 'DftZ, .'Pfi&ZVU H&t 

so'to er^ess macmvt, ex'. KAUtusr 
V(a MAi' AumSfceto vfcu Vfe e*J 
AfrSCMLOCM ZU 'BetO&HAABM VI 
■vas isr total ue&Aftve euex?* 
uw va 5 bo&issrvu /' ... 



Au£iaecn : r? , 35S ! 5eHAumMr 

Schlussgag? Kommt vielleicht noch... 
Wenn Herrn Puck einer einfällt! 


OX-FANZINE 22 































































































































^REZEPTE 


HALLO IHR LIEBEN! 

Gefühlter Juli, obwohl es erst Ende April ist ... so 
könnte man die momentane Wetterlage wohl am 
Besten beschreiben. Ob das nun normal ist oder 
sich der Klimawandel bemerkbar macht, sei mal 
dahingestellt. Vegetarier jedenfalls leisten ihren 
Beitrag zur Rettung des Klimas: Der globale Vieh¬ 
bestand verursacht 18% der weltweiten Treib¬ 
hausgas-Emissionen. Wie? Durch den energiein¬ 
tensiven Anbau des Futters, durch Methangas aus 
Rindermägen und durch Abfackeln oder Abhol¬ 
zen der Regenwälder für neue Sojaplantagen und 
Viehweiden. 

Ich wünsche euch einen wunderschönen Som¬ 
mer! 

Uschi (uschi@ox-fanzine.de) 


Ab und an ist er einfach da, der Heißhunger auf Pommes. 
Die Dinger aber, die in den Frittenbuden verkauft werden, 
kommen zu 99 Prozent aus der Gefriertruhe und somit aus 
der Fabrik, sind also genormt, langweilig und doof. Und 
welches Fett dort zum Frittieren verwendet wird, will man 
wahrscheinlich gar nicht wissen. Also lieber selber machen. 
Und zwar richtig. Denn die Pommes aus dem Supermarkt 
zu nehmen ist vielleicht einfacher, aber dann kann man im 
Endeffekt auch gleich wieder zur Frittenbude gehen. 

FAST GESUNDE POMMES 

von Andre Bohnensack 

Musik: DIE LOKALMATADORE „Erika“ 

• 1 kg Kartoffeln 

• Pflanzenfett (fest oder flüssig) 

• Salz, eventuell Paprikapulver 

Unabdingbar für selbstgemachte Pommes ist eine vernünf¬ 
tige elektrische Friteuse. Ob das auch mit den Pötten geht, 
die man auf den Herd stellen kann, weiß ich nicht. Einen 
Versuch wäre es vielleicht wert, die Steuerung der Tempe¬ 
ratur des Fettes ist hier aber wohl nicht allzu einfach. 

Nicht unbedingt erforderlich, aber ungemein hilfreich ist 
eine Küchenmaschine mit speziellem Pommes-Schneide- 
einsatz. Wer solch eine Maschine besitzt, sollte sich erkun¬ 
digen, ob es diesen Einsatz auch für sein Gerät gibt. Wer 
keine Maschine hat, schneidet mit der Hand. 

1. Die Kartoffeln gründlich waschen und von Augen, Lö¬ 
chern und ähnlichem befreien. Aber auf gar keinen Fall 
werden die Kartoffeln geschält! Die Schale muss unbedingt 
dranbleiben! Das ist ein Extrakick, der das Ganze noch um 
einiges leckerer macht. 

2. Die Kartoffeln durch die Küchenmaschine jagen. Oder 
eben mit einem Messer in Pommes-ähnliche Formen 
schneiden. Dabei nicht schämen, auch die beste Küchen¬ 
maschine wird unterschiedlichste Formen und Größen fa¬ 
brizieren. Ich empfehle aber, eher dünne Pommes entste¬ 
hen zu lassen, dann werden sie knuspriger. Die dicken, 
labbrigen Dinger sollen die Belgier essen. 

3. Die entstandenen Kartoffelbrocken in ein Sieb packen 
und mit kaltem Wasser gründlich abspülen. Dadurch geht 
überflüssige Stärke verloren. Danach mit einem saube¬ 
ren^) Handtuch ordentlich trocken rubbeln. 

In der Zwischenzeit kann das Fett in der Friteuse schon mal 
auf die richtige Temperatur gebracht werden. Und zwar auf 
genau 170°. Eure Maschine macht sich bemerkbar, wenn 
es soweit ist. 

4. Die Pommes jetzt vier Minuten vorfrittieren und dabei 
nicht braun werden lassen. (Je nachdem, wie groß eure 
Friteuse ist, könnt ihr entweder alle Pommes auf einmal 
frittieren oder in mehreren Gängen. Das Ding aber bitte 
nicht zu voll stopfen, die Pommes wollen Platz haben.) 


5. Jetzt die heißen Pommes auf ein Handtuch kippen und 
nochmals gut abtrocknen. Dabei kann man sich nicht nur 
wunderbar die Pfoten verbrennen, es hilft auch, die Fritten 
schön knusprig werden zu lassen. 

Die Friteuse jetzt auf 190° hochstellen. 

6. Ist diese Temperatur erreicht, die Pommes noch mal 
zwei bis vier Minuten frittieren, je nachdem wie dunkel 
ihr sie haben wollt. 

7. Ab mit den fertigen Pommes in eine große Schüssel, viel 
Salz drauf (es soll Leute geben, die auch mit Paprikapul¬ 
ver würzen. Geschmacksache) und schleunigst mit Ketch¬ 
up und/oder Majo verspeisen (aber nur die aus dem Biola¬ 
den! In allen anderen sind KZ-Eier drin!). Allzu lange warm 
bleiben die Fritten nämlich eigenartigerweise nicht. 

• Sehr schön dazu passend ist selbstgemachter Gurry-Ketch- 
up. Für eine Person dafür einfach fünf, sechs Esslöffel To¬ 
matenketchup mit einem Teelöffel Senf, einem halben Tee¬ 
löffel Currypulver und Salz und Pfeffer vermischen. Chili¬ 
pulver wäre aber eventuell auch eine Überlegung wert... 

CHRIS MACHT ERDBEER-CAPRESE 

von Chris, Ox-Schreiber 

Musik: beim Zubereiten: GRAF ZAHL „Sommerhitler“, 
beim Essen dann BEATLES „Strawberry fields forever“ 

• 1 Mozzarella (wer einen guten Sojamozzi weiß, kann na¬ 
türlich den nehmen und - schubsdiwubbs - isses vegan!) 

• 4 oder 5 Erdbeeren, 

• Balsamico-Essig (den gibt es ja auch schon mit Erdbeer, 
das passt natürlich am besten) 

• Olivenöl 

• Salz, Pfeffer 

• evtl. Basilikumblätter 

Wer kennt das nicht? Tomaten schmecken nicht oder nach 
nichts — selbst Bio- oder Coktailtomaten. Erdbeeren dage¬ 
gen schmecken (meist) super. Da hilft nur, einfach die ei¬ 
nen durch die anderen zu ersetzen, und fertig ist das super¬ 
leckere Sommer-Caprese. 

Je nach Größe der Erdbeeren, die in Scheiben von mehr 
oder weniger einem halben Zentimeter geschnitten wer¬ 
den, den Mozzarella, bevor er in genauso dicke (oder dün¬ 
ne) Scheiben geschnitten wird, längs halbieren (damit die 
Scheiben am Ende jeweils gleich groß sind). 

Dann wird das Ganze je nach Gusto auf einem großen Tel¬ 
ler verteilt (das wirkt so schön protzig), jetzt kommen 
noch Salz und Pfeffer, Öl und Essig darüber und ein paar 
Basilikumblätter (die auch schön an den Rand, dann sieht’s 
professioneller aus) und es darf serviert werden! 

BÄRLAUCHPESTO FÜR 2 

Musik: CUT CITY „exit decades“ 

Dank Gemüse-Abokiste kommt man öfter mal zu dem Ver¬ 
gnügen, mit Sachen zu experimentieren. So ging es uns 
letztens mit Bärlauch. Herausgekommen ist ein superlecke¬ 
res Pesto. Here we go: 

1 Bund Bärlauch (ca. 50 g) 

Ca. 2-3 EL geriebener Parmesan 
Ca. 2 EL Pinienkerne 
Olivenöl 
Salz und Pfeffer 

1. Bärlauch (heißt angeblich so, weil er für Bären die erste 
Nahrung nach dem Winterschlaf ist) waschen, abtrocknen 
und in feine Streifen schneiden. 

2. Mixer oder Zauberstab im Küchenschrank suchen. Bär¬ 


lauch, einen guten Schuss Olivenöl und etwas geriebenen 
Parmesan schön miteinander durchmixen. Die Konsistenz 
sollte irgendwo zwischen dickflüssig und breiartig sein. 
Evtl, nochmal etwas Olivenöl nachgießen. Ordentlich mit 
Salz und Pfeffer abschmecken. 

3. Pinienkerne in einer beschichteten Pfanne leicht anbräu¬ 
nen. Zum Pesto geben und kurz, wirklich nur kurz mixen, 
denn die Pinienkerne sollten etwas stückig bleiben. Fertig. 

• Passt hervorragend zu Spaghetti. 

• In einem gut verschlossenen Gefäß mit einer Schicht Oli¬ 
venöl obendrauf hält sich das Pesto etliche Tage im Kühl¬ 
schrank. 


• 4 Eigelb 

• 4 EL Zucker 

• 200 ml Sahne 

• 25 ml Baileys oder anderer Irish Cream Liqueur 

• 1 TL Espressopulver (instant oder gemahlene Bohnen, 
was gerade zur Hand ist) 

• 20 g Pinienkerne 

• 2 EL Schokoflocken 

1. Sahne steif schlagen. Das mache ich immer zuerst, da 
ich dann die Teile von dem Rührgerät für den nächsten Ar¬ 
beitsgang (Eigelb + Zucker) nicht so besonders sauber ma¬ 
chen muss. 

2. Eigelbe mit Zucker und Likör gut aufschlagen. Das ist 
wichtig, damit sich das Eigelb nachher nicht absetzt. 

3. Espressopulver und Schokoflocken unterrühren. Salme 
unter die Eipampe heben. 

4. Masse in eine Form nach Wahl füllen und ab damit in 
den Tiefkühlschrank. 5-6 Stunden frieren lassen. 

5. Parfaitform kurz in heißes Wasser tauchen, auf eine Glas¬ 
platte stürzen und ringsum mit angerösteten Pinienkernen 
dekorieren. Die P-Kerne sind absolute Pflicht!!! 

• Wenn man das Parfait ein paar Tage vorher zubereiten 
möchte, kann man es auch ganz einfrieren und rechtzei¬ 
tig etwas antauen lassen. Stürzen muss natürlich auch nicht 
zwingend sein; ein Portiönchen aus der Form gelöffelt 
oder geschnitten sieht auch ganz gut aus. 

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Als Dessert passt hervorragend D.I.Y.-Eis: 

ESPRESSOPARFAIT 

von Wolfram Röhrig 

Musik: THE LOVEKILL 


KOCHEN OHNE KNOCHEN: DIE OX-KOCHBVCHER 


Das 

Ox-Kochbuch 



DAS OX-KOCHBUCH TEIL I 

Vegetarische und vegane 
Rezepte nicht nur für Punks 

9,20 Euro incl. P&V 

Seit Jahren hat die vegetarische Rezeptseite einen festen 
Platz im Ox, und nach über 25 Ausgaben haben wir teils 
eigene, teils von den Leserinnen eingesandten Rezepte 
zusammengefasst und um Gastrezepte von Bands, Labels, 
etc. ergänzt. Wert gelegt wird hier nicht nur auf verständliche 
Anleitungen, sondern auch auf den Spaß beim Kochen: alle 
Rezepte sind mit passenden Musiktips versehen. 



DAS OX-KOCHBUCH TEIL II 

Noch mehr vegetarische 
Rezepte für Punkrocker 
und andere Menschen 
11,25 Euro incl. P&V 


Wie beim ersten Teil finden sich hier auf rund 200 Seiten 
leckere fleischlose Rezepte von Szenegrößen und anderen 
nicht weniger wichtigen Menschen, die ein weiteres Mal mit 
der Besonderheit aufwarten, dass zu jedem Beitrag ein Tip 
des Verfassers abgedruckt ist, welche Platte von welcher Band 
sich als „Koch- und Ess-Soundtrack” am besten eignet. 



DAS OX-KOCHBUCH TEIL 

Kochen ohne Knochen - 
Die feine fleischlose 
Punkrock-Küche 
9,90 Euro incl. P&V 


Noch mehr Rezepte zum „Kochen ohne Knochen“, noch mehr 
vegetarische und vegane Köstlichkeiten von simpel bis an¬ 
spruchsvoll, von Punks nicht nur für Punks. Dazu gibt's noch 
Einkaufstipps und interessante Interviews: Mit einem Bio- 
Gärtner, mit einer Bäuerin, mit einem Pommesbudenbesitzer 
und einer vegetarischen Köchin. 


OX-FANZINE 23 







DIE MUSIK IN DER NUSSSCHALE 

NEUROSIS 

Im Jahr 1906 erhielt der Spanier Santiago Ramön y Cajal den Nobelpreis für Medizin. Seine Untersu¬ 
chungen der Feinstruktur des zentralen Nervensystems markierten einen entscheidenden Durchbruch 
beim Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Er war jedoch immer fest davon über¬ 
zeugt, dass es ob der Komplexität dieser „grauen Substanz“ noch viele Jahrhunderte dauern würde, bis 
man ihren Aufbau vollends verstünde. Dann aber hätte der Mensch nicht nur das Gehirn entschlüsselt, 
sondern das gesamte Universum, da sich in diesem nach Ramön y Cajals Auffassung die Struktur des 
menschlichen Gehirns widerspiegelt. Steve von Till, Sänger und Gitarrist von NEUROSIS, hätte dieser 
Hypothese wohl schon damals widersprochen, misst er doch dem Gehirn weitaus geringere Bedeutung 
bei. Mehr noch als das: Um Teile des Universums zu entschlüsseln und für den Menschen erfahrbar zu 
machen, müssen seiner Meinung nach neuronale Prozesse so weit wie möglich ausgeklammert werden. 
Denn genau so entsteht letztendlich die Musik seiner Band. 


NEUROSIS und viele Bands, die sich direkt auf euer 
Schaffen berufen, haben eine Verbindung zu Hydra 
Head Records, dem Label von ISIS-Frontmann Aa¬ 
ron Turner. Dieser hat die Musik, die er veröffent¬ 
licht, einmal als „Thinking Man’s Metal“ zusammen¬ 
gefasst. Ist das eine Kategorie, mit der du etwas anfan¬ 
gen kannst? 

Obwohl ich weiß, was er damit gemeint hat, würde ich 
diesen Begriff niemals auf NEUROSIS anwenden. Unse¬ 
re Musik hat nichts Intellektuelles. Sie entsteht aus dem 
Bauch heraus. 

„Thinking Man’s Metal“ bezieht sich in eurem Fall also 
weniger auf die Band als vielmehr auf ihre Rezipien¬ 
ten? 

So könnte man das sagen, denn es gibt natürlich durch¬ 
aus Leute, die Musik auf einer intellektuellen Ebene gou¬ 
tieren und die auch NEUROSIS gut finden. Sie mögen es, 
über die Bilder und Wörter nachzudenken, alles zu zer¬ 
pflücken und genauestens zu untersuchen. Das kann je¬ 
der machen, wie er lustig ist. Unser Ansatz ist allerdings 
ein gänzlich anderer. 

Aber auch ihr müsst doch in irgendeiner Form über 
das nachdenken, was ihr mit NEUROSIS tut. 

Diese Musik kann nicht aus dem Verstand kommen. Es 
gibt kein Konzept. Es gibt keine vorformulierten Gedan¬ 
ken. Es gibt keine bewussten Entscheidungen, was als 
Nächstes zu tun ist. Im Lauf der Jahre haben wir stattdes- 
sen gelernt, die Welt um uns herum auszublenden und 
nur in uns selbst hineinzuhören. Es kommt alles aus unse¬ 
rem tiefsten Inneren, von einem Ort, der mit Worten un¬ 
möglich beschrieben werden kann. Dort entspringt wah¬ 
re Kreativität. Es ist wie ein Feuer, das darauf brennt, sich 
zu entzünden, das nach Ausdruck verlangt. Wir haben 
gelernt, uns dem ganz hinzugeben. Zu Beginn konnten 
wir das nicht. Das war ein Prozess, der sehr langsam und 
in vielen kleinen Schritten ablief und noch längst nicht 
abgeschlossen ist, denn wir lernen mit jedem Album et¬ 
was Neues hinzu. Letztendlich geht es um den Versuch, 


zur reinsten Form der Empfindung vorzudringen. 

Ihr versucht also, beim Musikmachen alles auszublen¬ 
den, was im Gehirn vor sich geht? 

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Moment, in 
dem man Musik erschafft, und der Situation, in der man 
sie spielt. Auf der Bühne versuchen wir, der Seele der Mu¬ 
sik einen Körper zu geben, indem wir sie durch uns hin¬ 
durch fließen lassen. Wir lassen uns im Grunde genom¬ 
men von ihr kontrollieren. In solchen Momenten versu¬ 
chen wir, den Kopf auszuschalten und nicht nachzuden¬ 
ken. Wir wollen uns unserem Selbst nicht bewusst sein, 
denn das würde alles kaputt machen. Wenn man der Mu¬ 
sik aufrichtig und ehrlich gegenübertreten will, dann 
muss man aufhören, ein denkendes Wesen zu sein. Lei¬ 
der gelingt das nicht immer. Irgendein Arschloch mit ei¬ 
ner Kamera bringt dich mit seinem Blitzlicht ganz raus 
oder ein technisches Problem verhindert, dass du diesen 
Zustand erreichst. Doch im Idealfall kommst du an den 
Ort, an dem es scheint, als würde der Sound aus dem 
Mittelpunkt der Erde sprudeln und durch deine Wirbel¬ 
säule direkt in deinen Kopf fahren. Du bist dann ein Teil 
des Ganzen. Du bist die Musik. Du bist kein Mensch, du 
bist Klang. 

Eure Lieder schreiben sich also sozusagen von alleine? 

Wir versuchen, das zu tun, was die Musik von uns ver¬ 
langt. Wir fragen uns, wo die Energie entspringt, wohin 
sie fließen will, und tun alles, damit sie nicht unterbro¬ 
chen wird. Diese Band ist größer als die an ihr beteiligten 
Menschen. Es ist eine Macht, die von etwas Unbekanntem 
angetrieben wird. Es scheint, als ob diese Musik, dieses 
Ding, einfach irgendwo im Universum existieren würde. 
Und irgendwie haben wir es gefunden. Wir müssen es 
durch uns hindurchfließen lassen, als wären wir ein Me¬ 
dium oder so etwas in der Art. 

Was zu der Frage führt, welche Rolle die Sprache bei 
NEUROSIS spielt. Für den amerikanischen Kogniti¬ 
onswissenschaftler Jerry Fodor ist Denken beispiels¬ 
weise eine Art stummes Sprechen in einer inneren 


Sprache, die er „Language of Thought“ nennt. Würde 
NEUROSIS denn ganz ohne Worte funktionieren? 

Hm ... Wenn man uns zwingen würde, ein Album ohne 
Wörter aufzunehmen, könnten wir das sicherlich tun, 
obwohl unsere Musik eigentlich nach ihnen verlangt. Zu¬ 
mindest braucht sie aber die menschliche Stimme. Die 
Wörter sind ein Teil des Ganzen, sie erlauben es dem Hö¬ 
rer, sich ganz der Musik hinzugeben, sie mit seinem ei¬ 
genen Leben aufzuladen. Und plötzlich sind unsere Songs 
gar nicht mehr so abstrakt, sondern ziemlich greifbar. 
Die verschiedenen Elemente eines Liedes sind von uns so 
angelegt, dass sie unterschiedliche emotionale Reaktio¬ 
nen provozieren. Wenn man unsere Musik auf seine eige¬ 
nen Erfahrungen wirken lässt, anstatt sie einfach nur pas¬ 
siv an sich vorbeilaufen zu lassen, dann wird diese un¬ 
gleich mächtiger. Die Wörter, die wir verwenden, sind 
also in der Tat wichtig. Deshalb denken wir über sie sehr 
viel nach und wägen ganz genau ab, wie wir sie einset- 
zen. 

Du unterscheidest also zwischen dem Wort und der 
Stimme, die es transportiert? 

Ja. Man muss andere Menschen hören. 

Warum ist das so wichtig? 

Weil wir alle Menschen sind. Wir versuchen ja nicht, uns 
im Äther zu verflüchtigen. Unsere Musik dreht sich um 
das Menschsein. Wir lassen uns treiben, wir graben tief 
in die Erde, wir explodieren in das Universum, wir fin¬ 
den uns in uns selbst und nehmen uns auseinander. Um 
diese Dinge geht es bei NEUROSIS. Um das Außen und 
das Innen, um das Oben und das Unten. Der mensch¬ 
liche Faktor muss vorhanden sein. Deshalb ist die Spra¬ 
che unserer Lieder sehr persönlich. Sie beziehen sich 
auf das, was wir erlebt haben, auf unsere Gefühle, un¬ 
sere Prüfungen, unser Leben. Aber genau wie jeder an¬ 
dere in der Band bin ich nicht daran interessiert, meine 
Geschichte mit der Öffentlichkeit zu teilen. Ich will nie¬ 
mandem meine Erfahrungen diktieren. Das nimmt ihnen 
ihre Kraft. Dann könnte man sich genauso gut einen Film 
anschauen. Der Hörer würde zum Voyeur degradiert, der 
das Leben eines anderen bespannt. Wir schenken unse¬ 
ren Liedern deshalb gerade so viele Wörter, damit es aus¬ 
reicht, die emotionale Landschaft zu malen, in der ein 
Song wachsen kann. Wer wirklich etwas aus NEUROSIS 
ziehen will, der muss sich uns bedingungslos ergeben, 
der muss sich selbst voll und ganz einbringen. Leg die¬ 
se Musik niemals bei einer Party auf, da macht sie keinen 
Sinn. Es sei denn, du willst alle anderen verscheuchen. 
Doch trotz der Tatsache, dass Wörter und Sprache eine 
wichtige Rolle bei euch spielen, stößt man sehr schnell 
an Grenzen, wenn man mit ihrer Hilfe versucht, das zu 
fassen zu bekommen, was NEUROSIS ausmacht. 

So sieht es aus. Und nichts anderes erfahren wir im Grun¬ 
de ja gerade in diesem Moment. Man muss zu ellenlan¬ 
gen Erklärungen ausholen, dringt in spirituelle Bereiche 
vor, bemüht Disziplinen wie die Philosophie, betrachtet 


OX-FANZENE 24 





NEUROSIS 


Musik als Schallwellen und beobachtet physikalische und 
emotionale Reaktionen. Ich bin kein Wörterschmied. Ich 
bin kein Schriftsteller. Die Gabe, die ich in Bezug auf die 
Musik habe, fehlt mir, wenn es um Wörter geht. Irgend¬ 
wer - ich erinnere mich leider nicht mehr an seinen Na¬ 
men - hat einmal gesagt, dass Worte verratene Gedan¬ 
ken sind. Man kann einen Gedanken mit Worten nicht 
klar ausdrücken. In dem Moment, in dem er den Mund 
verlässt und zur Sprache wird, hat man ihm bereits etwas 
von seinem Zauber genommen, hat man ihn bereits ver¬ 
einfacht. Genauso verhält es sich, wenn man über unse¬ 
re Musik spricht. Man kann zwar versuchen, sie zu be¬ 
schreiben, aber um sie zu verstehen, muss man sie füh¬ 
len. Es ist eine Reise zur Seele der Musik. 

Wird dieses Unterfangen nicht davon gestört, dass hin¬ 
ter jeder Band, die eine gewisse Größe erreicht, auto¬ 
matisch immer auch geschäftliche Überlegungen ste¬ 
hen? Oder anders gefragt: Gab es in eurer über 20-jäh- 
rigen Karriere Situationen, in denen die vielen negati¬ 
ven Seiten der Musikindustrie eure Suche gestört ha¬ 
ben? 

Ich denke nicht, dass wir es jemals so weit kommen las¬ 
sen würden. Mir ist klar, dass das, was ich jetzt sage, 
schon viele Leute vor mir gesagt haben, aber in unserem 
Fall ist es wirklich ernst gemeint: Die Musik steht bei uns 
an erster Stelle. Keine Hürde ist groß genug, um unse¬ 
re Musik aufzuhalten. Aus genau diesem Grund sind wir 
schon so lange zusammen. Viele andere Bands lösen sich 
auf, und das meist deshalb, weil dort riesige Egos aufein¬ 
ander treffen oder man sich schlichtweg nicht mehr lei¬ 
den kann. Natürlich macht jede Gruppe von Menschen, 
die so lange zusammen ist wie wir, im Laufe der Jahre 
eine ganze Menge durch. Doch bei uns ging es immer 
zuallererst um die Musik, deshalb waren wir dazu bereit, 
diesen Kampf aufzunehmen und ihn gemeinsam durch¬ 
zustehen. NEUROSIS funktioniert wie eine Familie. Wir 
haben mit den Einnahmen aus der Band niemals unse¬ 
ren Lebensunterhalt bestritten. Natürlich haben wir das 
in Vergangenheit versucht, vielleicht auch einmal mehr 
als viele andere Bands, die ich kenne. Über den Zeitraum 
von mehreren Jahren waren wir ununterbrochen un¬ 
terwegs, um herauszufinden, ob wir von NEUROSIS le¬ 
ben könnten. Aber wir haben uns niemals darauf verlas¬ 
sen, dass das klappen würde. Wir wussten schließlich, 
wie schwierig das mit unserer Art von Musik ist. Deshalb 
hatten wir immer auch ganz normale Jobs, und deshalb 
sind wir niemals in eine Situation geraten, in der wir das 
Gefühl hatten, uns nicht mehr aus ihr befreien zu kön¬ 


nen. Wir haben nie einen Vertrag mit einem Majorlabel 
unterschrieben oder etwas ähnlich Bescheuertes getan. 
Wir waren immer in der glücklichen Lage, tun zu kön¬ 
nen, was wir wollten. Natürlich müssen auch wir immer 
wieder einmal Kompromisse eingehen - niemals jedoch, 
wenn es um unsere Musik geht. 

Wenn du NEUROSIS als eine Familie beschreibst, dann 
darf man nicht vergessen, dass du selbst auch eine hast. 
Ist die gewachsene Verantwortung, die man zum Bei¬ 
spiel gegenüber seinen Kindern hat, auch ein Grund 
dafür, dass ihr in den letzten Jahren recht wenig un¬ 
terwegs wart? 

Unsere Familien haben schon immer eine große Rolle ge¬ 
spielt. Seit es NEUROSIS gibt, gab es eine Verantwortung 
gegenüber Kindern. Das ist also nichts unbedingt Neues 
für uns. Wir haben einfach festgestellt, dass wir mit dem 
Kopf gegen eine Wand rennen, wenn wir so weiterma¬ 
chen. Wenn man zweihundert Tage im Jahr von zu Hau¬ 
se weg ist, kann man kein wirklich guter Vater sein. Und 
von nur 30 Konzerten kann man nicht leben. Das geht 
einfach nicht. Wir müssten noch am selben Tag, an dem 
wir von einer Tour heimkommen, irgendeinen Scheißjob 
finden, um die Miete des nächsten Monats aufbringen zu 
können. Das ist doch keine Art, seine Kinder großzuzie¬ 
hen. Dazu kommt, dass wir Shows spielen müssten, auf 
die wir keinen Bock haben. Genau an diesem Punkt kom¬ 
men die Kompromisse ins Spiel, die ich angesprochen 
habe. Wenn man zweihundert Konzerte im Jahr spielen 
muss, auf wie viele davon hätte man dann wohl richtig 
Lust? Bestimmt auf nicht mehr als zwanzig. Gute Konzer¬ 
te finden für mich in Städten statt, in denen wir gerne 
sind, zusammen mit Bands, mit denen wir gerne spielen, 
und mit Veranstaltern, mit denen wir gut Zusammenar¬ 
beiten können. So wie es im Moment läuft, sind wir in 
der glücklichen Lage, uns die Rosinen rauszupicken. Wir 
spielen nur dann Konzerte, wenn sie sich mit unserem 
Leben vereinbaren lassen. Das macht einfach viel mehr 
Sinn. Ich arbeite als Lehrer an einer Grundschule, mei¬ 
ne beiden Kinder sind jetzt fünf und acht Jahre alt. Ich 
bin nicht dazu bereit, nur wegen eines Konzertes mei¬ 
nen Job zu verlieren oder für NEUROSIS das Wohl mei¬ 
ner Familie zu opfern. Ich bin jetzt 42, ich will nicht das 
Leben eines 18-Jährigen führen. Trotzdem würden wir 
Musik niemals nur als ein Hobby betrachten. Musik ist 
viel mehr als das. Musik ist unser Leben. 

Könntest du dir ein Leben ohne NEUROSIS denn über¬ 
haupt vorstellen? 

Niemals. 


Gibt es denn abgesehen von Musik noch andere For¬ 
men des künstlerischen Ausdrucks, in denen du dich 
verwirklichst und die über die manchmal doch sehr 
engen Grenzen einer Rockband hinausgehen? 

Ich wünschte, ich könnte malen. Ich habe in meinen 
Träumen wunderschöne Bilder gesehen, aber ich kann sie 
nicht malen. Das frustriert mich sehr. Aber ich beschäfti¬ 
ge mich mit Design und Konzeptkunst. Das ist zwar nicht 
für die Öffentlichkeit bestimmt, aber ich habe eine Men¬ 
ge Ideen, die ich für mich skizziere. Aber im Großen und 
Ganzen ist Musik das Mittel, mit dem ich mich am bes¬ 
ten ausdrücken kann. Sie hat eine gewisse Körperlich¬ 
keit, man kann sie dokumentieren, sie geht über das hi¬ 
naus, was man mit Worten erreichen kann. Mit TRIBES 
OF NEUROT haben wir zum Beispiel einige Installatio¬ 
nen gemacht. Bei dieser Band geht es ja weniger um Mu¬ 
sik, als um die Erforschung von Klangwelten. Manches 
fußt zum Beispiel auf einigen Abstechern zu altertümli¬ 
chen Steinkreisen in Irland, die ich unternommen habe. 
Es ging dabei um den Versuch, die Seele eines Ortes mit 
Hilfe von Sounds und Visuals einzufangen, einfach die 
architektonischen Begebenheiten zu betrachten und den 
verschiedenen Geräuschen zuzuhören. Wir wollten uns 
dem Ort unter verschiedenen Gesichtspunkten nähern, 
um ihn dann irgendwo anders nachzubilden. Es ist ein 
Experiment. Eine Meditation in der Natur. 

Naturmotive spielen ja auch bei NEUROSIS eine gro¬ 
ße Rolle. 

Natürlich. Schließlich sind wir alle ein Teil der Natur. Es 
gibt wohl kaum eine Macht, von der die Menschheit stär¬ 
ker beeinflusst wird. Wir leben und sterben durch sie. 
Und ich weiß, wovon ich rede, schließlich wohne ich in¬ 
mitten eines über vier Hektar großen Waldes. Dort kann 
ich in Frieden leben. In Städten sind mir zu viele Men¬ 
schen auf einem Fleck. 

Dein Bandkollege Scott Kelly hat einmal in einem In¬ 
terview gesagt, dass NEUROSIS einen besseren Men¬ 
schen aus ihm gemacht hat. Welchen Einfluss hatte die 
Band rückblickend auf dich? 

Lass es mich so formulieren: Denk an die Energie, die du 
spürst, wenn du unser neues Album anhörst. Diese Ener¬ 
gie kam aus unserem Innersten. Aber was würde wohl 
geschehen, wenn sie sich nicht in Form von Musik oder 
Kunst äußern würde? 

Keine Ahnung, vielleicht würdest du ja jemanden um¬ 
bringen. 

Haha. Es ist gut, dass es Musik gibt. 

Thomas Renz neurosis.com 






R E C 0 D S 



EQUAL 

VISION 


CIRCA SURVIVE 
“ON LETTING GO” 
IN STORES JUNE 29th 


THE FALL OF TROY PIERCE THE VEIL OLYMPIA 

“ MANIPULATOR” “A FLAIR FOR THE DRAMATIC’’ “EMERGENCIES” 

IN STORES NOW IN STORES JUNE 22nd IN STORES NOW. 


cpm 

SffiöRßS 


OX-FANZINE 25 























Nagel ist noch nicht da, endlich habt ihr mal die 
Chance, was im Ox zu erzählen. 

Brami: Es ist einfach schwierig, mit Nagel zusammen 
Interviews zu geben, denn er ist viel mitteilungsbedürf¬ 
tiger als wir drei zusammen. Denn wenn eine Frage ge¬ 
stellt wird, hat er schon zur Antwort angesetzt, bevor 
man selbst antworten kann, aber irgendwann stört ei¬ 
nen das nicht mehr. So kann man im Hintergrund blei¬ 
ben und in Ruhe sein Pils schlürfen. 

Abgesehen davon haben Schlagzeuger doch sowieso 
nichts zu sagen... 

Brami: Genau. Das sind nur so Typen, die mit Musikern 
rumhängen. 

Shredder: Ja, und auch die, die immer so sexy sind. 
Brami: Aber das sieht ja auch keiner. Und ja, ich bin das 
Sexmonster, ich bin da irgendwie so reingerutscht. 

Nagel ist jedenfalls der, der auch das Buch geschrie¬ 
ben hat, von dem wir wissen, dass Ähnlichkeiten der 
darin beschriebenen Band mit MUFF POTTER rein 
zufällig sind. 

Brami: Zu behaupten, dass da eine Ähnlichkeit besteht, 
wäre wirklich sehr weit hergeholt. Also ich finde das 
Buch sehr gelungen und unterhaltsam, ich habe es an 
einem Tag durchgelesen. Ich weiß aber nicht, wie es für 
Leute ist, die nicht aus unserem Dunstkreis kommen. 
Dennis: Ich finde es auch gelungen, und wir hatten Na¬ 
gel im Vorfeld bedrängt, uns schon mal einen Auszug 
zu schicken, aber er hat sich geweigert und gesagt, wir 
sollten das nicht lesen. Ich bekam dann erst was zu le¬ 
sen, als imVisions vorab so ein Auszug abgedruckt war. 
Ich fand das dann total interessant, denn es handelte da¬ 
von, dass wir zusammen im Bus sitzen, er vorne, wir 
hinten, und wir Spaß haben, während er dabei voll ag¬ 
gressiv wird. Ich fand es gut, mal zu wissen, wie er das 
alles so sieht. 

Brami: Er hatte uns aber im Vorfeld gefragt, ob es etwas 
gibt, was wir über uns nicht lesen möchten. Ich sagte 
dann nur „Ja, aber mach mal.“ Ich wusste ja auch nicht, 
was er vorhatte zu schreiben. 

Ich würde mich in so einer Situation fragen, ob ich 
wirklich will, dass inklusive meiner Mutter alle Welt 
so detailliert etwas von mir weiß. 

Brami: Ich hatte den Eindruck, dass ihm das erst im 
Nachhinein aufgefallen ist, dass ihm dieser Gedanke 
erst kam, als das Buch bereits im Druck war. 

Dennis: Ja, aber das muss man sich vorher überlegen, 
denke ich. Jetzt weiß jeder, was er für ein Trottel ist. 

Und wann kommt eure Version der Geschichte, das 
„Wie es wirklich war“? 

Brami: Das wäre natürlich super, wenn wir jetzt drei 
verschiedene Versionen der Geschichte erzählen wür¬ 
den. 


Mit dem Buch wurde Nagel, der sowieso schon immer 
im Vordergrund stand, jetzt noch mehr nach vorne ge¬ 
rückt. 

Shredder: Ich denke, das ist für beide Seiten gut: Ohne 
MUFF POTTER hätte er nicht die Aufmerksamkeit für sich, 
und die Band profitiert von der Aufmerksamkeit für seine 
Person. 

Mir fiel bei dem Buch mal wieder auf, wie anstrengend 
dieses ganze Bandleben auch ist. Ich hätte da nach drei 
Tagen schon keine Lust mehr. 

Brami: Es ist anstrengend, es nervt, man geht sich auf den 
Keks, aber wir haben uns das ja ausgesucht. Und es macht ja 
auch Spaß, und außerdem kann ich auch nichts anderes. 
Dennis: Nagel hat das gut beschrieben: einerseits die Lan¬ 
geweile, andererseits aber auch, wofür man es macht. Man 
wird ja auch belohnt. Ich mache das jedenfalls lieber, als auf 
den Bau zu gehen. 

Brami: Ich putze nebenher noch Fenster in Münster und 
muss klar sagen: Tour ist besser. Wobei das heute sicher 
nicht mehr das Abenteuer ist, das es früher mal war, aber 
das ist auch gut so, denn sonst wären wir alle längst tot oder 
hätten uns aufgelöst. Das ist also schon alles in Ordnung so, 
auch wenn man sich durchaus manchmal Gedanken macht, 
wie das alles weitergehen soll. Man hat da schon mal Exis¬ 
tenzängste, doch wenn man alles gegeneinander abwägt, 
kommt man letztlich immer zum Schluss, dass die Band das 
ist, was man machen will. 

Dennis: Und hätte man was Vernünftiges gelernt, würde 
man sich die ganze Zeit wünschen, was anderes machen 
zu können. 

Brami: Und eine Band so zu machen, wie wir das machen, 
geht eben nicht mit festen Jobverpflichtungen. Ich gehe 
eben noch Fensterputzen, wenn ich Zeit habe, Shredder ar¬ 
beitet gar nicht... 

Shredder: Du arbeitest doch auch nur, weil dir sonst lang¬ 
weilig ist. 

Brami: Hm ... ja, ich glaube schon. 

Dennis, was machst du? 

Dennis: Ich habe ein Studio und produziere Bands. Das hat 
sich in den letzten paar Jahren so ergeben. Ich wollte das 
immer schon machen, und in letzter Zeit habe ich eben be¬ 
gonnen, mich da stärker reinzuhängen. Das fing an mit dem 
einen oder anderen MUFF POTTER-Song, etwa für einen 
Samplerbeitrag, und dann wohnte ich eine Zeit lang in ei¬ 
nem Studio und habe da auch gearbeitet. Das war das Pri- 
nicpal-Studio, wo wir die „Bordsteinkantengeschichten“ 
aufgenommen haben, und so kam das, dass ich mich da im¬ 
mer weiter reingearbeitet habe. Und jetzt habe ich im Kel¬ 
ler unter dem Büro von unserem Tourbooker Sparta ein Stu¬ 
dio eingerichtet. 

Brami: Das ist sehr praktisch für uns: Wenn man mal eben 
was aufnehmen will, geht man eben zu Dennis. 


Aber ihr habt das neue Album nicht komplett bei dir 
aufgenommen. 

Dennis: Nee, nur so ein paar Extras. Das Album an sich 
haben wir in Berlin aufgenommen. 

Brami: In einem ehemaligen Studio des DDR-Rund- 
funks. Die Atmosphäre in diesem riesigen Komplex mit 
großen Sälen, mit einer Einrichtung, die früher mal sehr 
teuer gewesen sein muss, war richtig geil. Gleichzeitig 
war das alles etwas abgerockt, und das war da richtig 
cool. Der Komplex wird von verschiedenen Mietern ge¬ 
nutzt, einer allein könnte dieses riesige Teil gar nicht 
bezahlen. 

Berlin... Ihr wohnt doch noch in Münster, oder? 
Brami: Klar, nur Nagel ist nach Berlin gezogen. 

Und, hat das was geändert? 

Dennis: Wir hängen komischerweise trotzdem im¬ 
mer noch aufeinander. Bislang merken wir nichts von 
der räumlichen Distanz, wir waren sowieso ständig auf 
Tour oder im Studio. 

Brami: Shredder und Dennis überlegen ja auch, nach 
Berlin zu ziehen. 

Dennis: Das ist auf jeden Fall eine Option, denn Berlin 
ist eben die Musikzentrale. 

Ach ja? Aber die Stadt ist doch voll von solchen Ty¬ 
pen, alle haben nichts gelernt und wollen irgendwie 
durchkommen. 

Dennis: Wenn man das mit der Einstellung angeht, dass 
man in Berlin als Musiker, Schauspieler oder so unter¬ 
geht, dann darf man da nicht hinziehen. Es ist einfach 
immer noch eine coole Stadt, wenn man da sein Viertel 
findet. Außerdem werden es in Münster immer weni¬ 
ger, da sind schon viele nach Berlin gezogen. 

Brami: Ist das so? Ich dachte, die werden alle immer äl¬ 
ter, kriegen Kinder und so, haben keine Zeit mehr. 

Tja, die Zeiten ändern sich eben. Früher, als ihr noch 
„Tod der Scheiße, Tod der CD!“ gewettert habt, da 
hättet ihr die Leute, die hier auf dieser Hotelterras¬ 
se sitzen, mit Bierbüchsen beworfen. Heute sitzt ihr 
selbst hier und gebt Interviews... 

Brami: Tja, die Dinge ändern sich, wenn es eine Band 
so lange gibt, das hatte ich vorhin schon in Bezug auf 
dasTouren angesprochen. Die ganz dogmatischen, radi¬ 
kalen Sachen haben, glaube ich, immer eine recht kur¬ 
ze Lebensdauer. Und die Leute, die einen kritisieren, ha¬ 
ben oft Bands, die sich nach zwei Jahren wieder auf- 
lösen, die haben gar nicht den Druck, sich rechtferti¬ 
gen zu müssen. 

Shredder: Ich fände es auch schhmm, wenn man heu¬ 
te Dinge nicht anders sieht als noch mit 16. Da würde 
man ja auf der Stelle treten. 

Brami: Gleich geblieben ist, dass wir dazu stehen, was 
wir machen und wie wir an bestimmte Dinge range- 




„MUSIKGESCHMACK WIRD SOWIESO ÜBERBEWERTET.“ 

MUFF POTTER 




„Muff Potter sind eine deutschsprachige Alternative Rock-Band ..." steht in der Eingangszeile des Wikipedia-Eintrages, und 
weil das (bislang) unwidersprochen da steht, ist es auch so lustig und womöglich irgendwie zutreffend. 1998, „Schrei, wenn du 
brennst“ war gerade erschienen, platzte Nagel auf die Frage nach dem Musikstil noch mit „Punkrock!“ heraus, war der Münster¬ 
länder Vierer sowas wie die Smart-Version von politischem Köterpunk ohne Hund, die mit dem Wasted Paper über eine hausei¬ 
gene Propagandapostille verfügte und die Platten selbst via Huck’s Plattenkiste veröffentlichte - damals aber immerhin schon 
den Sündenfall hinter sich hatte, gegen die eigene frühere Maxime „Tod der Scheiße, Tod der CD!“ verstoßen zu haben. 2007 
sitzen mir Brami (Drums), Shredder (Bass) und Dennis (Gitarre & Gesang) auf der Terrasse eines Restaurants im Kölner Media¬ 
park gegenüber, ihr zweites in Kooperation mit dem Major Universal entstandenes Album „Steady Fremdkörper“ steht kurz vor 
der Veröffentlichung, und wir führen das fünfte Interview mit der Band fürs Ox, um über genau solche Weiterentwicklungsphä¬ 
nomene zu sprechen. 




SB 


OX-FANZINE 26 









MUFF POTTER /BAD ASTRONAUT 


hen. Man wird aber reflektierter mit den Jahren. 

Dennis: Es wird auch immer schwieriger Positionen zu be¬ 
ziehen, einfach weil vieles sich nicht mehr so schwarz-weiß 
darstellt wie früher. Auch Texte wie auf „Schrei, wenn du 
brennst“ würden wir heute nicht mehr so schreiben, auch 
wenn die immer noch super sind und wir noch dazu ste¬ 
hen. 

Brami: Das macht es auch immer schwieriger für mich, 
Texte zu schreiben. Es fallt schwer, ganz eindeutige Posi¬ 
tionen zu vertreten. Und man muss ständig auf neue Situa¬ 
tionen reagieren, sich selbst hinterfragen. Es gibt jedenfalls 
keinen Masterplan, wie das Gebilde MUFF POTTER in fünf 
Jahren aussehen wird. 

Aber in irgendeiner Hinsicht müsst ihr euch doch einig 
sein. 

Dennis: Wir sind uns dahingehend einig, dass wir unser 
Ding immer wieder hinterfragen, uns immer wieder die 
Frage stellen, ob wir für uns eine Rechtfertigung haben, 
eine neue Platte zu machen. 

Shredder: Es darf nicht darum gehen, nur deshalb eine 
neue Platte zu machen, weil man eben zwei Jahre keine ge¬ 
macht hat. Wenn man keine Ideen hat, lässt man es sein, 
wenn man nichts zu sagen hat, hält man die Schnauze. 
Apropos Album: „Ich bin doch kein Idiot“, der erste 
Song des neuen Albums, ist ja an sich schön, lässt das Al¬ 
bum aber recht lahm anfangen.Warum? 

Brami: Das haben wir uns auch gefragt, und genau aus dem 
Grund haben wir das dann auch gemacht. 

Shredder: Damit die Leute sich nach 20 Sekunden fragen, 
was wir da für einen Scheiß gemacht haben und gar nicht 
erst weiterhören, haha. Schlau gemacht, oder? 

Brami: Wir haben das gemacht, um die Erwartungen erst 
mal runterzufahren. Das ist ein klasse Song, aber eben kein 
klassischer Opener. 

Dennis: Man „versteckt“ so einen ruhigen oder akustischen 
Song ja gerne am Ende einer Platte, und wir haben eben da¬ 
mit angefangen. 

Auch insgesamt macht die Platte einen etwas ruhigeren, 
gesetzteren Eindruck. 

Brami: Das finden wir gar nicht! 

Shredder: Das haben uns aber schon mehrere gesagt. Da 
hieß es dann, wir würden irgendwie „tomteiger“ klingen. 
Wir können das aber gar nicht nachvollziehen, denn auf der 
Platte sind echt viele bratzige Songs drauf. Auf der „Von We¬ 
gen“ hatten wir das auch so. 

Brami: Ja, aber auf „Von Wegen“ waren auch eher gefälli¬ 
ge Songs drauf, „Alles was ich brauche“ und „Wenn dann 
das hier“. 


Dennis: Ich finde die neue Platte viel konsequenter. Wir ha¬ 
ben da nicht wie bei „VonWegen“ zig Gitarren eingespielt, 
sondern es einfach bei zwei, drei Gitarren belassen. So spre¬ 
chen die Songs für sich selbst. 

Brami: Wir wollten das Ganze technisch etwas reduzieren. 
Man kann natürlich versuchen, so einen Sound wie die FOO 
FIGHTERS zu haben, aber da man da eh nicht rankommt, 
muss man sich eben auf die Songs als solche besinnen. 

Fällt es euch heute schwerer Lieder zu machen als früher, 
wo man als gerade der Pubertät entwachsene Jungspun¬ 
de im Keller vor sich hin gelärmt hat? 

Brami: Damals hat man alles rausgehauen, was kam, und 
man hat sich keine Gedanken darum gemacht, was Neu¬ 
es auszuprobieren. 

Dennis: Man will sich nicht wiederholen, nicht immer die 
gleiche Platte machen. Man macht das ja auch für sich selbst 
und nicht für die Fans, denn sonst würde man einfach im¬ 
mer wieder an die am besten angekommene Platte anknüp¬ 
fen. Denn die meisten Fans wollen, dass ihre Lieblingsband 
auf der nächsten Platte so klingt wie vorher. 

Brami: Das will man selbst bei seinen Lieblingsbands al¬ 
lerdings auch. Warum haben SAMIAM nicht immer wieder 
„Clumsy“ aufgenommen? Aber man hat selbst eben keine 
Distanz zu seiner Musik. 

Sollte man deshalb also einen Scheiß darauf geben, was 
Musiker über ihre Platten denken? 

Brami: Wahrscheinlich schon. Und das macht so ein Inter¬ 
view eigentlich auch völlig sinnfrei. Aber solange es unter¬ 
haltsam ist... Generell ist der Informationsgehalt von Inter¬ 
views mit Musikern eher gering, finde ich. Das ist eben al¬ 
les sehr subjektiv. 

Ich merke oft, dass Musiker sich erst dann mit ihrer eige¬ 
nen Musik so abstrakt auseinandersetzen, wenn sie Jour¬ 
nalisten dazu befragen. 

Brami: Ja, und wenn man eine Meinung zu seiner eigenen 
neuen Platte hat, dann stimmt die auch oft überhaupt nicht 
mit der Einschätzung der Leute überein, die sie von außen 
beurteilen. Aber ist ja auch egal, Musikgeschmack wird so¬ 
wieso überbewertet. 

Dennis: Man hört die eigene Platte einfach ganz anders, 
und manchmal würde ich es mir auch wünschen, da ganz 
unbefangen urteilen zu können. Oder ein Konzert seiner ei¬ 
genen Band als normaler Zuschauer betrachten zu können, 
denn man weiß ja gar nicht, wie man wirkt. 

Brami: Wir waren in der Vergangenheit auch selten mit un¬ 
seren Platten zufrieden, nur bei „Von wegen“ hatten wir 
wenig auszusetzen. Deswegen war es nicht leicht, eine neue 
Platte zu machen. 


Dennis: Es war diesmal richtig schwierig, den Punkt zu fin¬ 
den, an dem es für uns richtig gekickt hat. 

Brami: Es ist auch immer Glückssache, den Zeitpunkt zu er¬ 
wischen, an dem es richtig läuft. Wir waren zweimal je zehn 
Tage in einem Ferienhaus im Emsland, hatten da das Wohn¬ 
zimmer ausgeräumt und Musik gemacht. Die ersten zwei 
Tage waren zäh und unbefriedigend, doch dann lief es. 
Schaut man sich solche Arbeitstechniken von anderen 
Bands ab? 

Brami: Klar. Das mit dem Ferienhaus war eine Connection 
über die DONOTS, das fanden wir gut. 

Shredder: Wir saßen da und hatten nur mit unseren Ma¬ 
cken zu tun, das war richtig gut. 

Dennis: Den Moment zu finden, an dem alles passt, das ist 
purer Zufall. 

Und was steht als Nächstes an? 

Dennis: Eine ganze Reihe von Festivals, und im Herbst 
dann eine eigene Tour. 

Brami: Das gefällt mir, denn ich finde es blöd, eine Platte 
rauszubringen und dann direkt auf Tour zu gehen, obwohl 
da noch niemand die Platte kennt. 

Dennis: Dafür ist es schwierig, neue Songs auf Festivals aus¬ 
zuprobieren. Da weiß man nicht, wie das bei den Leuten 
ankommt. Wie die neuen Songs wirklich ankommen, wer¬ 
den wir also erst im Herbst bei der Clubtour wissen. 

Eure letzte Platte war die erste, die ihr in Zusammenar¬ 
beit mit dem Major Universal veröffentlicht habt. Wie 
waren da letztlich die Reaktionen, die Erfahrungen? 
Brami: Größtenteils gut, sowohl die Reaktionen wie die Er¬ 
fahrungen. 

Dennis: Es hat sich für uns auch für den Arbeitsprozess, die 
Aufnahmen, im Vergleich zu früher nichts geändert. Es ist 
nicht so, dass da jeden zweiten Tag jemand im Studio ge¬ 
standen hätte, um sich das anzuhören und uns Anweisun¬ 
gen zu geben. Das wollen wir nicht, das lassen wir nicht mit 
uns machen, und das haben wir denen auch gesagt. 

Brami: Es gab natürlich auch ein paar negative Reaktionen 
zur letzten Platte, von wegen „Man hört, dass ihr jetzt bei 
einem Major seid“, und dabei war die Platte fertig, bevor 
wir den Deal unterschrieben hatten. Dabei ändert der Deal 
nichts an der Musik, der Vorteil ist einfach, dass da Leute 
Geld und Zeit investieren und sich so für uns neue Mög¬ 
lichkeiten eröffnen. 

Dennis: Und wir hatten dadurch die Möglichkeit, uns 
mehr auf die Musik zu konzentrieren, Nagel hatte die Zeit, 
das Buch zu schreiben. 

Danke für das Interview. 

Joachim Hiller muffpotter.net 



DER LETZTE SCHRITT 


BAD ASTRONAUT 


Eigentlich hatte mit diesem Album niemand mehr gerechnet. Längst ist Joey 
Cape wieder mit seiner Hauptband LAGWAGON aktiv, und so schien es, dass 
die Zeit für sein Nebenprojekt BAD ASTRONAUT abgelaufen sei. Doch mit 
„Twelve Small Steps, One Giant Disappointment“ melden sich die Totgesag¬ 
ten nach vier Jahren noch einmal zurück, um anschließend für immer in den 
Tiefen des Weltalls zu verschwinden. Joey, Sänger, Gitarrist und Songwriter 
der Band, hat einiges über das Album, tragische Verluste und das Ende von 
BAD ASTRONAUT zu sagen. 


„Wie heißt er nochmal, dieser Astronaut, der der ers¬ 
te Mensch auf dem Mond war? Von dem ist doch das Zitat 
,Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer für uns alle', 
oder?“ Neil Armstrong war das, und der Ausspruch ging 
wohl eher so: „Ein kleiner Schritt für einen einzelnen Men¬ 
schen, aber ein großer für die Menschheit“. 

Aber es stimmt eben, Joey und Kollegen sind eben schlechte 
Astronauten, die den Titel ihres jüngsten Albums jenem Zi¬ 
tat des großen Vorbilds Armstrong entliehen haben. Zwölf 
kleine Schritte markieren die zwölf neuen Songs des Al¬ 
bums. Und die Enttäuschung? Man hört Joeys Seufzer deut¬ 
lich durch die Telefonleitung. „Mein Freund Derrick hatte 
diese Idee vor Jahren als Titel für eine BAD ASTRONAUT- 
Veröffenthchung. Es sollte soviel bedeuten wie ,Was auch 
immer du tust, manchmal ist eben alles für’n Arsch*. Und 
nun ist Derrick tot.“ 

Derrick Plourde war der Schlagzeuger der Band und frü¬ 
her bei LAGWAGON. Diese hatte er seinerzeit verlassen, als 
er einige Probleme mit Alkohol und Drogen hatte und sich 
nicht auf die Musik konzentrieren konnte. Und so war Joey 
sehr froh darüber, wieder mit Derrick zusammen im Stu¬ 
dio stehen zu können. Wenn er über seinen toten Freund 
spricht, wird klar, dass der LAGWAGON- und BAD ASTRO- 
NAUT-Sänger großen Respekt vor Derricks musikalischen 
Fähigkeiten hat. 

BAD ASTRONAUT entstand zunächst als eine kurzlebige 
Idee, ein einmaliger Zeitvertreib für Joey Cape, während es 
um LAGWAGON etwas stiller geworden war. Neben Der¬ 
rick gesellten sich noch Angus Cooke und Marko 72 von 
SUGARCULT, sowie andere Freunde dazu. Doch schon kurz 
nach der Veröffendichung des Debüts im Jahre 2001 be¬ 


kamen die Beteiligten Lust 
darauf, das Projekt fortzu¬ 
führen und brachten ein 
Jahr später ein weiteres Al¬ 
bum raus. Als dann LAG¬ 
WAGON wieder aktiver geworden waren und nach Jahren 
ein neues Album zu bieten und darüber hinaus das Tourle¬ 
ben wieder für sich entdeckt hatten, sah es dann so aus, als 
sei es das gewesen mit dem alternativen, kleinen Nebenpro¬ 
jekt mit dem kleinen, alkoholabhängigen Astronauten auf 
den Plattencovern. Es entstanden zwar einige neue Demos, 
aber Joey ließ sich viel Zeit mit ihnen und wollte sie eigent¬ 
lich schon ganz aufgeben. 

Doch dann nahm sich Derrick Plourde 2005 das Leben und 
schockte damit nicht nur Frau und Kinder, sondern eben 
auch Mr. Cape. Dieser fühlte sich so schlecht, vermisste sei¬ 
nen Freund und empfand gleichzeitig solche Wut auf ihn, 
für das, was er getan hatte, dass er sich für einige Tage in 
sein Heimstudio einschloss und die wütendsten Songs auf¬ 
nahm, die er je geschrieben hat. Daraus entstand dann das 
letzte LAGWAGON-Al bum „Resolve“. Aber manchmal ge¬ 
nügt es eben nicht, sich die Seele auszukotzen, um mit ei¬ 
nem Problem fertig zu werden. Und so beschloss das BAD 
ASTRONAUT-Mastermind, sich an die alten Aufnahmen zu 
machen, die vier Jahre zuvor mit Derrick als Demos ent¬ 
standen waren und schon seit einiger Zeit in irgendwel¬ 
chen Schubladen verstaubten. Noch immer galt es, einiges 
an den Ideen zu verbessern, sollten sie mal für eine Platte 
herhalten. So kam es, dass die beiden Freunde und ehema¬ 
ligen Bandkollegen noch einmal zusammen an neuem Ma¬ 
terial arbeiteten, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Joey 


benutzte Derricks alte Drum-Spuren, um die Lieder auf ih¬ 
nen neu aufzubauen. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich 
immer wieder diese Aufnahmen anzuhören und sich und 
Derrick im Geiste die neuesten Ideen vorzuspielen. Aber das 
Ziel, den kleinen Astronauten ein letztes Mal auf die Reise 
zu schicken, stand fest. 

Während „Resolve“ wütend war, präsentieren sich dieTexte 
auf „Twelve Steps ...“ als viel ruhigere und nachdenklichere 
Form, sich mit Derricks Freitod zu beschäftigen. Längst ist 
ihm vergeben, auch wenn das Unverständnis nach wie vor 
dasselbe ist. Ein weiteres Album wird es von BAD ASTRO¬ 
NAUT nicht geben, ebenso wenig Shows oder gar eine Tour. 
Aber darum ging es ja bei diesem Projekt eh nie. Dennoch 
möchte Joey auf seine alten Tage nicht nur mit LAGWAGON 
im Studio stehen, sondern auch weiterhin etwas langsame¬ 
re Sachen spielen können. So steht auch schon das nächste 
Indierock-Projekt in den Startlöchern. Die Erwartungshal¬ 
tung diesbezüglich fällt eher nüchtern aus, da man meint, 
es würde sich finanziell wohl ebenso wenig lohnen wie bis¬ 
lang auch. Aber schließlich ist es einfach ein Hobby, und da 
zählt so etwas nicht. Die Besetzung wird wohl fast identisch 
sein mit BAD ASTRONAUT. Musikalisch wird sich auch 
kaum etwas ändern. Es ist eben nur Derrick nicht mehr da, 
und ohne ihn kann es auch keine BAD ASTRONAUT mehr 
geben. Der kleine Astronaut fliegt nicht mehr. 

Zoli Pinter badastronaut.com 


OX-FANZINE 27 





“Prepare To Be Let Down" CD/LP 


“I gave up on metaphors and acts ofsarcastic wit " 
RUINER'S “Prepare To Be Let Down " begins with 
this line and sets the tone for the remainder of this 
12 song blast of hardcore punk. For fans of GIVE 
UP THE GHOST, COMEBACK KID & SUICIDE FILE! 


To 5a Lat Down 








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FOTO: CHRISTOPHER WRAY-MCCANN 


Es wirkte so, als wollten SPARTA den Release ihres neuen Albums „Threes“ vor Europa geheim halten. In 
aller Stille trennte man sich in den USA von Universal und brachte „Threes“ dort auf Hollywood Records/ 
EMI heraus. Eine Europaveröffentlichung war jedoch nicht in Sicht, Informationen über den Verbleib der 
Band auf einem für Europa zuständigen Label waren ebenso kaum zu bekommen. Und das war schade! 
Denn „Threes“ ist ein abwechslungsreiches Indierock/Pop-Album, auf dem die Band zwar offensichtli¬ 
cher denn je mit frühen U2-Einflüssen flirtet, auf dem sie aber ebenso tolle Rocksongs spielt wie die ers¬ 
te Single „Taking Back Control“. 


Nach den ersten beiden Alben, „Wiretap Sears“ und 
„Porcelain“, ist „Threes“ ein Album, auf dem sich die 
Band ganz und gar von allem emanzipiert, was irgen¬ 
detwas mit Emo zu tun hat. Entsprechend erfreulich 
war es, als Anfang diesen Jahres die Nachricht durch¬ 
sickerte, dass Jim Ward (Gesang, Gitarre), Matt Mil¬ 
ler (Bass), Keeley Davis (Gitarre) und Tony Hajjar 
(Drums) einen Europa-Deal mit Anti/Epitaph unter¬ 
zeichnet hatten und „Threes“ im Frühjahr auch hier 
erscheinen würde. Der aus dem Libanon stammende 
Tony Hajjar gab im Vorfeld des Give It A Name-Fes¬ 
tivals Auskunft über die Labelpolitik der Band, seine 
Beziehung zur zweiten Post-AT THE DRIVE-IN-Band 
MARS VOLTA und einen denkwürdigen Film, der 
„Threes“ in Form einer Bonus-DVD beiliegt. 

Tony, die Bonus-DVD von „Threes“ enthält „Eme Na- 
kia“. Ein Film, der dokumentiert, wie du in den 70ern 
mit deinen Eltern während des Krieges zwischen Syri¬ 
en und dem Libanon aus dem Libanon in die USA ge¬ 
flohen bist, wie du in den USA aufgewachsen bist und 
den Tod deiner Mutter miterlebt hast. „Eme Nakia“ 
zeigt in animierten und realen Sequenzen Szenen des 
Krieges, zum Beispiel einen Bombeneinschlag in das 
Haus eines Freundes. Wie gut erinnerst du dich an die¬ 
se Ereignisse? 

Ehrlich gesagt, erinnere ich mich nur sehr begrenzt an 
meine Zeit im Libanon - ich war damals ja gerade fünf 
Jahre alt. Am besten kann ich mich an die letzten Tage 
dort erinnern. Denn es waren Tage, in denen wir allen 
„Auf Wiedersehen“ sagten. Mitten im Krieg fanden klei¬ 
ne Abschiedspartys statt und man versuchte, trotz des 
Krieges Spaß zu haben. Von damals gibt es ein Foto von 
mir, das mich mit meiner Familie auf einem Sofa zeigt. 
An diesen Moment erinnere ich mich sehr gut, was aber 
sicherlich daran liegt, dass ich dieses Foto habe. Weitere 
Erfahrungen aus dem Krieg habe ich im Wesentlichen aus 
Geschichten von meinem Bruder und meiner Schwester, 
die mir oft erzählten, wie sie aus der Schule kamen und 
auf dem Heimweg vor Panzern wegliefen. Oder an Bom¬ 
ben vorbei gingen, die nicht detoniert waren und im Bo¬ 
den oder Hauswänden steckten. 

War es ein Anliegen von dir, diesen Krieg in „Eme Na¬ 
kia“ vor allem aus dieser persönlichen Perspektive 
darzustellen? 


Oh ja. „Eme Nakia“ soll zeigen, dass alle Kriege, die wir 
heute in den Nachrichten sehen, immer persönliche Tra¬ 
gödien bedeuten. Nur, dass wir die Nachrichten aus¬ 
schalten und uns mit der Realität zum Beispiel im Irak 
nicht auseinandersetzen wollen, ändert gar nichts dar¬ 
an, dass dort zahlreiche menschliche Tragödien passie¬ 
ren. Dass Krieg auch immer das Leben vieler unschul¬ 
diger Menschen kostet, das ist eine zentrale Message des 
Films, für die ich diejenigen, die den Film sehen, hof¬ 
fentlich sensibilisieren kann. 

Wie hast du vor deinem Hintergrund den Krieg zwi¬ 
schen Israel und dem Libanon im Sommer 2006 er¬ 
lebt? 

Ich stehe auf keiner Seite der Konfliktparteien. Aber mein 
allergrößtes Problem mit diesem Konflikt ist, dass der Li¬ 
banon durch ihn wieder völlig zugrunde gerichtet wur¬ 
de. Gut anderthalb Jahre vor der Auseinandersetzung 
mit Israel hatte das Land ja seine Freiheit erhalten, weil 
die USA und Frankreich Druck auf Syrien ausgeübt hat¬ 
ten, seine Truppen aus dem Libanon abzuziehen. In dem 
Krieg, vor dem meine Familie und ich geflohen sind, hat¬ 
te Syrien den Südlibanon ja in kürzester Zeit erobert und 
die Region so lange nicht verlassen, bis USA und Frank¬ 
reich Druck auf Syrien ausübten. Jedenfalls entstand un¬ 
ter dem Einfluss Syriens und des Irans im Libanon die 
Hisbollah. Und sie kann heute weiter existieren, weil bei¬ 
de Länder immer noch einen sehr starken Einfluss auf 
den Libanon haben, den kaum jemand in all seinen De¬ 
tails versteht. Zwar wird zuweilen eingewandt, dass der 
Libanon die Hisbollah ja duldet, das ist aber völlig falsch. 
Denn sie ist eine starke Institution geworden, die auf dem 
Einfluss Syriens und des Irans fußt. Sprich, gerade weil 
der Einfluss beider Länder auf den Libanon so stark ist, 
kannst du die Hisbollah nicht mal eben aus dem Land 
heraus befördern. Als die Hisbollah in 2006 nun die Ent¬ 
führungen machte, die der Grund für Israels Angriffe auf 
den Libanon waren, wurde der Konflikt öffentlich als 
ein Krieg zwischen Israel und dem Libanon dargestellt. 
Das traf nicht zu. Denn es war ein Krieg zwischen Isra¬ 
el und der Hisbollah. Die verheerenden Angriffe Israels 
auf den Libanon, die dieses Land einmal mehr zerstörten, 
hat wiederum dazu geführt, dass immer mehr Libanesen 
die Hisbollah unterstützen, weil ihr Leben von den isra¬ 
elischen Streitkräften zerstört wurde. Die Tatsache, dass 
die Libanesen ein an sich friedliebendes Volk sind, dessen 


Land erneut zu Grund gerichtet wurde, ist mein Haupt¬ 
eindruck von dem Krieg. Das macht mich betroffen. 

Siehst du eine Perspektive für Frieden im Nahen Os¬ 
ten? 

Nein, denn der Konflikt insgesamt, der Israel-Palästina- 
Konflikt einbezogen, ist zutiefst religiös geprägt. Keine 
Seite wird jemals klein beigeben. 

Lass uns über „Threes“ sprechen. Vorsichtig gesagt, gab 
es mit dem Album ein gewisses Label-Zickzack. Wie 
kam es zu alledem? 

Es ist in der Tat eine komplexe Situation - und sie ist es 
nach wie vor. Also, in Mexiko und Kanada sind wir nach 
wie vor auf Universal, was wir auch so wollten. In den 
USA wollten wir allerdings nicht mehr länger auf Uni¬ 
versal sein, denn in den USA hat Universal die Arbeit für 
„Porcelain“ vollkommen vergeigt. Sie haben nicht ver¬ 
nünftig für das Album gearbeitet und uns darüber hi¬ 
naus die ganze Zeit belogen. Als wir dann konzernin¬ 
tern von Dreamworks zu Geffen verschoben wurden, ha¬ 
ben wir die vertragliche Option, ein drittes Album in den 
USA bei Universal zu machen, nicht genutzt. Ehrlich: fi¬ 
nanziell war der Deal, den sie uns anboten, wirklich at¬ 
traktiv. Aber wir wären nach unseren Erfahrungen mit 
„Porcelain“ in den USA lieber auf gar keinem Label ge¬ 
wesen, als noch mal auf Universal. Entsprechend suchten 
wir dann nach einem Label, das in den USA mit uns ar¬ 
beiten, uns für Europa aber freigeben würde. Hollywood 
Records ließ sich darauf ein und bisher sind wir wirklich 
glücklich mit ihnen. In Europa wollten wir in jedem Fall 
ganz weg von Majorlabels. Das lag daran, dass wir fürch¬ 
teten, in Europa würde ein Major noch schlechter für uns 
arbeiten, als Universal in den USA. Entsprechend haben 
wir nach einem Indie gesucht, der die Kapazitäten und 
die Leidenschaft hat, SPARTA zu bearbeiten. Dass es sei¬ 
ne Zeit gedauert hat, ein solches Label zu finden, ist der 
Grund, warum „Threes“ hier erst so spät erschien. EMI 
hätte das Album hier zwar herausgebracht. Das wollten 
wir aus genannten Gründen aber nicht. Entsprechend ist 
es unsere Verantwortung, dass ihr mehrere Monate auf 
das Album warten musstet. 

„Threes“ ist ein sehr vielseitiges und euer bisher viel¬ 
leicht poppigstes Album geworden. Während ihr im¬ 
mer zugänglicher werdet, werden MARS VOLTA als 
zweite aus AT THE DRIVE-IN hervorgegangene Band 
von Album zu Album komplexer. Wie nimmst du die¬ 
se auseinanderdriftende Entwicklung beider Bands 
wahr? 

Hm, meine ganz persönliche Meinung - und ich weiß, 
dass ich damit recht alleine dastehe - ist, dass „Wiretap 
Sears“ unser poppigstes Album ist. „Threes“ ist in mei¬ 
nen Augen unser dunkelstes Album. Aber wie dem auch 
sei, bei SPARTA ging es uns immer darum, von Album 
zu Album besser zu werden. Songs zu schreiben, die sich 
von dem bisher Geschriebenen abheben und uns selber 
zeigen, dass wir uns musikalisch entwickelt haben. Ganz 
gleich, ob wir nun von einem Album zum nächsten pop- * 
piger oder härter werden. Dies treibt uns völlig unabhän¬ 
gig davon an, was MARS VOLTA machen. Ich verfolge ihr 
Schaffen auch ehrlich gesagt gar nicht so genau, wobei 
ich es auch gar nicht bewerten will. Ich bin nur darü¬ 
ber glücklich, dass wir als SPARTA Musik machen können 
und dass wir einige harte Zeiten überstanden haben. 

Was genau meinst du mit harten Zeiten? 

In der jüngsten Vergangenheit waren es die Labelproble¬ 
me, die wir mit Universal in den USA hatten, die Tatsa¬ 
che, dass unser Gitarrist Paul 2005 ausstieg, SPARTA zwi¬ 
schenzeitlich auf ein Trio zusammen schrumpfte und Jim 
überdies noch eine Auszeit von der Band nahm, ließ un¬ 
sere Zukunft zwischenzeitlich sehr ungewiss erschei¬ 
nen. Ich will jetzt nicht Mitleid erwecken, aber SPARTA 
war darüber hinaus doch auch immer die Band, die von 
der Presse und der Öffentlichkeit im Gegensatz zu MARS 
VOLTA eher belächelt wurde. Am Ende von AT THE DRI- 
VE-IN waren wir die Rhythmussektion der Band, die 
Trottel im Hintergrund, die sich dann in einer neuen 
Band zusammengetan haben. Dabei war es gar nicht die 
Intention, dass gerade Jim, Paul und ich uns damals zu ei¬ 
ner neuen Band reformierten. AT THE DRIVE-IN war da¬ 
mals aufgelöst, ohne Aussicht auf Neugründung. Und wir 
waren eben Freunde, die weiter zusammen Musik ma¬ 
chen wollten. Es sollte und soll vollkommen losgelöst von 
AT THE DRIVE-IN sein und entsprechend nicht an die¬ 
ser Band gemessen werden. Daher mache ich mir auch 
recht wenig Gedanken um Erfolg oder Ähnliches. Ich bin 
schlicht und einfach dankbar, dass wir es bis hierher ge¬ 
schafft haben und Musik spielen können. 

Siehst du denn noch viel von AT THE DRIVE-IN in 


SPARTA? 

Nur ein wenig. Eine gewisse Art, die AT THE DRIVE-IN 
inne wohnte, wird ewig in SPARTA und MARS VOLTA 
bleiben. Das muss denke ich auch so sein, weil AT THE 
DRIVE-IN für die Mitglieder beider Bands ein relevan¬ 
ter Lebensabschnitt war. Dennoch denke ich, dass die¬ 
ser ATD-I-Touch, wenn du so willst, bei SPARTA immer 
geringer wird. 

Lauri Wessel 


spartamusic.com 


OX-FANZINE 29 










EINE BAND FÜR DIE EWIGKEIT 

EDITORS 

„The Back Room“ war für mich eine der besten Platten des Jahres 2005, und wirklich jedes Konzert der 
EDITORS, das ich seitdem besucht habe, hat mich mitgerissen und restlos begeistert. Und seltsamer¬ 
weise stehe ich damit nicht alleine da, hat der Vierer aus Birmingham doch das Potenzial, generatio- 
nenübergreifend zu begeistern, den jungen Indiepop-Fan genauso wie den in den Achtzigern geprägten 
Wave-Punk-Anhänger. Mit „An End Flas A Start“ haben die EDITORS jetzt ihr zweites Album aufgenom¬ 
men, das anfangs etwas ungewohnt wirkt, aber dann mit jedem Hören mehr begeistert. Ich unterhielt 
mich mit Sänger und Gitarrist Tom Smith sowie Bassist Russell Leetch. 


Tom, wie geht es dir? 

Tom: Ich bin müde. Wir sind seit Tagen auf Promo-Tour. 

Und dann muss man jeden Tag die gleichen Fragen be¬ 
antworten, immer wieder... 

Tom: Nein, ich will mich nicht beschweren. Das ist für 
uns aber gerade wie die erste Woche Schule nach den Fe¬ 
rien. Und es ist ja schön, wieder unterwegs zu sein und 
sich mit Leuten zu unterhalten. Heute fühle ich mich ein¬ 
fach etwas abgekämpft, aber es ist ja auch keine Lösung, 
wie die großen Bands in jedem Land nur ein Interview 
zu geben. 

Dann sprechen wir doch direkt über euer neues Al¬ 
bum. Wer bitteschön ist Garret „Jacknife“ Lee, der 
euch produziert hat? In letzter Zeit stößt man allent¬ 
halben auf seinen Namen, so hat er etwa auch mit U2, 
SNOW PATROL, KASABIAN, VEGA4 und zuletzt mit 
BLOC PARTY aufgenommen. 

Tom: Er war früher mal bei COMPULSION. Danach wur¬ 
de unter dem Namen Jacknife Lee ein gefragter Dance- 
Remixer und Produzent, arbeitete unter anderem für Ma¬ 
donna, macht aber auch Solo-Alben. Dann arbeitete er 
als Produzent für U2, und so entwickelte sich das weiter. 
Er ist noch recht jung, wie wir, und er ist hungrig. Wir 
kennen ihn, seit wir mit ihm den Song „Bullets“ für un¬ 
ser erstes Album aufgenommen haben. Und jetzt dach¬ 
ten wir uns, wir probieren aus, wie es mit ihm klappt, 
wo uns diese Zusammenarbeit hinführt. Außerdem woll¬ 
te er auch unbedingt mit uns arbeiten. Und ich denke, 
die Kombination aus hungriger, junger Band und hungri¬ 
gem, jungem Produzenten passt gut, und es war wirklich 
sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Wir hatten die glei¬ 
che Dynamik, es wirkte so, als wäre er das fünfte Band¬ 
mitglied. Wir harmonierten bestens, und er pushte uns 
in genau die Richtung, in die wir gehen wollten. Es war 
eine wahre Freude, mit ihm zu arbeiten. Es standen na¬ 
türlich auch andere Produzenten zur Auswahl, aber die 
waren alle schon älter und wir dachten uns, die haben 


ihre besten Platten wahrscheinlich schon gemacht. Und 
bei Garret hatten wir diesen Eindruck nicht, dessen beste 
Produktion kommt noch, der ist noch jung und lernt im¬ 
mer noch dazu. Außerdem hatten wir keine Lust auf eine 
klassische Band-Produzent-Beziehung. 

Russell: Wir hatten im September letztes Jahr mal zur 
Probe zwei Songs mit Garret aufgenommen, einfach um 
zu sehen, ob das mit uns funktioniert, und danach war 
uns klar, dass wir das Album zusammen machen wer¬ 
den. Wir passen gut zusammen, wir pushen uns gegen¬ 
seitig, das gefällt uns. Und ich bezweifle, dass wir mit 
jemandem wie Brian Eno oder so, der sehr gute Platten 
produziert hat, auf ähnliche Weise hätten Zusammenar¬ 
beiten können. 

Was ist das für eine Vision, die ihr mit Garret teilt? 
Tom: Wir wollten nicht die gleiche Platte noch einmal 
machen. Wir wollten ehrgeizig sein, wir wollten eine 
strukturiertere Platte. Und wir wollten kein klaustropho- 
bisches, sondern ein sehr offenes Album machen. Ande¬ 
rerseits sind das natürlich wir auf der neuen Platte, da 
sind Lieder drauf, die auf „The Back Room“ hätten sein 
können, bei anderen haben wir Neues ausprobiert, die 
wären so nicht auf „The Back Room“ gewesen. Wir hat¬ 
ten keine Angst davor, mit anderen Instrumenten zu ex¬ 
perimentieren, mit Streichern und Chören, einfach mit 
dem Ziel, ein ambitioniertes Album zu machen, mit dem 
wir für uns selbst die Latte ein Stück höher gelegt haben. 
Und auch klanglich und gesanglich sind wir gewachsen, 
finde ich. Chris etwa hat einen ganz typischen Gitarren¬ 
sound entwickelt, den man schon auf dem ersten Album 
heraushört und den er weiterentwickelt hat. Man muss 
sich eben selbst immer weiter vorantreiben, sonst kommt 
man im Leben nicht weiter. Und es hätte für uns keinen 
Sinn gehabt, die gleiche Platte noch mal zu machen. 

Eine Band will die gleiche Platte nicht noch mal ma¬ 
chen, doch die Fans sehen das oft anders ... 

Tom: Ich denke, drei oder vier Lieder vom neuen Al¬ 


bum hätten auch auf „The Back Room“ sein können: „An 
end has a Start“ und „Bones“ etwa, oder auch „The ra- 
cing rats“. Ich hoffe einfach, dass unsere Fans auch die 
neue Platte lieben oder zu schätzen wissen. Wir haben 
versucht, uns selbst zu pushen, aber das ist ja doch die 
gleiche Band wie vorher. 

Interessant, dass du diese Songs genannt hast - das sind 
auch jene, die ich als „alte“ EDITORS-Lieder genannt 
hätte. Die neuen Songs dagegen brauchen bei mir si¬ 
cher noch etwas Zeit. 

Tom: Lass es mich so ausdrücken: Was wir mit dem Al¬ 
bum erreicht haben, das haben wir auch erreicht. 

Als ich Chris letztes Jahr interviewte, beschrieb er euer 
Debüt als von den Umständen seiner Entstehung ge¬ 
prägt: dunkle Abende in Birmingham, eine Band, die 
gerade dabei ist, sich zu finden ... 

Tom: Klar, deine Umgebung prägt dich, und diesmal ha¬ 
ben wir unsere Zeit damit verbracht, in Flugzeugen zu 
sitzen und die Welt zu sehen. Und wir haben 20 Mona¬ 
te am Stück Konzerte gespielt, was einem natürlich ein 
ganz anderes Selbstvertrauen vermittelt. Und so haben 
wir diesmal neue Sachen ausprobiert, zu denen wir beim 
ersten Album gar nicht in der Lage gewesen wären. 

Wie ist das mit Bands untereinander, gibt es da ein 
Konkurrenzdenken? Ich denke da spontan an BLOC 
PARTY, deren Album nicht lange vor eurem erschien 
und das auch von Garret Lee produziert wurde ... 

Tom: Hm, ich weiß nicht so recht. Die Charts etwa stel¬ 
len natürlich immer einen gewissen Wettkampf dar. 
Letztlich ist es aber eine Frage, wie sehr man selbst so ei¬ 
nem Wettbewerbsdenken verhaftet ist, wie sehr man er¬ 
folgreich sein will. Wir haben, ehrlich gesagt, nicht die 
Vorstellung, dass wir von diesem Album soundsovie- 
le „Units“ absetzen wollen. Wir wurden vom Erfolg un¬ 
seres ersten Albums völlig überrascht. Ich denke nicht, 
dass wir unbedingt erfolgreich sein, große Konzerte 
spielen, zu „diesen“ Bands gehören wollen. Unser Ziel 
ist vielmehr, eine ganze Reihe guter Alben zu machen, 
sich weiterzuentwickeln, sein eigenes Ding zu machen 
- wie RADIOHEAD oder R.E.M. Das sind Bands, die sich 
weiterentwickeln oder auch mal rückwärts gehen, auch 
mal Fehler machen und mal großartige und mal nicht so 
großartige Platten machen. Aber was wichtig ist: Sie ma¬ 
chen Platten! Und so eine Band zu werden, das ist un¬ 
ser Ziel. Ich denke, dass Langlebigkeit und Kreativität ein 
wichtiges Ziel sind - nicht nur für zwei Alben, sondern 
auf lange Sicht. 

Hat es euch geholfen, so lange auf Tour gewesen zu 
sein? 

Rüssel: In Sachen Kreativität nicht, denn on the road 
schreiben wir keine Songs. Aber wir sind selbstbewusster 
geworden, weil wir unsere Instrumente heute besser be¬ 
herrschen. Und das hat natürlich auch den Sound beein¬ 
flusst. Um neue Songs zu schreiben, brauchten wir aber 
eine Pause, und außerdem wäre es auch langweilig ge¬ 
worden, immer nur die gleichen Lieder zu spielen. Und * 
um Weihnachten herum haben wir dann aufgehört zu 
touren, da war es definitiv an der Zeit, ein neues Album 
aufzunehmen. Und mit dem sind wir echt glücklich. 

Tom: Es gibt ja Bands, die ihre neuen Songs aus dem ei¬ 
nen oder anderen Gitarrenriff, aus Spielereien beim 
Soundcheck zusammenbauen können, aber wir sind 
nicht gut im Jammen. Wir sind zu sehr songbasiert, um 
neue Lieder so schreiben zu können. Aber wer weiß, viel¬ 
leicht lernen wir ja auch irgendwann, auf Tour ein neues 
Album zu schreiben. 

Rüssel: Da finde ich es viel spannender, das Studio als zu¬ 
sätzliches „Werkzeug“ zu benutzen - das gefällt mir bes¬ 
ser, als die Lieder allein im Proberaum zu schreiben. So 
hatten wir jemand um uns, der uns vorangetrieben hat, 
und allein das war schon eine ganz andere Arbeitsweise 
als beim ersten Album. 

In England seid ihr riesig, in Europa läuft es okay, doch 
wie ist es in den USA? 

Tom: Im Vergleich zu vielen anderen UK-Indiebands 
läuft es da recht gut für uns, wir haben da viel gespielt. 
Das Problem war allein, dass die Platte in den USA erst 
ein Jahr später erschien. Wir werden sehen, wie es wei¬ 
tergeht, denn man braucht einen langen Atem, um dort 
sichtbaren Erfolg zu haben. Auf jeden Fall macht es mir 
Spaß, da zu spielen, denn wir haben wohl was, worauf das 
US-Publikum anspricht. In Amerika stehen sie irgendwie 
auf Bands, die so einen gewissen düsteren Touch haben, 
etwa THE CURE oder DEPECHE MODE, aber gleichzeitig 
songbasierte Musik machen. Von daher werden wir so oft 
in den USA spielen, wie man uns fragt. 

In meinem Umfeld beobachte ich, dass ihr Leute mit 
ganz verschiedenem musikalischem Hintergrund be¬ 
geistern könnt, und das über ein normales Maß hinaus. 
Mir geht es da ja genauso ... 

Tom: Das freut mich zu hören. Wir versuchen einfach, 
eine interessante Band zu sein, und selbst wenn jemand 
vom neuen Album nicht so begeistert ist wie vom ers¬ 
ten, so hoffe ich doch, dass man fasziniert ist von unse¬ 
rer Entwicklung. 

Rüssel: Ich finde es gut, dass wir kein Publikum haben, 
das sich über das Alter definiert. Wir sind keine Band für 


OX-FANZINE 30 






EDITORS/MONTREÄL 


14- bis 19-Jährige, die nur MY CHEMICAL ROMANCE 
hören. 

Tom: Wenn man älter ist, sieht man eher, was Bullshit 
ist und was gut, und vielleicht wirkt sich das ja positiv 
für uns aus. Aber es ist schön, dass wir auch junge Fans 
haben. 

Seid ihr denn in England mittlerweile so was wie Pop¬ 
stars ...? 

Tom: Wir haben zwar mittlerweile einige richtig große 
Konzerte und Festivals gespielt, aber wir sind keine Pop¬ 
stars und immer noch recht „gesichtslos“. Die Leute sind 
immer wieder überrascht, wenn sie hören, wie viele Plat¬ 
ten wir in UK verkauft haben. 

... es sind Hunderttausende. 

Russell: Unser Name wurde bekannter, aber nicht wir als 
Personen, und das ist gut so. Und wenn wir die Brixton 
Academy mit 5.000 Leuten in kürzester Zeit ausverkau¬ 
fen, berichtet die Musikpresse darüber nicht mal. 

Tom: Es gibt auf jeden Fall Bands, die weit weniger Plat¬ 
ten verkaufen und trotzdem bekannter sind. Ich muss da 
nur an die LIBERTINES denken ... 

Vielleicht solltest du dich aufführen wie Pete Doherty. 
Tom: Na ja ... Aber es ist gut, dass wir einerseits als Mu¬ 
siker erfolgreich sind, andererseits der ganze Rockstar- 
Kram uns nicht wirklich berührt. Klar, man erkennt uns 
schon, wenn wir auf ein Konzert gehen, aber das ist es 
auch schon. Aber bei Thom Yorke ist das ja auch noch 
anders, der kann auch ungestört die Straße lang laufen, 
und die sind viel größer als wir. Bei Bono sähe das si¬ 
cher anders aus. 

Apropos: Mögt ihr U2 ...? 


Tom: Also ich habe nichts gegen U2. Ich mag ihre al¬ 
ten Sachen, die neuen, bombastischen Lieder aber nicht. 
„The Unforgettable Fire“ und so, das mag ich. Doch wenn 
ich mich entscheiden muss, dann sind eher ECHO & THE 
BUNNYMEN meine Band. 

Habt ihr eigentlich den JOY DIVISION-Film schon ge¬ 
sehen? 

Tom: Nein, der ist noch gar nicht raus. Und man hat uns 
auch nicht gefragt, ob wir einen Song zum Soundtrack 
beisteuern wollen. 

Hättet ihr das denn gemacht? 

Tom: Nein. Wenn sie eine Band wären, die uns viel be¬ 
deutet, dann hätten wir uns sicher anders entschieden. 
Es ist nicht so, dass ich die nicht mag, aber keiner von 
uns hätte da große Lust auf ein Lied auf dem Soundtrack 
gehabt. 

Wie sehr könnt ihr denn die Vergleiche, die in Reviews 
gezogen werden, nachvollziehen? 

Tom: Eigentlich kümmern mich solche Vergleiche nicht, 
obwohl ich ECHO & THE BUNNYMEN natürlich phan¬ 
tastisch finde. Die haben nur gute Platten gemacht. Wenn 
man seine Band, seine Musik beschreibt, muss man aber 
zu Vergleichen greifen, ähnliche Bands nennen, und von 
daher landen wir eben mit den immer wieder genann¬ 
ten Bands in einer Kategorie - und es gibt ja auch Ähn¬ 
lichkeiten. Wenn man aber nur mal unsere beiden Alben 
nimmt, dazu die Singles und die B-Seiten, dann haben 
wir ein eigenes Werk, dann sind das die EDITORS. Als 
Band kann man auf Dauer sowieso nur bestehen, wenn 
man gut ist, und je mehr Zeit vergangen ist, desto weni¬ 
ger wird man uns mit anderen Bands vergleichen, und 


stattdessen kann es sein, dass neue, junge Bands mit uns 
verglichen werden. Ich glaube nicht, dass irgendwer zu 
hundert Prozent originell ist, aber wir machen das, was 
wir machen, mit großer Ehrlichkeit und Leidenschaft, 
und darauf kommt es an. 

In der Tat habt ihr einen klar erkennbaren Sound. Was 
macht diesen aus? 

Tom: Unsere Musik hat ein dunkles Herz, man hört ihr 
die Sorgen an, die in den Texten stecken. Die Gitarrenli¬ 
nien sind sehr melodiös ... 

Russell: Und rhythmisch sind wir sehr druckvoll. 

Tom: In den Songs steckt viel Aufregung und Energie, 
und die wiederum kommt vom vielen Live-Spielen, von 
den Reaktionen des Publikums. 

Eine Menge Bands experimentieren heute gerne mit 
elektronischen Elementen, mit Remixen. Ihr nicht. 
Tom: Also es haben schon Leute unsere Songs remixt, 
aber damit hatten wir nichts zu tun. 

Russell: Im Studio arbeiten wir natürlich mit Elektro¬ 
nik, auch mal mit einer Drum-Machine. Also da gibt es 
Songs, wo wir das einsetzen, und auch hier und da mal 
ein Sample. Wir halten uns diese Option offen, könnte 
sein, dass uns das mal interessiert. Und bei unseren B- 
Seiten experimentieren wir natürlich auch gerne, irgend¬ 
wie ist da wohl der Druck nicht so groß. Da sind nur wir 
und der Toningenieur im Studio, mit dem wir schon seit 
Jahren arbeiten, wir denken nicht groß nach und machen 
einfach. 

Dann besten Dank für das Interview. 

Joachim Hiller 

editorsofficial.com 


„WER ’NE UNBEKANNTE BAND HÖRT ... 

MONTREAL 



_ _ ....... ird hieß es in einem Lied auf dem Ende 2005 erschienenen ers¬ 
ten Album „Alles auf Schwär^ d^.Hamburger Mittzwanziger. In weniger als zwei Jahren sindlMON- 
TREAL, deren zweiter Langspieler,, Die schönste Sprache der Welt“ sich in so mancher Playlist fest¬ 
gesetzt hat, nun mit Auftritten bei Football-Spielen und in Moskau, Touröjn mit Bands wie der BLOOD- 
HOUND GANG oder 4LYN, ja sogar Airplay im australischen Radio, mit großen Schritten auf dem 
Weg, eben dieser Trend zu werden. Doch hassen muss man die drei Jungs dafür bestimmt nicht, 
denn Ende März erzählten mir Hirsch (Gesang, Bass) und Yonas (Gitarre, Gesang) vor einem Kon¬ 
zert in Hagen, wie sie ihren schnellen Erfolg dennoch durchaus mit einer sympathischen Punk-Atti- 
tüde unter einen Hut bekommen. 


Ich hab lange im Internet nach Interviews von euch ge¬ 
sucht, aber die Ergebnisse waren eher mau. Stattdessen 
habe ich aber einige Foren gefunden, in denen ihr be¬ 
sonders von Teenies abgefeiert werdet, die euch sogar 
zu Konzerten hinterher reisen. Wie kommt das, dass 
ihr schon fast gehypet werdet, ohne aber in den gro¬ 
ßen Musikmagazinen präsent zu sein? 

Wir geben nie Interviews. Nee, Spaß beiseite, also so 
wirkliche Frage-Antwort-Spiele gab es tatsächlich bislang 
kaum, die meisten drucken einfach nur unser Info ab. 
Und in Hefte wie das Visions kommst du ja eh nur, wenn 
du ein „The“ vorm Namen hast, Karottenjeans trägst und 
den Pony ins Gesicht kämmst. Und trotzdem stehen drau¬ 
ßen auch jetzt wieder die Leute, manche reisen sogar et¬ 
liche Kilometer an. Die haben scheinbar nix anderes zu 
tun. Ich könnte mir das nicht leisten. Zwei sind uns so¬ 
gar nach Moskau hinterher geflogen! Ich vermute, die re¬ 
lative Bekanntheit kommt daher, dass wir sehr oft spie¬ 
len. Besonders auch als Vorband, etwa von der BLOOD- 
HOUND GANG, ZSK und den SPITTIN’ VICARS. Und da 
bei Letzteren der Vom spielt, hat man da dann die gan¬ 
zen Hosen-Kids. 

Wie war das denn mit der BLOODHOUND GANG? Und 
ihr spielt ja auch bei „richtigen“ Punkrock-Events, wie 
jetzt bald beim „Ruhrpott Rodeo“. Wie kommen eure 
poppigen Klänge bei so was an? 

Mit der BHG war es sehr geil! Die können so manchem 
Punker noch zeigen, was Punk überhaupt ist. Die leben 


das, was die anderen gerne hätten. Sie können zwar über¬ 
haupt nicht spielen, machen aber einfach ihr Ding. Denen 
ist alles egal. Außerdem sind es sehr nette, umgängliche 
Menschen, was bei anderen gar nicht so großen Bands 
nicht der Fall ist. Und wir waren auch schon bei der „Ni¬ 
kolaus raus“-Tour dabei, mit FAHNENFLUCHT, A.C.K. 
und wie sie alle heißen. Da hatten wir im Vorfeld die 
Hosen gestrichen voll, weil wir dachten, die Punks wer¬ 
fen uns direkt Flaschen auf die Bühne, doch dann war al¬ 
les super, hat Spaß gemacht. Schwierig wird es eher bei 
TOMTE-Publikum. Die kommen auf uns gar nicht klar, 
weil wir wohl nicht ernst genug sind und keine Heulsu- 
sen-Musik machen. 

Das hätte ich genau andersrum eingeschätzt. Immer¬ 
hin sind eure Texte ja teilweise doch schon etwas an¬ 
spruchsvoller, erfordern zumindest, dass man mal 
kurz drüber nachdenkt... 

Das dringt leider zu vielen nicht durch. Ich will mich 
jetzt nicht an TOMTE festbeißen, aber generell ist die¬ 
ser Hamburger-Schule-Indie doch sehr oberflächlich und 
trotzdem nicht auf den Punkt. Aber wahrscheinlich sind 
wir dem Publikum einfach zu infantil und albern. Die 
werden wohl auch andere Bands, die schon vorher so 
was wie wir gemacht haben, doof finden. Bestimmt so¬ 
gar die ÄRZTE. 

Womit wir bei den Vorbildern angelangt wären. Sind 
die ÄRZTE so etwas wie Helden? Und was für Musik 
hört ihr sonst so, wo sind eure Einflüsse zu suchen? 


Wir schätzen eher den Vergleich mit WIZO. Die waren 
auch mal albern und mal ernst, aber musikalisch im¬ 
mer punkrockig. Die ÄRZTE sind ja eher seicht gewor¬ 
den. Aber was ist überhaupt schon ein Held? In den 90ern 
haben wir viel Melodycore gehört, aber auch Deutsch¬ 
punk. Das ist heute allerdings nicht mehr so. Hirsch hört 
viel Hiphop, Jan Delay zum Beispiel. Und dann, was man 
halt auf Tour an anderen Bands mitbekommt, besonders 
das deutschsprachige Zeug, etwa SONDASCHULE, EL*KE 
oder SCHROTTGRENZE. Aber eigentlich hören wir nicht 
viel aktuelle Musik. 

Würdet ihr euch denn selber als Punkband bezeich¬ 
nen? 

Na ja, es ist eher Punkrock als Jazz, was wir machen. Aber 
wir sind sicherlich keine Punkband in dem Sinne, wie 
etwa ZSK, die sich politisch permanent engagieren und 
in ihren Liedern gegen Staat und System singen und die 
ganze Chose. Wenn man das als Punk bezeichnet, sind 
wir wohl keine Punkband. 

Verdient ihr Geld mit eurer Musik, könnt ihr davon le¬ 
ben? 

Wir könnten vielleicht Geld verdienen, aber wir haben 
keine Firma im Rücken, die irgendwas vorstrecken wür¬ 
de. Da muss man also erstmal alles selber bezahlen und 
dann versuchen, das im Laufe der Zeit wieder einzuspie¬ 
len. Wir sind eigentlich eine totale D.I.Y.-Band, machen 
den ganzen Scheiß selber. Unser Label Hamburg Records, 
das sind wir drei und Flo von Schwarz. Da werden selber 
die Flyer gedruckt und die Aufnäher geschnitten. Musik 
ist also schon unser Job, aber von Plattenverkäufen leben 
wir nicht. Deswegen haben wir auch eigentlich nix gro߬ 
artig dagegen, wenn Leute unser Zeug kopieren. Haupt¬ 
sache, sie kommen dann zum Konzert und kaufen viel¬ 
leicht noch einen Button. Was haben wir davon, wenn 
die nur zu Hause ihr Album hören? 

Wie steht ihr denn, die ihr ja selber deutschsprachige 
Musik macht und hört, zu einer Radioquote für deut¬ 
sche Musik? 

Heinz Rudolf Kunze will doch nur so eine Quote, da¬ 
mit sein eigener Scheiß überhaupt mal irgendwo stattfin¬ 
det. Das regelt sich doch alles von selbst. Was gut ist, das 
wird auch gespielt, und momentan gibt es doch sehr viel 
gute deutsche Musik im Radio, das hat ja geradezu einen 
Boom, und das völlig ohne Quote. Selbst Bands, die vor 
einigen Jahren noch komplett auf Englisch gesungen ha¬ 
ben, machen mittlerweile deutsche Texte. 

War dieser Boom für euch auch ein Grund, die Musik 
zu machen, die ihr macht? Und welche Rolle spielt da¬ 
bei euer Produzent Flo von Schwarz? 

Der Auslöser war eigentlich die „ 1 World 0 Future“ von 
der TERRORGRUPPE, da haben wir gesagt: Jetzt machen 
wir auch deutschsprachige Musik, aber richtig gut produ¬ 
ziert. Außerdem sprechen wir alle scheiße Englisch, und 
warum soll man dann nicht die Sprache benutzen, die 
man auch gut kann? Verkaufsargumente haben dabei aber 
keine Rolle gespielt, der Trend war da so ja noch nicht ab¬ 
zusehen. Und Flo sagt uns zwar seine Meinung, aber er 
ist nicht unser Chef. Wir sind eher wie eine Reisegruppe, 
bei der es ein ständiges Miteinander gibt, auch wenn man 
sich - wie immer, wenn man viel Zeit miteinander ver¬ 
bringt - zwangsläufig mal in die Haare kriegt. 

Jan Eckhoff 


montrealmusic.de 


OX-FANZINE 31 





AN RI 2 Purgen - Protest Detalei... CD 

Endlich erhältlich. Der Hammer! Das Best Of 
Album von Russlands bekanntester und 
bester Punkhardcore Band. Über 55 min. 
direkt in die Fresse Punkrock, inkl. “Anachia“ 
„Phiiosophia“ und „Kristallnacht“. 23 Hits aus 
der gesamten Schaffensphase der Band. 
24-seitiges Booklet mit Textübersetzungen 
und vielen Bildern. 


Debüt Album der Berliner „MartialArt Punk¬ 
rocker". Minimalistischer TrashPunkrock'n' 
Roll mit deutschen Texten im Stile von 
Bands wie SHOCKS und CREEKS. 15 
Songs mit 77er Spirit, geradlinig auf den 
Punkt gebracht. 

“Klasse Die habendes drauf.” PB #57 

“Absolut empfehlenswert.Mehr davon!" OX #69 

”... haben Moskito Spezial ein beachtliches Debüt 
hingelegt." Moloko Plus #30 


ANR15 Hausvabot - Feuert... LP/CD 

Die Deutschpunk-Sensation 2006. Die Berli¬ 
ner Pogopunx brennen mit „Feuertaufe“ ein 
Feuerwerk an Hits ab. 

„Ein ganz starkes Deutschpunk-Album!“ OX #69 
„..die derzeit beste Band in dieser Sparte." Punkrock! #3 
„Absolute Kaufempfehlung ..." Wahrschauer #53 

.legen hier die beste Deutschpunk-Platte ab, die ich 

seit langem gehört habe.“ PB #55 

„Auf dieser Platte erwartet Euch eine Deutschpunk- 

Granate, ...”Pankerknacker#666 


ANR19WhatWeFeel -Last War CD 

Melodischer Polit-HC aus Russland. Ab¬ 
wechslungsreicher HC mit kämpferischen 
Texten jenseits poserhafter Machoscheisse. 
Booklet mit Textübersetzungen in Englische. 
“...Der druckvolle, gut produzierte und knallige Hard- 
corepunk im Stil von RAWSIDE besitzt Aggressivität, 
Ausstrahlung, unheimlich viel Energie und nicht zuletzt 
auch so was wie Hitpotential....” PB #58 
"... Eine wichtige Band mit wichtigen Botschaften,..." 
Underdog #19 


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Wim -®t ln^ o, gan»g =a> U8dic ,o^ 




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10 Jahre nach ihrem letzten Album "Ich bin Ich" glbt's 
jetzt die Reunionscheibe der Paderborner Oi-Punk 
Band, und das sogar in Originalbesetzung! Split Image 
waren in den 90ern eine der bekanntesten Bands des 
Genres und der Song "Kommerz" vom "Guten Tag" 
Album hat auch heute noch Kultcharakter! Auf der 
neuen IP glbt’s 11 brandneue Songs inkl. Kabul, Tod 
und Teufel, Politisch Korrekt, Freiheit ist Punk, 
Fatalismus... - CD auf Impact Records 
Streetday 25.05.07 



























NEVER SAY NEVER ... 

KIM SALMON 
& THE SCIENTISTS 

Kim Salmons Ziel mit THE SCIENTISTS war es, den Punk auf die nächste Stufe zu heben. Das war 1976: 
Post-Punk bevor der Punk überhaupt erst richtig losgelegt hatte! Ein Mann mit Vision also. Und die Vi¬ 
sion hinterließ ihre Spuren: NIRVANA, MUDHONEY, DEVASTATIONS, THE DRONES, BIRTHDAY PARTY 
berufen sich auf seinen Einfluss. Auf Bitten von MUDHONEY reformierten sich die SCIENTISTS 2006 in 
der Besetzung Kim Salmon (g/v), Boris Sujdovic (b), Tony Thewlis (g), Leanne Cowie (dr) und nahmen im 
Laufe der Tour das Live-Album „Sedition“ auf. Kurz vor dem Swamp-Konzert im Freiburger Walfisch er¬ 
gab sich die Gelegenheit, mit einem relaxten Kim Salmon ein Gespräch zu führen, das sich ausnahms¬ 
weise nicht um die Geschichte der SCIENTISTS dreht, sondern um sein musikalisches Gesamtwerk, sei¬ 
ne Projekte und Pläne und Geheimtips aus Australien. 


Kim, wie geht es dir und wie läuft die Tour in Euro¬ 
pa bisher? 

Fantastisch. Wir sind jetzt seit sechs Tagen unterwegs, 
drei Tage Spanien, drei Tage Frankreich, jetzt Deutsch¬ 
land und Holland und dann zwei Festivals in England. 
Das Spitz-Festival of Blues in London und als Höhepunkt 
das All Tomorrow’s Party-Festival, bei dem auch Nick 
Cave mit seinem neuen Projekt GRINDERMAN auftreten 
wird und auch THE DRONES und DEVASTATIONS. Bis¬ 
her waren die Venues eher klein; das liegt daran, dass wir 
die Tour erst im letzten Moment gebucht haben. Ich habe 
erst vor zwei Wochen mit Noise on Tour eine Booking- 
Agentur gefunden, die die Tour so kurzfristig organisie¬ 
ren konnte. Es macht Spaß, in den kleinen Venues zu spie¬ 
len, eine richtige Grassroots-Tour, die uns zurückbringt 
zu unseren Anfängen. 

Du hast 1976 mit dem Musikmachen angefangen und 
Unmengen toller Platten veröffentlicht. Woher kommt 
all die Kreativität und Energie? 

Ich habe all diese Ideen und es fällt mir schwer, die nicht 
umzusetzen. Es ist manchmal frustrierend, denn die 
Möglichkeiten, diese Ideen zu verwirklichen, sind nicht 
immer gegeben. Aber ich habe diese Ideen immer. Ich 
denke, das haben andere auch. Obwohl: ich habe alle 
Ideen! Hahaha. 

Stellen diese Bands immer eine andere Verwirkli¬ 
chung von Kim Salmon dar, oder sind sie alle ein Teil 
von dir? 

Das ist eine interessante Frage. Es sind definitiv verschie¬ 
dene Ideen. Manche Leute würden sagen, dass sie einen 
roten Faden in allen Bands und Veröffentlichungen hören 
können. Es fällt mir wirklich schwer, das objektiv zu be¬ 
urteilen. Nimm zum Beispiel die DARLING DOWNS, die¬ 
ses Akustik-Country-Folk-Projekt, das ich mit Ron Peno, 
ex-DIED PRETTY, habe. Das Album „How Can I Forget 
This Heart Of Mine?“ kam 2005 heraus. Manche Leute 
behaupten, dass sie verschiedene Ideen der SCIENTISTS 
darin wieder erkennen. Ich denke, das ist kompletter ... Es 
hat dieselbe Einfachheit der SCIENTISTS, nur ohne Band¬ 
begleitung, und dazu die Stimme von DIED PRETTY. Gi¬ 
tarre und Stimme, mehr nicht. Und deshalb denken eini¬ 
ge Leute, dass es deswegen am anderen Ende meines mu¬ 
sikalischen Spektrums ist. 

SALMON hat diese Einfachheit nicht. 


Ja, das ist wirklich etwas ganz anderes. Zum einen sind 
die Leute in SALMON um einiges jünger als ich. Die ha¬ 
ben das Projekt als Prog-Punk klassifiziert, haha. Aber das 
macht tatsächlich Sinn. Das ist das Schöne an SALMON: 
jeder, den du fragst, definiert es anders. Der eine sagt, 
es hat eine dunkle und monolithische Einfachheit, ande¬ 
re sehen etwas Orchestrales darin, wieder andere nen¬ 
nen es Art-Rock und für manche ist es schnörkelloser 
Rock’n’Roll. Ich denke, es ist alles das, denn es vereint 
alle Elemente, die ich gerade aufgezählt habe. Alle diese 
Projekte haben ihre verschiedenen Plätze und der Faden, 
der die sie verbindet, bin ich. 

SALMON ist eine Supergroup bestehend aus fünf Gi¬ 
tarristen und zwei Drummern. Ash Naylor von EVEN, 
Penny Ikinger von WET TAXI, Louis Tillet und RED 
DRESS, Cläre Moore von MOODISTS und LURID 
YELLOW MIST, Mike Stranges von MORNING AF¬ 
TER GIRLS, Anton Ruddick von SWEDISH MAGAZI- 
NES und Dave Graney, unter anderem LURID YELLOW 
MIST und MOODISTS. Das hört sich extrem spannend 
an. Erzähl mal bitte davon. 

Es macht richtig Spaß, mit diesen Leuten in einer Band 
zu spielen, besonders weil sie alle machen, was ich sage, 
hahahahaha. Nein, im Ernst. Das sind alles prima Mu¬ 
siker und haben eine Menge Spaß mit dem Projekt. Für 
die Platte haben wir alles im Studio live eingespielt. Die 
Aufnahmen waren anstrengend, da wir wie ein Orches¬ 
ter funktionieren. Es ist schwer, live zu spielen, weil wir 
alle eigene Bands haben. Aber wir sind jetzt schon zwei¬ 
mal in der Nähe von Melbourne aufgetreten. Einmal wa¬ 
ren es nur hundert Kilometer, das war einfach. Das ande¬ 
re Mal war in Sydney, das war sehr schwierig. Jemand hat 
uns eine Menge Geld gegeben, um diese Tortur auf uns 
zu nehmen, hahahahaha. Es war Jon Spencer. Er wusste 
nicht, was ihn erwartete, aber er mochte SALMON. Er hat 
das Konzept verstanden. MUDHONEY dagegen konnten 
gar nichts damit anfangen, hahahahahahaha. 

Zurück zu den SCIENTISTS. Welchen Anlass gab es, die 
SCIENTISTS zu reformieren? Oder war die Band im¬ 
mer da und hat nur keine neuen Songs aufgenommen? 
Nein, nein, das ist definitiv eine Reunion. Boris und 
Leanne leben in Sydney, ich lebe in Melbourne und Tony 
lebt in London. Das ist schon mal ein logistisches Pro¬ 
blem. Die Band ist Ende der 1980er tatsächlich ausein¬ 


ander gebrochen. Es waren MUDHONEY, die das Line- 
up für das letztjährige All Tomorrow’s Parties-Festival zu¬ 
sammengestellt haben. Die wollten THE SCIENTISTS mit 
dabei haben und dadurch haben wir uns wieder getrof¬ 
fen. Dann haben wir zwei weitere Shows mit MUDHO¬ 
NEY gespielt und daraus ist das Live-Album „Sedition“ 
entstanden. Und das ist jetzt die Tour zur Platte. Und die¬ 
ses Jahr haben THE DIRTY THREE das Programm für das 
All Tomorrow’s Party-Festival zusammengestellt und uns 
wieder gebeten aufzutreten, siehe: atpfestival.com. 

Wir hatten ja eben schon mal kurz über die Men¬ 
ge an Kim Salmon-Veröffentlichungen gesprochen. 
Was mich immer interessiert: wie schreibst du deine 
Songs? 

Das ist sehr unterschiedlich und kommt darauf an, was 
ich mache. Bei SALMON war es die Idee, eine Band mit 
vielen Gitarren zu haben. Die Idee ist älter als alles, was 
ich mit den SCIENTISTS gemacht habe! Die Idee hatte ich 
so mit 19 und sie bisher nie umgesetzt. In den letzten Jah¬ 
ren habe ich häufiger über das Konzept nachgedacht. Ti¬ 
tel wie „Licence To Rock“ - ein richtig tolles Klischee - 
und „Rock Formation ‘ standen schon, bevor die Songs 
geschrieben waren. Selbst die Visualisierung war fertig, 
bevor ich mit dem Schreiben angefangen habe. Und dann 
habe ich mir überlegt, wie jeder Songtitel umgesetzt wer¬ 
den soll. Dieser Song soll wie BLACK SABBATH klingen. 
Okay, wie klingt BLACK SABBATH? Und dann habe ich 
erst den Song geschrieben. Das ist das Geheimnis hinter 
SALMON. Als Nächstes gibt es ein LYNYRD SKYNYRD- 
Teil. Es wird „Kentucky Fried Salmon“ heißen. KFS an¬ 
statt KFC, hahahahaha. Das Lied schreibe ich jetzt dem¬ 
nächst; die Riffs müssen sich der Idee des Liedes anpas¬ 
sen. Bei den DARLING DOWNS schreibe ich eine Melodie 
auf der Akustikgitarre, spiele sie Ron vor und er versucht, 
eine Gesangslinie dazu zu finden. Oder umgekehrt: Er 
hat eine Gesangslinie und ich suche eine Melodie dazu. 
Im Gegensatz zu SALMON also ganz einfach und über¬ 
haupt nicht intellektuell. Bei SALMON denke ich über al¬ 
les lange nach, bevor ich anfange zu schreiben. Bei den 
SCIENTISTS war es viel schwieriger. Auch wenn sich die 
Lieder primitiv und einfach anhören, sind sie zum Teil 
das Komplexeste, was ich je geschrieben habe. Es musste 
immer primitiv und minimalistisch sein und jeder Song 
musste einfacher strukturiert sein als der vorhergehende. 
Manche der Songs bestehen nur aus zwei Noten. Es wur¬ 
de also auf der einen Seite immer einfacher, aber dadurch 
immer komplexer. Wir haben die Songs auf den Rhyth¬ 
mus aufgebaut. Du siehst, es gibt mehr als einen Weg, 
wie ich Songs schreibe. 

Du hast jetzt mehrmals die Worte „basic“, „primitive“, 
„simple“ benutzt. Ist das der Kern der SCIENTISTS? 

Ich denke schon. Allerdings nicht für SALMON. Generell 
denke ich, dass alles einfach ist. Je mehr du an den Kern 
einer Sache kommst, desto komplexer wird es. 

Wie ist es um die Stromgitarrenmusik-Szene in Aus¬ 
tralien bestellt? In Europa touren gerade einige rich¬ 
tig tolle Bands. 

In Melbourne sieht es gerade sehr gut aus, aber man liest 
immer nur über Sydney, wo nichts los ist. Mir gefallen 
gerade drei Bands richtig gut: WITCH HATS, THE STABS 
und besonders EDDIE CURRENT SUPPRESSION RING. 

Dank des Teufelswerkzeugs MySpace kann ich mittler¬ 
weile die Klasse der drei Bands bestätigen. Schön noi- 
sig und zumindest bei THE STABS steht eine Platte der 
SCIENTISTS zu Hause im Regal. Glaubst du, es ist heu¬ 
te einfacher für Bands? 

Es ist viel schwerer, weil Musikmachen durch Kommer¬ 
zialisierung an Wert verloren. Durch das Internet schei¬ 
nen Leute die Idee zu haben, dass Musik kein Geld kos¬ 
ten darf. Dann darf alles andere aber auch nichts kosten. 
Wenn man in einer Band ist und Musik macht, sollte man 
auch davon leben können. Wenn man das als Ziel nicht 
will, soll man es zum Hobby machen. Als ich noch jung 
war, habe ich darüber auch anders gedacht, aber jetzt, 
mit Familie ... 

Macht es nach fast 30 Jahren noch Spaß aufzutreten? 

Absolut. Diese Tour ist klasse und macht richtig Spaß. 
Wenn es mir keinen Spaß mehr machen würde, hätte ich 
schon aufgehört und mir einen Job gesucht. 

Gibt es Pläne, neues SCIENTISTS-Material aufzuneh¬ 
men? 

Die Band ist auseinander gebrochen aus all den Gründen, 
warum Bands auseinander brechen. Wenn wir jetzt neue 
Songs schreiben, würden dieselben Sachen, die damals 
zum Split führten, wieder aufbrechen. So was verliert 
sich ja nicht über die Jahre, man trägt es immer mit sich 
herum. Wir haben Spaß, miteinander zu spielen, aber 
je länger wir zusammen sind, umso größer ist die Ge¬ 
fahr, dass sich die Sachen wiederholen, die damals zum 
Split führten. But never say never ... Ich denke, die Band 
hat immer noch ihren Platz in der Musiklandschaft heu¬ 
te, und so lange das so ist, machen wir weiter. Ich habe 
einige Ideen im Hinterkopf, aber ob etwas daraus wird, 
muss sich zeigen. 

Kim, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel 
Spaß auf der Tour. 

Andreas Hüther scientists.com.au 


OX-FANZINE 33 










QUIET !S THE NEW LOUD 

65DÄYSOFSTÄTIC 

Sheffield. Dazu fallen mir Joe Cocker, Stahl und ARCTIC MONKEYS (wer?) ein - und 65DOS. Seit mit¬ 
tlerweile drei Alben fordern die Engländer mit komplexer, epischer Musik die Aufmerksamkeit ihrer Zuhö¬ 
rer heraus, bewegen sie sich klanglich zwischen MOGWAI, ENVY, GODSPEED ... und NEUROSIS. Auch 
ihr neuestes Werk „The Destruction Of Small Ideas“ ist wieder auf Monotreme Records erschienen, und 
man stellt erneut fest, dass „instrumental“ nicht das Fehlen von Gesang bedeutet - hier fehlt nichts, Gi¬ 
tarre und Piano genügen völlig als roter Faden durch die epischen Kompositionen. Ich unterhielt mich mit 
Joe Shrewsbury und Paul Wolinski. 


„When we were younger and better“ ist der Titel des ers¬ 
ten Songs auf eurem Album - wann soll das denn gewe¬ 
sen sein? 

Joe: Das ist eine gute Frage ... Der Titel ist Ausdruck unse¬ 
rer Selbstzweifel, denn es ist nicht einfach, Musik zu schrei¬ 
ben. Der Song war eines der ersten Demos für das Album, 
und der Typ, mit dem wir es aufgenommen haben, arbei¬ 
tet seit Jahren mit uns. Der kommentierte den Song mit den 
Worten, das sei das reifste und beste Lied, das wir je ge¬ 
macht hätten. Der meinte das als Lob, aber irgendwie fass¬ 
ten wir das anders auf, denn wir wollen nicht „reif* sein. 
Denn auch wenn Bands zu Beginn ihrer Laufbahn nicht be¬ 
sonders gut spielen können, so haben sie doch eine gewis¬ 
se reizvolle Naivität. 

Paul: Die begegnen der Welt mit einer Art blindem Urver- 
trauen und Unschuld. 

Joe: Ja, und dazu kommt noch eine Rauhheit und Aggres¬ 
sivität, die wir selbst nie verlieren wollen. Wir haben das ja 
selbst schon bei vielen Bands beobachtet: Die werden tech¬ 
nisch immer besser, und auch wir sind heute bessere Musi¬ 
ker als zu Beginn, aber das bedeutet nicht automatisch, dass 
deshalb auch deine Musik besser oder origineller wird. 
Paul: Wir versuchen also ganz bewusst, nicht einem be¬ 
stimmten Schema zu folgen. Doch nach diesem Statement 
unseres Freundes, etwas älter geworden und etwas versau¬ 
ter von der Musikindustrie, haben wir dann diesen Album¬ 
titel ausgesucht. Ein echtes Konzept für das Album hatten 
wir aber nicht. 

Joe: Wir sind uns nur sicher, dass wir die Leute nicht mit 
irrelevantem Crap belästigen wollen. Denn die Leute, die 
auf die Konzerte kommen, die die Platten kaufen, die da¬ 
für bezahlen, die haben auch das Recht dazu, dich zu zer¬ 
stören, wenn sie wollen. Aber wir wünschen uns natürlich, 
dass uns das nie passiert. 

Paul: Und wir denken auch, dass die neue Platte das Beste 
ist, was wir je aufgenommen haben. 

Aber auch das erzählt einem jede Band. 

Paul: Und man muss das auch glauben, denn warum sollte 
man die Platte sonst veröffentlichen? 

Joe: Jedenfalls ist der Song unser bislang bester, einen in der 
Art, mit diesem Arrangement von Gitarren und Klavier, ha¬ 
ben wir bislang nicht gemacht. Es ist also die Kombinati¬ 
on des Titels mit dem Glauben, dass es unser bislang bes¬ 
tes Lied ist, die ich so reizvoll finde. Außerdem haben wir 
uns den Hörern damit völlig ausgeliefert, denn was Besse¬ 


res, was anderes als die Songs auf dieser Platte hätten wir 
nicht hinbekommen. 

Habt ihr denn irgendeine Art von formaler musikali¬ 
scher Ausbildung? 

Paul: Ich hatte mal Klavierunterricht, aber über einen 
Grundkurs ging das nicht hinaus. Und als wir 6 5DOS grün¬ 
deten, konnte ich nicht mal Gitarre spielen. Mein erstes 
Jahr an der Uni verbrachte ich statt auf Partys zu Hause bei 
meinem neu gekauften Sampler, weil ich den beherrschen 
wollte. Soviel also zu meiner „Ausbildung“. 

Joe: Meine Mutter zwang mich dazu, Cello zu spielen, sie¬ 
ben lange Jahre. Doch mit 15 habe ich ihr dann klar ge¬ 
macht, dass es das war, und kaufte mir eine Gitarre. Ich hat¬ 
te dann ein paar Monate Unterricht, und den Rest brach¬ 
te ich mir selbst bei. Rob, unser Drummer, hat sich auch al¬ 
les selbst beigebracht, und ich glaube, der wurde schon mit 
Drumsticks in den Händen geboren. Und Simon ist eben¬ 
falls Autodidakt, und ich denke, das ist gut für uns: Wenn 
man die Regeln nicht kennt, muss man sich auch nicht an 
sie halten. 

Wart ihr schon mal in einer Situation, wo ihr euch eine 
formale Ausbildung gewünscht hättet, um einen be¬ 
stimmten Sound zu erzielen? 

Joe: Nein, denn die Musik, die wir machen, spielt sich al¬ 
lein innerhalb der Grenzen unseres musikalischen Wis¬ 
sens ab. Ein neues Album aufzunehmen ist deshalb immer 
auch eine Erweiterung der Grenzen des eigenen Wissens, 
und das ganz praktisch, ohne Theorie. Und wenn man wie 
wir einen ganz praktischen und nicht theoretischen Ansatz 
an das Spielen seiner Instrumente hat, ist man grundsätz¬ 
lich schon offener gegenüber allen Arten von Experimen¬ 
ten, denn dir hat ja nicht vorher jemand gesagt, dass dies 
oder das nicht funktioniert. 

Paul: Wenn wir etwa die Idee hätten, bei einem Song mit 
Blechblasinstrumenten zu arbeiten, dann würden wir das 
einfach ausprobieren. Ohne jemals vorher so ein Instru¬ 
ment in den Händen gehabt zu haben. 

Joe: Und wenn ich Klavier spielen wollte, würde ich Paul 
fragen, mir das beizubringen, denn ich hasse es, richtigen 
Unterricht zu nehmen. Denn was uns in dieser Band zu¬ 
sammengeführt hat, ist der Unwille, sich von jemand an¬ 
derem etwas sagen zu lassen. Wir lernen alle gerne Neu¬ 
es, aber wir lassen uns nicht gerne sagen, was wir zu ler¬ 
nen haben. 

Ihr habt euch das mit der Band zusätzlich erschwert 


durch die Entscheidung, in einer Instrumental-Band zu 
spielen. 

Paul: Wenn man einen Sänger hat, steht der immer im Vor¬ 
dergrund, und gerade bei den herausragenden Bands ist 
es das Charisma, die Stimme des Frontmanns, die heraus¬ 
sticht. Und so einen Frontmann hat man - oder man hat 
ihn nicht. 

Joe: Kathy und Drew von CIRCLE TAKES THE SQUARE sin¬ 
gen beim letzten Song des Albums, „The conspiracy of 
seeds“, und da ging es uns nicht um den Gesang an sich, 
sondern darum, dass die Stimmen der beiden eine ganz ei¬ 
gene Qualität haben, die perfekt zur Musik passt. Das ist 
wirklich einzigartig und sehr interessant, das klingt bei¬ 
nahe wie ein Instrument. Und für diesen Gesangspart die 
Worte und die Melodie zu schreiben, gingen wir an wie je¬ 
den anderen Instrumentalpart auch. 

Wenn ich euren Bandnamen sehe, ergänze ich automa¬ 
tisch dasWörtchen „Noise“. 

Paul: Gute Idee, vielleicht sollten wir das einfach überneh¬ 
men. Wir haben ja den Ruf, unglaublich laute Konzerte zu 
spielen. 

Joe: So für uns hören wir jeder auch gerne mal leisere Mu¬ 
sik, doch sobald wir zusammen sind, läuft es immer auf 
schnelle und laute Musik hinaus. Wir hatten für das neue 
Album auch einige Songs geschrieben, die eher leise und 
langsam waren und die sicher auch gut gepasst hätten, aber 
letztlich haben sie es nicht geschafft. 

Paul: Es fällt mir schwer zu beschreiben, was einen guten 
Song für uns ausmacht, aber es hat wohl was mit Intensität 
und Nachdrücklichkeit und einem Gefühl der Frustration 
zu tun. Wenn ein Song das hat, spüren wir das, und irgend¬ 
wie läuft diese Nachdrücklichkeit immer auf eine gewisse 
Noisigkeit hinaus. In dieser Hinsicht waren ATARI TEENA¬ 
GE RIOT eine wichtige Band für mich. Die sah ich vor fünf, 
sechs Jahren mal, als wir uns gerade gründeten, und es war 
phantastisch, auch die späteren Solo-Sachen von Alec Em¬ 
pire. Und gerade die ersten paar Songs waren so unglaub¬ 
lich, so intensiv, ich war echt beeindruckt. Doch dann, nach 
ein paar Nummern, hatte er sein Potenzial ausgeschöpft, er 
konnte sich nicht mehr steigern, und das war mir echt eine 
Lehre. Ich habe auch CONVERGE schon ein paar Mal gese¬ 
hen, und die sind ein ganz anderer Fall. 

Im dem Album beiliegenden Presseinfo lasst ihr euch 
darüber aus, dass heutzutage alle Alben sehr laut gemas- 
tert seien und so der Sinn für Nuancen verloren gehe. 
Könnt ihr das mal erläutern? 

Joe: Es ist heute so, dass im Mainstream-Rock alles auf ei¬ 
nem Level gemastert wird, so dass laute und leise Stücke 
und Passagen alle auf einem Lautstärkeniveau hegen. Aber 
das führt letzten Endes nur dazu, dass Hintergrundmusik 
produziert wird, denn auch wenn es sich um Rockmusik 
handelt, so kann man sie doch leise drehen und hört immer 
noch was. Wir haben bei unserem Album versucht die Tie¬ 
fe der Musik zu bewahren, und die lauten Parts laut und die 
leisen leise zu lassen - physisch. Wenn du diese Stellen ge¬ 
nau hören willst, musst du die Lautstärke hochdrehen. Auf 
diese Weise kann man das Album nicht ignorieren - zumin¬ 
dest hoffen wir das. Du kannst die Platte nicht nebenher hö- 


OX-EANZINE 34 







65DAYSOFSTATIC/LAST DAYS OF APRIL 


ren, du musst dich auf sie konzentrieren. 

Paul: Das ist natürlich auch ein gewisses Risiko für uns, 
denn im iPod oder so ist es schon eine Herausforderung, 
das Album zu hören. Wir hoffen, dass es genug Leute gibt, 
die Musik mit der nötigen Aufmerksamkeit hören wollen. 
Damit wollen wir aber niemandem zu nahe treten, nie¬ 
manden herausfordern, der andere Hörgewohnheiten hat, 
sondern einfach nur den Leuten, die uns Aufmerksamkeit 
schenken, ein Maximum an interessanter Musik bieten. 
Und wir wissen ja auch, dass wir nicht die KILLERS oder 
die FOO FIGHTERS sind, die beide wirklich sehr gute Pop¬ 
musik machen und die wir auch durchaus schätzen, aber 
selbst niemals machen könnten. In gewisser Weise versu¬ 
chen wir ja auch, Popmusik zu machen ... Wir versuchen 
immer, möglichst auf den Punkt zu kommen und zugäng¬ 
lich zu sein, 25-minütige Stücke sind nicht unser Ding, 
aber ob dieser Ansatz dann nach außen hin immer so rüber¬ 
kommt, ist eine andere Frage. 

Habt ihr so was wie einen Produzenten oder macht ihr 
im Studio alles selbst? 

Paul: Ich habe noch nie verstanden, warum sich eine Band 
jemanden dazuholt, der die Songs zerstückelt und neu zu¬ 
sammensetzt. Das Songwriting und das Arrangement sind 
doch ganz essentiell, und das sollte meiner Meinung nach 
die Band selbst machen. Wir betrachten das Aufnehmen 
deshalb wie Alfred Hitchcock das Filmemachen: Der hat 
auch keinem Studio erlaubt, an seinen Filmen etwas zu än¬ 
dern. 

Joe: Ich las kürzlich ein Interview mit Steve Albini, der sag¬ 
te, er beanspruche keine Produzenten-Credits, weil er sei¬ 
nen Job darin sehe, dafür zu sorgen, dass die Band sich im 
Studio wohl fühlt, dass die Instrumente funktionieren, und 
nicht darin, die Band zu beeinflussen. Ich finde, das Auf¬ 
nehmen ist für eine Band ein genauso wichtiger Faktor wie 
die Konzerte und das Songwriting, und da sollte sich nie¬ 
mand reinreden lassen. Was nicht heißen soll, dass wir nicht 
auf das hören, was uns ein Studiotechniker sagt. Und das 
war diesmal auch wichtig, denn im Gegensatz zu den ers¬ 
ten beiden Alben, die quasi live im Studio eingespielt wur¬ 
den, nahmen wir diesmal Stück für Stück auf. Das Resultat 
ist ein anders klingendes Album, und wir sind jetzt auf die 
Reaktionen der Leute gespannt, die uns auch vorher schon 
kannten. 

Ihr wart und seid auf Monotreme, und irgendwie passt 
ihr perfekt zusammen, vom Sound und der Idee her. 

Joe: Kim, die Betreiberin von Monotreme, und wir sind uns 


durchaus ähnlich. Nicht unbedingt immer, was den Musik¬ 
geschmack anbelangt, aber auf jeden Fall darin, wie Musik 
gemacht sein sollte, was ihren „Spirit“ anbelangt. Und in¬ 
sofern ist es eine sehr logische Entscheidung für uns, auf 
Monotreme zu sein. Außerdem haben wir einfach Glück ge¬ 
habt, denn ich wüsste nicht, wer sonst unsere Platten hät¬ 
te veröffentlichen sollen. Kim ist mit uns ja auch ein gro¬ 
ßes Risiko eingegangen, und wir arbeiten sehr gut imd 
gern mit ihr zusammen. Das „Big Business“ interessiert uns 
nicht, wo gesichtslose Firmen Druck auf ihre Bands aus¬ 
üben. Und es würde eine Menge brauchen, uns von Kim 
wegzubringen. 

Paul: Was unsere Einflüsse betrifft, so muss ich auf jeden 
Fall AT THE DRIVE-IN nennen, einfach was ihre Attitüde 
anbelangt. Und wir schätzen allen Bands auf Monotreme, 
denn mit denen teilen wir eben jene Attitüde. Und reich 
wird sicher keine von den Bands, alle müssen irgendwel¬ 
che Jobs machen, um zu überleben, es ist eben nur ein klei¬ 
nes Label. 

Joe: Es ist nicht einfach, ein Label zu finden, dessen oberste 
Priorität die Musik ist, und die Freude daran, der Wille diese 
Musik bekannt zu machen — und nicht das Geld. Deshalb ist 
Monotreme so angenehm: Es wird von dir als Band erwar¬ 
tet, dass du gut bist, und nicht, dass du viel Geld einbringst. 
Und diese Erwartung können wir, denke ich, befriedigen. 
Was jedoch das mit dem Geldverdienen anbelangt: Keine 
Ahnung, wie das gehen soll, haha. 

Was macht ihr denn, um über die Runden zu kommen? 
Joe: Wir machen die Band jetzt seit fünf, sechs Jahren und 
haben es aufgegeben, einen „normalen“ Job oder eine Kar¬ 
riere zu haben. Du brauchst eben einen Job, bei dem du 
kurzfristig loskommst, um wieder auf Tour gehen zu kön¬ 
nen. 

Paul: Postamt, Coffeshop, Geschenkeladen, Industriereini¬ 
gung — solche Crap-Jobs haben wir gemacht, und wir sind 
in einer glücklichen Position, das letzte Jahr allein mit der 
Band überlebt zu haben. Ich glaube, es gibt Leute, die wä¬ 
ren bereit dafür zu töten - und viele andere, die in großen 
Bands spielen, kapieren gar nicht, in was für einer glückli¬ 
chen Lage sie sind. Deshalb nehmen wir unsere Verantwor¬ 
tung sehr ernst. Und so leben wir sehr genügsam vor uns 
hin, sind ärmer als je zuvor, aber glücklich. Die Belohnung 
dafür ist, dass wir jeden Tag aufstehen und für etwas arbei¬ 
ten, was uns wirklich etwas bedeutet: unsere Band. Dafür 
bist du auch bereit, tausendmal so hart zu arbeiten wie für 
einen Job, den du jeden Morgen aufs Neue hasst, bei dem 


du aber viel, viel mehr Geld verdienst. Und ich denke auch, 
all die Dekadenz und all der Wohlstand, den viele Bands ge¬ 
nießen, das braucht man nicht. Man kann mit weit weniger 
viel glücklicher sein und viel positiver arbeiten. 

Mit der Musik, die ihr macht, bewegt ihr euch derzeit in¬ 
mitten einer recht aktiven Szene: ENVY, MOGWAI, EX- 
PLOSIONS IN THE SKY, ISIS, JESU und so weiter erfreu¬ 
en sich großer Beliebtheit. 

Paul: Ich bin auch echt gespannt, wie sich das weiter ent¬ 
wickelt. Wir werden ja immer wieder mit MOGWAI und 
APHEXTWINS verghchen, wir haben uns da schon dran ge¬ 
wöhnt, aber diese beiden Bands haben das schon vor zehn 
Jahren gemacht, und in diesem Genre ist offensichtlich so 
wenig passiert, dass sie immer noch die führenden Bands 
sind. Es ist gut zu sehen, dass da jetzt eine Menge Bands 
nachkommen, aber ich finde auch, dass viele, die jetzt Auf¬ 
merksamkeit bekommen, die musikalische Entwicklung 
nicht unbedingt vorangebracht haben. Ich denke, es wäre 
einfach, sich in dieser Nische niederzulassen, immer wei¬ 
ter Platten in diesem Stil zu machen, vor immer den glei¬ 
chen Leuten zu spielen, aber das interessiert uns nicht. Ich 
bin nicht so naiv zu sagen, dass wir völlig losgelöst von all 
dem existieren, aber wir haben auch das Bedürfnis, uns aus 
diesem Genre hinauszubewegen und Neues zu entdecken. 
Wenn man die Aufmerksamkeit der Leute will, muss man 
sich auch bemühen, sie mit etwas zu konfrontieren, das 
sie noch nie vorher gehört haben. Sonst enden wir alle mit 
Bands, die LED ZEPPELIN oder die BEATLES oder MOGWAI 
aufbereiten. Denn es gibt einen Grund, warum diese Bands 
so bekannt sind: Sie haben das, was sie machen, einst als 
Erste gemacht - und es war aufregend. 

Ihr arbeitet auch mit einer Visual Art-Künstlergruppe 
namens Medio zusammen. 

Joe: Die kommen auch aus Sheffield und Paul kennt die 
von der Uni. Wir fingen zur gleichen Zeit an wie die, wir 
arbeiten beide ähnlich D.I.Y., und so arbeiten wir immer 
wieder mal zusammen. Sie machen für uns Videos, und sie 
kümmern sich jetzt auch um die Effekte bei unseren Live- 
Shows, und wann immer es möglich ist, integrieren wir 
das. Wir haben letztes Jahr eine ganze UK-Tour mit ihnen 
gemacht, und das war wirklich beeindruckend. Die arbei¬ 
ten gerade an einem DJ-Set zu ihrer Show, und das passt 
wiederum zu unserer Entwicklung, mehr und mehr mit 
Elektronica zu arbeiten. 

Joachim Hiller 


65daysofstatic.com 



Aber was heißt hier überhaupt Band? Es hat sich eine Men¬ 
ge getan in der albumfreien Zeit. Karl Larsson ist nun das 
letzte verbliebene Gründungsmitglied, nachdem sich Dani¬ 
el Svenfors am Bass und LarsTaberman an der Gitarre schon 
in den frühen Jahren verabschiedet hatten. Nun hat es auch 
Schlagzeuger Andreas Förnell erwischt, der immerhin fast 
ein Jahrzehnt mit dabei war. Das Leben hat ihn eingeholt, er 
wollte und musste nun andere Prioritäten setzen. Dennoch: 
Musiker kann man ersetzen, in anderen Bereichen sieht die 
Sache unter Umständen schwieriger aus. 

Karl erklärt: „Andreas hat immer für Updates auf der Band- 
Homepage gesorgt, und seit er nicht mehr dabei ist, tut 
sich dort nichts mehr. Ich kann mit Computern kaum um¬ 
gehen, also kann ich es nicht machen. Dafür habe ich die 
MySpace-Seite übernommen, die ein Fan eröffnet hat, und 
sie zu meiner Homepage umfunktioniert.“ Hier wie dort 
liegt nun die Verantwortung allein in den Händen Karl Lars- 
sons. Eigentlich keine große Sache: Er war schon immer die 


IMMER NOCH AM LEBEN 

LAST DAYS OF APRIL 

Karl Larsson ist unbestritten ein großer Songschreiber. Ob als Solokünstler oder als Kopf der Band LAST 
DAYS OF APRIL, er schafft es immer, einem gleichzeitig Tränen in die Augen und ein Lächeln ins Gesicht 
zu zaubern. „Happy sadness“ hat er das einmal selbst genannt. Lange war es still um den schmächtigen 
Schweden, sein letztes Lebenszeichen stammt aus dem Jahr 2005, und bezeichnenderweise handelte 
es sich dabei um sein Soloalbum. Das letzte Album seiner Band („If You Lose It“) ist sogar noch ein Jahr 
älter. Sogar die eigene Homepage war verwaist. „Might As Well Live“, das neue Album, kommt daher in 
diesem Jahr etwas überraschend. Es ist anders als die anderen, trotzdem irgendwie vertraut, und auf je¬ 
den Fall zeigt es die Band in Hochform. 


treibende Kraft hinter der Band und hat sich noch nie groß 
ins Songwriting quatschen lassen. Insofern hat es seinerzeit 
ziemlich überrascht, dass mit „Pale As Milk“ ein Soloalbum 
veröffentlich wurde. In beiden Fällen hat Karl sowohl alle 
Songs geschrieben als auch fast alle Instrumente selbst ge¬ 
spielt, zudem war die Ähnlichkeit zwischen den Songs be¬ 
merkenswert. Warum also die formale Trennung zwischen 
Band und Soloprojekt? „Ich habe die Tour zu .IfYou Lose It‘ 
mit Schlagzeuger Carl Wikman gespielt“, erzählt Karl, „da¬ 
nach wollte ich unbedingt weiter mit ihm Zusammenar¬ 
beiten. Also haben wir uns für zusammengetan und in drei 
Wochen ein Album geschrieben und aufgenommen. Dann 
haben wir Bad Taste gefragt, ob sie das nicht auch veröffent¬ 
lichen wollten. Viele dieser Songs funktionieren live auch 
sehr gut, deshalb spielen wir sie jetzt auch mit LDOA.“ 

Eben jener Carl Wikman aber ist nun nach dem Ausstieg 
von Andreas Förnell auch neues festes Bandmitglied neben 
Kristian Karlsson (ESKJU DIVINE). Auf dem Album selbst 
tauchen allerdings ganz andere, bekanntere Namen auf: 
Fredrik Granberg und Mathias Olden nämlich, eigentlich in 
Diensten von RANDY und LOGH. „Während Andreas noch 
gezögert hat, hat mein Produzent Pelle Gunnerfeldt, ex-FI- 
RESIDE, Fredrik vorgeschlagen. Er meinte, er wäre für die 
Songs geeignet, und das war er auch. Mathias Olden hat 
schon auf ,IfYou Lose It‘ Bass gespielt, deshalb sollte er es 
auch diesmal wieder tun.“ Beide sind natürlich in ihren je¬ 
weiligen Bands eingespannt, weshalb ein langfristiges En¬ 
gagement ausgeschlossen ist. Aber erstaunlich ist es schon, 
dass bei vielen Produktionen aus Schweden immer wieder 
dieselben Namen auftauchen, vor allem eben diverse Mit¬ 
glieder von LOGH und Schwedens Starproduzent Gunner¬ 
feldt. Beim Blick in diverse Booklets könnte man beinahe 
den Eindruck gewinnen, alle schwedischen Musiker wür¬ 


den einander kennen. „Nein, nicht wirklich“, lacht Karl 
Larsson, „viele Bands nehmen aber bei Pelle auf, und das 
schweißt uns zusammen.“ 

Die Formalitäten wären geklärt, die Band steht, Zeit also für 
Karl Larsson, sich um das Wesentliche zu kümmern: die Mu¬ 
sik. Im Besten Sinne zwiespältig ist der Eindruck zum neu¬ 
en Album. „Ich habe gerade ein Interview mit jemandem 
gemacht, der meinte, .Might As Well Live* klänge genau wie 
das Album davor. Mir schien es, als hätte er gar nicht richtig 
hingehört“, beklagt sich Karl Larsson. Wie aber beschreibt 
man den Unterschied? Es sind die gewohnt eindrücklichen 
Popsongs, getragen von der zerbrechlichen Stimme des 
Mittzwanzigers. Im Vergleich zum äußerst reduzierten und 
zurückhaltenden Vorgänger wird wieder Gas gegeben, ganz 
so opulent und überfrachtet wie zu Beginn der Bandkar¬ 
riere wiederum ist es auch nicht geworden. Vielmehr lär¬ 
men LAST DAYS OF APRIL, was die Dreierbesetzung her¬ 
gibt. In dieser Form soll dann endlich auch der Sprung über 
den großen Teich gelingen. Die Alben waren bisher auch in 
den USA erhältlich, die Band selbst hat es ihnen noch nicht 
gleichtun können. „Das ist leider wahr“, gibt Karl zu, „aber 
diesmal müssen wir einfach hin. Wir wollen es einfach und 
haben uns schon seelisch darauf eingestellt. Wir bekommen 
so viel Feedback aus den Staaten, dass es einfach an der Zeit 
ist, dort zu touren.“ 

Alles in allem sind LDOA doch ziemlich lebendig, auch 
wenn es zwischendurch nicht wirklich so aussah. So ist üb¬ 
rigens auch der Albumtitel zu verstehen: „Might As Well 
Live* - es soll heißen, dass die Band ziemlich lebendig ist, 
obwohl ich das einzige verbliebene Gründungsmitglied 
bin.“ 

Christian Meiners myspace.com/ldoa 


OX-FANZINE 35 







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voller Passion, haut mindestens 
so rein wie das gewohnte Ge- 
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nur eine positive Nebenerschei¬ 
nung, denn THE INSPIRATION 
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The Streets, The Sounds & 
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Nach THURSDAY oder auch 
MY CHEMICAL ROMANCE 
haben Eyeball Records neue 
Schützlinge am Start. NEW 
ATLANTIC, fünf Jungs aus New 
Jersey, hauen einen verträum¬ 
ten Mix aus Emorock und 
Indiepop unters Volk, der in 
eine dicke und zugleich unauf¬ 
dringliche Produktion gehüllt 
wird. Frontmann Giovanni 
Gianni's voluminöse und zärtli¬ 
che Stimme sorgt zusätzlich 
für eine gewisse Melancholie. 
Ausgezeichnete Qualität zwi¬ 
schen Pianoklängen und pop¬ 
pigen Punkklängen. Die 
Mischung machts. 


HELL 1$ FOR HEROES 
Hell fs For Heroes CD 
(Golf Records) 

Nach 2 Jahren Pause, sind 
HELL IS FOR HEROES zurück. 
Im Gepäck eine Scheibe, die 
nicht nur mitreißenden Rock 
aus den Boxen dröhnen lässt, 
sondern durch einzigartige, 
groovige Sounds und großarti¬ 
gen Melodien besticht, die 
man lange nicht aus dem Kopf 
kriegen wird. Ihr nun drittes, 
gleichnamiges Album HELL IS 
FOR HEROES bricht Wände 
aus Stahl, und tut zugleich 
gut. Unverkennbare Mixtur, 
nicht nur für Helden. 


PARKWAY DRIVE 
Kitfing Wlth A Smile CD 
(Golf Records) 

Die Australier von PARKWAY 
DRIVE haben mit ihrem Debüt 
die Känguru-Szene derart auf¬ 
gemischt, dass bereits lautstark 
nach diesem Re-Issue verlangt 
wird.KILLING WITH A SMILE 
war das meistverkaufte HC- 
Album in Australien und debü¬ 
tierte auf dem zweiten Platz in 
den australischen Independent 
Charts, was der Band Touren 
mit ALEXISONFIRE, BLEEDING 
THROUGH und anderen 
namenhaften Bands einbrachte. 


HELL IS FOR HEROES 
auf Tour: 

16.05. CH - Neuchatel Festival 
17.05. Münster, Backstage 
18.05. A-Innsbruck, 
Weekender Club 
19.05. A-Wien, Szene 
22.05. CH-Basel, 

Sommercasino 


PARKWAY DRIVE auf Tour: 
16.06. Trier, Fest Summer Blast 
17.06. Chemnitz, AJZ 
19.06. Berlin, S036 
20.06. Schweinfurt, Alter 
Stattbahnhof 

23.06. Herne, Pressure Fest 
30.06. Münster, Vainstream 
Fest 














































KONSTANTE VERÄNDERUNG IM HOHEN NORDEN 

I WALK THE LINE 


Das kühle Klima hoch im Norden des europäischen Kontinentes hat schon so manche musikalische Per¬ 
le heranreifen lassen. So auch die Band, die sich nach einem, wenn nicht sogar dem Song des Man in 
Black, Mr. Johnny Cash, benannt hat: I WALK THE LINE. Und genau, wie es der Name schon andeu¬ 
tet, gehen die vier Jungs und das Mädel aus Finnland konsequent ihren Weg, unbeirrt von jedwedem 
Trend und gängigen Meinungen. So zeichnen sich ihre Songs durch einen ehrlichen, nicht durch tech¬ 
nische Spielereien überfrachteten Klang aus und sind stets von einer melancholischen Grundstimmung 
geprägt. Dazu Texte aus der Mitte des Lebens und vor allem eine mitreißende Bühnenpräsenz. Mit ihrem 
aktuellen Longplayer „Desolation Street“ und der nachfolgenden Singleauskopplung „Diamond Eyes“ 
hat die Band im letzten Jahr ihre bislang besten Songs veröffentlicht und nach unzähligen Konzerten, vor 
allem auf dem europäischen Kontinent sicher den einen oder anderen neuen Fan hinzugewonnen. Die 
Band, bestehend aus Anna (Orgel), Antti (Gitarre), Jussi (Drums), Jani (Gitarre) und Ville (Bass, Vocals), 
ist also reif für den nächsten Schlag. Und wer sich für Punkrock jenseits ausgetretener Pfade interes¬ 
siert, sollte sich der Finnen ruhig mal annehmen. Meine Fragen beantwortete Ville, der mehrheitlich für 
die Texte der Band verantwortlich zeichnet. 


Was gibt’s Neues im Hause I WALK THE LINE, was er¬ 
wartet ihr vom Jahr 2007? 

Das Jahr 2007 wird für uns als Band sehr aufregend. Ge¬ 
rade haben wir bei Gearhead Records in den Vereinig¬ 
ten Staaten unterzeichnet und sie werden dafür sorgen, 
dass unser Album „Desolation Street“ auch außerhalb von 
Finnland gut und zu vernünftigen Preisen erhältlich sein 
wird. Das bedeutet für uns natürlich eine Menge „Tour¬ 
stress“. Gerade sind wir von unserer ersten Tour in Japan 
zurück und es war wirklich interessant und inspirierend 
dort zu spielen. Es war für uns als Band das erste Mal und 
großartig zu sehen, dass die Shows sehr gut besucht wa¬ 
ren, die Menge unsere Songs kannte und umwerfend mit¬ 
gesungen hat. Auch war es toll die japanische Kultur/Sze¬ 
ne kennen zu lernen, unterscheidet sie sich doch enorm 
von der europäischen Kultur. Wir spielen dieses Jahr nur 
ein paar wenige Shows in unserer Heimat, weil wir so in¬ 
tensiv außerhalb Finnlands unterwegs sind. Im Sommer 
werden wir dann etliche Festivalauftritte in Finnland ha¬ 
ben. In der zweiten Jahreshälfte steht eine Clubtour in 
Finnland an und wieder mal wird uns der europäische 
Kontinent gut beschäftigen. Zum Ende des Jahres werden 
wir dann mit den Aufnahmen zum neuen Album begin¬ 
nen ... Ich kann also nur sagen, dass dieses Jahr eine gan¬ 
ze Menge ansteht und wir sehr gespannt sind auf die Län¬ 
der, in denen wir bisher noch nicht gespielt haben, und 
wir uns natürlich auf viele bezaubernde Auftritte freuen! 
Ihr bevorzugt analoges Equipment für eure Aufnah¬ 
men, um einen authentischen Sound zu kreieren. Wie 
seht ihr die Zukunft der analogen Technik im Zuge der 
enormen Geschwindigkeit, mit der sich die digitalen 
Aufnahmetechniken entwickeln und die vieles einfa¬ 
cher erscheinen lassen? 

Wir haben unsere Songs, als auch die Sachen mit unse¬ 
ren anderen Bands, stets mit analogem Equipment aufge¬ 
nommen. Wir lieben einfach den Sound von alten Röh¬ 
renverstärkern und Aufnahmegeräten. Die Verstärker und 
Mikrofone, die wir für das „Desolation Street“-Album be¬ 
nutzt haben, sind überwiegend aus den 1970/80er Jahren, 
das Älteste war sogar von 1950 und aus Pappe hergestellt! 
Es ist jedenfalls schwieriger und langwieriger, auf diese 
Art und Weise aufzunehmen, gibt aber dem Sound mehr 
Seele und Herz und es ist vor allem ehrlicher, weil es da¬ 
durch keine Overdubs gibt. Zum Beispiel ist das Schlag¬ 


zeug, das auf dem Album zu hören ist, genauso einge¬ 
spielt und die fehlenden Schläge nicht mit Pro-Tools kor¬ 
rigiert, wie es normalerweise von den meisten Bands ge¬ 
macht wird. Wir lieben es live zu spielen und ich denke, 
dass du durch analoges Equipment das Live-Gefühl auch 
eher auf Tonträgern konservieren kannst. Es gibt ein Pro¬ 
blem mit digitaler Aufnahmetechnik, und zwar, dass es 
dadurch sehr nüchtern und auf gewisse Weise zu perfekt 
klingt. Das Leben ist aber nicht perfekt und smooth und 
wir wollen, dass unser Sound auch unser Leben reflek¬ 
tiert, welches voller Risse und Fehlentscheidungen ist. 
Welche Rolle spielt für euch das Thema Vinyl? 

Ich muss anmerken, dass ich auch einige Sachen aus dem 
Netz herunterlade, es ist aber einfacher dort neue Bands 
zu entdecken und an schwer erhältlichen Stoff zu kom¬ 
men. Ich persönlich bevorzuge aber Vinyl, und wenn ich 
Musik kaufe, dann ist es auch Vinyl. Wir haben von unse¬ 
ren Aufnahmen stets auch Vinylversionen veröffentlicht. 
Aus finanzieller Sicht ist es heutzutage natürlich eine 
„dumme Idee“, aber es ist einfach so cool und wir bevor¬ 
zugen auch ein gut aussehendes Artwork und in diesem 
Falle eignet sich Vinyl einfach wesentlich besser als CDs. 
Welche finnischen Bands liegen euch im Moment am 
Herzen und verdienen Erwähnung? Welcher Sound ist, 
fernab vom belanglosen Emo- und Metalcore-Einerlei, 
momentan angesagt im hohen Norden? 

Finnland ist voll von guten Bands im Moment, und Punk- 
Konzerte sind wirklich sehr angesagt. Eine meiner aktu¬ 
ellen Lieblings-Punkbands sind THE HEARTBURNS, wel¬ 
che schmierigen Punkrock Marke DEAD BOYS und THE 
GERMS spielen. Auch sehr gut ist eine neue Hardcore- 
Band namens LIGHTHOUSE PROJECT, die innovativen 
Oldschool-Hardcore spielen. Dann gibt es mit SWEAT¬ 
MASTER eine großartige Garagepunk-Band, mit der wir 
gerade aufgetreten sind, und ich kann es kaum erwarten, 
ihr neues Album in den Händen zu halten. Die meisten 
Leute denken, dass aus Finnland immer nur diese unsäg¬ 
lichen Metal-Bands kommen, wir haben hier aber eine 
ganze Menge an unterschiedlichsten Bands aus dem Al¬ 
ternative-Bereich. Das Gute ist vor allem die große Viel¬ 
fältigkeit der Szene. Da gibt es Ska, Punkrock, Indierock, 
Emo-Punk sowie Old- und Newschool-Hardcore-Bands 
und das Geniale an der relativ kleinen Szene hier in Finn¬ 
land ist, dass du möglicherweise all diese verschiedenen 


Bands auf ein und demselben Konzert erleben kannst. 

Was sind eure größten aktuellen Einflüsse oder ver¬ 
sucht ihr das bewusste „Importieren“ gewisser Stile¬ 
lemente zu vermeiden? 

Meiner Meinung nach hat Punkrock schon immer bedeu¬ 
tet, seinen eigenen Weg zu gehen, sein eigenes Ding zu 
machen und sich nicht anderen anzubiedern oder die¬ 
se gar zu kopieren. Ich muss dazu sagen, dass es sich für 
uns wie das freiwillige Einsperren in einem Käfig an¬ 
fühlen würde, wenn wir immer und immer wieder aufs 
Neue das gleiche Lied spielen würden. Natürlich nehmen 
wir eine ganze Menge von Einflüssen durch andere Bands 
in unserem Sound auf, aber die Auswahl ist dabei schi¬ 
er unerschöpflich. Ich werde von allem beeinflusst, was 
ich höre, von 1950er Jahre-Rock’n’Roll zu Soul, dunk¬ 
lem Pop über Punk/Hardcore, was auch immer, aber wir 
saugen einfach alles auf, so dass unser Sound letztend¬ 
lich weder nach der einen noch der anderen bestimm¬ 
ten Band klingt. Ich denke, es geschieht heutzutage ein¬ 
fach sehr oft, dass Bands auf Nummer sicher gehen und 
das Risiko scheuen, nur um keine Fans oder etwa ihre 
Integrität zu verlieren. Ich mache mir keine großen Ge¬ 
danken darüber, was bestimmte Leuten denken und sa¬ 
gen. Es sollten doch Überraschungsmomente und vor al¬ 
lem eine gewisse Spannung auf jedem Tonträger gebo¬ 
ten werden. Das Leben ist voller Veränderungen, Men¬ 
schen ändern sich und wir wollen mit unserer Musik die¬ 
se Veränderungen so gut wie eben möglich reflektieren. 
Ich will einfach die Musik spielen, die mir den nötigen 
Kick gibt, und ich hoffe, irgendjemand da draußen kann 
dies ebenso nachvollziehen. 

Gibt es einen bandbezogenen Traum, außer natürlich 
der von finanzieller und kreativer Unabhängigkeit? 

Alle Länder zu sehen, in denen wir bisher noch nicht wa¬ 
ren! Das Touren ist großartig, vor allem wenn du neue 
Orte sehen und coole neue Menschen, überall auf der 
Welt kennen lernen kannst. Selbst wenn du nicht die 
gleiche Sprache sprichst, gibt es immer Gemeinsamkei¬ 
ten und wir finden immer einen Weg miteinander klar¬ 
zukommen. 

Der Alltag ist oft nicht leicht und vor allem weit weni¬ 
ger glorreich, als in der Szene dargestellt. Welche Bot¬ 
schaft liegt euch diesbezüglich am Herzen und welche 
Motivation zieht ihr aus eurer Musik? 

Das „normale“ Leben ist gewöhnlich weit, weit weg 
vom Glamour. Zum Beispiel bist du auf Tour des* Öfteren 
schlapp, deprimiert und todmüde, aber die eine Stunde, 
in der du stets einhundert Prozent gibst, ist das alles wert. 
Vor allem, wenn das Publikum voll mit dabei ist und dir 
einiges an positiven Reaktionen zurückgibt, vergisst du 
alles andere! In unseren Texten setzen wir uns mit einer 
Menge von Tiefpunkten des Lebens und der Welt im All¬ 
gemeinen auseinander. Es sind manchmal sehr deprimie¬ 
rende Themen, aber sie sind nur die Reflektion der Um¬ 
stände, die herrschten, als ich die Texte niederschrieb. 
Selbst wenn es wirklich finster ausschaut, gibt es im¬ 
mer irgendwo ein kleines Licht, das leuchtet, du musst 
es nur finden! Durch harte Zeiten zu gehen, gibt dir neue 
Perspektiven vom Leben. Du lernst, welche Dinge du zu 
schätzen hast, und auf Dinge, die dir scheinbar fehlen, zu 
verzichten. Ich schätze sehr, dass ich in dieser Band sein, 
Musik spielen und mich ausdrücken kann! Es gibt mir 
schier endlose Energie und Kraft weiterzumachen. 

Lars Weigelt 


iwalktheline.org 


OX-FANZINE 37 









BLACK PUNK, DAS BASKENLAND, FLORIDA UND CHICAGO 

THE JAI-ALAI SAVANT 

Schon Ende 2005 erschien auf Gold Standard Laboratories die „Thunderstatement“-EP von THE JAI 
ALAI SAVANT („Hailai-Savant“ ausgesprochen) aus Chicago, die jüngst, nachdem sie für Europa von 
City Slang gesignt wurden, ihr Album „Flight Of The Bass Delegate“ veröffentlichten. Der Debüt-Long- 
player der Band um Ex-FRANKLIN-Frontmann Ralph Darden baut aus, was JAS auf den paar EP-Songs 
bereits erstaunlich facettenreich als nicht unbedingt neuen, aber sehr frisch dargebotenen Sound etab¬ 
liert haben: Post-Punk, Indierock, Electronica, Dub und Pop in überzeugender Kombination und beste¬ 
chender Produktion. Und wer weiß, vielleicht wird eines Tages auch was aus Ralphs perfektem Tourpa¬ 
ket: THE ETERNALS, THE WATCHERS, DEFACTO und THE JAI-ALAI SAVANT ... Ich traf Ralph in Köln. 


Hallo Ralph. 

Guten Tag, wie geht es dir? 

Gut - du sprichst deutsch? 

Na ja, nicht fließend, aber ich gebe mir Mühe. Es reicht, um 
sich durchzuschlagen. Ich bin jetzt das dritte Mal in Europa, 
aber ich weiß noch, wie unsicher ich beim ersten Mal war, 
nicht wusste, was mich erwartet. Aber ich mag die Idee, ir¬ 
gendwo hinzukommen und völlig fremd zu sein. Dabei fin¬ 
de ich es aber auch okay, wenn das unter „kontrollierten Be¬ 
dingungen“ geschieht. 

Gab es schon mal einen Ort, wo du dich nicht wohl ge¬ 
fühlt hast, auch wegen deiner Hautfarbe? 

In den USA bislang erst einmal. Ich fühlte mich da nicht 
wirklich bedroht, aber doch sehr unwohl. Es war auf Tour 
und wir waren in Jackson, Minnesota gestrandet, einem 
kleinen Städtchen im Mittleren Westen, ein Ort wie aus „Te¬ 
xas Chainsaw Massacre“ oder so, haha. Wir gingen da in 
eine Bar, alle starrten uns an, es war eine sehr ungemütli¬ 
che Situation, und eine ältere Frau kam auch mich zu und 
fragte mich, was ich hier wolle. Meine erste Reaktion war 
natürlich, wütend und schnippisch darauf zu antworten ä 
la „That’s none of your fucking business!“, doch stattdes- 
sen antwortete ich ganz freundlich, ich hätte vor, mich hier 
niederzulassen. Darauf sie: Und was willst du hier machen? 
Und ich: Mal sehen, einen Job suchen, eine Freundin fin¬ 
den, heiraten ... Sie: Hier gibt es keine Jobs. Ich: Keine Sor¬ 
ge, ich finde einen. Zu dem Zeitpunkt war mir klar, dass 
wir uns besser vom Acker machen sollten, dass die Situation 
womöglich bald nicht mehr so lustig ist. 

Just heute morgen wurde im Radio berichtet, dass THE 
POLICE anlässlich ihrer Reunion eine Welttournee pla¬ 
nen. Wirst du auf ein Konzert gehen? 

Hahaha, was willst du damit andeuten? Dass THE POLICE 
sich offensichtlich von uns haben beeinflussen lassen? Ha- 
hahaha. Damals war ich gerade mal vier Jahre halt ... Tja, 
was soll ich dazu sagen? Wir sind uns sicher in vielerlei 
Hinsicht ähnlich, wobei wir aber nicht mal so besonders 
nach denen klingen. Klar, der Einfluss ist ganz offensicht¬ 


lich vorhanden, jedoch empfinde ich es als geringschätzig, 
wenn jemand sagt, wir würden wie THE POLICE klingen, 
denn bei uns passiert noch eine ganze Menge mehr. Vor al¬ 
lem aber klingt meine Stimme nicht wie die von Sting, wo¬ 
bei das natürlich schön wäre. Aber es stimmt schon, das ist 
eine meiner ewigen Lieblingsbands. Ich selbst spiele ja die 
verschiedensten Instrumente, und Stewart Copeland ist für 
mich einer der besten Drummer überhaupt. Diese seltsame 
Mischung aus Rock und Reggae finde ich faszinierend, die¬ 
se Herkunft aus dem Punk und NewWave.THE POLICE sind 
für mich die Verkörperung dieser Phase in der Musikge¬ 
schichte Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, diese Ver¬ 
bindung von Punkrock, Disco, Reggae, HipHop. All diese 
Musikstile waren damals noch frisch und neu, es war alles 
noch nicht so festgefahren, die Stile waren miteinander ver¬ 
zahnt, es war eine erstaunliche Zeit. Ich bin Jahrgang 1973, 
ich war noch ein Kind, als das alles geschah, aber ich hör¬ 
te die Lieder im Radio und halte diese Ära rückblickend für 
die für mich als Künstler und Musiker prägendste. 

Nervt es nicht, wenn man sich den POLICE-Vergleich 
ständig anhören muss? 

Manchmal schon, denn wir haben ja noch zig andere Ein¬ 
flüsse, die niemandem aufzufallen scheinen. Was ist denn 
etwa mit THE CLASH? Wir haben ja auch all diese Dub-Ein- 
flüsse, wir haben elektronische Einflüsse, und darin ähneln 
wir THE CLASH, die stilistisch völlig offen waren, einfach 
nur „rebel music“ spielen wollten. Erst neulich sah ich noch 
eine Doku über THE CLASH, in der Joe Strummer über die 
Verbindung von Reggae und Punk sprach, wie sie als Band 
immer versuchten, die verschiedensten Stile und Trends 
aufzugreifen. Diese Attitüde hat mich stark beeinflusst, und 
so versuche ich heutzutage eine moderne Version davon zu 
schaffen. Es ist also kein Zufall, dass wir auch mit Rappern, 
DJs und so weiter Zusammenarbeiten, so wie es kein Zufall 
war, dass THE CLASH und die SEX PISTOLS befreundet wa¬ 
ren, dass Allen Ginsberg und Jack Kerouac Freunde waren. 
Nein, das geht alles Hand in Hand, das ist auch keine künst¬ 
liche, ausgedachte Sache, das passiert einfach. Und so ist 


das auch mit unseren Verbindungen zu anderen Bands aus 
Chicago, etwa den ETERNALS und den WATCHERS, zu RA- 
HIM und all den anderen Bands aus unserem Bekannten¬ 
kreis. Wir ticken alle irgendwie gleich, haben einen ähnli¬ 
chen Hintergrund. Das ist aber eine Ausnahme, finde ich, 
denn sonst fehlt mir bei vielen heutigen Bands diese Art von 
Verbundenheit. Klar, durch das Internet sind alle irgendwie 
vernetzt, aber ich sehe keine neue Bewegung, verstehst du? 
Denkst du, dass einer von Dub beeinflussten Band ein 
schwarzer Frontmann eine gewisse „Authentizität“ ver¬ 
leiht ...? 

Nein, das hat höchstens die Funktion, dass es Vorurteile be¬ 
stätigt, etwa in der Art, dass ein Reggae-Einfluss allein am 
Vorhandensein dieser Person festgemacht wird. Oder es' 
führt dazu, dass wir mit TV ON THE RADIO verglichen 
wurden, einfach nur wegen der zufälligen Ähnlichkeit in 
der Besetzung, verstehst du? Klar, gibt es zwischen unse¬ 
ren Bands gewisse Parallelen, aber auf ganz anderer Ebe¬ 
ne. Wenn die Leute mich nicht gesehen hätten, wären sie 
nie mit dem Vergleich angekommen, das ist es. Mich wür¬ 
de echt interessieren, was die Leute über uns schreiben 
würden, wenn es keine Band-Bio, keine Pressefotos gäbe. 
Würden die dann überhaupt ein Wort über Dub und Reg¬ 
gae verlieren, würden sie das überhaupt verstehen? Von da¬ 
her denke ich also, dass meine Hautfarbe schon eine Rolle 
spielt, denn es bedient gewisse Vorurteile. Aber das hat dann 
eher den Effekt, dass die Leute den Wald vor lauter Bäu¬ 
men nicht sehen. Wobei in den USA sich ja keiner traut, das 
mit dem „black frontman“ zu schreiben, weil das ja schon 
als Rassismus gewertet wird, hahaha. Die versuchen das 
dann dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass sie uns mit 
BLOC PARTY vergleichen, oder dass die Band einen „fun- 
ky“ Sound habe. Das geht den ETERNALS übrigens auch so, 
denn Dämon, deren Sänger, ist ja auch schwarz. Und shit, 
die sind überhaupt nicht funky, das ist nur der verzweifel¬ 
te Versuch, etwas zu schreiben, das einen Hinweis auf die 
schwarze Hautfarbe des Sängers darstellt. Aber ich will auch 
nicht bestreiten, dass es ein Element unseres Sounds gibt, 
das ein Resultat meiner Hautfarbe ist. Wenn du als schwar¬ 
zes Kid in einer großen Familie in Philadelphia aufwächst, 
dann hast du halt andere Referenzpunkte als ein weißes Kid, 
das mit 13 die SEX PISTOLS entdeckt. Ich wuchs mit sehr 
viel Jazz auf, und das hat mich geprägt. Aber der Reggae- 
Einfluss ist ja viel deutlicher, und wie gesagt, ich bin mir si¬ 
cher, ohne Kenntnis eines Fotos fiele das Urteil anders aus. 
Die BAD BRAINS sind ja auch so ein Fall: Da spielte die 
Hautfarbe der Mitglieder immer eine Rolle. 

Klar, deren Familien kamen aus Jamaika. Und sie sind eine 
der großartigsten Bands aller Zeiten. Übrigens wurden auch 
wir schon mal mit denen verglichen, und das ist totaler 
Blödsinn. Nicht mal unsere Reggae-Sachen lassen sich ver¬ 
gleichen: Die Reggae-Songs der BAD BRAINS waren ganz 
klassischer Reggae, genau wie die Hardcore-Songs ganz 
straighter Hardcore waren. Beides trifft auf uns nicht dazu. 
Und ihr seid auch nicht homophob... 


OX-FANZINE 38 





THE JAI-ALAI SAVANT/CREEPSHOW 


Haha, richtig. Übrigens: Hast du schon mitbekommen, dass 
H.R. sein Coming-Out hatte, dass der schwul ist? Aber das 
ist ja eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch. 

Um auf das Thema mit der Hautfarbe zurückzukommen: 
So was ist eigentlich immer erst ein Thema, wenn man 
sich so einer Tatsache bewusst ist. Mir fiel das, ehrlich ge¬ 
sagt, erst heute morgen auf, als ich zu deiner Band etwas 
recherchierte und dann erstmals ein Foto von euch sah. 
Und jetzt frage ich mich natürlich, ob meine Rezensio¬ 
nen von Album und EP anders ausgefallen wären, wenn 
ich das gewusst hätte. 

Das ist echt eine interessante Frage. Ich hatte da so ein Erleb¬ 
nis mit TV ONTHE RADIO. Als ich das erste Mal was von de¬ 
nen hörte, fragte ich mich, ob das wohl Schwarze sind. Ich 
kannte die bis dahin überhaupt nicht, hatte sie nie live ge¬ 
sehen. Ich kam nur auf die, weil die CD gerade im Platten¬ 
laden eines Freundes lief. Ich kaufte die, hörte sie mir zu 
Hause an, und dann machte ich den offensichtlichen Ver¬ 
gleich: Der Sänger klingt wie Peter Gabriel. Aber irgendwie 
hatte seine Stimme etwas mehr „Würze“, ich konnte das 
nicht genau beschreiben. Und dann sah ich ein Foto der 
Band, stellte fest, dass der schwarz ist. Woran ich das ge¬ 
merkt habe? Ich habe keinen Abschluss in Linguistik, aber 
es ist nun mal so, dass Schwarze anders reden als Weiße. Die 
Betonung und so, die ist einfach oft anders. Die Leute sind 
eben, wie sie sind! 

Aber es ist auch schwer, sich selbst so ein Denken einzu¬ 
gestehen, oder? Ich meine, die Punkszene ist ja generell 
sehr offen und politisch korrekt, aber an solchen Punk¬ 
ten wird es schon mal schwierig. 

Genau, alle sind so offen und haben keine Vorurteile, aber 
wie kommt es, dass alle Konzertbesucher weiß sind? 

Es ist wohl einfach so, dass ein bestimmter gesellschaftli¬ 
cher Hintergrund immer durchschlägt, man sich von so 
einem Einfluss eben nicht frei machen kann. 

Exakt, und so was macht einen ja nicht zu einem Rassisten. 
Ich meine, ich bin Amerikaner, und dieses Land ist gerade¬ 
zu besessen vom Thema Rasse. Dieses Land wurde auf Ras¬ 
sismus aufgebaut, auf Sklavenarbeit und der Vernichtung 
der Indianer, und so tragen wir heute die Bürde, von diesem 
Thema besessen zu sein. Es ist aber nun mal so, dass Unter¬ 
schiede zwischen den Menschen existieren und es wichtig 
ist, diese Unterschiede anzuerkennen. Der Punkt ist, dass 
es immer dann schwierig wird, wenn man sich mit einer 
Kunstform beschäftigt, die von Leuten einer bestimmten 
Rasse dominiert wird, und diese dann Aussagen über An¬ 


gehörige einer anderen Rasse machen, die sich ebenfalls in 
dieser Kunstform betätigen ... In der New York Times war 
neulich ein Artikel, der für mich das Lächerlichste war, was 
ich jemals zu diesem Thema gelesen habe. Es ging um Afro- 
Punk - kennst du die Doku, die mein Freund James Spoo- 
ner gedreht hat, eine Doku über schwarze Punkrocker eben, 
in der auch Dämon und ich Vorkommen? Nicht? Jedenfalls 
schrieb in der New York Times ein junges Mädchen über 
genau dieses Thema, die keinerlei Ahnung davon hat, und 
letzüich war der Artikel richtig beleidigend. Die stellte das 
als etwas höchst Erstaunliches dar, dass ein paar Schwarze 
da aus dem Ghetto gekrochen kamen und es tatsächlich ge¬ 
schafft hatten, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Die be¬ 
nutzte da tatsächlich den Begriff „Blipster“ für „Black Hips¬ 
ter“, und das war das allerletzte. Und aus genau so einem 
Hintergrund kommen dann auch Besprechungen zustande, 
wo JAI-ALAI SAVANT mit BLOC PARTY verglichen werden 
und die ETERNALS mit TV ONTHE RADIO. 

Kannst du mir wohl die abgelutschte Frage beantworten, 
was es mit eurem Namen auf sich hat? 

Jai-Alai ist ein Ballsport, der aus dem Baskenland stammt, 
und der Name lässt sich mit „fröhliches Fest“ übersetzen. Es 
spielen immer zwei Männer gegeneinander, und sie werfen 
einen sehr harten Ball mittels eines an ihrem Arm befestig¬ 
ten Wurfkorbes an eine Wand, und der Gegner muss versu¬ 
chen den Ball zu fangen. Der Ball erreicht dabei Geschwin¬ 
digkeiten von bis zu 300 km/h, und das Ganze ist dem 
Squash ähnlich. Es wird heute vor allem in Florida gespielt 
und ist sehr beliebt für Sport wetten. Das Spiel kommt, wie 
gesagt, aus dem Baskenland, und über Spanien und Kuba 
fand es seinen Weg nach Florida. Als ich damals noch bei 
meiner alten Band FRANKLIN war, arbeitete ich als Fahr¬ 
radkurier, und da erzählte mir mal jemand, das sei laut ei¬ 
nem Zeitungsartikel, den er kürzlich gelesen habe, einer der 
gefährlichsten Berufe überhaupt. Ich war natürlich neugie¬ 
rig, was die anderen gefährlichen Berufe sind, und da stieß 
ich neben Tiefseetaucher und Taxifahrer in New York City 
auf „Professioneller Jai-Alai-Spieler“, hatte aber keine Ah¬ 
nung, was das sein sollte. Aber mir gefiel das Wort, ich in¬ 
formierte mir, und was ich erfuhr, das gefiel mir, das klang 
wie eine Sportart direkt aus einem „Mad Max“-Film. Schon 
allein der Klang des Wortes Jai-Alai ist wunderbar, ja, es ist 
einfacher auszusprechen als zu buchstabieren, und es sieht 
komplizierter aus als es ist. Das „Savant“ ist dazu eine gute 
Ergänzung, es bezeichnet einen Menschen, der in einem 
Bereich ein Meister ist, und jemand, der der beste Jai-Alai- 


Spieler ist, ist doch ziemlich cool, oder? Und so schwor ich 
mir, dass meine nächste Band so heißen wird - der Meister 
des gefährlichsten Sports der Welt. 

Hast du Jai-Alai jemals selbst gespielt? 

Nein, aber als wir in Florida auf Tour waren, haben wir mal 
eine Spielstätte besucht und uns mit Spielern unterhalten. 
Aber das selbst spielen? Dazu lebe ich zu gerne, hahaha. Wir 
haben da aber ein paar coole Fotos gemacht. Übrigens soll¬ 
test bei einer der Wiederholungen von „Miami Vice“ mal 
auf den Vorspann achten, da sieht man ganz kurz einen Aus¬ 
schnitt aus einem Jai-Alai-Spiel. Und in einer Folge taucht 
auch mal ein Jai-Alai-Spieler auf, der in irgendwelche ille¬ 
galen Geschäfte verwickelt ist. Und am Ende stirbt der dann 
bei einem Spiel — er wird vom Ball getroffen ... 

Und was hat es mit dem Mammut auf sich, das man bei¬ 
spielsweise auf eurem T-Shirt sieht? 

Das war die Idee von Dämon von den ETERNALS. Und dar¬ 
aus entstand die Idee der „Mastodons“, des ersten profes¬ 
sionellen Jai-Alai-Teams aus Philadelphia. Was natürlich 
Blödsinn ist, da Jai-Alai kein Mannschaftssport ist, haha. Die 
Shirts, die eben aussehen wie Vereins-T-Shirts, haben wir 
dann an unsere Freunde verteilt. 

Und dabei seid ihr ja auch noch aus Chicago ... Apropos: 
Im Kontext mit JAI-ALAI SAVANT werden auch immer 
wieder mal die leider zu Unrecht in Vergessenheit gera¬ 
tenen ETERNALS-Vorgänger TRENCHMOUTH als Vor¬ 
bilder genannt. 

TRENCHMOUTH, deren Dämon und Wayne ja heute bei 
den ETERNALS sind, sind eine meiner absoluten Lieblings¬ 
bands. Die haben mich so stark beeinflusst wie keine andere 
Band, und deshalb covern wir auch einen Song von ihnen. 
Ich habe sie das erste Mal mit ungefähr 20 in Philadelphia 
in einem kleinen Club live gesehen, und sie waren beein¬ 
druckend: Exzellente Musiker, die gut aussahen und auch 
noch phantastische Lieder schrieben, die einerseits kompli¬ 
ziert und komplex sind, aber doch auch als Popsongs funk¬ 
tionieren. Leider blieben sie immer ein gut gehüteter Ge¬ 
heimtip. Mit den ETERNALS ist das ähnlich, auch sie lei¬ 
den unter dem „Favorite Band“-Syndrom: Keiner kennt sie, 
aber sie sind die Lieblingsband deiner Lieblingsband. Und 
so was ärgert mich, denn da ich die persönlich gut ken¬ 
ne, weiß ich ja, wie hart sie an ihrer Musik arbeiten. Chica¬ 
go ist aber auch generell eine gute Stadt für Musik, es gibt 
viele gute Bands, etwa aus dem Thrill Jockey- und Touch & 
Go-Umfeld. 

Joachim Hiller thejaialaisavant.com 



SELL YOURSOUL 

THE CREEPSHOW 

Eine sympathische Band, ein großartiges Album. Natürlich war mein Interes¬ 
se groß, mal in Kanada nachzuhören, was es so mit den Horror-Psychos von 
THE CREEPSHOW auf sich hat. Bassist Sickboy konnte uns kurz vor Druck¬ 
unterlagenschluss seine Statements senden, was die Kürze der Antworten er¬ 
klärt. Aber keine Angst, auf der kommenden Deutschlandtour wird die Band 
sich sicherlich redefreudiger zeigen ... 


Kanada, da fallen einem Berge, Schnee und Wälder ein. 
Aber bestimmt kein Psychobilly, mal abgesehen von den 
feinen GUTTERDEMONS.Wie ist die Szene bei euch? 

Die Szene ist sehr klein, aber nimmt gerade rapide zu. Je¬ 
des Mal, wenn wir durchs Land touren, werden die Shows 
größer. Aber es gibt immer noch sehr wenige Bands, nur 
eine Handvoll, wie THE GUTTERDEMONS, THE BRAINS, 
THE MATADORS, Big John Bates, THE SWITCHBLADE VA¬ 
LENTINES and THE DEADCATS. Aber auch hier sieht es so 
aus, als würden mittlerweile in ganz Kanada täglich welche 
dazu kommen. Wenn wir spielen, sind wir glücklicherweise 
nicht auf die Psycho-Szene beschränkt. Wir sind mit Punk-, 
Ska- und Hardcore-Bands unterwegs, so dass wir auch ver¬ 
schiedene Leute erreichen. 

Als waschechte Psychobilly-Band kann man euch eh 
nicht bezeichnen. Ihr agiert viel punkiger als viele Kol¬ 
legen, integriert dabei aber immer mal wieder einen ge¬ 
wissen emotionalen NO DOUBT-Touch. Wie würdet ihr 
euren Sound beschreiben? 

Ich würde uns auch nicht als Psychobilly bezeichnen. Klar 
sind die Elemente offensichtlich, aber zum Punk- und 
Rockabilly-Einfluss kommen eben noch die Ska-Atmos- 
phäre und viele eigene Sound-Ideen. Wir werden eh un¬ 


gern in ein Genre gedrängt, 
wir möchten eher, dass je¬ 
der unsere Musik genießen 
kann und darf. 

In Deutschland wart ihr 
bereits einmal unterwegs, 
völlig ohne Labelunter¬ 
stützung und ohne wirk¬ 
lich bekannt gewesen zu 
sein. Wie waren eure Er¬ 
fahrungen? 

Die Shows waren unfassbar 
gut. Wir wussten nicht, wo¬ 
rauf wir uns einließen, aber zu unserer Überraschung san¬ 
gen die Leute bei jeder Show mit. Und unsere erste Show 
in Deutschland - im Stereo Total in Heilbronn - war sogar 
ausverkauft. Jeder hat uns wirklich super behandelt, daher 
können wir es kaum abwarten zurückzukommen. 

Ihr habt zwei Mädels in der Band. Macht das einen Un¬ 
terschied für die Fans, weil sie was „zum Gucken“ ha¬ 
ben? Gibt es auch die immer wieder gehörten sexisti¬ 
schen Sprüche? 

Die, die es meiner Meinung nach wirklich gut finden, dass 
wir zwei Girls in der Band haben, sind die Frauen, die auf 
unsere Gigs kommen. Es gibt wenige Frauen in Bands, und 
die Konzertbesucherinnen finden es daher immer klasse, 
ein Mädchen an Gitarre oder Mikro richtig rocken zu se¬ 
hen. Was Kommentare angeht, haben wir wenig schlech¬ 
te Erfahrungen gemacht. Manchmal kommt ein „Zeig uns 
deine Titten“, aber Hellcat findet immer die richtigen Worte 
dafür, oder unser Keyboarder zeigt eben seine. 

Euer Album ist jetzt schon eine ganze Weile erhältlich, 
nur eben nicht in Europa. Trotzdem kommt ihr auf eine 
zweite Tour. Gibt es keine Pläne, etwas Labelunterstüt¬ 
zung in Europa zu erhalten? Was passiert nach der Tour? 
Wir hofften eigentlich, dass ein Label das Album vor der 


Tour veröffentlichen würde, aber wir sind wohl zu spät 
dran. Unser kanadisches Label Stereodynamite spricht mit 
einigen Labels über eine EU-Veröffentlichung. Ich hoffe, es 
passiert bald etwas. Nach der Tour werden wir zurückflie¬ 
gen und ein paar Shows in der Heimat spielen und direkt an 
neuen Songs arbeiten. Vielleicht kommen wir für Festivals 
im Sommer nach Deutschland zurück. Im Herbst sind wir 
auf Tour in Kanada, wo wir wirklich überall spielen, dann 
geht es in die USA, um dort bei der Warped Tour ein paar 
Dates mitzuspielen. Im September sind außerdem noch Ja¬ 
pan und Australien eingeplant. 

Bei all dem ist eure eigentliche Sängerin Hellcat nicht 
dabei, weil sie eine Schwangerschaftspause einlegt. Ihre 
Schwester springt derzeit für sie in der Band ein. Wir 
funktioniert das? Kehrt Hellcat überhaupt zurück? 

Es klappt super. Wir hatten so ein Glück, dass Hellcat eine 
jüngere Schwester hat, die sich genauso anhört und ebenso 
hart rockt. Wir könnten nicht glücklicher sein. Hellcat kehrt 
aber trotzdem im nächsten Winter zurück auf die Bühne 
mit uns. 

Trotz erst eines Releases bekommt ihr viel Unterstüt¬ 
zung in Nordamerika von Endorsement-Partnern, Presse 
und Fans. Ist es allein euer guter Sound, oder sind es auch 
viel harte Arbeit und gute Kontakte, die so etwas mög¬ 
lich machen? 

Etwas von beidem, wenn ich ehrlich bin. Wir sind eine neue 
Band, aber wir haben sehr hart gearbeitet und viele, viele 
Shows gespielt und unser eigenes Geld investiert, um nach 
Europa oder in die USA zu fliegen und die Band zu pro- 
moten. Langsam kommt etwas von dem Geld zurück und 
mehr Leute entdecken THE CREEPSHOW Gerade das Inter¬ 
net hat sehr geholfen, denn kaum hatten wir zwei Songs 
online und diese zum Download freigegeben, gab es massig 
Feedback und viele Show-Angebote und letztendlich auch 
unseren Labeldeal. 

ThorstenWilms thecreepshow.ca 


OX-FANZINE 39 














Die Entwicklung von COMEBACK KID ist bemerkenswert. Innerhalb kürzester Zeit sind die Kanadier von 
einer kleinen HC-Combo zum szeneübergreifenden Ding geworden. Die Band ist in aller Munde, das In¬ 
teresse groß. Die harte Hardcore-Arbeit zahlt sich mittlerweile auch aus für die Band, denn CBK haben 
in den letzten Jahren kontinuierlich auf ihren unbestrittenen Status im Bereich HC/Metal hingearbei¬ 
tet und sind Dreiviertel des Jahres unterwegs. Das hinterlässt neben exklusiven Sponsorverträgen na¬ 
türlich auch tiefere Spuren, die in diesem Fall zum freundschaftlichen Ausstieg von Sänger Scott Wade 
führten. Neue Stimme, neues Glück? Eher nicht, denn seinen Part übernahm Gitarrist Andrew Neufeld, 
der sich trotz eigener stimmlicher Interpretation gar nicht so weit weg bewegt vom ursprünglichen CBK- 
Sound. Über diese personelle Entscheidung, die Entstehung des neuen Albums „Broadcasting ..." und 
die Entwicklung von Hardcore im Allgemeinen sprach ich mit Andrew anlässlich der Record-Release- 
Show in Bochum. 


Ihr kommt gerade aus England, wo ihr zusammen mit 
ALEXIS ON FIRE getourt habt. Warum spielt ihr in 
Deutschland mit eher kleineren Bands? 

Vor den Auftritten in England spielten wir bereits mit 
RISE AND FALL, JUSTICE und FINAL PRAYER und tra¬ 
fen uns erst im Anschluss mit ALEXIS ON FIRE. War¬ 
um wir mit diesen Bands spielen? Ganz einfach, wir mö¬ 
gen sie, egal, wie groß sie sind. Es sind darüber hinaus 
Bands, die dasselbe machen wie wir. Bei diesen etwas 
kleineren Shows gibt es eben auch keine Absperrungen 
vor der Bühne, das macht das Ganze zu einer viel intime¬ 
ren Angelegenheit. Klar, bei den Shows mit ALEXIS ON 
FIRE mussten wir härter arbeiten, da uns viele der Kids 
noch gar nicht kannten. Es macht aber auch immer wie¬ 
der Spaß, Leute von sich zu überzeugen. 

Bereits im Winter seid ihr in Europa auf der Persis- 
tence Tour zusammen mit SICK OF IT ALL, TERROR 
und vielen anderen aufgetreten. Bei der Show in Es¬ 
sen musste man gute fünfzig Meter an Merchandise 
passieren, um in den eigentlichen Showbereich zu ge¬ 
langen. Ist diese Merchandise-Manie mittlerweile Teil 
der HC-Realität? 

Ich kann vollkommen nachvollziehen, wenn einen die¬ 
se Schlangen von Merchandise gleich im Eingangsbereich 
nerven! Mich persönlich stört es allerdings nicht beson¬ 
ders, solange das nicht auf jeder Show so ist. Das war bei 
dieser Tourreihe besonders heftig, ja. Viele der Stände 
sind aber D.I.Y.-Distros und werden von HC-Kids betrie¬ 
ben, die den Kids hier Musik und Klamotten anbieten, 
die sie sonst wahrscheinlich nur schwer bekämen. Mir ist 
es lieber, dass sie diese kleinen Distrostände unterstützen, 
als dass sie sich die CD in einem riesengroßen und teuren 
Musikladen kaufen. 

Seit Scott die Band verlassen hat, ist CBK offiziell als 
Quartett unterwegs. Für die Shows habt ihr jedoch Ca- 
sey Hjelmberg (REGRET, FALSE NOTION) angeheuert. 
Wie kam es dazu? 

Die letzte Show mit Scott war in Iowa, am nächsten Tag 
stand St. Louis auf dem Programm und ich übernahm be¬ 
reits damals den Gesang, während Casey Gitarre spiel¬ 
te. Trotz dieses raschen Wechsels versuchten wir ihn peu 
ä peu einzuarbeiten, und mittlerweile ist er ja auch ein 
Fulltime-Mitglied der Band geworden. Wir wollten aber 
zunächst die Aufnahmen zu dem neuen Album im Auge 
behalten, bevor wir überstürzt einen neuen Gitarristen 
suchen. 

Scott war vier Jahre Teil von CBK, davor arbeitete er 
bereits als Roadie bei deiner anderen Band FIGURE 
FOUR. Zusammen habt ihr eine Menge Kraft und En¬ 
ergie in CBK gesteckt, sonst wärt ihr heute nicht dort, 
wo ihr seid. Kannst du seine Entscheidung, die Band zu 
verlassen, ansatzweise nachvollziehen? 

Natürlich. Wir sind schließlich immer noch eng befreun¬ 
det. Er wollte nach Jahren des Lebens auf Tour einfach 
auch mal einen anderen Alltag. Das hat sich bei ihm an¬ 
gestaut und schließlich waren seine Gefühle soweit, die 
Band nicht mehr voll unterstützen zu können. 

Deine Stimme hat einen eigenen Sound, ist aber gar 
nicht so weit weg von Scotts. Hast du dir vorher jemals 
Gedanken darüber gemacht, wie du als Sänger von 
CBK klingen willst? 

Ich hatte eine ganz klare Vorstellung und habe es einfach 
ausprobiert. Ich wollte mich mit der Interpretation nicht 
zu weit vom CBK-Sound wegbewegen. Ich hatte vorher ja 
auch schon bei den härteren Parts meine Schreieinsätze. 
Mit der Zeit bekam ich ein gutes Gefühl für die Songs und 
mittlerweile bin ich zufrieden mit dem Ergebnis. 

Ich brauchte eine ganze Weile, um mit den neuen 
Songs warm zu werden, die durch die klare Produkti¬ 
on allesamt sehr sauber und heavy klingen. 

Das stimmt. Wir wollten auf diesem Album viele ver¬ 
schiedene Elemente ausprobieren. Einige Teile sollten 


wesentlich heavyier werden, andere wiederum melodi¬ 
scher. Insgesamt ist der Sound massiver, dichter gewor¬ 
den. Jeder hat eben seinen eigenen Musikgeschmack, und 
wenn jemand keinen Metal mag, ist das okay. Dann muss 
er sich eine Band suchen, wo keine Metal-Elemente drin 
sind. Wir haben bei der Produktion nicht an Subgenres 
gedacht, in die wir passen könnten. Wir wollten nie ir¬ 
gendeiner exklusiven Szene angehören und das wird 
auch in Zukunft so sein. 

Ihr habt euch wie beim Vorgänger „Wake the dead“ für 
das Produzentenpaar Bill Stevenson und Jason Liver- 
moore entschieden. Wie wichtig waren die beiden für 
den Entstehungsprozess des Albums? 

Wir hatten insgesamt drei Studiowochen. Alle Songs wa¬ 
ren vorher geschrieben und einige Parts sogar schon vor¬ 
her eingespielt, bevor wir nach Colorado zu ihnen ins 
Studio fuhren. Jason hatte gerade für die Drums ein paar 
interessante Anregungen, die bestimmten Passagen mehr 
Rhythmus geben. Bill und ich nahmen den Gesang auf. 
Bei Stellen, wo ich mir unsicher war, gab er mir eine 
zweite Meinung oder auch Input. Die Songs waren also 
faktisch bereits geschrieben, so dass die beiden die Fein¬ 
abstimmung übernehmen konnten. Am Ende fand ich 
persönlich, dass uns noch etwas Zeit im Studio fehlte. Mit 
dem Ergebnis können wir aber sehr zufrieden sein. 

Der Albumtitel „Broadcasting“ spielt auf die Macht der 
Medien an und welche Angst sie unter den Menschen 
verbreiten kann. Warum gerade dieses Oberthema? 
Das Ganze ist nicht als Konzeptalbum gedacht, sondern 
bezieht sich eigentlich nur auf einen Song. Kurz bevor ich 


„Broadcasting“ schrieb, war ich in den USA. Am Flug¬ 
hafen wurde via Interkom mitgeteilt, dass Alarmstufe 
Orange wäre, also eine Stufe unter Rot, dem totalen Not¬ 
fall. Das hat mich doch sehr beschäftigt, denn mir wur¬ 
de schlagartig bewusst, wie einseitig die amerikanischen 
Medien berichten und wie wenig sie sich mit weltweiten 
Vorkommnissen beschäftigen. Für viele ist es eben einfa¬ 
cher, sich in ihrer Seifenblase zu bewegen. Die tägliche 
Informationsflut ist gespickt mit Halb- und Unwahrhei¬ 
ten, die dann von Freunden, Bekannten oder sonst wem 
multipliziert werden. Das ist gefährlich. Eine Lösung für 
dieses Problem habe ich nicht, es lohnt sich jedoch, alles 
und jeden in Frage zu stellen und wachsam zu bleiben. 
Vor etwas einem Jahr sagte Fat Mike in einem Inter¬ 
view mit diesem Fanzine, dass CBK unbedingt einen 
Vertrag mit seinem Label Fat Wreck hätten haben wol¬ 
len. Obwohl er die bekennend religiöse Band MXPX 
unter Vertrag hatte, lehnte Mike euch jedoch ab, weil 
ihr euch bei eurem ersten Album „Turn It Around“ un¬ 
ter anderem bei Jesus in einer Thankslist bedankt hat¬ 
tet. Kannst du dazu etwas sagen? 

Fat Wreck ist eines meiner Lieblingslabels, weshalb wir 
gleich an sie dachten. Richtige Verhandlungen hat es 
mit ihnen damals aber nie gegeben. Wir schickten ih¬ 
nen wie vielen anderen Labels übrigens auch eine Ko¬ 
pie von „Turn It Around“ als Bewerbung. Fat Mikes Ant¬ 
wort war, dass er zu der Zeit keine Möglichkeit sähe, uns 
auf Fat Wreck zu vermarkten. Was auch immer das auch 
heißen mag. 

Bodo Unbroken comeback-kid.com 



:ksteadV 


OX-FANZINE 41 











HARDCORE-LANDSCHAFTSMALEREi 

AARON HORKEY 

Vorbei ist die Zeit, in der ich mir noch Platten nur aufgrund des Coverartworks gekauft habe, doch hätte 
ich die aktuelle HOPE CONSPIRACY-CD zuvor nicht gekannt, ich hätte eben wegen des Artworks eine 
Ausnahme gemacht. Der riesige Totenkopf mit Hörnern und Schlange war das Erste, was ich von Aa¬ 
ron Horkey zu Gesicht bekam, und ich war dermaßen begeistert, dass ich mich sofort an den Compu¬ 
ter setzte und recherchierte. Schnell gelangte ich auf die Seite des deutschen Low Art-Magazines, des¬ 
sen erste Ausgabe ein ausführliches Interview mit ihm veröffentlicht hatte. Noch mehr fasziniert von sei¬ 
nen Grafiken, vor allem in punkto Präzision, Farbgebung und der geheimnisvollen und abgedrehten Mo¬ 
tive, beschloss ich, mit Aaron einmal selber über seine Kunst, seine Zeichentechnik und seine Beziehung 
zur Musik zu sprechen. Da Aaron Horkey keine eigene Homepage besitzt und sich auch sonst eher rar 
macht, möchte ich Mario Marquardt vom Low Art-Magzin an dieser Stelle danken, dass er mir die E-Mail- 
Adresse von Aaron Horkey gegeben und dieses Interview somit möglich gemacht hat. Während der Low 
Art-Artikel sich verstärkt mit der Zeichentechnik Horkeys auseinandersetzt, habe ich versucht, vor allem 
seine musikalischen Wurzeln zu ergründen, weshalb auch ausschließlich seine Tourpostergrafiken und 
CD-Coverarbeiten hier im Vordergrund stehen sollen. 


Aaron, stell dich doch mal kurz unseren Lesern vor. 

Also, ich bin 29 Jahre alt und in Westbrook, Minnesota 
geboren, aber in Windom aufgewachsen. Zurzeit lebe ich 
in Mankato, ebenfalls in Minnesota. Dort bleibe ich auch 
bis zu meinem Tod. Zeichnen ist mein Leben. 

Was inspiriert dich eigentlich beim Zeichnen? Hörst 
du dir die Musik der Band oder des Künstlers dabei 
an, während du für sie/ihn ein Coverartwork oder ein 
Gig-Poster entwirfst? 

Mit den meisten der Bands, für die ich bisher gearbeitet 
hab, ist es so, dass ich mit ihrem musikalischen Schaf¬ 
fen weitestgehend vertraut bin, was mir definitiv beim 
Zeichnen hilft und als Inspirationsquelle gedeutet wer¬ 
den kann. Jedoch halte ich es beim eigentlichen Zeichen¬ 
prozess so, dass ich die Musik der Band, für die ich ge¬ 
rade etwas mache, nicht höre. Zum Beispiel bin ich ge¬ 
rade dabei, für ISIS ein Konzertposter zu zeichnen, und 
ich werde mir nicht eine ihrer Platten anhören, bis das 
Teil fertig ist. Ich mache das so, weil ich nicht zusätzlich 
von der Musik beeinflusst werden will. Es könnte sonst 
passieren, dass die Zeichnung hinterher zu plump rüber¬ 
kommt oder es so aussieht, als wäre sie nur von dem ei¬ 
nen Song inspiriert, den ich vielleicht gerade total klas- 
se finde, während ich zeichne. Ich versuche bei meinen 
Arbeiten immer die Gesamtstimmung der Musik eines 
Künstlers oder einer Band einzufangen, wobei es natür¬ 
lich wichtig ist, sich vorher mit der jeweiligen Diskogra¬ 
fie auseinanderzusetzen. Ich glaube, für manche Poster, 
wie zum Beispiel für MELVINS oder NEUROSIS habe ich 
mich so vorher schon zehn Jahre vorbereitet. 

Also muss wohl die Grundvoraussetzung sein, dass 
du die jeweilige Musik magst, oder würdest du auch 
was für jemanden machen, dessen Musik du total ab¬ 
lehnst? 

Ja, das ist die Grundvoraussetzung. Ich bin Fan von all 
den Bands, für die ich Konzertposter oder ähnliches ge¬ 
zeichnet habe, und es macht die Arbeit einfacher, wenn 
ich die Musik klasse finde und von einem Projekt dem¬ 
entsprechend begeistert bin. Nur bei zwei meiner Pos¬ 
ter war es bisher so, dass ich die Musik gar nicht kann¬ 
te - MAGNETIC FIELDS und THE ARCADE FIRE. Diese 
beiden sind aber bisher die Ausnahme geblieben. Inzwi¬ 
schen kann ich mir die Bands besser aussuchen, mit de¬ 
nen ich zusammenarbeite, und wenn ich nicht hundert¬ 
prozentig hinter einer Arbeit stehe, brauch ich auch kei¬ 
ne Zeit dafür zu verschwenden. Generell kann ich inzwi¬ 


schen sagen: Wenn ich die Musik nicht mag, kommt die 
Arbeit auch nicht zustande! 

Welche Musik hörst du denn so generell? Was sind dei¬ 
ne Lieblingsbands und für wen würdest gern mal ein 
Konzertposter oder ein CD-Cover gestalten? 

Generell kann ich behaupten, dass Hardcore mich zu dem 
gemacht hat, was ich heute bin. Das beginnt bei meiner 
Ernährung und endet bei meiner Art, wie ich geschäft¬ 
liche Entscheidungen fälle. Dadurch, dass ich im ländli¬ 
chen Mittleren Westen zu einer Zeit aufgewachsen bin, 
als es kein Internet gab, war ich gezwungen selbst ak¬ 
tiv zu werden und die Szene zu entdecken. Das heißt auf 
Shows zu gehen, Underground-Plattenlabels und Fan¬ 
zines ausfindig zu machen und auf meinem Skateboard 
andere neue Städte und deren Szenen kennen zu lernen. 
Schlussendlich hat das jetzt soweit geführt, dass ich vor 
allem in Sachen Hardcore den D.I.Y.-Labels und -Bands 
den Vorzug gebe und musikalisch im Moment hauptsäch¬ 
lich Bands aus dem Noisecore-Bereich höre. Während ich 
zeichne, stelle ich mir aber eine sehr abwechslungsrei¬ 
che Playlist zusammen, die ich auch immer wieder ver¬ 
ändere. Meine Heavy Rotation sieht im Moment ungefähr 
so aus: COMETS ON FIRE, MODERN LIFE IS WAR, Tom 
Waits, FUNERAL DINER, SUNNY DAY REAL ESTATE, 
MOUTHBREATHER, SWAN LAKE, PLANES MISTAKEN 
FOR STARS, DAUGHTERS, ULTRA DOLPHINS, HERESI, 
THE COURT & SPARK und ganz viele andere. Für Bands, 
für die ich mal gerne was zeichnen würde, trage ich eine 
so genannte „list of dream-posters“ in meinen Sketch- 
book mit mir herum. Tom Waits steht da an erster Stelle 
- und da hatte ich sogar letzten Sommer die große Chan¬ 
ce, als er bei mir in der Nähe auf Tour war und ich gefragt 
wurde, ob ich das Konzertposter für die Show in Nas- 
hville machen wolle. Leider hatte ich damals keine Zeit 
und so kam das nicht zustande. Wenigstens habe ich ihn 
aber endlich mal live gesehen. Andere Arbeiten, die ich 
ohne Umschweife machen würde, wären zum Beispiel 
für LUNGFISH/Dan Higgs, OLD MAN GLOOM, A SILVER 
MT. ZION, William Elliot Whitmore, THESE ARMS ARE 
SNAKES, WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY, CO- 
LISEUM, MY MORNING JACKET ... 

Ich habe gelesen, dass vor allem die Landschaft und 
Natur deiner Heimat Minnesota eine Inspirations¬ 
quelle deiner Arbeiten ist. Kannst du das mal etwas 
näher erläutern. 

Richtig. Jede Zeichnung von mir, die eine mehr, die an¬ 


dere weniger, verarbeitet Elemente aus der Natur und 
Umgebung des ländlichen Mittleren Westens. Als Kind 
ließen mir meine Eltern viele Freiheiten und ich durfte 
die Felder und Wälder rund um die Farm meiner Eltern 
alleine erkunden. Ich verbrachte viel Zeit damit, mich 
schmutzig zu machen, auf Bäume zu klettern, Käfer und 
Tierknochen zu sammeln und einfach wild durch die Ge¬ 
gend zu rennen. Diese Zeit habe ich einfach geliebt und 
wahrscheinlich kommt deshalb soviel davon in meinen 
Arbeiten vor, die du kennst. 

Die erste Arbeit, die ich von dir gesehen habe und die 
mich total umgehauen hat, war das HOPE CONSPI- 
RACY-Coverartwork zu „Death Knows Your Name“. 
Soweit ich erfahren habe, wollten sie ein Coverart¬ 
work, das die Band und ihre Musik im Kern repräsen¬ 
tiert. Kanntest du ihre Musik, bevor du dich an die Ar¬ 
beit gemacht hast? Erzähl mal bitte etwas zur Entste¬ 
hungsgeschichte. 

Also die beiden HOPE CONSPIRACY-Cover - EP und LP - 
sind beide in relativ kurzer Zeit entstanden und ich hab 
sie eigentlich eher nebenbei gezeichnet. Ich hab das ge¬ 
macht, weil ich ein großer Deathwish-Fan bin und unbe¬ 
dingt mal was mit dem Label machen wollte. Außerdem 
waren die Produktionsvoraussetzungen sehr gut und mit 
Jacob Bannon von CONVERGE als Art-Director brauch¬ 
te ich mir keine Sorgen über ein qualitativ hochwertiges' 
Endprodukt machen. Was die Musik angeht, so war ich 
nicht so ganz vertraut mit ihren vorangegangenen Plat¬ 
ten, aber wenn Jacob sich für sie verbürgt, reicht mir das. 
Die Band hat mir dann eine Liste mit Bildern und Zeich¬ 
nungen geschickt, die ihrer Meinung nach auf dem Cover 
erscheinen sollten, doch waren sie, was das angeht, sehr 
offen und ließen mich tun, was immer ich wollte. Sie 
wollten aber auf jeden Fall ein symmetrisches Design für 
beide Cover - insbesondere beim LP-Cover. Da ich wuss¬ 
te, dass die 7 “-Version der EP im Siebdruckverfahren her¬ 
gestellt werden sollte, musste ich mit allzu viel Details in 
der Zeichnung zurückhalten. Dagegen war ich beim LP- 
Cover weniger eingeschränkt, konnte mehr Zeit investie¬ 
ren und hatte echt Spaß. Beide Arbeiten sind ziemlich di¬ 
rekt und plakativ - einfache Zeichnungen, die aber mal 
eine nette Abwechslung waren. 

Für mich ist ein Markenzeichen deiner Kunst nicht nur 
der sehr filigrane Zeichenstil, sondern vor allem auch 
der ganz spezielle, häufig wiederkehrende Schriftstil. 
Warum diese Schrifttype? Bist du generell interessiert 
an Graffiti? 

Na ja, ich bin lediglich besessen von handgezeichne¬ 
ten Schriften, weshalb ich auch jede Menge alter Wer¬ 
beplakate von 1800 bis 1929 aus der Zeit der Großen De¬ 
pression sammle. Es passiert soviel in diesen Lithografi¬ 
en und Stichen, sie zeigen soviel Qualität und Stolz in ih¬ 
rer Kunstfertigkeit, die unserer heutigen Gesellschaft völ¬ 
lig abgängig ist. Außerdem hat dieses Schriftsetzen von 
Hand einen unbeschreiblichen, hypnotischen Rhyth¬ 
mus, wenn man versucht, in die Struktur der Buchsta¬ 
ben einzutauchen und die verschiedenen Formen dann 
zusammenzufügen. Es ist wirklich ein herausfordernder 
Prozess, wenn es gelingt, und ich kann da einfach nicht 
genug von kriegen. Ich denke, wenn ich diese Art des 
Schriftsetzens, wenn auch nur im Kleinen, weiterführe, 
wird sie zumindest nie ganz aussterben. Was Graffiti an¬ 
geht, so war ich einige Zeit wirklich besessen, Schriftzü¬ 
ge zu sprühen, aber inzwischen spielt es keine Rolle mehr 
für meine Grafiken. 

Hast du eine Grafikerausbildung oder lief das bei dir 
eher nach dem Prinzip „learning by doing“? 


OX-FANZINE 42 
























AARON HORKEY/DR. NORTON 


Das meiste hab ich mir, mit etwas Hilfe meiner Eltern, 
selber beigebracht. Ich habe mit meinem dritten Lebens¬ 
jahr angefangen zu zeichnen und einfach immer weiter 
gemacht. Als Kind habe ich natürlich so angefangen wie 
jedes andere und einfach wild drauflos gekrakelt, aber 
eben nie aufgehört. Mit vier habe ich dann auch erstmals 
begonnen, die Zeichnung zu signieren, wenn ich glaub¬ 
te, etwas sei durchaus gelungen. Das setzte sich dann 
an der Highschool fort, wo ich so viele Kunstkurse wie 
nur möglich besuchte, damals in erster Linie aber, um 
dem üblichen Horror einer typischen Kleinstadt-High¬ 
school zu entgehen. In der 10. Klasse war ich kurz davor, 
die Schule zu schmeißen, entdeckte dann aber eine eher 
kunstorientierte Highschool außerhalb von Minneapolis. 
Dort habe ich dann meine Schulausbildung beendet und 
danach nie wieder einen Fuß in ein Klassenzimmer ge¬ 
setzt. Ich habe da bestimmt etwas gelernt, aber nicht be¬ 
züglich Kunst. Seit ich zehn bin, mache ich schon kom¬ 
merzielle Arbeiten, und das hab ich dann halt auch nach 
der Schule erst mal weiter gemacht. 

Lass uns noch mal über ein paar spezielle Arbeiten 
sprechen. Wartfm gibt es eigentlich von dem SUNN 
O)))/BORIS-,,Altar“-Cover wie auch von dem NEU- 
ROSIS-Tourposter zwei verschiedene Versionen? 

Das hat eigentlich nur den einen Grund, dass die Bands so 
eine eigene Version haben, die sie auf Tour oder auf ihrer 
Website verkaufen können, und wir von Burlesque eine 
haben, die nur über unseren Webstore zu bekommen ist 
oder in unserer Galerie oder unserer Bude in Fiatsock zu 
sehen ist. Dort sammeln Wezz, der Burlesque-Drucker 
und Zeichenkollege, und ich auch allerlei obskures Zeug 
wie Platten, Comics, Kunst, Skateboards und so weiter. So 
versuchen wir unseren Beitrag für die kleine Gemeinde 
der Posterart-Bekloppten weltweit zu leisten. 

Mal ganz konkret. Was ist das genau für ein Vieh unter 
der Decke auf dem CONVERGE-Tourposter? 

Also, die Grundstruktur ist eine verlassene, baufällige 
Farm außerhalb von Good Thunder in Minneapolis, was 
nur etwas südlich meines Wohnortes Mankato liegt. Wir 
haben diese Ruine letzten Herbst zufällig entdeckt und 
ich wusste sofort, dass ich es für das CONVERGE-Tour¬ 
poster verwenden wollte. Ich fuhr noch zwei weitere 
Male hin und machte Fotos und dann hab ich das Biest in 
dieser Ruine einfach zum Leben erweckt. Bei den meis¬ 
ten meiner Arbeiten gebe ich nur den Schauplatz des Ge¬ 
schehens vor und der Betrachter findet dann seine eigene 


Wie habt ihr es bislang geschafft, der Aufmerksamkeit 
der Rechtsabteilung einer gewissen Softwarefirma zu 
entgehen? 

Tobi: Wahrscheinlich machen wir nicht deren Sound. 

Und warum Berlin und nicht mehr München? Genug 
von Weißwürsten und Brezeln? 

Tobi: Rein kulinarisch ja leider ein sehr kurzweiliger 
Gewinn. Falls die Frage auf das „In Berlin geht musika¬ 
lisch ja viel mehr“-Gerede abzielt, dann war das nicht der 
Grund. Denn das tut es zwar, aber in erster Linie auch 
nur quantitativ. Die Gründe waren eher ganz praktische: 
Wir mussten eine Stadt finden, in der wir alle auch unser 
nicht-musikalisches Leben irgendwie durchziehen kön¬ 
nen. Berlin war da erste Wahl, weil es einfach schon we¬ 
gen seiner Größe sehr viele Möglichkeiten bietet. Und 
weil es die letzte Großstadt ist, die finanziell als Musi¬ 
ker machbar ist. 


Interpretation dafür. Es gibt heutzutage einfach zu wenig 
Geheimnisse und Rätsel in unserer modernen Welt und 
das ist verdammt bedauerlich. 

Ich mag vor allem auch deine Black-Grist-Series, die 
du ja für die Skateboard-Marke Consolidated gemacht 
hast. Skatest du viel und kannst du diese vier Zeich¬ 
nungen ein bisschen erläutern? 

Die Black-Grist Series sind das letzte Grafikset, das ich für 
Consolidated gemacht habe. Ich hatte freie Hand bei allen 
Designs, die ich für sie bisher gemacht habe und das war 
auch hier der Fall - sehr einfache, direkte Bilder, zwei 
Farben, simpel und auf den Punkt. Das Schönste an dem 
Auftrag war aber, dass ich eine ganze Kiste voll mit den 
Decks von der Firma bekam und seitdem eigentlich kei¬ 
ne anderen mehr fahre. Obwohl ich wirklich versuche, 
sie zu „melken“, werden sie mich wahrscheinlich noch 
überleben. Was meine Beziehung zum Skaten im allge¬ 
meinen angeht, so kann ich sagen, dass ich seit 15 Jah¬ 
ren selbst skate und auch heute noch so oft fahre, wie es 
eben geht. Jedoch halten mich die Arbeit und auch das 
Alter heute mehr davon ab. Wann immer- ich aber Zeit 
habe, designe ich Decks für Flip-Skateboards, was eine 
echt nette Abwechslung zu den Postern ist. Scheiße, ich 
lebe hier meinen Highschool-Traum: Rockposter zeich¬ 
nen und Skateboards designen. Das ist alles, was ich im¬ 
mer tun wollte. 

Wie sieht der technische Prozess aus? Zeichnest du per 
Hand und überarbeitest es danach am Computer? 

Alle meine Arbeiten sind von Hand gezeichnet. Das ru¬ 
dimentäre Computerwissen, was ich habe, nutze ich le¬ 
diglich zur Kommunikation via E-Mail - und was das an¬ 
geht, stoße ich schon beinahe täglich an meine Gren¬ 
zen. Der eigentliche Zeichenprozess findet die meiste 
Zeit an einer Xerox-Arbeitsstation und einem Leuchttisch 
statt. Bevor ich verschiedene Elemente zusammenführe, 
möchte ich sie zunächst so gesondert wie möglich be¬ 
trachten, bevor ich sie alle in einer Zeichnung vereine, 
somit ist es nicht ungewöhnlich, wenn ich erst viele ver¬ 
schiedene grobe Entwürfe zeichne, um dann die besten 
Elemente aus jedem heraus zu einem großen Gesamten 
werden zu lassen. Wenn ich mal sehr zufrieden mit so 
einem Entwurf bin, vergrößere ich ihn und mache mich 
direkt an die Verfeinerung. Ich verbringe generell viel 
Zeit damit, schon die erste grobe Skizze immer wieder zu 
verfeinern, bis ich wirklich genau jede Linie so habe, wie 
ich es will. Dann erst beginne ich mit der Farbgebung. 


Ihr hattet einen Auftritt im Uschi-Obermayer-Biopic 
„Das wilde Leben“. Wie kam’s dazu, und hat euch das 
bekannter gemacht? 

Tobi: Vor guten zwei Jahren hatten wir mal die Möglich¬ 
keit, auf der Premiere des - wohl zu Recht nicht sehr be¬ 
kannten - Films „Aus der Tiefe des Raumes“ aufzutre¬ 
ten. Das zog dann seine Kreise und so wurden wir ge¬ 
fragt, ob wir in dem „Uschi“-Film nicht Lust hätten, eine 
60s/70s-Band zu spielen, was spontan natürlich erst mal 
gut klingt. Insgesamt lief das alles etwas anders als ge¬ 
plant, es wäre wahrscheinlich richtiger von einem „Kur¬ 
zauftritt“ zu sprechen. Aber nicht weiter schlimm, durch 
Uschi Obermayer bekannt/er zu werden, könnte man so¬ 
wieso schwer vor sich selbst rechtfertigen. 

Apropos Film: Euer Albumtitel „Your Plot - The Prison 
- My Escape“ klingt wie ein Film in sechs Worten. 
Tobi: Stimmt, das war die Idee dahinter. Der Titel soll 


Sobald ich diese abgeschlossen habe, experimentiere ich 
viel mit Licht- und Schatteneffekten und setzte die High¬ 
lights. Die vielen verschiedenen zuvor gezeichneten Ein¬ 
zelentwürfe werden dann über diese kolorierte Grund¬ 
skizze auf den Leuchttisch gelegt, wo ich dann oftmals 
mit Pauspapier die angesprochenen Elemente auf die ko¬ 
lorierte Zeichnung übertrage. Zum Schluss setze ich, so¬ 
fern es rein soll, die Schrift oder den Text. Das Ganze dau¬ 
ert in der Regel, je nach Komplexität der Arbeit, ein bis 
zwei Wochen. Jegliche Elemente und Einzelzeichnungen, 
Farbstudien und Lichtexperimente bringe ich dann mit 
dem fertigen Posterentwurf ins Burlesque-Büro in Min¬ 
neapolis, wo Wezz alles scannt und dann damit beginnt, 
am Rechner die einzelnen Schichten der Zeichnung zu¬ 
sammenzusetzen und das Poster druckfertig zu machen. 
Wezz schickt mir dann ein farbiges Vorabmuster der fer¬ 
tigen Grafik per Mail, dass ich dann noch mal checke. 
Nachdem die Grafik dann gedruckt und zugeschnitten 
ist, sortiere, signiere und stemple ich sie. Ich sage dir, es 
ist echt ein verdammter Aufwand, aber ehrlich gesagt, 
würde ich es auch nicht anders machen wollen. 

Als ich angefangen habe, über dich zu recherchie¬ 
ren, fiel oft der Ausdruck „angesagter“ oder „bekann¬ 
ter Poster-Künstler“. Ich will dem nicht widerspre¬ 
chen, doch interessiert mich zum Abschluss, wie du 
das selbst empfindest und ob du eigentlich von deiner 
Kunst leben kannst? 

Inzwischen sieht es so aus, dass ich vom Zeichnen leben 
kann. Erst kürzlich ist es mir und meiner Familie aber 
erstmals möglich, dass ich allein für uns sorgen und mei¬ 
ne Frau bei den Kindern bleiben kann - aber wer weiß, 
wie lange so was klappt? Ich hoffe einfach, dass weiter¬ 
hin Interesse an meinen Arbeiten besteht und ich das ma¬ 
chen kann, was ich mag. Wenn nicht, muss ich eben im 
Supermarkt Regale einräumen oder Rasen mähen, da 
ich weder eine andere Fähigkeit als Zeichnen beherr¬ 
sche, noch irgendeinen anderen Zukunftsplan in der Ta¬ 
sche hab. Anbetracht dessen, dass es im Moment nur so 
um die hundert verfügbare Drucke jeder meiner Arbeiten 
gibt und die große Masse mich meiner Ansicht nach gar 
nicht kennt, bezweifle ich, ob man mich als populären 
Popart- oder Posterkünstler bezeichnen kann. Das ist mir 
aber auch völlig egal. Ich bin zufrieden, solange es mir 
gelingt, jeden Tag was zu essen auf den Tisch zu bringen 
und ein Dach über dem zu Kopf haben. 

Carsten Hanke 


unter anderem das zur Sprache bringen, was wir mit dem 
Album und auf der Bühne versuchen: Es gibt feste Sche¬ 
men und Vorstellungen, wie Musik - vor allem Gitarren¬ 
musik - funktionieren soll. Diese Erwartungen können 
manchmal durchaus wie ein Gefängnis wirken. Mit unse¬ 
rer Musik wagen wir den Fluchtversuch, was nicht heißt, 
dass wir das Rad neu erfinden. Wir wollen uns musika- ' 
lisch nur einfach unsere Freiheit nicht nehmen lassen. 

Max: Wobei der Titel diese Botschaft in einer größeren 
Allgemeinheit aussprechen soll: Es geht ganz generell da¬ 
rum, sich von Dingen und Leuten frei zu machen, die 
dich einschränken, sozusagen in ein Gefängnis stecken 
wollen ... 

Und noch mal Film: Die Kurzbeschreibung der Doku 
über eure Band würde sich wie folgt lesen: 

Max: Vier Jungen aus der oberbayerischen Provinz grün¬ 
den eine Band - hängen sich rein - fallen auf - machen 
sich Freunde und Feinde - nehmen immer weitere Stre¬ 
cken auf sich - lassen sich nicht von ihrem Weg abbrin¬ 
gen, obwohl niemand auf sie wartet - versprechen nichts 
und halten alles! Hier ist die Story einer der besten deut¬ 
schen Live-Bands, die gemeinsam aus ihrer Kleinstadt 
auszog, zuerst nach München, dann nach Regensburg 
und schließlich in Berlin gelandet ist, um immer mehr 
Menschen von ihrer Musik zu begeistern! 

Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin - rein musika¬ 
lisch gesehen? 

Max: Anfang des Jahrtausends startete die erste Platte der 
STROKES einen neuen Trend in der Popmusik: Mit den 
Grunge-Bands hatten wir wenig am Hut, skandinavi¬ 
sche Indie-Bands trafen zwar unseren Geschmack, aber 
nicht unsere Lebenshaltung. Die Neugier nach neuen, un¬ 
gewöhnlichen Bands brachte Platten von LES SAVY FAV 
und THE MAKE UP in unsere Sammlungen und dank un¬ 
serer Eltern waren Lou Reed und THE VELVET UNDER¬ 
GROUND keine Unbekannten. Mit der Bewegung in der 
Poplandschaft, die immer mehr Bands hervorbrachte, die 
leichtfüßigen, smarten Sound - angelehnt an den frü¬ 
hen Punk - kombinierten, konnten wir uns identifizie¬ 
ren. Der Wunsch, unsere Ideen, unsere Ängste und un¬ 
sere romantische Vorstellung vom Immer-in-Bewegung- 
bleiben/unterwegs-sein auszudrücken, ist, was unserer 
Musik zugrunde liegt. Für das, was wir machen, ist es uns 
wichtig, Energie zu transportieren, expressive Musik zu 
machen und auszuleben. Ich will Menschen, die uns live 
sehen, begeistern und auf die Art dazu bringen, selbst 
eine Band gründen zu wollen. 

Joachim Hiller dr-norton.com 



Ende 2005 Jahren erschien die Debüt-EP der aus München stammenden DR. NORTON, seit kurzem ist 
der erste Longplayer raus und weiß zu begeistern. Von München haben sich die Ärzte mittlerweile nach 
Berlin abgesetzt, für sich und ihren Beatpunk mit dezentem Orgeleinsatz eine neue Homebase gefunden 
- und zu einem Film-Auftritt kam es auch: In der Uschi Obermayer-Biographie-Verfilmung „Das wilde Le¬ 
ben“ sind DR. NORTON - wir sprechen ja von den angeblich wilden Sechzigern - als Liveband zu sehen. 
Nach TIGERBEAT und TRASHMONKEYS tritt hier eine weitere deutsche Band an, abseits des Szene- 
Undergrounds ein paar mehr Leute für schnieken, lässig shakenden Beat und Rock’n’Roll zu begeistern. 
Tobi Schärtl (Bass, Trompete, Gesang) und Max Franks (Gitarre, Gesang) beantworteten meine Fragen. 


OX-FANZINE 43 




SUWY BASTARDS 





'Braindead" meets Pogo, Party andTtie Warped Tour 


A STREET tribute to Bud Spencer & 
Terence Hill by VARIOUS ARTISTS 


BAD NENNDORF BOYS: 

Wir lügen nicht 


3 * MELANIE AND THE SECRET ARMY: TOWERBLOCKS: J>JJNKROCK SP LATTE R MASSACRE 

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iTextildimk^Buttonners tellünB ^«^^^^ 

5cf!5BiSBwwjSiniyspScSiGSiB^ontrapuniTOMira5 















unser neues Album schreiben wollten, lief alles ein biss¬ 
chen schleppend an. Die Songs, die wir geschrieben ha¬ 
ben, klangen für uns nicht ausgereift genug - wir konn¬ 
ten keine Entwicklung hören. Das war schon frustrierend 
und die Stimmung war auch ordentlich gereizt. Wir hat¬ 
ten den Wagen scheinbar vor die Wand gefahren und ha¬ 
ben uns nicht sehr viel bewegt. Ryan hat dann erstmal 
eine kleine Auszeit genommen, um sich um seine Fami¬ 
lie zu kümmern, und als wir uns wieder trafen, um zu 
proben, kam Matt mit diesem Konzept an. Es schien wie 
eine neue Herausforderung und gab uns genug Energie, 
wieder konzentriert Songs zu schreiben. Einmal angefan¬ 
gen, kam eigentlich alles sehr schnell zusammen. Kaum 
waren wir mit einem Song fertig, hatten wir auch den 
nächsten schon in unseren Köpfen entwickelt. Als eigent¬ 
liche Wende sehen wir den zwölfminütigen Song „Reu¬ 
nion“ an, den Matt mit in den Proberaum gebracht hat 
und der auf dem Album in drei Songs, „Into oblivion“ 
am Anfang, „Raise the sail“ in der Mitte und „Sweetest 
wave“ am Ende untergebracht ist. 

Ihr habt auch bei eurem neuen Album wieder den Pro¬ 
duzenten gewechselt. Wie kam es zu der Zusammenar¬ 
beit mit Gil Norton? 

Als wir die neuen Songs geschrieben haben, haben wir 
gemerkt, dass sie eher schlichte Rocksongs sind anstatt 
Metal. Gil Norton hat viele Alben produziert, von denen 
wir große Fans sind, und da dachten wir, dass es viel¬ 
leicht perfekt passen würde, wenn er unsere Songs auf¬ 
nehmen würde. Unsere vorherigen Produzenten waren 
super Typen, aber die Musik auf „Tales Don’t Teil Them- 
selves“ ist komplett anders als die auf den anderen Alben, 
und deswegen war es ein logischer Schritt, mit jemand 
anderem zusammenzuarbeiten. Durch seine relaxte Art 
hat er uns auch dabei geholfen, die Songs so lang zu be¬ 
arbeiten, bis wir das Beste aus ihnen herausgeholt haben. 
Es hat riesigen Spaß gemacht. 

War es seine Idee, ein Orchester in die Songs einzu¬ 
bauen? 

Eigentlich war es eher unsere Idee. Wir dachten bei ei¬ 
nigen Songs einfach, dass ein Orchester die dramati¬ 
sche Stimmung noch verstärken könnte und die Songs 
dadurch voller klingen würden. Gil hat schon bei den 
SMASHING PUMPKINS und FEEDER mit einem Orches¬ 
ter zusammen gearbeitet und fand die Idee toll. In ge¬ 
wöhnlichen Rocksongs wird ein Orchester für die Po¬ 
wer-Balladen genutzt, wohingegen wir es besonders bei 
den heftigeren Teilen eingesetzt haben. Das war eine in¬ 
teressante Erfahrung, auf die wir bestimmt noch öfter 
zurückkommen werden. 

Würdest du sagen, dass ihr jetzt eine richtige Rockband 
seid, die ihre Emo- oder Hardcore-Wurzeln hinter sich 
gelassen hat? 

So gesehen würde ich nicht sagen, dass wir uns jemals 
selber als Emo-Band bezeichnet haben. Wir haben uns ei¬ 
gentlich immer als Rockband gefühlt, die einige aggressi¬ 
vere Elemente in ihre Musik einbaut. Aber es ist nun auch 
nicht so, dass wir das Emo-, Screamo- oder Metalcore- 
Genre nicht respektieren würden - wir fühlen uns ein¬ 
fach nicht damit verbunden. Wir sind, wie gesagt, immer 
noch Fans der Hardcore- und Punk-Bewegung, aber un¬ 
ser Musikgeschmack hat sich einfach über die Jahre ge¬ 
ändert. Ich finde diese Einteilungen in Genres sowieso 
eher hinderlich. Natürlich versuchen Musikjournalisten 
mit Vergleichen oder Schubladen den Leuten, die Musik 
ein bisschen zu beschreiben. Dennoch kann dabei auch 
schnell ein falsches Bild entstehen. Im Nachhinein ist es 
jetzt aber auch egal. Wir denken im Moment einfach, 
dass wir mehr als nur eine Art von Musik machen kön¬ 
nen, also sowohl Metal als auch Hardcore und Rock. 

Ihr seid über die Jahre immer bekannter geworden, 
spielt in größeren Hallen, habt einen Majorvertrag und 
seit schlichtweg berühmt. Wie wichtig ist euch den¬ 
noch der Kontakt zu euren Fans? 

Wahrscheinlich wie bei jeder anderen Band sind die 
Fans das Allerwichtigste. Schließlich sind es die Leute, 
die es uns ermöglichen, die Welt zu bereisen und das 
zu tun, was wir von ganzem Herzen lieben: Musik ma¬ 
chen. Ohne unsere Fans und natürlich auch deren Auf¬ 
opferung wären wir bestimmt nicht so weit gekommen. 
Schlussendlich macht man Musik dann doch auch für an¬ 
dere. Um den Leuten ein bisschen was zurückzugeben, 
versuchen wir, einen möglichst engen Kontakt aufrecht 
zu erhalten: Wir betreiben unser eigenes MySpace-Profil, 
beantworten eigentlich alle E-Mails und reden nach den 
Shows noch mit den Leuten. Das wirkt dann meist auch 
wie Balsam für unsere Seelen. 

Was sind eure weiteren Ziele? 

Ich denke, dass wir als Band weiter wachsen und viel¬ 
leicht noch ein bisschen größer werden wollen. So wie es 
ist, ist es natürlich unglaublich gut — aber wir wollen uns 
einfach immer weiterentwickeln. Ich selber möchte ein¬ 
fach die Möglichkeit behalten, Musik zu machen, ohne 
mir Gedanken über einen „Nine to five“-Job machen zu 
müssen. Schließlich lieben wir alle Musik über alles und 
wir wollen auch nicht unbedingt die größte Band der 
Welt werden. Obwohl das eigentlich super wäre ... 
Sebastian Wahle funeralforafriend.com 


Ihr drittes Album, „Tales Don’t Teil Themselves“, ist 
ein Konzeptalbum, das der Band aus der internen Kri¬ 
se geholfen hat und wunderbar, aber dennoch ganz an¬ 
ders klingt. Ryan Richards (Schlagzeug), Kris Coombs- 
Roberts (Gitarre), Gareth Davies (Bass), Darran Smith 
(Gitarre) und Matt Davies (Gesang) sind wieder einem 
Schritt ihrem vermeintlichen Ziel näher gekommen, 
nämlich nochmals klar zu machen, was hier gespielt 
wird: und zwar ausgereifter Rock, jenseits einschrän¬ 
kender Genregrenzen. Mit dem sympathischen Darran 
sprach ich am Telefon über das, was hinter seiner Band 
und dem neuen Album steckt... 

Euer neuestes Album beginnt mit einem epischen In- 
tro und entwickelt sich dann erstaunlicherweise zu ei¬ 
nem fantastischen Pop-Album. Siehst du das auch so? 

Ich würde nicht sagen, dass es ein reines Pop-Album ist. 
Es gibt definitiv viele Pop-Elemente auf der Platte, aber 
im Großen und Ganzen sehe ich „Tales ...“ doch eher als 
Rock-Album mit einem großen und manchmal auch epi¬ 
schen Metal-Anteil. Im Gegensatz zu unseren vorherigen 
Alben hat sich unser Sound einfach .weiterentwickelt. 
Aber du hast schon recht: Man kann doch viele Pop-Me¬ 
lodien hören. 

Diese Weiterentwicklung, von der du sprichst: Kam 
sie von selbst oder habt ihr euch gedacht, dass ihr euch 
einfach weiterentwickeln müsst? 

Das passierte ganz natürlich. Wenn man sich unsere Al¬ 
ben anhört, kann man immer irgendeine Veränderung 
hören. Wir sind, glaube ich, einfach besser in dem ge¬ 
worden, was wir machen ... Natürlich haben sich auch 
unsere Einflüsse geändert. 

Erzähl mal mehr über die einzelnen Charaktere bei 
FUNERAL FOR A FRIEND und wer musikalisch in wel¬ 
che Richtung möchte. 

Oh, bei uns ist das sehr verrückt. Das Spektrum bei uns 
ist riesig und unbegrenzt. Ich bin zum Beispiel ein rie¬ 
siger Metal- und Death Metal-Fan, aber auf der anderen 
Seite mag ich auch Singer/Songwriter total gern. Es gibt 
ein paar bei uns in der Band, die mehr auf Metal ste¬ 
hen und welche, so wie unser Bassist Gareth, die mehr 
auf Indie-Musik abfahren. Kris ist ein unglaublicher Joh- 
ny Cash-Fan und Matt mag eigentlich alles außer Metal. 
Dennoch haben wir alle einen Punk- und Hardcore-Ein- 
fluss in uns drin,schließlich sind wir mit diesen Bands 
groß geworden. Momentan stehen Ryan, Matt und ich 
total auf Progrock und Seventies-Sachen wie RUSH oder 
GENESIS. Diesen Einfluss kann man glaub ich auf dem 
neuen Album auch heraushören. 


Andere Leute gehen zur Schule, um sich zu entwickeln, 
Musiker hören Alben von anderen Musikern. Was sagst 
du zu diesem Vergleich? 

Bis zu einem bestimmten Grad hast du Recht. Ich sehe das 
so: Natürlich sucht man sich immer Vorbilder, die ein¬ 
fach besser sind in dem, was man selbst gerade macht. 
Es ist interessant zu sehen, wie andere Leute ihre Songs 
schreiben. Unterbewusst macht man so was ja immer. Du 
kommst ja auch nicht drum herum. 

Wie wichtig sind euch Dinge wie Selbstverwirklichung 
beim Schreiben eurer Songs? 

Das ist das Wichtigste. Schließlich muss die Musik, die 
wir machen, uns gefallen und vielleicht sogar wegbla¬ 
sen. Wir müssen ja schließlich die Songs verkörpern und 
das geht nicht, wenn man sich nicht voll und ganz in 
den Schreibprozess einbringt. Wenn da eine Band auf der 
Bühne stehen würde, deren Mitgliedern du es ansiehst, 
dass sie nur ihren Job machen, wäre das nicht nur to¬ 
tal langweilig, sondern auch unglaubwürdig. Wenn wir 
nicht das Gefühl gehabt hätten, die besten Songs aufge¬ 
nommen zu haben, die wir machen konnten, hätten wir 
sie auch nicht veröffentlichen müssen. 

„Tales Don’t Teil Themselves“ ist ein Konzeptalbum. 
Kannst du mehr über die Geschichte erzählen, um die 
es geht? 

Es geht um drei Charaktere: Den Fischer, seine Frau und 
deren Tochter. Der Fischer segelt aufs Meer und wird von 
einem schlimmen Sturm überrascht. Sein Schiff kentert 
und der Rest seiner Crew stirbt - nur er überlebt. Viele 
Songs sind aus der Sicht des Fischers geschrieben, andere 
aber auch aus der Sicht der Frau, die sich Gedanken dar¬ 
über macht, ob ihr Mann noch am Leben ist oder nicht, 
und die dann herausfindet, dass die anderen ertrunken 
sind. Sie weiß nicht, ob sie ihr Leben ohne ihren Mann 
weiterleben oder ob sie die Hoffnung noch nicht aufge¬ 
ben soll. Der Fischer versucht natürlich, nach Hause zu 
kommen, gerät aber in riesige Schwierigkeiten. 

Gibt es eine ideologische Verbindung zwischen dem 
Fischer und euch? 

Matt hat in den Songs viele metaphorische Bedeutungen 
verpackt. Man kann die Reise des Fischers vielleicht ent¬ 
fernt mit unserer Situation, wenn wir auf Tour sind, er¬ 
klären. Wir vermissen natürlich auch unsere Famili¬ 
en, wenn wir unterwegs sind, und es ist immer wun¬ 
derschön, wieder nach Hause zu kommen. Dazu kommt 
auch noch, dass Matt eine Heidenangst vor Ozeanen hat. 
War es für euch als Band einfach, Songs für ein Kon¬ 
zeptalbum zu schreiben? 

Ja, das war sehr einfach. Am Anfang, als wir Songs für 


MIT DEM KONZEPT INS TRAUMTHEATER 

FUNERAL FOR A FRIEND 

Man könnte meinen, dass FUNERAL FOR A FRIEND oft missverstanden werden. Nicht nur, dass 
der Bandname keinem Elton John-Song entstammt, sondern einem von PLANES MISTAKEN FOR 
STARS, auch musikalisch wurde die Band immer in die Emo-Schublade gesteckt, obwohl sie sich 
selbst doch als schlichte Rockband mit aggressiven Elementen sieht. 

FOTO: DANIEL MALSCH 


OX-FÄNZINE 45 









DIE BAND MIT DER BAPPYUSM US- FORM EL 


TURBONEGRO 

Ich gebe zu, ich war enttäuscht, als ich das neue TURBONEGRO-Album das erste Mal hörte. Knacki¬ 
ge Rock-Riffs hin oder her, die Aufregung, die man einst bei „Ass Cobra“ und „Apocalypse Dudes“ 
verspürte, will sich heute nicht mehr einstellen. Aber TRBNGR deshalb aufgeben, soweit will ich dann 
doch nicht gehen, und der Punkt ist einfach, dass man eine Band, die einen seit über zehn Jahren be¬ 
gleitet, nichtlnafebea fallen lässt. Zudem sind die Herren ja ausgesprochen nette Kerle, und ein In¬ 
terview mit Hank und Happy-Tom im Kölner Hilton, bei dem die mir am späten Vormittag in komplet¬ 
tem Bühnenoutfit gegenüber saßen, besänftigte mich dann doch und rückte so manche (Fehl-)Wahr- 
nehmung zurecht. 


Ihr habt heute „Retox“ als Titel des neuen Albums be¬ 
kannt gegeben. 

Tom: Ja, obwohl man überall noch „Orgasm In Progress“ 
lesen kann, etwa auf Wikipedia, wo irgendwelche Idioten 
den Eintrag über uns bearbeiten. Wir hatten insgesamt aber 
rund zehn verschiedene Arbeitstitel. 

Hank: Einer war „Born To Motherfucking Run“, aber das 
hätte uns wohl Ärger mit den Bruce Springsteen-Fans ein¬ 
gebracht. 

Tom: Und „Born To Run To A Certain Extent“ war ein wei¬ 
terer Arbeitstitel. Und „BornTo Die“, aber dann fanden wir 
heraus, dass GRAND FUNK RAILROAD den schon mal hat¬ 
ten. 

„Retox“ impliziert ein Verhalten, das Hank nicht gerade 
gut tun würde. 

Tom: Der ist ja schon längst wieder auf Heroin. 

Hank: Yeah, I’m back on the booze. Das cleane Leben hat 
mich gelangweilt. Das ist ein Protest gegen die ganzen Yup¬ 
pies in Oslo. 

Tom: Und deshalb ist auch der erste Song „Atom bomb“ 
Oslo gewidmet. Die Leute denken alle, sie würden immer 
individueller werden, dabei werden sie immer konformer. 
Alle ziehen sich immer „alternativer“ an, und dabei ist das 
doch alles nur eine Form von „Massen-Individualismus“. 
Unsere Forderung lautet: Let’s party, bring out the booze, 
the beer and the bomb. 

Hank: Der Nihilismus ist zurück - aber in Form eines posi¬ 
tiven Nihilismus. Happylismus, wie wir das nennen. 

Das klingt sehr aggressiv. 

Tom: Dabei sind wir Norweger gar nicht so kriegerisch. 
Über die Jahrhunderte haben wir nur gegen Schweden ge¬ 
kämpft ... und 1938 gegen Dänemark, als es um Grönland 
ging, da mussten die Vereinten Nationen eingreifen. Und ir¬ 
gendwann haben wir auch gegen England Krieg geführt, 
das muss zu Napoleons Zeiten gewesen sein. Und das war 
wohl auch die Geburtsstunde des Britpop. Die Engländer 


fühlten sich von den Norwegern erniedrigt. 

Hank: Übrigens ist es ein Mythos, dass die Wikinger einst 
die Männer getötet und die Frauen vergewaltigt haben. Es 
war genau andersherum: Sie brachten alle Frauen um und 
vergewaltigten die Männer. 

Tom: Aber das bedeutet nicht, dass wir die Verantwortung 
für Britpop übernehmen. Es waren vielmehr die Nach¬ 
kommen der schwachen keltischen Völker, die später eine 
Vorliebe für Techno, House und Britpop entwickelten. Die 
Nachfahren der Norweger hingegen erfanden New Wave 
und Heavy Metal, etwa SAXON, MOTÖRHEAD und JUDAS 
PRIEST. 

Und deshalb hasst ihr Britpop. 

Tom: Tun wir doch gar nicht. Wir betrachten ihn nur dis¬ 
tanziert. 

Ihr seid ja auch große Fans von THE SOUNDTRACK OF 
OUR LIVES, die mittlerweile sehr nahe dran sind an OA- 
SIS, da hätte das auch nicht viel Sinn gemacht. 

Tom: Ja, ich mag OASIS, und Euroboy kann seine Vorliebe 
für Britpop auch nicht verhehlen. PRIMAL SCREAM mögen 
wir ja auch. Aber wir können OCEAN COLOR SCENE, STE- 
REOPHONICS und so blutleeren, lauwarmen Britpop über¬ 
haupt nicht leiden. No blood, no erection, so sieht das näm¬ 
lich aus. 

Sprechen wir über euch, euer neues Album. Ihr habt 
eben die konformistische, zahme heutige Alternativkul¬ 
tur beklagt. Nun kann man aber auch behaupten, dass 
TURBONEGRO vor zehn Jahren gefährlicher waren... 
Tom: Vor zehn Jahren hatten wir gerade mal eine Hand voll 
Fans. Und da sollen wir eine Bedrohung für das Establish¬ 
ment gewesen sein? Ha! Heute haben wir Millionen von 
Fans! 

Hank: Und wir rekrutieren ständig neue, immer jünge¬ 
re Fans. Mit jedem neuen Album haben wir in den letzten 
sechs Jahren mehr Konzerte auch vor einem jungen Publi¬ 
kum gespielt, und da tauchen immer mehrTurbojugend-Ja- 


cken und Matrosenhüte auf. Wir selbst mögen zwar seit ei¬ 
ner halben Ewigkeit in der Szene aktiv sein und heute etwas 
satt und voll erscheinen ... 

Tom: ... aber das ist nur körperlich, hahahaha. 

Hank: Genau. Das ist nur körperlich. Und wir rekrutie¬ 
ren weiterhin den abgefucktesten Teil der Jugend. Die gan¬ 
zen verpeilten hyperaktiven Kids aus kaputten Familien, die 
früher zu Punks wurden, landen heute bei uns und wer¬ 
den über die Turbojugend zu Punks. Von daher mache ich 
mir keinerlei Gedanken darüber, dass wir womöglich nicht 
mehr gefährlich genug sein könnten. Wir sind heute die 
Oligarchen einer Jugendkultur, die auf dem besten Wege 
ist, eine richtige Armee zu werden! Und eines Tages werden 
wir mit dieser Armee in ein kleines europäisches Land ein¬ 
fallen ... Liechtenstein zum Beispiel. 

Tom: Es ist leicht bei diesem Thema nostalgisch zu werden. 
Punk in den Siebzigern war eine Gegenkultur, aber man 
vergisst leicht, dass Punk Ende der Siebziger riesig war: so¬ 
gar in abgeschiedenen norwegischen Fischerörtchen gab es 
eine Punkszene mit fünf Bands, und jeder unter 25 hör¬ 
te diese Musik. Punk war beinahe Mainstream, und damals 
veränderte Punk die Welt - und nicht als ROCKET FROM 
THE TOMBS in Cleveland ihre Konzerte spielten oder die 
STOOGES irgendwo in Ohio. Deshalb sehe ich eine sehr 
große Ähnlichkeit zwischen der Turbojugend und den frü¬ 
hen Punkrock-Fans: In der Schule waren damals die klügs¬ 
ten und die dümmsten Typen in der Klasse Punkrock-Fans. 
Hank: Genau, wir sind eine Außenseiter-Band für Außen¬ 
seiter. Und wir werden nicht nur älter, sondern auch wü¬ 
tender. 

Die Zeit, das Alter fordert von euch also keinen Tribut. 
Tom: Nein. Und wir kümmern uns auch nicht darum, was 
auf dem Markt sonst so angesagt ist. Nimm nur diese gan¬ 
zen britischen Bands, die mit ihrem ersten Album komplett 
durchstarten. Die Platte wird gehypet ohne Ende, doch mal 
ehrlich, wer wird sich in zehn Jahren noch an die ARCTIC 
MONKEYS erinnern? Niemand! Nimm dagegen eine Band 
wie VELVET UNDERGROUND: Die haben zur Zeit ihres Be¬ 
stehens vielleicht 20.000 Platten verkauft, doch heute kennt 
sie jeder. Und ich denke, dass TURBONEGRO eine sehr be¬ 
ständige Kraft darstellen. Dazu gehört auch unser Outfit, 
der Denim-Look, weshalb wir eben auch diesmal nicht mit 
einem neuen Leder-Outfit oder so aufwarten. Wir haben 
uns als Cartoon-Band mit verschiedenen Charakteren eta¬ 
bliert, und das soll so bleiben. Hank tritt diesmal als Herr 
Freiheit auf. 

Hank: Ja, ich bin Mister Freedom. 

Ich wollte dich gerade fragen, was es mit deinem Cape 
und deinen Rodeo-Hosen im Stars & Stripes-Look auf 
sich hat. 

Hank: Das sind die Stars & Stripes of Consumption. I am 
the sugardaddy. 

Tom: Hank wird euch alle befreien, indem er euch in die 
Hölle bombt. So wie die Amerikaner die Vietnamesen be¬ 
freit haben, hahaha. 

Und was ist das für ein haariges totes Tier, das da zwi- * 
sehen deinen Beinen hängt? 

Hank: Das ist ein Nerz. Manchmal redet er mit mir, sagt mir, 
was ich sagen soll. 

Darf ich das mal anfassen? Süüüüß, der ist ja ganz weich 
und flauschig. Aber wenn wir schon von eurem Outfit 
sprechen, dann solltest du, Tom, vielleicht mal eine grö¬ 
ßere Jacke kaufen. Die spannt am Bauch ja schon gewal¬ 
tig... 

Tom: Ich habe schon eine, aber was soll ich machen, ich bin 
eben auch schon 38. Und lieber habe ich etwas Fett auf den 
Rippen, als dürr zu sein. 

Hank: Als wir vor ein paar Jahren zu diesen Rockstar-Iko¬ 
nen geworden waren, haben wir aus lauter Stress Bulimie 
entwickelt, allerdings ohne das Kotzen, und das Ergebnis 
siehst du ja ... Deshalb „wachsen“ wir alle etwas. 

Aber ich habe gehört, dass die hübschen jungen Mädchen 
dicke alte Männer nicht besonders attraktiv finden. 

Tom: Kein Problem ... Nachts wandert das Volumen unserer 
Bäuche in unsere Schwänze ... 

Hank: Und der Nerz erwacht zum Leben ... 

Seit einer ganzen Weile schon ist ein ausführliches Buch 
über TURBONEGRO angekündigt, von einem norwegi¬ 
schen Journalisten. Wie ist da der Stand der Dinge? 

Tom: Das Buch soll im September oder Oktober erschei¬ 
nen. Es wird eine Biografie, und der Autor arbeitet seit zwei 
Jahren daran. Er hat wirklich jeden aus unserem Umfeld in¬ 
terviewt, sogar unsere Eltern und alte Schulkameraden, von 
denen wir seit damals nichts mehr gehört hatten. 

Hank: Er hat wohl im Sinn, die erste große europäische 
Band-Biografie im Stile von „The Dirt“ oder „White Line 
Fever“ zu schreiben. Hakon Moslet ist sehr ehrgeizig in die¬ 
ser Beziehung. 

Tom: Er ist der Musik-Chefredakteur des norwegischen Ra¬ 
dios. Es wird wohl eine Mischung aus Boulevard-Journalis¬ 
mus und nerdigem Fan-Buch werden. 

Dass just auch ein deutsches Buch über euch erschienen 
ist, habt ihr mitbekommen? 

Tom: Ich habe davon gehört. Eine Frau namens Uta Heuser 
hat es geschrieben. Ich glaube, ich muss endlich Deutsch 
lernen ... Soweit ich weiß, ist es aus der Sicht eines Fans ge¬ 
schrieben und geht auch viel über die Turbojugend. Diese 


OX-FANZINE 46 







TURBONEGRO/BALZAC 


Bücher bedeuten jedenfalls, dass ich es in 20 Jahren schwer 
haben werde, eine Autobiografie wie Albert Speer zu ver¬ 
fassen: Ich wusste nicht, was da vor sich ging, ich habe nur 
Bass gespielt. 

Was ein gutes Stichwort ist: Bei euch kann man sich nie 
sicher sein, ob das, was ihr gerade tut, eine spontane 
Punkrock-Aktion ohne tieferen Sinn ist, oder ob dahin¬ 
ter mal wieder ein perfider Masterplan steckt, denn ihr 
seid ja erschreckend reflektiert, was euer Tun anbelangt. 
Tom: Oft existiert der Masterplan ja auch, bei anderer Ge¬ 
legenheit jedoch nicht, da ist es nur kindischer Blödsinn - 
und trotzdem hält es jeder für perfide geplant. 

Hank: In Norwegen gibt es einige Journalisten, die uns ge¬ 
nau deshalb nicht leiden können. Die mögen nicht, dass 
wir im einen Moment einen total analytischen Ansatz ha¬ 
ben, im anderen völlig mongoloid sind. Die sind nicht in 
der Lage uns zu durchschauen und halten deshalb alles für 
geplant. Wenn wir dann nach Deutschland fahren, um In¬ 
terviews zu geben, sehen die selbst darin einen bösen Plan, 
vermuten dahinter die böse Absicht, dass wir nur mit Jour¬ 
nalisten reden, um mehr Platten zu verkaufen. 

Anfang März erschien eurer erste Single aus dem neu¬ 
en Album, „Do You Do You Dig Destruction“, - als reiner 
Download-Track für Mobiltelefone... 

Tom: Ja, das ist ein ganz normaler mp3-Track, den man sich 
auf sein Handy laden kann. Wir sind die erste norwegische 
Band, die ihre Single in dieser Form veröffentlicht hat. 

Und wie viele habt ihr verkauft? 

Hank: Die Firma erwartet 70.000, aber wir haben noch 
keine Zahlen bekommen. 

Apropos Firma: Nach zwei Platten auf Burning Heart er¬ 


scheint euer neues Album bei edel music. 

Tom: Als ich hörte, dass die uns signen wollte, war ich zu¬ 
erst erstaunt - und fing sofort an, das Lied von Schnappi vor 
mich hin zu singen. 

Hank: Wir hatten unseren Deal mit Burning Heart erfüllt, es 
war okay, aber wir hatten keine Lust darauf, über sie noch 
ein Album zu machen, wo wir von vornherein wussten, wie 
es sich verkaufen wird. Jetzt sind wir mal gespannt, was edel 
so können, und wir haben den Eindruck, dass die sich rich¬ 
tig anstrengen. Das sind Profis, die haben eine große Orga¬ 
nisation, sind aber letztlich immer noch ein Independentla- 
bel. Und da fühlen wir uns wohler als bei Warner oder so. 
„What is rock?!“, der letzte Song des neuen Albums, ist 
eine schöne Antwort auf „Who will save Rock’n’Roll?“ 
vondenDICTATORS. 

Tom: Das ist aber keine bewusste Antwort, auch wenn ich 
den Song liebe. Es geht vielmehr um die uralte philosophi¬ 
sche Frage, was Rock ist. Aber was hältst du denn vom neu¬ 
en Album? 

Nun ... ich finde es nicht besonders aufregend, drücken 
wir es so aus. 

Tom: Ja und? Das war doch nicht zu erwarten, denn wir 
sind ja eine „Formel-Band“ wie die RAMONES oder 
MOTÖRHEAD auch. 

Hank: Man hätte auch den RAMONES bei jedem Album 
vorwerfen können, dass sie nichts Neues zu bieten haben. 
Oder AC/DC. Aber wir sind ja keine Künstler, die danach 
trachten, bei jedem neuen Album besonders innovativ zu 
sein, die mit total abgefahrenen alten Synthesizern expe¬ 
rimentieren und so. Im TURBONEGRO-Universum aber 
ist jeder neue Sound ein Verstoß gegen das Ur-Schema der 


HORROR AUS FERNOST 

BALZAC 

Keine Frage, BALZAC zählen zu den beliebtesten Bands der so populären Horrorpunk-Szene. Aber wie 
andere Bands des Genres auch schaffen es die Grusel-Punks, Fans über die Fiend-Schar hinaus an¬ 
zusprechen. Zu sehen war das besonders gut in Köln (mit MUCC) und Dortmund (mit THE OTHER), wo 
zahlreiche kreischende Girls die ersten Reihen bevölkerten. Genaueres wollten wir von Sänger Hirosu- 
ke Nishiyama wisssen ... 


Ihr habt momentan gleich zwei Alben in den Läden, bei¬ 
de auf verschiedenen Labels. Wie kam das denn? Wenn 
ich mich recht erinnere, ist eins davon eigentlich die CD 
eures Nebenprojekts ZODIAC, richtig? 

Im letzten Jahr haben wir in Japan „Deep Blue“ veröffent¬ 
licht, welches gerade von unserem alten Label G-Force in 
Deutschland herausgebracht wurde. Gleichzeitig stellen wir 
unserem neuen Label Gan-Shin die CD unserer Nebenband 
ZODIAC zur Verfügung, die hier unter dem BALZAC-Banner 
läuft, da wir in Deutschland alles unter dem Namen veröf¬ 
fentlichen wollen. In Japan sind wir als BALZAC und ZODI¬ 
AC bekannt, in Deutschland kennt keiner ZODIAC. 
Gan-Shin veröffentlicht bisher ausschließlich Bands der 
so genannten J-Rock/Visual Kei-Szene. Fühlt ihr euch 
als Teil davon? 

Ich glaube nicht, dass wir dazugehören. Aber Gan-Shin ist 
ein Label, das mit vielen japanischen Rockbands arbeitet, 
und daher ist das eine gute Sache für uns. Außerdem wird 
Gan-Shin in naher Zukunft weitere japanische Bands unter 
Vertrag nehmen, die mit Visual Kei nichts zu tun haben. Ich 
glaube zwar, dass es zwischen uns und dieser Szene Über¬ 
schneidungen gibt, aber im Endeffekt sind wir eine Hor- 
rorpunk-Band. Aber eben auch J-Rock, da kommen wir 
schließlich her. Ich hoffe Gan-Shin wird noch viele japani¬ 
sche Bands signen, denn es gibt so viele gute Künstler bei 
uns und wir wünschen ihnen Erfolg in Europa. 

Wie lief denn eure Tour mit den Visual Kei-Helden 
MUCC? Habt ihr einige der Girlie-Fans auf eure Seite 
ziehen können? 

Immer mehr Leute sind interessiert an japanischen Bands 
und ich glaube, dass viele der Kids, die auf die Tour mit 
MUCC kamen, uns zum ersten Mal sahen. Viele davon ka¬ 
men auch später zu unseren Solo-Shows oder haben un¬ 
sere CDs gekauft. Wir scheinen also gut anzukommen. In 
Japan spielen w r ir eh immer mit den unterschiedlichsten 
Bands, wir geben Shows mit Bands, die wir mögen, egal, 
aus welcher Richtung sie kommen. Dadurch gewinnen wir 
auch immer wieder neue Fans und spielen größere Shows. 
Selbst wenn es jedes Mal nur ein paar Leute sind, die uns gut 
finden, ist das trotzdem ein Erfolg. Wir freuen uns immer, 
wenn wir Gelegenheit haben, uns vor anderem Publikum 
zu beweisen und mit Bands zu spielen, die nicht aus dem 
Horror-Genre kommen. 

Neben den erwähnten Alben gibt es neuerdings eine 
Splitsingle von euch und Bela B., die sehr amüsant ist. 
Bela ist ja ein großer Fan von euch und ihr habt schon 
DIE ÄRZTE supportet. Aber wie kam es jetzt zu dieser 
Kooperation? 

Bela und ich haben einen gemeinsamen guten Freund. Er 
hat das Projekt koordiniert. Armin unterstützt BALZAC, wo 
er nur kann, und leitet sogar unseren Merchandise-Shop in 
Hamburg. Eine Zusammenarbeit mit Bela war schon lange 


im Gespräch, aber erst jetzt hat es wirklich geklappt. Immer 
wenn wir in Deutschland waren, kam Bela zu den Shows, 
genau wie. Rod. Und nun haben wir ein feines hörbares Re¬ 
sultat dieser Freundschaft. 

War es schwierig, ein eigenes Konzept für die Songs zu 
finden, die ihr von Bela gecovert habt und außerdem die 
Stücke - die eigentlich auf Deutsch sind - auf Englisch 
zu singen? 

Wir sprechen natürlich kein Wort Deutsch. Also hat Bela 
sich selbst die Mühe gemacht und seine Songs für uns über¬ 
setzt. Das war echt toll von ihm. Wir haben seine Songs wie 
echte BALZAC-Tracks interpretiert. Kürzlich in Hamburg 
war Bela übrigens wieder beim Konzert und wir hauen viel 
Spaß bei der Backstage-Party. 

Wie findet ihr denn Belas Versionen eurer Songs? 

Ich war sehr beeindruckt von den coolen Arrangements, 
die er kreiert hat. Es ist total anders als alles, war wir erwar¬ 
tet hätten. Wir war so was von überrascht und könnten uns 
keine größere Ehre vorstellen. 

Ihr covert generell viel, zum Beispiel von David Bowie, 
MISFITS und THE DAMNED. Welche anderen Bands kä¬ 
men in Frage? 

In Japan veröffentlichen wir viele Songs aufTribute-Alben, 
zum Beispiel gerade von einer großen Rockband bei uns. 
Oder von einer bekannten Hardcore-Band. Wir spielen nur 
die Sachen nach, die uns persönlich gefallen, aus Respekt 
für die Bands und weil sie uns beeinflussen. 

Nebenbei habt ihr sogar noch eine MISFITS-Coverband, 
mit der ihr gelegentlich auftretet. Bist du auch heute 
noch MISFITS-Fan? 

Aber natürlich. Es gibt viele Punk-Bands aber die MISFITS 
sind meine Lieblinge. Sie haben unseren Sound maßgeb¬ 
lich beeinflusst. Die MISFITS haben so eine große Rolle in 
meinem Leben gespielt, dass ich ihnen ewig etwas schul¬ 
dig bin. 

Neben den vielen musikalischen Projekten gehört euch 
auch Shocker Clothing. Dank eurem Freund Armin 
Strömmer gibt es jetzt auch eine Dependance in Ham¬ 
burg. Erzähl uns mehr davon. 

Wir haben die Marke „Shocker“ im Jahre 2000 ins Leben 
gerufen. Unser Bassist Akio war verantwortlich dafür. Frü¬ 
her haben nur BALZAC-Fans unsere Klamotten gekauft, 
heute sind es auch Leute, die mit der Musik nichts am Hut 
haben. In Japan ist unserer Kleidung sehr populär. Die Klei¬ 
dung ist sehr von Punk und Horror beeinflusst. Außerdem 
gibt es noch die Marke „Dementia 13“, die noch mehr von 
Horror und Serienkillern beeinflusst ist, aber sich mit tra¬ 
ditionellem japanischem Stil mischt. Armin hat einen Shop 
in Hamburg, Comic Cave, in dem er jetzt auch die „Sho¬ 
cker“- und „Dementia“-Sachen vertreibt. Checkt mal sho- 
cker-eu.com. 

Es geht bei euch hauptsächlich um Punk und Horror, 


Band. Abgesehen davon kann ich aber verstehen, dass die 
Aufregung über unser Comeback mittlerweile etwas verflo¬ 
gen ist. Und deshalb mussten wir uns in Norwegen auch 
anhören, wir hätten unser Comeback doch etwas zu lange 
ausgedehnt, hahaha. 

Tom: Dabei sind wir schon längst über die Aufregung des 
Comebacks hinaus, unser Ziel ist es jetzt, eine beständige 
Band zu sein. Wir erwarten nicht bei jedem neuen Album 
unglaublichen Jubel, wollen aber solides Handwerk ablie¬ 
fern, gute Songs, die man sich auch in zehn Jahren noch an¬ 
hören kann. 

Hank: Außerdem hat ja auch nicht jeder von uns die RA¬ 
MONES von Anfang an mitbekommen, sondern sie auch 
durch eines ihrer späteren Alben entdeckt. Und so ist es 
mit den Kids auch bei uns: Die entdecken uns über „Re- 
tox“ und lernen dann erst die alten Platten kennen. Aber 
so denken die Scenesters, die uns seit 15 Jahren verfolgen, 
eben nicht. 

Tom: Und wir machen es uns nicht leicht, denn als „For- 
mula Band“ bewegt man sich in sehr engen Bahnen. Und 
sowieso sollte eine klassische Rock’n’Roll-Band meiner 
Meinung nach auch* nicht innovativ sein. Wenn wir das 
versuchten, wäre das unser Ende. Das beste Beispiel dafür 
sind GUNS N’ ROSES: Als die damals diesen Delphin im Vi¬ 
deo hatten, stieg Slash aus. Er sagte, er habe sich eine Men¬ 
ge Scheiße von Axl Rose anhören müssen, doch das sei der 
Tropfen gewesen, der das Fass zum überlaufen brachte. Und 
diesen metaphorischen Delphin wirst du niemals in einem 
TURBONEGRO-Video entdecken. Außer vielleicht mit ei¬ 
nem Speer im Rücken, hahaha. 

Joachim Hiller turbonegro.com 



doch was für andere Musik hörst du gerne? 


Ich höre die BEATLES, seit ich denken kann. Und ich bin 
wohl der größte George Harrison-Fan überhaupt. Ich 
sammle alles von ihnen, was ich kriegen kann. Auf der letz¬ 
ten Deutschlandtour zum Beispiel habe ich viele Schätze er¬ 
gattern können. Ich habe mich sehr gefreut. 

Wie ist denn die Horrorpunk-Szene in Japan über¬ 
haupt? 

Es gibt eine Szene, aber die ist nicht wirklich groß. Ein paar 
Bands sind es noch, früher waren es viel mein. Das größte 
Problem ist wohl, dass es in Japan kein Horror-Label wie Fi- 
endforce Records gibt, also die Bands nicht bekannt wer¬ 
den. Es gibt ein paar Bands, die ihre Platten selber vertrei¬ 
ben und auch sehr aktiv sind und sogar von uns beeinflusst 
sind. Aber wenn in Japan jemand Horrorpunk sagt, denkt 
jeder an die MISFITS und nicht an andere Bands. 

Thorsten Wilms balzac30B.com 


OX-FANZINE 47 







VOLLER BAUCH GROOVET NICHT 

FEHLFARBEN 


Als die 1979 in Düsseldorf gegründeten und 2002 wiedervereinten FEHLFARBEN vor fünf Jahren ihr Al¬ 
bum „Knietief im Dispo“ veröffentlichten, ging das einher mit einem kleinen NDW-Revival und diversen 
Feierlichkeiten und Ausstellungen zu 25 Jahren Punk. Fünf Jahre später beweisen Peter Hein und Co. mit 
dem neuen Album „Handbuch für die Welt“, dass sie auch unter „Normalbedingungen“ funktionieren, 
dass sie keine Nostalgietruppe sind, sondern ein angesichts deutschsprachigen Popkultur-Wildwuch¬ 
ses unverzichtbares Korrektiv. Aus diesem Grund traf ich mich dem Ex-Düsseldorfer und Ex-Xerox-Mit- 
arbeiter Hein alias Janie J. Jones zum gemeinsamen Begutachten des neuen Julien Temple-Films „Joe 
Strummer-The Future Is Unwritten“ nebst anschließendem Interview. 


Was machst du derzeit? 

Bald wieder arbeiten gehen. 

Wie, hast du einen neuen Job? 

Nee, wir gehen auf Tour. Was Ordentliches bekomme ich in 
Deutschland nicht mehr. 

Ist das deine schreckliche Erkenntnis? 

Schrecklich ist das nicht, aber realistisch. 

Fakt ist jedenfalls, dass eines seit deinem Abgang bei Xe¬ 
rox nicht mehr stimmt: Der Verweis auf deine geheim¬ 
nisvolle Anstellung bei jenem Kopiererhersteller, der in 
fast jedem Text über die FEHLFARBEN und deine Person 
auftaucht. 

Ja, das werde ich nicht los. Und theoretisch ist das neue Al¬ 
bum das erste, wo sich diese Geschichte inhaltlich hätte aus¬ 
wirken können. Aber ich glaube, man merkt keinen Unter¬ 
schied, auch wenn es für mich eine Zäsur war. Textlich hatte 
ich mich ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr damit befasst, 
das letzte Lied war „X 9200“ mit MITTAGSPAUSE. Und ich 
kann auch nicht behaupten, dass mich meine Kollegen in¬ 
spiriert hätten. Da ich jetzt ja keine Kollegen mehr habe, 
wäre mir das sicher aufgefallen. Aber der Job hat natürlich 
gut geholfen, immer die Miete zu bezahlen, man hatte im¬ 
mer was zu essen, aber nicht viel Zeit. Jetzt ist es umge¬ 
kehrt, wobei ich jetzt erstaunlicherweise auch nicht so viel 
Zeit habe. Man fragt mich immer, was ich eigentlich mache, 
und das weiß ich zwar auch nicht, aber Zeit habe ich keine. 
Und darüber jammern, dass man arm ist, das bringt ja auch 
nichts, das ist man ja oft auch schon, wenn man noch ver¬ 
dient. Der einzige Text, der das Thema betrifft, den habe ich 
nicht weiterentwickelt. 

War der zu jammerig? 

Nee, das Stück an sich war zu blöd. 

Trotzdem ist aber doch mit dem Ende deines Xerox-Jobs 
doch auch ein prägendes Element deiner Vita weggefal¬ 
len, schließlich will es die Legende, dass du einst auf eine 
Karriere mit den FEHLFARBEN zugunsten deines Jobs 
verzichtet hast. 


Ja, aber das habe ich dir ja auch schon mal erzählt, dass das 
alles so nicht gestimmt hat. Es hatte sich damals eben so er¬ 
geben, es gab nie den Punkt, wo ich sagte: „Ich will arbei¬ 
ten, statt in der Band zu sein“. Der Punkt war, dass ich sei¬ 
nerzeit eine große Tour nicht mitmachen konnte, darüber 
dann mit den anderen so im Clinch lag, dass ich alles hin¬ 
warf. Und im Laufe der Jahre hat es sich dann nie ergeben, 
dass jemand so viel Geld zur Verfügung gesteht hätte, um 
Plattenmachen und Konzertespielen zum alleinigen Leben¬ 
sinhalt machen zu können. Das hatte sich dann einfach er¬ 
ledigt. Was ich jetzt mache, erleben andere Leute zwischen 
16 und 25: Jedes Konzert mitnehmen, nicht wissen, wo die 
Kohle herkommt, haha. 

Ist das so lustig, wie du das gerade erzählst? 

Nicht wirklich, aber wie man weiß, kann nur aus solchen 
Umständen große Kunst wachsen, haha. Ein voller Bauch 
groovet nicht. 

Neben Xerox war ein wichtiger Bestandteil des Mythos’ 
ja auch immer Düsseldorf. Nim bist du aber vor einigen 
Monaten zu deiner Freundin nach Wien gezogen. 

Ja, und das ist schon was ganz anderes. Aber ehrlich gesagt 
ist das so ein typischer Fall von „Was schert mich mein Ge¬ 
schwätz von gestern?“. Das hat aber eben rein private Grün¬ 
de, da galt es Wein, Weib und Gesang zu verbinden. 

Und wie man sieht und hört, funktionieren die FEHL¬ 
FARBEN auch ohne Düsseldorf. 

Das ist aber eben auch wieder so ein Gerücht, was die Bezie¬ 
hung der FEHLFARBEN zu Düsseldorf anbelangt. Mit-Grün- 
dungsmitgliedThomas kommt aus Solingen, wir haben bei 
dessen Eltern im Keller unsere ersten Stücke geschrieben. 
Der Fenstermacher kam aus Düsseldorf, ja, aber die anderen 
aus Wuppertal und so, ich war der einzige andere aus Düs¬ 
seldorf. Wir haben immer in Solingen oder Wuppertal ge¬ 
probt, nie in Düsseldorf. 

Gibt es Altbier in Wien? 

Gibt es wahrscheinlich, aber das muss frisch gezapft sein, 
aus der Flasche kann ich das nicht trinken. Außerdem 


schmeckt das Wiener Bier auch lecker, und erst der Wein ... 

Aber in Düsseldorf kannte dich jeder, in Wien bist du ein 
Nobody. 

Nicht ganz. Aber es ist schon ein anderes Umfeld, da habe 
ich Bekannte eher über meine Freundin und kenne ansons¬ 
ten Leute aus Clubs wie dem Chelsea, wo wir früher schon 
mal gespielt haben. Na ja, und dass man mich in Düssel¬ 
dorf in zwei, drei Kneipen kannte, ist ja auch nicht so das 
Ding. Wer weiß, vieheicht wird man ja auch irgendwann 
mal seriös ... 

Man könnte meinen, so manche Zeile aus „Geteilte Welt“ 
bezöge sich auf deinen Umzug. 

Überhaupt nicht! Das ist alles von Thomas, an demText habe' 
ich gar nichts geändert. Als ich das eingesungen habe, stand 
das mit Wien auch noch gar nicht zur Debatte. Ich kann halt 
einfach gut so tun, als ob mich ein Text betrifft, haha. 

Ist denn zumindest der Opener „Anders geblieben“ au¬ 
tobiografisch? 

Ja, da geht es um Fortuna Düsseldorf. Und um MITTAGS¬ 
PAUSE. 

Ich habe den Eindruck, dass da aber auch durchaus aktu¬ 
ell politisch kommentiert wird, etwa in Richtung Glo¬ 
balisierungskritik. 

Aber das macht man ja immer, dass man aufgreift, was ge¬ 
rade so in der Luft hegt, und ab und zu ein paar Sachen, die 
man meint, auch sagt, und das mit Sachen, die eher lustig 
sind, verknüpft. Und da kann man sich dann als Hörer auch 
immer mehr dabei denken als wir selbst als Macher. Wenn 
man will. Oft ist so ein Lied in der „Herstellung“ viel einfa¬ 
cher, als es nachher nach außen hin wirkt. Und da ist eben 
auch etwas Selbstverarschung enthalten. Aber man kann ja 
trotzdem gegen Sachen sein. 

Du sagtest eben, dass einige Lieder nicht von dir sind. 

Ja, das sind drei oder vier auf dem neuen Album, und aus¬ 
gerechnet dazu haben mir in den letzten Tagen Leute in In¬ 
terviews Fragen gestellt. Aber es ist schon so, dass ich bei al¬ 
len Texten die Endredaktion mache. Da habe ich auch schon 
mal eine Zettelsammlung, die ich dann mit meinen Wor¬ 
ten zu einem fertigen Text ergänze. Ich nehme dafür dann 
zwar keine Credits in Anspruch, aber da vermisst manch¬ 
mal schon jemand ein entscheidendes Wort, weil ich den 
Text beim Singen anders eingeschliffen habe. Also das, was 
die Leute sonst mit mir machen, mache ich da mit ande¬ 
ren, haha. 

Du standest letztes Jahr in Berlin beim Konzert der 
MONKS mit auf der Bühne, auf dem Tribute-Sampler 
warst du dabei, und jetzt gibt es „We do wie du“ auf dem 
neuen FEHLFARBEN-Album. 

Als damals dieser MONKS-Tribute-Sampler konzipiert wur¬ 
de, haben die auch bei uns angefragt, was ich eigentlich gar 
nicht verstanden hatte. Aber ich kannte die MONKS, fand 
die Idee okay, und so machten wir da mit, wobei mir klar 
war, dass bei dieser Band Werktreue angesagt ist und Ver- 


OX-FANZINE 48 


















FEHLFARBEN 


fremdung nichts bringt. Und so nahmen wir das Lied fin¬ 
den Sampler auf. Die Version, die jetzt auf dem Album zu 
finden ist, ist aber eine andere. Der Auftritt in Berlin zusam¬ 
men mit Mark E Smith und Schorsch Kamerun war auch 
echt lustig, drei echte MONKS waren noch dabei, und das 
sind so freundliche ältere Herren, die sehr gut losrockten. 
Punk darf man bei denen ja nicht sagen, denn Malcolm 
MacLaren hat sich was anderes dabei gedacht, aber es war 
schon geil. Wobei ich sagen muss, dass ich die MONKS auch 
erst spät durch ein Reissue des Albums kennen gelernt habe, 
das gab es mal für 6,99 oder so bei 2001. Bis dahin kann¬ 
te ich die nur von Fotos her, weil ich die in einem Buch 
über deutschen Beat gesehen hatte mit ihren Kutten und 
Mönchstonsuren. 

Wenn wir schon von alten Bands reden: Wie hast du 
als großer CLASH-Fan - dein Aliasname Janie J. Jones 
kommt ja nicht von ungefähr - den Tod von Joe Strum- 
mer wahrgenommen? 

Das kam sehr überraschend. Und wie wir im Film gesehen 
haben, war sein Tod ja nicht mal dem Rock’n’Roll-Leben 
geschuldet, sondern einem Herzfehler. Ich hatte Strummers 
Schaffen nicht mehr so genau verfolgt, und es war schon 
schockierend, das hat mich auf jeden Fall mehr getroffen als 
seinerzeit der Tod von SidVicious. Dass jemand aus der Fa¬ 
milie stirbt, das ist ja normal, aber solche Leute wie Strum- 
mer doch nicht! Das ist irgendwie anders. Ohne irgendwel¬ 
chen Onkels zu nahe zu treten: Die haben nichts mit mei¬ 
nem Leben zu tun, die beeinflussen einen nicht. Seine Ver¬ 
wandten hat man sich ja nicht ausgesucht, genauso wie sei¬ 
ne Klassenkameraden, weshalb es völhg uninteressant ist, 
was die heute machen - keine Ahnung, ob ich überhaupt 
noch welche habe. Aber in Kreisen, denen man selbst aktiv 
beitritt, da ist das schon anders, da macht einem so ein To¬ 
desfall mehr aus. 

So um die 50, das ist ja auch ein komisches Alter für 
Rock’n’Roller. 

Klar, das ist auch in kreativer Hinsicht ein komisches Al¬ 
ter, das merken wir ja auch. Noch zehn Jahre mehr, dann 
bist du schon wieder so ein Johnny Cash, ein alter Sack, der 
zum einen überhaupt noch lebt und zum anderen immer 
schon wichtig war. Und zehn, fünfzehn Jahre zurück ist es 
so, dass die Nachfolgergeneration dich gerade nicht wahr¬ 
nimmt. Jetzt dagegen steckt man so richtig in einer Lücke, 
wo so recht keiner mehr was von dir wissen will. Zumin¬ 
dest in kommerzieller Hinsicht und von ein paar löblichen 
Ausnahmen mal abgesehen. Es ist auf jeden Fall eine ko¬ 
mische Zeit, und bei vielen Musikern wirkt sich da dann 
wohl auch körperlich die Vergangenheit etwas aus, wo viele 
Schindluder getrieben haben mit ihrem Körper. Und selbst 
wenn man sich dann zurückhält, nützt das nicht mehr viel. 
Keith Richards hat mal gesagt, er fühle sich nur krank, wenn 
er keine Drogen nimmt - wahrscheinlich muss man das 
also, wenn man mal angefangen hat, einfach durchhalten. 
Keith sieht ja jetzt besser aus als vor 20 Jahren. Ja ... Aber 
nicht dass das jetzt so aufgefasst wird, als wolle ich die Ju¬ 
gend verderben. 

Wie aktiv sind denn FEHLFARBEN als Band derzeit? 

So aktiv, wie es eben geht. Bei der letzten Platte wurde ja 
behauptet, wir hätten bei den Alben einen Zehnjahres- 
Rhythmus, aber das war ja nur ein dummer Zufall. Ich fän¬ 
de es okay, wenn man einen Zweijahres-Rhythmus hinbe¬ 
kommen würde. Bislang jedenfalls rechtfertigt das Ergeb¬ 
nis immer noch den Aufwand - rein künstlerisch, nicht fi¬ 
nanziell. Das Plattenmachen ist immer noch okay, das Spie¬ 


len auch super, und deshalb machen wir das jetzt, solan¬ 
ge es geht. Und wichtig ist, dass wir uns gegenseitig nicht 
auf den Keks gehen und wir zwischendurch alle was ande¬ 
res machen können. Die FEHLFARBEN allein ziehen auch 
nicht so viele Leute, dass wir da das ganze Jahr aufTour ge¬ 
hen können. 

Machst du denn irgendwas, um dich fit zu halten, bist du 
ein Iggy Pop-liker Asket? 

Nee, ich mach gar nichts, das ist mir egal. Und so Boden¬ 
turnen ä la Jagger muss ich nicht haben. Von diesem ganzen 
Rock’n’Roll-Tanzsport halte ich gar nichts, und Campino 
ist mir auch schon zu sportlich trainiert. Ich war eben noch 
nie gut mit Klimmzügen und so. Bislang kann ich die Wam¬ 
pe ja noch gut kaschieren. 

Sportlich zu sein ist definitiv nicht Rock’n’Roll, finde 
ich. 

Nee, und man muss einfach komische Sachen machen, 
wenn man unsportlich ist, und es sieht auch besser aus, 
wenn man umfällt. So Bodybuilder haben im Rock’n’Roll 
nichts zu suchen. Wenn ich bei einem Konzert schlapp bin, 
dann steh ich halt blöd rum, egal. 

Euer neues Album gefällt mir ausgesprochen gut, weil es 
wirklich sehr schön „tight“ ist. 

Davon kannst du fünfzig Prozent dem zuschreiben, dass wir 
drei Jahre länger geübt haben, als beim Album davor. Und 
wichtig ist auch, dass wir die Stücke alle „auf dem Platz“ 
eingeschliffen haben. Das Zusammenspiel ist einfach wie¬ 
der richtig gut. Bei der letzten Platte hatten wir nur ein paar 
Wochen im Proberaum, jetzt liegen hundert Konzerte da¬ 
zwischen, und wenn man das nicht merkt, dann kannst du 
echt alle nach Hause schicken. Und eigentlich kommt das 
Album beinahe schon zu spät, aber es hat sich halt durch 
die Jubiläumsplatte „26 1/2“ noch mal ein Jahr verspätet. 
Noch länger hätte man die neue Platte nicht liegen lassen 
dürfen, sonst hätte man alles neu machen müssen. Wenn 
man Sache zu lange liegen lässt, sind sie dann, wenn sie 
rauskommen, einfach nicht mehr so, wie man sie haben 
wollte: Technische Dinge, dein Geschmack, der allgemeine 
Geschmack, alles ändert sich. 

Mit was für Bands messen sich die FEHLFARBEN heute? 

Mit denen, die man im Radio eigentlich nicht hören möch¬ 
te. Das Problem ist, dass man die dann aber doch immer 
hört. Das sind die Bands, die man eigentlich verhindern 
möchte, indem man selbst eine Platte macht. Man denkt 
sich, man ist eigentlich eine Alternative, aber das ist eitel ge¬ 
dacht und funktioniert leider nicht. Mit Leuten wie ÄRZTE, 
TOTEN HOSEN und Grönemeyer misst man sich gar nicht 
erst, die spielen in einer anderen Liga, damit hat man gar 
nichts zu tun. Und die ganzen Jungspunde wie BLUMFELD 
lösen sich einfach auf, die haben kein Stehvermögen, haha. 
Nur weil Verkäufe statt 50.000 nur noch 40.000 sind. Und 
die richtigen Jungspunde lösen sich ja erst recht auf: All un¬ 
sere früheren Vörgruppen gibt’s nicht mehr. 

Wie sieht denn euer Publikum heutzutage aus? 

Also wer bei unseren Konzerten nur die Alten sieht, ist sel¬ 
ber einer, denn dann stehst du nur hinten. Nach vorne hin 
wird’s jünger. Unser Publikum ist also recht gemischt, wo¬ 
bei wir nicht damit rechnen, dass TOKIO HOTEL-Fans zu 
unseren Konzerten kommen. Außer dass wir besser sind, 
haben wir denen aber auch nichts zu sagen - aber das be¬ 
hauptet jeder andere auch. Aber so ab Mitte 20 sieht man 
bei uns durchaus Leute im Publikum, und die befassen sich 
auch mit uns. Leute in unserem Alter wiederum sind eher 
die Ausnahme, die sind ja alle zu faul, aus dem Haus zu ge¬ 


hen, und Zigarrerauchen und Rotweintrinken macht in 
den Läden, wo wir spielen, auch keinen Spaß, und ein Fo¬ 
yer, um sich über Drehbücher zu unterhalten, gibt es auch 
nicht. Ich schätze, unser Publikum deckt sich ganz gut mit 
den Ox-Lesern, wobei ich vieles, was ihr schreibt, gar nicht 
mehr verstehe, diese ganzen jungen Bands da ... 

Hat sich der Jubiläumstrubel eigentlich auf die Verkäufe 
von „Monarchie und Alltag“ ausgewirkt? 

Die sind über die letzten 15 Jahre konstant gebheben, das 
pendelt zwischen 1.000 und 5.000 im Jahr. 

Hast du noch nie darüber nachgedacht, dich auch mal an 
einem Buch zu versuchen? Macht heute ja jeder, aber du 
hättest wenigstens was zu erzählen... 

Meine neuen Nachbarn haben mich kürzlich dazu überre¬ 
det, in ihrem neugegründeten Verlag ein Elaborat zu veröf- 
fendichen, aber ich weiß noch nicht, ob ich das rechtzeitig 
zusammengeschmiert bekomme. Das soll so eine Zusam¬ 
menstellung von „Reisenotizen“ werden, kein Roman, kein 
Krimi, und auch kein Buch über das Rock’n’Roll-Leben, 
sondern Aufsätze, wie früher in der Schule: „Berlin - Fluch 
oder Segen?“, in der Art. Ich habe ja immer wieder mal was 
geschrieben, aber nie durchgängig. Und ich kann mich 
auch nicht hinsetzen, so als ob da etwas aus mir raus müs¬ 
se, und ein paar hundert Seiten schreiben, und am Schluss 
will das keiner haben. Dann scheiß ich da lieber drauf. Ich 
mache erst dann was - das ist nicht anders als beim Stücke¬ 
schreiben für die Band -. wenn mir jemand sagt, er will 
was haben. 

Da sind die nassforschen jungen Burschen anders, denn 
die gehen davon aus, dass die Welt auf sie gewartet hat. 

Deshalb habe ich ja etwas gewartet, und Jetzt muss ich nicht 
mehr unbedingt Erinnerungen aus meiner Schulzeit los¬ 
werden. Und wenn man etwas älter ist, merkt man auch, 
dass man letztlich immer nur die gleiche Story erzählt, wie 
das damals bei MITTAGSPAUSE war, und dann bei FEHL¬ 
FARBEN ... Da muss man sich dann etwas bremsen und das 
besser gar nicht erzählen. Aber so eine Lesereise, das wäre 
sicher lustig, und ich hätte ja auch kein Problem, gar nichts 
von mir zu lesen, sondern irgendwas Lustiges von anderen. 
Dann könnte ich mir das Geschreibe auch sparen, haha. Ich 
frage mich angesichts der ganzen Bücher, Hörbücher und 
Lesereisen aber schon, warum es überhaupt jemand gibt, 
der diesen Leuten die Mittel zur Verfügung stellt, dass da 
Leute das hören wollen - dass die das überhaupt dürfen! Da 
darf so ein Kölner in seinem Dialekt Dylan vorlesen und be¬ 
kommt dafür noch Sendezeit im Fernsehen - wo ist da der 
Zusammenhang? Oder Leute, die mal Musikvideos ange¬ 
sagt haben, machen jetzt Hörbücher, das verstehe ich nicht. 
Langer Rede kurzer Sinn: Die Deppen werden gefragt, und 
mich fragt einfach keiner. 

Wohl weil die denken, dass auf die Frage eh nur eine ge¬ 
hässige Antwort kommt. 

Das ist ja nicht von der Hand zu weisen. Andererseits ist 
man sich ja manchmal auch für nichts zu blöd. Letztlich 
kommt es immer auf das Was und Wie an. 

Zum Schluss noch die Frage nach den aktuellen Aktivitä¬ 
ten von FAMILY* 5. 

Wir haben dieses Jahr bisher zwei Auftritte gemacht, aber 
ansonsten ist da derzeit nichts drin. Es gibt keinen Druck, 
keine Aussicht auf eine neue Platte, und Konzerttermine 
sind wegen der verschiedenen Aktivitäten von uns allen 
schwer zu koordinieren. Und solange die anderen nicht mit 
neuen Stücken ankommen, mache ich auch nichts. 
Joachim Hiller fehlfarben.com 



steady fremdkörper das aitum jetzt 


auf tour: ^ ä ; 

very special gueat: Chuck Ragan (ex-Hot Water Music) 

13.09. Eri'urt - Open Air an der E-Burg / 14.09. Längen - Rock Am Pierdemarkt / 

15.09. Hamburg - Knust / 16.09. Berlin - Lido / 17.09. Dresden - Groovestation 

19.09. Köln - Underground / 20.09. Bieleield - Kamp / 21.09. Dortmund - BZW 

22.09. Saarbrücken - Roxj' / 23.09. Buchloe - JuZ / 25.09. Gießen - LiuK 

26.09. Erlangen - E-Werk / 27.09. A-Graz - PPC / 28.09. A-Lustenau - Carinisaal 

29.09. A-Steyr - Röda / 30.09. A-Wien - Arena / 02.10. Konstanz - Kulturladen 

03.10. CH-Luzern - Schüür / 05.10. Karlsruhe - Substage / 06.10. Chemnitz - Talschock www.muffpotter.net 


OX-FANZINE 49 











EINE KREDIBILE MÄRCHENSTUNDE 

BUBONIX 

Wenn eine Band über 13 Jahre zusammenspielt, kann man davon ausgehen, dass die Mitglieder es mit 
ihrer Musik ernst meinen. Die BUBONIX nehmen ihre Musik ernst, genauso tun sie es mit den Texten und 
auch sonst allem, was das Leben als Musiker - in einer nicht gerade übermäßig erfolgreichen Band - 
mit sich bringt. Die Losung heißt D.I.Y. - und das ist im Fall der Limburger mehr als nur eine hohle Phra¬ 
se. Selber machen und selbst reflektieren erlauben aber auch eine andere Sichtweise auf Dinge wie Re¬ 
levanz oder Erfolg. Mit „Please Devil, Send Me Golden Hair“ könnten sich die Dinge für Thorsten Po- 
lomski (Gesang), Oliver Kunz (Bass), Sarah De Castro (Gitarre), Hermann Weier (Schlagzeug), Markus 
Klees (Gitarre) und Nenad Grbavac (Gitarre) ändern. Die BUBONIX wagen einen Blick über den Teller¬ 
rand der Hardcore-Szene und veröffentlichen ein Album, das bei aller Eingängigkeit an keiner Stelle den 
nötigen Biss vermissen lässt. 


Wie würdet ihr eure momentane Situation beschrei¬ 
ben? 

Wir haben endlich eine neue Platte im Gepäck, die wir 
auch live präsentieren werden, und darauf freuen wir 
uns riesig. Die ganze Entwicklung bis „Please Devil, Send 
Me Golden Hair“ hat sehr viel Zeit und Energie in An¬ 
spruch genommen, was auch dazu führte, dass wir we¬ 
niger Shows spielen konnten. Normalerweise bräuch- 
ten wir jetzt alle eine Kur an der Nordsee oder einen Ur¬ 
laub im Schwarzwald. Es ist schon eine Menge Arbeit, die 
wir da in die Platte gesteckt haben. Auf der anderen Seite 
hat uns Arne von Nois-O-Lution an allen Ecken und En¬ 
den geholfen und ist uns auch menschlich total ans Herz 
gewachsen und aus unserer Familie nicht mehr wegzu¬ 
denken. Danke für die weltmeisterliche Zusammenar¬ 
beit! Richtig wohl fühlen wir uns auch mit Amadis, die 
jetzt das Booking für uns übernommen haben. An diesem 
kurzen Abriss sieht man schon, was alles so in den letzten 
Monaten passiert ist. Am wichtigsten für uns ist jedoch, 
dass wir als Band noch enger zusammengewachsen sind 
und nach über 13 Jahren jetzt endgültig jeder von jedem 
weiß, wer beim Träumen in der Nase bohrt, wer beim 
Sushi essen nur an Fußball denkt oder wer seinen Kaffee 
gegen die Uhrzeigerrichtung umrührt und dabei Lieder 
von Seefahrern summt. 

Ihr erhaltet eine Menge Aufmerksamkeit. Seid ihr 
misstrauisch, wenn ihr jetzt irgendwo abgefeiert wer¬ 
det, wo ihr vorher noch mit Nichtbeachtung bestraft 
worden seid? 

Na ja, wir springen da wie immer ins kalte Wasser und 
lassen uns überraschen. Das war vorher auch nicht an¬ 
ders, wenn wir das erste Mal in einer uns unbekannten 
Location spielten. Wir freuen uns, immer neue Orte ken¬ 
nen zu lernen, ob es gut oder schlecht wird, ist eine an¬ 
dere Sache, aber wir sind Optimisten und in der Vergan¬ 
genheit auch immer dafür belohnt worden. Die ange¬ 
sprochene „Nichtbeachtung“ resultierte ja wahrschein¬ 
lich aus dem Nichtkennen der Gruppe, so dass wir da 
auch gegen niemanden misstrauisch sein können, der 
jetzt unser Album gut findet. 

Auf „Please Devil befinden sich unglaublich ein¬ 
gängige Momente. Wolltet oder konntet ihr so etwas 
auf den vorigen Veröffentlichungen nicht? 


Das hängt wohl damit zusammen, dass wir auch teil¬ 
weise ziemlich eingängige Musik hören und das spie¬ 
gelt sich im Songwriting wider. Es sind auch situations¬ 
bedingte Momente, wo Text und Musik zusammen pas¬ 
sen; manchmal sind diese dann eher melodischer und 
eingängiger oder hart und core. Auf den vorigen Releases 
hatten wir noch ganz andere Stimmungen in uns. „Ple¬ 
ase Devil...“ ist textlich und musikalisch ein kleiner Aus¬ 
schnitt aus unserem turbulenten Leben, einfach ein Aus¬ 
druck der BUBONIX, der sich immer weiter entwickelt, 
da viel passiert. 

Wie bewahrt man sich über 13 Jahre die Unschuld, sol¬ 
che Musik zu machen? Oder würdet ihr euch eher als 
eine abgeklärte Band bezeichnen? 

BUBONIX ist auf keinen Fall eine abgeklärte Band, da 
passiert musikalisch und textlich immer wieder was 
Neues. Wenn wir es wären, gäbe es uns wahrscheinlich 
schon längst nicht mehr, denn die Lust am Musik ma¬ 
chen, sich darüber auszudrücken, mit Freunden touren 
hält uns zusammen und ist auch ein Stück Familie für 
uns. Ob es für andere toll ist oder nicht, zählt in dem Mo¬ 
ment nicht, wir machen neue Erfahrungen und Entwick¬ 
lungen durch. So kommen auch immer wieder neue In¬ 
strumente hinzu, die zur Stimmung der Songs beitragen 
und sich nicht im Gitarrengewitter verlieren. Wir wer¬ 
den das Rad nicht neu erfinden und wollen uns auch nie¬ 
mandem beweisen, werden es nicht allen recht machen, 
die Geschmäcker sind auch verschieden - was auch gut 
ist. Aber für uns zählt in erster Linie, dass wir damit zu¬ 
frieden sind. 

Wie kriegt man, das, was in den Köpfen von sechs 
Bandmitgliedern so vor sich geht, unter einen Hut? 

Kommunikation hat Priorität, denn eine Band ist auch 
eine Beziehung, die nur so gepflegt werden kann. Wir 
sprechen oft über verschiedene Themen in der Band, ge¬ 
nauso auch in Bezug auf unsere Texte. Es wird da schon 
öfter mal ein Plenum gehalten. In der Kennenlernphase 
einer Band ist es anfangs immer schwierig sich voranzu¬ 
tasten, aber wir machen das jetzt schon seit einiger Zeit 
und jede/r weiß mittlerweile, worauf sie/er Lust hat, und 
so wird das dann gemacht. Genauso ist das Vertrauen der 
anderen auch beim Songwriting da; einer Person fällt ein 
Song ein und sie weiß ungefähr, was die anderen dazu 


spielen werden. Es ist auch wichtig, über die Stimmung 
des Textes mit seinem Inhalt zu sprechen, damit sich alle 
damit identifizieren können und sich auf eine Stimmung 
einlassen können. 

Über was für Themen wird innerhalb der Band am 
häufigsten und leidenschaftlichsten gestritten? 

Gute Frage. Also, fußballerisch sind wir so ziemlich ei¬ 
ner Meinung und favorisieren in erster Linie norddeut¬ 
sche Vereine. So ist es wohl auch mit musikalischen, po¬ 
litischen, wirtschaftlichen oder kulinarischen Fragen. Da 
kann jede/r die Gedanken und Gefühle des anderen von 
den Lippen ablesen. Am leidenschaftlichsten sind wir mit 
Sicherheit auf der Bühne. Hier kommen dann die ganzen 
Emotionen raus, seien sie nun positivem oder negativem 
Ursprungs, und werden im Rahmen der Show zu einer 
energiereichen Party mit allen Beteiligten verwandelt. 

Ist es für euch eher von Vor- oder Nachteil, dass ein 
großer Teil der Musik im Dunstkreis der HC/Punk- 
Szene im Endeffekt auf sehr konservative Weise funk¬ 
tioniert? 

Ja, das ist teilweise sehr schade, wenn eine Szene nach 
einem Dogma funktioniert und sich im Kreis dreht, nix 
Neues zulässt. Deshalb haben wir zum Beispiel bei dem 
Song „Kaputt und weiter“ einen Part mit einer Sampler- 
Bassline, die von einem Glockenspiel unterstützt wird. 
Dieser Oldschool-HC-Song ist nichts Neues vom Spie¬ 
len und der Struktur her, aber nur wenige Bands in dem 
Genre oder der Szene springen über ihren eigenen kon¬ 
servativen Schatten und benutzen mal andere Elemente. 
Das ist doch keine Szene, wir scheißen auf so ein Geha¬ 
be! Wir sind ein Teil von vielen Szenen, es kommt uns 
auf einen gemeinsamen menschlichen Spirit an und so¬ 
mit fallen dann auch Barrieren und Dogmen. Dann pre¬ 
digen sie Unity und schließen aber andere aus, weil der 
Style oder das musikalische Umfeld nicht stimmen. Aus¬ 
grenzung nennt man so was und das passiert leider zu 
oft in der „so toleranten“ linken Szene, sehr schade - be 
open minded! 

Glaubt ihr, dass eine Band, die inhaltlich etwas zu sa¬ 
gen hat, automatisch auf ein Publikum trifft, das auch 
zuhören will? 

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Leute uns 
Mails wegen unserer Texte schreiben oder uns auf Kon¬ 
zerten deswegen ansprechen, aber wir verteilen auch 
Texthefte für umsonst, da ist auch alles nachzulesen. Es 
ist toll, dass auf der letzten Tour so gut wie kein Textheft 
auf dem Boden oder dem Müll gelandet ist und die Leu¬ 
te sich das mitgenommen haben. Da ist wohl schon ein 
gewisses Textinteresse vorhanden. Auf den Shows gibt es 
aber auch von uns aus eine klare Absage an Tough-Guy- 
Proleten, die Leute umhauen und auf andere keine Rück¬ 
sicht nehmen. Aber zum Glück kommt das nur ganz sel¬ 
ten vor. Im Gegenteil, während einer Show und auch bei 
der anschließenden Party oder einfach nur in der Küche 
der WG, die die Pennplätze zu Verfügung stellt, kommt 
es sofort zu Gesprächen über alle Götter und die Welt. * 
Wenn man also alle Theorie beiseite lässt und die Erfah¬ 
rungen der letzten Jahre reflektiert, denke ich schon, dass 
die Leute inhaltliches Interesse haben. Außerdem ist es ja 
auch so, dass das eine das andere bedingt. 

Ihr kommt aus Limburg. Stimmt es, dass die Stadt mal 
die höchste Verbrechensrate in Deutschland hatte? 
Wie würdet ihr den Einfluss eurer Umgebung auf Mu¬ 
sik beziehungsweise Inhalt bezeichnen? 

Ja, das war wohl mal so prozentual in irgendeiner Statis¬ 
tik dargestellt. Wir kommen halt aus der Bronx Deutsch¬ 
lands, hartes Pflaster, brennende Tonnen, Schießereien, 
schlimmer als der Kiez, und der Käse stinkt zum Him¬ 
mel, hahaha ... Wir haben uns da immer für Verbrechen, 
wie aggressive und laute Musik mit kritischen Texten, 
oder irgendwelchen Aktionen für Menschlichkeit inter¬ 
essiert! 

Menschen, die behaupten, sie würden nichts bereuen, 
sind in der Regel dumm oder aber Lügner. Trotzdem: 
Welchen Fehler in eurer Geschichte würdet ihr allein 
aufgrund des Spaßfaktors wiederholen? 

So richtig hart war die Fahrt von Hamburg nach Stutt¬ 
gart während der SPERMBIRDS-Tour. Das waren nicht 
nur schlappe 700 Kilometer mit Stau, 30 Grad im Schat¬ 
ten, einem Zwischenstopp in Hanau, vorübergehend ver¬ 
lorenen Bandmitgliedern und circa 12 Stunden Fahrt, 
nein, diese Fahrt verlief nach einem Off-day, den wir bis 
kurz vor der Abfahrt in St. Pauli verbracht haben, wo¬ 
bei nur der Fahrer einige Stunden im Bett war. Die Fahrt 
war ja schon mal das Grauen, aber wer abends auf St. 
Pauli feiern kann, kann ja bekanntlich nach dem Ein¬ 
treffen in Stuttgart direkt auf die Bühne und eine mit¬ 
reißende Show voller Elan und Esprit spielen. Das war 
hart, aber auf jeden Fall einer Wiederholung wert! Hin¬ 
zu kommt noch, dass wir die Auftritte mit der Kult-Band 
des deutschen Punk-Hardcore spielen durften und dabei 
klasse Menschen kennen gelernt haben, die jetzt Freun¬ 
de geworden sind. Ein ganz großes Danke, auch wenn er 
es nicht hören will, an Roger von den SPERMBIRDS, der 
uns während der ganzen Entwicklung von „Please Devil 
...“ unterstützt hat. 

Lars Koch bubonix.de 


OX-FANZINE 50 







BLACK MARKET CLOWNS 

RADIO DE AD ONES 


Die RADIO DEAD ONES aus Berlin gibt*es nun auch schon eine Weile, eigentlich viel zu lange, als dass 
da nicht schon längst mal ein Interview fällig gewesen wäre. Immerhin bedienen Rik Oldman (Gitarre), 
Ändru Bourbon (Bass), TV Mork (Schlagzeug), Marti Neurotic (Gitarre) und Beverly Crime (Gesang) mit 
ihrer Musik genau die schmutzige Mischung aus Punk und Rock’n’Roll, die wir alle so sehr lieben und 
von der wir den Hals nicht voll bekommen können. Um ehrlich zu sein, ich hab keine Ahnung, wann ihre 
aktuelle EP auf Wanda Records, „Killers And Clowns“, überhaupt erschienen ist, in jedem Fall war es 
für mich eine gute Gelegenheit, ein paar Fragen los zu werden. Beantwortet wurden mir diese von Sän¬ 
ger Beverly Crime ... 


Sei so gut und fass eure bisherige Geschichte zusam¬ 
men ... 

Wir kannten uns alle schon als kleine Kids. Wir kamen 
alle aus demselben Kiez. Und irgendwann wollten wir 
halt Musik machen. Vor zwei Jahren kam unsere erste 
Single. Für uns war klar, dass erstmal Vinyl Priorität hat¬ 
te. CDs musst du machen, weil die meisten Kids keine 
Plattenspieler mehr haben, und du limitierst dich natür¬ 
lich somit als Band. Bis jetzt haben wir zwei Singles, eine 
Splitsingle mit FRONTKICK und eine 12“. 

„Killers And Clowns“ - habt ihr eher das Verlangen je¬ 
manden umzubringen oder das Bedürfnis, die Men¬ 
schen zum Lachen zu bringen? 

Ich weiß nicht. Kann ich so nicht sagen ... manchmal so, 
manchmal so - kommt auf die Leute an. 

Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr bis jetzt aus¬ 
schließlich auf Vinyl veröffentlicht habt? Wenn ja, 
wieso? 

Also Vinyl hat einen Wert, den nur Leute verstehen, die 
Vinyl mögen. Aber es ist tatsächlich so, dass wir bisher 
noch kein Album veröffentlicht haben, und bei Singles 
macht es keinen Sinn, Maxi-CDs rauszubringen. Da gibt 
es dann nur Vinyl. Jede Band, die irgendwo Aufnahmen 
gemacht hat und selber einen Brenner hat, kann eine CD 
beim Auftritt verkaufen. Aber darum ging es uns nicht. 
Wir wollten „unsere Platte“ haben. Auch wenn es finan¬ 
ziell natürlich dumm ist! Aber unser Album wird als CD 
und Vinyl erscheinen. 

Woher stammen die beiden gesprochenen Samples, je¬ 
weils am Anfang der Seiten? 

Eins ist von dem Film „The Decline Of Western Civiliza- 
tion“ und das andere ist Duane Peters. 

Was Veröffentlichungen angeht, habt ihr euch ja erst¬ 
mal Zeit gelassen. Denkt ihr, dass viele Bands die Sa¬ 
che überstürzen, und ihr erstes Album zu früh aufneh¬ 
men? 

Ja, bei jungen Bands ist das häufig so. Es geht nicht da¬ 
rum, ein perfektes Album zu machen. Aber es muss für 
uns so sein, dass wir es selber auch in drei Jahren noch 
mögen. Wir haben uns selbst den Kram besorgt, den 
man braucht, um vernünftig aufzunehmen. Deshalb ha¬ 
ben wir das Glück, so lange an den Aufnahmen basteln 
zu können, wie wir wollen. Andererseits wirst du dann 
natürlich auch nie fertig. Unser Album wird gerade ge¬ 
mixt und dann gemastert und erscheint dann hoffentlich 
bis Mitte des Jahres. 

Wie würdet ihr euren musikalischen Hintergrund be¬ 
schreiben? 

Punkrock! Die Basis ist für uns alle der 77-Kram. Aber 
wirkliche Grenzen haben wir nicht. Wir holen uns von 
überall Einflüsse. Es sollte dann bloß am Ende wieder 
nach Punkrock klingen. Weil wir uns als Punkrocker se¬ 
hen und alles andere nicht zu uns passt. 

Was für Musik hört ihr zur Zeit gerne? 

Rik, unser Gitarrist, hat gerade seine Liebe zu Iggy Pop 
wieder entdeckt und hört die komplette Discography rauf 
und runter. Ändru, unser Bassist schwört auf die letzte 
CASUALTIES. Ich habe gerade wieder die „Sandinista!“ 
rausgekramt und höre ein paar alte Reggae-Platten von 
Lee Perry und so weiter. Unser Drummer, TV, hört, glaub 
ich, gerade viel SWINGIN’ UTTERS, aber bei ihm wech¬ 
selt es täglich. Wir kaufen uns insgesamt aber immer sehr 
viel Musik, von den HUNNS, „You Rot Me“, THE EXPLO¬ 
SION, U.S. BOMBS, SHOCK NAGASAKI aus New York ... 


Ach ja und die Demos der neuen FRONTKICK-Platte zieh 
ich mir öfter rein. 

Als ich euch live gesehen habe, ist mir aufgefallen, 
dass ihr enormen Wert auf eure Haltung gelegt habt. 
Ist euch die Optik im Zweifelsfall wichtiger als etwa¬ 
ige Spielfehler? 

Spaß ist uns wichtiger als alles andere. Es gibt gute Bands 
wie SWINGIN’ UTTERS, die keinen Wert auf Optik le¬ 
gen. Das ist cool. Aber ich denke, als junge Band hast du 
nur schwer eine Chance, wenn die Leute nicht schon op¬ 
tisch sehen, wo sie dich einsortieren können. Aber um 
Spielfehler machen wir uns echt keinen Plan. Wir ma¬ 
chen halt nur Punkrock. Und ich denke, wir wirken da¬ 
bei nicht unecht. 

Wenn ich mir eure Texte durchlese, fällt mir eine eher 
negative Grundstimmung auf. Eure Musik hingegen 
lädt ja eher zum Feiern ein ... 

Ich glaube, da gibt es auch einen kleinen Wandel mittler¬ 
weile. Übermäßig viel Alkohol, regelmäßig viele Drogen, 
keinen Job, keine Kohle und so weiter waren für längere 
Zeit ziemlich bestimmend. Da ist dann einfach nicht viel 
Platz für Party. Wir spielen auch mittlerweile gar nicht 
mehr so viele ältere Songs. Ich habe einen coolen Job, der 
mir viel Freizeit lässt und wo ich sein kann wie ich bin, 
auch wenn es kohlemäßig nicht der große Wurf ist. Und 
Drogen und Alkohol sind unter Kontrolle. Das wirkt sich 
auch auf die Texte aus. 

Das Cover von „Killers And Clowns“ erinnert, beson¬ 
ders was die Farben angeht, sehr an „Give ’em Enough 
Rope“ von THE CLASH. Ein Zufall? 

Dann sieh dir mal die „Black Market Clash“ an, diese 


„Rarities Collection“. Dann wirst du sehen, dass wir be¬ 
wusst geklaut haben und es kein Zufall sein kann. 

Wie wichtig sind euch Artwork, T-Shirt-Design und so 
weiter? 

Sehr! Wir wollen da auch so wenig wie möglich aus der 
Hand geben. Wir haben das große Glück, Neurotic Gra¬ 
phics mit Marti von FRONTKICK zu haben. Er ist einer 
unserer besten Kumpels - praktisch das fünfte RDO-Mit- 
glied - und er steht auf den gleichen Style wie wir. Eine 
Platte ist letztendlich ein Produkt, das Leute kaufen sol¬ 
len. Wir wollen die Musik bestmöglich haben und dann 
soll das natürlich auch in einem ansprechenden Artwork 
veröffentlicht werden. Und bei Shirts ist es natürlich so, 
dass die Leute lieber gut aussehende Shirts tragen als 
hässliche, die ohne Liebe gemacht wurden. 

Was für Ziele habt ihr euch mit der Band gesetzt, wel¬ 
che wurden schon erreicht? 

Unsere Ziele bestehen nur darin, viele Platten zu machen 
und viel auf Tour zu sein mit Bands, die wir selbst gern 
mögen. Und wir haben das ja auch bis jetzt geschafft. 
Wir waren unterwegs mit FRONTKICK, mit SHOCK NA¬ 
GASAKI, haben mit Lars Frederiksen und mit den HEAR- 
TACHES aus Belgien gespielt. Für dieses Jahr haben wir • 
Pläne mit verschiedenen Bands. SILVER aus Norwegen, 
THEE STP aus Italien, verschiedene Bands in England ... 

Was macht ihr neben der Musik? 

Wir jobben alle. Wir sind keine Leute, die auf das System 
schimpfen, diesem aber auf der Tasche liegen. Wir arbei¬ 
ten in Bars, Hotels und so weiter, in Berlin hast du echt 
tausend Möglichkeiten. 

Lars Koch radiodeadones.de 


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muff potter. 

steady fremdkörper das aitum jetzt 


single fotoautomat 



auf tour: 

very apecial guest: Chuck Ragan (ex-Hot Water Muaic) 

13.09. Erl'urt - Open Air an der E-Burg / 14.09. Lingen - Rock Am Pierdemarkt 
15.09. Hamburg - Knust / 16.09. Berlin - Lido / 17.09. Lresden - Groovestation 
19.09. Köln - Underground / 20.09. Bieleieid - Kamp / 21.09. Lortmund - FZW 
22.09. Saarbrücken - Roxy / 23.09. Buchloe - JuZ / 25.09. Gießen - iiuK 
26.09. Erlangen - E-Werk / 27.09. A-Graz - PPC / 28.09. A-Lustenau - Carinisaal 
29.09. A-Stej'r - Röda / 30.09. A-Wien - Arena / 02.10. Konstanz - Kultur laden 

03.10. CH-Luzern - Schüür / 05.10. Karlsruhe - Substage / 06.10. Chemnitz - Talschock www.muffpotter.net 


OX-FANZINE 51 









SOMECANDY TALKING 

SISTER VANILLA 

Die 1984 gegründeten, aus Glasgow stammenden THE JESUS AND MARY CHAIN waren eine der wich¬ 
tigsten britischen Post-Punk-Bands der Achtziger, und der extrem noisige Sound ihrer frühen Releases, 
das feindselige Auftreten mit dem Rücken zum Publikum, machte die Brüder William und Jim Reid zu 
Quasi-Popstars. Bis Ende der Neunziger schafften es die Reids, überlebten einen Majordeal und kulti¬ 
sche Verehrung ihrer Fans, scheiterten letztlich am Bruderzwist und lösten die Band 1999 auf. Nun sind 
sie zurück, und zwar doppelt: zum einen spielen die wiedervereinten TJAMC diesen Sommer auf ver¬ 
schiedenen Festivals weltweit, zum anderen veröffentlichen sie unter dem Namen SISTER VANILLA ein 
Album, bei dem ihre kleine Schwester Linda die Chanteuse geben durfte. Ich traf Linda in einem Kölner 
Hotel und horchte sie über ihre Brüder aus ... 


Wann hast du denn JAMC das erste Mal live gesehen? 

Das war in Edinborough, und ich war dreizehn. Meine 
Cousine hatte mich mitgenommen, es war ein kleiner 
Club, ich traf Bobbie Gillespie das erste Mal und weiß 
noch, dass er eine sehr lustige Frisur hatte. Natürlich gab 
es während des Konzerts Ärger, Jim bekam von den Tür¬ 
stehern aufs Maul, und ich schrie vor Entsetzen, ging auf 
die los. 

Und wann ist dir bewusst geworden, dass deine Brü¬ 
der keine normale berufliche Karriere eingeschlagen 
haben? 

Die beiden machten ja schon Musik, bevor sie eine rich¬ 
tige Band hatten. Sie klimperten ewig in ihrem Zimmer 
rum, und irgendwie wusste ich, dass dabei irgendwas he¬ 
rauskommen würde. Die hatten beide keinen Job, und 
machten auch keinerlei Anstalten, sich einen zu suchen. 
Die lebten lange vom Geld meiner Eltern, aber die bei¬ 
den wussten irgendwie, dass was passieren würde. Als 
sie dann letztlich die Band gründeten, bestand für mich 
von Anfang an kein Zweifel, dass sie es weit bringen wür¬ 
den. 

Wie alt warst du damals? 

Ich war zwölf, und natürlich interessierte ich mich für 
Musik. In meinem Elternhaus ging es immer um Mu¬ 
sik, schon wegen William und Jim, und so genoss ich 
eine sehr gute musikalische Erziehung, habe schon im¬ 
mer Musik geliebt. 

Warst du denn die nervige kleine Schwester, oder wie 
war euer Verhältnis? 

Sie sind eben meine großen Brüder: William ist 12 oder 
13 Jahre älter als ich, Jim 10 Jahre, und ich war für sie 
immer die kleine Schwester, um die sie sich kümmer¬ 
ten. Und schon von klein auf habe ich eine Menge Musik 
und Informationen darüber von ihnen aufgeschnappt, ja 
sie brachten mich dazu, die Namen der SEX PISTOLS-Mit- 
glieder auswendig zu lernen und fragten mich dann ab. 
Da war ich acht, und die fanden das niedlich. 

Als kleine Schwester zweier Brüder, die an Rebellion 
wohl schon alles erledigt hatten, blieb für dich wohl 


nicht mehr viel zum Rebellieren übrig - oder wie war 
das? 

Ich hatte ehrlich gesagt nie irgendwelche Wünsche die¬ 
ser Art, und auch meine Brüder nicht. Meine Brüder ka¬ 
men immer gut mit meinen Eltern klar, und das einzige 
Problem war, dass sie sich weigerten, sich Jobs zu suchen. 
Das war der einzige Streitpunkt, und schließlich erkann¬ 
ten meine Eltern, dass sie die beiden besser in Ruhe las¬ 
sen, dass sich schon was ergeben werde. Ich beobachte¬ 
te das alles und hatte letztlich nicht das Gefühl, gegen ir¬ 
gendwas rebellieren zu müssen. 

Als sie dann begonnen Erfolg zu haben, kam es dir da 
nicht in den Sinn, auch selbst Musik zu machen? 

Niemals. Und dass ich jetzt mit ihnen SISTER VANILLA 
gemacht habe, liegt einfach daran, dass sie mich gefragt 
haben. Jetzt bot sich die Gelegenheit, und ich griff zu. 
Aber davor hatte ich nie das Bedürfnis, Songs zu schrei¬ 
ben oder eine eigene Band zu gründen. Ich bin eben we¬ 
der eine Sängerin noch eine Songwriterin, ich habe es 
jetzt einfach mal gemacht. 

Letztlich das alte Prinzip von Punkrock also. 

So hoch würde ich das gar nicht ansetzen. Mir gab ein¬ 
fach jemand die Chance und ergriff sie. Keine Ahnung, 
ob ich das noch mal machen werde, vielleicht war es das 
auch mit meiner musikalischen Karriere. Das wäre mir 
egal, ich bin glücklich, wie es gelaufen ist. 

Was hast du denn bisher so gemacht? 

Lange Zeit gar nichts. Ich wohnte mal in London, mal in 
Schottland, und letztlich fing ich dann an zu studieren, 
da war ich 22. Jetzt lebe ich seit acht Jahren in London 
und habe einen ganz normalen Job, führe ein ganz nor¬ 
males Leben: Ich arbeite als Beamtin für das britische Au¬ 
ßenministerium. 

Das ist schon was ganz anderes als das Leben deiner 
Brüder. 

Oh ja, so verschieden, dass man es kaum glauben kann. 
Und wie passt dazu dein Ausflug in den Rock’n’Roll? 

Die SISTER VANILLA-Platte hat eine zehnjährige Vorge¬ 
schichte. Wir arbeiteten immer wieder daran, wenn wir 


mal Zeit und Lust hatten, und so nahm sie in meinem Le¬ 
ben nicht viel Platz in Anspruch. Erst jetzt, da sie ver¬ 
öffentlicht wurde und ich Interviews gebe, verlangt sie 
etwas Zeit. Lange glaubte ich ja gar nicht, dass die Plat¬ 
te überhaupt mal erscheinen würde, und erst als Chemi- 
kal Underground sich dann wirklich interessiert zeigten, 
wurde es wirklich ernst. 

Wie kam es denn überhaupt zu diesem Album? 

Jim fragte mich im Vorfeld von „Stoned & Dethroned“, 
das 1994 erschien, ob ich nicht einen Song mit ihnen 
singen wolle, den man dann als Single-B-Seite veröffent¬ 
lichen werde. Ich hatte davor noch nie gesungen, wollte 
es aber mal ausprobieren, doch irgendwie zerschlug sich 
das dann. Als sie dann „Munki“ aufnahmen, das 1998 er¬ 
schien, wagten wir einen neuen Versuch, und irgendwie 
gefiel „Mo Tucker“ jedem. William machte mir den Vor¬ 
schlag, unter anderem Namen ein Album mit mir als Sän¬ 
gerin einzuspielen, auch ich sollte ein paar Lieder schrei¬ 
ben, und das war der Ausgangspunkt. Die Idee war, das 
Ganze in zwei Wochen einzuspielen, ohne Druck und 
ohne Zwang, es zu veröffentlichen. Wir gaben uns also 
diese zwei Wochen Zeit, und ja, das war vor beinahe 
zehn Jahren ... 

Stattdessen lösten sich JESUS AND MARY CHAIN auf. 

Ja, die Band brach auseinander, William zog in die USA, 
jeder lebte sein eigenes Leben, doch letztlich haben wir 
es geschafft, die Platte zu machen. 

Wie hast du den Split der Band 1998/99 erlebt? Du 
standest als Schwester ja zwischen deinen Brüdern, die 
sich zerstritten hatten. 

Der Split kam ja nicht aus heiterem Himmel, das war ein 
Konflikt, der sich über zwei Jahre immer weiter hoch¬ 
geschaukelt hatte. Die beiden konnten nicht mehr so zu¬ 
sammen arbeiten wie zuvor, und ich hatte als Schwes¬ 
ter immer wieder die Rolle einer Vermittlerin, aber auch 
meine Mutter und mein Vater versuchten zu vermitteln. 
Wir taten unser Bestes, dass sie wieder miteinander re¬ 
den, wieder wie Brüder miteinander umgehen. Dass die 
Band auseinanderbrach, war ja an sich schon hart, aber 
richtig schlimm war, dass sie überhaupt nicht mehr mit¬ 
einander redeten. Das hielten sie ein Jahr lang durch, und 
es war schrecklich. Das war zu der Zeit, als ich meinen 
Uni-Abschluss machte, und zur Abschlussfeier kamen 
dann zwar meine Eltern und William, aber nicht Jim - 
weil William da war. Das war eine schwierige Zeit, doch 
ein Jahr später heiratete Jim in London, William kam, 
und sie fingen wieder an miteinander zu reden. Und jetzt 
werden sie angesichts der Reunion auch wieder zusam¬ 
men arbeiten, aber es wird sicher nicht mehr so sein 
wie früher. Sie respektieren und verstehen sich, so wie 
ein Ehepaar, das eine Scheidung hinter sich hat und sich 
dann doch wieder annähert. 

War es denn schlimm für dich, in den frühen Jahren 
die ganzen Presseberichte über deine Brüder lesen zu 
müssen? Da gab es ja einige Storys über Drogenge¬ 
schichten und Gewalt auf Konzerten. • 

Also ich habe an diese Zeit keine schlechten Erinnerun¬ 
gen, und auch meine Eltern fanden das eher aufregend als 
schlimm. Wir freuten uns über jeden einzelnen Artikel, 
der über sie geschrieben wurde, und wir hatten nie ein 
schlechtes Gefühl. Und so wirklich hatten meine Brüder 
nie was mit Drogen zu tun, das war also nichts, worü¬ 
ber meine sich Eltern sich Sorgen gemacht hätten. Meine 
Mutter wusste damals, dass ihre Söhne nicht dumm sind, 
aber auch, dass sie sie nicht davon abhalten kann, das zu 
tun, was sie für richtig halten. Deshalb hat es uns also im¬ 
mer Spaß gemacht, was über meine Brüder zu lesen. 

Hast du denn die Artikel ausgeschnitten und aufbe¬ 
wahrt? 

Ja klar, sie hatten mich darum gebeten, weil sie wussten, 
dass sie selbst keine Zeit dazu haben. Na ja, es ist auch 
ein richtig dickes Buch geworden - nur leider habe ich 
es verloren ... 

Was?! 

Ja. Und das Schlimmste ist: Sie wissen es noch nicht, ha- 
haha. 

Dann hoffen wir, dass sie kein Deutsch verstehen und 
dieses Interview nicht lesen. 

Ach, ich glaube, das taucht irgendwann wieder auf. 

Wie sah denn deine musikalische Entwicklung unter 
dem Einfluss deiner Brüder aus? 

Ich habe schon von klein auf Musik gemacht, und auch 
wenn andere das denken mögen, so bin ich kein Snob, 
was Musik anbelangt: Wenn mir was gefällt, dann gefällt 
mir das eben. Ich wuchs mit VELVET UNDERGROUND, 
Dusty Springfield, den BEATLES und so weiter auf - und 
den PASTELS, die ich wirklich liebe. Ich hörte immer vie¬ 
le Bands aus Schottland, etwa TEENAGE FANCLUB und 
BELLE & SEBASTIAN, ja, ich finde, dass generell viel gute 
Musik aus Glasgow kommt. 

MOGWAI? 

Irgendwie kenne ich die nicht so richtig, aber ich mag 
BLUR und weiß, dass MOGWAI die nicht mögen, haha. 

Du erwähntest eben die PASTELS, und auf dem Album 
findet sich ja nicht nur „The two of us“, ein Duett von 
dir und Stephen Pastel, sondern der Opener trägt si¬ 
cher kaum zufällig den Titel „Pastel blue“. 


OX-FANZINE 52 



SISTER VANILLA/YOU AM I 


Also meine ganze Familie liebt die PASTELS, sogar meine 
Mutter. Sie sind einfach eine brillante Band, nahezu per¬ 
fekt, ich liebe sie schon seit ich zwölf bin. Ich habe nie 
verstanden, warum die nicht erfolgreicher und bekann¬ 
ter sind. Meiner Meinung nach hätten die auf Platz 1 in 
den Charts sein müssen - eine sehr naive Vorstellung. Da¬ 
bei hatten die immer ganz normale Jobs und gar nie ver¬ 
sucht, groß rauszukommen. Als ich „Pastel blue“ schrieb, 
erwähnte ich aus Versehen die PASTELS und merkte dann, 
dass ich einen Song über diese Band geschrieben hatte - 
daher dann auch der Titel. Stephen und die Band fanden 
das natürlich schön, und die mögen auch SISTER VANIL- 
LA. Es war für mich auch ein ganz großer Moment, als 
ich Stephen persönlich kennen lernte. Ich hatte ihn frü¬ 
her schon öfter mal in Glasgow auf der Straße gesehen, 
aber so einen persönlichen Helden dann kennen zu ler¬ 
nen, das fand ich großartig. 

Was macht die PASTELS für dich so großartig? 

Also viele Leute haben über die immer wieder gesagt sie 
seien „twee“, niedlich, putzig, aber das trifft es meiner 
Meinung nach überhaupt nicht, ich finde ihre Songs eher 
schmutzig, und wahrscheinlich ist es wohl diese Mi¬ 
schung, die ich reizvoll finde. 


Lee Renaldo von SONIC YOUTH produzierte 1993 ih¬ 
ren Debut-Longplayer „Sound as ever”, man tourte ge¬ 
meinsam mit SOUNDGARDEN in Australien und USA, 
später mit den LEMONHEADS in Europa, und veröf¬ 
fentlichte im weiteren Verlauf der Neunziger drei auf¬ 
einanderfolgende, in den nationalen Charts mit No.l 
vertretene Alben, doch über einen Geheimtip-Status 
hinaus schaffte man es in Deutschland nicht. Musi¬ 
kalisch bewegen YOU AM I sich bis heute auf unter¬ 
schiedlichen Pfaden, ihr Alternative Rock wurde an¬ 
fangs oft mit Grunge umschrieben, ihr 60s beeinfluss¬ 
ter Mod Rock wurde gelegentlich als Powerpop be¬ 
zeichnet. Tim Rogers begegnete mir selbst das erste 
Mal vor 5 Jahren auf dem Cover des 700-seitigen Bu¬ 
ches „The Encyclopedia of Australian Rock and Pop“, 
auf dem ausser ihm einzig Johnny O’Keefe, der erste 
populäre australische Rock’n’Roller, abgebildet ist. In 
den letzten paar Jahren las ich in den kostenlosen aus¬ 
tralischen Programm-Heften einige Interviews und 
legte mir nach und nach die Tonträger von YOU AM I 
zu. Vor nicht langer Zeit begegnete Rogers mir erneut 
- in Form des Gemäldes „Tim“ von Esther Elrich, mit 
dem hier in Melbourne eine Kunstausstellung bewor¬ 
ben wird. In Natura traf ich den sympathischen End- 
dreissiger nach einem Gig seiner Zweitband THE TEM- 
PERANCE UNION im Corner Hotel. Via eMail schickte 
ich ihm Mitte April ein paar Fragen. 

Nach der Veröffentlichung eurer siebten regulären 
CD „Convicts“ auf dem amerikanischen Label Yep Roc 
seid ihr gerade zurück von einer US-Tour, habt beim 
SXSW-Festival gespielt. Wie war es? 

Ich schätze, bei jeder Tour, wo am Tag der Ankunft sofort 
drei Shows gespielt werden, wobei die zweite Show di¬ 
rekt beinhaltet, Roky Erickson live spielen zu sehen, weiß 
man, dass es sich dabei um eine abenteuerliche Angele¬ 
genheit handelt. Dass viele Leute zu den Gigs gekommen 
sind, war schön. Ebenfalls, ein paar gute Freunde wieder 
zu treffen. Wir waren mit der Absicht rüber geflogen, ein 
paar eher subtile Songs zu spielen. Die Shows entwickel¬ 
ten sich dann aber zu jeder Menge lautem Krach, inklusi¬ 
ve schlechtem Benehmen und großartigen Lachern. 

Du bist in Kalgoorlie, einer kleinen Stadt mitten im 
Outback, in der Nähe des Nullarbor, aufgewachsen. 
Wie bist du da zur Musik gekommen? 

Tja, mit Musik habe ich erst angefangen, als ich nach 
Adelaide umgezogen bin. Ich habe beim Hören meiner 
Platten zu Hause dazu Gitarre gespielt. Ich fing erst an, 
mit anderen Leuten zusammen zu spielen, als ich in den 
Vorstädten von Sydney lebte. Die üblichen Schülerbands 
eben. Kalgoorlie ist aber der Ort, an dem ich mich eines 
Tages zur Ruhe setzen will. Er hat was Besonderes. 

In den Neunzigern hatten YOU AM I drei aufeinan¬ 
der folgende Nummer 1 -Alben in den australischen 
Charts. Warum hat es mit dem internationalen Erfolg 
dann nicht so recht geklappt? 

Unsere Manager waren gute Freunde, die uns etwas Ar¬ 
beit abnehmen sollten, anstelle von Leuten, die durchkal¬ 
kulierte Entscheidungen treffen. Ich kann nicht beson¬ 
ders gut singen, und es ist ganz gut möglich, dass wir 
vielleicht nicht so gut sind, oder vielleicht besser aus¬ 
gedrückt, dass wir nicht gerade die Musik machen, die 
die große Masse anspricht. Wir haben Touren in Ameri¬ 
ka und Europa unternommen, um Erfahrungen zu sam¬ 
meln, nicht für den internationalen Erfolg. Rückblickend 
war ich damals, ehrlich gesagt, mental viel zu zerbrech¬ 
lich, um noch mehr zu ertragen, als das, was wir oh¬ 
nehin schon erreicht hatten. Als man an mich heran¬ 
trat, meinen Songwriting-Stil zu ändern, um mehr Ra¬ 
dioplay zu bekommen, fühlte es sich schon beschissen 
an. Es machte mich ärgerlich. Wir hingen eine Zeit lang 


Musikalisch klingt „Little Pop Rock“ nach THE JESUS 
AND MARY CHAIN plus Linda Reid ... 

Ja, es ist eine Mary Chain-Platte, bei der eine Frau singt. 
Die Lieder gehören meinen Brüdern, ich habe nur die 
Texte dazu geschrieben, und so sind es eben in der Es¬ 
senz Mary Chain-Songs. Wenn jemand anderes das auch 
so sieht, habe ich damit also kein Problem. Hauptsache, 
die Platte gefällt den Leuten. Aber ich bin da sehr zurück¬ 
haltend, ich habe keine Ahnung, ob das Album irgend- 
wem gefallen wird. 

Werdet ihr denn auch live auftreten? 

Vielleicht wird es ein paar Konzerte geben, aber so ge¬ 
nau weiß ich das nicht. Wir haben da aber keine Eile, 
und der letzte Auftritt liegt ja auch schon 20 Monate zu¬ 
rück. Ich habe eben einen ganz normalen Job und nur 
fünf Wochen Urlaub im Jahr, muss mich um meine Kat¬ 
zen kümmern, das schränkt die Möglichkeiten für eine 
Band doch etwas ein. 

Und, wirst du zum ersten Post-Reunion-Auftritt von 
JAMC nach Kalifornien fliegen? 

William hat mich eingeladen, aber ich glaube, ich will 
das nicht sehen. Aber sie spielen ja auch in London, und 
da gehe ich hin. Ich hatte neulich auch einen Traum, da 


war ich auf dem Konzert in Kalifornien und da haben sie 
einen ganz schrecklichen Auftritt hingelegt ... Aber ich 
habe sie vor ein paar Wochen in London bei der Probe in 
einem Studio gesehen, und das war ehrlich gesagt richtig 
gut. Die waren so phantastisch, dass es mir die Tränen in 
die Augen trieb, so emotional war das. William und Jim 
waren selbst überrascht, wie gut es lief. Und die beiden 
haben in den letzten Jahren auch immer wieder gesagt, 
dass sie vor der Auflösung Ende der Neunziger so gut ge¬ 
klungen hätten wie nie zuvor, dass sie es schade fanden, 
damals nicht weitermachen zu können. 

Wie empfindest du die Fan-Websites, auf denen wild¬ 
fremde Leute irgendwas über deine Brüder schreiben? 
Manche gehen mir richtig auf den Geist, etwa das Mes¬ 
sageboard Some Candy Talking. Ich hasse mich selbst da¬ 
für, dass ich da überhaupt draufschaue, denn was Leute 
über meine Brüder und ihre Musik schreiben, geht mir 
echt auf die Nerven. Die interpretieren da Dinge in Songs 
hinein, die aber eigentlich nichts anderes sind als einfach 
nur Lieder ohne Hintergedanken. Aber es gibt wohl ein¬ 
fach Leute, die extrem über manche Dinge nachdenken, 
und ich kann das einfach nicht nachvollziehen. 

Joachim Hiller sistervanilla.com 



MINE IS A GIN TONIC 

YOU AM I 


Als Frontman und Songwriter der seit 1989 existierenden Rock’n’Roll-Band YOU AM I gehört Tim Rogers 
heute zu den Eider Statesmen der australischen „Alternative“-Szene. Während einige jüngere und inter¬ 
national erfolgreichere, australische Bands wie beispielsweise THE LIVING END, JET ,THE VINES oder 
WOLFMOTHER in Deutschland bekannt sein dürften, scheint es im Falle von YOU AM I anders zu sein. 


mit Leuten herum, die wir noch nicht mal respektierten. 
Auf der anderen Seite sind wir durch unseren Erfolg auch 
mit Leuten in Kontakt gekommen, die wir wirklich mö¬ 
gen.* Egal, durch die Erfahrungen sind wir als Band bes¬ 
ser geworden. Ich glaube stark daran, dass wir musika¬ 
lisch noch nicht das erreicht haben, wozu wir in der Lage 
sind. Ich glaube, wir haben ein paar Alben gemacht, auf 
die die Zusammenarbeit mit einem Major abgefärbt hat 
und ich bereue es. Aber wir haben nie etwas geschrieben, 
um „erfolgreich“ zu sein, wir waren es einfach leid, im¬ 
mer wieder gefragt zu werden, genau das zu tun. 

Tim, du hast hier wegen einer körperlichen Auseinan¬ 
dersetzung mit dem Moderator von „Australian Idol“ 
Aufsehen erregt. Deine Texte, die oft in der Art eines 
Storytellers ä la Ray Davies sind, zeigen dich allerdings 
von einer sensibleren Seite. 

Ich bin aufgewachsen mit Football-Spielern und degene¬ 
rierten Rock’n’Rollern als Helden, ein australisches Vor¬ 
stadt-Kid, das Großstadt-Musik liebte. Ich war früher sehr 
nervös, ein Angeber, fasziniert von Alkohol und Drogen, 
der dennoch einen Drang verspürte, etwas Kreatives zu 
machen. Wie jeder ein Bündel von Widersprüchen und 
Ablenkungen. Da ich anfällig bin für Depressionen und 
Angstzustände, drehe ich entweder voll auf oder ich ver¬ 
krieche mich irgendwo. Ich wünschte, ich wäre etwas 
geradliniger und ausgeglichener, vor allem wegen mei¬ 
ner Tochter, aber ich arbeite daran. Meine Texte und das 
gelegentliche Verhalten sind Produkt meines beschriebe¬ 
nen Zustandes, schätze ich mal. 

Ihr habt im Laufe der Jahre mit einigen namhaften 
Bands wie SOUNDGARDEN, ROLLING STONES, THE 
WHO, OASIS und THE STROKES zusammen getourt. 
Du bist ebenfalls von Wayne Kramer gefragt worden, 
bei DKT/MC5 während ihrer Australientour Gitarre 
zu spielen. Warum ist nichts daraus geworden? 


Ich musste Wayne absagen: „Sorry dude, gotta play with 
THE WHO.“ Mensch, erst dachte ich, es wäre ein Witz, 
ich hätte liebend gerne mit ihm zusammen gespielt, er 
war großartig, sweet und trotzdem tough. Aber es wäre 
nur ich gewesen, das hätte ich meinen Jungs nicht an¬ 
tun können, weil wir zur gleichen Zeit das Angebot hat¬ 
ten, für THE WHO während ihrer Australientour zu er¬ 
öffnen. Vor allem Davey wäre mir sonst glatt an die Gur¬ 
gel gegangen. 

Euer Song „Berlin chair“ wurde von den Hörern des 
Radiosenders Triple J zum besten australischen Song 
der Neunziger gewählt. Was ist ein „Berlin chair“? 

Das ist eine Skulptur, von der ich mal gedacht habe, sie 
w r äre analog zu meinem Charakter. Schreckliche Lyrics. 
Mit deiner eher Country- und Folkrock-orientierten 
Band THE TEMPERANCE UNION hast du bisher zwei 
Alben veröffentlicht. Hast du eine bestimmte Strategie 
beim Songwriting? 

Ich habe beim Songwriting keine Strategie, welcher Song 
für welche Band ist. Ich fühle mich zu beiden Bands 
hingezogen, mit einem Drang, Songs für sie zu schrei¬ 
ben, wobei sie beide wirklich sehr unterschiedlich sind. 
I’m the luckiest bastard around to play in two dynami- 
te bands. Zum Glück sehen sie auch noch alle besser aus 
als ich. 

Im letzten Jahr warst du während der T’N’T-Tour mit 
Tex Perkins auch in Deutschland unterwegs. Hast du 
vor, in Zukunft mit YOU AM I dort zu spielen? 

In diesem Jahr komme ich erstmal alleine, später dann 
mit YOU AM I. Hamburg gefällt mir viel zu gut, warnt 
mal besser eure Einwanderungsbehörde vor. 

Sonst noch was? 

Ich fange am Montag mit einer neuen Platte an. So, und 
für mich jetzt bitte einen Gin Tonic. 

Matt Henrichmann youami.com.au 


OX-FANZINE 53 































LOGH 


„WE WANNA SOUND LIKE A POP BAND“ 

Eine dunkle und saukalte Winternacht im Dezember 2004: LOGH, die gerade in den letzten Zügen ih¬ 
rer „The Raging Sun“-Tour liegen, während das dritte Album „A Sunset Panorama“, das Anfang 2005 
erscheinen soll, bereits im Kasten ist, entlassen uns nach einem hinreißenden Konzert auf den Heim¬ 
weg. Es ist eine stille Rückfahrt, bei der das Autoradio zur Abwechslung einfach mal aus bleibt. Seit¬ 
dem habe ich LOGH noch ganze vier Mal live gesehen, zuletzt in Berlin während der einwöchigen Pro¬ 
mo-Tour im vergangenen Februar. Mit halber Besetzung spielten die Schweden die Songs ihres neuen 
Albums „North“ als Akustik-Set und es war zu ahnen, dass sie auch diesmal das machen, was sie am 
besten können: alles anders. Einen Monat später treffe ich Sänger und Gitarrist Mattias Friberg in Köln 
zur Bestandsaufnahme. 


Mattias, wenn jetzt jemand behauptet, dass ihr wie 
eine Popband klingt, würdest du ihm Recht geben? 

Wir wollen wie eine Popband klingen. Wir versuchen, 
eine Popband zu sein. Ich weiß nur nicht, ob man das im¬ 
mer so wahrnimmt. 

Es gab da einen Song, der mich an DEATH CAB FOR 
CUTIE erinnert hat. Falls das ein gutes Zeichen ist... 

DEATH CAB FOR CUTIE ist eine tolle Band, aber ich wür¬ 
de mir zu Hause nicht ihre Platte anhören. Ich höre mir 
zu Hause sowieso kaum Platten an. Und wenn doch, 
dann keine Popmusik. 

Und warum soll dann LOGH klingen wie eine Pop- 
band? 

Ich wollte unsere Musik vereinfachen. In dem Sinne, dass 
es ihren Hauptgedanken ans Licht bringt. Ich denke, dar¬ 
um geht es bei Popmusik: die Ideen zu destillieren. 

2002 erschien euer Debüt „Every Time A Bell Rings, 
An Angel Gets His Wings“. Seither hieß es von eurem 
Sound immer, er sei sehr minimalistisch. Gilt das auch 
für „North“ oder ist es ein Schritt in eine andere Rich¬ 
tung? 

In gewissem Sinn ist es ein Schritt in eine andere Rich¬ 
tung. Gut, wenn du es mit dem ersten Album vergleichst, 
ist es viel weniger minimalistisch, aber wir sind immer 
noch sehr bedacht um jede Note, die wir spielen. Es ste¬ 
cken viele Gedanken dahinter. Jedes Instrument, jeder 
Akkord hat seine Berechtigung. Das ist sicher minima¬ 
listisch. Aber wir hätten nicht als vierköpfige Band wei¬ 
termachen wollen, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, und 
dann jahrelang immer die gleiche Musik spielen. 

Die Leute, denen „The Raging Sun“ besonders gefallen 
hat, werden sich bei „North“ jetzt fragen, wo der düs¬ 
tere Sound hin ist. Empfindest du selbst „The Raging 
Sun“ auch als so düster? 

Für mich ist es das düsterste Album. Wir waren in einer 
beschissenen Verfassung, als wir es aufgenommen haben. 
Als es veröffentlicht wurde, habe ich versucht, mir ein¬ 
zureden, es wäre in irgendeiner Weise hell und freund¬ 
lich. Aber ich denke nicht, dass es das wirklich ist. Für 
mich bedeutet es Dunkelheit. 

Textlich hat mich eure erste Single „Saturday Night- 
mares“ an ein klassisches Horrorfilmdrehbuch er¬ 
innert: Jemand wird von einem Geist verfolgt, aber 
wenn er den Geist schließlich erkennt, hilft es ihm, et¬ 
was Wichtiges zu begreifen ... 


Genau darum geht es. Aber der Geist ist LOGH. Es geht 
um die Band. Wir haben ziemlich harte Zeiten durchge¬ 
macht. Der Song handelt von diesen Problemen innerhalb 
der Band. Es ist ein sehr persönlicher Text, es ist eine Eh¬ 
rung der anderen Jungs. 

Das Album endet mit einem Song, der „A new hope“ 
heißt. Ist das so eine Art Bekenntnis? 

In „A new hope“ geht es eigentlich nur ums Trinken. 
Klar kann man da noch andere Dinge hineininterpretie¬ 
ren, aber es geht hauptsächlich um den Frust, wenn die 
Bars um eins schließen und man noch einen draufma¬ 
chen will. 

Erzähl mir mal was über die Aufnahmen für „North“. 
Es scheint ja nicht ganz ohne Bedeutung zu sein, dass es 
zehn Monate gedauert hat, bis das Album fertig war. 

Die eigentlichen Aufnahmen haben nur vier Monate ge¬ 
dauert, aber selbst das ist eine lange Zeit. Die ersten fünf 
Monate habe ich mit dem Schreiben der Songs verbracht. 
Im Juli haben wir dann angefangen aufzunehmen. Es 
war von Anfang an unser Plan, im Sommer aufzuneh¬ 
men, weil wir diese schöne Atmosphäre haben wollten, 
bloß keinen Schnee und keine Kälte. Und der Sommer 
war hier wahrscheinlich auch großartig, aber in Schwe¬ 
den war es so warm wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Wir 
sind jeden Tag im Meer schwimmen gewesen, hatten ge¬ 
mütliche Abendessen ... Natürlich ist es für uns nie ein¬ 
fach, zusammen aufzunehmen, weil wir viele unter¬ 
schiedliche Ansichten haben, aber alles drum herum war 
fantastisch. 

Seit letztem Jahr habt ihr zwei neue Bandmitglieder 
bei LOGH. Hat das eure musikalischen Möglichkeiten 
vergrößert? Ich denke da vor allem an den Mann am 
Klavier. 

Klar. Es hat viel mit dem Klavier zu tun, weil Karl auch 
einfach unglaublich ist. Und natürlich bringt es neue 
Möglichkeiten. Die beiden hatten aber auch vorher schon 
eine ganze Weile mit uns gespielt. Für mich ist das Wich¬ 
tigste daran, dass sie jetzt zur Band gehören, dass sie ein 
Gleichgewicht herstellen, das nicht immer gegeben war, 
als wir noch zu viert waren. Es macht unsere Zeit zusam¬ 
men viel besser. Sie bringen Licht in die Dinge, sie hal¬ 
ten sie zusammen. Deshalb ist es für mich eine rein per¬ 
sönliche Sache. 

Euer Tourplan ist wieder ziemlich vollgestopft: Ihr 
reist quer durch Europa, teilweise sehr lange Strecken. 


Wie macht man das eigentlich? Ganz schön hart, wenn 
man wochenlang unterwegs ist. Schlägt das Touren nie 
aufs Gemüt oder sorgt für Stress untereinander? 

Ist schon vorgekommen. Aber erst einmal machen wir 
das jetzt schon so lange, dass es uns nicht mehr viel aus¬ 
macht. Man wird einfach nicht müde. Und dann war es 
letztlich die Tour, die wir letztes Jahr im Januar gemacht 
haben, und die uns dazu motiviert hat, die neue Platte 
aufzunehmen. 

Weil ihr so ein gutes Feedback bekommen habt? 

Deshalb natürlich auch. Aber vor allem, weil wir so viel 
Spaß im Tourbus hatten. 

Es gibt ja auch gar nicht so viele Bands, die so weite 
Strecken machen. In Spanien zum Beispiel oder Por¬ 
tugal. 

Wahrscheinlich nicht. Wir gehen das eigentlich so an wie 
ein Abenteuer. Es soll sich so anfühlen wie Urlaub. Ein 
Haufen befreundeter Typen in einem Bus. Du siehst un¬ 
terschiedliche Orte, gehst aus und obendrein kannst du 
noch Konzerte geben. Du kriegst sogar Geld dafür. Wie 
gesagt, das Wichtigste ist, dass wir Freunde sind und zu¬ 
sammen Spaß haben können. Und die Crew, die wir mit¬ 
nehmen, ebenfalls. Wenn es anders wäre, würden wir 
das nicht hinkriegen. 

Manchmal witzeln wir, dass Pelle Gunnerfeldt der 
einzige Musikproduzent in ganz Schweden ist, weil es 
manchmal so wirkt, als hätte er einfach bei jeder Plat¬ 
te, die aus Schweden kommt, seine Finger im Spiel. 

Er tut schon eine Menge. Unsere neue Platte hat er nur ab¬ 
gemischt und er hat einen richtig guten Job gemacht. 
Wenn ich beschreiben soll, wie andere Bands klin¬ 
gen, sage ich manchmal: Die klingen ein bisschen wie 
LOGH. Aber ich habe noch nie gesagt, LOGH klingen 
wie irgendwer. Liegt das daran, dass euer Sound so 
schwer zu beschreiben ist? 

Ich denke, es liegt daran, dass wir uns sehr bemühen, 
nicht so zu klingen wie irgendwer anders. Wir sind nicht 
von aktueller Musik beeinflusst, von dem, was gerade hip 
ist und was nicht. Aber dieses Mal hatten wir maßgebli¬ 
che Einflüsse, die wir benennen können. 

Das konnte ich ja erst nicht so recht glauben: Roy Orb- 
ison, Kate Bush ... 

Vangelis war der allerwichtigste Einfluss. Und danach 
Roy Orbison. Vor allem die beiden. 

Ihr scheint ja auch recht gut darin zu sein, so etwas 
zu verarbeiten. Als ich euer SLAYER-Cover zum ers¬ 
ten Mal gehört habe, habe ich kaum geglaubt, dass es 
wirklich der gleiche Song ist. 

Na ja, wir mögen Musik. Jede Art von Musik. Wir versu¬ 
chen es so weit wie möglich zu streuen. Wir versuchen, 
uns nicht beeinflussen zu lassen, aber natürlich färbt die 
Musik, die wir hören auch auf das ab, was wir spielen. 

Nach „The Raging Sun“ haben viele vermutet, ihr kämt 
aus dieser Postcore-Ecke, in dem Sinne: man fängt mit 
dem Lauten an und bricht es herunter. Wenn man sich 
eure Songs dann aber so anhört, könnte man meinen, 
dass eigentlich die Stille als Erstes da ist. 

Uns wurden lange Zeit all diese merkwürdigen Bezeich¬ 
nungen aufgedrückt: Emo und alles, was irgendwie auf- 
core endet und andeuten sollte, dass wir einen Hardco- 
re-Background haben, was eben nicht stimmt. Niemand 
von uns hat jemals in einer Hardcore-Band gespielt. Wir 
versuchen, Stille einzusetzen, so gut es geht. Wenn du je¬ 
manden spielen siehst, dann sind da Geräusche, Klänge 
und Bewegung. Wenn die Band auf einmal für eine Mi¬ 
nute völlig still wäre, dann würden die Leute reagieren, 
vielleicht anfangen rumzuschreien oder was auch im¬ 
mer. Es ist ein starkes Mittel, um die Aufmerksamkeit der 
Leute zu bekommen. Denn für die meisten Leute ist Stil¬ 
le das Beunruhigendste überhaupt. 

Ich gerate öfter mal mit Leuten aneinander, die bei 
Konzerten kontinuierlich quasseln. Mir scheint, die 
wollen unterhalten werden, und wenn es dann mal 
ruhig ist, dann ist das für sie bloß eine Unterbrechung 
der Unterhaltung. 

Na gut, es ist unser Job zu unterhalten. Das ist eine ver¬ 
dammt trickreiche Angelegenheit. Wir haben unsere ei¬ 
gene Art, es zu tun. und wenn Leute das nicht als Unter¬ 
haltung betrachten können - fein. Für den Rest des Pu¬ 
blikums ist das natürlich ärgerlich. Aber wir sehen auch 
ein, dass manchen Leuten eben nicht gefällt, was wir ma¬ 
chen. 

Also fühlst du dich wohl damit, wenn man es jetzt als 
Popmusik bezeichnet, was ihr macht? 

Ja, sehr viel wohler als mit Emo. Das, was ich unter Emo 
verstehe, ist einfach nur fürchterlich. Das heißt nicht, 
dass jede Band, die als Emo bezeichnet wird, fürchterlich 
ist. Es ist einfach nur so, dass es mich schüttelt, wenn ich 
über jenen Anteil nachdenke. 

Magst du mir mal eine Frage nennen, die du im Inter¬ 
view gerne mal beantworten würdest, die aber nie ei¬ 
ner stellt? 

Wenn man Interviews gibt, will man meistens weniger 
über die Band reden oder über die Musik. Du willst über 
gutes Essen oder so etwas sprechen. Mehr persönliches 
Zeug, das ist der angenehme Teil. 

Annika Büsing logh.se 


OX-FANZINE 55 












YOU CAN TURN THE CLOCK BACK 

DOM MARIANI 

Bei einem Reunion-Gig der STEMS, Ende 2004 in Melbourne, lernte ich Dom 
Mariani, den Sänger und Gitarristen der Band, im Backstagebereich des Cor¬ 
ner Hotels kennen. THE STEMS waren eine 60s Garage-Band aus Perth, 
Western Australia, die von 1984-87 existierte. Das Debütalbum „At First Sight 
- Violets Are Blue“ ist eine meiner Lieblingsplatten des Neo-Sixties-Garage- 
Genres. Dom Mariani gründete später die Gitarrenpop/Powerpop-Bands THE 
SOMELOVES und DM3, heute ist er Mastermind des Surf-Instrumental-Out- 
fits THE MAJESTIC KELP. Damals im Corner Hotel erzählte Dom mir von ei¬ 
nem neuen, geplanten STEMS-Album. Via E-Mail horchte ich nach, was der 
aktuelle Stand der Dinge ist. 


Dom, auf der Band-Website ist das neue Album von THE STEMS bereits für Mai 2006 
angekündigt. 

Die Idee einer neuen STEMS-Platte ist jetzt schon ein paar Jahre alt. Aber wegen anderer 
Projekte und den üblichen Verpflichtungen war es für uns bisher schwierig, uns alle zu¬ 
sammen zu treffen, um die Aufnahmen zu beenden. Wir fingen mit den Aufnahmen im 
November 2004 im OffTheHip-Studio in Melbourne an. Das war am Tag nach dem Oz Ve¬ 
gas Wig Out-Gig, wo wir gespielt hatten. Wir waren von den Wig Out-Shows wieder ein 
bisschen angefixt und daher interessiert, bald etwas aufzunehmen. Wir machten mit den 
Recordings im Februar 2005 in Perth weiter, aber dann kam es mit der Band bis Septem¬ 
ber 2005 zum Stillstand. Seitdem haben wir eine Handvoll lokaler Shows gespielt und ein 
paar neue Songs geschrieben, die wir vor kurzem angefangen haben aufzunehmen. Die 
Songs, die wir 2004 aufgenommen hatten, haben wir noch mal re-recorded. Wir fanden, 
dass es für die Gesamtkontinuität des Albums so am besten ist. Das Problem, das wir hat¬ 
ten, ist einfach der Zeitfaktor. Aber jetzt kann ich sicher sagen, dass wir uns auf der Zielge¬ 
raden befinden. Nur noch Overdubs, dann nehmen wir die Aufnahmen mit in die Staaten 
zum Abmischen. Ich denke, es wird ein Juli/August-Release, aber nagel mich nicht darauf 
fest. Irgendwann in der zweiten Hälfte von 2007 wird es aber sicherlich was. 

Von deinen verschiedenen Formationen sind in der letzten Zeit ja einige Tonträger he¬ 
rausgekommen: „Terminal Cool“, die STEMS-Anthology auf Get Hip, das zweite Al¬ 
bum von THE MAJESTIC KELP, ebenfalls eine SOMELOVES-Anthology, eine Best-Of- 
Dom Mariani-Doppel-CD - „Popsided Guitar“ - sowie eine CD mit Rarities und Out¬ 
takes auf OffTheHip. Und vor zwei Jahren auct noch ein Album mit den STONEA- 
GE HEARTS. 

Es waren für mich produktive Jahre, da stimme ich dir zu. Das ist ebenfalls einer der Grün¬ 
de, warum das neue STEMS-Album so lange in der Warteschleife ist. Alle Bands, bei de¬ 
nen ich involviert war, haben mir Spaß gemacht. Die Aufnahmen für die neue STEMS-Plat¬ 
te laufen bisher gut, ich höre immer noch ziemlich viel R&B/Garage-Sound und ich kann 
mich glücklich schätzen, in solch einer Band Mitte bis Ende der Achtziger gewesen zu sein. 
Die neuen Aufnahmen gehen wirklich zurück bis zu diesen Wurzeln. Ich bin aufgewach¬ 
sen mit klassischer Pop- und Rock’n’Roll-Musik. Die STEMS entwickelten sich vom Gara¬ 
ge-Sound hin zu einem Powerpop-Style, der die Spätphase prägte, und den ich nach dem 
Break der STEMS mit den SOMELOVES und DM3 weiter verschärft verfolgte. Ich fand da¬ 
mals, dass ich mit DM3 wirklich an die Grenzen meiner Songwriter-Fähigkeiten gestoßen 
bin. Besonders mit der „RoadTo Rome“-Platte, welche meine Lieblingsplatte von den drei¬ 
en, die wir mit DM3 gemacht haben, ist. Die „Popsided Guitar“-Anthology war ein guter 
Rückblick auf diese Bands und deren Songs. Neben dem neuen STEMS-Album ist jetzt THE 
MAJESTIC KELP mein Hauptprojekt. Wir haben bisher zwei Alben veröffentlicht. Von allen 
Bands, die ich hatte, ist es die Band, die mich am meisten zufrieden stellt. Instrumental- 
Musik hat mir immer schon Spaß gemacht, sei es THE VENTURES, Link Wray, BOOKER T 
AND THE MG’S, THE METERS oder Ennio Morricone. Auf die eine oder andere Art haben 
sie alle Einfluss auf mich gehabt. Ich weiß, einige Leute werden denken, dass dieses In¬ 
strumental-Ding ein etwas seltsamer Stilwechsel für mich ist, aber ich fühle mich da be¬ 
freit, so dass ich viel mehr musikalischen Ideen frönen kann und etwas eher Einzigarti¬ 
ges kreieren kann. Das Pop-Element ist immer noch da. Da sind immer noch jede Men¬ 
ge Hooks, etwas, das für mich ganz normal ist. Die STONEAGE HEARTS-Aufnahmen pas¬ 
sierten zwischen all diesen anderen Dingen. Es waren ein paar Songs, die ich schon Jah¬ 
re hatte, die aber nicht richtig in die DM3-Playlist passten. „Trouble girl“ war der einzige 
richtige STONEAGE HEARTS-Song, den ich während unserer ersten Probe schrieb, wäh¬ 
rend „Eye of a lie“ ein übrig gebliebener STEMS-Song war, bei dem ich versuchte, wie die 
ELECTRIC PRUNES zu klingen. 

Perth ist bekannt als die isolierteste Millionenstadt der Welt. Die am nächsten gele¬ 
gene größere Stadt, Adelaide, liegt mehr als zweieinhalbtausend Kilometer entfernt. 


TEIL 1: AUSTRALISCHER PUNK/ROCK DER SIEBZIGER 

In dieser Rubrik stellen wir euch zehn ganz objektiv subjektiv ausgewählte Platten vor, 
die für den jeweiligen Verfasser die besten des Genres darstellen. Für die nächsten Fol¬ 
gen nehmen wir gerne eure Anregungen an. 


RADIO BIRDMAN 
Radios Appear 

Trafalgar/WEA, 1977 | Das Debüt dieser Kultband hat 
das, was eine Platte langfristig als „herausragend“ klas¬ 
sifiziert: Energie, Melodien, Dynamik, charismatischer 
Gesang. Dem? Tek war damals Kopf der Band, dennoch 
waren sie eine konzeptionelle Einheit, visuell im be¬ 
kannten Logo versinnbildlicht. Sie besaßen Image, Do- 
It-Yourself-Ethos und selbst ein eigenes Venue, das Ox¬ 
ford Funhouse. Der Follow-up „Living Eyes“ wurde 1978 
während der UK-Tour aufgenommen, kam aber erst 
1981 heraus. Die australische Radios-Appear-Version hat 
andere Songs als die Overseas-Version (SIRE. 1978). 

AC/DC 

Highway To Hell 

Albert/EMI 1979 [ Mit dem Highway zur Hölle fing für 
mich alles an. Ich bekam diese Scheibe 1979 zu Weih¬ 
nachten geschenkt. Angus Young in Schuluniform und 
mit Teufelshörnern war für mich damals mit 12 Jah¬ 
ren neben KISS das Coolste überhaupt. Heute höre ich 
diese Songs eher in Pubs, aber sie rocken immer noch. 
„T’N’T“ (1975) und „LetThere Be Rock“ (1977) müssten 
eigentlich ebenfalls in dieser Liste genannt werden. Von 
der Musikpresse sind sie teilweise mit „Punk“ assoziiert 
worden. Für viele unvergesslich: Bon Scott. 

THE SAINTS 
(Pm) Stranded 

EMI, 1977 | Australiens erste Punkband. 1973 im damals 
äußerst konservativen Brisbane als KID GALAHAD AND 
THE ETERNALS gegründet. Sie selbst hielten sich für eine 
Rockh’Roll-Band. die Eddie Cochran/Chuck Berry be¬ 
einflusste Uptempo Songs spielten. „(I’m) Stranded/No 
Time“ kam als Single im September 1976 heraus, noch 
vor der allerersten britischen „Punk“-Single (von THE 
DAMNED). Das Musikmagazin Sounds feierte „(I’m) 


wm birdmüh • mm hppemr 


Stranded“ als ..single of this and every week" ab, was ih¬ 
nen unter anderem den Deal mit EMI einbrachte. Unver¬ 
kennbar Chris Baileys Gesang. 

THE SAINTS 
Prehistoric Sounds 

EMI/Harvcst, 1978 ] Im Grunde gehört die zweite LP, 
„Eternally Yours" (1978), auch in diese Top Ten. „Prehis¬ 
toric Sounds" ist die letzte mit Edmund Kuepper, eine oft 
verkannte, sehr gute Platte. Bailey wollte weiterhin Drci- 
Akkord-Roeker spielen, während Kuepper die Band in 
eine experimentelle, unkommerzielle Richtung lenken 
wollte, was sich in der teilweise düsteren Stimmung und 
den souligen Bläser-Arrangements zeigt. Bailey behielt 
den Namen THE SAINTS bei, während Kuepper eine sei¬ 
ner Folgebands THE AINTS benannte. 

ROSE TATTOO 
Rose Tattoo 

Albert/EMI, 1978 j Das Debüt der Tatts aus Sydney 
ist Aussie-Pub-Rock’n’Roll at it’s best, auch wenn sich 
mein Lieblings-Kneipensong „Rock'n’Roll is king“ auf 
dem Zweitling „Assault And Battery" (1981) befindet. 
Songs wie „Rock’n’roli outlaw“, „Nice boys don’t play 
rock’n’roll“. „Stuck on you“ und so weiter sind Klassi¬ 
ker. Ebenfalls eine Band mit für die damalige Zeit unge¬ 
wohntem Image. Markant: der kleine Fronunatm Gary 
„Angry“ Anderson. Ebenso wie AC/DC von Harry Van- 
da & George Young (THE EASYBEATS, Albert Records) 
produziert. 

THE ANGELS 
Face To Face 

Albert/EMI 1978 j Neben AC/DC und ROSE TATTOO 
sind die Adelaide Pub-Rocker die dritte Band, die 70s Oz 
Rock über die Grenzen Australiens hinaus bekannt ge¬ 
macht haben. Das selbstbetitcltc Debüt von 1977 enthält 


den Klassiker „Am l ever gonna see your face again". Auf 
dem Nachfolger befinden sich insgesamt mehr Straight- 
forward-Rocker. Aufgrund ihres charismatisch-theatra¬ 
lischen Frontmanns Doc Neeson sind sie teilweise als 
Punk/New Wave Out fit angesehen worden. Sleaze-Ro- 
cker wie MÖTLEY CRÜE und GUNS N’ROSES sollen THE 
ANGELS als ihre Einflüsse angegeben haben. 

COLOURED BALLS 
Ball Power 

EMI, 1973 | Lobby Loyde, der Sänger und Gitarrist die¬ 
ser Progrock-Combo, wird heutzutage als „Godfather 
of heavy Oz rock“ bezeichnet. Die Debüt-LP wird heu¬ 
te als Protopunk ä ia MC5. PINK FAIRIES. HAMMERS¬ 
MITH GORILLAS eingestuft. Er selbst bezeichnete sie 
einfach als „our way to say ,fuck you’ to the music in- 
dustry“. Auf Konzerten kam es vereinzelt zu Randale sei¬ 
tens ihrer Skinhead Anhängerschaft. „Human being" 
wurde später von BORED! gecovert, „G.O.D.“, ein Non- 
LP Song, von den COSMIC PSYCHOS. Die Original-LP ist 
heute ein Collectors’ Item, auf Aztec Records 2006 als 
CD rereleast. 

THE MANIKINS 

s/t 

Two Tribes, 2004 | Diese Formation ist aus der ersten 
Perth Punk-Band THE CH EAP NASTIES (mit Kim Sal- 
mon) hervorgegangen und spielte Modpunk, der grob 
nach THE }AM klingt. Diese CD mit Aufnahmen von 78- 
80 sei stellvertretend genannt für die 70s Aussie-Punk- 
bands, die in den Siebzigern nur EPs, aber keinen Long- 
player veröffentlicht haben, deren Output aber im Nach¬ 
hinein als Zusammenstellung herausgekommen ist. In 
diese Kategorie fallen ROCKS, THE V1CT1MS, JOHN¬ 
NY DOLE AND THE SCABS. THE LEFTOVERS, THE 
THOUGHT CRIMINALS und THE VISITORS (mit Tek. 
Hoyle und Keeiey von RADIO BIRDMAN). 

YOUNG MODERN 
Play Faster 

Local, 1979 | Die einzige, posthum erschienene Platte 
dieser 1977 in Adelaide gegründeten 60s-beeinflussten 
Mod-Powerpop-Combo dürfte wohl selbstironisch be¬ 
titelt worden sein: „Come on you wimps, play faster“ 
lautete bei Konzerten häufig der Zuruf aus der Menge, 



die eher Pubrock/Hardrock-Bands wie THE ANGELS 
oder COLD CHISEL gewohnt war. Die Songs erinnern an 
Bands wie BIG STAR und FLAMIN' GROOVIES. Bekannte 
Aussie-Bands wie SUNNYBOYS und HOODOO GURUS 
zählten YOUNG MODERN zu ihren Einflüssen. Als „2 Stil 
Anniversary Edition“ zusammen mit Bonusmaterial auf 
Aztec Records wiederveröffentlicht. 

LOADED DICE 
No Sweat 

WEA, 1979 | Komplett in Vergessenheit geraten scheint 
heute diese Rock’n’Roll/Powerpop-Kapelle zu sein. We¬ 
der im Standardwerk „The Encyclopedia Of Australian 
Rock And Pop“ (lan McFarlane), noch in alten Fanzines, 
noch im Internet lassen sich Informationen finden, ein¬ 
zig dass sie im 78 Records Shop in Perth erhältlich ist. 
Aufgenommen wurde sie in Sydney, dessen Rotlichtbe¬ 
zirk Kings Cross auch in einem Stück besungen wird. Die 
Songs erinnern an die EASYBEATS, sie sind nur etwas 
härter. Einige Songs klingen nach UNDERTONES. Keine 
repräsentative LP. dafür aber eine sehr gute. 

Eine Anmerkung: „Don’t Throw Stones“ (Mushroom, 
1978), die zweite Platte der Melbourne Powerpop/R&R/ 
Soul-Band THE SPORTS (vom Sound her in Rich¬ 
tung Graham Parker, Joe Jackson, Elvis Costello) hätte 
noch irgendwo untergebracht werden müssen. „Door 
Door" (Mushroom/Festival 1979), das Debüt der BOYS 
NEXT DOOR, Nick Caves erster Avantgarde/Punk-For¬ 
mation gehört aufgrund seines großen Einflusses auf 
spätere Bands in diese Liste, die Platte gefällt mir aller¬ 
dings nicht. 

Matt Henrichmann 



OX-FANZINE 56 





DOM MARIANI/TIM PITTMAN 


Wirkt sich diese Abgeschiedenheit auf die lokale Musikszene aus, wie es manchmal 
auch vermutet wurde? 

In der Vergangenheit ist von einem bestimmten „Perth Pop Sound“ gesprochen worden. 
Die Leute reden über die Isolation in einer romantischen Art. Vielleicht ist es ja auch alles 
nur die Sonne? Ich bin mir da nicht sicher, aber letztendlich glaube ich nicht, dass es ei¬ 
nen speziellen Perth-Sound gibt. Es gibt eine sehr große lokale Szene hier und eine Men¬ 
ge Bands von hier haben Erfolg in ganz Australien, aber ich bin nicht wirklich ein Fan von 
Mainstream-Musik. 

Als ihr 1984 mit den STEMS angefangen habt, gab es in Australien mit den HOODOO 
GURUS und den LIME SPIDERS bereits Bands, die Garage beeinflusst waren. Wusstet 
ihr damals, dass das 60s-Garage-Revival in den USA mit Bands wie THE FLESHTONES, 
THE CHESTERFIELD KINGS, THE FUZZTONES schon seit ein paar Jahren im Gange 
war? 

Nein, als wir mit den STEMS starteten, hatte ich keine Ahnung davon. Erst als ich eine 
Ausgabe des Bucketfull Of Brains-Fanzines bei Dada Records aufgelesen hatte, erfuhr ich 
von diesen gleichgesinnten Bands aus USA und Schweden. Es war cool, Teil einer aufblü¬ 
henden Szene zu sein. Ich erinnere mich, dass einer meiner Freunde mir damals die ers¬ 
te CHESTERFIELD KINGS-Platte zeigte und meinte: „Hey have you heard of these guys? 
They’re doing the same thing as you“. Ich hatte eine ganz gute Collection von Sixties- 
Platten in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern angehäuft. Ich fand die Original- 
„Nuggets^Compilation circa 1980 secondhand, ebenso die „Underground“-LP der ELEC¬ 
TRIC PRUNES, welche beide meine Obsession für 60s Garage auslösten. Circa 83/84 fing 
es an, dass man Reissues von CHOCOLATE WATCHBAND und THE SEEDS in den etwas hip¬ 
peren Plattenläden fand. Zu der Zeit wurden ebenfalls einige von den australischen 60s- 
Bands wie die frühen MASTERS APPRENTICES, THE EASYBEATS, die MISSING LINKS und 
die „Magic Box“ der LOVED ONES wiederveröffentlicht. 

Die STEMS sind von Rob Younger produziert worden, die SOMELOVES von Mitch Eas- 
ter, der zuvor auch für R.E.M. gearbeitet hatte. Wie war die Zusammenarbeit? 

Ich habe viel mehr mit Mitch zusammengearbeitet als mit Rob, aber beide waren auf ihre 
Art großartig. Sie hatten beide eine sehr unterschiedliche Herangehensweise. Rob drängte 
uns dazu, unsere bestmögliche Rock’n’Roll-Performance live im Studio aufzunehmen. Wir 
haben da nicht viel Overdubs gemacht. Es war eine einfachere Herangehensweise. Mitch 
bevorzugte eine eher stufenweise ausgerichtete Technik mit sechs verschiedenen Gitarren- 
Parts für jeden Song und unterschwelligen Keyboard-Parts. Er benutzte viel mehr techni¬ 


sches Equipment in seinem Studio, um den perfekten Sound zu kreieren. 

Wie war eurer Gig in New York vor ein paar Jahren, als ihr auf Little Steven Van Zandts 
Underground-Garage-Festival gespielt habt? 

Mal angenommen, du spielst auf einem Rock-Festival und könntest die Bands, mit denen 
du zusammen spielst, selbst aussuchen - so ungefähr war es für mich auf Little Stevens 
Underground-Festival zu spielen: Bo Diddley.THE STOOGES.THE ELECTRIC PRUNES,THE 
CHOCOLATE WATCHBAND, THE PRETTY THINGS, THE CREATION, BIG STAR, Nancy Si- 
natra, THE NEWYORK DOLLS, um nur ein paar zu nennen. Es war ein fast schon surrealer 
Event. Unser Set war kurz und schon nach zehn Minuten vorbei, aber das gesamte Feeling 
war elektrisierend. Jim Lowe/ELECTRIC PRUNES, Phil May/PRETTY THINGS, Alex Chilton 
und Nancy Sinatra an einem Tag kennen zu lernen, war irgendwie etwas Besonderes. 

Mit DM3 hast du auch in Europa getourt. Was waren da die Highlights? 

DM3 tourten in Europa ein paar Mal während der Zeit von 1994 bis 1999. Unsere ers¬ 
te Show außerhalb Australiens war das Roskilde Festival in Dänemark. Das war ein High¬ 
light. Wir spielten Gigs in Skandinavien und vereinzelt in Deutschland und Italien, aber 
der größte Teil desTourens war in Frankreich und Spanien. Letzteres war besonders gut so 
circa 1995 und 1996. 2001 reformierte ich DM3 mit einem neuen Line-up für eine Ita¬ 
lien- und Schweiz-Tour. 

Spielst du mit einer deiner Bands in Zukunft noch mal in Europa? 

Ich habe da letztes Jahr getourt, um die „Popsided Guitar“-Anthology zu promoten. Eine 
neue Tour ist für Ende des Jahres geplant, um das neue STEMS-Album zu promoten. 

Ich habe eine EP von einer Band namens THE FLAfRZ. 

Das ist die Band von meinem Sohn John und meinem Neffen Dion. Zusammen mit Scarlet 
am Schlagzeug haben sie diese Band jetzt schon seit vier Jahren. Sie fingen ohne Bassisten 
an, aber kürzlich kam Georgia hinzu. Sie sind jetzt alle 13 Jahre alt und sie sind sehr mu¬ 
sikbegeistert. Ihre zweite EP, „Bullseye“, ist vor kurzem rausgekommen. Es ist sehr rockige 
Musik. Sie bekommen ganz gut Aufmerksamkeit, sowohl von hier als auch aus dem Aus¬ 
land. Sie mögen die RAMONES und frühen AC/DC genauso wie klassische Rockbands wie 
ROLLING STONES undTHEWHO. 

Was ist für die nähere Zukunft geplant? 

Erst mal abwarten, wie das neue STEMS-Album läuft. Keine Ahnung, ob es noch mal ein 
STONEAGE HEARTS-Album geben wird, aber für THE MAJESTIC KELP ist das dritte Al¬ 
bum bereits geplant. 

Matt Henrichmann myspace.com/dommariani 


TIM PITTMAN 

PRESENTS FROM DOWN UNDER 

Wer sich für australische Musik zu interessieren beginnt, kommt an den beiden exzellenten Compilati- 
ons „Tales From The Australian Underground“ nicht vorbei - und ist dann hoffentlich angefixt. Aber auch 
die sträflich unterschätzten MARK OF CAIN, eine der Lieblingsbands von Henry Rollins, gehören zu den 
Schützlingen von Tim Pittman aus Sydney, der sich mit Feel Presents dem Aufarbeiten der Rockmusik- 
Geschichte des fünften Kontinents verschrieben hat. 


Stell dich doch bitte mal vor. 

Mein Name ist Tim Pittman und ich bin ein australischer 
Konzertveranstalter. Ich bringe Alternative/Independent- 
Künstler von Übersee nach Australien. Angefangen bei 
Lou Reed, Henry Rollins und Cat Power, über Mogwai 
und THE DILLINGER ESCAPE PLAN bis hin zu TV Smith. 
Ich promote auch ein paar ausgewählte australische Acts, 
wie RADIO BIRDMAN, THE DIRTY THREE, THE MARK 
OF CAIN & THE THOUGHT CRIMINALS und Ed Kuepper. 
Und ich bin auch so was ähnliches wie ein australischer 
Musikarchivar, der sein Handwerk in den 80ern gelernt 
hat und mit australischem Ur-Punk aufgewachsen ist, bis 
alles NIRVANA von überdeckt wurde. 

Wann hast du das Label gegründet und warum? 

Ich habe das Label 2003 gegründet, aber ich habe schon 
sehr viele Jahre zuvor darüber nachgedacht. Ich habe ehr¬ 
lich gesagt erwartet, dass jemand anders diese Zeit aufar¬ 
beitet, in der ich tief eingetaucht war - so wie das auch 
mit den Sixties passiert war -, aber es tat niemand. Ir¬ 
gendwann realisierte ich dann, dass ich es wohl selbst 
machen musste. 

Wie und wann bist du zum Punkrock gekommen? 
Welche Bands waren wichtig für dich? 

Ich war mir dessen schon ziemlich früh bewusst und 
kann mich an eine Geschichte in einer Sonntagabend¬ 
nachrichtensendung im Fernsehen erinnern, welche 
über das Signing der SEX PISTOLS bei A&M vor dem 
Buckingham Palace berichtete. Das muss 1977 gewesen 
sein. Ich habe einen älteren Bruder, der das auch miter¬ 
lebt hat. Dieser fand dann in der Stadt einen Plattenladen, 
der „White Light“ hieß und der erste Import- und Punk¬ 
shop im Land war. Er schaffte Platten von THE STOOGES, 
THE DAMNED und vielen anderen ins Land und damit 
ging es los. Ich stieß in den frühen 1970ern auf RADIO 
BIRDMAN, als eine alternative Radiostation sagte, wenn 
man in einem Monat ein australisches Album kauft, be¬ 
kommt man ein Live-Album der „Live At The Wireless“- 
Radioshow. Ich hörte RADIO BIRDMAN auf dem glei¬ 
chen Radiosender. RADIO BIRDMAN sind immer mei¬ 
ne australische Lieblingsband geblieben, von der frühen 
CBGB’s-Szene bis zur ersten Welle von UK-Punks und all 
dem australischen Kram aus dieser Zeit. Das macht im¬ 
mer noch den größten Teil meiner Lieblingsmusik aus. 
Wie hast du damit angefangen? Hattest du vorher schon 
Erfahrungen mit dem Veröffentlichen von Platten? 

Ich hatte Erfahrungen als Bandmanager von THE EAS- 
TERN DARK, HARD-ONS und THE MARK OF CAIN, aber 
keine Labelerfahrungen. Ich tat nur, was ich für sinnvoll 
hielt, investierte mein Geld und das war es auch schon. 


Welche Labels oder Personen haben dich inspiriert, 
das Label zu gründen? 

Ein australisches Label namens Raven, das großartigen 
australischen Sixtiespunk wie von den UGLY THINGS he¬ 
rausbrachte. Sie waren diejenigen, wo ich am ehesten ver¬ 
mutet habe, dass sie mal die Musik der späten 70er und 
80er aufarbeiten würden, aber sie haben es nie getan. 
Gibt es eine Geschichte hinter dem Namen? 

„Feel“ stammt von einem Song von Kim Salmon. Für 
mich vermittelt dieses Wort den gleichen Vibe wie 
„Soul“, und Seele ist in der Musik sehr wichtig. Wenn et¬ 
was keine Seele hat, besitzt es gar nichts. Genau wie bei 
einem Gefühl. 

Ist das Label ein Hobby für dich, oder bist du in der 
Lage, davon zu leben? Wenn nicht, was tust du, um 
dein Leben zu finanzieren? 

Ich habe eine Menge Ideen, aber aufgrund der vielen Zeit, 
die ich in diese Compilations gesteckt habe, war es nicht 
möglich, daran wirklich etwas zu verdienen und davon 
zu leben. Stattdessen arbeite ich als Veranstalter, und 
wenn ich Zeit und Lust habe, versuche ich, meine Ideen 
zu verwirklichen. 

Hast du eine besondere „Labelpolitik“? 

Also, ich bin ziemlich in der Zeit zwischen 1976 und 
1992 verwurzelt, wenn da etwas gut ist, eine bestimm¬ 
te Langlebigkeit besitzt und eine Geschichte zu erzählen 
hat, veröffentliche ich es. 

Denkst du, australische Rockmusik hat etwas speziell 
australisches an sich? 

Früher war das so, inzwischen aber nicht mehr. Ich den¬ 
ke unsere Isolation und die Distanz zum Rest der Welt 
halfen uns, andere Stimmungen und somit eine Menge 
andere Musik zu schaffen. Inzwischen ist Musik aber ein 
einziger großer weltweiter „Klumpen“ geworden. 

Du hast diese großartige Sampler-Reihe „Tales From 
The Australian Underground“ herausgebracht. Wie 
kam es dazu? 

Ich wurde durch die „Ugly Things“-Sixties-Sampler be¬ 
einflusst und dachte mir, dass man diese Ära in ähnli¬ 
cher Form abdecken müsste. Aufgrund meiner Erfahrun¬ 
gen mit der Musikindustrie denke ich, dass eine Menge 
Leute heutzutage voraussetzen, dass ihnen alles auf einem 
Tablett serviert wird. Und ich wollte zeigen, dass es, be¬ 
vor Punk vor die Hunde ging und alternative Musik die 
Riesenindustrie wurde, die sie jetzt ist, jede Menge Leu¬ 
te gab, die viel Leidenschaft und Arbeit in ihre Musik ge¬ 
steckt haben und das musste endlich mal gewürdigt wer¬ 
den. Es gibt da großartige Musik und jüngere Generatio¬ 
nen sollten auch die Chance bekommen, diese zu hören. 



Beide Sampler sehen nach einer Menge Arbeit aus. Was 
hat dich angetrieben und wie lange hast du an diesem 
Projekt gearbeitet? 

Der erste Sampler hat fünf Jahre in Anspruch genommen. 
Obwohl ich grundsätzlich alles wusste, was ich wissen 
dazu musste, wollte ich das Projekt erst abschließen, als 
ich hundertprozentig zufrieden mit dem Endergebnis 
war. Teil 2 nahm dann drei Jahre in Anspruch. Das pas¬ 
sierte überwiegend in meiner Freizeit, parallel zu mei¬ 
nem normalen Job, Beziehungen und so weiter ... 
Arbeitest du an weiteren Teilen? 

Ja, ich arbeite an Teil 3, aber ich denke, das war’s dann 
auch. 

Hat es eine besondere Bedeutung für dich, ein „In¬ 
dielabel“ zu betreiben? Wie denkst du über Majors? 
Gibt es positive und negative Erfahrungen? 

Ich habe mit Majorlabels zusammen gearbeitet, in meiner 
Funktion als Bandmanager und Promoter für internatio¬ 
nale Künstler. Ich wüsste nicht, dass mir das jemals Spaß 
gemacht hat. Ich verstehe nicht, was die Leute motiviert, 
die in diesen Jobs arbeiten. Es ist ein wirklich schreckli¬ 
ches Umfeld. Was mich als Indielabel betrifft, gibt es kei¬ 
ne wirkliche Alternative für die Musik, die ich heraus¬ 
bringe, und meine persönlichen Überzeugungen. So und 
nicht anders ... 

Vinyl? CD? Hast du Vorlieben? 

Ich bevorzuge eigentlich Vinyl, aber ich mag die Aufma¬ 
chung meiner CD-Neuauflagen, ebenso wie von ein paar 
Rhino- und Ace/Kent-Releases. 

Was werden deine nächsten Veröffentlichungen sein? 

Ich arbeite an ein paar 2CD-Veröffentlichungen von SE¬ 
KRET SEKRET, und THE MOFFS. Und ich habe auch noch 
eine neue Compilation-Idee, über die ich dir jetzt leider 
noch nichts erzählen kann. 

Joachim Hiller feelpresents.com 


OX-FANZINE 57 



DIE OX-GESCHMACKS-CONTROL 






Joachim Hiller 


Hätten sie mich mit diesem Al¬ 
bum enttäuscht, ich hätte es ih¬ 
nen nicht verziehen. So schmelze 
ich dahin, auch wenn „The Back 
Room“ unübertroffen bleibt 
(und damals 10 Punkte verdient 
gehabt hätte). (9) 


Sind die Kanadier blöd: So je¬ 
mand wie King Khan lässt man 
doch nicht gehen! Moppeliger 
ist er geworden, und auch der 
Sound von „What is?!“ ist voller, 
runder, gereifter. (8) 


Verdammt, die machen aber auch 
echt alles richtig!Ansatzpunkte 
für Kritik? Fehlanzeige. Bis die 
NEW BOMBTURKS auferstehen 
nehme ich einfach etwas HEAR- 
TACHES. (8) 


Verblüffendes Album: Wer sich 
von dieser blumig-wavigen Po- 
wer-Pop-Band nicht mitreißen 
lässt, muss zu meiner Party nicht 
kommen. (8) 


Smarte Texte, lakonischer Gesang 
und ein beängstigendes Wissen 
um gute Musik aus den späten 
Siebziger - das funktioniert auch 
diesmal wieder bestens. Und 
tanzen kann Grönemeyer ja auch 
nicht. (8) 


CLOROX GIRLS Wenn die BRIEFS sich r 


Thomas Kerpen Andre Bohnensack 


Thomas Renz 


Carsten Vollmer 


Abel Gebhardt 


KING KHAN & 
THE SHRINES 
What Is?! 

Hazelwood 

0 8,0 


HEARTACHES 
Too Cool 
For School 

Swami 

0 7,5 


SHOCKS 
Brace... Brace... 

Dirty Faces 

0 7,5 





J‘aime Les Filles 
BYO 
0 7,1 


JAI-ALAI 
SAVANT 
Flight Of The 
Bass Delegate 

City Slang 

0 7,1 


BILLY 
NO MATES 
C'monletmesee- 
youpogo 

Ten Past Twelve 

0 7,0 


BISHOPS 

s/t 

Weekender 

0 7,0 


PRISTINE 
Hands Up! 
Hands Up! 

Planet Pristine 

0 6,9 


chen, nimmt man auch gerne 
die CLOROX GIRLS - und stellt 
fest, dass die alles andere sind als 
ein Substitut. Je länger und öfter 
das Album läuft, desto besser ge¬ 
fällt es. (8) 


Mit dieser Platte haben die EDI¬ 
TORS ihren emotional mitrei¬ 
ßenden Sound zwar nur mini¬ 
mal variiert, beweisen aber ein- I 
drucksvoll, dass sie mehr sind als | 
nur eine gehypte Insel-Eintags- 
fliege. (9) 


Der über alle Zweifel erhabene 
Hohepriester des souligen Gara¬ 
gepunks zeigt sich hier als Meis¬ 
ter der Sophistication, wodurch 
diese fast psychedelische Platte 
zuerst leichte Anlaufschwierig¬ 
keiten besitzt. (9) 


John Reis weiß halt, wie richti¬ 
ger Rock'n'Roll geht und hat mit 
den HEARTACHES die FLESH- 
TONES für dieses Jahrtausend 
gesignet. Oder die RAMONES? 
Oder die CARS? Oder...? (9) 


Die QOTA des norwegischen 
Dancepunks, die ihre Platte mit 
einigen schwer zu ignorierenden 
Hits vollgepackt haben. Manch¬ 
mal etwas penetrant, aber einer 
der besseren Vertreter des Gen¬ 
res. (8) 


Näher kann man als deutsche 
Band den BUZZCOCKS und 77er 
Punk kaum kommen. Wo ande¬ 
re deutschsprachige Punkbands 
unbeholfen und besoffen sind, 
klingen die SHOCKS präzise und 
clever. (7) 


Schon lange nicht mehr so eine 
dumpfe und schlechte Produkti¬ 
on gehört, an der die Band auch 
noch beteiligt war, worunter der 
an sich ganz schöne BRIEFS/ 
BUZZCOCKS - Poppunk doch er¬ 
heblich leidet. (6) 


Post-Punk, Indierock, Electro- THE JAIALAI SAVANT verdrän- 
nica, Dub und Pop in überzeu- gen bei mir Bands wie ICA- 
gender Kombination und be- RUS LINE oder AT THE DRIVE- 
stechender Produktion - eine IN von ihren Spitzenpositionen 
der faszinierendsten Bands die- im nicht richtig zünden wollen. 
serTage! (9) Gut gemachter Indierock, aber 

sonst... (6) 


V '■ 

DEEPEYNDE 
Bad Blood 

- 

People Like You 

0 6,5 

& 

- M M 



«uff patter. 



MUFF POTTER 

Steady 

Fremdkörper 

Universal 

0 6,4 


Du hasst Orgeln und SNUFF 
konntest du noch nie leiden? 
Okay ... Ich liebe SNUFF, und wo 
so wild georgelt wird, da lass ich 
mich gerne nieder, weshalb die¬ 
se One-Man-Show auch rund¬ 
um gut gefällt. (8) 


Trotz Antipathie gegen kirch¬ 
liche Würdenträger kann mich 
das nicht davon abhalten, die BI¬ 
SHOPS zu lobpreisen: Retro-Au¬ 
thentizität galore, und das mal 
ohne Garage-Knarz. (7) 


Die beste Band aus Dortmund 
seit, äh... ewig. Enorm druckvol¬ 
ler, aggressiver Girlpunk aus ei¬ 
ner schmutzigen Garage, in der 
vor allem Karren aus den Sech¬ 
zigern und Siebzigern stehen. 
Kickt. (7) 


Auf Platte machen die DEEPFITS 
eine ausgesprochen gute Figur, 
sind hymnisch und mitreißend. 
Live war das leider nicht so. (7) 


Anfangs war es etwas unge¬ 
wohnt, das neue Album, doch 
mit jedem Durchlauf wird die 
Platte vertrauter und schließlich 
tritt das erwünschte Wöhlgefühl 
ein. Na also. (8) 


Obwohl hier der Chefdenker von 
SNUFF am Werk ist, kommt un¬ 
ter dem Strich leider nur eine 
konturlose Scheibe ohne Lang- 
zeitwirkung heraus, von der man 
mehr erwartet hätte als Schun¬ 
kelpunk. (5) 


Nette Retro-Beat-Band mit cle¬ 
verem Songwriting und Chil- 
disch/Golightly-Touch, der aber 
manchmal ein wenig echter Biss 
und ein Garagen-Trash-Faktor 
fehlt, wodurch das Album allzu 
clean wirkt. (6) 


Richtig schöner, rotziger In- 
Your-Face-Girl-Punk zwischen 
Riot-Grrrl-Attitüde und kanti¬ 
gem, aggressivem Rock, der Po¬ 
tential hat und dem nicht schon 
nach drei Songs die Puste aus- 
geht. (8) 


„Von großartig zu brillant, wie 
geht das?“ „Weniger .Discopunk', 
mehr Melancholie, mehr Hym¬ 
nen, die dich zu Tränen bewegen 
und die du nie vergisst.“ „Wollt 
ihr mich heiraten?“ „Nein, aber 
Danke fürs Kompliment.“ (10) 


„Ich will eine Platte, die nach 
cooler Sixties-Tapete klingt. Und 
nach Martini, Gewalt, kurzen Rö¬ 
cken, Dope und schmutzigem Sex 
mit fast sauberen Menschen.“ 
„Nehmen sie doch die neue King 
Khan, die hat das alles.“ (8) 


„Hört auf euren Manager: so er¬ 
reicht ihr die Garagenpunk-Al - 
leskäufer nie. Eure Songs klingen 
nicht alle gleich, sie haben Dyna¬ 
mik, Höhepunkte und brechen 
aus dem Genre aus.“ „Wir ma¬ 
chen das aber trotzdem so.“ (8) 


„Yoo-hoo, hörst du, yoo-hoo - 
und das mit viel Pathos und stän¬ 
dig eingesetzt.“ „Aber wir sind 
Norweger.“ „Egal, die englischen 
Disco-Indiepopper ohne eige¬ 
ne Ideen nimmt man euch schon 
ab.“ „Yoo-hoo, let's goo!“ (5) 


„Ich scheiß' was auf musikalische 
Weiterentwicklung. Die SHOCKS 
sind die SHOCKS, basta.“ „Aber 
eure neuen Songs klingen ganz 
genau wie die alten.“ „Das ist mir 
scheißegal, das soll so sein. Friss 
es oder lass es.“ (7) 


„Ihr seid zu BYO gewechselt, jetzt 
gibt's sicher noch mehr BRIEFS- 
Vergleiche.“ „Na ja, Ähnlichkei¬ 
ten sind ja auch da, aber wir sind 
doch etwas mehr „Pop“ als sie, 
BUZZCOCKS-Pop, Power-Pop, 
Sixties-Pop..." (8) 


„Du klingst häufig wie Sting.“ 
„Ja, stimmt.“ „Bei .Datamassaga- 
na' sogar wie der junge Lemmy“ 
„Wie bitte?“ „Aber euer dubbi- 
ger Indierock hat ja eh was sehr 
eigenes, spinnertes.“ „Jetzt bin 
ich sprachlos." „Ich auch.“ (8) 


„Duncan, was machen eigentlich 
SNUFF?“ „Die schlafen. Stattdes- 
sen mache ich mit anderen Leu¬ 
ten genau die gleiche Musik, wie 
mit SNUFF. Okay, mehr Metal ist 
da drin, und keine Bläser aber 
ansonsten..." (8) 


„Die Lösung ist die: Klaue unge¬ 
niert bei den BEATLES, lass deine 
Platte klingen, als wäre sie 1965 
aufgenommen worden, bediene 
dich nur wenig an der Moderne 
und schon ragst du aus dem Eng¬ 
land-Brei hervor“ „Okay.“ (6) 


„Ihr gebt ordentlich Gas, habt 
eine garagige, aber druckvolle 
Produktion und rockt wie Sau. 
Aber könnte eure Sängerin nicht 
mal einen Gang runterschalten. 
Auf Dauer nervt sie.“ „Du hast ja 
keine Ahnung, Chauvi“. (6) 


schees verzichtet und überwie 
gend guten alten Punk'n'roll 
spielt. (7) 


Mit denen werde ich nicht mehr 
warm werden, glattgebügelter 
„Punk“ für 16-jährige Ruck¬ 
sackträgerinnen, wo mich weder 
die Texte noch die Musik irgend¬ 
wie umhauen. (5) 


und ohne Power.“ „Pass' auf, was 
du sagst. Wir können böse Mäch¬ 
te herauf beschwören.“ „Das 
wäre vielleicht hilfreich.“ (5) 


„So, diesen Regler mehr Rich¬ 
tung Mainstream und dafür et¬ 
was Eigenständigkeit raus.“ „Wir 
verlieren also an Identität?“ „Ein 
wenig beliebiger wird es, ja. Und 
ihr verliert an Hitdichte.“ „Scha¬ 
de.“ „Ja, schade.“ (7) 


Zwischen Joachim und mir tobt Episch breit aufgeblasene und Auf sehr hohem Niveau schlie- 
ein ewiger Streit, ob denn r 
INTERPOL oder EDITORS bes¬ 
ser sind. Es sieht leider so aus, als 
ob er schon wieder Recht behal¬ 
ten würde. (9) 


TV Spielfilm meint: „Ein aber¬ 
witziger Ritt direkt in die späten 
Sechzigerjahre“. Sind die nicht 
mal angetreten, tun schlechte 
Filme abzufeiern? Richtig liegen 
sie natürlich trotzdem. (7) 


Der Albumtitel weckt Erinne¬ 
rungen an Parker Lewis, den 
„Coolen von der Schule“. Auch 
der Sound der HEARTACHES 
lebt in der Vergangenheit. Aber 
manchmal haben Wiederholun¬ 
gen ja etwas Beruhigendes. (6) 


Dieses Album heißt völlig zu 
Recht „Espionage“, denn THE 
SCHOOL haben so ziemlich 
jede Band ausspioniert, die seit 
FRANZ FERDINAND von der 
Musikpresse observiert wur¬ 
de. (6) 


„Da hängt ein Spiegel an der 
Wand / Was ich darin seh, er¬ 
kenn ich nicht", singen SHOCKS 
gleich im ersten Song. Dabei ist 
doch alles so einfach: Ihr seid die 
deutschen BRIEFS. Weiß doch je¬ 
der. (8) 


Diese Girls sind eigentlich Boys, 
Clorox ist ein Bleichmittel, und 
wenn man das, was die BRIEFS 
auszeichnet, so gemütlich inter¬ 
pretiert wie hier, gelingen Hits, 
bei denen einem die Farbe aus 
dem Gesicht weicht. (7) 


Bei dieser Platte hagelt es THE 
POLICE-Vergleiche bis die Poli¬ 
zei kommt. Dabei kann ich mich 
nicht daran erinnern, dass Sting 
jemals so gut war. Das Schöns¬ 
te aber ist, wie gekonnt der Chef 
den Bandnamen ausspricht. (8) 


schmachtene Popsongs, die zwar ßen die EDITORS nahtlos am 
immer noch gut funktionieren, grandiosen Debütalbum an. Gro- 
aber leider nicht mehr so gna- ße Überraschungen sucht man 
denlos überzeugen wie auf dem allerdings vergebens. (8) 
ersten Album. Die Indie-Version 
vonCOLDPLAY? (7) 


King Khan und seine wilden 
Horden im Psychedelic-Rausch. 
Man hat den Eindruck mitten in 
einem Urwald von blitzenden 
Lichtern zu stehen und kom¬ 
plett die Orientierung zu ver¬ 
lieren. (8) 


Ein rundum gelungenes, klassi¬ 
sches Punk'n'Rock-Album, das 
zwar nicht innovativ oder gar 
einzigartig ist, aber die Songs ha¬ 
ben Stil und die Band hat hör¬ 
bar Spaß dabei. Gute Unterhal¬ 
tung! (7) 


Was kann es nur bedeuten, wenn 
ein alter Mann in Unterhose quer 
durch das Wohnzimmer springt? 
Richtig, der Papa hat wieder eine 
neue Lieblingsplatte! (10) 


Rotzige und frische Punkmu¬ 
sik mit frechen deutschen Tex¬ 
ten! THE SHOCKS verkörpern 
einfach wie keine andere aktu¬ 
elle deutsche Band einen (Re¬ 
tro-) Stil, den man als zeitlos be¬ 
zeichnen könnte. (8) 


Zeitreise dieses mal nicht Rich¬ 
tung England, sondern über den 
großen Teich. Geschmackssicher 
gelandet im LA der späten 70er, 
bei sonnigem & unhektischem 
Frühpunk. (7) 


Der Hohepriester des Soul und 
Funk ist mit seiner Band zurück 
und begeistert erneut. Diese Mu¬ 
sik hat soviel Seele und Herz, da 
bleibt kein Bein stehen. (9) 


Das nenne ich mal ein klassi¬ 
sches Punk-Album. Obwohl die 
fünf Kalifomier mit Zitaten nur 
so um sich werfen, klingt das Al¬ 
bum unglaublich frisch und un¬ 
verbraucht. (8) 


Auch wenn der New-Wave- 
Rock dieser norwegischen Styler 
sehr hektisch und aufgescheucht 
daherkommt, so bleibt doch stets 
etwas hängen. Gelungenes De¬ 
büt. (7) 


Auf die drei Berliner ist und 
bleibt Verlass. Überflüssig soll das 
sein? Nein, hier wird Punk von 
einst mit Witz und Charme ins 
hier und jetzt gerettet. Und das 
auch noch auf deutsch ... (8) 


London 1976. Etikette 100 Pro¬ 
zent Punkrock. Fängt das Ganze 
noch etwas mau an, so werden 
die Lieder im Laufe der Platte 
immer besser und sorgen somit 
für einen richtig kleinen Hit. (8) 


Poprock im Reggaewahn oder (-) 
Punk in der Dubmaschine. Ir¬ 
gendwo zwischen POLICE und 
den BAD BRAINS dürfte sich 
R. Darden gut aufgehoben füh¬ 
len. (7) 


„Don't forget me“, bittet Dun- Der erste Song ist ein echter 
can Redmonds irgendwann. Aber Überflieger, danach flacht das 
wie könnte ich denn? Schließ- Album leider hörbar ab und ver¬ 
lieh hatte ich doch viel Spaß mit liert sich in den unendlichen 
diesem Album. Die Frage ist nur: Weiten des melanchonischen 
„Do you remember me? / Like I Melodypunk. (7) 
remember you?“ (7) 


Das Vermächtnis von SNUFF 
wird mit Würde weitergetragen. 
Ein konsequenter Beweis dafür, 
wie gut Pop-Punk auch heute 
noch klingen kann. (7) 


Ganz brauchbarer MISFITS- „Für Horrorpunk klingt ihr sehr 
Klon, der angenehmerweise auf un-evil. So wie die reformierten 
allzu platte Horrorpunk-Kli- MISFITS, nur ohne Metalgitarre 


Auch wenn „The only place I 
can look is down“ ob der kon¬ 
sequenten Rückwärtsgewandt¬ 
heit besser „The only place I can 
look is back“ heißen müsste: Die 
Marschrichtung der BISHOPS 
stimmt auch so. (8) 


Dem krachenden Punkrock von 
PRISTINE ergibt man sich ger¬ 
ne - auch ohne dass ihr erstes 
Album „Hands Up! Hands Up!" 
ruft. „Thumbs Up! Thumbs Up!“ 
hätte als Titel auch gepasst. (7) 


Hier gibt es „just good sing along 
songs for anyone who has had a 
bad relationship“. Und obwohl 
mir derartige Erfahrungen völ¬ 
lig fremd sind, mag ich den an 
die GENERATORS erinnernden 
Sound der Band. (6) 


„Ich bin doch kein Idiot“, ver¬ 
sichert Nagel gleich zu Beginn. 
Wer seinen MTV-Auftritt ge¬ 
sehen hat, bei dem er kindisch 
mit Nevio und Küblböck zank¬ 
te, könnte daran zweifeln - nicht 
aber an seiner Musik. (8) 


Die angerockte Variante des bri- Retro von vorne bis hinten - 
tischen 60s-Beat, die vollkom- als Bandkonzept sozusagen. Der 
men unspektakulär durchläuft richtig gute Song lässt aber noch 
und keine bleibenden Schäden auf sich warten. Trotzdem eine 
hinterläßt. Genauso angestaubt schöne KINKS-Hommage. (6) 

& langweilig wie der traditionel¬ 
le Fünf-Uhr-Tee... (6) 


Die volle Breitseite Frauenpo¬ 
wer! Ungestümer, stilsicherer 
und ernergiegeladener Garage- 
punk, der einen mächtig in den 
gemütlichen Arsch tritt. (8) 


Brrr, hier gruselt es mich über¬ 
haupt nicht, hier bin ich höchs¬ 
tens schockgefroren von der Ein¬ 
fallslosigkeit der Band. Horror¬ 
punk ist das nicht! Schnell beer¬ 
digen und vergessen. (4) 


Egal, woher sie kamen und wo¬ 
hin sie noch gehen, sie mu߬ 
ten auch ohne mich laufen ler¬ 
nen. Ich klinke mich ab hier aus. 
Dieses „neudeutsche Rumgero- 
cke“ ist absolut nicht meine Mu¬ 
sik. (6) 


Vier Mädels aus der Dortmun¬ 
der Nordstadt spielen Garage¬ 
punk. Das bedeutet, hier wird an 
den Instrumenten malocht und 
richtig angepackt. Lediglich der 
Gesang ist auf Dauer etwas an¬ 
strengend. (6) 


Eingängiger Horrorpunk, der die 
großen Vorbilder von den MIS¬ 
FITS nicht verleugnet, aber auch 
nicht einfach nur kopiert. (7) 


Auch wenn MUFF POTTER von 
Platte zu Platte ihren Sound im¬ 
mer mehr perfektionieren, so 
schaffe ich es auch heutzutage 
nicht, mich für ihren Deutsch- 
Emo-Punk zu begeistern. (5) 



NO SHAME 
White Of Hope - 
Turning Black 

Fullsteam 

0 6,4 


Das famose Konzert noch in 
den Ohren, gefällt das neue Al¬ 
bum der Finnen um so besser. 
Druckvoller,melodiöser Hard- 
core - Punk zwischen ENDSTAND 
und IWALKTHE LINE. Gut! (8) 


Auch nach mehrmaligem Hören 
will bei den Finnen nicht mehr 
hängen bleiben als das Gefühl, 
es hier mit extrem formelhaf¬ 
tem Punkrock zu tun zu haben, 
auch wenn die Attitüde stimmen 
mag. (5) 


„Wie kommt’s, dass wir jungen 
Streetpunk-Finnen viel mehr 
Energie haben und bessere Songs 
schreiben als unsere deutschen 
Kollegen?“ „Ich habe keine Ah¬ 
nung. Ihr seid wohl einfach bes¬ 
ser. Oder besoffener.“ (7) 


NO SHAME kommen aus dem 
südwestfinnischen Salo, ei¬ 
ner Kleinstadt, in der Handys 
von Nokia hergestellt werden. 
Schreib' eine SMS mit „Punk¬ 
rock ist kein Klingelton“ an die 
123456.(7) 


Es gibt sie also immer noch: 
Menschen die ihr absolut eigenes 
Ding durchziehen und es ein¬ 
fach Punk nennen. Die moder¬ 
ne Revolution 2007! Also Fäus¬ 
te aus den Taschen und mitma¬ 
chen! (7) 


Mensch, da gab es doch mal so 
eine coole Punk-Szene in Finn¬ 
land. Jetzt kommen NO SHAME 
und klingen, wie jede x-belie¬ 
bige Band aus den Staaten. Nicht 
schlecht, aber komplett aus¬ 
tauschbar. (5) 




Horn Attack 

Wolverine 

0 3,9 


Sage noch einer, die langen Jah¬ 
re als Zauberlehrlinge der HEL- 
LACOPTERS seien ohne Ergeb¬ 
nis geblieben. Dick produziert, 
schöne Orgel - nicht neu, aber 
solide umgesetzt. (7) 


An sich passen die Bestandtei¬ 
le, aber irgendein Produzent hat 
hier geglättet und geschmirgelt 
und den Rotz abgesaugt. Aber 
live hört sich sowas ja immer 
noch mal anders an. (5) 


Bramsche Rock-City! BOOZED 
drücken auch auf ihrem neuen 
Album so beherzt das Gaspedal 
durch, dass man sie inzwischen 
wirklich vielen Vertretern des 
nordischen Rock'n'Rolls vorzie¬ 
hen kann. (7) 


„Geschichte des Schweinrocks 
absorbiert?“ „Check.“ „Fähig, 
sie zu reproduzieren?“ „Check.“ 
„Alle Klischees dabei?“ „Check.“ 

„Neue Impulse gesetzt?“ .“ 

„Innovationen?“ „...“ „Den Hö¬ 
rer gelangweilt?“ „Check!“ (4) 


Dieser „Acid Blues“ könnte et¬ 
was giftiger sein, aber zum Run¬ 
terspülen der Henkersmahlzeit 
ein paar müde gewordener skan¬ 
dinavischer Konkurrenten eignet 
sich dieses Gesöff allemal. (5) 


Hört sich an wie Rock, schmeckt 
wie Rock, stinkt wie Rock, aber 
das ist auch schon alles, denn 
die entscheidene Zutat fehlt: Die 
Seele, und die kann man nicht 
im Baumarkt kaufen! (4) 


Auch wenn BOOZED inzwischen 
den Blues für sich entdeckt ha¬ 
ben, rockt auch das zweite Al¬ 
bum mächtig los. Sehr energe¬ 
tisch, aber leider nicht sonder¬ 
lich originell. (5) 


Piercing-Barbie und ihre 
Schwester spielen jetzt in einer 
Punkband. Mal ehrlich, da höre 
ich mir lieber Avril Lavigne oder 
die KILLER BARBIES an, die sind 
ja dagegen immer noch mehr 
Punk!(2) 


„Hast du eine Idee, wie wir das 
Publikum von unserem miesen 
pseudo-punkigen Alternativrock 
überzeugen können?“ „ Zwei 
Sängerinnen!“ „Ob das hilft?“ 
„Ein Versuch wäre es wert.“ „Nee, 
hat leider nicht geklappt.“ (3) 


Wenn das hier tatsächlich „ver- 
punkrockter Sex-Appeal“ sein 
sollte, wie im Info behauptet 
wird, dann bleibt für mich nur 
noch das Zölibat. Diese Anmache 
ist mir einfach zu billig. (4) 


Mit durchgestylten „Görenrock“ 
möchte ich nichts zu tim haben! 
Ich muss schon immer die Stra¬ 
ßenseite wechseln, um nicht di¬ 
rekt los zu kotzen, wenn mir die¬ 
se H&M-T\issies ent gegenkom¬ 
men. (1) 


Man nehme drei Jungs, die alle¬ 
samt Recht fit an ihren Instru¬ 
menten sind, lasse diese gefäl¬ 
ligen Punkrock mit genügend 
Pop-Attitüde spielen und stellt 
ihnen zwei attraktive Punk-Mä- 
dels am Mikro dazu. (6) 


OX-FANZINE 58 























































DIE OX-GESCHMACKS-CONTROL 


DIE OX-REDAKTION VS. 15 AKTUELLE ALBEN 


Gereon Helmer 


Bevor es hier zu fröhlich wird, 
greifen hier die EDITORS steu¬ 
ernd ein. Wehmütig bis zum An - j 
schlag, aber weniger gequält und 
selbstverliebt als COLDPLAY. (7) 


Die wilde Horde aus Kassel/Bor¬ 
deaux/Toronto ist hier rockiger 
denn je. Aber immer noch keine 
Hits dabei, verdammt! Kann man 
zwanzig mal hören, und immer 
noch nix nachpfeifen ...(7) 


Rotziger Highspeed-Garage¬ 
punk, wie ihn eigentlich nur 
Profi-Skater spielen könnnen. 
SWINGING NECKBREAKERS 
treffen NEW BOMB TURKS an 
der Halfpipe, und die CHIX DIG 
IT. (7) 


Die Norweger spielen unge¬ 
mein vielseitigen New Wave, 
der vor Spielfreude und klas- 
se Kompositionen strotzt. KAI¬ 
SER CHIEFS sind berühmter, 
aber THE SCHOOL besser. Un¬ 
gerecht! (9) 


Die SHOCKS haben genau den 
Schwung und Spaß in den Ba¬ 
cken, der den ZITRONEN seit 
über 15 Jahren schon abgeht. 
Textlich nicht immer tiefschür¬ 
fend, aber das ist ja der Reiz der 
Sache. (8) 


Mit Spätsiebziger-Powerpop 

„American Style“ und ihren Zu¬ 
ckerwatte-Songs bleiben sie im¬ 
mer charmant, nie wirklich böse, 
und eigentlich sollte man sie Ru¬ 
ff ankophile Hymnen wie „Bana- 
na Split“ knuddeln. (8) 


Lauri Wessel 


Bei diesem Indiepop, dessen Ver- 
spieltheit und Melodiegefuhl 
den Hörer um den Finger wi¬ 
ckeln, muss man schwach wer¬ 
den. Selten haben detailliert 
komponierte Alben so einen 
Spaß gemacht. (8) 


Eine schweißtreibende Mischung 
aus Soul und Garagepunk. Pfei¬ 
fende Bläser treffen auf kratzi¬ 
ge Gitarren und ein keuchen¬ 
der King Khan rundet die Songs 
in bester 60s-Manier ab. Sau¬ 
ber! (7) 


Wie auch die frühen BRIEFS, 
klingen diese fünf Kalifornier 
hektisch und aufgekratzt, wenn 
sie Streetpunkrock mit New 
Wave mischen und dem Ganzen 
noch eine kleine Pop-Nuance 
überstülpen. (7) 


Völlig zu Recht erhielten THE 
SCHOOL in Norwegen einen 
Grammy. Denn wer eigenstän¬ 
digen Powerpop spielt und dabei 
geschickt mit Synthesizer-Ele¬ 
menten flirtet, der muss belohnt 
werden! (7) 


Die Berliner sind nach wie vor 
auf Zack, spielen 77er Punkrock, 
dessen dünne Gitarren die grif¬ 
figen Songs voran treiben. Ein¬ 
gängige Refrains und ein we¬ 
nig Selbstironie runden das Al¬ 
bum ab. (6) 


Eine nette Melange aus Punk- 
rock, Pop und New Wave. Über 
das nett kommt das Trio aus 
Portland allerdings nicht hinaus, 
da es neben drei, vier schmissi¬ 
gen, auch einige mittelmäßige 
Songs spielt. (6) 


Markus Kolodziej 


| Das schwierige zweite Album 
ist es nicht - INTERPOL ist mit 
„Antics“ fast ein besserer zwei¬ 
ter Wurf gelungen - ein Song 
wie „Munich“ findet sich jedoch 
nicht, aber immer noch die ers- 
I te Liga. (9) 


Perfekter Sud aus 70s Wah- 
Wah-Gitarre, 60s Soul Garage, 
Curtis Mayfield Partituren und 
viel STONES. Der kleine Bru¬ 
der des Genrevaters Screamin' 
Jay Hawkins ist einer der Großen 
seiner Zunft. (9) 


70er Punk mit Beat- und klas- 
| sischen Rock‘n‘Roll-Einflüssen. 
i THE KINGS on speed. Kommen 
I aus Kalifornien, könnten aber 
l auch Norweger oder Schwe¬ 
den sein: ziemlich viel gute Lau¬ 
ne. (7) 


Der Charme der frühen New 
Wave-Ikonen DEVO und XTC 
gepaart mit der verschwitzen¬ 
den Rockattitüde von QOTSA 
und THE HIVES: gut für die hal¬ 
be Distanz und party-kompa¬ 
tibel. (7) 


Alte-Schule-Punk mit 70er-Es- 
prit in die Jetztzeit transformiert. 
Ist der Song „Peter“ etwa Pe¬ 
ter Hein gewidmet, als der „Al¬ 
koholen“ war? Ein wenig FEHL¬ 
FARBEN (textlich) und viel THE 
BRIEFS. (7) 


Stark an den Punkwurzeln ori¬ 
entiert zwischen THE CLASH, 
RAMONES und THE UNDERTO- 
NES. Mit „Le banana split" gibt 
es einen frankophilen Gute-Lau¬ 
ne-Song: klingt wie Plastic Ber- 
trand ganz ausgeschlafen. (7) 


Katrin Hachene' 


I Genau das richtige für verreg- 
I nete Sonntage. Pop-Songs, ein 
| wenig melancholisch, ein we¬ 
nig wie INTERPOL, auf jeden 
Fall britisch. Durchweg ange¬ 
nehm. (8) 


Soul, ein wenig 60s und „it 
makes me go boom boom 
boom“. Vielleicht auch ganz gute 
Musik zum Kopulieren. Dem 
King kann man nicht widerste¬ 
hen ...(8) 


Hektischer Punk, deutlicher 
J 70er Einschlag. Schön ist das. 
Wildes Pogo-Tanzen und dabei 
gut auf der Tanzfläche aussehen. 
Macht einfach nur Spaß. (8) 


Energie von hier bis nach Nor¬ 
wegen. Rockmusik für dich und 
mich. Geht gut ins Ohr, könnt 
ich mir auch im Gleis 22 als 
Samstagabend - Tanzflächenfül - 
ler vorstellen. (8) 


Drittes Album und ein Promo¬ 
zettel bestehend aus einem Hau¬ 
fen Understatements. Klassi¬ 
scher 70s-Punk, deutsche Texte, 
fertig für die inszenierte Selbst- 
i Zerstörung. (8) 


Songs über Bananensplit sind 
toll. Aber sonst eher zahnloser 
Punk. Gibt wilderes. (6) 


Eine schnelle, gefährliche Sa¬ 
che, genau wie der gleichnami¬ 
ge Ballsport. Und sie spielen die 
Bälle zielgenau ab, jeder Song 
ein Treffer, auch wenn es in to¬ 
tal verschiedene Richtungen 
geht. (8) 


Der fleißige SNUFF-Trommler 
kommt mit rotzigen Pogopo- 
phymnen ä la GEN X daher. Das 
klingt so, als hätte das Roxy nie 
dichtgemacht. (8) 


Ganz frischer Beat-Pop mit 
leichtem New Wave-Einschlag, 
dazu deliziöse dreistimmige 
Harmoniegesänge wie bei den 
HOLLIES und in 35 Minuten nur 
Hammersongs! (10) 


Total verzicktes All Girl Punk- 
Gekeife. Riot Grrrl 2.0 könnte so 
klingen. Charme wird komplett 
ausgeblendet, bleiben nur Ener¬ 
gie und lautstark rausgekreisch¬ 
te Frustration. (5) 


Natürlich lieben sie MISFITS aus 
ganzem Herzen, aber auch DEAD 
BOYS, DAMNED und andere 
Düsterpunker haben hier mehr 
Einfluss als RAMONES-Bubble- 
gum. So was braucht man auch 
manchmal! (7) 


Mensch, lacht doch mal ... Das 
platzt vor Selbstzweifeln und 
Schlaumeierei zugleich. Mit der 
Einstellung bekommt man nie 
eine scharfe Puppe. Oder wahr¬ 
scheinlich gerade genau so. Die 
Welt ist verrückt. (4) 


So ungemütlicher Sound kann 
ja nur aus Nähe des Polarkrei- j 
ses kommen. Kein Wunder, dass | 
sich dort so viele Leute umbrin¬ 
gen. Der Drummer ist Florist. Er I 
flechtet Totenkränze aus Stachel- 
draht und Brennesseln. (5) 


Ihnen passt weder die Schulu¬ 
niform von Angus Young noch 
Lemmys Totenkopffing, aber 
es ist schon ganz ordentlicher 
Schweinerock aus dem Speck¬ 
gürtel um Hamburg. (6) 


Diese Mischung aus Reggae- und 
Postpunk- Elementen zerfasert an 
zu vielen Stellen in undefinier¬ 
bare Spielerei. Griffige Songs wie 
„When I grow up“ sind hingegen { 
leider in der Unterzahl. (5) 


Frisch und energisch wirkt er, 
der ehemalige SNUFF-Drum- 
mer und Sänger Duncan Red- 
monds, wenn er hier 16 soulige 
Punkrocksongs spielt, deren Dri¬ 
ve dem der frühen SNUFF-Tage 
ähnlich ist. (7) 


Angepunkter Garagepop, der wie 
eine stubenreineVersion der HI¬ 
VES klingt, aneckt und den¬ 
noch poppig genug ist, um der 
Schwiegermama zu gefallen. Ein 
sehr ordentliches Debüt mit Hy¬ 
pepotenzial. (7) 


Hektisch-zackigen Garage mixt 
dieses Dortmunder Damenquar¬ 
tett mit New Wave-Elementen. 
Dabei ist Frau in 13 Songs etwas 
rotziger als die EPOXIES und ein 
wenig quirliger als die BRIEFS. 
Nice! (7) 

Die fünf Kalifornier sind immer 
noch einer der besten MISFITS - 
Soundalikes. Schmissig-melo¬ 
discher Horrorpunk, der ein¬ 
mal mehr zeigt, dass die jun¬ 
ge Generation Jerry und Co. da¬ 
von läuft. (7) 


Große Melodien und ein melan¬ 
cholischer Popappeal runden die 
Ecken und Kanten dieser Band 
auf ihrem bisher besten Album 
ein wenig ab. Langsam begreife 
ich die Großartigkeit von MUFF 
POTTER. (8) 


Melancholisch-bissiger Punk¬ 
rock, der mal an AVAIL, mal an F- 
MINUS und dann wieder an SO¬ 
CIAL D erinnert. Eine gelungene 
Mischung, die die Finnen mit so¬ 
zialkritischen Texten untermau¬ 
ern. (8) 


Die Bramscher flirten in zwölf 
Songs mehr denn je mit Blues¬ 
elementen und groovigen Parts. 
Das steht der Band bestens, wird 
ihr Punk‘n‘Roll dadurch doch 
nicht nur energisch, sondern 
auch eigen. (8) 


Kurz vor dem stilistischen Over¬ 
kill: Dub, Ska Punk, Pop und 
semi-Hardcore. In einigen Mo¬ 
menten so gut wie die großarti¬ 
gen THE DUB PISTOLS, in ande¬ 
ren einfach zu überladen. (6) 


Die Band aus der Asche von Ex- 
Melodic-Punk-Legende SNUFF 
wirkt auf dem zweiten Album 
weniger experimentell (keine 
Bläser, kaum Keyboards). Man 
hat das mal „melodic punk pop 
with soul and bite“ genannt. (6) 


Say hello to Liverpool! Sehr au¬ 
thentischer BEATLES-60s- 
Sound, der einen direkt in den 
Cavern Club versetzt: Pilzkopf¬ 
kompatibel mit leichtem Surf- 
und Gospeleinfluss: sehr frisch. 
( 8 ) 


Sie rocken die 60s Punk Garage, 
machen BIKINI KILL den Gar¬ 
aus und wenn Quentin Taran- 
tino sie wie die artverwandten 
THE 5.6.7.8‘s für den Film ent¬ 
deckt, steht dem Erfolg nichts im 
Weg. (9) 


Wie THE OTHER Protagonisten 
des Horrorpunk: bedienen sich 
gekonnt bei THE DAMNED (zur 
,,Phantasmorgia“-Zeit) und THE 
MISFITS, wobei der Sänger eher 
nach Dave Vanian klingt und we¬ 
niger knödelt als Danzig! (8) 


Klingen in einigen Momenten 
wie HEINZ AUS WIEN, in ande¬ 
ren doch ein wenig nach TOM- 
TE-mäßiger Konformität und 
Befindlichkeit. Blasphemie, ist 
mir klar. (6) 


In Finnland Helden, aber die be¬ 
tonte musikalische Sozialisation 
mit „White trash“ von SOCIAL 
DISTORTION erschließt sich 
nicht wirklich. Etwas gleichför¬ 
mig und ohne prägende Akzen¬ 
te. (5) 


Zeitgemäßer Rock'n'Roll mit ein 
wenig Hammond Orgel-Sound 
und Mundharmonika. Hat aber 
noch Raum für Entwicklungs¬ 
potenzial für eingängigere Me¬ 
lodien. (6) 


Nachdem man das Dub-Intro 
überstanden hat, folgt ein Pop- 
Song und ich wippe mit. Sehr 
abwechslungsreiches Album, lei¬ 
der kann ich nicht auf die Dub- 
und Reggae-Einflüsse. (7) 


Habe eine Melodic-Punk Ver¬ 
gangenheit ä la MILLENCOLIN, 
NOFX und SNUFF. Ich beken¬ 
ne mich zu meinen Wurzeln und 
habe daran auch noch Spaß, aber 
Duncan Redmonds weiß ja auch 
mittlerweile wie es geht. (7) 


„Weisen, die gut gelaunt, gar 
zuckrig sind, konterkarieren 
diese aber mit Rock-Parts und 
Tempo.“ Meiner Meinung nach 
zu viel Zucker, zu wenig Tempo 
und Rock. (6) 


Ich schreibe es gerne noch mal: 
BIKINI KILL hatten mehr Biss, 
auch wenn die vielleicht nicht 
so gut ihre Instrumente spielen 
konnten. Das geht mehr auf die 
Rock-Schiene. Juckt mich aber 
noch nicht mal. (6) 


Die MISFITS sind tot, lang le¬ 
ben die MISFITS. Der diesjährige 
Wanderpokal für ein okayes Pla¬ 
giat geht an DEEP EYNDE. (7) 


Manche Zeilen mag ich mir 
auf ein Küchenhandtuch sti¬ 
cken. Heute weniger Punk, dafür 
mehrTOMTE. Die Wut liegt zwi¬ 
schen den Zeilen. Musikalisch 
nicht genau mein Ding. (7) 


Ordentlich Energie - gut als 
Strandbeschallung oder den 
Frustputz am Sonntag. Ver¬ 
treibt aber auch den Sonntags- 
Blues. (7) 


Geil, Band aus Bramsche und 
nennt sich BOOZED. Das 
möchte ich gewürdigt wissen. 
Rock'n'Roll fifr alle. Rieche qua¬ 
si Alkohol und Schweiß versiff- 
ter Turbo j ugendj ackenträger. 
Geht klar. (7) 


Total stylisher Snowboarder- 
Metal/Poppunk Crossover. Füllt 
die „Lücke“, die die GUANO 
APES oder LIQUIDO hinterlas¬ 
sen haben, gut aus. Und das ist 
nicht als Kompliment zu ver¬ 
stehen. (3) 


Netten Punk'n'Roll spielen die¬ 
se Hannoveraner, die den frühen 
DONNAS ähnlich sind. Im Ge¬ 
gensatz zu den Amis mangelt es 
ihnen aber an Charme und Me¬ 
lodiegefühl. (5) 


Von „2-Girl-fronted Pop- 
Punk'n'Roll“ ist die Rede. Aber 
in diesem Fall würde ich (wenn¬ 
gleich „1-girl-fronted“) THE 
| POPZILLAS oder THE HEROI- 
NES vorziehen. MUFF spielen 
noch nicht in dieser Liga. (5) 


BIKINI KILL hatten mehr Biss, 
als es MUFF jemals haben wer¬ 
den. ^Wem Avril Lavigne nicht ge¬ 
nug Credibility hat, sollte viel¬ 
leicht diese Band austesten. (5) 



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OX-FANZINE 59 











































REVIEWS 


DIE ABKÜRZUNGEN 

DER INHALT 


LP = LP, 7" = Single, CD = CD, MCD = CD-Maxisingle, 

-)1 n _ nrw-snöl t P ")rn — rinnnol CTi 


60 

Al 

Zur — UOppei Lr, Z\-U — t/oppei 

niC BCU/CBTI IKIPCQIt AI A 


Ult DtWtn 1 UIMVjooKALA 

10 Unfassbar gut - eine „Platte des Jahres" 

Playlists 

O I 

9 Außergewöhnlich gut 

Leser- & Verkaufscharts 

61 

8 Rundum gut 



7 Gut mit kleinen Schwächen 

Top Of The Ox 

63 

6 Okay. Ohne Höhen und Tiefen 



5 Einfach durchschnittlich 

Singles 

64 

4 Kann man gerade noch durchgehen lassen 

3 Rumdum schwach 

Die Bands der Ox-CD 

69 

2 Wirklich schlecht 



1 Schrott der allerübelsten Sorte 

Re-Releases 

70 

UNSERE REVIEW-POLITIK 

Sampler & Compilations 

78 

Wir besprechen jeden Tonträger, der im weitesten Sinne in 



unser Heft passt. Einen Anspruch auf Rezension gibt es aber 

DVDs 

82 

nicht, und wir behalten es uns vor, Tonträger unrezensiert 



in unsere „Kiste des Grauens" auszusortieren. 

Demos 

84 

Grundsätzlich bestehen wir auf der Zusendung kompletter 

Fanzines 

89 

Releases, das heißt „nackte“ gebrannte CDs ohne Cover etc. 



werden nicht berücksichtigt bzw. nur dann, wenn wir si¬ 

Comics 

90 

cher gehen können, dass wir auch die fertige CD geschickt 



bekommen. Auf keinen Fall besprechen wir CDs mit aus- 

Movies 

93 

geblendeten Stücken sowie wie mit Watermark versehene 



CDs. Letztere werden von uns ohne Kommentar als unfreie, 

Literatur 

96 

versicherte Pakete an das Label zurückgeschickt. 



Wir akzeptieren überdies keine Eigentumsvorbehalte, wie 

Noch mehr Reviews gefällig als hier? 


sie oft auf Promo-CDs aufgedruckt sind. Mit der Zusen¬ 

Unter www.ox- fanzine.de gibt’s über 21.000 Reviews aus 

dung an das Ox gehen diese CDs wie auch alle anderen 

den letzten 51 Ausgaben, alphabetisch und nach Ausgabe 

Tonträger in unser Eigentum über. 

geordnet, und teilweise sogar noch mehr Reviews als sich 


im Heft finden, denn oft können wir einfach nicht alles 

Mit der Zusendung erklärt sich der Zusender ausdrücklich 

unterbringen. Das Ganze mit komfortabler Suchfunktion 

mit diesen Bedingungen einverstanden. 

nach Bandname. Plattentitel und Label. 



1997 

... A Better View Of The Rising Moon CD 

Victory/Soulfood | Nanu? Eine Band, die ihr Debütal¬ 
bum mal direkt aufVictory veröffentlicht? Und dann auch 
noch mit fluffig-poppigem Indiepop, harmonischem Du¬ 
ettgesang und Xylophon? Ja, genau das ist 1997, eine ganz 
junge Band aus Chicago (die sich natürlich 1997 gegrün¬ 
det hat). Der Titel ihres von Cameron Webb produzierten 

Albums.A Better View OfThe Rising Moon“ ist aus dem 

Haiku „Since my house burned down I now own a better 
view of the rising moon“ entlehnt und weist bereits darauf 
hin, dass es bei 1997 in erster Linie um emotionale, reflek¬ 
tierende, jedoch weitestgehend positive Betrachtungen des 
eigenen Lebens geht. Die Texte (in denen es in den meis¬ 
ten Fällen um die gute alte Liebe und Artverwandtes geht) 
werden dann in abwechslungsreiche Musik verpackt und 
in einem Wechsel zwischen Männer- und Frauenstimme 
gesungen. Insgesamt ein sehr schönes Album, streckenwei¬ 
se vielleicht jedoch etwas zu poppig. Fans von JIMMY EAT 
WORLD, den WEAKERTHANS oder DOVER sollten auf je¬ 
den Fall mal reinhören, wer allerdings nur auf anderthalb 
Minuten Punkrock-Geknüppel steht, sollte die Finger von 
diesem Album lassen. (46:24) (7) Nadine Maas 

1990s 
Cookies CD 

roughtraderecords.com | Mit dem Satz „ 1990s play dance 
floor filling rock n’ roll“ traf das englische Time Out-Ma- 
gazin den Nagel auf den Kopf. Wer hätte gedacht, dass aus 
einer Glasgower LoFi-Band wieYUMMY FÜR, deren Ex- 
Schlagzeuger Paul Thompson heute für FRANZ FERDI¬ 
NAND trommelt, so ein catchiges, stampfendes Disco- 
Monster hervorgeht. Sänger Jackie McKeown wollte ei¬ 
gentlich schon gar nichts mehr mit dem schon immer sehr 
regen Musikbusiness in Glasgow-zu tun haben, als er auf ei¬ 
nem Baum (!) einen seiner jetzigen Mitstreiter und Schlag¬ 
zeuger Michael McGaughrin traf. Mit Bassist Jamie Mc- 
Morrow und Damo Suzuki von CAN als Produzenten, nah¬ 
men sie ganz ungezwungen und laut eigener Aussage fast 
unfreiwillig unter anderem ihren unglaublich tanzbaren 
Opener-Song „You made me like it“ auf. Es wurden einige 
Gigs gespielt, zu denen sie angeblich auch gezwungen wer¬ 
den mussten und man ließ sich dann gnädigerweise von 
Rough Trade-Chef GeoffTravis dazu überreden, bei ihm zu 
unterschreiben. Glück für uns! Sonst wären wir vielleicht 
nie in den Genuss dieses hervorragenden Albums gekom¬ 
men. (36:48) (9) Nina Maenz 

1328 

Brew Your Hardcore CD 

1328-beercore.de | Klar, München hat viele Biersorten 
und einige sind sehr bekannt. Aber irgendwie scheint es 
dann doch immer das gleiche Bier zu geben. Egal ob auf 
Partys, Konzerten oder zum Grillen: Augustiner ist so¬ 
zusagen das Standardbier der Stadt - und der Band 1328 
schmeckt es offensichtlich so gut, dass sie sich nicht nur 
nach dem Gründungsjahr der Brauerei benannt haben, 
sondern ihre Musik auch noch Beercore nennen. Ihre Lie¬ 
be zum bayerischen Reinheitsgebot verpacken sie dabei in 
knallharten Hardcore, sehr schön energiegeladen - und 
beinahe jede Sekunde ganz weit vorne. Das tut gut. Und 
man kann sich’s schon denken: es geht in ihren Texten in 
erster Linie tun Bier. Das könnte natürlich ganz schön ner¬ 
ven, denn irgendwie denkt man bei so etwas schnell an 
peinliche Compilations wie „Kampftrinker Stimmungs¬ 
hits“, die berechtigterweise irgendwo im Keller vor sich 
hinfaulen. Aber 1328 erklären das Bier zum Prinzip und 
mischen dabei trotzdem noch Politik und andere ernst ge¬ 
meinte Aspekte unter das musikalische Gebräu. Sehr hö¬ 
renswert. Prost. (34:00) (7) Alex von Streit 

AAÄ 


ANOTHER MESSIAH 
Dark Dreams, My Child CD 

restrainrecords.com | Aus dem Land der Legosteine er¬ 
reicht die geneigte Hörerschaft posttraumatischer Doom 
Metal, der bemüht ist, eine erdrückenden, tieftraurige At¬ 
mosphäre aufzubauen. Für alle pessimistischen Schwarzse¬ 
her durchaus geeignet bei der nächsten Suizidattacke, dre¬ 
hen sich scheinbar die meisten Songs um Herz-Schmerz- 
Angelegenheiten. Als Referenzen werden hier OPETH und 
AMORPHIS erwähnt, und wer auf eben diese beiden Ka¬ 
pellen steht und sowieso das Tageslicht meidet, sollte dem 
Debüt unserer holländischen Nachbarn eine Chance ge¬ 
ben. Zwar stieß mir erstmal der extrem theatralische Ge¬ 
sang ein wenig übel auf, nach mehreren Durchgängen 
passt das dann aber doch wie der Holzpflock ins Herz. Also: 
Grabkerzen anzünden, die Badewanne mit Patchouli voll 
machen und die CD im Hintergrund laufen lassen. Passt 
schon! Uwe Kubassa 


ADJUDGEMENT 
Human Fallout CD 

Engineer/Tank | Das vierzehnte Jahr ihres Bestehens fei¬ 
ern ADJUDGEMENT würdig mit ihrem neuen Album 
„Human Fallout“, welches beim englischen Label Engineer 
erscheint. Die rund dreißig Minuten klingen streckenwei¬ 
se überraschend punklastig, sind aber kein Bruch mit den 
Hardcore-Wurzeln der Hannoveraner. ADJUDGEMENT 
gelingt es, jedem Song seinen eigenen Charakter zu geben, 
und so vermeidet man Gleichförmigkeit. Dass hier inzwi¬ 
schen nur noch eine Gitarre am Werke ist, hört man beim 
besten Willen nicht. Auch textlich hinterlässt die Gruppe 
einen nachhaltigen Eindruck, denn ihre Lyrics handeln von 
Verantwortung, Problemen des Strafvollzugs, wachsen¬ 
der Armut und man äußert auch Kapitalismuskritik. Da¬ 
mit heben sie sich weiterhin angenehm von Bands ab, die 
es nicht für nötig halten, solche Themen anzusprechen. 
(29:19) (7) Thomas Eberhardt 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

AGGROLITES 
Reggae Hit L.A. CD 

Hellcat/SPV | Seit dem selbstbetitelten Debüt auf Hell- 
cat waren THE AGGROLITES ständig auf Tour. Und schon 
ist wieder ein Jahr rum, also schnell eine Platte nachlegen. 
Dass THE AGGROLITES so nebenbei mal eine Platte auf¬ 
nehmen können, wissen wir ja seit ihrem ersten Album 
„Dirty Reggae“, das ja fast schon zufällig entstand. Zwi¬ 
schen „Dirty Reggae“ und „The Aggrolites“ verging jedoch 
etwas mehr Zeit, und sicher war damals auch noch eini¬ 
ges an altem, ausgereiftem Material vorhanden. An diesem 
Punkt möchte ich ansetzen. THE AGGROLITES haben sich 
längst einen Status ähnlich den der SLACKERS erarbeitet 
und scheinen im Zugzwang zu sein, neues Material veröf¬ 
fentlichen zu müssen. „Reggae Hit L.A.“ ist unverwechsel¬ 
bar THE AGGROLITES, nur fehlen die zahlreichen Melodi¬ 
en, wie sie bisher so locker von der Hand gespielt wurden. 
Stattdessen häufen sich die Instrumentalfüller, die auf zwei 
Tönen hin- und herwechseln. Das ist zwar durchaus (an- 
)genehm, allerdings erwarte ich von einer Größe wie die 
THE AGGROLITES, dass danach ein Ohrwurm wie „Fas- 
ter bullet“, „Free time“ oder der Titeltrack folgt, die dann 
leider auf diesem insgesamt hochwertigen Album Ausnah¬ 
men bleiben, und deshalb die Klasse des Vorgängers nicht 
erreicht. Absolut überflüssig ist der fast 20-minütige „Hi- 
dden Track“ in Form einer monotonen Rhythmusschlei¬ 
fe. Ich befürchte, dass hier eine wirklich erstklassige Band 
verbraten wird. (74:00) (8) Simon Brunner 

AMANDINE 

Solace In Sore Hands CD 

Fat Cat/PIAS | Wenn Schweden eines können, dann ist 
es, Akzente nachzuahmen. Selten trifft man einen Schwe¬ 
den, der nicht entweder mit einem amerikanischen oder 
britischen Akzent Englisch spricht. Bei den Nordlichtern 
hört man nie, woher sie tatsächlich kommen. Sie spre¬ 
chen perfekt Schottisch, Cockney oder New-Yorkerisch. 
Ebenso verhält es sich mit schwedischer Musik. Schweden 
sind perfekt darin, die Musik anderer Länder nachzuah¬ 
men - und klingen dabei off sogar originaler als das Origi¬ 
nal. Angefangen bei MILLENCOLIN als Imitatoren von So- 
Cal-Punk bis hin zu THE HIVES mit ihrem Schweinerock. 
AMANDINE führen diese Tradition jetzt weiter: Die Band 
nennt ihre Musik selbst Americana. Dass das Hauptmerk¬ 
mal dieser Musikart - wie der Name schon sagt - die Her¬ 
kunft ist, ignoriert die Band geflissentlich. Mag auch sein, 
dass es ihnen einfach nur scheißegal ist. Schließlich kom¬ 
men aus dem Land der Imitatoren und Nachahmer - und 
sind tatsächlich verdammt gut darin. (7) Julia Gudzent 

ABWÄRTS 
Rom CD 

Cargo | Gut zwei Jahre nach ihrem Comeback-Album 
„NuProp“ meldet sich die Hamburger Punk-Legende AB¬ 
WÄRTS zurück. Erneut hat sich Sänger und Mastermind 
Frank Z. zusammen mit Rodrigo Gonzales von den ÄRZ¬ 
TEN zusammengetan und in fleißiger Heimarbeit das neue 
Werk „Rom“ eingespielt. Und das schließt nahtlos an sei¬ 
nen Vorgänger an, ohne diesen zu kopieren. Harte Stakka¬ 
to-Gitarren treffen auf stampfende Industrial- und Punk- 
Rhythmen, dazu bissige .Texte, die zum Glück ganz ohne 
Zeigefinger-Attitüde auskommen. Auch wenn gelegendi- 
che Pop-Elemente in den Stücken zu finden sind, so ist ins¬ 
gesamt doch alles beim Alten geblieben und man kann rei¬ 
nen Gewissens von einem klassischen ABWÄRTS-Album 
sprechen. Und dass der Humor auch bei ABWÄRTS nicht 
ganz auf der Strecke bleiben muss, beweisen dann auch 
Stücke wie „Carpifishin“ und „Lucky fucky“, die trotz aller 
Bitterkeit ein ironisches Augenzwinkern bereithalten. Live 
wird die Band - verstärkt durch Zabel/RAZORS und Dog 
Kessler/H-BLOCKX - im August wieder auf deutschen 
Bühnen zu sehen sein und „Rom“ den Fans vorstellen. AB¬ 


WÄRTS scheint endgültig im Hier und Jetzt angekommen 
zu sein. Nach fast 30 Jahren Bandhistorie mehr als nur ein 
Achtungserfolg. (47:38) (8) Abel Gebhardt 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

ALL OUT WAR 

Assassins In The House Of God CD 

Victory/Soulfood | New York Hardcore hat seit den An¬ 
fängen der Hardcore-Bewegung immer Zeichen gesetzt 
und einige wegweisende Bands, die inzwischen zu ech¬ 
ten Institutionen gereift sind, hervorgebracht. Auch AOW 
kommen aus New York, vermischen aber den klassischen 
New York-Style mit vielen Thrash-Elementen und schla¬ 
gen so seit jeher im Metal- wie auch im Hardcore-Lager 
ein wie eine Bombe. Auch das neue Album bildet da keine 
Ausnahme und ist brutal, roh und doch immer passend auf 
den Punkt gespielt. Einzelne Songs hervorzuheben, lohnt 
kaum, weil das Album sich nur bei einem kompletten 
Durchlauf völlig entfaltet. Mein persönlicher Favorit „Bey- 
ond redemption“ sei dann aber doch noch genannt, bevor 
sich der Kreis mit dem nicht minder wuchtigen „And all 
shall suffer“ schließt. Wir sehen uns im Pit! (38:09) (8) 

Tobias Ernst 

AMOS 

Imperator Of Pop CD/LP 

Sounds of Subterrania | Die Kings des Pop kommen 
manchmal von unten, manchmal von oben und manch¬ 
mal aus dem Nichts, tauchen auf, sind grandios, merkwür¬ 
dig, seltsam, interessant, spannend. Das Cover ist viel ver¬ 
sprechend, der Inhalt eine rasante Mischung aus Prince, 
QUEENs Freddy und KISS - und ein bisschen Marc Bolan. 
Hört sich irgendwie scheiße an, ist aber „in the mix“ ge¬ 
nial. Wird nicht langweilig mit dem „Imperator Of Pop“, 
wie er sich selbstironisch nennt. Humor hat er, Spaß macht 
er. Auch mit der Aktion „Zerstöre deine Lieblingsplatte 
und erhalte meine aktuelle CD“! Der ganze Crazy-Krem- 
pel auf dem Album. Und, echte Überraschung: sehr gut 
aufgenommen, qualitativ sehr guter Sound. Check it out! 
(48:40) (9) Thomas Neumann 

ASTEROID 

s/t CD 

fuzzoramarecords.com | Was ertönen wird, wenn man 
eine Band namens ASTEROID in den Player schiebt, kann 
man sich ausrechnen, selbst wenn man - so wie ich in die¬ 
sem Fall - vorher noch nie von dieser Kapelle gehört hat. 
Schon nach den ersten Sekunden schwebt man durch spa- 
cige Riffs, begegnet einer zärtlichen Hammondorgel und 
reitet auf einem dicken Bass durch „The Great Unknown“, 
versucht sich im „Speaking to the sea“ oder erkundet 
durch das „Panoramic telescope“ „The infinite secrets of 
planet Megladoon“ - so die Titel der ersten vier Tracks auf 
dem Debüt der schwedischen Spacerocker. Auch wenn ich 
sicherlich nicht der größte Fan von ASTEROID werde, die 
Konsequenz, mit welcher hier das Bandkonzept umgesetzt 
wird, ist beeindruckend - und klingt gar nicht mal übel. 
Ach ja, am Schluss des Albums verabschiedet sich natürlich 
„Doctor Smoke“... (57:08) (7) Simon Loidl 

AMBER PACIFIC 
Truth In Sincerity CD 

Hopeless/Soulfood | Bei den durchgestylten US-Melo- 
dypunkern von AMBER PACIFIC kommt schon an dritter 
Stelle ihrer Discografie das Weiße Album. „Truth In Since¬ 
rity“ heißt es und klingt gar nicht so anders als der düs¬ 
ter gewandete Vorgänger „The Possibility And The Promi¬ 
se“. Eine Weiterentwicklung in kleinem Rahmen ist sicher 
festzustellen, grundsätzlich aber halten AMBER PACIFIC 
an ihrem Soundmix aus 90er-Jahre-Melodycore der Mar¬ 
ke MXPX und Collegerock des neuen Jahrtausends fest. Da 
bleibt es eine Frage des Geschmacks, ob man diesen Stil auf 
Albumlänge gut findet oder ob einem schon nach fünf Stü¬ 
cken die Ohren bluten. Die Stärken der Band liegen in den 
schnellen Songs, wenn sie losknüppeln wie NOFX in bes¬ 
ten Zeiten. Dagegen wirken die Stücke im mittlerenTempo 
überfrachtet mit Synthesizern und mehrstimmigen Chö¬ 
ren in epischen Refrains. Wenn es das ist, was die Jugend 
hören will, bitteschön, dann machen AMBER PACIFIC alles 
richtig. Ich bleibe in dieser Preisklasse trotzdem den Kolle¬ 
gen von OVER IT treu. (6) Arne Koepke 

ALEX FACE 

Smells Like A Woman CD 

alleycatrecords.se | Wenn ich das Bandinfo richtig verste¬ 
he, war der namensgebende ALEX FACE ein etwas durchge¬ 
drehter Zahnarzt, der unter anderem mit Vogelmaske und 
Umhang praktizierte und deshalb suspendiert wurde, was 
mir die Band ja schon mal sympathisch macht. Musikalisch 
können die vier Schweden mit ihrem dreckigen Mix aus 
Blues, Rock und ordentlich Punk-Energie im Arsch auch 
mithalten. Die Drums scheppern und grooven, die Gitar¬ 
ren spielen Riffs ä la alte DANKO JONES oder LED ZEP¬ 
PELIN auf Speed und fertig ist ein partytaugliches Rockal¬ 
bum, bei dem sich die Schweißporen von ganz alleine öff¬ 
nen. Sowas wie runtergenudelte Standards sucht man hier 
natürlich vergebens, da fallen auch die ein, zwei langweili¬ 
gen Songs kaum auf. Ich glaub es kaum, aber so lass ich mir 
so was wie Bluesrock gefallen. (34:06) (7) Alex Strücken 

AMOKS 

Dead Man’s Really LP/CD 

itb-records | Swingende Barmusik, irgendwie. Minima¬ 
listische Shuffledrums wie vom Schrottplatz, Kontrabass, 
eine meist fast cleane, jazzige Gitarre und dazu eine rauchi¬ 
ge Whisky&Kippen-Stimme, hin und wieder aufgelockert 
durch Mundharmonikaklänge. Das Ganze klingt, als wür¬ 
de es auch rein akustisch auf irgendeiner Straße funktio¬ 
nieren. HIPBONE SLIM fällt mir da als Vergleich ein oder 
manchmal sogar ultrareduzierte KINGS OF NUTHIN’ un¬ 
plugged. Ein bisschen Blues, ein bisschen Rockabilly, ein 
bisschen Jazz und Punk, gemischt mit viel Alkohol. Eine 
coole, spaßige Angelegenheit in schickem Klappcover. Die 
hätte ich gerne mal live gesehen. Hätte, weil sich das hol¬ 
ländische Trio wohl mittlerweile schon wieder aufgelöst 
hat. (8) Alex Strücken 

ATTRACTIVE AND POPULÄR 
Money Equals Magic CD 

goldstandardlabs.com | Beinahe hätte ich mich zur For¬ 
mulierung „Ein typische GSL-Release“ hinreißen las¬ 
sen - und dabei weiß ich doch, dass es DEN einen Label - 
sound nicht gibt. Aber wenn eine Band sich ATTRACTIVE 
AND POPULÄR nennt, Geld als Zauberei bezeichnet und 
auf dem Cover in einem Meer aus Geld planscht wie einst 
Dagobert Duck, und dazu dann noch hektischen Synthie- 
Punk spielt, dann schreit das nach einem Release auf GSL. 
Für mich klingen die 15 Songs der aus Hot Springs in Ar¬ 
kansas stammenden Band nach einer Mischung aus DEVO, 
XBXRX.THE MAKE-UP, NOMEANSNO und PILOT SCOTT 
TRACEY, und wo man im ersten Moment Nachwehen des 
Discopunk-Hypes vermuten könnte, stellt sich bei genaue¬ 
rem Hinhören heraus, dass ein dominant eingesetzter Syn¬ 
thesizer allein diesen Verdacht nicht wirklich untermauern 


kann. Richtig groß sind die Texte des Vierers: feinster Trash 
aus Versatzstücken der Popkultur, goldene Enten treffen auf 
dicke Titten, Kampfpiloten auf käufliche Liebe, zugedrogte 
Farmtiere auf romantische Liebe. Seltsam und gut! (22:43) 
(7) Joachim Hiller 

ALL FOR NOTHING 
Can’t Kill What’s Inside CD 

swellcreek.de | Wenn ein paar Menschen in ein Mikro 
schreien und wild mit dem Finger in der Luft rum wedeln, 
dann ist das sicherlich nicht der örtliche Domchor, son¬ 
dern Hardcore. Recht klassischer, würde ich sagen, keine 
große Überraschungen. Also was soll man da noch krea¬ 
tives Schreiben, wenn die Bands selber so unkreativ sind? 
Eben. (27:51) (5) Katrin Hacheney 

ASOBI SEKSU 
Citrus CD 

One Little Indian | Als die New Yorker Band tun die aus Ja¬ 
pan stammende FrontfrauYuki 2004 ihr Debüt veröffent¬ 
lichte, war der Vergleich mit MY BLOODY VALENTINE und 
LUSH wohl unausweichlich, doch mit dem zweiten Long- 
player (der in den USA schon im Mai 2006 erschienen ist) 
haben sich ASOBI SEKSU emanzipiert und ein erkenn¬ 
bares eigenes Soundprofil entwickelt: der extrem hallige, 
zarte Gesang mit Anlehnung an China-Pop trifft auf ver¬ 
träumten Gitarrenpop/ rock, der hier und da unvermittelt 
in brachiale Noise-Parts ausbricht. Dream Pop ist da eine 
absolut angemessene Beschreibung, im Vorprogramm von 
MERCURY REV oder der auferstandenen THE JESUS AND 
MARY CHAIN würden sich ASOBI SEKU sehr gut machen. 
(50:38) (7) Joachim Hiller 

KRISTOFER ÄSTRÖM 
RainawayTown CD 

startracks.se | Zurück zum Song - das ist momentan 
scheinbar ein weit verbreitetes Motto. Das soll heißen, 
dass die Arrangements so weit abgespeckt werden, dass bis 
auf Stimme und Gitarre, Bass und Schlagzeug nichts mehr 
übrig bleibt. Es heißt auch, dass sich die Instrumente der 
Stimme unterordnen, damit ihr niemand Platz wegneh¬ 
me. Mit einem ähnlichen Ansatz haben sich schon ISOLA¬ 
TION YEARS auf ihrem letzten Album in die Nesseln ge¬ 
setzt, bei Kristofer ist man dieses Vorgehen schon gewohnt, 
wenn auch nicht so konsequent. Als ehemaliger Front - 
man von FIRESIDE und nachher Gebieter über seine Be¬ 
gleitband HIDDEN TRUCK weiß er, wie man aus laut leise 
macht. (Die Band hat er übrigens ausgetauscht.) Doch was 
hat er noch zu bieten, wenn er alles weglässt, was aufmer¬ 
ken lässt? Eine sympathische, aber unauffällige Stimme, 
ein bisschen Schunkelgitarre und hier und dort ein Tupfer 
Steelguitar. Die Songs sind nett, aber die meisten sind nicht 
so aufregend wie etwa die kommende Single „Just A Little 
Insane“. Immerhin: Kristofers Fans werden sich über diese 
Weiterentwicklung freuen. (43:20) (6) Christian Meiners 

ANIMAL FIVE 
s/t MCD 

Universal | Schweden, mal wieder, unbekümmert, selbst¬ 
ironisch, wild und schwer in eine Schublade zu stecken. 
Zinn einen klingen sie britischer als so manche Inselband, 
zum anderen haben sie das typische Schweden-Pop-Gen 
wohl schon mit der Muttermilch aufgesogen. Cardigans 
Basser Magnus Sveningsson signte die fünf vom Fleck weg 
und bis zur vorliegenden Debüt-EP dauerte es nicht lange. 
Sechs Songs, die so ziemlich alles haben, was das Pop-Herz 
höher schlagen lässt. Melodien zum Mitsingen, stampfende 
Rhythmen, die in die Beine gehen, und trotz aller Hi-Tech 
im Studio ausgestattet mit der nötigen Kante. File under: 
GRASS SHOW, MAXIMO PARK, WANNADIES... ich bin ge¬ 
spannt auf das Album. (21:46) (9) Jürgen Schattner 

WENDY ATKINSON 

Pink Noise CD a 

Smarten Up & GetToThe Point/K | Unspektakulär ist ein 
gefährlicher und dehnbarer Begriff: Spricht man bei ei¬ 
ner Platte mit richtig guten Popsongs von unspektakulär, 
heißt das meistens, dass eben richtig gute Songs darauf sind, 
die sich nicht gleich wie Radio-Pophits in Nullkomma- 
nichts tot hören. Bei einer Platte, auf der fast nichts pas¬ 
siert, von unspektakulär zu sprechen, ist es dagegen meist 
nur ein wohlwollender Ausdruck für langweilig. Das vor¬ 
neweg, denn die zweite Platte von Wendy Atkinson ist in 
der Tat unspektakulär, allerdings finden sich darauf weder 
richtige Songs noch ist sie besonders langweilig. Atkinson 
spielt sich durch die fünfzehn Songs äußerst unkonventi¬ 
onell alleine mit ihrem Bass, mal akustisch, mal elektrisch, 
mal beides, mischt Field Recordings dazu, vorbeifahren¬ 
de Züge (oder ist das bloßer Zufall, weil das Küchenfens¬ 
ter aufstand?), und schafft damit eine Platte, die in höchs¬ 
tem Maße originell ist (weil ich so was bisher kaum zu hö¬ 
ren gekriegt habe), unanstrengend, aber leider auch etwas 
unspannend ist. (36:44) (5) Chris Wilpert 

ACADEMY IS... 

Santi CD 

Warner | Das Debüt „Almost Here“ habe ich totgehört, ich 
konnte mich einfach nicht von den Songs trennen, die ich 
zu den Besten des letzten Jahres zähle. Dementsprechend 
hoch waren auch eine Erwartungen an die Band um Sän¬ 
ger William Beckett und seine vier Mitmusiker. Es heißt, 
sie haben ihre Herangehensweise ans Songschreiben ge¬ 
ändert. Auf „Santi“ schrieb die ganze Band die Songs und 
musste nicht einfach nur die Songs, die Beckett und Gi¬ 
tarrist Mike Carden geschrieben hatten, performen. Oh ha! 
Was das wohl zu bedeuten hat? Eigentlich kann ja nur Gu¬ 
tes dabei heraus kommen, wenn eine gute Band, die bis¬ 
her nur sehr gute Popsongs geschrieben hat, zusammenar¬ 
beitet. Und, tadada, das Ergebnis ist schön. Ich könnte mich 
daran gewöhnen, jeden Sommer neue Super songs von THE 
ACADEMY IS ... in der Anlage rotieren zu lassen. Allein die 
süße Gebrechlichkeit von „Everything we had“ will mich 
dafür bestrafen, dass ich der Band gezweifelt habe. Vor al¬ 
lem „LAX to O’Hare“ zeigt die Band von ihrer stärksten 
Seite und ist eigentlich die heimliche Single. (7) 

Sebastian Wahle 

ANTIGAMA 
Resonance CD 

relapse.com | Die Warschauer ANTIGAMA sind nun mit 
ihrer vierten LP bei Relapse gelandet und ich muss zu¬ 
geben, dass ich enttäuscht bin. Waren die drei Vorgänger 
wirkliche Meilensteine im Genre Grindcore, was Perfek¬ 
tion und Abgefahrenheit angeht, so ist „Resonance“ für 
ANTIGAMA-Verhältnisse eher Hausmannskost. Die ers¬ 
ten sieben Songs sind gnadenlos schnelle Grindgrananten 
Marke NAPALM DEATH, wenige Parts, imglaublich präzise 
gespielt, haben aber im Gegensatz zu jenen keinen wirkli¬ 
chen Wiedererkennungswert. Lustig wird es dann mit dem 
Jazzeinsprengsel „Barbapapex“, bevor mit „Psychonaut“ 
ein echter Nackenbrecher mit schwerer Death Metal-Kan- 
te und PRONG-Riffing über den geneigten Hörer herein¬ 
bricht. Gegen Ende der Scheibe geben die Polen dann wie¬ 
der Gas. Auch wenn die einleitenden Worte vielleicht einen 


OX-FANZINE 60 







REVIEWS 


etwas negativen Eindruck vermitteln, sollte ich hier noch 
mal richtig stellen, dass ANTIGAMA auf einem ähnlichen 
hohen technischen Niveau wie zum Beispiel SUFFOCATI- 
ON spielen und somit selbst ein langweiliger ANTIGAMA - 
Song circa 95 Prozent alles anderen Grindcores blass ausse- 
hen lässt. (32:29) (7) Ollie Fröhlich 

ACCELERATORS / RANDOM HEROES 
Split MCD 

squashrecords.com | Schneller Kettensägen-RAMONES- 
Core zweier blutjunger Bands mit je drei Liedern. Nach der 
fulminanten „No More Fuckin’ Drama“-EP enttäuschen 
die ACCELERATORS aus Rotterdam hier auf ganzer Linie: Es 
fehlen einfach die Glanzlichter, Referenzen und Querver¬ 
weise, ebenso wie die Texte, deren Witz zur Wahrnehmung 
eben jener hätte verhelfen können. Nur einen Klang zu zi¬ 
tieren, war noch nie sonderlich originell. Die RANDOM 
HEROES aus Brighton bleiben ähnlich farblos. Das Beispiel 
dieser Split-CD beweist zum einen, dass beide Bands noch 
nicht weit genug für Singles sind, und zum anderen, dass 
Veröffentlichungen einen gewissen Präsentationsstandard 
verlangen. (12:25) (7) Walmaul 

ABSYNTHE MINDED 
There Is Nothing CD 

Universal | Ein verteufelt schönes Album, aber auch äu¬ 
ßerst schwer einzuordnen. Was die fünf Belgier auf „The¬ 
re Is Nothing“ anrichten, ist einfach zu vielschichtig um 
es mal eben zu beschreiben. Hier gibt es Pop, (Indie)Rock, 
Balladen, an den Balkan erinnernde Folklore, jazzige bis 
funkige Rhythmen und vieles, vieles mehr zu entdecken. 
Ich probiere es mal mit der Textzeile „Maybe I’m sad, may- 
be I’m glad“ aus dem Opener „Plane song“, das trifft die 
Grundstimmung des Albums recht gut. Als Vergleich wür¬ 
den mir die SOUNDTRACK OF OUR LIVES einfallen, 
wenn überhaupt. Musik, die dem Hörer in jeder einzelnen 
Sekunde schmeichelt und das beruhigende Gefühl hin¬ 
terlässt, seine Aufmerksamkeit nicht verschenkt zu haben. 
Die Produktion ist dabei wunderbar unaufdringlich und 
entfaltet zusammen mit den zurückhaltenden Arrange¬ 
ments eine unglaublich intensive Wirkung. Respekt vor ei¬ 
ner Band, die problemlos Verschiedenstes unter einen Hut 
bringt, ohne auch nur einen Moment aufgesetzt zu wirken. 
So und nicht anders funktioniert intelligenter Pop. Scheiß 
auf all deine Lieblingsbands aus Omaha, wenn hier Sadd- 
le Creek drauf stehen würde, wüsste ich, wer diesen Monat 
die Visions-Titelstory bekommt. (52:24) (9) Lars Koch 

ALESANA 

On Frail Wings Of Vanity And Wax CD 

Defiance/Cargo | Vor rund zweieinhalb Jahren formier¬ 
te sich das Sextett ALESANA, und obwohl eine inflationäre 
Anzahl an Screamo-Bands weiterhin die Szene in den Staa¬ 
ten überschwemmt, fal¬ 
len ALESANA doch an¬ 
genehm auf. Ihr Stil hat 
Progrock-Elemente, da 
man mit drei Gitarren 
natürlich noch komple¬ 
xere Arrangements aus- 
arbeiten kann und ge¬ 
sanglich setzt die Grup¬ 
pe auf die extrem hohe 
Stimme von Shawn Mil- 
ke, dessen Eighties-Vibe 
durch das infernale Or¬ 
gan von Dennis Lee er¬ 
gänzt wird. Auch textlich spielt man mit den unterschied¬ 
lichen Stimmen, nutzt diese beinahe dramatisch, um ver¬ 
schiedene Blickwinkel einzubringen. Vergleiche mit CO- 
HEED AND CAMBRIA, CHIODOS oder ANATOMY OF A 
GHOST liegen nahe, aber die Fähigkeit trotz dieser Mas¬ 
se an Einflüssen Herr der Lage zu bleiben, macht doch Ein¬ 
druck. Wer es opulent, theatralisch und mit gehörig Zu¬ 
ckerguss mag, aber nicht auf die ein oder andere böse Pas¬ 
sage verzichten möchte, sollte den Barden mal sein Ohr 
leihen. Als Belohnung gibt’s dann auch vier volle Songs als 
Live-Video und ein sympathisches Interview. (7) 

Thomas Eberhardt 



AUDIENCE 
Celluloid CD 

hazelwood.de/Indigo | Mit kreativen Zellen ist das im¬ 
mer so eine Sache. Schnell als eine solche ausgemacht, wer¬ 
den eine ganze Menge Bands in einen Topf geworfen. Lei¬ 
der funktioniert das vor allem in Hinblick auf qualitative 
Unterschiede nicht immer. Bei THE AUDIENCE und ihrem 
Debüt „Celluloid“ zum Beispiel, die wie THE ROBOCOP 
KRAUS, THE PLANE IS ON FIRE, YUCCA und HIDALGO 
aus der gleichen fränkischen Kleinstadt namens Hersbruck 
stammen. Sehr von den ROBOS supportet und von ihnen 
mit auf Tour genommen, haben THE AUDIENCE zwar gute 
Anleihen aus Rock, Punk, Garage und New Wave, schaffen 
es im Gegensatz zu ihren Unterstützern aber nicht wirk¬ 
lich, alles stimmig unter einen Hut zu bringen. (38:58) (5) 
Nina Maenz 


ARCTIC MONKEYS 
Favourite Worst Nightmare CD 

dominorecordco.com/Rough Trade | Vor allem eines 
wollten die ARCTIC MONKEYS mit ihrem zweiten Album 
vermeiden: So zu klingen, als seien sie erwachsen gewor¬ 
den. Ein Vorsatz, der den meisten von uns nur allzu bekannt 
Vorkommen dürfte. Und dann hört man sich doch irgend¬ 
wann einmal Sätze sagen wie: „Für mich heute Abend bit¬ 
te keinen aufregenden Totalabsturz in irgendeinem viel 
zu lauten Club. Ich wollte stattdessen ein paar trüben Ge¬ 
danken über vergangene Partys nachhängen. Besser als da¬ 
mals wird es ja sowieso nicht mehr.“ Mit ähnlichem Weh¬ 
mut in der Stimme blickt Sänger Alex Türner nun auf das 
so unglaublich erfolgreiche Debütalbum seiner Band zu¬ 
rück. Deshalb klingen selbst die Momente, in denen sich 
die ARCTIC MONKEYS dann doch zum Tanzen aufraf¬ 
fen, nach dem halbherzigen Versuch, an ihre hoffnungs¬ 
los überbewertete Vergangenheit anzuknüpfen. Doch ge¬ 
nau diese Unentschlossenheit macht das neue Album letzt¬ 
endlich sogar interessanter als seinen Vorgänger. Natürlich 
war „Whatever People Say I Am.That’s What I’m Not“ da¬ 
mals eine tolle Party. Aber erst die verklärte Erinnerung hat 
sie zu dem gemacht, was sie einem heute bedeutet. Und 
genau das ist „Favourite Worst Nightmare“: ein sentimen¬ 
taler Rückblick, der im Grunde besser ist als das damals tat¬ 
sächlich Erlebte. Und ein schöneres Geschenk kann einem 
die Gegenwart manchmal einfach nicht machen. 

Thomas Renz 

BBB 


BLINDLINKZ 
Tears’n’Beers MCD 

blindlinkz.de | Auch wenn die Band grundsätzlich an ei¬ 
ner Verfeinerung ihres Songwritings und ihrer Arrange¬ 
ments arbeiten sollte, so sind diese fünf Songs als erster 
Eindruck, den man von BLINDLINKZ bekommt, doch alles 
andere als schlecht. BLINDLINKZ mischen Einflüsse von 
RANCID, frühen BOMBSHELL ROCKS und FRONTKICK 
miteinander, wodurch ein recht melodischer Streetpunk- 
Sound entsteht, der mit vier englisch und einem deutsch 
gesungenen Song durchaus Potenzial hat. Wenn die Band 


/In 




• NEUROSIS Given To The Rising 

• DINOSAUR JR Beyond 

• BEATSTEAKS .Limbo Messiah 

• POISON THE WELL Versions 

• STEAKKNIFE Parallel Universe Of The Dead 


So funktioniert's: 

• Wir wollen von euch wissen, welche 5(!) Platten, CDs, EPs, Singles, Compilations oder was auch immer 
momentan am häufigsten gehört werden. Aber bitte beschränkt euch auf die Nennung relativ aktueller Plat¬ 
ten. Wir stellen aus allen genannten Platten monatlich die Ox-Lesercharts zusammen und präsentieren diese 
auf www.ox-fanzine.de und dann alle zwei Monate auch an dieser Stelle. 

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• Mitmachen unter www.ox-fanzine.de und da unter „Charts” oder via eMail an charts@ox-fanzine.de 




(TERKAUFSCHARTS 


SOUNDFLAT 

1. MONSTERS - I still love her (plus cardgame) 7“ j 2. 
STAGGERS - Teenage trash insanity LP/CD j 3. GILJO- 
TEENS - Out of our hands LP j 4. LIGHTNING BEAT 
MAN - Baby Obsession 7 j 5. MARY WEISS w/ REIGNING 
SOUND - Dangerous game LP/CD | 6. LOVE ME NOTS 

- In black & white LP/CD j 7. STAGGERS - Live 7“ j 8. 
BLACK LIPS / DEMONS CLAWS - What to do Split 7“ | 
9. DEE RANGERS - Blue swedes LP/CD | 10. MIDWAYS 

- Manners.manners LP/CD | 11. HARA-KEE-REES - Cant 
stop thinkingabout you 7“ | 12. PHANTOM KEYS - In the 
summertime 7“ f l 3. STONEKING, C.W. - King Hokum 
LP/CD f 14. SULTAN, MARK - Sultanic verses LP/CD | 

15. KING KHAN & HIS SHRINES - What is? LP/CD 

CORETEX 

1. BEATSTEAKS - Limbo Messiah LP/CD/DVD | 2. V.A. 
.American Hardcore DVD | 3. JOE COEFEE - When The 
Fabric Don’t Fit The Frame CD f 4. COMEBACK KID - 
Broadcasting LP/ CD j 5.DEATH BEFORE DISHONOR - 
Count Me In CD j 6. ANTICOPS - In The Eyes Of A Dying 
Man LP/ CD | 7. HATE EDGE - On Field CD | 8. PU- 
NISHABLE ACT - F rom The HeartToThe Ground CD | 9. 
STILL SCREAMING - ContinueThe Fight CD ) 10. BORN 
TO LOSE - Old Sears LP/ CD j 11. HOODS - Ghettoblas- 


ter CD | 12. TERROR - The Living Proof DVD j 13. NE- 
GATIVES - AtThe End OfThe Rope CD | 14. FRONTKICK 
- The Cause OfThe Rebel LP/ CD | 15. CHAMPION - The 
Final Show’ DVD 

ELDORADO 

i.DINOSAUR JR. - Beyond LP | 2. BEATSTEAKS - Lim¬ 
bo Messiah LP | 3. ARCTIC MONKEYS - Favourite Worst 
Nightmare LP | 4. MAXIMO PARK - Our Earthly Ple- 
asures LP | 5. NEUROSIS - Given To The Rising CD I 

6. LEFTOVER CRACK/CITIZEN FISH - Deadline LP | 

7. STEAKKNIFE - Parallel Universe OfThe Dead LP j 8. 
TED LEO AND THE PHARMACIST - Living WithThe Li¬ 
ving DoLP | 9. MODEST MOUSE - We Were Dead Before 
DoLF | 10.31 KNOTS - Days And Nights Of Everything 
LP | 11. FU MANCHU - We Must Obey CD | 12. RA¬ 
RES - The New Messages CD | I 3.DÄLEK - Abandoned 
Language DoLP | 14. METEORS - Hymns For The Hell - 
bound LP | 15. SOMEONE STILL LOVES BORIS YELT- 
SIN - Broom LP 

FLIGHT13 

1. DINOSAUR JR. - Beyond LP/CD/7“ j 2. HI TERES- 
KA - Winter ün Herzen CD f 3.CLOROX GIRLS - J t'aime 
les filels LP/CD | 4. MODEST MOUSE We were dead.. LP/ 


CD | 5. KING KHAN - What is LP/CD | 6. TIM ARM¬ 
STRONG A poet's life CD+DVD f 7. ARCTIC MON¬ 
KEYS Favourite worst nightmare LP/CD | 8. STEAKKNI¬ 
FE Parallel universe.. LP/CD | 9. MUFF POTTER - Stea- 
dy Fremdkörper LP/CD ( 10. BILLY CHILDISH - Punk¬ 
rock LP/CD | 11. BRIGHT EYES Cassadaga LP/CD | 12. 
METT BANANA - Bambi's dilemma LP/CD | 13. BEAT¬ 
STEAKS Limbo messiah LP/CD | 14. FLÄMING SIDE- 
BURNS Keys to the highway LP/CD | 15. BUBONIX - 
Please devil... LP/CD 

GREEN HELL 

1. MUFF POTTER - Steady Fremdkörper | 2. ALESANA 

- On Frail Wings OfVanity And Wax | 3. DEATH BEFORE 
DISHONOUR - Break Through It All | 4. GO IT ALO- 
NE - Histories | 5. BEATSTEAKS - Limbo messiah | 6. 
MODEST MOUSE - We Were Dead BeforeThe Ship Even 
Sank | 7. DETROIT COBRAS - Tied &True f 8, NEURO¬ 
SIS - Given To The Rising [ ‘LTARPIT -Vultures | 10. DI¬ 
NOSAUR JR. - Beyond | 11. LIGHNTING BEAT-MAN 

- Baby Obsession f 12. THIS IS HELL - Sundowning | 
13. SUNN O))) & BORIS - Altar j 14. ARCTIC MON¬ 
KEYS - Brianstorm | 15. DIGITAL LEATHER - She Had 
A Cameltoe 


Joachim Hiller 

In der Anlage: EDITORS An End Has A Start | JAI ALAI 
SVANT Flight OfThe Bass Delegate | TOMAHAWK Anony- 
mous Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: DIO Holy 
Diver Freut sich auf: EDITORS live! Mein Geheimtip: 
MARK SULTAN The Sultanic Verses Enttäuschung: TUR- 
BONEGRO Retox 

Andre Bohnensack 

In der Anlage: EDITORS An End Has A Start f KTL 2 | 
MAYHEM Ordo Ad Chao Meine liebste Achtziger-Me¬ 
tal-Platte: DEATH Scream Bloody Gore Freut sich auf: 
MINISTRYThe Last Sucker Mein Geheimtip: MUNICIPAL 
WASTEThe Art Of Partying Enttäuschung: TYPE O NEGA - 
TIVF. Dead Again 

Thomas Renz 

In der Anlage: DARKEST HOUR Deliver Me | EDITORS 
An End Has A Start j LIFETIME Lifetime Meine liebste 
Achtziger-Metal-Platte: SLAYER Reign In Blood Freut 
sich auf: Es bleibt dabei: ein neues Album von THE D1L- 
LINGER ESCAPE PLAN 

Abel Gebhardt 

In der .Anlage: FEHLFARBEN Handbuch für die Welt | 
DINOSAUR JR Beyond | MOGWAI A 2 Ist Century Port¬ 
rait Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: IRON MAI¬ 
DEN Number Of the Beast Freut sich auf: Den Aufstieg 
ds FC SLPauii in die 2. Liga Mein Geheimtip: JACQUES 
PALMINGER Die Henry Maske Enttäuschung: STOOGES 
TheWeirdness 

Alex Strücken 

In der Anlage:Tom Waits Orphans | Mary Weiss& REIG¬ 
NING SOUND Dangerous Game | ]erry Lee Lew’is Live 
At The Star Club Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬ 
te: LONG HAIR BAD MUSIC Da kannste mich mit ja¬ 
gen! Freut sich auf: TERROR V1SIONS Mein Geheimtip: 
NIGHTTERRORSCobras 

Arndt Aldenhoven 

Ln der Anlage: DISRUPT Unrest j EXHORDERThe Law 
| PRESIDENTS OFTHE UNITED STATES OF AMERICA s/ 
t Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA ... 
And Justice for all Freut sich auf: Das neue Album von 
TURBONEGRO Mein Geheimtip: Wodka mit Almdudler 
Enttäuschung: Dezenter Heuschnupfen 

Arne Koepke 

In der Anlage: MUFF POTTER - Steady Fremdkörper | 
BEATSTEAKS limbo Messiah j DIE FANTASTISCHENVIF.R 
Fornika Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: ME¬ 
TALLICA Master Of Puppets Freut sich auf: BAD RELI¬ 
GION Mein Geheimtip: JETLAGS Alright! Let’s Go! Ent¬ 
täuschung: Immer noch kein Punkrocksampler gegen den 
Klimawandel 

Bernd Fischer 

In der Anlage: CLOROX GIRLS J'aime Les Filies | HA¬ 
WAII MUD BOMBERS: Mondo Primo | KING KHAN & 
THE SHRINES: What is?! Meine liebste Achtziger-Me¬ 
tal-Platte: SLAYER South Of Heaven Freut sich auf: End¬ 
lich endenden Lernstress! Geheimtip: ROCK'N’ROLL AD- 
VENTURE KIDS Hot Dog Enttäuschung: Die fantastischen 
GROOVIE GHOULIES lösen sich auf 

Bodo Unbroken 

In der Anlage: AGAINST ME! New’ wave j AGENT ORAN¬ 
GE Living in darkness | DOLOREAN You can't win Mei¬ 
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: zu viele, um hier nur 
eine nennen zu können Freut sich auf: Against Me! Shows 
Enttäuschung: S04 

Carsten Hanke 

In der Anlage: GOOD CLEAN FUN Crouching Tiger Mos- 
hing Panda | PIG DESTROYER Prowler In The Yard | MU¬ 
NICIPAL WASTE Hazardous Mutation Meine liebste 
Achtziger-Metal-Platte: SLAYER South of Heaven Freut 
sich auf: eine neue 7“ von ITALIAN STALLION Mein Ge¬ 
heimtip: Thomas Bernhard Ein Kind Hörbuch für 10 Ent¬ 
täuschung der Ausgabe: Gladbach macht den Abstieg 
perfekt - Hallo Zahni! 

Chris Wilpert 

In der Anlage: ORNETTE COLEMAN QUARTET Ornette! 
| THERMALS Alles | M.O.T.O. Turn Your Head And Cough 
Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: HÜSKER DÜ 
Metal Circus (sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen) 
Freut sich auf: TOCOTRONIC Kapitulation Mein Ge¬ 
heimtip: JENNIFER GENTLEThe Midnight Room Enttäu¬ 
schung der Ausgabe: GRINDERMAN s/1 

Christian Maiwald 

In der Anlage: TWILIGHT SAD Fourteen Autumns & Fif- 
teen Winters | EARTH Hibemaculum | BOOKS Play All 


Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: wahrscheinlich 
NAPALM DEATH Scum Freut sich auf: KTL Geheimtip: 
PAN SONIC Katodivaihe Enttäuschung: Einsehen müssen 

Christoph Schulz 

In der Anlage: MATULA Kuddel j GIRLS AGAINST BOYS 
You Can't Fight What You Can't See | STANDSTILL The Io- 
nic Spell Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SE- 
PULTURA BeneathThe Remains Freut sich auf: die neue 
TURBOSTAAT Mein Geheimtip: EXITS TO FREEWAYS 

Claus Wittwer 

Inder Anlage: FEHLFARBEN Handbuch für die Welt | Phi¬ 
lip Ardagh Abscheuliche Angewohnheiten | Bobby Bare Jr. 
TheLongest Meow Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬ 
te: die hinter Opas Stirn Freut sich auf: ZENOTORANDO 
&THE BONEY GOOGLE BROTHERS tba Mein Geheimtip: 
LODGER Grown-ups Enttäuschung: wieder solo 

Gereon Helmer 

In der Anlage: BISHOPS s/t | SWEET THINGS Why Walt 
until tomorrow | TEEN AXEL SOUL ARKESTRA Ring A 
Dang Doo Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METAL 
STILL SUCKSToday As Much As InThe 80s Freut sich auf: 
Neue MASONICS Mein Geheimtip: GILJOTEENS Out Of 
Our Hands Enttäuschung: Musik enttäuscht mich nicht 
mehr, das tun nur Menschen ... 

Guntram Pintgen 

In der Anlage: DROPKICK MURPHYS The Warrior's Code 
| IGNITE Our Darkest Days | FR4RLESSIRANIANS FROM 
HELL Die for Allah Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬ 
te: RIOT Fire down under Freut sich auf: Sommerferien 
Mein Geheimtip: THE SHIELD TV-Serie Enttäuschung: 
STOOGES The Weirdnes 

Jan Eckhoff 

In der Anlage: FU MANCHU We Must Obey j BOTT¬ 
ROPS s/1 | SOUL 1NVADERS A Kiss So Sweet Meine liebs¬ 
te Achtziger-Metal-Platte: MOTÖRHEAD Ace Of Spades 
Freut sich auf: Ruhrpott Rodeo Festival Mein Geheimtip: 
SOUL INVADERS A Kiss So Sweet Enttäuschung: Visions- 
Party am 4. Mai in Bochum 

Jens Kofoed-Pihl 

In der Anlage: PRESIDENT FETC.H Cruel Beats...Gent- 
ly Slumbering | PURE COUNTRY GOLD s/t | HUMAN 
EYE s/t | Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: AN¬ 
GEL WITCH s/t Freut sich auf:The release of HIGFIWAY 
CHILD's Qflf Old Kings Road on a label Mein Geheimtip: 
COLA FREAKS Enttäuschung: There's a whole year to the 
next ROADBURN Festival 

Jörkk Mechenbier 

In der Anlage: OF MONTREAL Hissing fauna are you the 
destroyer? | SHITDISCO Kingdom of fear | MUNCK// 
JOHNSON Count your blessings Meine liebste Achtzi¬ 
ger-Metal-Platte: POWERTRIP When we cut, w'e bleed 
Freut sich auf: SHOUT OUT LOUDS Our ill wills Mein 
Geheimtip: APPLES IN STEREO New’ magnetic wonder 
Enttäuschung: SCHALKE ist immer nochTabeUenführer... 

Kay Wedel 

In der Anlage: DEAD 60s s/t | HELLSONGS Lounge | 
PATTI SMITH Twelve Meine liebste Achtziger-Metal- 
Platte: MARIONETZ 100.000 phon Freut sich auf: das 
neue Zelt Geheimtip: Mick Harvey Two Of Diamonds 
Enttäuschung: kein Toni Iordache „Sounds From A Bygo- 
ne Age VoL 4" Review im Ox - oder doch? 

Lauri Wessel 

In der Anlage: SANCTITYThe RoadTo Bloodshed j SPAR¬ 
TA Threes | RAISED FIST Sound OfThe Republic Meine 
liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA Master Of 
Puppets Freut sich auf: Neues TIGER ARMY- Album Mein 
Geheimtip: MAD CADDIES Keep It Going Enttäuschung: 
KID DOWN AndThe Noble Art Of Irony 

Mario Turiaux 

In der Anlage: MIGHTY MIGHTY BOSSTONES Jackkni- 
fe To A Swan | CHIP HANNA & THE BERLIN THREE s/t 
| STEAKKNIFE Parallel Universe Of The Dead Freut sich 
auf: CHIP HANNA The Old Country Mein Geheimtip: 
UGHTSOUT s/t Enttäuschung: Alemannia steigt ver¬ 
dient ab 

Markus Kolodziej 

In der Anlage: JOY DIS ASTER s/t | STELLASTARR s/t | 
PVC s/t Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SLAY¬ 
ER South Of Heaven Freut sich auf: Neues von THE JE¬ 
SUS & MARY CHAIN Mein Geheimtip; PRISTINE Ent¬ 
täuschung: FLESH 

Manuel Möglich 

In der Anlage: FEIST The Reminder | KING KHAN & 


THE SHRINES What Is!? | EIGHT LEGS Teil Me What Went 
Wrong Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: SLAYER 
Reign In Blood Freut sich auf: die neue INTERPOL CD 
Mein Geheimtip: PIGEON DETECTIVESWait For Me Ent¬ 
täuschung: RAKESTen New Messages 

Myron Tsakas 

In der Anlage: MURDER BY DEATH In Boca Al Lupo | 
Austin Lucas The Common Cold | WEAKERTHANS Left 
And Leaving Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: BON 
JOVI New Jersey Freut sich auf: Zeugnisvergabe Mein Ge¬ 
heimtip: Frank Turner Sleep Is For The Week 

Ollie Fröhlich 

In der Anlage: HANNE HUKKELBERG Rykestrasse 68 | 
BEHIND ENEMY LINES One Nation Under The Iron Fist 
Of God | CHUMBAWAMBA Never MindThe Ballots Mei¬ 
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: SATAN Caught InThe 
Act Freut sich auf: Eis essen Mein Geheimtip: PROTEST 
Leben und Leben lassen Enttäuschung: ANTIGAMA Reso- 
nance CD 

Robert Buchmann 

In der Anlage: STIFF LITTLE FINGERS Inflammable Ma¬ 
terial | JERRY'S KIDS Kill Kill Kill | NAKED RAYGUN Jet- 
tison Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLI¬ 
CA Kill ’Em All Freut sich auf: PERMANENT Sink/Swim 
Mein Geheimtip: I WALK THE LINE Desolation Street 
Enttäuschung: TIGER ARMY sind krank, GORILLA BIS- 
CUITS verschiebenTour 

Ross Feratu 

In der Anlage: OST The Devil's Reject | TURBONEGRO 
Retox | NEUROSIS Given To The Rising Meine liebste 
Achtziger-Metal-Platte: IRON MAIDEN Life After Death 
Freut sich auf: 108 A New Beat Of A Dead Heart Mein 
Geheimtip: SOUTHERN CULTURE ONTHE SKIDS Coun- 
trypolitan Enttäuschung: PAIN Pslams Of Extinction 

Sebastian Wahle 

In der Anlage: CIRCA SURVIVE Juturna | DELOREAN 
IntoThe Plateau j DEATH CAB FOR CUTIE Plans Mei¬ 
ne liebste Achtziger-Metal-Platte: IRON MAIDEN The 
Number OfThe Beast Freut sich auf: CIRCA SURVIVE On 
Letting Go Mein Geheimtip: THE SOUNDS OF ANI MALS 
FIGHTING Enttäuschung: THE ACADEMY IS Santi 

Simon Brunner 

In der Anlage: ADEQUATE SEVEN Here On Eartli | BEAT- 
STEAKS Limbo Messiah | DINOSAUR JR. Beyond Meine 
liebste Achtziger-Metal-Platte: CELTIC FROST To Mega 
Therion Freut sich auf: neue RANCID Mein Geheim¬ 
tip: ROCKET UPPERCUT Enttäuschung: Harald Schmidt 
& Oliver Pocher 

Simon Loidl 

In der Anlage: Billie Holiday God BlessThe Child | CON- 
VERGE No Heroes | WAY OUT WEST Revolution Meine 
liebste Achtziger-Metal-Platte: Metallica Kill ’Em All 
Freut sich auf: Retox (trotz aller schon gehörter Kostpro¬ 
ben) Mein Geheimtip:V.A. Root Damage 

Tim Kegler 

In der Anlage: Johnny Cash American recordingsV | SE¬ 
VEN SIOUX We are not the scary people | Wayne Hancock 
A-Train Blues Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: 
Stevie Wonder In square circles Freut sich auf: FC Kure- 
saare im Final der Champions League Mein Geheimtip: 
Johnny Wolga Enttäuschung: FC Kuresaare verliert 0:5 ge¬ 
gen JKVaprus Pärnu (im eigenen Stadion!) 

Timbo Jones 

In der Anlage: ROCKO SCHAMONI & LITTLE MACHI¬ 
NE s/t | ALFONS BAUER SEXTETT Party bei Alfons | WU 
TANG CLAN Enter The 36 Chambers Meine liebste Acht¬ 
ziger-Metal-Platte: SLAYER Reign ln Blood Freut sich 
auf: MIT LP, die hoffentlich bald kommt Mein Geheimtip: 
Öfter mal ein Mixtape aufnehmen Enttäuschung: Rau¬ 
chen weder sexy finden 

Tobias Ernst 

In der Anlage: HAVE HEART The Things We Carry | TO 
KILL Vultures | BETTER THAN A THOUS AND Seif Worth 
Meine liebste Achtziger-Metal-Platte: METALLICA 
Master Of Puppets Freut sich auf: Das With Full Force Fes¬ 
tival Mein Geheimtip: V.A. Our Impact Will Be Feit - ATri- 
buteTo SICK OF IT ALL 

Zahni Müller 

In der Anlage: COMEBACK KID Broadcasting | SMOKE 
OR FIREThis Sinking Ship j HATESPHERE Serpent Smi- 
les And Killer Eyes Meine liebste Achtziger-Metal-Plat¬ 
te: SLAYER South Of Heaven Freut sich auf: STEAKKNIFE 
im Juz Verden Mein Geheimtip: THE RIPPERS Nomelec’s 
Revenge 


OX-FANZINE 61 








REVIEWS 


noch mehr an Tempowechseln, mitreißenden Refrains 
und der Griffigkeit ihrer Songs arbeitet, dann könnte aus 
BLINDLINKZ eine durchaus schmissige Streetpunk-Ka- 
pelle werden. (15:44) (S) Lauri Wessel 

BARONESS/UNPERSONS 
A Grey Sigh In A Flower Husk CD 

atalossrecordings.com | Das hätte es zu Kaisers Zeiten si¬ 
cher nicht gegeben: Eine adelige BARONESS gibt sich mit 
geächteten UNPERSONS ab. Zwar hält sich die Baro¬ 
nin mit nur zwei Songs auf dieser Split-CD auf den ers¬ 
ten Blick vornehm zurück, nützt diese aber anschließend 
zu einem ausschweifenden Vortrag von insgesamt im¬ 
merhin mehr als achtzehn Minuten Länge. Ihre Gäste ge¬ 
hen danach etwas ungeduldiger zu Werke, von ihren vier 
Liedern überschreitet lediglich eines die ansonsten übli¬ 
che Drei-Minuten-Marke deutlich. Die verhandelten The¬ 
men sind freilich dieselben und folgen dem angekündig¬ 
ten Motto des Treffens: Metal, Hardcore und Noise-Rock 
im Spiegel der Zeit. Und am Ende der Sitzung stellen bei¬ 
de Parteien auch noch fest, dass man sich mit Phillipe Cobe 
vom gleichen Schneider ausstatten lässt. Der Gitarrist und 
Sänger von KYLESA hat die beiden Bands nämlich produ¬ 
ziert, was angesichts der gemeinsamen musikalischen Vor¬ 
lieben auch absolut Sinn macht. Genauso wie die Tatsache, 
dass in Deutschland die vom Staat eingeräumten Vorrechte 
des Adels seit 1919 aufgehoben sind. Die UNPERSONS ste¬ 
hen BARONESS nämlich in nichts nach. Thomas Renz 

BLONDELLE 
Die Pretty CD 

ruderecordz.com/Cargo | Überraschenderweise ha¬ 
ben wir hier mit Will, Rory, Sam und Michael mal wie¬ 
der vier süße, 18/19 Jahre alte Jungs aus England. Musi¬ 
kalisch bewegen sich BLONDELLE auf ihrem Erstlingswerk 
„Die Pretty“ eindeutig zwischen Bands wie THE KOOKS 
und DIRTY PRETTY THINGS, wobei es ihnen noch ein we¬ 
nig an Stringenz fehlt. Erstaunlich ist jedoch, mit welchem 
Ideenreichtum und schönen Harmonien diese Jungspunde 
um die Ecke kommen. Und da Leadgitarrist Sam und Bas¬ 
sist Rory mit einem gewissen Dave Stewart verwandt sind 
(Sohn und Neffe) darf man sehr gespannt sein, was uns 
das Quartett noch so beschert, wenn es nicht mehr ganz so 
grün hinter den Ohren ist. (37:54) (7) Nina Maenz 

BAJA 

Aloha Ahab CD 

Arctic Rodeo/Alive | Daniel Vujanic ist Multi-Instru- 
mentalist, Songwriter und Produzent in Personalunion, 
da wundert es nicht, dass der Zweitling von BAJA namens 
„Aloha Ahab“ nur so vor Ideen strotzt und extrem facet¬ 
tenreich ist. Von elektronischen Elementen, über die Klari¬ 
nette bis hin zu Rocksongs mit jazziger Note findet man so 
ziemlich alles auf diesem Album, ohne dass die jeweiligen 
Elemente sich behindern würden. Unterstützt wird Vuja¬ 
nic von drei weiteren Musikern, folglich ist der Gesamt- 
klang satt, aber durch die opulente Instrumentierung recht 
radiotauglich. Der vollmundig angepriesene Gastauftritt 
von Tim Kinsella in „Gibraltar sequence“ beschränkt sich 
zwar leider auf ein paar dahingenuschelte Zeilen, aber in 
seiner Gesamtheit ist „Aloha Ahab“ durchaus gelungen, 
wobei mir in der ganzen Verspieltheit irgendwo die ver¬ 
zerrten Gitarren fehlen. (43:35) (6) Thomas Eberhardt 

BERSERK FOR TEA TIME 
Ink... And Paper CD 

Saiko/Get A Life | Unter den Schweizern sind BERSERK 
FOR TEA TIME keine Unbekannten mehr und ihr höchst 
ansehnliches Debüt, welches schon durch das exklusi¬ 
ve Artwork überzeugt und als Digipak erscheint, wird ih¬ 
nen auch bald im restlichen Europa einen hervorragenden 
Ruf bescheren. Man hat sich hörbar Zeit genommen für die 
zwölfTracks des Debüts und so beginnt man mit einem fra¬ 
gilen Intro, welches auch am Ende der eigentlich recht bra¬ 
chialen Songs wieder auftaucht und so einen guten Rah¬ 
men bildet. Bevor allerdings das erlösende Outro ertönt, 
muss der Hörer sich Stakkatos, qualvolles Geschrei, schlep¬ 
pende Passagen, etliche Dissonanzen und hektische Atta¬ 
cken gefallen lassen. Dieses Wechselbad der Gefühle erin¬ 
nert an BOTCH, CORTEZ, aber auch an ISIS, und obwohl 
BERSERK FOR TEA TIME aus dem mehrheitlich franzö¬ 
sischsprachigen Kanton Fribourg kommen, sind ihre Tex¬ 
te auf Englisch und an eigenen Ideen mangelt es der Com¬ 
bo keinesfalls. Daran werden Krachfetischisten ihre helle 
Freude haben. (45:09) (7) Thomas Eberhardt 

BLACKLIST LTD. 

Tonight My Life Is On Fire CD 

blacklist-ltd.com | Für eine rund dreijährige Bandge¬ 
schichte gehen die fünf Jungs aus der Nähe von Braun - 
schweig schon recht versiert zu Werke. Man weiß, was 
man will, zieht hörbar an einem Strang und so entsteht ein 
stimmiger Sound, der zwar melodische Momente zulässt, 
sich aber hauptsächlich am brachialen Riffing von Grup¬ 
pen wie HEAVEN SHALL BURN oder MAROON orientiert 
und auch einige skandinavische Einflüsse vermuten lässt. 
Überzeugend sind die melodischen Passagen beim Gesang, 
wo viele jungen Gruppen gnadenlos scheitern, beweisen 
BLACKLIST LTD. Einfallsreichtum sowie Risikobereitschaff 
und entgehen dadurch der Monotoniefalle. Könnte man 
mit Sicherheit bei einem Label unterbringen. (26:09) (6) 
Thomas Eberhardt 

BAD BLOODS 
The Brew Sessions CD 

nodo50.org/potentialhc/knock-out.de | Blood, sweat 
and no tears. Das scheint die simple Aussage der vier Pedros 
aus Spanien zu sein. Einer der Spanier, und zwar der Sän¬ 
ger, kommt aus Holland, ist ergo ein holländischer Spanier. 
Die Texte sind auf Englisch, was es uns, den des Spanischen 
nicht Mächtigen, ermöglicht, das Gesungene zu verstehen. 
Es geht hier in erster Linie um das Scheißefinden der Welt 
und tun das Mächtigsauersein auf Leute, die imfair waren, 
oder die betrogen und gemogelt haben. Der Sound klingt 
wie streetpunklastigere BLOOD FOR BLOOD, deren nihi¬ 
listische Attitüde auch hier wiederzufinden ist, eine Spur 
DISCIPLINE, auf jeden Fall Testosteron geschwängerter 
Outlaw-Sound für Unterhunde. Insgesamt 13 Songs, in¬ 
klusive BLACK FLAG-Coverversion. Nichts für jeden Au¬ 
genblick, hat aber sicher seine Momente. (24:32) (6) 

Dennis Bruns 

BELA B. & BALZAC 

Der Graf vs. Horrorpunks MCD 

GAS/Universal | Stars im eigenen Land sind sowohl 
BALZAC aus Japan als auch Bela B. in Deutschland - solo 
genauso wie mit seiner Band DIE ÄRZTE. Außerdem ver¬ 
bindet Bela und BALZAC die Liebe fürs Okkulte und Düs¬ 
tere. Vampir gegen Horrorpunk - Hamburg gegen Tokio. 
Das muss mal für eine gemeinsame Platte ausreichen. An¬ 
lässlich der Deutschland-Tournee von BALZAC erschien 
mm diese Maxi-CD, auf der sich Bela B. und BALZAC ge¬ 
genseitig covern. Okay, an den Texten wurde ein wenig 
rumgeschustert. Aber Japaner, die deutsch singen („Tag mit 
Schutzumschlag“ und „Versuchs doch mal mit mir“) wür¬ 
den wohl doch zu albern klingen. Also in Englisch. Bei bei¬ 
den. Und wie zu erwarten, krachen BALZAC mit ihren bei¬ 
den Versionen mächtig los und stellen einmal mehr unter 
Beweis, warum sie nicht erst seit gestern als Nippons MIS- 
FITS gehandelt werden.Trotzdem beweisen sie so viel liebe 


zum Original, dass man die beiden Stücke imschwer wie¬ 
dererkennt. Bela macht sich dagegen - ähnlich wie bei sei¬ 
nem Soloalbums - halbakustisch ans Werk und schafft vor 
allem mit „Wall“ eine wunderschöne Hymne, die das Ori¬ 
ginal ganz schnell alt aussehen lässt. Und auch mit „To- 
morrow“, seinem zweiten Beitrag, enttäuscht „Der Graf* 
ganz und gar nicht. Tolle CD - nicht nur für Vampire und 
Skelette. (14:50) (8) Abel Gebhardt 

ESTHER BERTRAM 
Alchemy Of The Heart CD 

Exil | Eigentlich nehmen sicherlich die „Falschen“ das Al¬ 
bum von Esther Bertram in die Hand. In einer Gothic ähn¬ 
lichen Aufmachung kommt es daher. Und man erwar¬ 
tet... naja, irgendwas in der optisch angekündigten Rich¬ 
tung. Tja, Fehlanzeige - oder eher: Überraschung. Es geht 
ganz entspannt zu. Bertram ist mit einem Singer-Songwri¬ 
ter-Album am Start, bringt zehn Songs und lässt mir ihren 
- an eine Mischung aus Patti Smith und Heather Nova er¬ 
innernden -sexy Vocals eine Stimmung aus euphorischen 
„Reiseliedern“ und melancholischen „Rumsitzsongs“ ent¬ 
stehen. Ein Album mit dichter Atmosphäre, mit einem sein- 
guten Sound und durchgängigem Hörvergnügen. Lange 
keine so gute Singer-Songwriter Scheibe im CD-Player ge¬ 
habt! Hoher Wiedereinlege-Faktor! (55:02) (8) 

Thomas Neumann 

Here Come The Waterworks CD 

hydrahead.com | Beim dritten Mal hat es endlich ge¬ 
klappt, waren die Bewerbungsunterlagen vollständig und 
Personalchef King Buzzo nebst Abteilungsleiter Dale Cro- 
ver entschieden sich zur 
Einstellung neuen Per¬ 
sonals, um die Ausliefe¬ 
rung des lang erwarteten 
neuen Modells der MEL- 
VINS - Metallschmiede 
names „(A) Senile Ani¬ 
mal“ zu beschleunigen. 
Zur Entscheidung bei- 
getragen hatte sicher die 
vorzügliche Ausbildung 
von Bassist Jared War- 
ren bei KARP und von 
Drummer Coady Willis 
bei MURDER CITY DEVILS. Natürlich sind Doppelbeset¬ 
zungen Luxus, aber man weiß ja auch, wie schnell so ein 
Drummer kaputt geht, da ist einer mehr ja nicht schlecht. 
Und außerdem: so motivierte Mitarbeiter, die sich sogar 
Arbeit mit nach Hause nehmen, findet man ja selten. Und 
auch so tolerante Chefs sind selten, denn was das Bass/ 
Drums-Duo da abgezogen hat, ist eindeutig das Ergebnis 
von Industriespionage: In ihrer Freizeit haben Willis und 
Warren mal eben die MELVINS nachgebaut, „Here Come 
The Waterworks“ draufgeschrieben und setzen jetzt dazu 
an, nach dem ersten Album und einer Live-CD im Wett¬ 
rennen der Dampfwalzen zu den MELVINS aufzuschließen. 
Ihr Album ist ein niederfrequentes, brachiales Monster, evil 
dröhnender Doomrock, verstörter Psychometal und defi¬ 
nitiv mehr als nur halb so gut wie die MELVINS. (8) 

Joachim Hiller 

BLACKIE AND THE RODEO KINGS 
Let’s Frolic CD 

True North | Singer/Songwriter-Country in Tradition 
von Tom Petty und seinen Herzensbrechern, jedoch ohne 
jeglichen Mainstream-Charakter. Durchgehend sehr ange¬ 
nehmer Americana-Stil, wenngleich die Brüder aus Onta¬ 
rio stammen. Immer ein wenig abseits vom Klischee, ge¬ 
ben sich hier teils flotte, teils baladeske Songs die Klinke 
in die Hand. Allerdings kann es durchaus passieren, dass 
manch einer aufgrund des Covers ganz andere Vorstellun¬ 
gen hat, als das, was hier geboten wird. Die drei Herren in 
ihren mexikanischen Wrestlingmasken machen nicht den 
Eindruck, den sie dann mit diesem durchgehend guten Al¬ 
bum hinterlassen. Egal, ein Fehlkauf wäre es sicher nicht, 
(63:54) (7) ClausWittwer 

BOBBY BARE JR’S YOUNG CRIMINALS 
STARVATION LEAGUE 
The Longest Meow CD 

Hazelwood/Indigo | Bobby Bare Junior ist, man kann es 
sich denken, Sohn der Country-Legende Bobby Bare. Wie 
das mit Söhnen so ist, irgendwann werden sie rebellisch. 
Dies bezeugen auch andere illustre Söhne oder Enkel wie 
Loudon Wainwright Jr. oder Hank III. Bobby Bare Jr. hat 
den Country von seinem Vater mitbekommen, ist aber mu¬ 
sikalisch auch mit Independent und Punk groß gewor¬ 
den und das hört man seiner Musik deutlich an. Mal darf 
es donnern („The heart bionic“ oder „Uh wuh oh“) und 
an anderer Stelle kommt mehr Tradition zum Zuge („Back 
to blue“). Beides gelingt ihm und seiner kriminellen Verei¬ 
nigung hervorragend, schließlich finden sich in der Band 
so illustre Musiker wie Doni Schräder (TRAIL OF DEAD), 
Corey Younts (MY MORNING JACKET) oder DeannaVara- 
gona (LAMBCHOP). Insgesamt haben hier elf Musiker elf 
Songs in elf Stunden eingespielt. Konsequent und passend, 
dass zum Ausklang dieses durchgehend großen Albums die 
PIXIES mit einer unglaublichen Version von „Where is my 
mind“ gecovert werden. (38:5 7) (9) Claus Wittwer 

BLACK TIE REVUE 
Code Fun CD 

Gearhead | Und weiter rollt der Zug des Powerpop-Revi¬ 
vals. Heute macht er Station in Pittsburgh und nimmt die 
BLACK TIE REVUE mit auf die Reise. Dieses Quintett hat 
sich voll und ganz der Tradition solch namhafter Bands wie 
den YUM YUMS, RECORDS oder ONLY ONES verschrie¬ 
ben. Neben eingängigen Gesangsmelodien ist es vor allem 
der Keyboard-Sound von Jesse Ley, der das Gesamtbild der 
BLACK TIE REVUE prägt und einen kräftigen New-Wave- 
Anstrich verleiht und gelegentlich an die RENTALS denken 
lässt. Mit gerade zehn Stücken ist der Erstling der Band al¬ 
lerdings sehr kurz ausgefallen und man möchte gerne noch 
ein paar weitere Liedchen um die Ohren gehauen bekom¬ 
men. Spielwitz und -freude der Band stecken nämlich in 
der Tat an. Und das ist nun mehr als ein Lob. Mal sehen, was 
da noch so nachkommt. (28:44) (7) Abel Gebhardt 

PETER BERRY & THE SHAKE SET 
For Goodness Shake LP 

soun dfl atrecords.de | Bereits das Erstlingswerk „Wild¬ 
berry Shake“ des norwegischen SHAKE SET hat Bewun¬ 
derern authentischen Merseybeats ganz gehörig die Ohren 
schlackern lassen. Dermaßen stilsicher und -echt kam das 
Osloer Beat-Quartett daher, wie man es seit dem Ende der 
goldenen Beat-Ära sonst nur von Titanen des Genres wie 
den RAPIERS oder den KAISERS gewohnt war. Der Sound 
stimmte, die Kompositionen waren reine Weltklasse, und 
spielerisch reichten sie locker an die talentiertesten Stu¬ 
diomucker, die seinerzeit etwa im Abbey Road Studio na¬ 
menlosen verpickelten Kellercombos aushalfen, heran. 
Und keine zwei Jahre später liegt erfreulicherweise bereits 
das Nachfolgewerk „For Goodness Shake“ in der Musiktru¬ 
he. Gottlob hat sich die Soundflat-Schallplattenmanufak- 
tur dazu bereit erklärt, das als CD bei Spinout erschiene¬ 
ne Werk als analoge Vinylpressung auf den Markt zu brin¬ 
gen. Und was soll ich sagen, „For Goodness Shake“ ist fast 
noch besser gelungen als das Debüt. Zwölf Songs, von de¬ 


nen jeder einzelne vor 45 Jahren als weltweiter Chartbus- 
ter funktioniert hätte, hat der SHAKE SET im Londoner Toe 
Rag Studio aufgenommen. Wo sonst als auf Liam Watsons 
Original-1963er-Abbey-Road-Bandmaschine lässt sich 
ein solch perfekter Beatsound reproduzieren? Natürlich 
brauch man dazu auch das passende, antike Instrumen¬ 
tarium, wie Selmer-Amps, Ludwig-Schlagzeuge, Höfner- 
, Rickenbacker- oder Burns-Gitaren. Und günstigstenfalls 
den gewaltigen sechssaitigen Fender-Bass für den original¬ 
getreuen Jet-Harris-Twang, wie er etwa auf dem fantas¬ 
tischen, filmsoundtrackhaften Instrumental „A table for 
two“ zu hören ist. Leider ist dieses Instrument verdammt 
selten, sodass dankenswerterweise RAPIERS-Boss Colin 
Pryce-Jones, bekennender Fan des SHAKE SET, höchst¬ 
persönlich mit seinem Fender VI ins Toe Rag eilte und den 
Jungs aus der Patsche half. Das ist nicht alles, Mr. Pryce- 
Jones schrieb sogar höchstpersönlich die Linernotes zu der 
Platte. Das ist schon als Ritterschlag zu verstehen. Also man 
sieht, hier handelt es sich um Qualitäts-Beat von Weltni¬ 
veau, Fans der SHADOWS, SERCHERS, SWINGING BLUE 
JEANS, BILLY J. KRAMER & THE DAKOTAS werden den 
Kauf nicht bereuen. (9) Gereon Helmer 

BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB 
Baby 81 CD 

Universal | Da sind sie ja wieder, in gewohnter Form: 
„Howl“ war also nur ein kleiner Ausflug der Kalifornien 
kein geneieYlet Mdntvm§swecVise\, man knüpft mft „üafty 
81“ an „TakeThem, OnYour Own“ an, zelebriert in Best- 
form seinen unverkennbaren Trademark-Sound und sorgt 
damit umgehend für Glücksmomente. „Whatever happe- 
ned to my BRMC rock’n’roll?", diese Frage stellte man sich 
trotz der Qualitäten von „Howl“ durchaus und auch wenn 
die dazugehörigen Konzerte wunderschön waren, irgend¬ 
wie ist der knarzige, bluesig groovende BRMC-Sound in 
gewohnter Form doch am besten. „Took out a loan“ und 
dann auch „Berlin“ (das mir iTunes aber als „Salvador“ an¬ 
zeigt) sind genau der stampfende, knochentrockene Rock, 
für den ich BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB so schät¬ 
ze, und da halte ich es auch nicht für lästerlich einzuwer¬ 
fen, dass mich „Berlin“ durchaus an die lange Zeit als un¬ 
cool geltenden ZZ TOP erinnert. Alles in bester Ordnung 
also, wegen mir können BRMC auf ewig so weitermachen, 
ich bin und bleibe dabei. (60:18) (8) Joachim Hiller 

BEYOND THE SIXTH SEAL 

The Resurrection Of Everything Tough CD 

Metal Blade | Werwölfe gibt es doch. BEYOND THE SIXTH 
SEAL aus Amerika spielen seit 1998 zusammen, doch seit 
ihrer Veröffentlichung „Earth And Sphere“ via Lifeforce 
Records im Jahre 2002 sind die bekloppten Musiker nicht 
mehr wiederzuerkennen. Immer bei Vollmond verwan¬ 
deln sich Brendan Roche, Greg Weeks und Mike McKenzie 
in wilde Wölfsgestalten. Doch anstatt auf Beutezug durch 
den Wald zu streifen, hängen die drei sich lieber Gitarren 
um den Wanst und spielen melodischen Midtempo-Death 
Metal. Dieser erinnert an EDGE OF SANITY und durch sei¬ 
ne rockende Schlagseite und tiefe Growls auch an ENTOM- 
BED. Klassisch und im modernen Soundgewand. Einen tol¬ 
len Abschluss bietet „Monument“, ein bitterböses Lied, 
doomig-schleppend und in Überlänge. Hier und da hätte 
den Songs ein wenig mehr Geschwindigkeit gut getan. An¬ 
sonsten ist „The Resurrection Of EverythingTough“ ein so¬ 
lides Album, das man nicht nur bei Vollmond hören sollte. 
(56:00) (7) Arndt Aldenhoven 

BEHIND ENEMY LINES 

One Nation Under The Iron Fist Of God LP/CD 

profaneexistence.com | Ich bin jedes Mal wieder aufs 
Neue überwältigt von der Durchschlagskraft dieser Band. 
Auch auf ihrem dritten Album „One Nation Under The 
Iron Fist Of God“ ballern BEHIND ENEMY LINES ihre Wut 
so dermaßen kompromisslos raus, dass ähnlich zu Werke 
gehende Bands vor Neid den Schwanz einziehen und ihre 
sofortige Auflösung bekannt geben müssten. Die politische 
Weltlage und vor allem die Verbrechen, die „ihr“ Präsident 
George W. Bush tagtäglich zu verantworten hat, treiben das 
Quintett um die ehemaligen AUS-ROTTEN-Mitglieder 
Dave Trenga (Gesang) und Matt Garabedian (Schlagzeug) 
an, ihre ausgewogenen und intelligent formulierten Ge¬ 
danken auf einem Fundament einer verdammt kraftvol¬ 
len und energetischen Mischung aus Crustpunk, Hardco¬ 
re und ein wenig Metal herauszubrüllen. Diese musikali¬ 
sche Gewalt schließt ein gutes Songwriting und eine melo¬ 
dische Gitarrenarbeit nicht aus, sie machen in Verbindung 
mit den zwar seltenen „ruhigeren“ Momenten gerade die 
Intensität von BEHIND ENEMY LINES aus: Knüppeln kann 
jeder, aus Geprügel gute Songs zu formen, ist dagegen eine 
Kunst. Begleitet wird „One Nation Under The Iron Fist Of 
God“ von einem separaten, dicken Booklet, das neben den 
Texten passend sarkastisch kommentierte Fotos der US- 
amerikanischen Regierung enthält. Wenn es eins an „One 
Nation...“ zu kritisieren gibt, dann die völlig fehlende Wei¬ 
terentwicklung zum Vorgänger „The Global Cannibal“ re¬ 
spektive die nicht erfolgte musikalische Steigerung zu die¬ 
sem. Es gibt Schlimmeres. (8) Andre Bohnensack 

BUILT 4 SPEED 
Personal Jesus MCD 

built4speed.de/Cargo | Ähnlich wie zu Singles habe ich 
seit ein paar Jahren ein Verständnisproblem mit MCD. Wer 
ist die Zielgruppe? Gibt es noch ausreichend Sammler für 
Sonderauflagen und alles rund um eine neue Band? War¬ 
um bekommt ein Track den Zusatz „Radio Edit“? Eine an¬ 
dere Version ist nicht zu finden. Besteht die Hoffnung, dass 
diese gute Coverversion im Radio gespielt werden soll? 
Wäre schön, aber wer glaubt daran? BUILT 4 SPEED ma¬ 
chen guten, modernen Rockabilly mit Einflüssen aus dem 
[ Psychobilly. Immer schwungvoll und gekonnt, wenn auch 
nicht besonders außergewöhnlich. Neben dem Titelsong, 
der natürlich ein Cover des bekannten DEPECHE MODE- 
Songs ist, sind noch drei weitere Stücke auf der Scheibe. Als 
Digipak wird ein Sammlerstück daraus, alle anderen war¬ 
ten auf den angekündigten nächsten Longplayer. Wenn die - 
. ser nur Songs in der gezeigten Qualität enthält, kann man 
sich darauf freuen. (13:33) Robert Noy 

BORIS WITH MICHIO KURIHARA 
Rainbow CD 

Drag City/Rough Trade | Die Wandlungsfähigkeit des To¬ 
kioter Trios BORIS ist immer wieder aufs Neue beeindru¬ 
ckend. Ob doomige Drone-Sounds, derber, psychedeli¬ 
scher Rock, purer Noise oder relativ konventionelle Rock¬ 
musik, die zwei Herren und eine Dame beherrschen das al¬ 
les perfekt und so ganz genau weiß man nie, was man mit 
einer neuen Platte von ihnen bekommt. Wobei die Band 
ihren Zuhörern einen kleinen Tip mit gibt: Steht da „BO¬ 
RIS“ auf dem Cover, dann wird es laut, „Boris“ oder gar 
„boris“ versprechen eine eher ruhige Platte. Das hilft zwar 
nicht wirklich weiter, den Release-Overkill der Japaner 
wirklich zu durchschauen (die auch gerne mal ein Album 
in zwei verschiedenen Versionen auf zwei Kontinenten mit 
jeweils komplett anderer Musik veröffentlichen) oder das 
Prinzip zu verstehen, warum die japanischen Versionen ih¬ 
rer Platten generell eine andere Songreihenfolge oder gar 
eine abweichende Songauswahl aufweisen, als ihre Pen¬ 
dants hierzulande, ihr neuestes Werk „Rainbow“ ziert der 
Bandname jedenfalls nicht in Großbuchstaben. BORIS zei¬ 
gen sich auf „Rainbow“ von ihrer psychedelischen Seite, 
haben sich den japanischen Gitarristen Michio Kuriha- 


ra (GHOST, WHITE HEAVEN, DÄMON & NAOMI) ins Stu¬ 
dio eingeladen, der „Rainbow“ dann auch mit seinem Gi¬ 
tarrenspiel anführt. BORIS agieren hier sehr zurückhal¬ 
tend, beinahe schon richtig laid-back und geben Kuriha- 
ra damit den nötigen Raum, um sich zu entfalten. Aber 
auch wenn Kuriharas wunderbare psychedelische Gitar¬ 
renarbeit hier im Vordergrund steht, so ist die Harmonie, 
die er und BORIS auf „Rainbow“ eingehen, absolut beein¬ 
druckend; die vier ergänzen sich perfekt. Ein aufmerksa¬ 
mes Zuhören ist hier zwar angebracht, zum Glück halten 
sich BORIS und Kuriahara aber von jeglichem verkopften 
Gedudel fern. Spinnert genug ist das Ganze eh schon. Und 
natürlich hat die Japan-Version von „Rainbow“ wieder ein 
abweichendes Tracklisting und zum Teil anders arrangierte 
Songs. Aaargh! (8) Andre Bohnensack 

BLOODSTAIN 
Baptism Of Fire CD 

Swell Creek/Soulfood | BLOODSTAIN heißt ja übersetzt 
so viel wie „Blutfleck“. Nun, solche könnte man sich bei 
einem Konzert der noch recht jungen Band durchaus ho¬ 
len. Im Sommer 2005 gründeten sich BLOODSTAIN aus 
Mitgliedern anderer Bands und fanden so recht schnell zu 
ihrem recht brutalen Sound auf ihrem Debütalbum „Bap¬ 
tism Of Fire“. Musikalisch steht man klar in der Traditi¬ 
on der Musik der letzten Jahre, soll heißen, man spielt im 
weitesten Sinn Metalcore. Und das gar nicht mal schlecht, 
denn mm G\ück vräd auf die, oftmals uem^en, demen 
Gesangsparts komplett verzichtet und stattdessen immer 
ordentlich draufgehauen. Selbst Gastsängerin Stefanie, die 
bei „T&e moshpit“ unterstützend am Mikro steht, bringt 
keine Ruhe in den Sound, im Gegenteil wird hier geschrie¬ 
en, was die Kehle hergibt. Was bleibt, ist ein durchaus or¬ 
dentlicher erster Eindruck, samt Hörempfehlung auf der 
MySpace-Seite der Band. (28:16) (7) Tobias Ernst 

BASIA BULAT 
Oh My Darling CD 

Rough Trade | Songwriter-Folkpop, der sich nicht anbie¬ 
dern will, so kann ich mir das gefallen lassen. Sie hat auch 
eine schöne verrauchte Stimme, die Dame aus Kanada und 
außerdem den Mut, potenzielle Hörerinnen, die auf der 
Suche sind nach der nächsten Dosis wohliger Gefühlig- 
keit, mit denen die Plattenläden verstopft sind, mit dem 
auf den kurzen Opener folgenden „I was a daughter“ vor 
den Kopf zu stoßen: Da rumpelt ganz unsacht ein 2/4-Takt 
und rüttelt einen durch, bevor man es sich gemütlich ma¬ 
chen konnte. Und angenehm und gemütlich wird es tat¬ 
sächlich in der folgenden halben Stunde, in der es rundum 
akustisch zur Sache geht, inklusive Streichern und Flöten. 
Ein wenig mehr Kratzbürstigkeit, wie sie zu Beginn ange¬ 
deutet wird, hätte ich mir dann doch gewünscht - so bleibt 
ein recht braves, aber schönes, rundes Album, das keinem 
weh tut, aber auch nicht tun will. (35:13) (7) 

Christian Maiwald 

BOOZED 
Acid Blues CD 

bitzcore.com/Indigo | Das erste Bitzcore-Album von 
BOOZED, „Tight Pants“, war 2005 genau die richtige Me¬ 
dizin, tun den GLUECIFER-Split zu verarzten. Mit „Acid 
Blues“, ihrem zweiten 
Longplayer für das Ham¬ 
burger Label, tritt die 
Band nicht auf der Stel¬ 
le, sondern versucht sich 
geschickt an einer Wei¬ 
terentwicklung ihres 
bisher recht Schweine- 
rockigen Sounds. An die 
Stelle von all zu deutli¬ 
chen Skandinavien-Ein¬ 
flüssen treten auf „Acid 
Blues“ vor allem Groo¬ 
ve und Melodiegefühl. 
Sicher, im Großen und Ganzen sind BOOZED nach wie 
vor eine Rockband. Im Rahmen dieses Sounds haben die 
Bramscher aber ein beachtliches Repertoire an Songideen 
entwickelt. So treibt man den Hörer zwölf Songs lang vor 
sich her, langweilt ihn aber nicht mit einem Dutzend mä¬ 
ßiger GLUECIFER-Songkopien, sondern zeigt ihm, wie 
man geschickt eine Orgel benutzt, um einen Song durch 
tolle Blues-Einflüsse catchy zu machen. Oder, wie Rhyth¬ 
mussektion und dick produzierte Gitarren zu tanzbaren 
Grooves kombiniert werden können, die sich bestens für 
die nächste Biker-Party eignen und den geneigten Schrei¬ 
berling am Schreibtisch mitwippen lassen. Finger-in-die- 
Luft-Refrains, eingängige Meloden und ein kneipener¬ 
probter Gesang tun ihr Übriges, um aus „Acid Blues“ ein 
durch und durch sympathisches Rockalbum zu machen, 
das sich durch hervorragende Grooves, griffige Melodien 
und eine Menge Feuer im Hintern auszeichnet. Ein gro¬ 
ßer Schritt nach vorne für BOOZED. Und eine Entwick¬ 
lung, die manch anderer deutscher Rock’n’Roll-Band gut 
tun würde. (43:07) (8) Lauri Wessel 

BOOK OF KNOTS 
Traineater CD 

anti.com | Sonntägliche Ausflüge zu den Industriedenk¬ 
mälern des Ruhrgebietes bilden. Und sind hilfreich bei der 
Entschlüsselung von Covermotiven. Dank meines Besuches 
in der Heinrichshütte zu Hattingen war es mir möglich, 
die rostige Hinterlassenschaft auf dem Cover des zweiten 
Albums von THE BOOK OF KNOTS als Hochofen zu iden¬ 
tifizieren, und der Titel „Traineater“ macht angesichts des 
schrottverschlingenden Monsters auch Sinn. War das Debüt 
noch eine Ode an die vergängliche Pracht der Seebäder der 
US-Ostküste, ist „Traineater“ dem „Rustbelt“, dem einsti¬ 
gen industriellen Herzen der USA gewidmet, und das noch 
umzusetzende dritte Album wird sich der Aeronautik zu- 
wenden. Die Formation aus New York besteht aus vier Mu¬ 
siker/innen mit imposanter Ex-Liste: Matthias Bossi war 
bei SKELETON KEY und SLEEPYTIME GORILLA MUSEUM, 
Joel Hamilton bei SHINER, BATTLE OF MICE, SPARKLE- 
HORSE und UNSANE.Tony Maimone spielte bei/mit PERE 
UBU, Frank Black undTHEY MIGHT BE GIANTS, und Carla 
Kihlsteft war ebenfalls bei SLEEPYTIME GORILLA MUSE¬ 
UM. Easy Listening-Bands sind in dieser Liste nicht zu fin¬ 
de, und so klingt dieses oftmals an einen Soundtrack erin¬ 
nernde Album dann auch: ein stählerner Koloss von Album, 
zwischen BIRTHDAY PARTY, UNSANE, MELVINS undTom 
Waits (der hier, Anti- macht’s möglich, neben Dave Thomas 
und Mike Watt einen Gastauftritt hat), der aber auch Platz 
lässt für leise Passagen. Ein Album, das Bilder vor dem in¬ 
neren Auge erzeugt, zu dem man sich einen passenden Film 
mit Aufnahmen von Verfall und Brachflächen zurückero¬ 
bernder Natur wünscht. Faszinierend! (50:33) (8) 

Joachim Hiller 

BANG BANG BAZOOKA 
Hell Yeahü! CD 

Crazy Love | Die Mitglieder des Quartetts aus den Nieder¬ 
landen mit dem seltsamen, comicartigen Namen BANG 
BANG BAZOOKA sind schon im gesetzten Alter. Ihre ers¬ 
te Platte haben sie schon Ende der 80er veröffentlicht, in 
den 90ern aber das Ganze ein wenig ruhen lassen. Damals 
sind sie in der Vielzahl der Psychobilly-Veröffentlichun¬ 
gen nicht sonderlich aufgefallen. Da sie die Musik auch 
als ihr Hobby ansehen, waren die Live-Auftritte nie son¬ 
derlich zahlreich. Die ersten Werke waren mir auch ein- 




OX-FANZINE 62 




REVIEWS 


/TOP OF THE OX 


BOTTROPS 

s/t CD 

destiny-tourbooking.com | Mit vierzehn mal vier Akkor¬ 
den, geschmeidigem Powerpop, fluffigem Garage und ro¬ 
ckigem Punk erobern THE BOTTROPS direkt auf ihrem 
ersten Album den Thron der Könige aller Berliner Unter¬ 
hunde. So man will, fühlt man sich vielleicht noch bei den 
Songs der komplett enthaltenen „Unterhund“-EP, die bis¬ 
her nur als Download zu bekommen war, an alte Tage er¬ 
innert, aber schlimm ist das ja nun nicht, und mit einigen 
musikalisch wie auch textlich großartigen Hits, etwa dem 
Disco-Smasher „Von A-Z“ oder „Opfer müssen verzichten 
können“ sowie „Und sie sagte wird hier ein neuer Stil 
nicht nur gefunden, sondern möglicherweise sogar gebil¬ 
det. Feinster deutschsprachiger Schrebbel-Pop, dazu noch 
ein witziges Poster-Booklet und das Ganze zum Preis einer 
EP - da bleiben kaum Wünsche offen, lediglich vielleicht 
eine Frage: Wer war noch gleich diese TERRORGRUPPE? 
(43:32) (8) JanEckhoff 



BISHOPS 

s/t CD 

weekenderclub.net | Das ist schon fast dreist, mit welcher 
Lockerheit die Londoner BISHOPS (Nicht mit COUNT 
BISHOPS Phase 2 des Beatzwergs Mike Spenser verwech¬ 
seln!) bereits im Mai mal so eben locker das beste Album 
des Jahres rüberschieben. Da kann nicht mehr viel nach- 
kommen, ehrlich. Die BISHOPS sind klassisches Powertrio 
in smarten Anzügen, das bereits mit den ersten Singles un¬ 
ter Kennern ordentlich für Furore sorgte. Bei ihnen gibt 
es ein Brüderpaar, das, den vermutlich bald beginnenden 
Hype vorausgesetzt, die Gallagher-Brüder als Schlagzei¬ 
lenlieferanten beerben könnte, und einen unscheinbaren, 
aber effektiv agierenden schottischen Drummer. Und sie 
teilen sich dermaßen viel Talent, dass es einem schon un¬ 
heimlich werden kann. Wenn „I can’t stand it anymore“, 
die neue Single, kein Riesenhit wird, läuft etwas ordent¬ 
lich falsch im Geschäft. Der Song besteht aus einer butter¬ 
weichen Melodie, klassischem Popsong-Aufbau nach ein¬ 
fachster, aber altbewährter Beat-Formel, einem unschlag¬ 
bar schmissigem Leadgesang und, wie eigentlich bei na¬ 
hezu allen anderen Songs des Albums auch, Harmoniege¬ 
sängen, die in ihrer unaufgeregten Einfachheit allenfalls bei 
den HOLLIES zu ihrer Blütephase in ähnlich einschlagen¬ 
der Form vorkamen. Alle Songs sind einfach, aber unglaub¬ 
lich effizient arrangiert, Rhythmusgitarre, Bass, Schlagzeug, 
hier und da mal ne Overdub-Leadgitarre. Das ist alles. Und 
der Sound ist natürlich auch Weltklasse, denn Liam Watson 
hat im weißen Kittel hinter der Konsole meines Lieblings- 
Studios Toe Rag die Regler geschoben und gezogen, was soll 
da schon schief gehen? Dieses Album hätte gleichermaßen 
in den Jahren 1966,1979 oder 1986 entstanden sein kön¬ 
nen, und egal wann, es hätte einen riesigen Einfluss gehabt 
auf alles, was danach gekommen wäre. (10) 

Gereon Helmer 

CLOROX GIRLS 

J’aime Les Filles CD 

BYO | Drei Fakten für alle, die die CLOROX GIRLS noch 
nicht kennen: 1. Es sind keine Mädchen. 2. Trotz des Al¬ 
bumtitels sind es auch keine Franzosen. 3. Die CLOROX 
GIRLS sind das weltweit derzeit verdammt beste Punk¬ 
rock-Trio mit Pop-Appeal! Nachdem wir das also klar¬ 
gestellt hätten, bleibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. 
Produziert hat das neue Album Pat Kearns, der auch schon 
für die fantastischen und viel zu früh von uns gegangenen 
EXPLODING HEARTS die Knöpfe gedreht hat. Unter den 
14 Songs könnte zum Beispiel „Nothings to deep“ locker 
auf einem Best-Of der BRIEFS sein und „Le banana split“ 
geht auch als Hit von PLASTIC BERTRAND durch. Mehr 
Namedropping gefällig? Wie wäre es mit den BOYS, UN- 
DERTONES oder BUZZCOCKS?! Allerdings sind die CLO¬ 
ROX GIRLS weit vom billigen Plagiat entfernt. Sie schaf¬ 
fen es einfach, großartige Hits zu schreiben, die mit jedem 
Albumdurchlauf an Nachhaltigkeit gewinnen und tage- 


4 ' # 

Avpt'imo 



lang nicht mehr aus dem Ohr gehen. Ich kann’s nur noch 
mal wiederholen: „J’aime Les Filles“ bietet die gegenwärtig 
beste Schnittmenge aus hitverdächtigen Powerpop-Me¬ 
lodien und klassischem Punkrock-Sound. Absoluter Tip! 
(26:58) (9) Bernd Fischer 

DEEPEYNDE 

Bad Blood CD 

People LikeYou/SPV | Manche wähnten THE DEEP EYN- 
DE (ausgesprochen: The Deep End!) schon in den ewigen 
Jagdgründen, nachdem die Kalifomier zwar zu „Shadow- 
land“ diverse Male tourten, aber dann plötzlich von der 
Bildfläche verschwanden. Aus heiterem Himmel steht 
plötzlich der Nachfolger in den Regalen, und sicher bin ich 
nicht der Einzige, der sich nach diesem Werk gesehnt hat. 
Und sieh da, meine Wünsche wurden erhört. „Bad Blood“ 
setzt die Tradition fort und liefert exzellenten Goth- Hor¬ 
rorpunk, der sich noch ein bisschen mehr von den Dea- 
throck-Roots der Band entfernt und trotzdem mit wun¬ 
derschön romantischen Melodien aufwartet. Besonders 
Sänger Fate Fatal brilliert erneut mit seinem tiefen Organ, 
das zu dem Punkrock seiner Begleiter passt, wie die be¬ 
rühmte Faust aufs Auge. Wie schon auf dem letzten Werk 
haben THE DEEP EYNDE zudem ein paar Hits aus ihren al¬ 
ten Tagen verwurstet, die hierzulande noch nicht so be¬ 
kannt sein dürften, und ihnen beim Remake noch eine zu¬ 
sätzliche Portion Feuer beschert. Gepaart mit Punk-Kra¬ 
chern wie „We don’t care about you“, trifft hier Arschtritt 
auf Grabgesang, und das alles auf einem Album. Fein ge¬ 
macht, Jungs! (9) Thorsten Wilms 

EDITORS 

An End Has A Start CD 

Pias/RoughTrade | Das Damoklesschwert überhöhter Er¬ 
wartungshaltungen - wie einst beim zweiten Album von 
INTERPOL - schwebte nun eine Weile über den EDITORS, 
und offensichtlich hat es sich etwas auf die Motivation aus¬ 
gewirkt. Keine Frage, „An End Has A Start“ ist ein großar¬ 
tiges Folgealbum, das jeder lieben wird, der der modernen 
Adaption von britischem Achtziger-Jahre-Gitarren-Wave 
zugeneigt ist, das aber offensichtlich so stark auf Erwar¬ 
tungshaltung eingegangen ist, dass es ein wenig gleichför¬ 
mig und ohne wirkliche hymnische Überflieger wie „Mu¬ 
nich“ und „All sparks“ daherkommt. Am ehesten schafft 
das noch die erste Single-Auskoppelung „Smokers Out¬ 
side the hospital doors“ mit einem schönen - irgendwie 
RED HOUSE PAINTERS-kompatiblen - Artwork. Sicher¬ 
lich macht es Sinn, dass Sänger und Kopf Tom Smith, der 
nichts von seinem eindringlichen Bariton verloren hat, die 
Songs als „without doubt the best songs we‘ve written“ be¬ 
schreibt, aber Fakt ist: das Album läuft etwas glatter durch 
als das Debüt, und in einige Momenten wünscht man sich 
einen größeren Grad an ungeschliffenen Gitarren-Sounds, 
wie er bei ihren geistigen Übervätern wie THE CHAME- 
LEONS, THE COMSAT ANGELS und THE SOUND üblich 
war. Vermutlich wäre es aber ein Fehler, eine völlige Neu¬ 
definition der EDITORS zu erwarten, vielmehr sollte man 
sich frei von einer einengenden Reminiszenz-Hölle ma¬ 
chen und gemäß der Songzeile „Say goodbye to everyone 
you had ever known“ (aus „Smokers outside the hospital 
doors“) die EDITORS als eine großartige und eigenständige 
Band sehen, die sich selbst geftmden hat und immer noch 
die überwiegende Mehrzahl stereotyper Kopisten mit ih¬ 
ren emotionalen Songs an die Wand spielt. Kurzum: „There 
is a light that never goes out“. (9) Markus Kolodziej 



Stolz? Nagel sicherlich nicht. Mit scharfem Blick für seine 
Umwelt bringt er die Dinge in zwingenden Formulierun¬ 
gen auf den Punkt. Eloquente Kritik ist immer das Marken - 
Zeichen von Nagels Texten gewesen; neu hingegen erscheint 
ihre ausgesprochene Bereitschaft, verzeihen zu können. 
Diese Lieder machen Mut mit Sätzen zum Zitieren, in Gäs¬ 
tebüchern oder als Graffiti auf dem Indieclub-WC. Und 
immer wieder im Kopf. Sowieso erscheint jeder Versuch 
zwecklos, Ohrwürmer von solcher Qualität in der nächs¬ 
ten Zeit wieder loszuwerden. Sicher haben MUFF POTTER 
in der Vergangenheit viele Gänsehautmelodien geschrie¬ 
ben, aber eine Hymne wie „Das Finkelmann’sche Lachen“ 
oder die Single „Fotoautomat“ sind mehr als bloß neue Fa¬ 
cetten ihres Könnens. Es sind Quantensprünge auf hohem 
Niveau. Vielleicht wird es manchem Dogmatiker nicht ge¬ 
fallen, dass die Band sich interessant entwickelt und den 
Abstand zum Punkrock weiter vergrößert. MUFF POTTER 
wird es nicht kümmern, denn sie wissen genau, was sie tun, 
und definieren am Ende des Albums selbst, was der „Stea- 
dy Fremdkörper“ wirklich ist: „Ein Ding aus einem Guss.“ 
(43:26) (10) ArneKoepke 

MUNICIPAL WASTE 

The Art Of Partying CD 

earache.com | Wenn ich ein paar Begriffe wie Skate¬ 
board, Beer Bong, Bandana, Slamdance oder Crossover in 
den Raum stelle und dazu noch Bandnamen wie GANG 
GREEN, D.R.I., THE ACCÜSED, WEHRMACHT, CRYPTIC 
SLAUGHTER, aber auch EXODUS, EVIL DEAD, ANTHRAX 
und NUCLEAR ASSAULT nenne, was für ein Bild würde 
sich beim Leser vor dessen geistigen Auge wohl aufbauen? 
Und von welcher Art Musik wäre dieses Bild untermalt? 
Bei wem es jetzt dunkel und still bleibt, der soll sich jetzt 
belehren lassen (eventuell mit Hilfe eines ganz bestimm¬ 
ten Songs auf der Ox-CD) oder halt unwissend weiterblät¬ 
tern. Denjenigen aber; denen sich genau das offenbart hat, 
was ich mittels des obigen Namedroppings beabsichtigte, 
empfehle ich den Erwerb von „The Art Of Partying“, dem 
dritten Album von MUNICIPAL WASTE. Und wünsche viel 
Spaß bei der musikalischen Zeitreise in eine längst vergan¬ 
gene Zeit, in der Crossover noch nicht für das wahllose Zu¬ 
sammenpanschen miteinander inkompatibler Musikstile 
stand, sondern für eine Mischung aus Hardcore und har¬ 
tem Metal, die zudem noch originell, spannend und ver¬ 
dammt unterhaltsam war. Ich mag nicht beurteilen müs¬ 
sen, ob MUNCIPAL WASTE Teil eines Revivals dieser Zei¬ 
ten sind, sollte dem aber so sein, dann wird das Quartett 
aus Richmond, Virginia dabei eine Führungsrolle inneha¬ 
ben, denn besser und authentischer kann man einen Mu¬ 
sikstil zwanzig Jahre später nicht in einer so frischen und 
mitreißenden Form aufleben lassen. Und „The Art Of Par¬ 
tying“ ist sogar noch ein ganzes Stück besser als der Vor¬ 
gänger „Hazardous Mutation“. Bang that head that doesn’t 
bang! (9) Andre Bohnensack 

► Auf der Ox-CD zu hören. 



MUFF POTTER 

Steady Fremdkörper CD 

Universal j „Als Fremdkörper bezeichnet man jemanden, 
der von einer Gruppe als störend empfunden wird oder 
sich selbst als störend betrachtet.“ - Zwar ist der Grad der 
geistigen Umnachtung vieler Web 2.0-User nicht zu un¬ 
terschätzen, doch trifft diese Wikipedia-Definition auch 
auf das sechste Album von MUFF POTTER zu. Ihr „Steady 
Fremdkörper“ rollt langsam an, bereit zum Kampf „bis aufs 
Blut“. Nie waren MUFF POTTER dafür besser gerüstet als 
heute. Sowohl auf der musikalischen als auch auf der text¬ 
lichen Ebene sind die elf Songs Schwergewichte im Ring 
der aggressiven Popmusik. Jeder Schlag ein Treffer. Dabei 
sind die Texte vielschichtig und zielen längst nicht mehr 
so offensichtlich wütend auf die empfindlichsten Stellen 
unserer Gesellschaft wie damals die „Bordsteinkantenge¬ 
schichten“. Resignieren aber ist auch weiterhin keine Op¬ 
tion; das Herz für Verlierer hat sich die Band erhalten. Na 
klar, Leben bedeutet Scheitern -, aber lieber zu Boden ge¬ 
hen als gar kein Leben. Man kann ja wieder aufstehen und 
weitermachen. Wer gibt etwas auf Gesichtsverlust oder 


südöstlich der Bantry Bay überhaupt machen kann. Dabei 
orientiert sich die Kapelle erfreulich stark an den POGUES, 
anstatt wie der x-te Klon von DROPKICK MURPHYS oder 
FLOGGING MOLLY zu klingen. Zu behaupten, die Band 
wäre seit dem 2001er Debüt „A Tribute To Arthur Guin- 
ness“ gereift, wäre eine schamlose Untertreibung, nicht 
nur weil das damals noch ausnahmslos aus Covern bestand. 
Auf „Anywhere But Home“ gibt es bis auf zwei Ausnahmen 
nur eigene Songs und nicht einen einzigen, über den ich 
was Schlechtes sagen könnte. Die Frage kann hier nur sein, 
über welche Songs ich hier bei dem begrenzten Platz wie 
viel Gutes sage, weil ja wirklich alle grandios sind. „A leak 
in my heart“ und die Ballade „Crying in my beer“ sind auf 
jeden Fall ganz oben dabei. Und die beiden Cover „Chea- 
ting at solitaire“ (im Original von Mike Ness) und „Fies¬ 
ta" (THE POGUES) sind auch einfach genial umgesetzt. Bei 
Ersterem kriege ich sogar eine Gänsehaut. Volkers Stimme 
klingt hier wirklich wie eine Kreuzung aus der von Mike 
Ness und Shane McGowan. Wer MR. IRISH BASTARD und 
NECK mag, ist hier definitiv richtig Klasse! (54:26) (9) 

Claudia Luck 



TOMAHAWK 

Anonymous CD 

Ipecac/Soulfood | Patton, Denison und Stanier tun es 
wieder. Ohne Kevin Rutmanis diesmal, der ist raus, die 
Band schweigt sich über die Gründe aus. Doch was heißt 
Band: Pattons Rolle ist wie gehabt die des „Stimmgebers“, 
kreatives Zentrum von TOMAHAWK ist weiterhin Dua- 
ne Denison (einst bei JESUS LIZARD), und diesmal ging es 
um ein Thema, das dem Namen des Projektes gerecht w r ird. 
Während einer Tour mit Hank Williams III fand sich Deni - 
son mehrfach in Indianer-Reservaten wieder, begann sich 
genauer mit deren Kultur und dem Umgang der US-Ge- 
sellschaft mit selbiger zu beschäftigen, und so entstand das 
thematische Gerüst dieses Albums, in dem sich allenthal¬ 
ben musikalische Reverenzen an indianische Gesänge,Tän¬ 
ze und Rhythmen finden. Nach intensivem NoiserockTO¬ 
MAHAWK jetzt also auf Eso-Folk-Pfaden? Mitnichten.TO- 
MAHAWK sind immer noch ein schwer verdaulicher Bro¬ 
cken, sind wie ein neuer David Lynch-Film, nur dass im 
Gegensatz zu „Inland Empire" bei „Anonymous“ dem kre¬ 
ativen Kopf nicht die Pferde durchgegangen sind. Die Songs 
pendeln immer wieder zwischen harschen Rockparts und 
atmosphärischen Passagen („Sun dance“), teilweise kehrt 
Patton sogar zu einer Gesangsweise zurück, wie man sie 
früher von FAITH NO MORE kannte („Omaha dance“), 
und letztlich ist man gut beraten, sich auf dieses oft or¬ 
chestral anmutende Werk einfach nur einzulassen und zu 
genießen - wer beim düsteren „Totem“ keine Gänsehaut 
bekommt, ist selber schuld. Mit Sicherheit eine der an¬ 
spruchsvollsten und unkitschigsten Annäherungen an ein 
bedrückendes Thema. (43:32) (9) Joachim Hiller 


NO TE VA GUSTAR 

Todo Es Tan Inflamable CD 

Übersee/Alive | In Europa sind sie noch ziemlich unbe¬ 
kannt, in ihrer Heimat Uruguay gehören NTVG neben AB- 
UELA COCA und LA VELA PUERCA zu den ganz großen 
Bands - ihre Platten haben längst Platin-Status erreicht. 
Auf ihrem vierten Album „Todo Es Tan Inflamable“ setzen 
NTVG neue Maßstäbe, aber halt, das habe ich ja schon in 
#64 über ihr drittes Album „Aunque CuesteVer El Sol“ ge¬ 
schrieben. Schlagwörter wie Latin Pop, Ska oder Rock be¬ 
schreiben die Musik von NTVG aber nur unzureichend. 
Ausgefeilte Arrangements mit Punk- Ska-, Reggae- und 
Rock-Elementen treffen auf Balladen voller Melancholie 
und Tiefe. Die Punkeinflüsse treten auf „Todo Es Tan Infla¬ 
mable“ zugunsten ruhigerer Klänge langsam in den Hin¬ 
tergrund. Oh ja, hier habe ich gleich Feuer gefangen. Spä¬ 
testens bei „Una triste melodia“ ist eine Gänsehaut vorpro¬ 
grammiert, aber nur kurz, denn Stücke wie zum Beispiel 
„Pensar“ mit einer grandiosen Mischung aus Murga-, Ska 
und Disco-Elementen sollten jede Tanzfläche zum Kochen 
bringen. NTVG beweisen mit Stücken wie „Vivir murien- 
do“ eindrucksvoll, dass es durchaus möglich ist, unpein¬ 
liche Rock- und Popmusik zu spielen. Bei den insgesamt 
14 Songs handelt es sich einfach tun zeitlose Musik - Joe 
Jackson und TALKING HEADS lassen grüßen. (52:14) (9) 
Kay Wedel 

PORTERS 

Anywhere But Home CD 

Knock Out/Cargo | Die grandiosen PORTERS erfreuen 
mein Herz mit dem genialsten Irish-Folk-Punk den man 




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OX-FANZINE 63 






















REVIEWS 


wenig zu eintönig. Der Sound war zwar treibend und er¬ 
kennbar eigenartig, aber wenn die Songs nur schwer aus¬ 
einander zu halten sind, reicht dies nicht für hohe Weihen, 
sprich Headline-Touren oder ähnliches. Auf „Hell Yeahü!“ 
sieht die Sache nun anders aus. Ein bunter Mix aus allen 
angrenzenden Stilen mit den alten Kennzeichen. Der Spaß 
endlich wieder dem Hobby aktiver nachzugehen, ist deut¬ 
lich hörbar. Die lange Pause hat dem Können keinen Scha¬ 
den zugefugt. Die Billy-Elemente sind immer wesentlicher 
Bestandteil, ein Vorteil der alten Bands, die die ursprüngli¬ 
chen Wurzeln des Psychobilly noch kennen und pflegen. 
(38:32) (7) Robert Noy 

BORDERPAKI 

Kein Platz für Poesie CD 

borderpaki.de | Mittlerweile seit 1995 besteht die Band 
mit dem etwas ungewöhnlich klingenden Namen BOR¬ 
DERPAKI. In dieser langen Zeit wurden so einige Musiker 
verschliessen, was hoffentlich nichts mit dem Namen zu 
tun hat. Auf ihrer aktuellen CD befinden sich 12 Punk-Ti- 
tel, die so ziemlich alle Stile abdecken. Hardcore-Elemente, 
ruhigere Nummern, aber auch ein tolles Ska-Stück („Ein 
liebes Lied") werden dargeboten. Diese Vielfalt ist wohl auf 
die vielen Neubesetzungen zurückzuführen. Im Großen 
und Ganzen ist dagegen nichts einzuwenden, jedoch kön¬ 
nen nicht alle Songs gleichermaßen überzeugen. Auf schö¬ 
ne melodische Uptempo-Songs („La bailade“, „Ocb") fol¬ 
gen ruppige härtere Titel, welche einen irgendwie stim¬ 
mungsmäßig von einem ins andere extrem Schwanken 
lassen. Aber dadurch wirkt das Album nicht einschläfernd 
und wach zu bleiben ist ja ab und zu auch mal toll! (49:5 3) 
(6) Sven Grumbach 

BRIGHT EYES 

Cassadaga CD 

Universal | Conor Oberst Superstar. Gerade mal 27 und 
schon am Zenit seiner Karriere angekommen! Mit der 
Band Indierock-Fan-Liebling in aller Welt, mit Saddle 
Creek (wo es in den letzten Monaten aber auch eher ru¬ 
hig war...) ein verehrtes Label geschaffen, und jetzt also ein 
neues Album. Und leider, leider bleiben die großen Emoti¬ 
onen meinerseits aus. BRIGHT EYES machen, was sie bis¬ 
her auch schon gemacht haben, leidlich gut, das Album 
läuft so durch, und in manchen Momenten ist es sogar 
richtig langweilig und konventionell. Klar ist „If the bra- 
keman turns my way“ eine schöne Country-Rock-Num- 
mer, doch ehrlich gesagt, reißt mich da Lee Majors „The 
unknown Stuntman“ mehr mit, und wenn Oberst in „No 
one would riot for less“ mit brechender Stimme wie ein 
Ziegenbock meckert, dann muss ich weiterzappen. Dafür 
entschuldigt dann wieder „Soul singer in a session band“, 
doch unterm Strich bleibt „Cassadaga“ unter den Möglich¬ 
keiten der Band zurück, ist stellenweise peinlich pathetisch 
und bombastisch. Willkommen im Mainstream, vielleicht 
sehen wir uns ja in ein paar Jahren wieder. (62:06) (6) 

Joachim Hiller 

BATTLES 
Mirrored CD 

warprecords.com | Die BATTLES haben den Math-Rock 
der 90er bereits mit ihren EPs „EP B / C EP“ auf ein höhe¬ 
res Niveau katapultiert, ihn sozusagen ins neue Jahrtausend 


transportiert, haben mit lockeren und fließenden Songs 
den Sound von DON CABALLERO weiter gestrickt und um 
Jazz, Elektronic, Samples und andere unglaubliche Sound- 
elemente erweitert. Auf ihrem ersten richtigen Longplay- 
er (wer die EP-Compilation hat, braucht das gar nicht wei¬ 
ter zu lesen, sondern kann sich die Platte getrost blind kau¬ 
fen, sie ist noch mal um circa 400 Prozent besser!) stricken 
sie den Sound der EPs fort, erweitern ihn noch um Gesang, 
der aber ein rein instrumentales Beiwerk ist, und präsen¬ 
tieren sich mit einem ungemein präzisen und unterhaltsa¬ 
men, beinahe spastischen Frickelcore-Sound voller fröhli¬ 
cher Melodien, aber das ist durchaus nur positiv gemeint! 
Denn NOMEANSNO, TRANS AM und Konsorten sind be¬ 
stimmt ausgesprochen neidisch, ob dieser irrwitzig inno¬ 
vativen und einzigartigen Songstrukturen. Man merkt den 
BATTLES zwar an, dass sie wahnsinnige Kopfmusiker sind, 
aber ihre Musik dabei nie kopflastig klingt. Stattdessen 
fließt sie leicht, klingt durch den zusätzlichen Gesang sogar 
sehr soulig. Außerdem haben sie einen derart großartigen 
Schlagzeuger, dass ich bei Konzerten nicht wüsste, ob ich 
Tanzen oder Niederknien sollte. Auch wenn sie mit Warp 
ein zumindest ehemaliges, Elektroniklabel haben und sie 
aufgrund der loopartigen Verwendung ihrer Sounds dort 
auch sehr gut aufgehoben sind, haben sie gerade elektro¬ 
nischer Musik eine Lebendigkeit voraus, die sich eben nur 
in der sprichwörtlichen Spielffeude handgemachter Mu¬ 
sik findet. (51:5 9) (9) Chris Wilpert 

BILLY NO MATES 
C’monletmeseeyoupogo CD 

10 Past 12 | Punk-interessiert? Schon seit einigen Jahren 
„dabei" und auch ein paar Platten im Schrank? Zumin¬ 
dest die Klassiker? Dann musst du hier nicht lange über¬ 
legen, selbst wenn BIL¬ 
LY NO MATES bislang 
eine große Unbekannte 
in deinem Dasein waren: 
Duncan Redmonds, Sän¬ 
ger und Drummer der 
Punk-Legende SNUFF, 
ist am Start. Das wird ei¬ 
nem eigentlich schon 
bei den ersten Akkorden, 
spätestens aber mit dem 
Einsetzen des Gesangs 
klar. BILLY NO MATES ist 
sein im Jahr 2004 ins Le¬ 
ben gerufene Soloprojekt. „We Are Legion“ war das erste 
Alb um im Jahr 2005, auf dem Duncan alle Instrumente in¬ 
klusive Gesang selbst eingespielt hat. Inzwischen sind zwei 
Jahre vergangen und „D.R.“ hat zwei Bands ins Leben ge¬ 
rufen, die unter dem Namen BILLY NO MATES auftreten. 
Eine Band spielt und lebt in Japan, die andere kommt aus 
England. Es war noch eine dritte Version für die USA ge¬ 
plant, das hat aber aus fadenscheinigen Gründen nicht ge¬ 
klappt. Sei’s drum ... Mit dem „England-Ableger“ wurde in 
2006 eine Splitsingle mit MILLOY aufgenommen, im sel¬ 
ben Jahr flog „D.R.“ dann nach Japan, um mit dem Line-up 
dort die mir hier vorliegende Scheibe einzuspielen. Eine 
Menge Hits sind am Start, und auch wenn einer der Songs 
„We all have bad days“ heißt: hier war kein Charlie Brown 
am Start und die Scheibe ist (fast) durchweg gelungen. 


Coole Gitarren-Riffs, smarte Orgel, Singalongs, die ins Ohr 
gehen - und das auf insgesamt 16Tracks. Ein echter Hingu¬ 
cker in alter SNUFF-Manier. Sogar die „Seit-fünf-Tagen- 
Regen“-Phase kann ich mit dieser Scheibe locker überbrü¬ 
cken. Ein Hidden Track ist auch dabei, wer mag, kann nach 
Song 16 noch mal knapp vier Minuten warten. Und da au¬ 
ßerdem ziemlich deutlich wird, dass „D.R.“ kein Mensch 
ist, der sich auf die faule Haut legt, können wir hoffentlich 
bald mal wieder einen Abstecher nach Deutschland erwar¬ 
ten. Hingehen. (41:47) (8) Zahni Müller 

BRAIN EATERS 

Monsters, Sex and Rock’n’Roll! CD 

Nicotine | Die BRAIN EATERS mögen manch einem noch 
vom feinen „CreaturesWanna Dance“-Sampler auf Swind- 
lebra Records bekannt sein. Hier präsentieren sie nun ih¬ 
ren 15-Song-Longplayer, dessen B-Movie-Thematik sich 
neben der musikalischen Ausrichtung natürlich kom¬ 
plett durch Artwork, Texte und Samples zieht. Damit sind 
die BRAIN EATERS sicher nicht die Innovativsten, aber sie 
machen ihr Ding auf eine sehr sympathische Weise. Mu¬ 
sikalisch stimmt alles, denn auf solider Garagenpunk/ 
Rock’n’Roll/Horrorpunk-Basis zocken sich die Franzo¬ 
sen als alte Hasen gekonnt durch ihre Songs. Speziell der 
Gesang erinnert mich immer wieder an die CRAMPS und 
Songs wie „Fu Manchu“ und „Come with me to the Cas- 
bah“ sind echte Sahnestücke auf einer durchweg guten 
Platte! (42:58) (7) Bernd Fischer 

BITUME 
Gut im Trend CD 

rookie-records.de/Cargo | Es gibt Songs, bei denen man 
sich ab dem ersten Takt sicher ist, dass alles gut wird. Von 
solchen Hits haben BITUME auf ihrem neuen Album „Gut 
im Trend“ eine beachtliche Reihe anzubieten. Die Melo¬ 
dien zünden sofort, denn Hymnen wollen abgefeiert und 
nicht erarbeitet werden. BITUME erfüllen Wünsche, bevor 
der Hörer weiß, dass er sie hat. Souverän spielen sie sich 
durch ein variantenreiches Programm. Vom Punk-Kracher 
über rollende Rock-Stomper bis zu den ganz leisen Ver¬ 
sen reicht der ausgedehnte BITUME-Kosmos. Neben der 
Hookline vergessen sie aber nie, auch ihre Texte intelligent 
und unverklausuliert vorzutragen. Die kraftvolle Produkti¬ 
on des ehemaligen Anführers der TERRORGRUPPE, Archie 
Alert, passt zum Stil der Oldenburger Band wie die Faust 
aufs Auge. Leider kann andauernde Eingängigkeit auf Al¬ 
bumlänge leicht zum Nachteil werden. So können auch 
BITUME manche Länge zur Halbzeit nicht vermeiden, 
wenngleich diese Schwäche angesichts der Gesamtleistung 
nur ein Lackschaden ist. Wir notieren: „Gut im Trend“ ist 
ein sehr gutes Album, das mit weniger als 14 Songs noch 
besser geworden wäre. (44:28) (8) Arne Koepke 

BAHAREEBAS 

Last Night I Saved The Galaxy CD 

Kamikaze | Ein ausgemachter Surf-Spezialist bin ich ja 
nicht gerade, aber die 13 Songs der BAHAREEBAS sind eine 
feine Sache. Die Schweizer variieren gekonnt und krea¬ 
tiv alle guten Sixties-Gitarrensurf-Trademarks, während 
die spaceige Albumthematik mich natürlich spontan an 
alte MAN OR ASTRO-MAN? denken lässt, kombiniert mit 
dem gut produzierten Sound der „Jet Age“ von den EURO¬ 


BOYS. Für mich persönlich besteht die Gefahr bei solchen 
Scheiben meist darin, dass durch allzu viele Instrumental¬ 
stücke schnell Langeweile aufkommt. Die BAHAREEBAS 
schütteln aber zwischendurch immer mal wieder wirklich 
guteVocal-Garagenstomper aus dem Ärmel, deshalb gibt’s 
für mich bei dieser Platte ganz und gar nichts zu mäkeln. 
(57:22) (7) Bernd Fischer 

BRUTAL KNIGHTS 
FeastOfShame LP 

ptrashrecords.com | Zum Glück gibt es noch Bands wie 
diese, die sich durch ihre Songs mit geschlossenen Augen 
holzen und weder nach links noch rechts schauen, wenn 
sie mit Schwung durch dein Zimmer rollen. Früher 80er- 
Hardcore-Punk bekommt hier eine komplette Frisch¬ 
zellenkur, denn so zappelig und kratzig klingen die alten 
Scheiben nur, wenn sie abgenudelt winden. Der größte 
Unterschied zu altem Kram ist das enorme Hitpotenzial, 
das die BRUTAL KNIGHTS besitzen und gekonnt Umset¬ 
zern Ähnlich spaßig und anregend wie eine Kolonie Amei¬ 
sen, die man sich in die Unterhose kippt, da wuselt und 
beißt es überall (aber es macht verdammt noch mal Spaß). 
Geniale Texte übrigens, die den einen oder anderen zusätz¬ 
lichen Brüller mit im Gepäck haben. Nur fällt das Lesen, 
während die Platte läuft, einigermaßen schwer, wegen der 
Ameisen.Yeah! (9) kalle stille 

BARK BARK BARK 
Haunts CD 

retarddisco.com | BARK BARK BARK ist Jacob Cooper aus 
Arizona, der dieses Synthiepop-Album im Alleingang auf¬ 
genommen hat und (laut Promozettel) sowohl Synthiepop 
als auch „singer-songwriter bullshit" hasst und nicht von 
Blumen singt. Aha! Außerdem hält der Zwanzigjährige sich 
für die witzigste Person auf Erden. Das Debütalbum (dem 
natürlich bereits zahlreiche CD-Rs vorausgingen) lässt die¬ 
sen Witz allerdings vermissen. Stattdessen wartet es mit ein 
paar schönen, aber unprätentiösen, manchmal ausgeflipp¬ 
ten, manchmal elegischen Popsongs irgendwo zwischen 
XIU XIU, ELECTRIC PRESIDENT und Beck auf. Jacob Co¬ 
oper singt mit kühler Stimme und dem Zynismus eines 
Jarvis Cocker hektische und pathetische Elektropopsongs, 
denen der nötige Schliff zum Hit aber immer fehlt. Und 
als ob das jetzt noch nicht genug Namedropping gewesen 
wäre, war er auch schon mit ARCHITECTURE IN HELSIN¬ 
KI, XBXRX oder BARR aufTour, muss von denen aber noch 
viel lernen... (36:39) (5) Chris Wilpert 

BANDGEEK MAFIA 
Paint Your Target CD 

Long Beach | Ich liebe Ska. Ich hasse Emo. Wenn ich Emo 
mögen würde, würde ich wahrscheinlich nicht Emo son¬ 
dern Post-Hardcore sagen. Oder Screamo. Ich sag aber Emo. 
Bevor das hier jetzt in einen Exkurs ausartet, sage ich es mal 
so: Die BANDGEEK MAFIA macht ihre Sache mehr als gut. 
Aber ihre Sache ist leider überhaupt nicht mein Ding. Die 
Bläser wirken, obwohl sie vermutlich zentraler Bestandteil 
der Band sind, eher wie akustische Deko, da zu viele Tem¬ 
powechsel und der Wechsel von Singen zu Schreien in den 
meisten Songs dominieren. Sprich: Zu viel Emo, zu wenig 
Ska. An wenigen Stellen geht die Band ja echt als eine der 
besseren bis sehr guten Skapunk-Bands durch. „Facelift“ 



/SINGLES 


ABLÄRM / KSM40 Split-7“ 

ksm40.de/myspace.com/ablrm | Köln-Porz vs. Mainz. 
KSM40 spielen Drei-Mann-Trash mit zwei Sängern. Ei¬ 
ner schreit, der andere „keift“, wie es im Booklet so schön 
heißt. Keine Soli, keine Schnörkel - kurze, straighte Lieder, 
die einfach krachen. Gefällt mir. ABLÄRM setzen auf nicht 
ganz so rudimentäre Liedstrukturen, bauen sogar Solos mit 
ein und haben mehr groovige Parts in ihren Liedern. Aller¬ 
dings finde ich, dass deren Sänger (der eigentlich durchaus 
eine gute Stimme hat) extremer schreien sollte. Teilweise 
hört es sich nämlich so an, als ob er auf die Stimme drü¬ 
cken würde, anstatt richtig zu schreien. (7/6)Tobias Weber 

APPALACHIAN TERROR UNIT 
Armageddon Won’t Be Brought By Gods 7“ 

Profane Existence | APPALACHIAN TERROR UNIT haben 
mit „Armageddon Won’t Be Brought By Gods (But Men 
WhoThinkThey Are)“ auf Profane Existence eine jener ra¬ 
ren Debütsingles rausgehauen, die in jeden Haushalt ge¬ 
hört. Im Pentagramm aus CHUMBAWAMBA, G.B.H, NAU¬ 
SEA, DEVIATED INSTINCT und CONCRETE SOX treiben 
APPALACHIAN TERROR UNIT mit ihrem ungestümen 
Hardcore-Punk mir Oldschool-Freak die Freudenträ¬ 
nen in die Augen, wobei von den uralten CHUMBAWAM¬ 
BA eher der Spirit kommt und von den Übrigen die musi¬ 
kalischen Einflüsse. Der heftige Weibchen-Männchen-Ge¬ 
sang legt Vergleiche mit NAUSEA oder SCHIFOSI nahe, die 
ja auch nicht zu den schlechtesten Bands unter der Sonne 
gehören. Den vier Songs wurde dann noch im Jam Room- 
Studio der passende drückende Sound verpasst und fertig 
ist eine großartige Single. (8) Ollie Fröhlich 

BAYONETTES We’re Doomed 7“ 

Deranged | Man mische die altehrwürdigen AVENGERS 
mit Poly Styrene und etwas mehr Hummeln im Hintern. 
Vier solide Punk-Songs mit weiblichem Gesang, nicht un¬ 
ähnlich den genannten Bands, allerdings nicht ganz mit 
deren Hitpotenzial ausgestattet. Ja verdammt, Retro, aber 
dafür guter! File zwischen 2007 und 1977. (8) kalle stille 

BLACK SUNDAY Cut out! 7“ 

myspace.com/tictactotally | AliciaTrouts No Wave- Alter 
Ego, düster, atmosphärisch, seltsam traurig, aber höchst ge¬ 
nial und auf weiter Flur alleine. Irgendwo zwischen ganz 
frühen Siouxsie und punkigerer Toyah, im Grunde tiefste 
Nostalgie, aber so gut gemacht und einfach schön, dass man 
nicht anders kann, als diese EP immer und immer wieder 
aufzulegen. Eigentlich eine Herbstplatte, aber es regnet ge¬ 
rade und die blaue Scheibe macht den Himmel noch trü¬ 
ber, als er ohnehin schon ist. Wie üblich wild limitiert, aber 
wahrscheinlich mehr als genug für alle, die nicht ewig trö¬ 
deln. (9) kalle stille 



COKE BUST Demo 7“ 

headcountrecords.com | Frühachtziger Hardcore-Sound, 
wie wir ihn mehrfach auf dem „FlexYour Head“-Samp- 
ler haben, dazu etwas NYHC der zweiten Welle, jede Men¬ 
ge Geknüppel von Bands wie DROPDEAD, INFEST, AS- 
SÜCK und als Dreingabe ein paar miste Metalsoli, wie sie 
auf den allerersten DRI- Platten zu finden waren. Alles zu¬ 
sammengerechnet gibt das acht Tracks (davon einYOUTH 
OF TODAY-Cover) mit Retrosiegel. Keine Ahnung, ob das 
wirklich jemand braucht, zumal die dumpfe Soundquali¬ 
tät zum Plattentitel passt, und der eine oder andere dann 
doch die Originale schon im Plattenregal stehen hat. (4) 

kalle stille 

CHAINBREAKER / MONSTER Split-7“ 

vendettarecords.de | Yepp, so muss das klingen ... rund, 
rotzig und angepisst, dann macht das Spaß! MONSTER 
knüppeln und röcheln sich durch zwei Hardcore-Smas- 
her, die mit den von ihnen bekannten wie geliebten Me¬ 
lodieuntertönen veredelt werden. Okay, CHAINBREAKER 
leihen sich ein AC/DC-Riff (wer’s weiß, darf das ruhig für 
sich behalten oder an das Dr. Sommer-Team schreiben), 
dann kotzen sie den ganzen mehrfach gekauten Klumpen 
mit Schwung aus. Beide Songs stammen aus denselben Ses- 
sions wie die ersten 7“s und klingen auch so. Für solche 
Platten gebe ich gerne Geld aus! (7) kalle stille 

CPC GANGBANGS Welcome To Hell 7“ 

Goodbye Boozy | Schnell sein und beim Lesen des Reviews 
möglicherweise schon in die Röhre schauen. Grottiges Co¬ 
ver, hinter dem man eine solche Granate wie „Half my size“ 
garantiert nicht vermuten würde. Genialer Punk-Thras- 
her, der sich unaufhaltsam seinem krachigen Höhepunkt 
entgegen schraubt, um dann in einem gewaltigen Orgas¬ 
mus in sich zusammenzufallen. Hammer! Die B-Seite ist 
entweder das zärtliche Nachspiel oder die berühmte Zi¬ 
garette danach. Könnte fast aus der Zuckerphase von RA¬ 
DIO BIRDMAN stammen, nur hatten die wahrscheinlich 
nie ein Glockenspiel im Gepäck. Extrem geniale 7“, eine 
der besten des Jahres! (9) kalle stille 

CAVE CANEM s/t 7“ 

Epistrophy | CAVE CANEM aus Hannover bringen die Tage 
nach ihrer 9-Song-Cassette die erste 7“ bei Epistrophy 
raus. Was Cassetten angeht, kann ich nur bemerken, dass sie 
bei Kindern unter 10 Monaten hoch im Kurs stehen, weil 
man sich wunderbar in dem meterlangen Band einwickeln 
kann. Leider leidet darunter ja die Soundqualität gering¬ 
fügig, da ist Vinyl glücklicherweise resistenter. Nichts des¬ 
to trotz hab ich ja vollkommen zu Recht die Cassette ob ih¬ 
rer Großartigkeit gepriesen und genau dasselbe mache ich 
jetzt mit der Single, die mit ihrer Mischung aus TRAGEDY 
und HYPOCRITICAL SOCIETY voll und ganz mitzurei¬ 
ßen versteht. Wer hat eigentlich den 5-Jahres-Plan zur Ent¬ 
stehung vonTRAGEDY-huldigenden Bands in jedem Land 
dieser Erde ausgerufen? Lohnenswerte Anschaffung, auch 
wenn das Original Herr im Hause bleibt. (8) 

Ollie Fröhlich 

CLOROX GIRLS Double Mao EP 7“ 

Bachelor | Parallel zum neuen Album auf BYO erscheint 
auf dem österreichischen Label Bachelor Records eine 3 - 
Song-7“, auf der sich neben dem Albumtrack „Total Babe“ 
auch zwei unveröffentlichte Nummern finden - „I like 
drugs“ und „Double Mao“. Überraschungen? Fehlanzei¬ 
ge. Also: Mittelschneller Punkrock auf den Spuren von 
BRIEFS, BUZZCOCKS und DICKIES mit so einer gewissen 
Powerpop-Komponente. Und das gefällt rundum gut, be¬ 
sonders aufknallrotemVinyl. (7) Joachim Hiller 


DIGGER AND THE PUSSYCATS 
All Time Low 7“ 

squoodge.de | Eine weitere schnieke 7“, die es einmal als 
ultralimitierte 7“ in grünem Vinyl und Sondercover gab 
oder aber als weniger limitierte EP in schwarzem Vinyl und 
einem anderen Cover. Wenn man beide Versionen in der 
Hand hält, eine schwere Entscheidung, da jede Version ihre 
eigenen optischen Reize hat. Drei Songs des Duos aus dem 
dürregeplagten Bruces-Kontinent in gewohntem Stil auf 
dem für die Band üblich hohen Niveau. Für so einen Sound 
brauchen andere Bands fünf Mitglieder, wieder mal sehr 
geil. Als besonderes Gimmick läuft die B-Seite von innen 
nach außen, gemeinerweise ohne extra darauf hinzuwei¬ 
sen. Ich warte auf die erste LP, bei der jeder Song abwech¬ 
selnd von innen nach außen und eben „normal“ geschnit¬ 
ten wurde, so dass man bei jedem Stück die Nadel neu an- 
legen muss, immerhin gab es so was noch nicht. Den Ti¬ 
telsong könnte man übrigens fast mit „Stepping stone“ im 
Medley spielen. (8) kalle stille 

DIGITAL LEATHER She Had A Cameltoe 7“ 

goner-records.com | DasTitelstück ist einer dieser kleinen 
nasty Songs, die einem nach dem ersten Hören nicht mehr 
aus dem Kopf gehen. Ungewöhnlich fröhlich und wie für 
die Tanzfläche gemacht, wobei ich mir das extrem interes¬ 
sant vorstelle, wenn junge Menschen beiderlei Geschlechts 
zu einem Stück tanzen, das vom Abdruck einer Hose auf 
dem weiblichen Genital handelt (schöne Umschreibung, 
gell). Der Song stand lange genug auf der MySpace-Seite 
und wurde dort zum Meistgehörten von DL. Die B-Sei¬ 
te ist wie gewohnt düsterer, krachiger Elektropunk der 
Güteklasse A. Da das Ganze auf Goner erschienen ist und 
wohl auch limitiert, sollte man zugreifen, solange der Vor¬ 
rat noch reicht, sonst fließen nachher wieder dicke Tränen! 
Das Beste: Eine weitere LP auf Goner ist für den Sommer 
auch schon angekündigt. (9) kalle stille 

EL VICIO Time To Eat Brains 7“ 

Nasty | Einmal mehr LoFi mit Krach, aber das Duo hat 
neben der auffallenden Zombie-Thematik und den Lär¬ 
mausflügen von der Güte (und Lautstärke) der FATALS 
noch etwas, das sie vom Heer der anderen Kellerkinder ab¬ 
hebt, nämlich vergleichsweise ruhige und melodisch-trä¬ 
ge Parts, die der Sache eine besondere Würze geben. Krach 
ist gleich viel lauter, wenn man davor in völliger Sicherheit 
gewiegt wurde. Immer wieder erstaunlich, wie wenig man 
einen Bass vermisst, wenn die zwei vorhandenen Musiker 
nur hart genug spielen. (8) kalle stille 

GENEPOOL /PRISTINE Split-7“ 

rookierecords.de | Eine sehr feine Kombination: SMOKE 
BLOW-Lettens GENEPOOL lassen in „Berlin by night“ den 
Wave-Punk der frühen Achtziger auferstehen und heizen 
damit schon mal die Erwartungen bezüglich des neuen Al¬ 
bums an - das muss grandios werden, so gut wie der Track 
hier gefällt mit seinem magischen, treibenden Beat. Auf 
der Flipside dann PRISTINE, die jüngst ihr Album veröf¬ 
fentlicht haben, das - daher also die Verbindung - im Stu¬ 
dio von GENEPOOLs Guido Lucas eingespielt wurde. Mar¬ 
kant ist an der Girl-Band aus dem Ruhrgebiet der rauchig- 
sweete Gesang, doch statt BLONDIE-Pop ist eher kickender 
Punkrock angesagt mit einer gewissen Biestigkeit. Beide 
Tracks stammen vom Album. (8/7) Joachim Hiller 

FED UP! Lashing Out 7“ 

United Riot | FED UP! machen keinen Hehl daraus, dass 
sie aus New York City kommen, wie unschwer an dem Ar¬ 
beitstitel dieser 7“, „New York Hardcore“, zu erkennen ist. 
Die Band existiert zwar bereits seit 1997, hatte aber gleich 
in diesem ersten Existenzjahr mehr Besetzungswech¬ 
sel zu verzeichnen als Ozzy Osbourne Gitarristen in sei¬ 


ner Karriere verschlissen hat. Seitdem hat man es inklu¬ 
sive des vorliegenden Werks „Lashing Out“ auf die Veröf¬ 
fentlichung zweier Singles gebracht. Als musikalischen 
Einfluss nennt man neben Bands wie AGNOSTIC FRONT 
oder MURPHY’S LAW noch scherzhaft „beer, porno and 
violence“. Dazu kommen noch eine Prise Oi! und Skin- 
Mentalität samt standhaftem Bekenntnis zur amerikani¬ 
schen Flagge (siehe Cover und Titel der ersten Splitsing¬ 
le „Stand Proud“ zusammen mit CONDITION), was viele 
Amis zwar für cool halten, hierzulande aber wohl weniger 
witzig aufgenommen werden wird. „Lashing Out“ ist mit 
drei Songs, die sich an den selbst zitierten Einflüssen plus 
S.O.D. orientieren, und einer Spielzeit von circa zwei Mi¬ 
nuten so kurz geraten, dass ich mir Sorgen mache, wie lang 
wohl eine Live-Show dieser NYC-Proleten ausfallen wür¬ 
de. Wahrscheinlich werden wir in Europa aber wohl nie in 
den Genuss kommen, FED UP! auf der Bühne zu bewun¬ 
dern, da die Band wahrscheinlich gerade mal wieder einen 
neuen Bassisten oder Drummer sucht. Und überhaupt, in 
der Seifenblase NYC ist es am schönsten. Bodo Unbroken 

ISKRA A Statue Or The Stone Subverting 
The Timezone 7“ 

unterm-durchschnitt.de | Hier ist wieder einmal ein 
überdurchschnittliches Schmückstück aus dem Kölner 
Kleinlabel hervorgegangen, man verliebt sich schon, wenn 
man mit der Hand über das Cover fahrt. ISKRA, der Funke, 
vor hundert Jahren auch eine russischen Zeitung gewesen, 
spielen meist tanzbaren Gitarrenpop. Rauh produziert und 
ohne großen Firlefanz, beschwingen mich die ersten drei 
Lieder, wobei die besondere, direkte Stimme der Sängerin 
eindeutig im Mittelpunkt steht und die Grundlage ist fin¬ 
den abschließenden Dance-Remix, der die Frage stellt „Be- 
droom or dancefloor“. Schwierige Entscheidungsfindung, 
aber das Be in sagt: Dancefloor. (7) Christoph Schulz 

LES BOF! Un Disque Maxi! 7“ 

Copasetic | Dass die Schotten eine frankophile Ader in sich 
tragen, ist historisch begründet. Denn die Franzosen wa¬ 
ren über lange Jahre die einzigen, die die von den Schot¬ 
ten so verhassten Engländer in Schach halten konnten. Und 
so wundert es nicht, dass aus Edinburgh tatsächlich eine 
French-Beat-Band der Extraklasse kommt, während süd¬ 
lich des Hadrianswalls die schöne französische Sprache 
bestenfalls im ironischen Kontext verwendet wird („Par¬ 
don my French“). LES BOF!, ein Quartett mit Beteiligung 
von Mitgliedern der famosen THANES und PRESTON 
PFANZ, hat nun auf Copasetic seine erste 4-Song-EP ver¬ 
öffentlicht. Drei der Stücke sind Cover englischsprachiger 
Beat-Klassiker mit französischen Texten (aus „Watch your 
Step“ wurde „C’est fini“ und aus „Fortune teller“ wur¬ 
de „Boule de cristal“, dazu noch die Ronnie Bird-Fassung 
von „I can only give you everything“ namens „Chante“). 
Dann gibt es noch ein schickes Originalstück namens „J’ai 
perdu mon mojo“. Leider sind die Songs allesamt bereits 
zu Genüge bekannt, und beinahe zu Tode gecovert. Nicht 
schlecht gespielt, wirklich. Aber pardon! Die Dinger kann 
ich einfach nicht mehr hören, ob nun auf Französisch, 
Englisch oder Klingonisch ... Bitte, falls es ein Album ge¬ 
ben sollte, nicht so abgedroschene Nummern, und mehr 
Eigeninitiative! (7) Gereon Helmer 

LOUIS LAMENT s/t 7“ 

TV Eye | Das Riff' kenn ich aber: „Sweet home Alabama“ 
könnte man problemlos über das Intro des ersten Songs der 
ersten LOUIS LAMENT -Single für Frank PoppsTV Eye La¬ 
bel singen. „Fuzzy Funky Psychedelic Rock“ beschreibt das 
Kölner/Santa Cruzener Trio den eigenen Sound, das klingt 
in diesem Falle wie eine abgespeckte Fassung von GRAND 
FUNK RAILROAD oder schaurigen Südstaatenrockem wie 
LYNYRD SKYNYRD. Natürlich ist es alles mit viel Energie 


OX-FANZINE 64 












REVIEWS 


beispielsweise ist die ersten 90 Sekunden richtig gut. Aber 
dann kommt wieder dieses Gejaule und das geht einem 
spätestens nach dem zweiten Hören der Platte tierisch auf 
den Keks. Allerdings bekommt die Band circa siebenund- 
zwanzig aufblasbare Gummipunkte für das geniale Neben¬ 
projekt von ihrem Schlagzeuger und zwei ihrer Bläser, die 
SKANALINTRUDER (siehe Live-Bericht in dieser Ausga¬ 
be). Immerhin. (42:34) (6) Claudia Luck 

BROKEN BEATS 

In The Ruin For The Perfect CD 

Buback | Eine Band, die ihrem Sound und ihrer ursprüng¬ 
lichen Vision des Beatbrechens Album für Album treu 
bleibt. Schon bevor meine Anlage überhaupt eingestöpselt 
war, bestand kein Zwei¬ 
fel , dass die 11 Lieder ab¬ 
solut in sich harmonisch, 
poppig, mit Wortspie¬ 
len beschmückt sein und 
einen gut portionierten 
Löffel Rock’n’Roll ha¬ 
ben würde. Ich erwarte 
von meiner kleinen Lis¬ 
te an Lieblingsbands nur 
eins, nämlich dass ich 
mir keine Sorgen ma¬ 
chen brauche, dass mir 
am nächsten Album et¬ 
was nicht gefallen könnte. Die BROKEN BEATS scheinen 
dies problemlos erfüllen zu können. Trotz des typischen 
Sounds schaffen sie es auch immer ein bisschen Neues 
von hier und ein bisschen Neues von da aufzugreifen und 
für sich in ihrem Stil umzuformen. Jede BROKEN BEATS- 
Platte spiegelt also auch ein wenig den momentanen Mu¬ 
sikgeists wieder, was einen auch animiert, sich mit neuer 
Musik zu befassen, tun die tollen neuen Einflüsse zu erkun¬ 
den. Der Titel des Albums ist ebenfalls sehr viel sagend. Man 
bedenke nur wie viel Zeit es kostet, ein musikalisches Es¬ 
say der Pop- und Rock’n’Roll-Gegenwart darzulegen. (9) 
Martha Biadun 

BIRCH BOOK 
Fortune & Folly CD 

Helmet Room | Ach, ist das schwierig mit diesen Neofolk- 
Barden! Da explodiert das überstrapazierte Label „Folk“ 
in den letzten Jahren förmlich in so zahlreiche wie kre¬ 
ative Facetten wie Anti, Weird oder Free, findet sich na¬ 
mentlich in so tollen Künstlern wie Calvin Johnson, Ki- 
mya Dawson, DUFUS, HYPERJINX TRICYCLE, GRAVEN- 
HUSRT oder meinetwegen auch Elliot Smith verkörpert. 
Und was macht BIRCH BOOK aka B’eirth (der auch un¬ 
ter dem Namen GOWAN RING schon zahlreiche Neofolk- 
Releases vorzuweisen hat) auf diesem Album? Er klingt wie 
Cat Stevens oder Don McLean, mit dem Unterschied, dass 
die in ihrer Zeit eine gewisse Berechtigung hatten. Klar, die 
Songs sind schön, heimelig, man möchte fast ein Lagerfeu¬ 
er im Zimmer anzünden, aber wer braucht das denn? Das 
Album gibt es limitiert auch in einer aufwändig gestalte¬ 
ten Box - da ich aber nur die popelige Promoversion vor 
mir habe, habe ich keine Ahnung, was davon zu halten ist. 
(45:55) (4) Chris Wilpert 


und Druck (ohne Bass, geht gar nicht!) vorgetragen, aber 
irgendwie ist es so inspirierend wie der letzte Todesfurz ei¬ 
nes verglimmenden Joints. (5) Gereon Helmer 

LIGHTNING BEAT-MAN Baby Obsession 7“ 

squoodge.de | Vier Songs aus dem umfangreichen Archiv 
des Beat-Mans rund um das Thema Baby (erwachsen und 
prä-adoleszent) aus den Jahren 1989 bis 1992 (wobei ich 
die Angabe 1889 bei „My baby’s child“ unter Tippfehler ab - 
haken würde). Überraschungen gibt es zumindest musika¬ 
lisch keine, der Lightning Beat-Man ist der Lightning Beat- 
Man und er bleibt der Lightning Beat-Man, so einfach ist 
das. One-Man-Band-Trash vom Feinsten, verzerrt, gara- 
geig und eben das Original. Wie immer bei diesem Label 
gilt: Zugreifen, solange es geht, die Auflage ist begrenzt und 
bisher hat dieses Label nicht wie andere nach einer ausver¬ 
kauften Limitierung eine zweite, „ebenfalls streng limitier¬ 
te“ nachgeschoben. Aus ist aus! Für die ganz harten gibt es 
77 Stück der EP auf weißem Vinyl, das heute schon „ges¬ 
tern“ war. (7) kalle stille 

MAD HILDA FuckTonight 7“ 

madhilda.com | Haha, „Straps & Röll“ steht bei diesem 
Siebenzöller auf der Auslaufrille und das beschreibt die vier 
Songs dieser fünf aufgetakelten jungen Herren auch ganz 
gut. Tuntenrockiger, leicht rumpliger Glampunk fiele mir 
als Kategorisierung noch spontan ein, die Wahrheit liegt 
aber wohl irgendwo dazwischen. Jedermanns Sache sind 
MAD HILDA damit wahrscheinlich nicht, aber ich gebe 
zu, dass ich letztens noch total besoffen mit Wunderker¬ 
zen Purzelbäume auf der Bühne einer ähnlich aufgedon¬ 
nerten Poser-Metalcombo geschlagen habe, deshalb kann 
ich mein Amüsement über diese Scheibe nicht verbergen. 
Macht Spaß! Bernd Fischer 

PATTI PALLAD IN & JOHNNY THUNDERS 
Crawfish 7“ 

Jungle | Jungle Records hat ganz tief in die Trickkiste ge¬ 
griffen und ein unschätzbares Zeitdokument wieder neu 
aufVinyl herausgebracht: Patti Palladin und Johnny Thun¬ 
ders im Duett sind mit „Crawfish“ einfach großartig und 
voller Seele und werden vielleicht nur noch von Lydia 
Lunch & Rowland S. Howard mit ihrer Interpretation des 
Lee Hazelwood-Klassikers (im Duett mit Nancy Sinatra) 
„Some velvet morning“ über troffen. Großes Kino: a ho- 
neymoon in red. (9) Markus Kolodziej 

PROJEKT KOTELETT Ab und Schaum 7“ 

klartext-rec.de | „Die deutschen SCORPIONS! Nur kulti- 
ger!“ Mit dieser rechtlich womöglich nicht haltbaren Aus¬ 
sage auf dem Cover gehen die Hamburger Karnivoren- 
Punks an den Start, holzen sich virtuos durch drei neue, 
leichtfüßige Scumpunk-Klopper. Auf der A-Seite der Titel¬ 
song „Ab und Schaum“, der Band-Security gleichen Na¬ 
mens gewidmet, auf der Flipside die beidem eingedeutsch¬ 
ten Cover-Nummern „Du machst den Abwasch“ und „Ich 
will zurück“, im Original von den QUEERS respektive 
NINE POUND HAMMER. Wie man sieht, die Herren haben 
Geschmack. Guten Appetit und Prost! (7) Joachim Hiller 

PAWNSHOP ORCHESTRA 
Fantaundkotze 7“ 

lolila.de | So der Name der Webseite, deren Besuch ich 
unbedingt empfehlen soll... Und möchte! Denn nicht nur 
die mir vorliegende, sehr schöne 7“ von Knuddel-Singer/ 
Songwriter Daniel Decker aka PAWNSHOP ORCHESTRA 
ist dort zu bestaunen als auch zu bestellen, sondern noch 
ein paar andere Kleinode mehr ... Die Single als sexy Su¬ 
perlativ der Indiependent-Szene, so wollen das viele sehen 
und dieser Ansicht sind wohl auch die Damen und Her¬ 
ren von LoLiLa Records aus Kaarst (nahe Düsseldorf gele¬ 
gen). Recht haben sie! Die vorliegende Single mit dem Ti¬ 
tel „Fantaundkotze“ ist mit zwei wunderschönen, char¬ 
manten, folkigen Indiesongs in deutscher Sprache bespielt 
und lohnt die Anschaffung. Kommt bunt instrumentiert 


BISH 

s/t CD 

Little Teddy/Broken Silence | Hinter der Band BISH steht 
Darryl Hunt, der den meisten wohl durch seine Mitwir¬ 
kung bei den POGUES bekannt sei dürfte. Aber im Gegen¬ 
satz zu den POGUES bieten die 10 Titel auf „Bish“ ruhige 
entspannte Popmelodien ohne Schnörkel im Raum zwi¬ 
schen VELVET UNDERGROUND und den GO-BETWEENS. 
Gitarre, Bass, Schlagzeug und eine scheinbar endlos dahin 
fließende Orgel entfalten einen wunderbaren Klangtep¬ 
pich - so klingt zeitlose Popmusik. Nur die Zeiten, dass so 
etwas auch im Radio läuft sind wohl vorbei, dabei gibt es 
gleich zu Beginn mit „Clever girl“, „Teil me“ und „Hey, you 
don’t have to say it“ drei herrliche Ohrwürmer. Aber halt, 
stop! Eigentlich hat jeder Song dieses gewisse Etwas, eben 
diesen Kick der dafür sorgt, dass eine Strophe oder ein Gi- 
tarrenriffim Ohr hängen bleibt. (45:26) (7) Kay Wedel 

ccc 


CAREER SOLDIERS 
Löss Of Words CD 

punkcore.com | Oh Mann, wieder nix fürs Essen mit Ker- 
zenschein und anschließender Fummelaktion mit der 
Liebsten. CAREER SOLDIERS aus San Diego machen hoch 
energetischen Punk. Eine Fast-forward-Band, die von 
Mark, dem Fronttypen von UNSEEN, entdeckt wurde. Die¬ 
ser hat dann auch das erste CAREER SOLDIERS-Album auf 
seinem Label A.D.D. veröffentlicht. Nun ist ihr zweites Werk 
am Start und zwar erscheint das diesmal auf Punkcore. Für 
Freunde von VIRUS, CHEAP SEX und den CASUALTIES ein 
feiner Happen. 12 Songs in 30 Minuten. (7) Dennis Bruns 

CALIBAN 
TheAwakening CD 

roadrunnerrecords.de | „The Undying Darkness“ liegt erst 
ein Jahr zurück und schon legen CALIBAN mit „The Awa- 
kening“ direkt nach. Geboten wird hierbei das, was ge¬ 
neigter Fan der Band serviert haben möchte - eingängi¬ 
ge melodischer, doublebass- und moshlastiger Death Me- 
tal mit dicker Produktion und einer Träne im Knopfloch. 
Auch wenn CALIBAN hier im Vergleich zu den beiden Vor¬ 
gängern wieder eine etwas härtere Gangart eingelegt haben 
(was ihnen durchaus steht) und so mancher Track im Krei¬ 
se Nichtvolljähriger wahren Hitcharakter entfalten mag, 
erfinden die Jungs ihren Sound nicht neu. Das muss ja auch 
nicht sein, da eine nahezu völlig ausverkaufte Tour und 
entsprechende Verkaufszahlen eben andere Worte sprechen 
mögen, als diese vom Gesamtergebnis doch etwas gelang¬ 
weilte Rezension. (44:17) (6) Carsten Hanke 

BILL CALLAHAN 
Woke On A Whaleheart CD 

Drag City/Rough Trade | Ähnlich wie auch Kollege Will 
Oldham hatte man bei Bill Callahan und seiner Band 
SMOG häufiger in den letzten Jahren mal das Gefühl, die 
Herren würden sich in einer elegisch-depressiven Ab¬ 
wärtsspirale befinden, was manchmal wirklich zu viel des 
Guten war. Insofern nimmt man erfreut zur Kenntnis, dass 
„Woke OnA Whaleheart“, Callahans erstes Album unter ei¬ 
genem Namen, eine erstaunlich lebendige Angelegenheit 


und mit liebenswertem Schrammelcharakter tun die Ecke. 
Denn Singles sind sexy und machen dich zum crazy Typen 
in der großen Pause auf dem Bolzplatz! Also los, go for it, 
Platten-Nerd! JörKK Mechenbier 

PINK FITS Don’t AskWhy 7“ 

myspace.com/outbackrnr | Den „Crowdpleaser“ „Don’t 
ask why" kennt man bereits vom unlängst erschiene¬ 
nen Debütalbum der aus Wollongong nahe Sydney stam¬ 
menden arschtretenden Rock’n’Roller, doch die B-Seite 
der Single ist unveröffentlicht - und ein Cover „Just one 
more dance“ von den MUMMIES wurde nachgespielt, und 
die Band ist der Meinung: „This rips the bandages off those 
motherfückers“. Mumienschändung oder was? Von wegen, 
die PINK FITS dürfen wegen überschäumender Spielfreu¬ 
de fast alles. Freunde raunchy Aussie-Punks greifen auch 
hier wieder zu. (7) Joachim Hiller 

RIPPERS/TURBONEGO Split-7“ 

Satan | Bei diesen RIPPERS hier handelt es sich um die 
spanische Band, die schon seit 1995 existiert und sehr an¬ 
genehmen, dunklen Punkrock spielt, der bei „One blue cir¬ 
cle" verblüffend an die WIPERS erinnert. Mit denen soll¬ 
te man sich auf jeden Fall mal eingehender beschäftigen, 
während das bei den Herren von der B-Seite als bereits ge¬ 
schehen vorausgesetzt werden kann. Wie allerdings deren 
uraltes EBBA GRÖN-Cover „Staten och kapitalet“ (sowie 
„I don’t care about you“) seinen Weg auf diese 7“ gefunden 
hat, ist rätselhaft. Die Tatsache, dass die Katalognummer auf 
der einen Seite des Vinyls ausgekratzt ist, kann da freilich 
einen Hinweis geben... Sammlerstück! (8) Joachim Hiller 

RADAR War Out There 7“ 

EMI | RADAR br ingen ihre zweite stark Ska-und Dub-in- 
sprierte Single heraus (unter der Obhut der GORILLAZ- 
Produzenten) und schaffen einen wirklich perfekten Hyb¬ 
rid ausTHE STREETS, mit ausgeprägter Ähnlickeit zu Mike 
Skinners Stimme, und THE SPECIALS. RotesVinyl mit 80er 
Jahre inspirierter D.I.Y.-Coverästhetik und „additional vo- 
cals“ die stilgerecht von den „people and police of Brixton“ 
stammen. Bitte mehr davon. (8) Markus Kolodziej 

ROCK’N’ROLL ADVENTURE KIDS 
Hot Dog 7“ 

Bachelor | Waaaaaahnsinn! Der absolut obergeilste und 
durchgedrehteste Scheiß, den ich seit langem gehört habe! 
Bis gerade eben lag ich noch ekstatisch zuckend auf dem 
Boden. Ich kann es nur vermuten, aber wahrscheinlich 
wurden die zwei Songs von hyperaktiven Punkrock-Cow¬ 
boys auf dem geistigen Niveau von Sechsjährigen aufge¬ 
nommen. Das ist verdammt nah an der Grenze zum per¬ 
fekten Rock’n’Roll-Wahnsinn und damit auch verdammt 
nah an der Grenze zur Genialität! Ich stelle jetzt erstmal 
Nachforschungen an, welchem kranken Hirn diese Schei¬ 
be entsprungen ist, alle anderen kaufen sich in der Zwi¬ 
schenzeit dieses göttliche Stück Vinyl! (10) Bernd Fischer 

SUSPICIONS First Love 7“ 

Bachelor | Das Album der SUSPICIONS auf Rip Off Re¬ 
cords fand ich ja nur eher durchschnittlich, aber auf Sin¬ 
glelänge relativiert sich sowas natürlich ein bisschen. Zwei 
hübsche, leicht sentimentale Songs finden sich auf diesem 
Siebenzöller, die sich im altbekannten Powerpop-meets- 
Budgetrock-Gewand präsentieren und mich einmal mehr 
an die EXCESSORIES und ähnlich gelagerte Bands denken 
lassen. Sympathische Scheibe. (7) Bernd Fischer 

STAGGERS s/t 7“ 

Bachelor | Es hat nicht lange gedauert, obwohl es eigent¬ 
lich längst überfällig war: Die Grazer STAGGERS, mit Si¬ 
cherheit die beste Garagetrash-Combo aus der Ostmark, 
hat endlich mal die Intensität eines ihrer berüchtigten 
Gastspiele in Vinyl ritzen lassen. Und Bachelor Records hat 
die feine, qualmende Performance der STAGGERS, vergan¬ 
genen Mai im Berliner Club „Lovelite“ aufgenommen, nun 


geworden ist, sicher nicht zuletzt durch die Mitarbeit von 
Neil Michael Hagerty (PUSSY GALORE, ROYAL TRUX), 
der maßgeblich an den Arrangements und der Produkti¬ 
on beteiligt war. Das merkt man den ersten Songs „From 
the rivers to the ocean“, „Footprints“ und „Diamond dan- 
cer“ auch sofort an, die für Callahan-Verhältnisse opu¬ 
lent instrumentiert sind und fast als Popsongs durchge¬ 
hen könnten — so was hat man von dem Mann in dieser 
Form schon lange nicht mehr gehört. „Woke On A Wha¬ 
leheart“ hält sich mit LoFi-Homerecording-Ästhetik an¬ 
genehm zurück, ohne dass sich etwas am grundsätzlichen 
Feeling des Callahan’schen Songwritings geändert hät¬ 
te, nur ist dessen Melancholie diesmal eingebettet in einen 
fetten, erstaunlich rockigen Bandsound, der sich plakati¬ 
ver als sonst bei Einflüssen aus Country oder Soul bedient, 
was die Platte eventuell tatsächlich zum Beginn einer neu¬ 
en Phase in Callahans Schaffen machen könnte. Zumindest 
könnte man tatsächlich auch mal an einem dunklen, ver¬ 
regneten Tag Lust verspüren, „Woke OnA Whaleheart“ auf¬ 
zulegen. (8) Thomas Kerpen 

CRIPPLED BLACK PHOENIX 
A Love Of Shared Disasters CD 

invada.co.uk /Cargo | Das Fabelwesen im Namen haben 
CRIPPLED BLACK PHOENIX, bei denen unter anderem 
Musiker von ELECTRIC WIZARD und MOGWAI spielen, 
durchaus mit Bedacht ausgewählt. Denn so wie der Phönix 
immer wieder aus seiner eigenen Asche neu ersteht, schei¬ 
nen sich die Engländer mit jedem Song neu zu definieren. 
Mit dem löchrigen Netzt aus Worten einer einzigen Rezen¬ 
sion lässt sich diese Band jedenfalls nicht einfangen. Zwar 
meint man, aus der Vogelperspektive der Band manchmal 
markante geografische Besonderheiten wie den OKKERVIL 
RIVER oder den Saddle Creek auszumachen, richtig sicher 
ist man sich aber nie. Letztendlich ist es auch gar nicht so 
wichtig, wo genau auf der musikalischen Landkarte man 
sich gerade befindet, denn runter kommen sie schließlich 
alle. Im Falle von CRIPPLED BLACK PHOENIX dank der 
„200 tons of bad luck“, die ihre beispielsweise mit Harmo¬ 
nium,Violine,Trompete oder Akkordeon instrumentierten 
„endtime ballads“ mit sich herumschleppen. Und wer sich 
von ihnen runterziehen lässt, wird erschrocken feststel¬ 
len, wie groß die Probleme von Menschen sein können, die 
von oben betrachtet winzig klein aussahen. Früher glaub¬ 
te man, dass die Tränen des Phönix Wunden heilen kön¬ 
nen. CRIPPLED BLACK PHOENIX fünktionieren nach ei¬ 
nem ähnlichen Prinzip: Ihre Lieder helfen beim Weinen, 
dem ältesten Schmerzmittel der Welt. Thomas Renz 

COLD BLEAK HEAT 
Simitu CD 

family-vineyard.com | Das zweite Album dieses Quartetts 
ist ein reines Free-Jazz-Werk, das in seiner uferlosen Kako- 
phonie und scheinbaren Strukturlosigkeit an große Vorbil¬ 
der wie Albert Ayler oder Ornette Coleman gemahnt. Hät¬ 
te ich noch vor wenigen Jahren, jeden, der mir mit einer 
Platte wie dieser gekommen wäre, auf der sich keine Gi¬ 
tarren, stattdessen Saxophon und Trompete zum Krachma¬ 
chen finden, mit wüsten Flüchen, wenn nicht sogar han¬ 
greiflich in die Flucht geschlagen, würde ich Musiker wie 
diese mittlerweile auf eine Stufe mit THE FLYING LUT¬ 
TENBACHERS, ARAB ON RADAR, ONEIDA oder AIDS 


endlich in einer knallhart auf 800 Exemplare limitierten 
Auflage auf den Markt gebracht. Es gibt vier schöne Songs, 
alles Cover (Don & Deweys „Justine“, Bo Diddleys „Roa- 
drunner“, „Howlin for my darling“ der SYNDICATS sowie 
den Arthur Lee-Song „My flash on you“), Frontmann Wild 
Evel krächzt sich die Seele aus der ramponierten Kehle, die 
Band platzt vor Spielfreude und eigentlich ist alles gut. Je¬ 
denfalls gefallen mir die STAGGERS live immer schon bes¬ 
ser als im Studio, und mit dieser EP können sich auch die 
bemitleidenswerten Kreaturen, die niemals eine STAG¬ 
GERS-Show mit eigenen Augen und Ohren erleben durf¬ 
ten, davon überzeugen, dass man es hier mit einer der ta¬ 
lentiertesten Showtruppe Mitteleuropas zu tun hat. (8) 

Gereon Helmer 

SATANIC PUNK INTERNATIONAL 
CONSPIRACY Fireballs! 7“ 

indierecs.com | Ich mag es, wenn man über die zu review- 
ende Band einfach keine einzige Information auftun kann. 
Die „Fireballs!“-EP von SATANIC PUNK INTERNATIONAL 
CONSPIRACY enthält ein paar gepixelte Fotos, die Nahauf¬ 
nahme einer Flamme als Cover, hinten drauf eine kleine 
gekritzelte Bombe mit der Unterschrift „West Texas Uber 
Alles“ — könnte das Label sein — und, ach ja, innen scheint 
eine Kontaktadresse zu stehen, aber die kann man beim 
besten Willen nicht lesen. Von einem Infoblatt natürlich 
keine Spur. Es zählt also allein die Musik und der Gedan¬ 
ke an eine entweder sehr dumme oder extrem coole Band, 
denen der Bekanntheitsgrad schlicht egal ist. Doch sich 
musikalisch für gut oder schlecht zu entscheiden, fällt mir 
bei drei Songs dieses Kalibers schwer. Die Adjektive „kra- 
chig“, „dilettantisch“ und „übertrieben ausgelassen“ müs¬ 
sen auf jeden Fall auftauchen. Die passende Schublade gibt 
es noch nicht, dafür müsste erstmal jemand eine mit dem 
Schildchen „77er Heavy Hardcore Deathpunk Metal“ oder 
so versehen. Ah, ich finde gerade die MySpace-Seite. Die 
Infos: Auf dem Cover verbreimt gerade Skeletor („justice 
is served...“), die Jungs kommen aus Texas, das Label ist das 
alles andere als kleine und nur auf Punk beschränkte In¬ 
dependent Records (indierecs.com) und der positive Ein¬ 
druck von S.P.I.C. erhärtet sich: dumm und extrem cool! 
(8) MarioTuriaux 

SHOCKS Endsieg 7“ 

pukenvomitrecords.com | Parallel zur Veröffentlichung 
des neuen SHOCKS-Albums „Brace ... Brace ...“ erscheint 
auf dem US-Label Puke And Vomit noch eine Single der 
Berliner. Auf der A-Seite „Endsieg“ vom Album (mit bei¬ 
gelegter englischer Übersetzung), auf der B-Seite das kom¬ 
petent umgesetzte LOS REACTORS-Cover „Just another 
unit“. Abermals beeindruckend, wie das Trio seinen ganz 
eigenen und extrem kompakten Stil pflegt, der irgendwo 
zwischen 77er UK-Punkrock und dem Zeug angesiedelt 
ist, das deutsche Bands zu einem Zeitpunkt spielten, kurz 
bevor der Begriff „New Wave“ eine ganz furchtbare Ein¬ 
deutschung erfuhr. (7) Andre Bohnensack 



ä» 


Hi 


WOLF stellen und kann jedem, der die genannten Bands 
schätzt, COLD BLEAK HEAT nur empfehlen. Überhaupt 
ist es faszinierend, den Ideenreichtum und die Vielfältig¬ 
keit dieser Band zu hören, die diese sechs mal unsäglich 
lauten, mal atmosphärisch dichten Songs einfach so mir 
nichts, dir nichts an einem Tag aufgenommen haben. Wenn 
mehr Punk/HC-Bands es schaffen würden, ihre zu Genü¬ 
ge zur Schau gestellteVirtuosität auf ähnliche Weise mit so¬ 
viel Spontaneität und Abwechslung zu paaren, anstatt an 
den langweiligen Strukturen des Rock festzuhalten, könn¬ 
te ich diesem Genre vielleicht auch wieder mehr abgewin¬ 
nen. So halte ich es mit Thomas (aus seiner Review zu der 
großartigen FREQUENCY-Platte) Jazz ist eben nicht gleich 
Jazz. (69:52) (8) Sir Hc Chris Wilpert 

CHILD ABUSE 

s/t CD 

lovepumpunited.com | Der Name dieses aus Brooklyn 
stammenden Trios, das zuvor eine Split mit MIRACLE OF 
BIRTH aufgenommen hatte, verweist durchaus treffend auf 
den kranken Sound dieser Platte, die ein Bild von Albert 
Oehlen mit dem Titel „Chucky“ schmückt, wo tatsächlich 
das Konterfei der Horrorpuppe auftaucht. Nicht überra¬ 
schend, dass dieser hektische Jazz-Core ausgerechnet aus 
New York kommt, der in diesem Fall auch noch mit Death 
Metal gekreuzt zu sein scheint. Wer also auf Sänger steht, 
die sich auf Urschreitherapie verstehen, Keyboarder, die 
mit der Faust direkt mehrere Tasten anschlagen, und deren 
Umgang mit generell allen Instrumenten wenig zartbesai¬ 
tet ist, kann hier auf eigene Gefahr mal ein Ohr riskieren. 
Im Gegensatz zu Bands wie ALBOTH!, BOREDOMS, RUINS 
oder auch LOCUST läuft dieser hyperaktive Geräuschan¬ 
griff aber mehr oder weniger an mir vorbei, ohne wirk¬ 
lich Eindruck zu machen. CHILD ABUSE lassen zwar be¬ 
herzt die musikalische Sau raus und gehen einem gekonnt 
auf die Nerven, aber man legt keinen großen Wert darauf, 
sich ein weiteres Mal mit dieser Platte auseinander zu set¬ 
zen, was wohlmöglich auch Sinn der Übung war. (4) 

Thomas Kerpen 

COCKTAIL SLIPPERS 
Mastermind CD 

Wicked Cool | Amerikanische Neuauflage dieses Albums 
der norwegischen COCKTAIL SLIPPERS, zu dem Kolle¬ 
ge Ritchie Apple bereits im Ox #58 folgende von mir nur 
zu unterstreichende Worte fand: Die vier äußerst apar¬ 
ten „Party-Treterchen“, die vor Jahren bereits unter dem 
Namen BARBARELLAS versuchten die europäische Gara¬ 
gen-Szene mehr oder minder erfolgreich aufzumischen, 
haben mit „Mastermind“ einen weiteren Schritt in die 
richtige Richtung getan, denn ihre vorzügliche Mischung 
aus Powerpop, Garage imd R’n’R hat mittlerweile ein ex¬ 
trem hohes Qualitätslevei erreicht und macht sie zusam¬ 
men mit den wunderbaren ULTRA BIMBOOS zu Allein- 
herrscherinnen ihrer Zunft. Neben der Eingängigkeit der 
Songs und der nahezu perfekt auf ihren Sound abgestimm¬ 
ten Produktion, fallt vor allem der hohe Pop-Appeal auf, 
der über jedem einzelnen der zehn Tracks, wie auch im¬ 
mer er geartet sein mag, schwebt. Leider spielt Lisa Farfisas 
Orgel auf „Mastermind“ eine weniger dominante Rolle als 
auf ihrem Vorgänger, dafür aber bewegt sich der Ausschlag 
der Nadel des durchgetretenen Distortion-Pedals von Ma¬ 
dame Rocket Queen konstant im roten Bereich. Das Ergeb¬ 
nis einer Symbiose der GO-GO’S und der DONNAS würde 
wohl den Namen COCKTAIL SLIPPERS tragen. (29:41) (8) 
Bernd Fischer 

CUBA MISSOURI 

Things I Wish I Had Not Called Just Things CD 

Make My Day/Alive | Der Zweitling des Münster-Osna- 
brücker Quartetts hat unbestritten seine Höhen. Der de¬ 
klamierende Schluss von „Slow ground“ und verschiedene 
Gitarreneinsätze fallen da schnell ein. Überhaupt scheinen 
sich heute kaum noch Leute zu trauen, diese ohne Fach¬ 
begriffe schwer zu umschreibenden, geöffneten, halbdis¬ 
sonanten aber trotzdem harmonischen NOTWIST-Riffs 
mit so einer Lust zu spielen. Vom Sound ist da alles in But¬ 
ter, die Zutaten stimmen und „Things I Wish ..." führt den 
Weilheimer 90er-Indierock zeitgemäß weiter. CUBA MIS¬ 
SOURI bleiben dabei der Gitarrenbasis wesentlich treuer 
als ihre hörbaren Vorbilder, was nicht heißen soll, dass sie 
nicht auch offen für neue Sounds wären. Aber wie schon 
beim Erstling vermisse ich auch diesmal das Quäntchen, 
das die Musik zwingend macht, die letzte Konsequenz oder 
Brillanz, die es imvermeidbar machen, ihr zu verfallen. 
Gut. (41:16) (6) Christian Maiwald 

CEPHALIC CARNAGE 
Xenosapien CD 

relapse.com | Ziemlich verwundert war ich, als mir auf 
einmal ein neues Album der Musiker mit dem grünen 
Daumen auf demTisch geflogen ist. Wie nicht anders zu er¬ 
warten, wird der Durchschnittsmetaller außen vor gelassen 
und dürfte an sich auch mit diesem hybriden Bastard aus 
Metal, Grind und jazzig vertrackten Hyperparts vollkom¬ 
men überfordert sein. Wie selbstverständlich vermischen 
die werten Musiker unterschiedliche Stile sehr gekonnt 
miteinander und ziehen dabei noch mächtig das Tempo an. 
Solche musikalische Präzisionsarbeit wird umso Ehrfurcht 
gebietender, wenn man die Band livehaftig auf der Bühne 
erleben durfte. Wahnsinnige Band, geiles Album: Pflicht! 

Uwe Kubassa 

CRESTLERS 
Silicon Confidence MCD 

Zorch | Na gut, inzwischen haben wir auch alle mitbe¬ 
kommen, dass es im schwedischen Orebro eine höchst ak¬ 
tive Musikszene gibt. Bereits seit rund zwanzig Jahren sind 
auch die CRESTLERS ein Bestandteil derselben. Und wer 
so lange zusammen musiziert, der bleibt selten stehen und 
schaut hier und da mal über seinen Tellerrand, der in die¬ 
sem Fall Rockabilly heißt. Doch dazu gesellen sich auf die¬ 
ser Mini-CD zahlreiche Einflüsse, die von Country, Blu- 
egrass, Blues und Rock’n’Roll bis hin zum Punk reichen. 
Also einmal querbeet durch die letzten 50 Jahre Musikge¬ 
schichte. Das klingt stimmig und läuft gut rein, ohne aller¬ 
dings neue Maßstäbe zu setzen und sonderlich aufzufallen. 
Und ehe man sich versieht, sind die sieben Stücke auf „Si¬ 
licon Confidence“ schon wieder vorbei. Das lässt den Hör¬ 
spaß ein wenig mau ausfallen. (21:18) (6) Abel Gebhardt 

CHERRY OVERDRIVE 
Clear Light CD 

heptownrecords.com | Vier adrette junge Damen in mit 
psychedelischen Müsterchen dekorierten Minikleidchen 
spielen auf ihrem Debütalbum „Clear Light“ ziemlich 
straighten Biker-Rock, klebrig wie Kettenfett und schmie¬ 
rig wie eine Dose Motoröl. Erinnert mich vom rauhen Ge¬ 
sang her gelegentlich an L7, doch die Gitarren braten nicht 
so undifferenziert wie bei den Grunge-Gören, und die 
Bandbreite ist auch etwas größer. Sie bedienen sich glei¬ 
chermaßen an Stoner-Klischees wie 60s Girl-Group-Ele- 
menten, man stelle sich die SHANGRI-LAs auf einer wil¬ 
den Dosenbierparty mit anschließender Session mit den 
GIRLSCHOOL-Damen vor. Schwedens Psych-Rock-Tita- 
nen THE SOUNDTRACK OF OUR LIVES mit weiblichem 
Gesang könnten so ähnlich klingen. Insgesamt kein wirk¬ 
lich großer Wurf, dieses Album, doch wenn die Damen 
mal das Tempo und den Druck etwas reduzieren, kommt 
manchmal eine feine kleine Surf-Instro-Ballade wie „The 



OX-FÄNZINE 65 





REVIEWS 


EUROPE’S FRESHEST GIRLBAND 
WITH THEIR BRAND NEW RELEASE 


also hot; 

- Amos - Imperator of Pop 2xLP/CD 

- Murder by Guitar - On parade LP 

- Hofiday Fun Club - s/t 7" 

- Ei Guapo Stuntteam - Accusation 

Blues LP / LP witb Packpatch 

- Sons of Cyrus - Trigger-happy LP/CD 

- Meine Kieine Deustche - Roky LP/CD 

coming soon: 

- Kamikaze Queens T 
-Two-Star Hotel LP/GD 

- Hoiiday Fun Ciub LP/CD 

- Hara-Kee-Rees LP/CD 

- Coiumbian Neckties 10* 


more infos/records/merch: www.soundsofsubterrania.com 



venture“ dabei raus (mit Beteiligung von LorenzoWood- 
rose!), und in diesen Momenten können sie wirklich be¬ 
geistern. (6) Gereon Helmer 

CARPATHIAN 
Nothing To Lose CD 

Golf/Resist/PHD | Meine Hoffnungen, ehrlichen und ag¬ 
gressiven Hardcore betreffend, ruhten auf dieser Band und 
CARPATHIAN haben mich nicht enttäuscht. Kein Sing¬ 
sang trübt die Beatdowns dieser unglaublichen Combo aus 
Australien, nicht eine schwache Minute mindert das halb¬ 
stündige Vergnügen und stellt sich zwischen die Jungs und 
ihre fetten Amps. Ich weiß nicht, welche Verstärker die fünf 
Aussies benutzen, aber sie fetzten. So müssen Hardcore- 
Riffs klingen, und dass Crewshouts und eine gehörige Por¬ 
tion Groove nicht schaden können, wissen, die Jungspun¬ 
de auch schon. Ich denke TERROR,THE HOPE CONSPIRA- 
CY und TEAMKILLER haben einen aufstrebenden Mitstrei¬ 
ter in Down Under, dessen Namen man sich merken sollte. 
(24:55) (8) Thomas Eberhardt 

CHARMS 
Strange Magic CD 

wickedcoolrecords.com | Die Bostoner Girl-fronted- 
Band ist mit ihrem vierten Album endlich zu einem richti¬ 
gen Label gewechselt: Waren die drei in schneller Folge er¬ 
schienenen Vorgänger noch selbst releaset beziehungsweise 
über den örtlichen Outlet Newbury Comics zu bekommen, 
ist nun Little Stevens Wicked Cool Records ihre Homeba- 
se. Fans überschwänglichen Zuckerschnuten-Rock’n’Rolls 
sind mit den CHARMS ja längst vertraut, wissen deren Po- 
werpop-meets-Garage-Rock’n’Roll-Sound zu schätzen, 
und man muss schon ein Herz aus Glas haben, um bei El¬ 
be Vees Gesang nicht dahinzuschmelzen. Und dann spielt 
die blonde Frontflau auch noch Farfisaorgel und Gitar¬ 
re, schreibt zusammen mit Gitarrist Joe Wizda alle Songs. 
BLONDIE schauen hier immer wieder um die Ecke, Jen¬ 
nifer Miro von den NUNS könnte ebenfalls ein großes Vor¬ 
bild gewesen sein, und bei „Broken heart" denkt man un¬ 
weigerlich an die SHANGRI-LAS, auch wenn hier natür¬ 
lich nur eine Frau am Mikro steht. Für die passende Pro¬ 
duktion hat hier Jim Diamond gesorgt, und wer bei die¬ 
sen mal kickenden, mal schwülstig säuselnden Powerpop- 
Nummern, die wirklich unwiderstehlich sweet von Ellies 
Stimme gekrönt werden, nicht zu Wachs in deren Händen 
wird, ist wohl ein imsensibler Klotz. (34:59) (8) 

Joachim Hiller 

CHESTERFIELD KINGS 

The Mindbending Sounds Of... CD 

wickedcoolrecords.com | Eigentlich waren mir die 
CHESTERFIELD KINGS immer schon die liebsten unter 
den 80er-Revivalisten der 60er Jahre. Nie so pathetisch 
auf düster gebürstet, nie so sehr auf Garage-Punk-Oldie- 
Parade gebügelt wie Rudis Skull & Vox-Bones-Ensemble, 
haben sie seit den frühen Achtzigern mit einer Hand voll 
grandioser Neo-Garage-Alben den Geist der Nuggets-Rei¬ 
he hochkompetent in die Jetztzeit gerettet (ohne dafür 


auch nur mit einer Erwähnung oder einem Beitrag bei der 
„Children Of Nuggets“-Box bedacht zu werden. Sieht man 
von der grässlichen Glam/DOLLS-Phase zu „Berlin Wall Of 
Sound“-Zeiten ab, haben sie immer detailverliebten, au¬ 
thentischen Garage-Psych abgeliefert, der seinesgleichen 
sucht. Und mit dem neuen Album „The Mindbending 
Sounds Of...“ liefern sie nun nach annähernd dreißig Jah¬ 
ren so einfach mal eben das beste Album ihrer Karriere ab. 
Die Einflüsse sind immer eindeutig identifizierbar: „Trans¬ 
parent life“ etwa bezieht sich glasklar auf die CHOCOLA- 
TE WATCH BAND, und dennoch verpassen Greg Prevost 
und Andy Babiuk dem Song unverkennbar ihre ganz eigene 
Handschrift. Nicht anders sieht es bei „Disconnection“ aus, 
nur heißt hier der Referenzpunkt ELECTRIC PRUNES. Und 
selbst der Sixties-Novize erkennt sofort, dass man „Flash¬ 
back“-Arrangement, Akkorde und Textpassage vom ROL¬ 
LING STONES Klopper „Jumping Jack Flash“ charmant re¬ 
produziert, und dennoch daraus einen ganz eigenen Song 
mi t ganz eigenem Sound erschaffen hat. Und dass „Sterns 
and flowers“ sich an den SEEDS gütlich hält, ist offensicht¬ 
lich, aber niemals störend. E-STREET-BAND Gitarrist und 
Garage-Godfather Little Steven hat tatkräftig als „Executive 
Producer“ (was auch immer das bedeuten mag) mitgear¬ 
beitet, gießt bei einigen Songs etwas Vox-Continental-Or- 
gelsoße dazu und schrubbt die Barriton-Fuzz-Gitarre. Ein 
unglaublich vielseitiges Album ist das geworden, mit sehr, 
sehr vollem Sound, voller Detailtiefe und Liebe zu den Vor¬ 
bildern sowie genug Abstand zu plattem Revivalismus, es¬ 
sentieller Stoff, sollte in keinem Plattenschrank fehlen! (9) 
Gereon Helmer 

CROWNS OF KINGS / PRICE OF PAIN 
Split CD 

deadserious.de | Zwei neue Bands aus Connecticut, und 
jede mit einem Mitglied von DEATH THREAT. Hoffen 
wir, dass diese sich wegen den neuen Bands nicht auflö- 
sen. CROWNS OF KINGS machen den Anfang, und klin¬ 
gen ein bisschen wie eine 90iger NYHC-Version von TER¬ 
ROR. Nichts Neues, aber sehr eingängig und richtig schön 
asi. PRICE OF PAIN mit dem DEATH THREAT-Sänger klin¬ 
gen dann wie eine metallerische Version eben dieser. Wer 
Aarons Gesang mag, wird hier nicht dran vorbeikommen, 
auch wenn ich DEATH THREAT deutlich vorziehe. Gewin¬ 
ner der Split sind für mich CROWN OF KINGS, alleine 
schon, da ihre Songs deutlich druckvoller rüberkommen, 
und ich sie aufgrund des Gesangs nicht immer mit DEATH 
THREAT vergleichen muss.(l 9:38) (7) 

Fabian Dunkelmann 

CHARIOT 
The Fiancee CD 

Century | THE CHARIOT ist die „heiß diskutierte neue 
Band des NORMA JEAN - Sängers Josh Scogin“ und bei „The 
Fiancee“ handelt es sich um eine Lizenzierung des christ¬ 
lichen Labels Tooth And Nail. Da könnt ihr euer Geld auch 
gleich nach dem Kirchgang in den Opferstock werfen, Mu¬ 
sik gepaart mit Ideologie gibt’s dort günstiger. (666) 

Thomas Eberhardt 


CALL ME LIGHTNING 
Soft Skeletons CD 

frenchkissrecords.com/Alive | Seit Februar ist das 
neue Album der aus Minneapolis stammenden CALL ME 
LIGHTNING raus, die sich nach einem furiosen Start mit 
dem 2004 auf Revela¬ 
tion erschienenen De¬ 
büt „The Trouble We’re 
In“ ganz gut Zeit gelassen 
haben mit dem Nach¬ 
folger - und den auch 
nicht mehr auf Revelati¬ 
on, sondern auf French- 
kiss veröffentlichen. An¬ 
getrieben von miesem 
Bier, einer Liebe zu MI¬ 
NUTEMEN und BIRTH- 
DAY PARTY sowie dem 
Wissen um die Verdiens¬ 
te von LED ZEPPELIN haben die Neu-Labelmates von LES 
SAVY FAV sich im Electrical Audio-Studio in Klausur bege¬ 
ben und ein mächtig beeindruckendes, mitreißendes zwei¬ 
tes Album geschaffen. „Soft Skeletons“ ist eine jener Plat¬ 
ten, die Leute erstaunt aufmerken lässt, sobald sie laufen, 
die sich nicht überhören lässt, die unweigerlich Zuckun¬ 
gen am ganzen Körper auslöst, zum Sitztanz verleitet - was 
zwar albern aussieht, aber was will man machen, wenn ei¬ 
nen solch fiebriger Post-Punk-Funk dazu zwingt? Das Trio 
aus der Twin City jedenfalls hat sich einen sehr knackigen 
Sound verpasst,-mit wuchtigen, trockenen Drums, trans¬ 
parenten Vocals, sexy Gitarren und messerscharfen Breaks, 
und solange Ian Svenonius nicht mit einer neuen Platte an 
den Start geht, ist das hier die beste Verbindung aus Punk 
und groovy Funk seit den BIG BOYS. (8) Joachim Hiller 

CONFORMISTS 
Three Hundred CD 

fiftyfourfortyorfight.com | Entweder ist es eine dreiste 
Lüge, oder bloß eine Form eigenwilligen Understatements. 
Konformisten sind die vier Herren aus Collinsville, IL ge¬ 
wiss nicht - im Gegenteil: Wenn es so etwas wie Nonkon¬ 
formismus in der Musik gibt, dann klingt er so. Ihre La- 
belmatesTHE BUILDING PRESS haben es unlängst vorge¬ 
macht, und auf dieselbe Weise kümmert sich diese Band 
hier wenig um Takte oder Harmonien. Wenn sie möchte, 
dann holpert sie gekonnt herum, und dann misshandelt sie 
liebevoll ihre Gitarren. So treiben die CONFORMISTS ihr 
Spiel mit dem Zuhörer, das sicher auch ein bisschen vom 
Wahnsinn angetrieben wird. Schwer verdaulich ist das, an¬ 
dererseits aber nie wirklich unanhörbar. Das ist es, was eine 
Band wie diese ausmacht: Sie geht eben in Punkto Experi¬ 
mentierfreude noch einen Schritt weiter als viele andere, 
die sich als Nerds verstehen. Einmal mehr: von wegen Kon¬ 
formismus! Aufgenommen hat das Album übrigens Ste¬ 
ve Albini, und dessen Name sollte eigentlich auch schon 
eine Idee davon geben, welche Musik einen in etwa erwar¬ 
tet. Zudem ist dessen typisch knackiger Sound nun mal das 
beste Gewand für diese Art von Musik. (31:26) (8) 

Christian Meiners 

CARRIE ANNE 
Excuses MCD 

Mute | Mit nur einer Demo-EP haben es Gerry.Andi, Mich 
und Hubert schon über den großen Teich und in die MTV- 
„Rockzone“ geschafft. Und das, obwohl sie eher ruhigere 
Songs schreiben, die auch ihre Zeit brauchen, sich zu ent¬ 
wickeln. „Excuses“ ist die erste Single aus ihrem Album, das 
auf einer Unterfirma von BMG erscheinen wird. Gratulati¬ 
on zu diesem riesigen Sprung! Musikalisch irgendwo zwi¬ 
schen DREDG und JIMMY EAT WORLD kreieren CARRIE 
ANNE eine zerbrechliche Atmosphäre, die zur Melancholie 
einlädt (was für alle drei Songs, der Single gilt). Ich bin ge¬ 
spannt aufs Album. Sebastian Wahle 

COMMON GRAVE 
Dehuminized CD 

twilight-vertrieb.com | Ganz besonders freut es mich, 
wenn Bands aus meinem Heimatort Neunburg vorm Wald 
unabhängig und unbekümmert ihr eigenes Ding ma¬ 
chen. COMMON GRAVE, seit Jahren dem Death- und Th- 
rash Metal verschrieben, veröffentlichen mit „Dehumani- 
zed“ ihre zweite CD, die insgesamt musikalisch und pro¬ 
duktionstechnisch kompakter geworden ist, was nicht zu¬ 
letzt auch an Besetzungswechseln an Schlagzeug und Bass 
liegt. Allerdings fehlen mir neben den permanenten Stak¬ 
kato-Gitarren und Doublebass-Attacken, trotz der tiefen 
Stimme des Sängers, die wirklich düsteren Momente, die 
höchstens mal zum Vorschein kommen, wenn die Gitarren 
ausklingen dürfen. Schade, dass COMMON GRAVE nicht 
immer so abwechslungsreich sind wie bei ihrem aller¬ 
letzten Song „P.G.“, der schon durch das beiläufige Gitar¬ 
rensolo heraussticht. Es ist mir ein Anhegen, subkulturel¬ 
le Nebenschauplätze von Undergroundaktivitäten im Me¬ 



tal-Genre aus der Oberpfalz vorzustellen, auch wenn mir 
qualitativ seit EVIL SEED und METAL AXE nichts bekannt 
ist, was diesen längst vergessenen Bands das Wasser reichen 
könnte. Simon Brunner 

CAUSASUI 
Free Ride CD 

Elektrohash/ Swamp Room | Erneut zeigen die Dänen, 
dass es auch anders geht. Das man nicht langweilige, über¬ 
holte Riffs spielen muss, um Acid Rock zu machen. Das 
man vor allem nicht die ewig gleichen Gesangsstereotypen 
bedienen muss. Schon ihr Debütalbum, damals noch auf 
Nasoni erschienen, zeigte einen deutlichen Unterschied 
und eine meilenweite Abgrenzung zu dem Großteil der ak¬ 
tuellen Psychedelic Rock-Szene. Man kann einfach nicht 
wirklich gut sein, wenn man zum hundertsten Mal seine 
großen Vorbilder imitiert, auch wenn das natürlich immer 
wieder abgestritten wird. CAUSA SUI machen diesen Feh¬ 
ler nicht, weshalb sie auch mit ihrem zweiten Album voll - 
ends überzeugen. Und erneut vibrieren die Boxen und ich 
immer noch mit ihnen. (52:35) (9) Claus Wittwer 

B.C. CAMPLIGHT 
Blink Of A Nihilist CD 

One Little Indian/Überzahl | Hinter dem Pseudonym 
B.C. Camplight versteckt sich Brian Christinzio. Es wäre 
kein Wunder, wenn Christinzio mit seinem neuen Album 
„Blink Of A Nihilist“ so einige Verwirrung stiften würde: Er 
hat es sich zum Ziel gemacht, Gegensätze miteinander zu 
vereinen. So unterlegt er fiktive Psychodramen mit fröh¬ 
lich-kindlichen Popsongs. „Blink Of A Nihilist“ klingt wie 
eine Mischung aus Sufjan Stevens und BELLE & SEBASTI¬ 
AN. Seine Lyrics handeln jedoch von den Abgründen der 
menschlichen Psyche. Zu Recherchezwecken verbrachte er 
eine Zeit im Gefängnis von New Jersey und schrieb die Le¬ 
bensgeschichten der Insassen auf. Dasselbe tat er in diver¬ 
sen Irrenhäusern, in denen er als Volontär arbeitete. Und 
genau diese Verknüpfung der krassen Gegensätze macht 
„Blink Of A Nihilist“ zu einem wahrhaft faszinierenden 
Werk. (8) Julia Gudzent 

DDP 


DUNGEN 
Tio Bitar CD 

Subliminal/Broken Silence | Ist es nun mein Geschmack, 
der sich im Laufe von zwei Jahren verändert hat, oder ist 
die neue CD von DUNGEN tatsächlich ein großer Schritt 
zurück? Großes Lob hatte ich bei der letzten Aufnahme 
verteilt, diesmal muss auch ich zwei Schritte zurücktreten. 
Der schwedische Nick Saloman Gustav Ejstes hat dieses Al¬ 
bum nahezu im Alleingang aufgenommen, dieses Mal we¬ 
sentlich verspielter und psychedelischer als der Vorgänger, 
was aller din gs der Gesamtharmonie nicht gut bekommt. 
Hier steht jedes Stück irgendwie allein da, es scheint kein 
größeres Gesamtkonzept zu existieren. Trotzdem sind ein 
paar schöne Songs dabei, aber die große Begeisterung, 
die ich einst aufbrachte, weckt dieses Album leider nicht. 
(42:02) (6) Claus Wittwer 


DEATH BREATH 
Letlt Stink MCD/10“ 

blacklodge.se/Rough Trade | Das Schöne an Nebenpro¬ 
jekten ist, dass sie meist ohne jegliches kommerzielles Kal¬ 
kül durchgezogen werden können. Die Hauptband sorgt 
für das Mittagessen und 
den Spaß holt man sich 




beim Nebending. Nicht 
nur deswegen kann man 
HELLACOPTERS-Kopf 
Nicke Andersson nicht 
vorwerfen, mit DEATH 
BREATH auf die schnel¬ 
le Kohle aus zu sein. 
Denn, mal ehrlich, wer 
außer ein paar Ewigges¬ 
trigen wie mir ist schon 
an purem Oldschool- 
Death Metal interessiert, 
der sich musikalisch als auch soundtechnisch an den frü¬ 
hen Werken von DEATH, MASSACRE, POSSESSED, REPUL¬ 
SION, AUTOPSY oder eben ENTOMBED orientiert (Wer es 
nicht weiß: Andersson war bis Mitte der Neunziger Schlag¬ 
zeuger bei ENTOMBED)? In Zeiten von allgegenwärtiger 
Überproduktion und dem Haufen Metalcore-Kaspern, die 
sich erlauben, mich mit ihrer Auffassung von Death Metal 
zu belästigen, tut es verdammt gut, Death Metal wieder so 
zu hören, wie er zu seiner besten Zeit geklungen hat. Mit 
der EP „Let It Stink“, die neben vier neuen, eigenen Songs 
drei Cover von BATHORY, G.B.H und DISCHARGE enthält, 
rücken DEATH BREATH dann auch kein bisschen von der 
Formel ab, die ihr letztes Jahr erschienenes Album „Stin- 



ABUELA COCA 


07.06.07 D REGENSBURG / Alte Mälzerei 
08.06.07 D DORNSTADT/Woodstock Open Air 
09.06.07 CH BASEL / Imagine Festival 
10.06.07 CH THUN / Cafe Bar Mokka 
11.06.07 D FREIBURG/Jazzhaus 
12.06.07 D MARBURG/Trauma im G-Werk 
13.06.07 D WERMELSKIRCHEN / AJZ Bahndamm 
14.06.07 D SIEGEN-WEIDENAU/Vortex 
15.06.07 D STUTTGART/ Landespavillon 
16.06.07 D HALLE/Objekt 5 
18.06.07 D HANNOVER/Bei Chez Heinz 
19.06.07 D BIELEFELD / JZ Kamp 
20.06.07 D HAMBURG / Hafenklang im Exil 
21.06.07 D BERLIN /Zion CityStage® 

Fete de la Musique 

22.06.07 0 MANNHEIM / Das Ding Open Air 
23.06.07 0 HAGEN / KuZ-Pelmke 
25.06.07 B BRUSSELS/Magasin 4 
27.06.07 D FRANKFURT/Nachtleben 
28.06.07 D ALFELD/JuZ Treff 
29.06.07 D BRAUNSCHWEIG/Drachenflug 
30.06.07 D ANNABERG-BUCHHOLZ/ Alte Brauen 
04.07.07 0 ERFURT / SZ Engelsburg e.V. 

05.07.07 SL0 LETISK0 Piestany / Hodokvas 
06.07.07 A WIEN/Arena 
07.07.07 A AFLENZ / Green Valley Festival 


10.07.07 D ERLANGEN/E-Werk 
11.07.07 D BREMEN / FLUT-Festival @ 

Licht & Luftbad 
12.07.07 D KIEL/Halle 400 
14.07.07 D HAMBURG / Elbinselfestival 
17.07.07 D KÖLN/Sonic Ballroom 
19.07.07 D KASSEL/Barracuda Bar 
20.07.07 D LINDAU/Club Vaudeville 
23.07.07 D REUTLINGEN/Cafe Nepomuk 
24.07.07 CH LUZERN / Blue Balls Festival 
26.07.07 D MÜNCHEN / Feierwerk 
27.07.07 D KONSTANZ/Kulturladen 
28.07.07 CH APPENZELL / Postplatz Open Air 
www.abuetacoca.net 


SHE-MALE TROUBLE 


präsentiert von (E2 


3 | 


21.06.07 D BERUN-FRIEDRICHSHAIN/Cassiopeia Ckib 
08.07.07 D RATHENOW/Havellaut Festival 
20.07.07 D GLAUBITZ/BacktoTheFuture 
24.08.07 D HORB AM NECKAR/Mini Rock Festival 
25.08.07 D MEIDELSTETTEN / Kickfeschd 
31.08.07 D MAGDEBURG/Sackfabrik 
01.09.07 D HÖHR-GRENZHAUSEN/Spackfestival 
in Kooperation mit XNO - info@xno.net 
www.she-matetrouble.com 


LAVELAPUERCA 

12.06.07 D FRANKFURT / Batschkapp 
13.06.07 0 DÜSSELDORF/ZAKK 
14.06.07 0 BOCHUM / Bahnhof Langendreer 
15.06.07 0 KÖLN /Underground 
16.06.07 CH INTERLAKEN / Greenfield Festival 
18.06.07 D BERLIN / S036 
19.06.07 D GÖTTINGEN / Musa 
20.06.07 D LEIPZIG / Conne Island 
21.06.07 0 ERLANGEN/E-Werk 
22.06.07 D MÜNCHEN /Muffathalle 
23.06.07 D NEUHAUSEN OB ECK /Southside Festival 
24.06.07 0 SCHEESSEL/Hurricane Festival 
www. velapuerca.com 


PALE 


28.06.07 0 MUNSTER /Skaters Palace 
2906.07 0 WÜRSELEN BEI AACHEN / 

Burg Wilhelmstein 
06.07.07 0 LINGEN/Abifest 
07.07.07 D BONN / Rheinkultur 
www.pale-band.de 


WWWROCXYBEACHCLUB.COM 


USE TO ABUSE 

28.07.07 D MÖSSINGEN/24. Umsonst & 
Draussen Festival, Mössingen 
in Kooperation mit www.xno.net 
www. usetoabuse. com 


DIAMONO DOGS 

28,07.07 0 JOHANNESBERG/Mühlbergfest 

www.diamondddogs.info 


BANDA BASS0TTI 

04.08.07 B ABBAYE DE FLOREFFE / Esperanzah 

www. bandabassotti. org 


DELINQUENT HABITS 

17.06.07 D HAMBURG/Logo 
19.06.07 D HANNOVER/Faust 
20.06.07 D WEINHEIM / Cafe Central 
21.06.07 D BOCHUM/Bochum Total 
www.delinguenthabits. net 



More 

www.rockybeachclub.com 

info@rockybeachclub.com 


OX-FANZINE 66 























REVIEWS 


Icin g Up The Night“ zu so einer grandiosen Platte gemacht 
hat: Mittelschneller, rauher und simpler Death Metal, bru¬ 
taler Gesang, tiefe Growls sowie Sinn für Humor. Letzte¬ 
rer zeigt sich auch bei dem auf der CD enthaltenen Zom¬ 
bie-Kurzfilm „Death Breath“, der eine gut gemachte Hom¬ 
mage an den Beginn des Genreklassikers „Night OfThe Li- 
ving Dead“ ist, sowie an dem Coverartwork, das ganz dreist 
das Cover des BEATLES-Albums „Let It Be“ kopiert, hier 
aber den Zombie aus dem Kurzfilm abbildet. (9) 

Andre Bohnensack 


DIMI DERO INC 

Sisyphus, Window Cleaning CD 

offthehip.com.au | Erstaunlicherweise gibt es seit den spä¬ 
ten Siebzigern recht enge Kontakte zwischen australischen 
M usik ern und der Pariser Rock-Szene, und so war einst 
New Rose ein wichtiges Label für viele Bands von Down 
Under. Heutzutage ist es auch mal andersherum, da be¬ 
kommt eine französische Band die Gelegenheit in Austra¬ 
lien zu releasen, so etwa DIMI DERO INC aus Paris, deren 
wunderbar betiteltes drittes Album von Off The Hip aus 
Melbourne veröffentlicht wurde - eine Oz-Tour mit den 
DRONES liegt gerade hinter ihnen. Und wenn wir schon 
beim Namedropping sind: AshWednesday (unter anderem 
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und SACRED COWBOYS) 
bediente das Fender Rhodes-Piano und andere Tastenin¬ 
strumente, Bandboss Dimi Dero spielte schon mit Nikki 
Sudden und Penny Ilkinger und BassistVinz kennt man von 
THE HOLY CURSE. Die Musik? Kaum verwunderlich, dass 
DDI so klingen, als seien sie in einem Vorort von Melbour¬ 
ne ansässig und Stammgäste in den einschlägigen Rock- 
Pubs. Komplexer, rhythmischer Post-Punk-Rock, den BE- 
ASTS OF BOURBON auf der Spur, Mahlstrom-Rock’n’Roll 
mit hypnotischer Wirktmg, BIRTHDAY PARTY und RADIO 
BIRDMAN, den Detroit-Rocksound verehrend - und dabei 
so klingend, als handele es sich tun verschollene Aufnah¬ 
men von Mitte der Achtziger. Well done, bleibt da nur noch 
hinzuzufugen, nebst der Frage, warum es eigendich kei¬ 
nerlei Bands dieser Machart aus Deutschland gibt. (40:30) 
(8) Joachim Hiller 

DARTZ! 

ThislsMyShip CD 

xtramilerecordings.com/PIAS | Für die unsägliche Wahl 
der Schreibweise des Namens wollte ich eigendich Punk¬ 
te abziehen, allein, da stand die Musik vor. Aber zurück 
zum Anfang: Aus einer Spaßband eine ernsthafte zu ma¬ 
chen, ein paar Konzerte zum Warmmachen zu spielen und 
so schnell wie möglich eine Platte zu machen - das hört 
sich nach einem guten Plan an, und in diesem Falle hat er 
funktioniert. „This Is My Ship" ist das Debüt des Dreiers, 
und es trifft perfekt in eine Lücke, die von den geschnie¬ 
gelten britischen Rockstars übersehen wurde. DARTZ! ver- 
wursten stilistische Anleihen von Bands wie BLOC PAR¬ 
TY oder FRANZ FERDINAND zu ihrer ganz eigenen Ver¬ 
sion von New Wave. Glücklicherweise hat sich die Band in 
ihren zwölf Songs genügend Macken bewahrt. Die Gitar¬ 
ren zum Beispiel sind eindeutig vom Math-Rock beein¬ 
flusst und ff ickeln stellenweise die irrsten Riffs - in diesem 
Zusammenhang bisher noch nicht verwendet. Bassist Wil¬ 
liam Anderson und Gitarrist Philip Maughan singen dazu 
in breitestem britischen Akzent, was der Musik auf eine 
charmante Weise zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht. 
Dieses Debüt ist tanzbar und macht verdammt gute Laune, 
somit ist es ein ganz formidables Debüt. Wollen wir hoffen, 
dass diese Band nicht in die Klauen der gefürchteten briti¬ 
schen Hype-Maschinerie gerät und sich glatt bügeln lässt. 
(44:55) (9) Christian Meiners 

DECREW 

Dynamics Of Human Behaviour CD 

Dambuster/Cargo | DECREW aus Italien spielten be¬ 
reits 1989 ihr Debüt ein und damit gehören sie mit zu den 
dienstältesten Hardcore-Bands. Ihr Credo für eine lange 
Existenz scheint entspanntes Arbeiten zu sein, denn „Dy¬ 
namics Of Human Behaviour“ ist erst ihr viertes Album. Da 
Masse allerdings nicht immer Klasse bedeutet, wollen wir 
ihnen mal nicht ins Arbeitstempo reinreden, denn ihr ak¬ 
tuelles Album bestätigt den Fünfer in seiner Arbeitsweise. 
Stilistisch könnte man DECREW im Screamo-Bereich si¬ 
tuieren, wobei Gruppen wie DEFTONES, JANE’S ADDIC- 
TION und SYSTEM OF A DOWN auch Spuren hinterlassen 
haben. Insgesamt überzeugen die zehn Tracks durch ihre 
Eigenwilligkeit und die Kombination aus Geschrei und 
sehr charismatischem Gesang. Hierbei verfolgt man nicht 
das übliche Zuckerbrot-und-Peitsche-Schema, sondern 
beweist Gespür fürs Songwriting. (37:04) (6) 

Thomas Eberhardt 


DEATH OF A PARTY 

The Rise And Fall Of Scarlet City CD 

doublenegativerecords.com | Ihre Debüt-EP „The Shame 
OfThe Sweet“ von 2005 war auch der erste Release ihres 
Labels, und zwei Jahre und vier Katalognummern später ist 
nun der erste Longplayer der Band aus Oakland erschie¬ 
nen, die in der Zwischenzeit damit beschäftigt war, den 
Verdacht zu entkräften, nur ein weiteres Füllsel zwischen 
BLOC PARTY undTHE RAPTURE.THE FAINT undTHEVA- 
NISHING zu sein. Nun, der Dancepunk-Zug ist abgefahren 
und um die Ecke verschwunden, so dass eine Band wie THE 
DEATH OF A PARTY ihren durchaus eigenwilligen Indie- 
rock-Sound ungestört ausbreiten kann. Mich erinnert der 
spröde Sound an eine Mischung aus dem wavigen Sound 
der frühen CHRISTIAN DEATH, flirrendem Post-Hardcore 
ä la SUPERSYSTEM und MILEMARKER, gemischt mit den 
immer wieder gern genommenen wegweisenden Sounds 
und Rhythmen von GANG OF FOUR. Der Soundtrack zu 
Aufstieg und Fall der fiktiven Stadt zwischen San Fran¬ 
cisco, Oakland und San Diego gefällt jedenfalls durch sei¬ 
ne Kantigkeit, die spitzen Gitarrenklänge, den hektischen 
Sprechgesang, und wen meine Vergleiche nicht abschre- 
cken konnten, sollte durchaus denVersuch wagen. (41:32) 
(7) Joachim Hiller 

DOLLHOUSE 

The Royal Rendezvous CD 

offthehip.com.au | Eigentlich wäre der Titel des zweiten 
Albums der Schweden DOLLHOUSE noch passender „The 
Royale Rendezvous“ gewesen, zeichnet doch Nicke „Hella - 
copter“ Royale für die Produktion des Longplayers verant¬ 
wortlich, für dessen Veröffentlichung beschämenderwei¬ 
se in Europa kein Label zu finden war - erschienen ist er 
nun auf dem am anderen Ende der Welt, in Melbourne an¬ 
sässigen OffThe Hip-Label. Andererseits ist das für DOLL¬ 
HOUSE auch keine neue Situation, deim schon ihr Debüt 
„The Rock And Soul Circus“ von 2004 erschien auf einem 
anderen Kontinent, in diesem Fall auf Dim Mak aus Los An¬ 
geles. Dort hatten DOLLHOUSE selbiges auch aufgenom¬ 
men, produziert von Michael Davis von MC5, der sich dazu 
nach dem Hören der ersten Single hatte hinreißen lassen, 
angeblich mit den Worten, dass so MC immer hätten klin¬ 
gen wollen. Beeindruckende Worte aus berufenem Mun¬ 
de also, gemeinsame Auftritte mit MC5 folgten, und jetzt 
ist der Nachfolger am Start, ein ebenfalls wieder sehr sou- 
liges Album, das mich immer wieder an die BELLRAYS und 
auch die DIRTBOMBS erinnert, also verdammt schwarz 
klingt für ein paar bleiche Burschen von knapp unter¬ 
halb des Polarkreises. Und Nicke wiederum hat ja schon 
mit THE SOLUTION bewiesen, dass er seine Hausaufgaben 
in Sachen soulfuller Rock-Sounds gemacht hat. Dass mei¬ 


ne Begeisterung unter dem Strich dann doch nicht so groß 
ist wie für dfe BELLRAYS, ist allein dem Umstand geschul¬ 
det, dass mir hier einfach etwas Wumms fehlt, der nöti¬ 
ge Schuss Besessenheit - auf dem MC5 -Coverband-Festival 
sollte es dennoch für einen 1. Platz reichen. (33:24) (7) 

Joachim Hiller 

DIE YOUNG TX 
Graven Images CD 

alveranrecords.com | Seit vier Jahren verbreitet die texa- 
nische Hardcore-Truppe DIE YOUNG TX nun schon ihre 
Vorstellung von modernem politischem Hardcore. Nach 
wie vor eifert man den großen Vorbildern wie INTEGRI- 
TY, EARTH CRISIS (zu „All Out War“-Zeiten) oder TRIAL 
hin terher, wobei von Letztgenannten vor allem das idea¬ 
listische politische Bewusstsein abgefärbt haben dürfte. So 
sprechen Songs wie „Fuck the imperialists“ oder „To forget 
civilization“ eine eindeutige Sprache. DIE YOUNG TX ver¬ 
stehen ihr Handwerk und verbinden auf „Graven Images“ 
wütende Religions- und Gesellschaftskritik mit brachialen 
Mosh-Attacken. Wenn die Texaner aber in schier endloser 
Wiederholung „We will carry on“ im Chor anstimmen, 
frage ich mich, ob bei sovielTough-Guy-Pathos überhaupt 
noch ein paar Hirnzellen übrig bleiben, um sich mit Ge¬ 
sellschaftskritik auseinanderzusetzen. Aber das ist eine an¬ 
dere Frage. Menschen, die das letzte TERROR-Albrnn schon 
auswendig können und auch sonst auf jeder BLACKLIS- 
TED-Show zu finden sind, möchte ich „Graven Images“ 
aber auf jeden Fall empfehlen. (25:41) (6) 

Robert Buchmann 


DETROIT COBRAS 
Tied & True CD 

bloodshotrecords.com | Eigentlich kann man die Platten 
der DETROIT COBRAS auch unter Reissues listen, denn die 
Neuinterpretation alter Soul-Perlen ist zwar eine dankba¬ 
re Aufgabe, aber mitun¬ 
ter doch nur Politur von 
großartigen Songs, die 
von anderen Musikern 
vor einem halben Jahr¬ 
hundert und mehr ge¬ 
schrieben wurden. Dafür 
ist die Umsetzung durch 
die Cobras mehr als die 
Summe der einzelnen 
Teile, zu dem auch ein 
gutes Händchen bei der 
Auswahl des alten Ma¬ 
terials gehört. „Tied & 
True“ ist insgesamt weniger schwülstig, weniger lasziv und 
sexy als „Mink Rabbit“, aber es sind exquisite Songs auf die¬ 
ser Platte, von denen man zumindest „Nothing but a hear- 
tache“ schon in einer übergenialen Version von der NOW 
TIME DELEGATION plus Lisa Kekaula (BELLRAYS) gehört 
hat. Auch wenn das Label vermerkt, dass die Band mit die¬ 
ser Platte ein neues Genre für sich erschlossen haben soll, 
sind die Unterschiede zu den Vorgängern nicht so groß, als 
dass man das so stehen lassen könnte, denn das Genre be¬ 
legen sie schon seit dem ersten Tonträger. Drei echte Ohr¬ 
würmer, eine Handvoll sehr guter Songs und ein paar Fül¬ 
ler sind dabei, aber das ist mehr, als man auf 99 Prozent 
aller Platten bekommt. Soul-Ptrnk-Klassiker in moderner 
Form: DETROIT COBRAS! (8) kalle stille 

DEAD UNITED 
3D Audio Horror CD 

deadunited.com | Es wundert mich, dass DEAD UNI¬ 
TED ihre Scheibe (kommt mit 3D-Brille) selbst rausbrin¬ 
gen müssen, denn die neun Songs würden sich zum Bei¬ 
spiel auch prima im Programm von Fiendforce machen. 
Sei es, wie es sei, wo im Booklet anstatt „Backing-Vöcals“ 
nur „Uohuohuoh“ steht ist die Marschrichtung natürlich 
klar: Horrorpunk galore! Und den präsentiert das Quar¬ 
tett aus Würzburg trotz aller Klischees auf Konserve ziem¬ 
lich gekonnt. Vielversprechend sind aber auch die Live-Fo- 
tos, bei denen ich mir wünsche, der bandeigenen Kettensä¬ 
ge würde eine wichtigere musikalische Rolle eingeräumt, 
hehe. Genrefans sollten bei DEAD UNITED ruhig mal ein 
Ohr riskieren. (18:18) (7) Bernd Fischer 

DEATH BEFORE DISHONOR 
Count Me In CD 

bridge9.com | Neue CD, gleiches Schema, Review Ende. 
Obwohl ... also: DEATH BEFORE DISHONOR sind im¬ 
mer noch eine der sympathischeren „Tough guy“-Bands, 
und brettern um einiges mehr nach vorne, als die durch¬ 
schnittlichen Vertreter dieses Genres, was sie mir durchaus 
sympathisch macht. Wer das bisherige Schaffen der Band 
kennt, braucht hier nichts wirklich Neues zu erwarten, 
geht gut ins Ohr und fertig. Lediglich das COCK SPARRER- 
Cover hätten sie sich echt sparen können, nachdem schon 
Roger Miret „New York belongs to me“ gesungen hat, war 
es ja nur eine Frag der Zeit, bis eine Band eben mit „Boston 
belongs to me“ singt, da hilft auch die Unterstützung von 
BLOOD FOR BLOOD-Leuten nicht.(28:02) (6) 

Fabian Dünkelmann 



DIMITRIJ 

Words-Objects CD 

Noise Appeal | Das Post-Hardcore-Kollektiv DIMTRIJ hat 
es geschafft. Fünf junge, talentierte Österreicher legen mit 
„Words-Objects“ ein Album vor, das Erwartungen über¬ 
trifft. Zehn Songs voller Emotionen, Leidenschaft und Wut 
erinnern an die großen Tage des echten Screamo in den 
90ern, bevor dieses Genre durch die Musik sinnentleerter 
und massentauglicher Eyeliner-Bands ausgebeutet wurde. 
Zehn Songs zwischen den späten ATTHE DRIVE-IN, DRIVE 
LIKE JEHU, PORTRAITS OF PAST und EAVES sind Balsam 
für die Seelen all jener, deren Herz noch immer im für Au¬ 
ßenstehende oft schwer durchschaubaren Rhythmus die¬ 
ses Genres schlägt. Eines Genres, dessen Wurzeln im Hard¬ 
core liegen. Großartige Tempoänderungen und der abrupte 
Wechsel zwischen chaotischen Schrei-Attacken und emo¬ 
tional gesungenen beziehungsweise gesprochen Parts, la¬ 
den dazu ein, in der Musik von „Words-Objects“ zu ver¬ 
sinken. Nur um danach wieder gestärkt aufzutauchen. DI¬ 
MITRIJ gelingt es, komplexe und doch melodische Sound¬ 
flächen entstehen zu lassen, die der perfekte Soundtrack 
sowohl für melancholisches Gedankennachhängen als 
auch für befreiende und ventilartige Wutausbrüche sind. 
DIMITRIJ erinnern mich an die vielen Tage, an denen die 
SWING KIDS-7“, aber auch die Werke von THE SADDEST 
LANDSCAPE, YAGE und TRAINWRECK meinen Platten¬ 
spieler nicht verlassen haben. (28:30) (8) 

Robert Buchmann 


DEERHUNTER 
Fluorescent Grey MCD 

kranky.net/Cargo | Als vor ein paar Monaten das neue Al¬ 
bum der mit Zutaten aus Psychedelic, Ambient und Noise- 
pop arbeitenden DEERHUNTER aus Atlanta erschien, hat¬ 
ten die schon den nächsten Release in der Pipeline. Denn 
während sie „Cryptograms“ abmischten, hatten sie mal 
eben vier neue Songs aufgenommen, die ebenfalls durch 
ihre plüschig-weirde Art gefallen und durch das kaleidos¬ 
kophaft bunte Video zu „Strange lights“ vom letzten Album 
ergänzt werden. Fans von MERCURY REV und SPIRITUA- 
LIZED sind erneut zur Entdeckung dieser Jagdgesellschaft 
aufgerufen. (16:15) (7) Joachim Hiller 


WELCOME TO THE BEAR FAMILY 

Es ist mal wieder an der Zeit, die alte Lederjacke aus dem Schrank zu holen und den Rock’n’Roll-Motor anzukurbeln. Auf 
„Ricky Rocks“ (BCD16856) präsentiert sich das einstige Teenageridol Ricky Nelson in absoluter Höchstform. Keine Bal¬ 
laden, nur Songs mit richtig Feuer unterm Arsch! Kein „Lieber Schwiegersohn“-Geschmachte, nur Vollgas! Diese Bear- 
Family-Serie hält wirklich, was sie verspricht. Zwar gehört der amerikanische TV-Star nicht zur absoluten Oberliga der 
Rock’n’Roll-Götter, dazu ist seine Stimme einfach zu sanft und verfügt nicht über das gewisse, verruchte und undefinierba¬ 
re „Etwas“, aber es zeigt, dass er wirklich rocken konnte und auch immer mit ganzem Herzen dabei war. Respekt, ich hätte 
jetzt nicht ein so furioses und erfrischendes Album erwartet! (8) 

Was ich genau damit meine, werdet ihr verstehen, wenn ihr wie ich nach Ricky Nelson „Southern Swagger“ (BCD 16865) 
von Jerry Lee Lewis im direkten Hörvergleich laufen lasst! Das ist einfach eine ganz andere Klasse. Das ist dann richtig ge¬ 
fährlich! Das ist angeboren! Der „Killer" hat also allen Grund arrogant zu sein, er ist eben der Größte und auf dieser Zusam¬ 
menstellung gibt er eine Vorstellung nach der anderen. Wo andere aufhören, fängt er an, wo andere rot werden setzt er noch 
einen drauf, nur um im nächsten Song sich selber zu übertreffen. Keine Anspielung ist ihm peinlich genug, keine Zweideu¬ 
tigkeit wird ausgelassen und alles in seinem Universum dreht sich um das eine Thema: Frauen ... Die Aufnahmen stammen 
meistens aus der legendären Sun-Phase, aber auch die späteren Country-Tracks sind nicht ohne. Außerdem gibt es einige 
neue Mixe, alternative Versionen und noch unterhaltsamer: Studiogespräche an der Grenze des Erlaubten. (9) 

„Shit Happens“ (BCD 16633) ist eine weitere phantastische Themencompilation aus dem Hause Bear Family und be¬ 
stimmt zu später Stunde in geselliger Runde konzipiert worden. Es geht hier um die schlimmsten Dinge, die einem im Le¬ 
ben so zustoßen können, voller grenzenlosen Selbstmitleids und mit ganz weit geöffneter Tränendrüse. Die mehr oder we¬ 
niger bekannten und beliebten Countrysänger übertreffen sich dabei gegenseitig. Soviel Unheil auf einer CD zeigt einem 
selbst erstmal, wie gut es einem doch an sich geht. Das Booklet mit allenTexten zum gnadenlosen Mitweinen wurde passend 
von Reinhard Kleist illustriert, den einige noch von seinem „Cash -1 See Darkness“ -Comic kennen dürften. (7) 

Carsten Vollmer bear-family.de 


DALLAX 
Core-Color CD 

porkpieska.com | Etwas, das vielen japanischen Ska- und 
Ska-Punk-Bands gemein zu sein scheint, ist ein Hang zum 
Perfektionismus, für den gerade DALLAX ein Paradebei¬ 
spiel abgeben. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sie sich 
ein wenig zu sehr darin verlieren, allen Ansprüchen, die 
man an eine Ska-Punk-Band stellen könnte, gerecht zu 
werden und darüber ein wenig an eigener Note vermis¬ 
sen lassen. Damit verbietet sich auch der - vom Gesang her 
vielleicht nahe liegende - Vergleich mit den experimen¬ 
tierfreudigen MIGHTY MIGHTY BOSSTONES; eher müss¬ 
te man etwas Generischeres heranziehen, wie etwa ihre 
Landsmänner von KEMURI, oder die frühen LESS THAN 
JAKE. Stören dürfte dieser kleine Mangel an Individualität 
allerdings allein auf Platte, während ich mir DALLAX live 
sehr unterhaltsam vorstelle, zumal sie auch erfreulich vie¬ 
le und schöne, ruhigere Tanznummern im Repertoire ha¬ 
ben. Ein guter Grund, sich dann eben doch dieses Album zu 
kaufen, ist der große Bonusteil mit den besten der älteren 
DALLAX - Songs. Ferdinand Praxi 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

DESTRUCTO SWARMBOTS 
Clear Light CD 

Public Guilt | Live auch schon mal mit mehr als fünf Leu¬ 
ten auf der Bühne, ist DESTRUCTO SWARMBOTS auf Plat¬ 
te eher eine One-Man-Show. Mike Mare heißt der New 
Yorker Künstler, der sich 
hinter dem futuristi- 
schenm Namen verbirgt. 
Dies ist quasi sein erster, 
offizieller Longplayer, der 
sich wunderbar in das 
düstere Drone-Imperi- 
um von Künstlern wie 
GROWING, KTL oder 
Oren Ambarchi einreiht. 
Ein schwer wabernder 
Klangteppich, deren in¬ 
strumentaler Ursprung 
kaum mehr auszuma¬ 
chen ist, ein finsterer, gleichsam fesselnder und beklem¬ 
mender Endzeit-Soundtrack, der jede Menge Faszination 
versprüht. Die Liste der Mitwirkenden und Begleiter von 
DESTRUCTO SWARMBOTS liest sich dabei wie ein Who- 
is-Who des aktuellen Experimentalmusik-Kosmos — ange¬ 
fangen bei Oktopus (DALEK), der die Scheibe abmischte, 
über James Plotkin (KHANATE/KHLYST), der das Maste - 
ring übernahm, bis hin zu DÄLEK, FAUST, MGR, ZU, ISIS 
und GUAPO, mit denen Mike Mare und Co. oft live unter¬ 
wegs sind beziehungsweise für die er schon Remixe anfer¬ 
tigte. Ein durchaus viel versprechendes Werk, nach dessen 
Genuss man gespannt sein darf auf mehr. (54:49) (9) 

Frank Nice 



DRAGONS 

Here Are The Roses CD 

ohxnrecordings.com/Cargo | Ich bin hin- und her geris¬ 
sen in meinem Urteil über dieses Debütalbum eines Duos 
aus Bristol: Ja, die Düsterkeit gefällt mir, das ist der glei¬ 
che dunkle Wave-Pop/Rock-Einfluss, der auch EDITORS 
und Co. antreibt, doch dann ist da statt drohender Gitar¬ 
ren eindeutig zu viel Elektronik im Spiel, es bleept und 
zirpt allenthalben, und die Produktion ist radiopoppig 
glatt. Und wo der Opener „Here are the roses“ und das fol¬ 
gende „Condition“ noch ganz gut gefallen, verdirbt mir das 
sich billigst an DEPECHE MODE ranschmeißende „Treasu- 
re“ das Vergnügen. Von Kreativität ist hier nichts zu spüren, 
vom Aufkochen sattsam bekannter Achtziger-Synthiepop- 
Suppe dafür umso mehr. Grenzwertig. (43:02) (4) 

Joachim Hiller 


DRUGSTOP 
RiotlnThe Jailhouse CD 

ptrashrecords.com/drugcontrol.info | Erstmal schön 
für DRUGSTOP, das Fritte sich tun das Artwork geküm¬ 
mert hat! Um zu überzeugen, sollte natürlich nicht nur 
das Cover stimmen. Und so erfreut es, dass die Niedersa¬ 
chen hier ohne Rücksicht aufVerluste 16 Hardcore-Punk- 
Nummern runterrotzen, die alle gleich asi klingen und 
rncht anders hätten sein dürfen! DWARVES, ANTISEEN und 
POISON IDEA lassen grüßen, intensiv und nihilistisch fu- 
cken DRUGSTOP hier den Shit up! Wer was mit oben ge¬ 
nannten Artverwandten anfangen kann, braucht „Riot In 
The Jailhouse“! (29:13) (8) MarioTuriaux 

DOWN BEAT 5 

Smoke And Mirrors - Live CD 

steelcagerecords.com | Nach zwei Studioalben dachten 
die DOWNBEAT 5, dass es nun an der Zeit sei, auch mal 
zu zeigen, was man auf der Bühne rüberbringen kann. Zu 
diesem Zwecke nisteten sie sich paradoxerweise' erneut im 
Studio ein, luden eine Hand voll Fans und Freunde ein und 
bretterten vor diesen durch ein furioses Set. Und dazu lief 
dann die Bandmaschine mit. Das ist natürlich schon et¬ 
was geschummelt, ein richtiges Live-Album sollte natür¬ 
lich auch die Atmosphäre eines verschwitzten, rauchigen 
Clubs rüberbringen, und nicht quasi unter Laborbedin¬ 
gungen ein Experiment nachstellen. Egal, bei den DOWN¬ 
BEAT 5 ist das Experiment jedenfalls gelungen. Die Bosto- 
ner Hau-Drauf-Garage-Rock-Combo um das DMZ Grün¬ 
dungsmitglied JJ Rassler an der Leadgitarre prescht mit viel 
Schwung und Verve durch ein schmissiges Set, das - anders 
als die bisherigen Studioveröffentlichungen - auch einige 
stilsicher ausgewählte Coversongs enthält („Come on now“ 
von den KINKS, Sam Cookes „Shake“ den YARDBIRDS- 
Song „Rackin’ my mind“ oder „Foggy notion“ von VELVET 
UNDERGROUND). Alles ist schnörkellos und rauhbeinig 
vorgetragen, einzig die überbetont rotzige, auf „Rockröh¬ 
re“ getrimmte Stimme von Sängerin Jen D’Angora kann 
ich irgendwie rncht ertragen. Leider versaut sie damit ein 


eigentlich recht nettes Album einer vermutlich auch rich¬ 
tig netten Band. Aber das ist mm mal meine Einschätzung, 
völlig subfektiv, und sollte natürlich nicht vom Kauf der CD 
abhalten. (7) Gereon Helmer 

DESPISED ICON 

The llls Of Modern Man CD 

Century Media | Manchmal frage ich mich, wie die mo¬ 
dernen Bands es immer wieder schaffen, noch schneller 
und te chnis ch präziser zu werden als ihre Vorbilder. Bestes 
Beispiel dafür sind DESPISED ICON aus dem kanadischen 
Montreal mit ihrem Mix aus derbem Death Metal der Mar¬ 
ke CRYPTOPSY und technischem Mathcore im Stile von 
DILLINGER ESCPAPE PLAN. Hier wechseln sich extreme 
Blastbeats und Breakdowns ab, die zwei Sänger grölen und 
schreien, was die Lungenkapazität hergibt, und die vier In- 
strumentalisten überraschen mit rhythmischer Präzision 
und melodiösen Leads. Die Band existiert seit 2002 und hat 
im selben Jahr auch ihr Debüt herausgebracht, seit ihrem 
zweiten Album „The Healing Process“ sind sie bei Centu¬ 
ry Media gut aufgehoben. Abgemischt wurde die aktuel¬ 
le Scheibe von Andy Sneap (MEGADETH, OPETH), der die 
zehn Songs fett und sauber in Szene gesetzt hat. Der einzige 
Nachteil dieses Albums ist sein Hang zum modernen Me- 
talcore. Buh! (39:5 3) (7) Arndt Aldenhoven 

DESTINATION FAILURE 
Estimated Time Of Arrival CD 

destination-failure.de | Die sechs Münchner haben sehr 
viel bei amerikanischen Bands wie LESS THAN JAKE, den 
VOODOO GLOW SKULLS und frühen CATCH 22 abge¬ 
schaut und vermengen all diese Einflüsse zu einem durch¬ 
aus netten, sommerlichen Ska-Punkrock-Sound. Hier hört 
man zwar wenig Neues. Die Gradlingikeit, die Energie und 
die Spielfreude, die DESTINATION FAILURE in den 13 
Songs an den Tag lergen, machen aber großen Spaß. Da sind 
keine penetrant -trötenden Trompeten. Vielmehr vereint 
sich die Bläsersektion gelungen mit energischen Gitar¬ 
renparts und hektischem Gesang. Sie unterstützt die pun- 
kigen Gitarrenlinien und trägt zur sympathischen Hektik 
des Sounds bei. Grob gesagt, verschwimmt hier das Melo¬ 
die- und das Hookline-Gefühl von LESS THAN JAKE mit 
der Aufgewühltheit der VOODOO GLOW SKULLS. Im De¬ 
tail gibt es aber auch hier viele nette Aspekte zu entdecken, 
die einem die Münchner nur noch mehr ans Herz legen. 
Ein weiteres dieser hoffnungsvollen Sommeralben. (46:15) 

(7) Lauri Wessel 

DADDY GILJOTEEN 

Once They Called Me A Prodigy CD 

nordic-notes.de/Broken Silence | 2002 fanden sich drei 
Herren in Helsinki zusammen, um gemeinsam Rock’n'Roll 
zu spielen und das Ergebnis auf „Once They Called Me A 
Prodigy“ ist wirklich beeindruckend. Ganz egal ob Ga¬ 
ragentrash, Wüstenrock, Rock’n’Roll oder Rockabilly, es 
kommt alles sehr virtuos und professionell rüber. DAD¬ 
DY GILJTEEN nennen ihre Musik Actionblues und so ganz 
Unrecht haben sie damit nicht. Neben Blues und Country- 
Einflüssen gibt es auch eine sehr schöne Ballade, haupt¬ 
sächlich wird hier aber das Gaspedal betätigt. Unter dem 
Strich klingen die 10 Songs wie eine Mischung aus NAKED 
PREY und Brian Setzer. Ich kann mir nicht helfen, viel¬ 
leicht liegt es ja am Gesang, aber mich erinnern die Stücke 
stark an das großartige Brian Setzer-Album „’68 Comeback 
Special Igiütion!“ aus dem Jahr 2001. Nur leider ist „Once 
They Called Me A Prodigy“ etwas zu kurz geraten. (36:14) 

(8) Kay Wedel 

DISTANCE IN EMBRACE 
Utopie Versus Archetype CD 

horrorbiz.de | Sie haben sich ein ganzes Stück weit entwi¬ 
ckelt, ihren melodisch-metallischen Hardcore verfeinert, 
durch etliche Shows ein beachtliches Mehr an Erfahrung 
gesammelt und veröffentlichen nun ihren zweiten Long¬ 
player. DISTANCE IN EMBRACE aus Minden könnten 
das darf man nach dem Hören von „Utopia Versus Arche- 
type“ wohl sagen - zu einer größeren Band in der deut¬ 
schen Hardcore-Szene werden. Denn auf sympathisch- 
eindrucksvolle Weise fusioniert die Band hier metallische 
Sounds mit treibendem Hardcore ä la GRADE. Sie baut 
Melodiebögen auf und kontrastiert selbige sogleich mit 
markanten, Metalcore-orientierten Passagen. Dann wech¬ 
selt sie die Tempi, streut geschickte Breaks ein und ver¬ 
sucht sich so immer wieder musikalisch zu emanzipie¬ 
ren, auch wenn sich hier Parallelen zu allerlei modernen 
Bands wie FROM FIRSTTO LAST, FROM AUTUMNTO AS- 
HES oder durchaus auch MY CHEMICAL ROMANCE zie¬ 
hen lassen. Die ureigene Rauheit des Sounds der Mindener 
und die hinterntretende Produktion machen dieses Album 
aber sympathisch und lassen es gerade rncht wie eine Kopie 
erscheinen. Trotz der etwas befremdlichen Jazzparts, die in 
einigen Songs einen Radikalkontrast zu allen genannten 
Einflüssen sind, ist DISTANCE IN EMBRACE das zweite Al¬ 
bum geglückt. (41:00) (8) Lauri Wessel 

DIEGO 

s/t CD 

Rookie/Cargo | Auf diesem kleinen Album hört man 
herbstlichen Nieselregen, der in breiten Bändern auf nor¬ 
denglische Städte niedergeht und bei der Bevölkerung eine 
leicht melancholische Stimmung hinterlässt. Ich könnte 
jetzt von JÖY DEVISION erzählen und von ECHO AND THE 
BUNNYMEN, doch da Ian Curtis sich vier Jahre vor mei¬ 
ner Geburt das Leben nahm, erzähle ich hier lieber von IN¬ 
TERPOL oder - noch viel besser - von den EDITORS! Denn 
viel mehr muss man zu diesen acht herrlich schön in Er¬ 
innerung schwelgenden Popsongs nicht sagen. Oder viel¬ 
leicht doch, denn in Karlsruhe scheint eigentlich immer 
die Sonne. Aber Bandproberäume sehen sowieso überall 
gleich aus. Deshalb verstehen es auch diese fünf Badenser 
ziemlich gut, einen auf das Nötigste reduzierten Sound mit 
beeindruckend klaren melancholischen Melodien zu fül- 


OX-FÄNZINE 67 







REVIEWS 


len, so dass man sich trotz des anhaltenden Sommerwet¬ 
ters dabei erwischt, den Kopf in beide Hände gestützt, in 
alten Erinnerungen schwelgend die Zeit vergessen zu ha¬ 
ben. (31:47) (7) Christoph Schulz 

DANAVA 

s/t CD 

Kemado/Rough Trade | In Zeiten ungewisser Zukunft 
hilft Rückbesinnung, und weil im musikalischen Sektor die 
meisten Pfade schon ausgetreten sind, bedienen sich mo¬ 
mentan viele Bands im Fundus der Siebziger und Achtziger. 
So auch DANAVA, deren Debütalbum wie eine Mischung 
aus BLACK SABBATH, CAN und ZOMBI klingt. Nicht nur 
die musikalische Grundlinie wirkt schwer retro, auch die 
hallige Produktion und die Gitarren, die sehr klar und im¬ 
posant hervorstechen, stehen dem in nichts nach. Frü¬ 
her hätte man Progrock beziehungsweise Metal dazu ge¬ 
sagt, in den Metalsektor jedoch möchten sich die Jungs aus 
Portland keineswegs stellen lassen - müssen sie auch nicht. 
Und ob man dermaßen vertraute Stilmittel noch progres¬ 
siv nennen kann, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist den¬ 
noch ein höchst psychedelisches Werk, was mich entfernt 
an die schwedischen WITCHCRAFT erinnert, voll gepackt 
mit fünf Songs, die allesamt Längen zwischen sechs und bis 
zu über zwölf Minuten auf weisen. Eine am Ende doch stil ¬ 
sichere Rückbesinnung, die allemal besser ist als ein etwa¬ 
iges, misslungenes Experiment. Diese Scheibe ist durchaus 
gefällig und sicher sehr empfehlenswert zur Umrahmung 
eines geselligen Smoke-Ins! (45:00) (8) Frank Nice 

DRAFT 

Digital EP MCD 

epitaph.com | Wollen wir hoffen, dass dieser Unfug keine 
Schule macht: Eine rein als Download-Files veröffentlichte 
EP mit vier neuen Songs der HOT WATER MUSIC-Nach- 
folger. Doch wie stand es bereits in der Bibel? „Eines Tages 
werdet ihr feststellen, dass ihr Download-Tracks nicht es¬ 
sen könnt“. Bis dahin also wird der Wahnsinn weiter gras¬ 
sieren, und auch wenn die Herstellung von CDs die Um¬ 
welt verschmutzt und Besitz Diebstahl ist, werde ich doch 
weiterhin auf den physischen Tonträger setzen und nicht 
aufTerabyte große Datenspeicher als Lagerort von Musik¬ 
dateien vertrauen. Der Vierer aus Florida gefällt hier jeden¬ 
falls genauso gut wie auf dem letztjährigen Debütalbum, 
sowohl „Stop wasting my time“ wie „The devil in the sha- 
de“, „Up all night“ und „Na na na“ haben diese derb-me¬ 
lodiöse Herzlichkeit, die ich schon an HWM geliebt habe. 
(11:46) (8) Joachim Hiller 

DEAD FISH 
Um Homem So CD 

Deckdisc | „Es ist an der Zeit zu handeln!“ Dies ist nur ei¬ 
ner von vielen Schlachtrufen, die DEAD FISH aus Brasi¬ 
lien auf ihren Alben den Leuten entgegen werfen. Musi¬ 
kalisch erinnert „Um Homem So“ ein bisschen an RISE 
AGAINST, obwohl die Songs komplett eigenständig sind. 
Viele sagen ja, dass man den Punk nicht neu erfinden kann; 
DEAD FISH machen ihn aber verdammt gut. Obwohl die 


Band mittlerweile seit vierzehn Jahren existiert, hat die 
große Welt wenig Notiz von den Männern um Sänger Ro- 
drigo genommen. Sie haben es aber auch vielleicht deswe¬ 
gen ein wenig schwerer, weil sie auf Portugiesisch singen - 
ihrer Muttersprache. Da die Songs sich sehr auf das poli¬ 
tische Geschehen in Brasilien beziehen, ist es der Band in 
erster Linie wichtig, dass ihre Landsleute sie verstehen und 
danach den Mut haben zu handeln. DEAD FISH sind enorm 
sympathisch und haben es verdient, dass man sich mit ih¬ 
nen beschäftigt. Die CDs von sind in Deutschland aber bis 
jetzt leider noch nicht veröffentlicht worden. (7) 

Sebastian Wahle 

DOPE 

Time To MCD 

prettypinkrecords.de | Mein Gott, was für ein Name. THE 
DOPE, der war wirklich noch frei? Und wenn nicht, auch 
egal, solange diese blutjunge Band aus Niederbayem frisch 
aufspielen darf. Gerade mit Beginn der Volljährigkeit ih¬ 
rer Mitglieder legen THE DOPE ihre erste „richtige" EP vor, 
und die hat so einiges in sich: Härte, Melodie, Synthies und 
viel Talent. Die sechs Songs klingen roh und ungeschlif¬ 
fen, die wenig brillante Produktion trägt ihr Scherflein 
zum hohen Punkrock-Faktor von „Time To“ bei. Kaum zu 
glauben, dass hier ein Duo am Werk ist. Gitarre, Schlagzeug 
und Gesang, das muss reichen. Und es reicht tatsächlich für 
ein beeindruckendes und vielschichtiges erstes Lebenszei¬ 
chen einer Band, der völlig zu Recht eine glänzende Zu¬ 
kunft prognostiziert wird. Macht was draus! (20:12) (6) 

Arne Koepke 

EEE 


ERDBEERTÖRTCHEN 
Humbug, Watson 

Tumbleweed/Broken Silence | Luftig, lockerer Boden. 
Darauf ein paar der namensgebenden Obststücke, klein, 
schnell den typischen Geschmack entfaltend und auf zum 
Nächsten. Zack, auch das weg, kurzweilig und in Nuancen 
doch immer noch an den Geschmacksknospen verharrend. 
Keine langen Anfahrtswege bei dem Quartett aus Duisburg, 
Spannungsbögen werden zu Linien und stattdessen mäan¬ 
dern diese leichten Gitarren durch den Song. Durchdacht 
und stringent, eben kein verkopfter Anlauf, die Instru¬ 
mentalmusik durch Post-Präfixe neu zu erfinden, statt¬ 
dessen entspanntes Sichfallenlassen in musikalische Hän¬ 
gematten, die Füße bisweilen in breiten Gitarrenwänden 
baumeln lassend. Treibende Beats, eingängig unbeschwerte 
Melodien und immer mit genug Ideen, um ein Überfres- 
sen an den Törtchen zu verhindern. Wer mag außer ERD- 
BEERTÖRTCHEN noch Charme, Spielwitz, Intelligenz, Ver¬ 
ve und Eingängigkeit so schlüssig zu verbinden? Mir mag 
niemand einfallen. Ein dezentes, unaufdringliches Werk, 
mit hohem Sättigungsgrad und ohne Völlegefühl. Keine 
Kännchen auf der Terrasse? Na dann bitte dasselbe noch 
mal. (46:05) (8) Simon Brüggemann 


END OF LEVEL BOSS 
Inside The Difference Engine CD 

Exile On Mainstream | Diese Band hat mit ihrer zweiten 
CD definitiv einen großen Schritt nach vorn gemacht, und 
zwar auf einem musikalischen Sektor, den es zu erobern 
galt, da der bislang nur 
spärlich besetzt schien. 
War das Ganze auf dem 
Erstling „Prologue“ noch 
ein wenig, sagen wir, un¬ 
gewohnt, so kommt ihr 
Sound nun vollends zur 
Geltung. END OF LE¬ 
VEL BOSS gingen einst 
aus der britischen Noi- 
serock/ Stoner-Legende 
HANGNAIL hervor, ha¬ 
ben ihre Wurzeln defi¬ 
nitiv nie hinter sich ge¬ 
lassen, jedoch diese durch vielerlei andersartige Einflüs¬ 
se zu einem knorrigen Soundriesen heranwachsen lassen. 
Sie bilden eine beeindruckende Schnittmenge aus den ver¬ 
trackt voluminösen Klangwelten von VOIVOD, der musi¬ 
kalischen Präzision von HELMET, der Lässigkeit von ALICE 
IN CHAINS sowie derTonlage von KYUSS. Dabei überzeugt 
in erster Linie ihr Gitarrenspiel, denn kaum eine andere 
Band legt momentan so viel wert auf das perfekte Riff, und 
im Zusammenspiel mit der rein analogen, fetten Produkti¬ 
on, ist den Briten ein wirklich großartiges Werk gelungen. 
Für alle, denen geradliniger Stonerrock zu eintönig ist, und 
die mehr als nur drei Akkorde zum glücklich werden brau¬ 
chen, ist diese Scheibe definitiv Pflicht! (41:19) (10) 

Frank Nice 

ELECTRIC BEATNIKS 

s/t CD 

Saftkugler/Indigo | Letztens hat sich ein Arbeitskollege 
beschwert, dass die Leute heutzutage ja nur noch bei Tech¬ 
no-Musik tanzen würden. Alles, was von der Grundstruk¬ 
tur abweicht, wäre für die untanzbar. Natürlich hat er das 
weniger gebildet ausgedrückt, aber den Kern trifft es. Zu 
stampfenden Rhythmen einen Stammestanz abzuhalten, 
ist nicht schwer, allerdings den Soul in Armen, Hüfte und 
Füßen zu haben, ist ja schon fast eine Herausforderung. Für 
Grobmotoriker ist das Album der ELECTRIC BEATNIKS, 
bestehend aus Wolfgang Hagedorn (COMPUTERJOCKEYS) 
und Raouf D. Khanfir (MAN VS. NATURE), also nichts. 
Beim Opener „Beatnik stomp“ hauchte mir ein zarte Stim¬ 
me das Wort „Electro-Charleston“ ins Ohr und ich muss¬ 
te mir Ginger Rogers und Fred Astaire in der 6-Millionen - 
Dollar-Mann-Version vorstellen. Funky Beats, mal schnell, 
mal langsamer. Mal bluesige Gitarren, dann mal was pun- 
kiger, dann wieder gar nicht. Norman Cook ohne Abi-Fe- 
ten-Beigeschmack. Je betrunkener man ist und je öfter 
der „Ausweichschritt vs. Auf die Fresse fallen“ (zuletzt bei 
Henry Storch passiert) kommt, desto amüsanter wird die 
Platte. Gefällt, gefällt und ich bin gespannt, was demnächst 
noch von dem Kölner Label zu erwarten ist. Timbo Jones 

EL SUMO 

Was ewig schien... CD 

Pias | Berlin, du und deine Bands, 
das wird langsam unheimlich. Wäh¬ 
rend die Kassen so leer sind wie Wo¬ 
wereits Versprechen, entwickelt 
sich die Musikszene zu einem im¬ 
mer wichtigeren Exportschlager der 
Hauptstadt. Auch EL SUMO proben 
an der Spree, und zwar so fleißig, 
dass sie bereits vor der ersten Veröf¬ 
fentlichung Verträge unterschreiben 
konnten. Ein Schuss ins Knie. Ein ju¬ 
ristischer Nervenkrieg um die Ver¬ 
tragsauflösung folgte, EL SUMO re¬ 
agierten sich im Studio ab und nah¬ 
men ihr liebevoll verpacktes Debüt¬ 
album „Was ewig schien ..." auf. Das 
Dutzend Songs hält melancholische 
Melodien an Schrammelgitarren 
bereit. EL SUMO ringen mit dem 
Leben, ihre nachdenklichen Tex¬ 
te erzählen von Liebe und Tristesse. 
Deutschsprachiger Collegerock, gar 
nicht weit entfernt von den großen 
Vorbildern JIMMY EAT WORLD. In 
der Langsamkeit hegt die Kraft. Das 
werden sicher nicht nur die Berliner 
so sehen. Übrigens: Die Thankslist 
enthält Grüße an Joachim, die ich 
hiermit ausrichte. (42:04) (6) 

Arne Koepke 

ENEMYGROUND 
In Memory Of Them All CD 

GSR | Nach dem im letzten Jahr er¬ 
schienenen „Insufficient Evidence“, 
lassen es EG in diesen Tagen mit dem 
neuen Album „In Memory OfThem 
AU“ noch mehr krachen. Wie ein 
Gewitter grollen die einzelnen Songs 
aus den Boxen. Schwer, laut und ab¬ 
solut düster packt es den Hörer und 
EG ziehen einen für die Dauer ihres 
Albums hinein in einen Abgrund aus 
Wut und Brutalität. Immer im Mid- 
tempo, erreicht der Sound manch¬ 
mal fast schon doomige Sphären 
und drückt einen irgendwo ganz tief 
in der Magengrube. Das ist Hardco- 
re der ganz metaUischen Sorte, der 
auch vor Death Metal nicht Halt 
macht. Songtitel wie „I like you best 
skinkless“ und „The plow“ sprechen 
Bände für den Hass, auf dem die Ge¬ 
samtkomposition fußt, und unter¬ 
stützt durch die fiesen Gurgel-Vo- 
cals zwischendurch, sind diese bei¬ 
den Songs mit die energetischsten 
und besten dieses Albums. Wer auf 
SHATTERED REALM steht und in 
den 90em schon MERAUDER ge¬ 
hört hat, dem wird das hier auf je¬ 
den Fall Zusagen. (30:39) (8) 

Tobias Ernst 

EVERBLAME 
Sina CD 

Finest Noise/Radar | „Sina“, das 
ist das Debüt von EVERBLAME und 
bedeutet „She Is No Angel“. Ist da¬ 
mit die Mieze auf dem Cover ge¬ 
meint, die sich lasziv auf irgendei¬ 
nem Waschbären-oder Knut-der- 
doofe-Eisbär-Fell räkelt? Solch 
plumpe Versuche, die Aufmerksam¬ 
keit zu erregen, hat das junge deut¬ 
sche Trio gar nicht nötig. Die neun 
Songs wissen auch ohne künstli¬ 
chen Sexappeal (und hoffentlich 
ironisch gemeinte Machotexte wie 


„French Quarter“) zu überzeugen. Die Musik liegt irgend¬ 
wo zwischen Alternative Rock, Post- Grunge und Metal 
und wird dominiert von tiefer gelegten Riffs zwischen SIL- 
VERCHAIR, GODSMACK und alten HELMET. Frontmann 
Raphael singt dazu in einer angenehm rauen und tiefen 
Stimme. Mit Label im Rücken dürfte der 2005 gegründe¬ 
ten Band nun nichts mehr im Wege stehen. Anspieltips sind 
das melancholisch-melodiöse „Somewhere eise“ und der 
harte Opener „Next“. Und eigentlich gefällt mir das Cover 
doch. (30:30) (7) Arndt Aldenhoven 

EXPERIMENTAL POP BAND 
Tinsel Stars CD 

Triumphant Sound | Der Name ist bei der EXPERIMEN¬ 
TAL POP BAND Programm. Auf dem Album „Tinsel Stars“ 
präsentieren sie 13 Songs, die - innerhalb des Rahmens 
Pop - unterschiedlicher nicht sein könnten. Elektronische 
Spielereien, Balladen und knarzige Sounds treffen auf lie¬ 
bevolle Melodien und tanzbare Beats. Die Band, über die 
keinerlei Informationen vorliegen, verspricht mit ihrem 
sperrigen Namen nicht zuviel, verarbeitet die unterschied¬ 
lichsten Einflüsse zu einem heterogenen, aber letztlich 
doch schlüssigen Album, das in der nächsten Zeit von nie¬ 
mandem ein zweites Mal aufgenommen wird. Ob die Welt 
dafür bereit ist? (42:41) (5) Arne Koepke 

EDISON POST / EVA-01 
Split CD 

Desertion/Stereosession | EDISON POST kommen aus 
der Pariser Region und sind seit knapp zwei Jahren als Band 
aktht Live kann die Combo mit ihrem chaotischen Hard- 
core sicherlich überzeugen, aber ihr Debüt leidet leider un¬ 
ter einer recht schwachen Produktion. Gerade bei so ver¬ 
trackten Songs sollte man darauf achten, dass es kein Brei 
wird. Beim Hören der fünf Songs kommen mir BLIND- 
SPOT A.D. auf Per Koro, hauptsächlich aber deren Nach¬ 
folger IRA in den Sinn, allerdings klingen deren Alben we¬ 
sentlich besser. EVA-01 bieten dann zwar nur drei Tracks, 
der Sound ist jedoch wesentlich dichter und sie überzeu¬ 
gen mich mit ihrem krachigen und bisweilen atmosphäri¬ 
schen Stil, der was für Freunde von A DAY IN BLACK AND 
WHITE sein könnte. Weniger ist eben manchmal mehr und 
nächstes Mal vielleicht trotzdem nicht im Studio Low Cost 
(sic!) aufnehmen. (34:42) (6) Thomas Eberhardt 

EXTINCT 

Kill Or Be Killed CD 

Winged Skull | EXTINCT, eine junge Nachwuchsband aus 
dem Herzogtum Luxemburg (frz. Luxembourg, lux. Letze- 
buerg), deren Mitglieder erst mit Gründung der Band 2001 
lernten, ihre Instrumente zu benutzen, holpert sich durch 
15 Stücke. Bei „Kill Or Be Killed“ handelt es sich um das 
zweite Album der Band. Sympathisch rotziger Punk mit 
dick aufgetragenen Back-up-Vöcals. Kein Meilenstein der 
Musikgeschichte, aber ein überzeugendes Album, mit Tex¬ 
ten, die ohne Klischees auskommen, und einem sicherlich 
hohen Live-Potenzial. Lumpenburg: Sept points. (7) 

Dennis Bruns 

EXITS TO FREEWAYS 

Spilling Drinks, Spelling Names CD 

exittoffeeways.de | Von sich selbst sagen EXITS TO FREE¬ 
WAYS (SPREAD LIKE THE VEINS ON THE BACK OF MY 
HANDS), wie sie sich mit vollem Namen nennen, dass sie 
„Rock, Rock und Rock“ machen. Doch diese Beschreibung 
ist eher ungenau, imvollständig und unpassend. Denn die¬ 
se Band mit der längsten MySpace-Adresse der Welt ist un¬ 
gewohnt, unklassifizierbar und auch ein bisschen imver¬ 
schämt, wie sie da zur Sache gehen. Einfach alle mögli¬ 
chen Einflüsse in den Mixer zu werfen, fünktioniert hier 
erstaunlich gut und vor allem mit einer nur selten erreich¬ 
ten Energie und Spielffeude. So hört man hier sicherlich 
modernen, melodisch-frickligen Hardcore aus AT THE 
DRIVE-IN-Kreisen, aber auch 90er-Jahre-Seattle-Grun- 
ge sowie einige dieser mittlerweile nur noch stadiontaug¬ 
lichen T-Shirt-Bands wie BILLYTALENT oder SYSTEM OF 
A DOWN. Davon sind diese drei Hamburger Herren zum 
Glück weit entfernt, denn zu 7/ 8-Takten lässt es sich auch 
als Vierzehnjähriger nur schwer moshen. Man braucht et¬ 
was Eingewöhnungszeit, aber nach zwei Durchläufen ma-. 
chen diese fünf Songs richtig Spaß. In heißer Erwartung auf 
ein Live-Erlebnis... (19:19) (8) Christoph Schulz 

ELGORDO 

The Man Behind The Machine CD 

glenghostrecords.com | Hervorragend, das sind KYUSS- 
Fans. Als solchen müsste es den Jungs eigentlich als Erstes 
auffallen, wie wenig innovativ ihr Debüt ist. Natürlich ist 
Innovation keine sonderlich zu berücksichtigende Katego¬ 
rie, wenn es um Rockmusik geht, allerdings kann man es 
mit der Heldenverehrung auch übertreiben. Meine Theorie 
zu EL GORDO ist folgende: Ursprünglich als reine Cover¬ 
band gestartet, hat man schnell festgestellt, dass es am Ge¬ 
sang ein wenig hapert und schnell peinlich werden kann, 
wenn das Vorbild John Garcia heißt. Also doch eigene Stü¬ 
cke geschrieben. Spiel- und soundtechnisch okay, aber an¬ 
sonsten ... (57:03) (2) Lars Koch 

FFF 


FILTHY THIEVING BASTARDS 
... I’m ASonOf AGun CD 

byorecords.com | Den Kern der Band bilden Mitglieder 
der SWINGIN’ UTTERS, die in diesem Rahmen ihr Fai¬ 
ble für Irish Folk und ruhigere Klänge noch etwas mehr 
ausleben. Da ziemlich einsichtig sein sollte, dass die Sache 
dann nicht völlig in die Hose gehen kann, kommen wir 
gleich zu den wenigen Fehlern des nun schon dritten Al¬ 
bums der FILTHY THIEVING BASTARDS. Die Produktion 
zum Beispiel könnte man als „charmant unausgefeilt“ be¬ 
zeichnen, wenn man wollte, aber ich will heute mal nicht 
und strapaziere diese Ausrede lieber zugunsten von Bands, 
bei denen weniger offensichtlich ist, dass sie es eigentlich 
hätten besser machen können. Vielleicht ist der nicht ganz 
stimmige Sound aber auch nur dem Umstand zu verdan¬ 
ken, dass die Platte an vielen einzelnen Aufhahmeterminen 
über einen langen Zeitraum hinweg aufgenommen wur¬ 
de. Übrigens tragen die Irish Folk-Elemente zur Klasse der 
Band nicht mehr oder weniger bei als auch schon bei den 
SWINGIN’ UTTERS: nämlich überhaupt nicht. Sie wirken 
eher wie ein Mäntelchen, das man der Platte übergezogen 
hat, um ihre eigentliche Natur zu verschleiern: Ein LoFi- 
Pop-Album mit starkem Singer/Songwriter-Einschlag, 
wie es alternde Punker gerne mal aufnehmen, um sich und 
anderen ihren persönlichen Reifüngsprozess zu demonst¬ 
rieren - ein ziemlich gutes allerdings. (7) Ferdinand Praxi 

FUZZYINDEX 
Insecure CD 

auroramusic.ch | Einen Haufen von Live-Shows hat die¬ 
ses 2001 gegründete Zürcher Trio schon auf dem Buckel 
und veröffentlicht nun sein Debütalbum „Insecure“. Ent¬ 
gegen des Titels versprühen die Schweizer einen Haufen 
Selbstsicherheit und machen sich eine sehr gute Produkti¬ 
on zu Nutze, um dem Hörer ihren melodischen Punkrock 
schmackhaft zu machen. Sie erinnert an frühe NO USE 
FOR A NAME und STRUNG OUT und dabei ist vor allem 
positiv, dass die FUZZY INDEX recht variabel sind. Da wird 
es mal ganz poppig, wie im Opener „Insecure“, in der Folge 



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REVIEWS 






setzen - und McLUSKY damit auch beinahe vergessen las¬ 
sen. Wenn ich mir dann noch dänische Kollegen wie MEN ¬ 
FOLK anhöre, dann scheinen die Skandinavier nicht nur in 
Sachen Hard-, sondern auch in punkto Noiserock ihren 
Vorbildern mal wieder einen Takt voraus zu sein. (38:48) 
(8) Chris Wilpert 


FUNERAL FOR A FRIEND 
Tales Don’t Teil Themselves CD 

Warner Music | Waren ihre ersten zwei Alben eher was 
fürs Herz, so ist „Tales Don’t Teil Themselves“ ein bisschen 
Kopfkino. Ein Konzeptalbum ist es geworden und handelt 
von einem Fischer, der auf sehr dramatische Weise fast sein 
Leben auf See verliert, und von seiner Familie, die ihn ver¬ 
misst und nicht weiß, ob sie ihn aufgeben soll oder nicht. 
Erstaunlicherweise ist der Band der Wandel, der sich schon 
zwischen den Alben „Casually Dressed And Deep In Con- 
versation“ und „Hours“ abzeichnete, nämlich vom Hard- 
core, Emocore zu schlichtem Rock mit Metaleinflüssen, gut 
gelungen. Das Album ist weg vom kleinen Klub und fürs 
Stadion geschrieben worden. Dementsprechend pathetisch 
klingen dann auch Songs wie „Into oblivion (Reimion)“ 
oder „Great wide open“, die aber dennoch einfach fan¬ 
tastische Lieder sind (allein „Into oblivion“ hat einen Re¬ 
frain, den man für Tage nicht aus seinem Kopf bekommt). 
Man sollte der Band diese Entwicklung nicht übel nehmen, 
da sie sich selbst immer als Rockband mit aggressiven Ele¬ 
menten gesehen hat und eben nicht als Hardcore-Kapel- 
le. „Tales Don’t Teil Themselves“ ist zwar nicht das wich¬ 
tigste Album von FUNERAL FOR A FRIEND, aber auf jeden 
Fall ihr ausgereiftestes und vielleicht sogar intensivstes. Be¬ 
stimmt aber nicht das letzte. Ich bin gespannt, was da noch 
kommt. (8) Sebastian Wahle 


FRÜHSTÜCKSPAUSE 
Durchgeknallt im Märchenwald CD 

bandwormrecords.de | Punk Pervers - das ist FRÜH¬ 
STÜCKSPAUSE. In den Texten geht es um speziellere Tä¬ 
tigkeiten, die wohl der ein oder andere selbst mit höchs¬ 
tem Genuss zelebriert. Um es kurz zu sagen: Schei*en, 
S**fen, Fi**en und ab und zu auch Wi*en. Also, niveau¬ 
volle Beiträge könnt ihr hier nicht erwarten. Aber warum 
auch? Dafür gibt’s ordentlichen Schmuddelpunk zum Mit- 
grölen auf die Lauscher. Alle Titel sind in schöne Melodi¬ 
en verpackt, so dass der Text oft zur Nebensache wird. Und 
diese sind teilweise sehr unterhaltsam, aber auch sehr ein¬ 
fach gehalten und eigentlich ohne Aussage. Das große Plus 
ist aber der Spaß-Faktor und der ist auf jeden Fall gegeben. 
Wer sich einfach mal 30 Minuten nur mit schönem Fun- 
Punk bedudeln lassen will, keinen großen Wert auf Texte 
legt und dem die oben aufgezählten Tätigkeiten ebenfalls 
gefallen, darf sich die FRÜHSTÜCKSPAUSE genehmigen. 
(33:19) (7) SvenGrumbach 


FRONTKICK 

The Cause Of The Rebel CD 

People LikeYou/SPV | Die Berliner Riot City Rockers von 
FRONTKICK veröffentlichen mit „The Cause Of The Re- 
bel“ ihr drittes Album. Mittlerweile haben die Jungs den 
Weg zu PLY gefunden, 
und ich denke, das kann 
wirklich für beide Seiten 
nur eine Bereicherung 
sein. Auch wenn mir der 
Vorgänger der Street¬ 
punks, „Underground 
Stories“, aus dem Jahr 
2004 und die Split mit 
den RADIO DEAD ONES 
schon extrem gut gefal¬ 
len haben, schafft es „The 
Cause OfThe Rebel“ er¬ 
neut, mich vom Hocker 
zu reißen. Wenn auch der Überraschungseffekt zugegebe¬ 
nermaßen irgendwie weg ist, weil ich ja schon wusste, dass 
die Jungs in der ersten Streetpunk-Liga ganz oben mitspie¬ 
len. Auf der aktuellen Platte geht es weitaus melodischer 
zu, ansonsten bleibt man dem bewährten FRONTKICK-Stil 
weitestgehend treu. Schön, dass es Bands wie diese gibt, die 
es schaffen ihre Live-Energie und Spielfreude auch auf ei¬ 
nem - übrigens auch sehr gut produzierten - Studioalbum 
rüberzubringen. Nur Fade-outs wie am Ende von „Light 
up your throne“ finde ich ganz furchtbar. Aber da höre ich 
ausnahmsweise mal drüber hinweg. (37:47) (8) 

Claudia Luck 

► Auf der Ox-CD zu hören. 


FLESH 
Fireworks CD 

Gern Blandsten/Alive | Während das Debüt von THE 
FLESH aus New York zu den großen positiven Überra¬ 
schungen des Jahres 2004 zählte und sicherlich noch im 
Geiste von New Wave und Synth-Dance-Punk entstand - 
etwa im Stile von THE FAINT und RADIO 4 -, kommt ihr 
aktuelles Album wesentlich poppiger und eingängiger, aber 
auch leider etwas langweiliger daher. Sängerin Gabrielle 
Zappa „quengelt“ etwas mehr beim Singen und jedweder 
dunkler Duktus ist aus der Musik gewichen. Natürlich ver¬ 
fällt die Reminiszenz-Hölle unweigerlich - teilweise auch 
gerechtfertigt - in BLONDIE- und THE PRETENDERS- 
Rufe: aber auch die hatten mitunter ihre schlechten Mo¬ 
mente. Das Album ist irgendwie auf Erfolg getrimmt und 
was der zuständige Promoter unter „Art-Pop-Hymne“ 
versteht, erschließt sich nicht wirklich. „Fireworks“ ist kein 
schlechter Zweitling, aber wenn man diesem Genre zuge- 


Du machst ein Label, du spielst in einer Band, und willst wissen, wie du auf einen Schlag eine 
ganze Menge Leute im In- und Ausland auf deine Musik aufmerksam machst? Ganz einfach - 
mit der Ox-Compilation! 

Das kostet zwar was, aber wenn ihr interessiert seid und denkt, ihr könntet stilistisch auf eine 
Ox-CD passen sowie über gute Studioaufnahmen verfügt, dann schickt uns eine eMail an 
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wird die Band aber wiederholt rauher und verbindet krat¬ 
zige Parts mit dem melodischen Grundgerüst ihrer Songs. 
Das ergibt immer wieder nette Momente und an der einen 
oder anderen Stelle sogar kleine Ohrwürmer. Und alles zu¬ 
sammen zeigt, dass auch „Insecure“ eines der Alben ist, die 
man sich bei Bombenwetter auf Tape ziehen und im alten 
Ghettoblaster mit in den Park nehmen sollte, um sie bei 
(Malz-)Bier und Sonnenschein zu genießen. Nur: nächstes 
Mal vom bescheuerten Cover mit schlammcatchenden Bi¬ 
kini-Girls absehen, bitte. (25:45) (7) LauriWessel 


SAGE FRANCIS 

Human The Death Dance CD 

anti.com/SPV | „Grandfather, teil me story!“, hat im Jahr 
1988 ein kleiner Junge auf einer Platte von MANOWAR 
gefordert. Er konnte ja noch nicht wissen, dass nicht nur 
die „Kings Of Metal“ mit 
dem Geschichtenerzäh¬ 
len auf Kriegsfuß ste¬ 
hen, sondern die meis¬ 
ten Bands nichts wirk¬ 
lich Wichtiges zu sagen 
haben. Vor allem die, die 
es immer von sich be¬ 
haupten. Insofern war 
die Veröffentlichung ei¬ 
nes so klugen politischen 
HipHop-Albums wie „A 
Healthy Distrust“ von 
Sage Francis auf Epitaph 
Records im Jahr 2005 das Beste, was der Punk-und Hard- 
core-Szene seit langem passiert ist. Und auch wenn der 
studierte Journalist und Kommunikationswissenschaft¬ 
ler mit seinem aktuellen Album wieder zum intimeren 
Ton seiner „Personal Journals“ aus dem Jahr 2002 zurück¬ 
kehrt, so finden sich auch auf „Human The Death Dance“ 
Sätze, die man am liebsten auf ein Banner malen und bei 
einer Demonstration wütend vor sich hertragen würde. 
„They can repeat history / But can’t recycle paper“, ist zum 
Beispiel so ein Satz. Von einem Mann, der auf Alkohol und 
Drogen verzichtet, sich aber trotzdem niemals als „Straight 
Edge“ bezeichnen würde, weil er der Meinung ist, dass man 
sich nicht „über das definieren sollte, was man nicht tut“, 
kann nicht nur die Hardcore-Szene etwas lernen. Sondern 
vielleicht sogar MANOWAR. Thomas Renz 


ADE FENTON 
Artificial Perfect CD 

Submission | Is Gary Numan still electric? Definitiv. Und 
zwar sehr real in Gestalt von Ade Fenton, der durch eine 
gute Numan/TUBEWAY ARMY-Schule gegangen ist: kalte 
elektronische Isolation-Sotmdscapes, bei denen der Kunst¬ 
nebel quasi mitgeliefert wird. „Artificial Perfect“ ist ein 
sehr intensives Album und setzt die Zusammenarbeit von 
Fenton mit Gary Numan fort. Die erste Single-Auskoppe- 
lung „Healing“ ist das Ergebnis der Zusammenarbeit beider 
Musiker und erinnert stark an das klaustrophobische und 
eindringliche Epos „Absolution“ von Numan. Fenton ko¬ 
piert indes nicht, sondern entwickelt seinen eigenen Stil, 
der auch Raum für Einflüsse von CABARET VOLTAIRE,THE 
COVENANT und FRONT 242 lässt. Ein konstant guter und 
dichter Dark Wave-Teppich mit Tiefe. Fenton wird auch 
am nächsten Album von Numan mitarbeiten und bis da¬ 
hin verbleibt sein Album als perfekte Ersatzdroge für Nu- 
man-Fans. In der Tat ist das Album „The real confession of 
an English psychopath". (41:54) (9) Markus Kolodziej 


FILM 

s/t CD 

atmospheriques.com/Alive | Sync, so nennt man den 
Vorgang, wenn ein Song einer Band für einen Werbespot 
genutzt wird. So geschehen bei THE FILM und „Can you 
touch me“, dem ersten Song ihres selbstbetitelten ers¬ 
ten Albums, der für eine Peugeot-Webung benutzt wurde. 
Oft werden Indie-Bands für diese Art von Ausverkauf ihrer 
Songs kritisiert, aber im Fall von THE FILM sieht man mal 
wieder wie nützlich so eine Sync sein kann. Immerhin ha¬ 
ben sie es so in kürzester Zeit auch in den Nachbarländern 
ihrer Heimat Frankreich zu einem erstaunlichen Bekannt¬ 
heitsgrad gebracht. Bleibt zu hoffen, dass dies keine Ein¬ 
tagsfliege ist, ein Schicksal vieler Bands, die es mit Hilfe ei¬ 
ner Werbung zum Hit gebracht haben. (43:30) (6) 

Nina Maenz 


FUN 

Zu-Pa! LP/CD 

ifsociety.com | Man fragt sich ja gerne, was für eine un¬ 
glaubliche Energie und was für ein Zauber im Electrical 
Audio Studio in Chicago wohl herrschen muss, dass mit 
Steve Albini an den Reglern immer so ausgesprochen gro߬ 
artige Alben zustande kommen. Das finnische Trio FUN hat 
für sein zweites Album mit dem lautmaler ischenTitel „Zu- 
Pa!“ nur drei Tage dort zugebracht, um ein dynamisches, 
schnelles und lautes Hardcore/Noiserock-Werk einzu¬ 
spielen, das Albinis eigenen Werken der frühen 90er das 
Wasser reichen kann. Aber FUN interessieren sich nicht für 
rockistische Verweigerung und mathematische Takt/Ge¬ 
gentakt-Spielereien. FUN meint Fun! Lärm, Rock, Wut und 
Energie - schnell, laut und präzise. Der Hai auf dem Co¬ 
ver mit dem weit aufgerissenen Maul macht das deutlich: 
Hier geht es um entfesselte Aggression und ungebändigte 
Wut. Man fragt sich in der Tat, ob Herr Albini das nicht be¬ 
ängstigend Vorkommen muss, dass da drei Finnen SHEL- 
LACs „At Action Park“ wohl immer und immer wieder ge¬ 
hört haben, um dann mit ihrem Album noch eins draufzu- 




Artwork by terminal-art.de 

01 MUNICIPAL WASTE {Richmond.VA, USA) 

Das dritte Album von MUNICIPAL WASTE ist eine 
musikalische Zeitreise in eine längst vergangene 
Zeit, in der Crossover noch nicht für das wahllose 
Zusammenpanschen miteinander inkompatibler 
Musikstile stand, sondern für eine Mischung aus 
Hardcore und hartem Metal, die zudem noch originell, 
spannend und verdammt unterhaltsam war. 

02 ADJUDGEMENT (Hannover, Germany) 

Das vierzehnte Jahr ihres Bestehens feiern 
ADJUDGEMENT mit einem neuen Album, das 
streckenweise überraschend punklastig klingt, mit 
den Hardcore-Wurzeln der Hannoveraner jedoch 
keinesfalls bricht. Auch textlich hinterlässt die Gruppe 
einen nachhaltigen Eindruck. 


15 Hl TERESKA (Wassenberg, Germany) 

HI TERESKA (ex-EINLEBEN) liefern mit ihrem 
Erstlingswerk eine beeindruckende Platte ab. Zwischen 
Punk und Pop, zwischen Rock und Emo, ganz eigen, mal 
zart, mal hart, aber immer auf die Fresse. Oder auch: ein 
gekonnter Spagat zwischen Lärm und Pop, 

16 MUFF (Hannover,Germany) 

Man nehme drei Jungs, die allesamt fit an ihren 
Instrumenten sind, lasse diese gefälligen Punkrock mit 
viel Melodie und genügend Pop-Attitüde spielen und 
stelle ihnen zwei attraktive Punk-Mädels am Mikro 
dazu. Das ergibt dann MUFF aus Hannover. 

17 THE STYRENES (NewYork, USA) 

„City Of Women“ von den STYRENES ist eine 
unmögliche Mischung aus großstädtischem 
Rocksong, Art-Punk und Glam-Rock-Resten. Die 
Qualitätsmerkmale für Rockmusik härterer Gangart 
gelten trotzdem: hart, rau, garstig. Ein Rockalbum, wie 
man es lange nicht mehr gehört hat. 


03 RENTOKILL (Wien, Austria) 

RENTOKILL aus der Wiener Neustadt legen mit 
„AntiChorus“ ihren zweiten Longplayer vor. Und auch 
hier gibt es wieder politisch motivierten Punkrock im 
Stil von STRIKE ANYWHERE und PROPAGANDHI. Es 
sind Bands wie RENTOKILL, die uns darin erinnern, 
worum es beim Punkrock eigentlich geht. Im 
September auf Deutschlandtour. 

04 FRONTKICK (Berlin, Germany) 

Das dritte Album von FRONTKICK namens „The Cause 
OfThe Rebel“ zeigt die Entwicklung vom harten Street- 
Punk der Anfangstage zum deutlich vielschichtigeren 
Sound der heutigen Zeit. Das Ergebnis gehört zum 
Besten, was die Szene im Moment zu bieten hat. 

05 STATUES (Sudbury,Canada) 

Auf Ihrem zweiten Longplayer kombinieren STATUES 
englischen Mod-Punk in der Tradition von THE CLASH 
oder THE JAM mit der Energie der frühen WIPERS und 
den Pop-Punk-Ohrwurm-Melodien der MANIKINS. 
Und das alles im neongelben Siebdruckcover. 


18 ZOMBIE GHOST TRAIN (Sydney, Australia) 
Psychobilly trifft auf MISFITS-liken Punkrock und 
coolen Greaser- Rock’n’Roll, und irgendwie erinnert das 
hier an eine sehr gelungene Kombination aus TURBO 
AC’S, STRAY CATS und TIGER ARMY. Exzellent auch die 
Produktion sowie die handwerkliche Umsetzung. 

19 HELL CRAB CITY (Sydney, Australia) 

Die aus Sydney stammenden HELL CRAB CITY um 
Alan Creed spielen klassischen Oz-Rock, den man mit 
RADIO BIRDMAN, ASTEROID B-612 und POWDER 
MONKEYS vergleichen kann. Aber auch wer BORED!, 
BROTHER BRICK oder COSMIC PSYCHOS liebt, wird 
hier bestens bedient. 

20 NO SHAME (Salo, Finnland) 

Das vierte Album dieses Quartetts ist nicht einfach ein 
weiteres Album aus Finnland, sondern NO SHAME 
hauen derart auf den Putz, dass man meint, die 
Achtziger seien wieder zurückgekehrt. Die Melodik von 
Punk trifft auf die brutalen Riffs der frühen Hardcore- 
Bands. 


06 CHIP HANNA (Tempe, AZ, USA) 

Chip Hanna is a country boy, aber egal in welchem 
Genre - von Bluegrass über Psychobilly bis hin zu 
kalifornischem Street-Punk - wenn Chip Hanna den 
Mund aufmacht, gibt es nur eines: Chip Hanna is the 
deal! 


21 GUFF (Athens, GA, USA) 

Laut ihrer Myspace-Seite klingen GUFF wie „your 
balls getting chopped up in a mixer“. Aber auch das 
weibliche Geschlecht sollte sich für ihren Punkrock, der 
angenehm an die Neunziger Jahre erinnert, erwärmen 
können. Was vor allem an den tollen Refrains liegt. 


07 DISTEMPER (Moscow, Russia) 

Oft respektvoll als die russischen MIGHTY MIGHTY 
BOSSTONES bezeichnet, spielen DISTEMPER eine 
perfekte Mischung aus druckvollen Punk-Rhythmen 
und tanzbaren Ska-Elementen. Unverwechselbar durch 
den rauen russischen Gesang. 


22 CURLEE WURLEE! (Düsseldorf, Germany) 
CURLEE WURLEE vermischen Sixties-lästigen 

Orgelbeat, Garage, Punk und Surf, zu höchst originellen 
„frenglischen“ Kompositionen. Zusätzlich bieten die 
Düsseldorfer wirbelnden Tanz-Beat und noch mehr 
girlzentrischen Gesang. 


08 DALLAX (Tokyo, Japan) 

Etwas, das vielen japanischen Ska- beziehungsweise 
Ska-Punk-Bands gemein zu sein scheint, ist ein 
Hang zum Perfektionismus. DALLAX sind hierfür ein 
Paradebeispiel. Zum Vergleich können deshalb auch 
ihre Landsmänner von KEMURI herangezogen werden. 

09 BAD NENNDORF BOYS 

(Bad Nenndorf, Germany) 

Die BAD NENNDORF BOYS sind eine siebenköpfige 
Ska-Punk-Band aus dem gleichnamigen Kurort, 
haben den „Made in Schaumburg“-Contest gewannen 
und laden zur Ska-Party mit allem was dazugehört: 
mitsingtaugliche Songs, eingängige Melodien und 
schmissige Refrains. 

10 MAMBO KURT (Germany) 

Mambo Kurt zelebriert die hohe Kunst des Weglassens 
und Nichtsingenkönnens. Jeder Song ist eine Hommage 
an die Originalinterpreten. Ein guter Song bleibt eben 
ein guter Song, auch wenn man ihn auf der größten 
jemals gebauten Heimorgel spielt. Der Soundtrack zum 
Kücheputzen, Autofahren oder Liebe machen. 

11 BAGIO (Hamburg, Germany) 

Viele Wechsel, viele ungerade Rhythmen. Mal leise, 
mal schnell, mal krachig, mal experimentell. Man 
könnte Bebop-Hardcore dazu sagen. Andere nennen 
es auch Avantgarde- oder ADHD-Musik (Attention 
Deficit/Hyperactivity Disorder oder zu deutsch 
Aufmerksamkeitsdefizit -/ Hyper aktivitätsstörung). 

12 ABWÄRTS (Hamburg/Berlin, Germany) 

Das neue Album von ABWÄRTS wurde vom 
Mastermind der Band, Frank Z., sowie Rod von den 
ÄRZTEN produziert. Auch die Texte tragen die typische 
Handschrift von Frank Z.: sarkastisch, zynisch, aber 
immer humorvoll. Musikalisch hat man sich diesmal 
auch poppigen Elementen zugewendet, wobei allerdings 
der alte ABWÄRTS-Stil eindeutig zu identifizieren ist. 


23 THE CRETINS (Wien, Austria) 

Vom allgegenwärtigen Emo-Trend unbeeindruckt, 
ziehen die vier Jungs aus Österreich ihr Ding durch 
und liefern geradlinigen und Energie geladenen Sing- 
Along-Punkrock, der sofort im Ohr hängen bleibt. 

24 SMALL TOWN RIOT (Hamburg, Germany) 
SMALL TOWN RIOT kommen aus Hamburg, der 
Name stammt aber vermutlich noch aus ihrer Zeit 
in Buxtehude. Gespielt wird Street-Punk, der sich 
hochemotional zur „Working dass“ bekennt. 

25 THE SEWER RATS (Köln, Germany) 

Bands mit Kontrabass passen in der Regel nicht in 
Schubladen, aber die mit der Aufschrift Punkrock 
ist ja zum Glück recht groß: THE SWEWER RATS 
sind beeinflusst von Bands wie NOFX, LAGWAGON, 
RANCID, SOCIAL DISTORTION, STRAY CATS oder 
BATMOBILE. 

26 FUNNYLOVEPAINFUL (Neumünster, Germany) 
Independent-Rock'n’Roll aus dem Land zwischen Flens 
und St. Pauli. Das gleichnamige Album der Oxmox- 
Bandcontest-Finalisten, Rock & Poppreis-Finalisten 
und BAMBIX-Supporter ist kein Trallala, sondern 
Geschepper! 

27 M.A.M.A. (Wiesbaden, Germany) 
MEANDMYASSHOLE sind nach wie vor drei bekloppte 
alte Herren ausWiesbaden. Hier geht es um Rock’n’Roll 
und eine Kick-Ass-Attitüde - immer treffsicher am 
guten Geschmack vorbei. Provokant? Ja! Debil? Ja! 
Ironisch? Auf jeden Fall! 

28 DEMOLITION IN PROGRESS (Haan. Germany) 
Bei einem Trinkgelage, einem Festival oder einem 
Konzert haben sich DEMOLITION IN PROGRESS 
gegenseitig davon überzeugt, dass sie eine Band gründen 
und Instrumente lernen sollten. Diese Reihenfolge 
führte nahezu unausweichlich zum Bandnamen. 


13 MATULA (Hamburg, Germany) 

MATULA haben sich 2003 gegründet, und nach ihrem 
erstem Lebenszeichen aus dem Jahr 2004, der Vier- 
Track-Vinyl-Single „Gute Sache, aber ohne mich“, 
ist die Band aus Hamburg jetzt mit einer neuen Platte 
dabei und nennt das Ganze hafenstädtisch nüchtern 
„Kuddel“. 


14 JUPITER JONES (Saarbrücken, Germany) 
„Entweder geht diese scheußliche Tapete - oder ich“. 
Die letzten Worte Oscar Wildes gaben der neuen 
JUPITER JONES-Platte ihren Titel. Man hat sich die 
Ungestümheit der jungen Jahre ein wenig vom Revers 
geklopft und trotzdem Sturm und Drang behalten. Ein 
Hybrid aus Altbewährtem und „nach oben offen“. 


OX-FÄNZINE 69 






















REVIEWS 


neigt ist, sollte man sich eher auf die artverwandten YEAH 
YEAH YEAHS, THE ROGERS SISTERS oder eben die Wur¬ 
zeln in Gestalt unter anderem von den AU PAIRS konzen¬ 
trieren. Im Sommer sind THE FLESH mit Ted Leo auf Tour, 
das kann wieder spannender werden. (23:50) (6) 

Markus Kolodziej 

FELIX CULPA 
Duft CD 

Capitol East Road/Radar Music | Schon das fünfte Album 
haben die Norddeutschen FELIX CULPA am Start. Respekt. 
Wird es da nicht langsam mal Zeit, nach Berlin zu ziehen? 
Ihr neues Werk „Duft“ kann man zwar nicht riechen, aber 
trotzdem genießen. Zehn Rocksongs mit deutschen Tex¬ 
ten, mit Gefühl interpretiert und Kanten an den richtigen 
Stellen. Manchmal erinnern sie ein bisschen an MADSEN, 
wobei der Vorwurf des Plagiats haltlos wäre, allein auf¬ 
grund der Tatsache, dass FELIX CULPA bereits im zehnten 
Jahr über die Bühnen der Republik brettern. Wer so lange 
schon der eigenen Sache die Stange hält, ist mit echter Lei¬ 
denschaft dabei. Die vier Herren sind weiterhin unange- 
passt und spielffeudig und machen das, wovon viele andere 
Bands nur reden: ihr Ding. (35:01) (7) Arne Koepke 

ROBBIE FULKS 
Revenge 2CD 

Yep Roc/Cargo | Fängt ein bisschen sesamstraßenmäßig 
an, mit einer Art Minihörspiel, Gespräch mit dem Platten- 
boss. Daraus resultierend, denn der möchte die neue Platte 
nicht nur schnell sondern auch billig, gibt es sodann diese 
Doppel-Live-CD. Dann ist auch Schluss mit albern, es folgt 
angenehmer Country-Blues mit Swing-Anleihen, eher al¬ 
ternativ als klassisch. Dies jedoch nur auf der ersten CD, 
die, wohl weil die Band im Stehen spielt, logischwerwei- 
se „Standing“ betitelt ist. Die zweite CD bietet dann mehr 
klassisches Singer/Songwriter, der Country tritt hier in 
den Hintergrund, das Ganze ist akustisch gehalten. Daher, 
logisch, ist diese mit „Sitting“ betitelt. Obwohl mir die ers¬ 
te CD durchaus gefällt, komme ich bei der sitzenden Fas¬ 
sung doch mehr auf meine Kosten, weil hier ein paar wirk¬ 
lich sehr schöne Stücke entstanden sind. Allerdings ver¬ 
strickt sich der Akustikgitarrist ein paar Mal zu oft in ver¬ 
spielte Zupfausflüge. Das gefallt natürlich dem anwesen¬ 
den Publikum sein, die das auch stets mit Applaus hono¬ 
rieren, zu Hause am Player nervt es etwas. (40:15/44:31) 
(6/6) Claus Wittwer 

FLYING DONUTS / JOYSTIX 

This Machine Makes Loud Records CD 

Jose | Die FLYING DONUTS aus Frankreich haben sich 
hier mit den ungarischen JOYSTIX zu einer Rock’n’Roll - 
Split-CD zusammengefünden, die wirklich sexy ist. Vor al¬ 
lem hat mir der französischakzentige Gesang vom Donuts- 
Sänger angetan, in welchem er uns fünf knackige Num¬ 
mern lang seine Rock’n’Roll-Weit erklärt. Auch JOYSTIX 
haben sich seit ihrem letzten Release einigermaßen gestei¬ 
gert und überzeugen mich zunehmend, nicht zuletzt, weil 
ihre Texte weniger aufdringlich pubertär sind als noch bei 
den vorangegangenen Veröffentlichungen. „My life is only 
Rock’n’Roll / Even if I must get a job“, radebrecht Jeremie 
von den Donuts.Tja, wem sagt er das... (29:32) (8) 

Simon Loidl 

FALL OF TROY 
Manipulator CD 

EqualVision | FALL OF TROY hätten Helden werden kön¬ 
nen. Mit ihrem EqualVision-.Debüt „Doppelgänger“ haben 
sie es geschafft, ausnahmslos jeden für sich zu begeistern, 


ASBESTOS DEATH 
Dejection, Unclean MCD 

Southern Lord/Soulfood | Lustig: Vor einer halben Ewig¬ 
keit lernte ich in der Schlange vor dem Eingang des legen¬ 
dären Gilman Street-Clubs in Berkeley einen Typen ken¬ 
nen, der mir, nachdem 
ich erwähnt hatte, dass 
ich ein Fanzine mache, 
eine 7" seiner Band AS¬ 
BESTOS DEATH zusteck¬ 
te. Ich hatte die Band 
bald wieder völlig ver¬ 
gessen, doch jetzt halte 
ich diese 4-Song-CD in 
den Händen, auf der die 
jeweils zwei Songs der 
Singles „Unclean“ (da¬ 
mals von der Band selbst 
veröffentlicht) sowie 
„Dejection“ (auf Profane Existence) enthalten sind. Was die 
Sache interessant macht: ASBESTOS DEATH waren die di¬ 
rekte Vorgängerband von SLEEP sowie OM und HIGH ON 
FIRE, und die düsteren, brachialen Doom-Songs gingen 
nach dem Ende von AD ins SLEEP-Repertoire über. Dank 
eines guten Remastering-Jobs klingen die Songs besser als 
damals auf Vinyl, so dass alle Fans der Dope-Metaller hier 
bestens bedient werden. (20:00) (7) Joachim Hiller 

BASTARDS 
Schizo Terrorist LP 

Feathered Apple | Im Zuge der „Swisspunk“ -Buchver¬ 
öffentlichung fiel auch wieder Licht auf eine alte, beina¬ 
he vergessene Band aus Genf: THE BASTARDS hieß die For¬ 
mation, die vom aus Ägypten eingewanderten und da¬ 
mals, 1978, schon 3 0 Jahre alten Sandro Sursock gegründet 
wurde. Sandro war Sänger der Band, Marie-Pierre die Co- 
Chanteuse, und die Aufnahmen, die sich auf dieser LP fin¬ 
den, stammen aus dem Jahr 1978. Als die BASTARDS 1977 
ihre ersten Gehversuche machten, war das beschauliche 
Genf noch nicht auf Punkrock vorbereitet, und so artete 
das erste Konzert im November auch in eine deftige Schlä¬ 
gerei mit dem örtlichen Rockergesocks aus. Diese und zig 
weitere Anekdoten gibt’s in den sehr umfangreichen Liner- 
notes von Sandro zu lesen, die auf der Rückseite des der 
LP beiliegenden Posters abgedruckt sind, und wenn der 
schreibt, dass ihnen der New'Yorker Punkrock näher gewe¬ 
sen sei als der englische, trifft er damit den Nagel auf den 
Kopf: Teilweise klingen die Songs hier wie von den klei¬ 
nen Brüdern der HEARTBREAKERS gespielt, und wer weiß, 
womöglich hat das damit was zu t,un, dass die UN-Stadt 
Genf letztlich New York City kulturell näher war als Lon¬ 
don. Und dafür spricht dann auch, dass hier eine echt sehr 
gute Coverversion von Patti Smiths „Gloria“ enthalten ist. 
Ein absoluter Meilenstein des „Swisspunk", diese Aufnah¬ 
men, und deshalb unbedingt zu empfehlen. (8) 

Joachim Hiller 

BORN TO LOSE 
Old Sears CD 

peoplelikeyourecords.com | Wer auch nur annähernd et¬ 
was mit Streetpunk und Rock’n’Roll anfangen kann, kann 
mit einem blinden Griff in die People LikeYou-Releasekis- 
te mit Sicherheit noch nie falsch gelegen haben. So wird 
auch die neue BORN TO LOSE-Veröffentlichung keinen 
gestandenen Rocker leer ausgehen lassen. Allerdings han- 


der auf intelligente und verkopfte Musik steht. Die Band 
um Sänger und Gitarrist Thomas hat damals alles richtig 
gemacht, indem sie nämlich genau das gemacht haben, was 
ihnen gerade durch den Kopf ging. Das Ganze hörte sich 
dann an wie ein von der Leine gelassener Tiger, der tage¬ 
lang nichts zu fressen bekam. Nun haben FALL OF TROY 
aber ein Problem: „Manipulator“ hört sich wie eine B-Sei¬ 
ten Kollektion für „Doppelgänger“ an. Irgendwie klingen 
die Songs nicht so ganz ausgereiff und denen des Vorgän¬ 
geralbums sehr ähnlich. Dazu kommt noch, dass die drei 
eigentlichen Ausnahmetalente einen unheimlich peinli¬ 
chen Popsong („Oh! The casino!") aufgenommen haben, 
der nicht mal wie ein Aufmerksamkeit erhaschendes Ele¬ 
ment wirkt, sondern einfach nur nervt. Was bleibt, ist ein 
sehr bitterer Beigeschmack und die Frage, ob es nicht bes¬ 
ser gewesen wäre, wenn sich FALL OF TROY dann nicht 
doch beim Schreiben ihrer Songs ein bisschen länger Zeit 
gelassen hätten. (6) Sebastian Wahle 

GGG 


GASLICKER 

s/t CD 

gaslicker.de | Früher hätte ich ja gesagt, dass ich Bands, 
die MySpace- Seiten angeben, aus Prinzip nicht rezensiere. 
Jetzt, wo auch das Ox dort zu finden ist, geht das natürlich 
nicht mehr (aber vielleicht kann mir ja mal jemand erklä¬ 
ren, was genau der tiefere Sinn hinter MySpace ist). Frech 
finde ich trotzdem, dass GASLICKER ihre „Normal"-Site 
einfach mit „under construction“ versehen und stattdes- 
sen auf ihren MySpace-Auftritt verweisen. Wie auch im¬ 
mer. Auf ihrer in Eigenregie releaseten 4-Track-EP rocken 
die fünfWörmser zwar geschmeidig dahin, aber ein biss¬ 
chen fehlt mir das Feuer. Dafür haben sie sich aber einen 
schönen Cadillac fürs Cover-Posen ausgeliehen. Man wird 
noch von GASLICKER hören. (15:03) (6) Simon Loidl 

GOODS 
s/t CD 

tear-it-uprecords.nl | Die GOODS sind aus dem nieder¬ 
ländischen Eindhoven, und bei Neo-Rock’n’Roll aus die¬ 
ser Gegend denkt man unweigerlich an PETER PAN SPEE¬ 
DROCK. Entsprechend hoch liegt sofort die Latte und die 
GOODS hüpfen da nur mit großer Mühe drüber. Spee¬ 
drock sind die GOODS sicher keiner, aber das muss ja nicht 
unbedingt ein Nachteil sein. Die vier Holländer stehen mit 
einem Fuß ziemlich tief in der 80er-Hardrock-Tradition, 
mit dem anderen wühlen sie im Classic-Rock-Sumpf und 
peppen das Ganze mit dem einen oder anderen schnelleren 
Riff auf. Dabei gelingen den GOODS ein paar recht feine 
Nummern, die durchaus Lust auf mehr machen. (37:10) 
(7) Simon Loidl 

GROUNDZERO 
Head-On Collision CD 

gz-crew.de | Die Herren von GROUND ZERO aus Schwe¬ 
rin bezeichnen sich selbst als Mecklenburger-Hardcore - 
Walze. Okay, auf Schwerin wäre ich jetzt nicht unbedingt 
gekommen, wenn ich es nicht gewusst hätte, aber Hard- 
core-Walze kommt hin. Die Kapelle wurde mir von Tost 
von VOLXSTURM ans Herz gelegt, und ich muss sagen, der 
Mann hat ein Händchen beziehungsweise Öhrchen für 
gute Musik. GROUND ZERO haben sich übrigens im Jahr 
2001 formiert und nach „Hatezone“ aus dem Jahr 2003 ist 
„Head-On Collision“ nun die zweite Veröffentlichung der 
Band. Die Hardcore-typischen Tempowechsel und Arbeits¬ 
teilung beim Gesang gefallen mir bei den Jungs erstaunlich 


delt es sich hier um eine Zusammenstellung rarer Songs 
alter Platten und unveröffentlichtem Material. Und auch 
wenn die fünfTexaner 2000 schon große Singalong-Wor- 
king-Class-Pub-Punk-Hymnen geschrieben haben, so 
nimmt die üble Soundqualität selbst anspruchslosen Tau¬ 
genichtsen wie mir ein wenig die Freude. Wer noch nie et¬ 
was von BTL gehört hat, muss definitiv mit dem ’06er Al¬ 
bum „Sweet Misery“ anfangen. Für alle, die diese schon 
besitzen oder letztes Jahr auf ihrer ersten Europatour ein 
Bierchen mit den überaus sympathischen Kerlen getrun¬ 
ken haben, ist dieser Einblick in die Bandgeschichte natür¬ 
lich trotzdem Pflicht! (47:35) (7) MarioTuriaux 

BLACKOUT ARGUMENT 
Munich Angst MCD 

Bastardized | Die Erstauflage von „Munich Angst“ auf dem 
englischen Label Engineer Records war innerhalb kürzes¬ 
ter Zeit ausverkauft und so gibt es nun eine zweite Auflage 
mit neuem Artwork und zusätzlichem Video auf Bastardi¬ 
zed. Dass hier ehemalige Mitglieder von PAINTTHETOWN 
RED und FLYSWATTER mit von der Partie sind, kann man 
durchaus hören: Hardcore-Riffs treffen auf kraftvollen, 
melodischen Gesang. Ist etwas moderner als PTTR, wobei 
ich auch gut ohne die melodischen Gesangsparts auskom- 
men würde, aber das scheint ja unumgänglich zu sein. Gr¬ 
undsolide, nicht mehr, nicht weniger. (14:22) (6) 

Thomas Eberhardt 

BRAINBOMBS 

s/t CD 

myspace.com/pollymaggoorecords | In den vergange¬ 
nen Jahren habe ich vid gehört, und ich bin einiges ge¬ 
wohnt, was Noise, Krach oder schlichte Lärmbelästigung 
angeht, aber was die BRAINBOMBS aus Norwegen zeleb¬ 
rieren, das wird unter Missachtung der Menschenrechte si¬ 
cher auch in Guantänamo erfolgreich für den Schlafent¬ 
zug eingesetzt. Unglaublich, wie eine Band, die - wie auf 
den Live-Aufnahmen am Ende der CD zu hören ist - einst 
einen derart flotten und wuchtigen Sound hatte, ihr Tem¬ 
po und ihr „Können“ derart drastisch reduziert hat, um ei¬ 
nem so vordergründig „dilletantisch“ auf die Nerven zu 
gehen. Dass das allerdings alles andere als Dilettantismus 
ist, was hier regiert, stellt man sehr schnell fest, denn hier 
passt der Krach zum Thema, ohne zum reinen Selbstzweck 
zu verkommen. Die harten Tough Guys können mit dieser 
Band wirklich einmal ausloten, wie hart sie tatsächlich im 
Nehmen sind oder wie weit ihre musikalischen Grenzen 
gesteckt sind. Der harte Stoff, das sind die BRAINBOMBS, 
die einstige Debilokönige wie die DRUNKS WITH GUNS 
(nach der ersten 7“ denkt man noch „ha, Drunks gehört!“) 
wie nüchterne Antialkoholiker mit Hochschuldiplom aus- 
sehen lassen. Thematisch dreht sich übrigens alles tun den 
Schmutz, den man lieber nicht in seiner Nachbarschaft ha¬ 
ben möchte, von daher ist das schneeweiße Cover schon 
der allererste Schlag ins Gesicht. The real shit! (10) 

kalle stille 

BEERZONE 

Against The Flow/Strangle All The Boybands CD 

Overground | Das mittlerweile zehn Jahre alte Label Over- 
ground Records aus Newcastle veröffentlicht hier das zwei - 
te und das dritte Album der britischen Streetpunks BEER¬ 
ZONE zusammen auf einer CD. Dabei sind diese beiden Al¬ 
ben der Band unfassbar unterschiedlich. „Strangle All Boy¬ 
bands“ erschien 2001 und stand als Zweitling dem Debüt 


gut, obwohl ich normalerweise aus dem Bereich nicht be¬ 
sonders viel mag. Auch wenn der Spaß nach knapp siebzehn 
Minuten schon wieder vorbei ist, macht „Head-On Colli¬ 
sion“, das ja eigentlich schon seit 2005 draußen ist, mich 
neugierig auf den für diesen Sommer geplanten Nachfol¬ 
ger. Und live kommen die bestimmt auch nicht schlecht. 
(16:58) (7) ClaudiaLuck 

GODDAMN WHORES 
We Are The Lucky Thirteen CD 

Round/Cargo | Klassische Variante der Geschichte mit 
dem Buch, dem Umschlag und dem Vorurteil. Bei dem Na¬ 
men und dem Sheriffstern auf dem Cover war ich sozu¬ 
sagen von Kopf bis Fuß auf Country oder vielleicht noch 
Folk eingestellt. Aber völlig daneben gezielt, dabei roch es 
so verdächtig nach akustischem Alleingang. Aber nur fast, 
auch wenn hinter den.GOD DAMN WHORES hauptsäch¬ 
lich Jon Poole (CARDIACS, Teilzeit-WILDHEART) steckt. 
Produced, written und auch sonst alles von ihm selbst, er¬ 
wähnenswert in dem Zusammenhang die Besetzung der 
Bassistennebenrolle mit Ginger (Vollzeit-WILDHEARTS). 
Und dann nix mit lahmer „Unplugged“-Selbstverwirkli¬ 
chung. Sondern ein munterer Parforce-Ritt durch Glam, 
Punk, Pop, Rock, der sich ganz klar vor all den Pferden ver¬ 
beugt, die schon auf diesem Turf trabten. Kurzweilig, un¬ 
terhaltsam, eingängig, und schön britisch, schön snotty. 
Herz, was willst du mehr? Unbedingt im Laden oder im 
www mal reinhören. (40:05) (8) Tom Küppers 

GILJOTEENS 
Out Of Our Hands CD 

copasetic.de | In wenigen Ländern - ausgenommen viel¬ 
leicht Griechenland - wird die Tradition des nordosta¬ 
merikanischen Moody-Garage-Punk so kompromisslos 
und talentiert fortgefuhrt wie in Schweden. Neben Jens 
Lindbergs MAHARAJAS sind die GILJOTEENS zweifellos 
die Speerspitze der Bewegung. Und mit ihrem neuen Al¬ 
bum auf dem sympathischen CopaseDisques-Label gießen 
sie fleißig alle Zutaten nach Formel M zusamen, um wie 
eine verpickelte New-England-Teenbeat-Combo zu klin¬ 
gen. Dazu gehört neben der herrlich jaulenden Farfisa-Or- 
gel natürlich der obligatorische Fuzztone, mehrstimmige 
Background-Vocals, schön traurige Melodien, Texte vol¬ 
ler Pessimismus und Melancholie, und das Bewusstsein, 
dass man niemals die scharfen Bräute abbekommen wird, 
die sie in ihren flehenden Lyrics besingen. Also eigentlich 
eine reine Losertruppe, wären die Songs nicht so extrem 
gut komponiert, spielten sie nicht so dermaßen locker auf 
den Punkt, wie sie es nun mal tun. Zehneinhalb großartige 
Eigenkompositionen und eine Zusammenarbeit mit Jens 
Lindberg, das reicht für allerlei verregnete Frühsomnerta- 
ge! (8) Gereon Helmer 

GUILTY GUITARS 
Days Of Golden Wealth CD 
Walk By Your Side MCD 

guiltyguitars.com | Die GUILTY GUITARS aus Hamburg 
haben hier gleich ihre komplette Diskografie geschickt. 
Der Bandname klingt verdächtig nach Schweinerock, aber 
damit hat das Trio zum Glück wenig zu tun. Vielmehr er¬ 
wartet den Hörer eine erstaunliche Bandbreite an Stilen, 
die sich über beinahe psychedelische Rocknummern über 
klassischen Alternative bis hin zu beatle-esken Popsongs 
erstreckt. Zumindest für den Erstling konnte die Band so¬ 
gar den deutschen Rock & Pop-Preis für das beste Alter¬ 
native-Album des Jahres 2006 einheimsen. GG sind also 
umtriebiger als ich vermutet habe. Vielleicht klappt es ja 
wirklich mit der avisierten Aufnahme eines Live-Albums 


„They Came.They Saw.They Conquered“ in puncto Ficken, 
Saufen, Oi! in nichts nach. Songs wie „Drinking legend“, 
„Posh Spiee“ und „Punk rock party" sind zwar klasse Songs, 
aber insgesamt war mir „Strangle All The Boybands“ zu 
einseitig prollig. Live macht das noch Sinn, aber zu Hau¬ 
se und nüchtern irgendwie nicht mehr. „AgainstThe Flow“ 
hingegen, das 2004 rauskam, klang und klingt wesentlich 
reifer und einfach wie ein straightes Streetpunk-Album: 
Keineswegs langweilig aber auch nicht auf Teufel komm 
raus prollig und lustig. Worauf ich mich aber weitaus mehr 
freue als über dieses Re-Release, ist das anstehende neue 
Album der Band mit dem Arbeitstitel „Kingdom Of The 
Dead“, das für den Sommer ansteht, sowie die obligatori¬ 
sche Tour. Ich bin mal gespannt. (7 3:00) Claudia Luck 

FRANK BLACK 
93-03 CD 

Cooking Vinyl/Indigo | Ich dachte zwar, ich würde mal 
zwei Monate lang von einer neuen Frank Black-Platte ver¬ 
schont, da erscheint doch zufälligerweise ein „Best Of ‘ des 
ehemaligen PIXIES-Frontmannes, wenn man deren Reu¬ 
nion als eher temporäres Ereignis versteht. Der berühmt- 
berüchtigte Karriereüberblick also mit 22 Tracks plus ei¬ 
nem versteckten neuen Song vom kommenden Album. 
Die ersten vier Songs, „Los Angeles", „Ten percenter“, 
„Czar“ und „Old black dawning“, sind auch noch richtig 
klasse, stammen sie doch von Blacks erster, durchweg gu¬ 
ter 1993er Solo-Platte, was Besseres hat der Mann niemals 
mehr gemacht, zumal er da noch nicht völlig den Kon¬ 
takt zum PIXIES-Sound verloren hatte und hier CAPTAIN 
BEEFHEART/PERE UBU-Mitstreiter Eric Drew Feldman 
beteiligt war. „I want to live on an abstract plain“, „Calis- 
tan“, „Speedy Marie“, „Headache“ und „Freedom rock“ 
vom 1994er Nachfolger „Teenager OfTheYear“ gehen auch 
noch okay, wobei sich Black hier schon deutlich konven¬ 
tioneller präsentiert und offenbar von einem komischen 
Singer/Songwriter-Virus befallen ist, was seitdem alle sei¬ 
ne Platten auszeichnet. Mit „The Cult Of Ray“ war Black 
aber bereits 1996 an einem seltsamen Tiefpunkt angekom¬ 
men, denn der redundante Radiorock der Platte konnte 
höchstens Besucher irgendwelcher Riesenfestivals begeis¬ 
tern. Seitdem produziert Black leider nur noch Platten, die 
den einen oder anderen durchaus sehr schönen Song be¬ 
sitzen, aber wirklich in keinster Weise die Brillanz der frü¬ 
hen PIXIES - auch die hatten nach „Doolittle" ihren Ze¬ 
nit überschritten - oder seiner ersten Platte besitzen, halt 
Rockmusik für eher anspruchslose Gemüter, die höchstens 
noch durch Blacks charakteristischen Gesang eine beson¬ 
dere Note bekommt. Wer also bereits diverse Black-Plat¬ 
ten im Schrank stehen hat, braucht diese Compilation si¬ 
cherlich nicht, ansonsten würde ich eher die Anschaffung 
von dessen ersten beiden Platten empfehlen. Und der neue 
Song „Threshold apprehension“ klingt überraschender¬ 
weise doch wieder verstärkt nach den PIXIES, vielleicht 
kann uns Black ja doch noch mal wirklich überraschen. 

Thomas Kerpen 

BUSINESS 
Keep The Faith CD 

CaptainOi!/Cargo | 1994 erschien dieses Album der auch 
damals schon alten Oi!-Helden um Micky Fitz zum ers¬ 
ten Mal, damals auf Century Media. Die Platte wurde zu 
der Zeit als Comeback-Album der Band gefeiert, was sie 
ja auch war, denn obwohl man sich nie aufgelöst hatte, gab 
es etwa sechs Jahre lang nichts von THE BUSINESS zu hö¬ 


in der Royal Albert Hall. Vermutlich aber eher nicht. Der 
Schritt zwischen den beiden bisherigen Veröffentlichun¬ 
gen ist subtil, aber spürbar. Das klingt nicht unbedingt bes¬ 
ser, dafür hat die Band ihre Grenzen noch ein bisschen wei¬ 
ter ausgetreten. Gerade diese Vielfalt macht mir allerdings 
etwas zu schaffen, ich würde mir einen deutlicheren roten 
Faden wünschen. (42:05/27:13) (5/5) Christian Meiners 

GRANNIES 
Gumjob CD/DVD 

wondertaker.com | Die alten Männer in noch älteren 
Oma-Klamotten melden sich mit ihrem vierten Long- 
player zurück. Geboten wird, wie gehabt, 13 Mal punki- 
ger Rock’n’Roll, hauptsächlich im entspannten Midtempo, 
gespickt mit flotten Eine-Minute-Nummern. Für die fet¬ 
te Aufnahme sorgte Seattles Mastermind Nr. 1, Jack Endino. 
Insgesamt eine witzige Angelegenheit, aber bis auf die Ver¬ 
kleidungen als Großmütter nichts Neues. Bei mir springt 
der Funke jedenfalls einfach nicht über! Die DVD über ihre 
05er Europatour beschränkt sich leider auf Konzertmit¬ 
schnitte und ein paar Aufnahmen von Leuten an und in ei¬ 
nem Van. Keine Witzigkeiten, keine interessanten Dialoge 
oder Bilder, nur ein seltsamer Filter über den Aufnahmen, 
der das Ganze noch etwas unansehnlicher macht. (42:34) 
(5) MarioTuriaux 

GERIATRIC UNIT 

Nuclear Accidents EP MCD/12“ 

plasticbombrecords.de/Cargo | Na, auch wenn man die 
Vier^g bereits überschritten haben sollte, von der Geria¬ 
trie ist man da aber noch weit entfernt. Vor allem, wenn 
man wie GERIATRIC UNIT mit einer Energie und Wucht 
zu Werke geht, die viele jüngere Bands ganz blass ausse- 
hen lassen. Alte Bekannte sind diese Engländer hier, Bassist 
Kalv und Schlagzeuger Steve einst bei den legendären HE- 
RESY aktiv, deren Komplettwerk ja kürzlich via BossTune- 
age neu veröffentlicht wurde. Und da man alte Gewohn¬ 
heiten anscheinend auch mit Mühe so schnell nicht wieder 
loswird, haben die beiden nach zig teilweise deutlich nicht 
nach HERESY klingenden Bands und Projekten mit GER¬ 
IATRIC UNIT die Lust am Prügeln wieder entdeckt. Er¬ 
gänzt durch Gitarrist Jim und Sänger Gords (ebenfalls Sze¬ 
ne-„Veteranen“) und nicht nur altersbedingt frei von jeg¬ 
lichen Szene- oder Business-Zwängen knüpfen Kalv und 
Steve zwar nicht genau da an, wo HERESY 1989 aufhörten, 
entfernen sich aber auch nicht allzu weit davon. Getrieben 
von Steves nach wie vor unglaublich schnellem und den¬ 
noch präzisem Schlagzeugspiel rasen GERIATRIC UNIT in 
knapp über zwölf Minuten durch elf Songs, für die der Be¬ 
griff Hardcore nicht passender sein könnte: Harter, schnel¬ 
ler Punkrock mit durchdachten und intelligenten Texten; 
keine Klischees, keine Spielereien, kein Blendwerk. (8) 

Andre Bohnensack 

GOON MOON 
Licker’s Last Leg CD 

Ipecac/Soulfood | Bei GOON MOON kann man erst mal 
wundervolles Namedropping betreiben, denn hier haben 
sich mit Chris Goss und Jeordie White zwei Lichtgestal¬ 
ten des Alternativerocks zusammengetan. Ersterer spielt bei 
MASTERS OF REALITY, und zweiterer ist besser bekannt als 
Twiggy Ramirez, der ehemalige Mitstreiter von „Schockro¬ 
cker“ (wie ich diese Kategorisierung liebe, sicher eine Er¬ 
findung der CDU) Marilyn Manson und Bassist bei A PER¬ 
FECT CIRCLE und NIN. Mit „I GotA Brand New Egg Layin’ 
Machine“ hatten sie bereits vor zwei Jahren ihre stilistische 
Unberechenbarkeit demonstrieren können, was aber nicht 
so recht überzeugend rüberkam. Jetzt sind sie bei Ipecac 


/RE-RELEASES 


ren. Nach dreizehn Jahren ist es dann auch okay, ein Album 
das tatsächliche eine ganze Reihe der größten Hits von THE 
BUSINESS enthält, für die vielen nachgewachsenen Fans 
noch mal neu zu veröffentlichen. Und wenn, dann natür¬ 
lich remastert und im Digipak. Und auch selbstverständ- * 
lieh, dass das Mark „Captain Oi!“ Brennan macht, der ja 
nicht zuletzt auch selbst einst bei THE BUSINESS den Bass 
quälte. Neben Klassikern wie „Maradona“, „Viva Bobby 
More“ und „Backstreet Billy“ gibt es noch als Bonus „Any- 
where but here“ von der gleichnamigen EP und die Single¬ 
versionen von „All out“ und „You’re going down in histo- 
ry“. Die Aussage, dass die Band mit dem Album, Zitat: „den 
Grundstein für die gesamte Streetpunk - Bewegung gelegt“ 
habe, halte ich zwar für ein ganz klein wenig vermessen, 
aber mit einem großartigen Album haben wir es hier trotz¬ 
dem zu tun und wer es nicht sowie schon hat, für den wür¬ 
de es sich anbieten, das jetzt nachzuholen. (46:06) 

Claudia Luck 

BROTHER BRICK 
Stranded In The Nineties 2CD 

offthehip.com.au | Das in Melbourne ansässige Label Off 
The Hip veröffentlicht nicht nur CDs aktueller australi¬ 
scher Bands, sondern sieht sich auch in vorbildlicher Wei¬ 
se der Traditionspflege verpflichtet. Und so erscheinen 
hier regelmäßig komplette Werkschauen von Bands, die 
nicht unbedingt immer in vorderster Reihe standen, aber 
der weltweiten Gemeinde von Kennern des Aussie-Rocks 
durchaus bekannt sind. Der neueste Release ist BROT¬ 
FIER BRICK gewidmet, die in den Neunzigern in Syd¬ 
ney aktiv waren und auf einer ganzen Reihe von Releases 
eine schnörkellose Mischung aus Detroit-Rock, Punk und 
klassischem Oz-Rock zu Gehör brachten. Über die Jah¬ 
re spielten bei der aus Ex-Mitgliedern von PROTON EN¬ 
ERGY PILLS und HORNYTOADS bestehenden Band auch 
(Ex-)Mitglieder von ASTEROID B-612, CELIBATE RIF¬ 
LES, TUMBLEWEED und NEW CHRISTS, und wenn man 
sie musikalisch in die Nähe von RADIO BIRDMAN und 
SAINTS rückt, wird sicher niemand eingeschnappt reagie¬ 
ren - oder das gar als Anmaßung auffassen. Enthalten sind 
hier alle Studioaufnahmen, inklusive der des auf dem fran¬ 
zösischen Label Hellfire Radio erschienen Albtims „A Por¬ 
table Altamont“, der Debüt-EP „Getting Beyond The Shit” 
und der 7“ auf Estrus, und die ganze, ausführliche Story 
lässt sich im dicken, reich bebilderten Booklet der Dop¬ 
pel-CD nachlesen. Pflichtstoff für jeden Oz-Rock-Fan! (8) 
Joachim Hiller 

BULEMICS 

... Still Too Young To Care CD+DVD 

scareyrecords.com | Okay, der Hinweis auf dem Sticker, 
dass das hier für Freunde der DWARVES und Konsorten ist, 
macht gleich zwei Dinge deutlich: 1. Die BULEMICS ken¬ 
nen weniger Leute als die DWARVES. 2. Es hat einen Grund, 
warum dem so ist! Selbst Austin, Texas reißt da nicht die 
Latten vom Zaun, denn auch in der hipsten Stadt gibt es 
Bands, die nicht für die erste Liga taugen. Und die BULE¬ 
MICS waren nie erstligatauglich, so Leid mir das auch tut. 
Na, eigentlich tut’s mir überhaupt nicht Leid. Das Sam¬ 
melsurium aus allen Schaffensphasen der Band haut mich 
ebenso wenig vom Hocker wie die DVD mit Live-Aufnah¬ 
men, Fotogalerie, Clips und dem ganzen Schnickschnack. 
Aber es muss ja auch Leute geben, die auf die weniger gut 
aussehenden Mädchen abfahren. (4) kalle stille 



OX-FANZINE 70 






REVIEWS 


gelandet lind praktizieren dieses Spielchen noch einmal, 
diesmal mit Gastauftritten von Zach Hill (HELLA), Josh 
Freese (THEVANDALS/A PERFECT CIRCLE), Josh Homme 
(QOTSA) oder Dave Catching (EODM/MONDO GENERA¬ 
TOR). „Licker’s Last Leg“ scheint dabei in dem Bemühen zu 
stehen, sämtliche musikalischen Spielarten der letzten 30 
bis 40 Jahre in einen Alternativerock-Kontext zu pressen, 
in dem eine Coverversion der BEE GEES ebenso möglich ist 
wie überdeutliche QOTSA-Referenzen, etwa beim wirk¬ 
lich sehr coolen „Balloon?“ - oder das Ganze vermischt 
sich auch einfach mal in einem einzigen Song. Eine unter¬ 
haltsame wie anstrengende Platte, die neben einigen eher 
nervtötenden experimentellen Momenten, etwa wenn 
man sich in Prog- und Krautrock-Gefilde begibt, auch ei¬ 
nige wirklich brillante Songs aufzuweisen hat, wie eben 
besagter BEE GEES-Song „Every Christian lion hearted man 
will show you“, der bei GOON MOON ins Beatle-eske ab- 
driftet. Aber diese Platte wäre sicher nicht auf Mr. Pattons 
Label gelandet, wenn man zwischendurch nicht immer 
wieder mal versuchen würde, dem Zuhörer gehörig den 
Spaß zu verderben. Es gibt viel zu entdecken auf „Licker’s 
Last Leg“, aber das erfordert schon mehrere intensive Hör¬ 
durchgänge. (8) Thomas Kerpen 

GOLDEN REEF 
Mockery Moaning CD 

Golden Reef/Alive | Jawohl, das rockt und rollt! Vor al¬ 
lem Letzteres wird ja heutzutage nur zu gerne vergessen. 
Seit 2002 ist es mit der ffiedlichen Vorarlberger Dorfidyl¬ 
le vorbei, denn seitdem treibt dort ein verdammt cooles 
Rock’n’Roll-Monster sein Unwesen. Vier junge Männer 
aus Österreich fühlen sich sowohl der Tradition als auch 
der Moderne verpflichtet. OASIS? Bob Dylan? CREEDENCE 
CLEARWATER? BEATLES?? Nein, besser, das ist GOLDEN 
REEF. Melancholische rockende Songs für verlorene Seelen, 
die gerne spontan in den Nachtzug springen, ohne vor¬ 
her langfristig zu planen. „Get on the train and let’s roll“ 
als Grundgedanke. Ja, das macht Sinn. Oder nein, es macht 
eben keinen Sinn, denn das ist ja das Schöne daran. GOL¬ 
DEN REEF verbinden eine gewisse typisch britische, aber 
ganz und gar nicht arrogante Attitüde mit einem ur-ame¬ 
rikanischen Blues/Folk-Ansatz. Irgendwo zwischen Mod 
und Britpop, zwischen amerikanischer Weite und Lon¬ 
doner Enge entstehen zehn wunderschön verträumte 
Rock’n’Roll-Songperlen. Wann geht der nächste Zug bit¬ 
te? (34:01) (8) Robert Buchmann 

HHH 


HEADLESS HORSEMEN 
Bonebreak Boogie CD 

Rs/Cargo | „Hard Rockin’ Psycho Boogie“, so bezeichnet 
das Trio aus Halle, das schon mal als Support für die legen¬ 
dären QUAKES gespielt hat, den eigenen Stil. Und ich fin¬ 
de das trifft es schon ganz gut. Neo-Rockabilly- und Psy- 
chobilly-Bands haben ja grundsätzlich schon mal einen 
schweren Stand bei mir, da ich doch ein ziemlicher 50ies- 
Rockabilly-Purist bin, und dennoch, die kopflosen Reiter 
haben mich mit ihren zwölf Eigenkompositionen mehr als 
überzeugt. Das liegt zum einen an der sehr gut eingesetzten 
markant-erdigen Punk-Edge, die den meisten Songs zu¬ 
grunde liegt. Zum anderen an der Vielseitigkeit von „Bo¬ 
nebreak Boogie“. So findet der Psycho sehr feine, klassi¬ 
sche Psychobilly-Nummern wie zum Beispiel das Titel¬ 
stück „Bonebreak boogie“, wo sich zeigt, dass man wohl im 
eigenen Plattenschrank jede Menge Anagram-Releases hat. 
Sänger Thomas „Fisch" Fischer weckt da schon mal Assozi¬ 


ationen an METEORS-Legende Paul Fenech. Aber auch der 
traditionelle Pomaden-Träger wird mit „Bonebreak Boo¬ 
gie“ nicht enttäuscht, denn lässige Neo-Rockabilly-Hym- 
nen wie „Go back“ (mein persönlicher Favorit des Albums) 
und „Used to bad luck“ oder mörderische Balladen wie 
„Steak knife baby“ sind der perfekte Soundtrack für die 
samstägliche Fahrt zum Autokino. Natürlich bei Vollmond. 
(38:45) (8) Robert Buchmann 

HORRORS 
Strange House CD 

Universal | Sind die Gene versaut, kann die Erziehung auch 
nichts mehr nützen. Aber: Bei THE HORRORS stimmen die 
bei der ersten Probe „Jack 
the ripper“ von Screa- 
ming Lord Sutch (der 
Opener des Albums!) 
und „The witch“ von den 
SONICS gespielt, und das 
war entweder Ausdruck 
guten Geschmacks oder 
reines Style-Posing. Wie 
auch immer, seitdem hat 
der Fünfer aus dem eng¬ 
lischen Southend eine 
steile Karriere hingelegt 
und nach diversen Sin¬ 
gles 2006 gleich für das 
erste Album einen Majordeal unterschrieben. Das macht 
misstrauisch (die Garage-Szene lästert schon), riecht nach 
unangemessenem Hype, doch auch nach zig Hördurchläu¬ 
fen hat mein Spaß an dieser Platte nicht nachgelassen, die 
ein von spooky Orgelläufen geprägter Mix ist aus klassi¬ 
schem Sixties-Garage-Punk, sprödem Post-Punk ä laTHE 
FALL (an Mark E Smiths seltsamen Gesangsstil und den ei¬ 
genwilligen FALL-Rhythmus fühle ich mich hier immer 
wieder erinnert), CRAMPS-Billy, trashigem Horrorpunk 
und nicht zuletzt auch einer guten Dosis Früh-Achtziger 
Goth/Wave - dass die Band auch mal gerne JOY DIVISION 
covert („No love lost“), kommt da nicht von ungefähr. Alles 
in allem also eine ungewöhnliche Mischung aus bekannten 
Zutaten, frech kombiniert, aber das Ergebnis ist so feurig, 
wild und mitreißend, dass man „Strange House“ nur mit 
Bewunderung gegenüber stehen kann: Da hat eine junge 
Band diverse Leichen gefleddert und scheint damit auch 
bei der Stilpolizei durchzukommen. Ach ja: Bitte nicht mit 
THE HORROS aus Cedar Rapids, IA, USA verwechseln, die 
auf In The Red veröffentlichen. (34:55) (8) Joachim Hiller 

HOODS 

Ghettoblaster CD 

alveranrecords.com | „Ghettoblaster“ heißt es also das 
neue Album der HOODS, die 2005 ihr bereits zehnjäh¬ 
riges Jubiläum feierten und der Name ist zweifellos Pro¬ 
gramm. HOODS aus Sacramento standen und stehen nach 
wie vor für hoch qualitativen Tough-Guy-NYC-Hardco- 
re. Man kann sagen, dass sie in diesem Genre schon eine 
echte Instanz geworden sind. Im direkten Vergleich zum 
2005er-Album „The King Is Dead“ und natürlich umso 
mehr im Vergleich zu den Releases aufVictory Records, ist 
auf „Ghettoblaster“ der Oldschool-Faktor noch markan¬ 
ter geworden, was mir persönlich sehr gut gefällt. So ge¬ 
hören Nummern wie das geniale „Willie Nelson and a 
twelve pack“ und „Don’t fight, let’s party tonight“ oder das 
nur 57 Sekunden lange „Beat cops" zu den besten Num¬ 
mern die ich bisher von der Band aus der kalifornischen 
Bay Area gehört habe. Ich würde mir allerdings wünschen, 
dass die HOODS in Zukunft noch mehr in Richtung AG- 


NOSTIC FRONT, MADBALL und SOIA gehen und Metal- 
core-Stumpfsinn ä la HATEBREED zur Gänze ad acta legen. 
Alle, die schon jetzt eingeschworene HOODS-Fans sind, 
werden „Ghettoblaster“ aber auf jeden Fall mit Leichtigkeit 
in den nächsten Moshpit befördern. (22:21) (6) 

Robert Buchmann 

Hl TERESKA 
Winter im Herzen CD 

hitereska.de/flightl3.com | Was machen eigentlich 
... EINLEBEN? Die Band aus dem äußersten Westen von 
Deutschland war bis Anfang der Neunziger recht aktiv, ver¬ 
öffentlichte einige schöne Platten mit melodiösem, post- 
punkigem Gitarrenrock. Doch irgendwann war dann 
klammheimlich Schluss, doch siehe da, man war nicht un¬ 
tätig und hat mit HI TERESKA (die eckigen Klammern um 
den Namen spare ich mir mal) einen Neustart hingelegt. 
Wichtigster Unterschied: Sängerin statt Sänger, der Name 
wird nirgendwo verraten, oder lautet der womöglich Te- 
reska? Und die süßlich-rauhe Stimme der Frontfrau ist es 
auch, die den Sound sehr prägt, erinnert sie doch an diver¬ 
se einschlägig bekannte Chanteusen bekannterer deutsch¬ 
sprachiger Popbands mit deutschen Texten und hat so gar 
nichts von rotziger Punksängerin. Schadet nichts, wenn 
man das mag, ist aber womöglich Ansatzpunkt zu Kritik. 
Musikalisch sind HI TERESKA angenehm schwerfälliger, 
noisiger Gitarrenrock im unteren Geschwindigkeitsbe¬ 
reich, angenehm wuchtig und von PIXIES, SONICYOUTH 
und Co. geschult, ein gekonnter Spagat zwischen Lärm und 
Pop also. Und: Mächtig lang ist das 14 Songs umfassende 
Album. (54:20) (7) Joachim Hiller 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

HALLO KWITTEN 
Gurus Of Peace CD/LP 

Rookie/Cargo | Was zunächst (Artwork sei Dank) anmu¬ 
tet wie eine Meditations-CD aus dem Tchibo-Shop, ist in 
Wahrheit ein Konzentrat aus 100 Jahren Punkrock. Die 
Karre läuft (Klimawandel 
fück off) mit 100 Pro¬ 
zent Meerwasser, was auf 
die Herkunft dieser Old¬ 
school-Streber schließen 
lässt. Es geht was, an der 
Küste. Nein, will mei¬ 
nen: es rennt gar. Sag¬ 
te ich Streber? Ja, genau. 
Denn hätten Gerri, Kwi- 
xie und Piet (trommelt 
nebenbei noch bei den 
allseits geschätzten TUR- 
BOSTAAT) geschwänzt, 
würde sich der mir vorliegende Tonträger wohl kaum so 
brachial frühlingsfrisch nach mit Wut tapezierten und tes¬ 
tosteronverkleisterten Punker-Herzen anhören. Als wären 
die 80er erst gestern gewesen und die Hälfte der CIRCLE 
JERKS nicht bereits mit ihren Familien in Reihenhäusern 
gezogen ... Kleister? Tapezieren? Was!? Na, ist doch easy, ey: 
Handwerk hat goldenen Boden und diese drei Gurus kom¬ 
men straight fforn the Meisterschule, so sieht das aus. Jür¬ 
gen von Rookie hat trotz G8-Geheule und Wirtschaftsge¬ 
jammer eine CD gemacht, die es lohnt, auf den Sparkurs zu 
scheißen und sein Taschengeld in den Punkrock-Laden eu¬ 
res Vertrauens zu schleppen. Also los, in die Puschen kom¬ 
men und sich die „Gurus Of Peace“ ins Haus holen. RAF 
war gestern, heute ist Chakra-Punk! Peace an die Küste, 
Krieg den Palästen! Jörkk Mechenbier 


HELLBATS 
Unleashed’n’Alive CD 

Kicking/Productions De LTmpossible | Angesichts der 
Bandfotos und der (übrigens sehr gelungenen) Horror¬ 
comic-Aufmachung dieser CD hab ich dieses französische 
Trio gleich mal ganz schnell in die Hör rorpunk/Psycho - 
billy-Ecke geschoben. Ansatzweise ist das auch richtig, aber 
das Besondere an den HELLBATS ist, dass sie diesen Sound 
zusätzlich noch mit einer gehörigen Metalkante kombi¬ 
nieren. Oder wie die Band selber singt: „We’re born hea¬ 
vy rockers, born psycho rockers“. Die Musik würde ich 
von daher fast als ein düsteres Konglomerat aus den MIS- 
FITS, NEKROMANTIX und PANTERA umschreiben, wo¬ 
bei, nebenbei bemerkt, vom handwerklichen und produk¬ 
tionstechnischen Standpunkt alles geboten wird, was eine 
gute Scheibe benötigt. Zwar muss ich zugeben, dass die 
HELLBATS nicht so ganz den Sound machen, den ich mir 
permanent in meiner Freizeit anhöre, aber wer mit den 
genannten Vergleichen etwas anfangen kann, sollte die 11 
Songs auf dieser Scheibe unbedingt anchecken! (38:53) 

Bernd Fischer 

HECUBA 

Something To Wake Up To MCD 

Rat Trap | Erstaunlich, wie klein die Welt ist: HECUBA 
klingen wie ESACPE THE FATE und sind dabei nicht mal 
Amerikaner ... Das zweite Lebenszeichen der jungen Band 
aus Mosel verdeutlicht, wie wichtig es ist, dass die Chemie 
in einer Band stimmt, so dass man sich gegenseitig ergän¬ 
zen kann. Schon die erste Show der Band soll auf gewis¬ 
se Leut« einen so großen Eindruck gemacht haben, dass es 
quasi sofort von der Bühne ins Studio, ging um dort das 
Demo „Stay WhereYou’ve Never Been“ einzuspielen. Dass 
es einen Unterschied zwischen Screamo an sich und gutem 
Screamo gibt, verdeutlichen die fünf Jungs auf ihrem neu¬ 
en Werk „Something To Wake UpTo“: Zwar klingen die Ge¬ 
sangsstimmen nicht immer gerade (aber macht das nicht 
sogar Screamo aus?), dafür reißen die eigentlich fast schon 
perfekten Songs im Gesamten alles raus. Die vier Songs ha¬ 
ben irgendwie alles, was man für eine gute Screamo-Band 
braucht: gute Gesangslinien, explosive Riffs und tolle Me¬ 
lodien. Find ich gut. (8) Sebastian Wahle 

MICK HARVEY 
Two Of Diamonds CD 

mute.de | Während Mick Harvey sein 2005er Soloalbum 
„One Man’s Treasure“ quasi im Alleingang einspielte, gibt 
es auf „Two Of Diamonds“ eine richtige Band unter an¬ 
derem mit den beiden BAD SEEDS James Johnston und 
Thomas Wydler. Herausgekommen sind zwölf musikali¬ 
sche R eminisz enzen an australische Bands wie die SAINTS, 
von „Photograph“ bis hin zu „Sad dark eyes“. Dieser Titel 
stammt von der australischen Popband THE LOVED ONES 
un d wurde bereits schon zu BIRTHDAY PARTY- Zeiten 
von Harvey und Co. gecovert. Aber warum soll ich über 
Mick Harvey eigentlich noch große Worte verlieren? Ob 
als Multi-Instrumentalist, Songschreiber oder Produzent, 
Mick Harvey liefert immer erstklassige Ware ab. Am beein- 
druckensten finde ich einen Song, der fast ohne die typi¬ 
sche Schwermut auskommt, und zwar „Out of time man“ 
ein MANO NEGRA-Titel sowie das Scldussstück: „Home 
is far from here“ stammt von dem letzten CRIME & THE 
CITYSOLUTION-Album „Shine“ und negiert gleich wie¬ 
der die durch „Out of time man“ aufgebaute beschwingte 
Stimmung. „Two Of Diamonds“ hat so viel Tiefe, dass hier 
eine adäquate Auseinandersetzung eindeutig den Rahmen 
sprengen würde. (39:01) (9) Kay Wedel 


Gene. Angeblich wurden 2005 




CH3 


CHANNEL3 

l’ve Got A Gun / After The Lights Go Out CD 

captainoi.com/ Cargo | Ein absolutes Muss in jeder Plat- 
ten-Sammlung, die in Sachen frühen L.A.-Punkrocks auf 
Vollständigkeit besteht, sind die Releases von CH3. Für 
mich definieren sie zu¬ 
sammen mit CIRCLE 
JERKS und ADOLES- 
CENTS den sowohl ag¬ 
gressiven wie melo¬ 
diösen südkalifomi- 

sehen Punkrock-Sound 
der frühen Achtziger, als 
Robbie Fields Posh Boy- 
Label und Rodney Bin- 
genheimers Radioshow 
das Maß aller Dinge wa¬ 
ren. Gegründet wurde 
die Band 1980 von Mike 
Magrann und Kimm Gardener, und 1981 erschien dann die 
erste 12“, ein Jahr später das Debütalbum „Fear Of Life“, 
1983 dann der „I’ve Got A Gun“-Longplayer und wieder¬ 
um ein Jahr später die dritte LP, „After The Lights Go Out“. 
Das zweite und das dritte Album wurden nun von Cap- 
tain Oi! im Doppelpack veröffentlicht und um fünf Bo¬ 
nustracks ergänzt. Unter denen finden sich auch die bei¬ 
den ewigen CH3-Überhits „Manzanar“ und „Mannequin“ 
(„I’ve got a gun“ und „You make me feel cheap“ sind ja so¬ 
wieso enthalten), so dass diese CD mit den ausführlichen 
Linernotes sowie allen Texten im Booklet als Quasi-Best 
Of-Zusammenstellung durchgehen kann und eine gute 
Alternative zu „The Skinhead Years“ darstellt. CHANNEL 
3, die noch bis Ende der Achtziger aktiv waren, 1994 eine 
Reunion-Show in Deutschland (Ex/Noch-Mitglied Jay 
Lansford lebt seit langem in Hannover) spielten und 2002 
ein rundum gelungenes neues Album auf Dr. Strange ver¬ 
öffentlichten, winden mit ihrer Mischung aus dem klas¬ 
sischen frühen UK-Punksound ä la CLASH und 999 und 
dem ungestümen, jugendlichen SoCal-Punk zu Wegberei¬ 
tern eines Sounds, der später von den GENERATORS und 
FACE TO FACE aufgegriffen wurde: Allerbester Gute-Lau- 
ne-Punkrock mit kurzen, prägnanten, auf den Punkt ge¬ 
spielten Aggro-Hymnen eben. (60:50) (9) Joachim Hiller 

CHRIST ON PARADE 
Sounds Of Nature CD 

Neurot/Cargo | Reunions allenthalben ... Und so touren 
aktuell auch wieder CHRIST ON PARADE, die zwischen 
1985 und 1989 ein wichtiger Teil der Bay Area-Hardco- 
re-Szene waren und deren „Sounds Of Nature“-Album 
mit dem markanten Artwork von Mark Zero (erschienen 
war die LP auf Pusheads Label Pusmort) Ende der Achtzi¬ 
ger in wirklich keinem Hardcore-Haushalt fehlen durf¬ 
te. Die Musik war absolut zeittypischer, halsbrecherischer, 
thrashiger Westcoast-Hardcore, manisch runtergeholzt, 
engagiert und wütend, irgendwo» zwischen DISCHARGE 
und TOXIC REASONS, zwischen CORROSION OF CON- 
FORMITY und DEAD KENNEDYS, SOCIAL UNREST und 
SPERMBIRDS. Elf der 19 Songs hier stammen vom Album, 
zwei weitere waren auf der „Skate Rock Vol. 3“-Compila- 
tion, und der Rest fand sich auf der „Isn’t Life A Dream“- 
EP (hier mit den Original-Gesangsspuren) - und als Bo¬ 
nus gibt’s das AVENGERS-Cover „The American in me“. 
So weit, so gut, doch leider ist das Booklet sehr sparsam - 
ein paar Fotos, aber keine Linernotes, dabei hätte Gitarrist 
Noah Landis, heute bei NEUROSIS für die elektronischen 
Sounds zuständig (deshalb also Neurot) doch sicher was zu 
erzählen gehabt. Ein Klassiker! (35:28) (8) Joachim Hiller 


DEADLINE 

More To ItThan Meets The Eye CD 

captainoi.com/Cargo | Dass DEADLINE zu meinen unan¬ 
gefochtenen Lieblingsbands gehören, dürfte dem ein oder 
anderen vielleicht schon aufgefallen sein. Schon das Debüt 
„More To It..." aus dem Jahr 2001 hatte mich umgehau¬ 
en. Und das obwohl es von der Produktion her so rumpe¬ 
lig klang, dass man rückblickend nur sagen kann, das war 
schon hart an der Grenze. Daher ist das hier endlich mal 
ein Rerelease, das wirklich eine Bereicherung für die Welt 
ist. Außer den remasterten Songs des ursprünglichen Al¬ 
bums gibt es auf dieser Version der Platte noch „Run away“ 
und das ON FILE-Cover „Another day in paradise“ zu hö¬ 
ren, die beide auf der Split mit den BRASSKNUCKLE BOYS 
erschienen sind. Dann noch das SPECIALS-Cover „Do 
nothing“ von der Split mit den FILAMENTS und die gran¬ 
diose Interpretation des ohnehin schon genialen BUSI¬ 
NESS-Songs „One thing left to say”, der bisher lediglich 
auf einem BUSINESS-Tribute auf DSS veröffentlicht wur¬ 
de. Freut mich, dass auf diese Weise die alten Songs auch 
endlich auf dem Niveau ankommen, das man von DEAD¬ 
LINE mittlerweile schon lange gewohnt ist. Ach so, ist na¬ 
türlich alles im Digipak und mit ausführlicher Geschich¬ 
te zur Entstehung des Albums sowie zu den Anfängen der 
Band versehen. Wundervoll, das alles. Ernsthaft. (44:55) 

Claudia Luck 

DANSE SOCIETY 
Looking Through CD 

cherryred.co.uk | Die aus Sheffield stammenden, von 1981 
bis 1987 aktiven DANSE SOCIETY sind eine jener Bands, 
die vom Fluch getroffen wurden, dass ihr bekanntestes Lied 
eine Coverversion war: Auf ihrem „Heaven Is Waiting“- 
Album von 1983 fand sich eine hallig-verträumte Wave- 
Pop-Version des ROLLING STONES-Klassikers „2000 light 
years from home“, der als Single ausgekoppelt ein mode¬ 
rater Hit wurde und heute auf keiner vernünftigen Wave - 
Pop-Compilation fehlen darf. Es folgten ein paar Singles, 
der große Erfolg wollte sich jedoch nicht einstellen, und so 
wurde die Band von ihrem Label Arista aufs Abstellgleis ge - 
schoben. Als dann 1987 „Looking Through“ erschien, war 
Frontmann Steve Rawlings gerade dabei die Band zu ver¬ 
lassen, und so war die Bemühung der Restband, mit diesen 
Studio-Demos ein neues Label zu finden, zum Scheitern 
verurteilt. Mit seinen recht dumpfen, aber noch akzeptab¬ 
len Sounds ist dieser Rerelease in Ergänzung zum ebenfalls 
via Cherry Red neu aufgelegten „Heaven Is Waiting“-Al¬ 
bum eher was für Fans. (36:52) (6) Joachim Hiller 

DEFORMED 

The Anarchy Years And Primitive Rituals 2CD 

nnnw.pl | Dieses Release ist schon relevant bekloppt: eine 
Doppel-CD mit den „complete recordings“ einer alten En¬ 
gland-Punkband, von der so gut wie nie einer je was ge¬ 
hört hat, die es gerade auf zwei 7“s und ein paar Samp¬ 
lerbeiträge gebracht hat, sich nie entscheiden konnte zwi¬ 
schen Punkrock oder Gothic. Und dann auch ins Book¬ 
let schreibt: „all songs are not protected by Copyright 
laws because they are shit“. Die Rede ist von THE DEFOR¬ 
MED - schon mal gehört? Nikt Nie Nie Wie, das legendä¬ 
re polnische D.I.Y.-Label, jedenfalls hat. Und hat releaset: 
„The Anarchy Years“, dokumentiert das Jahr 1980: Probe¬ 
raum- und Live-Mitschnitte, die „Bullshit-Detector“-De¬ 
mos, insgesamt 28 Tracks. Jeder Song ist wenigstens zwei¬ 
mal, „Freedom“ sogar in drei Versionen zu hören - falls 
man es denn durchhört. „Primitive Rituals“ umfasst dann 
1983-87. „Christian death“, „Graveside“, „From the grave“, 
„Certified dead“, „Death chant“ ... muss ich noch mehr sa¬ 
gen? Das ist einmal Gothic pur, mit Werwölfen und Rück¬ 



wärtsgesprochenem. Damals waren Tod und Teufel schwer 
in Mode, später hat ein Teil der Band allerdings unter dem 
Namen CRESS zum Anarchopunk zurückgefunden. Ein In¬ 
terview mit DEFORMED noch als chaotische Jung-Punks 
und alte Live-Videos gibt es nun auch bei myspace.com/ 
thedeformed. (67:49/ 72:31) Ute Borchardt 

DRILLER KILLER 
Total Fucking Brutalized CD 
Fuck The World CD 
Reality Bites CD 

cahrecords.com [ Crimes Against Humanity holen zum 
kompletten Wohlfühlprogramm aus und veröffentlichen 
alle DRILLER KILLER Alben neu. Nun, DRILLER KILLER 
um die einzige Konstan¬ 
te Sänger Cliff sind si¬ 
cher jedem D-Beat-Fan 
ein Begriff, treiben sie 
doch mit gepflegtem 
Asi-Image seit 1993 ihr 
musikalisches Unwesen. 
Eben jener Cliff war zu¬ 
vor schon bei den Skan- 
di-Legenden ANTI-CI- 
MEX und BLACK UNI- 
FORMS tätig, bevor er 
mit „Brutalize“ die ers¬ 
te DRILLER KILLER- 
Scheibe raushaute. Ich erspare euch hier mal die Ge¬ 
schichte der unendlichen Umbesetzungen der Band, kurz 
und knapp lässt sich aber feststellen, dass DRILLER KILLER 
sich von Platte zu Platte gesteigert haben und seit gerau¬ 
mer Zeit zu den druckvollsten und heftigsten Crusties ge¬ 
hören, die Skandinavien zu bieten hat. Auf „Total Fucking 
Brutalized“ sind die beiden ersten LPs „Brutalize“ und „To¬ 
tal Fucking Hate“ zusammengefasst, die noch zum typische 
Frühwerk gerechnet werden können, unkontrollierte Wut 
und Intensität, die besseren DISCHARGE, Texte nur weni¬ 
ge prägnante Zeilen, straight runtergebrettert ohne über¬ 
flüssigen Schnickschnack wie Breaks oder Geschwindig¬ 
keitsänderungen. Schon auf „Total Fucking Hate“ zeich¬ 
net sich der spätere Weg mit ironischen Texten und einer 
Kelle MOTÖRHEAD-Rock ab, der dann konsequent auf 
„FuckThe World“ fortgesetzt wird. Eine LP, die das mit Ab¬ 
stand schlechteste Cover aller Zeiten ziert, das ihr eigent¬ 
lich Spielverbote landauf, landab hätte einbringen müs¬ 
sen. Hier bringen DRILLER KILLER sicher nicht zum ers¬ 
ten Mal alle gegen sich auf, aber drauf geschissen, Provo¬ 
kation ohne Ende, Punkrock in Reinform. Auch Black Me- 
tal-Spacken kriegen bei „Blind naked and covered with 
shit“ ihr Fett weg: „You burn churches, you paint your face, 
spent X-mas at moms, what a fucking disgrace, blind na¬ 
ked and covered with shit, if bullshit had a value you would 
be billionaire, empowered by the dark bloody lame night- 
mare.“ Ja, so macht man sich Freunde. Mit ihrer vierten 
LP „Reality' Bites“ kriegen dann DRILLER KILLER endgültig 
die Kurve zum D-Beat-Olymp. Soundtechnisch die bru¬ 
talste der ersten LPs sind hier gleich einige der heftigsten 
Songs der Band vertreten, schon der unglaubliche Ope¬ 
ner mit echten Ohrwurmqualitäten „Scream, suffer, die“ 
ist die Anschaffung der Scheibe wert, vom genialen me¬ 
tallischen „Where the sun never shines“ ganz zu schwei¬ 
gen. Auch inhaltlich setzt die Band ihren Weg mit einer 
Ansammlung von Hasstiraden und Provokationen konse¬ 
quent fort. Diese Band hat schlicht und ergreifend Maß- 
stäbe gesetzt und diese Platten gehören in jeden gepflegten 
Punkerhaushalt. Zu den nächsten drei LPs im nächsten Ox 
mehr. (54:17/32:42/42:38) (8/8/10) OllieFröhlich 


DEAD MEADOW 
Howls From The Hills CD 

Xemu/Cargo | Nach dem Rerelease des ersten DEAD 
MEADOW-Albums erlebt auch der im selben Jahr auf Joe 
Lallys Tolotta-Label veröffentliche, seit 2003 vergriffene 
Nachfolger „Howls From The Hills“ eine Neuauflage. Wa¬ 
ren DEAD MEADOW schon auf dem Debüt in Sachen Psy- 
chedelicrock eine Klasse für sich, wirkt „Howls From The 
Hills“ noch viel stärker wie aus einem Guss. Ein mächti¬ 
ger Brocken hypnotischen Rocks, dem die ummittelba¬ 
re Live-Atmosphäre - die Platte wurde in einer Scheune 
aufgenommen — gut bekommt und die Qualitäten dieser 
Band bestens zur Geltung bringt, deren Songs der Spagat 
zwischen 70er Bluesrock und Psychedelic noch wesentlich 
besser und atmosphärischer gelingt, wie etwa beim gro߬ 
artigen letzten Track „The breeze always blows“. Für Psy¬ 
chedelic-Puristen mag das vielleicht fast schon wieder et¬ 
was zu konventionell rockig sein, verhindert aber, dass sich 
„Howls From The Hills“ allzu sehr in den Stereotypen des 
Genres verbeißt, was ja auch die späteren Platten der Band 
auszeichnet. Auch hier gibt es wieder ein Live-Video von 
2001 als Bonus dazu, aber auch ohne das kann man diese 
Platte Freunden droneigen Rocks nur wärmstens an Herz 
legen. (9) Thomas Kerpen 

DISCHARGE 
Why CD 
Never Again CD 

Hear Nothing See Nothing Say Nothing CD 

captainoi.com /Cargo | Eine der seltsamsten Modeer¬ 
scheinungen der letzten Zeit ist die inflationäre Verwen¬ 
dung des Begriffes „D-Beat“. Ich kann mich beim besten 
Willen nicht daran erin¬ 
nern, dass bis vor weni¬ 
gen Jahren jemand von 
DISCHARGE, ANTI-CI- 
MEX oderVARUKERS als 
„D-Beat“-Bands gespro¬ 
chen hätte - das wurde 
einfach Crust-, Hardco¬ 
re-, Anarcho- oder Pea- 
cepunk genannt, zu¬ 
mindest im deutschen 
Sprachraum. Seit einer 
Weile nun spricht je¬ 
der nur noch von D-Beat 
(was seinen Ursprung in einem bestimmten Schlagzeug- 
Rhythmus hat, der angeblich auf die BUZZCOCKS zurück¬ 
geht - das „D" steht aber natürlich für DISCHARGE). Zu¬ 
mindest dass DISCHARGE die Urväter dieses Sounds sind, 
ist gar keine Frage - und Legion sind die Bands, die sich 
seitdem in Verehrung ihrer Vorbilder einen mit DIS- be¬ 
ginnenden Namen gegeben haben. DISCHARGE stammen 
aus einer Zeit, da niemand einen Zweifel daran hegte, dass 
Hardcore gegen Militarismus und Krieg, gegen konserva¬ 
tive Regierungen, gegen organisierte Religion, gegen das 
„System“ ist, als niemand auf die Idee gekommen wäre, 
als CDU-Mitglied ein Hardcore-Label zu betreiben (Grüße 
an Dead Serious Records!), als die Welt also noch in Ord¬ 
nung und ungefähr so schwarz und weiß war w'ie die Plat¬ 
tencover jener Zeit und speziell die von DISCHARGE. Be¬ 
reits 1977 gegründet, kam die große Zeit von DISCHAR¬ 
GE erst ab 1980. „Realities OfWar“, die erste 7“-EP, wur¬ 
de in diesem Jahr veröffentlicht, zwei weitere folgten, und 
1981 kam dann die „Why“-12“, auf deren Cover tote Zivi¬ 
listen zu sehen sind, dazu die Feststellung „In order to sa- 
tisfy their mania for conquest lives are squandered“. Die 
„Why“-12“ wurde von Captain Oi! nun zum Hauptmedi¬ 
um gewählt, die zehn Songs des Mini-Albums machen den 



OX-FANZINE 71 









REVIEWS 



HELLSONGS 
Lounge MCD 

Lovely/Rough Trade | Was die drei Schweden Harriet 
Ohlsson, Johan Bringhed und Kalle Karlsson mit Stim¬ 
me, Keyboard, Gitarre und Banjo anstellen, ist schon gro¬ 
ße Klasse. Sie selbst nennen ihre Musik „Lounge Metal“. 
Unterstützt von Gästen an Kontrabass und Violine werden 
mit METALLICA („Seek ans destroy“), BLACK SABBATH 
(„Paranoid“), JUDAS PRIEST („Breaking the law“), IRON 
MAIDEN („Run to the hüls“), VAN HALEN („Jump“) und 
MOTÖRHEAD („Orgasmatron“) leider nur sechs Hard¬ 
rock/Metal-Klassiker ganz neu interpretiert. Sie klin¬ 
gen komplett verwandelt und sind fast nicht wieder zu er¬ 
kennen: ruhig, zart, ja schon fest weich und zuweilen auch 
melancholisch. Die Stücke werden sozusagen neu erfun¬ 
den. Keine Spin von ausgelassener Bierseligkeit ä la HAY- 
SEED DIXIES, sondern eher schwermütige Balladen zwi¬ 
schen Björk und Folk. Diese Interpretationen werden si¬ 
cherlich einige Nur-Metal-Fans erst einmal vor den Kopf 
stoßen, aber wer seine Ohren auch für andere Klänge of¬ 
fen hat, wird hoffentlich genauso begeistert sein wie ich. 
(24:59) (9) Kay Wedel 

KARL HLAMKIN 
Da CD 

snegiri.ru | Karl Hlamkin ist schon fest ein Urgestein in 
der russischen Musikszene. In den Achtziger Jahren war er 
als Schlagzeuger in Sachen Hardrock (ZEMENT) und Punk 
(KARL-BLANCHE) aktiv, daneben nahm er auch den Pin¬ 
sel zu Hand und betätigte sich als Maler. Seit den Neunzi¬ 
ger Jahren widmet er sich nun seinen Soloprojekten. Die 
Begleitgruppe setzt sich unter anderem aus ehemaligen 
Mitgliedern der russischen Bands LENINGRAD und MES¬ 


SER FÜR FRAU MÜLLER zusammen. Mit so schönen Na¬ 
men wie „Karl geht nach Israel“, „Pastor Karl Band“, „Karl 
Hlamkin und die Alkoholiker für Jesus“ oder „Karl Hlam¬ 
kin und das Lassunsaufen-Orchester“ veröffentlichte er di¬ 
verse Kassettenalben. Es heißt, dass er jeden Monat den Na¬ 
men seiner Band ändert. Mit dem Album „Da“ wurde beim 
Moskauer Label Snegiri schließlich sogar eine richtige CD 
veröffentlicht und enthält eine bunte Mischung aus La¬ 
tin, Karibik, Ska, Klezmer, Disco und russischen Chansons. 
Über allen thront die unnachahmliche „Drei-Schachteln- 
Zigaretten-am-Tag“-Stimme von Karl Hlamkin und ver¬ 
leiht dieser heiter beschwingten Musik ein kratzbürstige 
Note. Das finde ich sehr sympathisch. Aber Achtung, bis auf 
die oben genannte Internetadresse sind alle Angaben auf 
der CD in kyrillischen Buchstaben. (50:5 5) (8) Kay Wedel 

HAWAII MUD BOMBERS 
Mondo Primo CD 

WickedCool | Ein absolut fantastisches Album der Schwe¬ 
den, das allerdings eigentlich schon 2004 erschienen ist. 
Wicked Cool veröffentlicht „Mondo Primo“ nun mit zu¬ 
sätzlichen zwei Videos neu, und da der Sommer ansteht, 
verteile ich sogar einen Punkt mehr als Kollege Joachim 
Hiller bei seinem Review im Ox #57. Ansonsten traf die 
damalige Besprechung aber natürlich den Nagel auf den 
Kopf: „Dreizehn neue Songs der schwedischen Meister 
des BEACH BOYS-beeinflussten Pop-Punks, die sich auch 
hier wieder zwischen Helden wie RAMONES, REZILLOS 
und UNDERTONES tummeln und längst die verstummten 
PSYCHOTICYOUTH beerbt haben, ja mit denTRAVOLTAS 
um den Titel der besten und eingängigsten europäischen 
Punk-Popper kämpfen und wo bei manchen Songs schon 
beinahe die Eingängigkeit der FOUNTAINS OF WAYNE er¬ 


reicht wird. Bei „Wölfin’ the lamb“ gibt’s sogar (ausgelie¬ 
hene) „female vocals“, was den Schlammbombern auch 
sehr gut zu Gesicht steht. Komisch und unverständlich ist 
dabei mal wieder, dass diese Band in Europa kaum bekannt 
ist, in Japan dagegen umso mehr. Bestens übrigens auch die 
Produktion - so crisp, klar und druckvoll, wie man das von 
einer solchen Platte erwartet.“ (36:47) (9) Bernd Fischer 

HEARTACHES 

Too Cool For School CD 

Swami | Die Schlagzahl ist hoch: 15 kurze und straffe 
Rock’n’Roll-Punk-Granaten feuert das Quartett um den 
Profi-Skater Kristian Svitak in einer guten halben Stunde 
ab. Das bedeutet 15 Mal 
klassischer 70s Punk- 
rock mit gutem Schuss 
Cro-Magnon- Sensibi¬ 
lität. Kann man sich so 
vorstellen wie eine Mi¬ 
schung aus allen rele¬ 
vanten Inspirationsquel¬ 
len, die Bands von die¬ 
sem Schlage gerne für 
sich in Anspruch neh¬ 
men: SAINTS, RAMO¬ 
NES, VICTIMS, PSYCHO 
SURGEONS, HEART- 
BREAKERS, DEVIL DOGS. Ist also alles überhaupt nicht 
neu, vielleicht auch gewaltig ausgelutscht, aber rocken tut 
es einfach wie Sau. (7) Gereon Helmer 

HOUSTON SWING ENGINE 
Entre Hommes CD 

Headstrong | Hier gibt es auf die Fresse. Und zwar ab¬ 
wechslungsreich, rhythmisch versiert und mit der einen 
oder anderen Harmonie versehen. Die vier Jungs wissen, 
wo es lang geht. Hardcore, der auf den Tellerrand einfach 
drauf tritt, und gleich zwei Hände voller Einflüsse mit sich 
bringt. Wenn man sich anguckt, mit wem die Schweizer 
unter anderem schon die Bühne teilen durften (als da wä¬ 
ren: QOTSA, HELMET.THERAPY? ,THE BELLRAYS, McLUS- 
KY, GWAR...), wundert es nicht, wie abgeklärt HOUSTON 
SWING ENGINE wirken. „Entre Hommes“ ist die inzwi¬ 
schen vierte Veröffentlichung und bietet eine knappe Stun¬ 
de Völlbedienung. Es ist schon beeindruckend, wie es die 
Band schafft, den Hörer vierzehn Stücke lang bei der Stan¬ 
ge zu halten, ohne dabei auf irgendwelche Bauerntricks 
zurückzugreifen. Denn seien wir mal ehrlich, die meisten 
Hardcore-Alben mit einer solchen Spielzeit kann man ge¬ 
trost in der Pfeife rauchen. Produziert wurde übrigens von 
Santi Garcia, der hatte seine Finger auch schon bei STAND 
STILL, FAVEZ oder ONE MAN AND HIS DROID im Spiel. 
Bleibt nur zu hoffen, dass die Band es auch endlich mal auf 
eine deutsche Bühne schafft. Nicht auszudenken was pas¬ 
siert, wenn die live umsetzten können, was diese Aufnahme 
verspricht. (57:14) (8) Lars Koch 

HOW TO LOOTBRAZIL 
Autto Fister CD 

myspace.com/howtolootbrazil | Eine Indie-Band, die 
ihr Album selbstveröffentlicht und nicht einfach hofft auf 
schlechten Band-Contests vom Trendscout des Abends ent¬ 
deckt zu werden? Sympathisch. Und dann noch aus ei¬ 
ner Stadt, die man nur kennt, weil man an ihr vorbeifährt, 
wenn man dann doch mal ins Sauerland fahren sollte. 
Tanzbarer Wave-Punk im 4/4-Takt, mit leicht verstimm¬ 
ten Gitarren, ein paar Keyboardsounds und relativ eingän¬ 
gigen Hooklines ist sicher nichts Neues, aber es kann auch 


ohne PR-Management funktionieren und Spaß machen. 
Die Band haut auch nicht komplett um, aber die Erkennt¬ 
nis, dass sie „für die U-Musik das sind, was B-Movies für 
die Filmkunst sind“ zeigt, das man selber weiß, was los ist. 
Der kleinste gemeinsame Nenner bei den Einflüssen sollen 
THE NOTWIST, FORWARD RUSSIA.THE SMITHS, IDEAL 
aber auch ABBA und die MELVINS sein und das verwirrt 
dann schon was. Trotzdem höre ich das Album jetzt schon 
zum mindestens dritten Mal und muss immer wieder mit¬ 
wippen. An guter Laune liegt es sicherlich nicht, da die mir 
gerade abhanden gekommen ist, daher räume ich HOW 
TO LOOT BRAZIL ein paar Bonuspunkte ein und hoffe, 
dass es in Zukunft nicht so abwegig ist, das kleine Mädchen 
mit Pony und Pünktchenkleid ihren Hintern auch mal zu 
Bands bewegen, die nicht aus dem Königreich kommen. 

Timbo Jones 

HEX DISPENSERS 
s/t MLP/CD 

aliensnatch.com | Knackige Mini-LP aus dem Hause Alien 
Snatch, das ein erstaunlich gutes Händchen für aufregende 
neue Bands hat und zu einer ernsthaften Konkurrenz der 
Platzhirsche wie In The 
Red wird. Zehn Songs, 
allesamt hitverdächti¬ 
ge Kracher, die mit einer 
Lockerheit aus dem Är¬ 
mel geschüttelt klingen, 
wie ich es seit langem in 
dieser Sparte nicht mehr 
unter die Ohrmuscheln 
bekommen habe. Flotter 
eingängiger Bluespunk 
mit einem ansteckend 
fröhlichen Sexappeal, der 
einfach Laune macht und 
ähnlich zu fesseln weiß wie der erste Streich der GHETTO 
WAYS, nur eben wesentlich melodischer und einfach ham¬ 
mergeil. Die Wiederverwertung des ELO-Riffs aus „Don’t 
bring me down“ in „The crone“ ist ebenso genial umge¬ 
setzt wie das Gary Numan-Cover. Die Horror-Gesamtthe¬ 
matik, die zwischen einer Bluespunk-Umsetzung von H.P. 
Lovecraft und anderen Weird-Tales-Stories angesiedelt ist, 
gibt der Platte eine ganz besondere Note. Schickes Cover, 
erstklassiger Sound, ich bin rundum zufrieden! Hier nicht 
mit dem Arsch zu wackeln fallt, wirklich schwer, wer das 
nicht kann, der kratzt sich wahrscheinlich derzeit mit ei¬ 
ner Stricknadel unter dem Ganzköpergips. Hit! (9) 

kalle stille 

HAUNTED GEORGE 
Bone Howl CD 

dead-beat-records.com | Da sitzt ein vereinsamter, kaput¬ 
ter, alter Trapper aus den Sümpfen von New Orleans in sei¬ 
ner Mine voller Katzengold und heult mit seinem schrot - 
tigen Verstärker, einer ollen Klampfe und dem fertigen 
Schlagzeug den Mond an. Einsamer Blues aus dem unters¬ 
ten Keller, der einzig und alleine dazu geeignet ist, verfal¬ 
lene Friedhöfe oder karge Sumpflandschaften zu beschal¬ 
len. Fröhlich klingt das nicht, vielmehr einsam, einzigar¬ 
tig und so LoFi, wie eine Katze, die aus einem 50 Meter tie¬ 
fen Brunnen herauf jault. Auf die gesamte Dauer dieser CD 
vielleicht etwas lang und doch zu monoton, aber auf Sing¬ 
le oder in Portionen der einzig wahre Soundtrack für einen 
siechenden Ghoul oder einen verlassenen Vampir, der über 
das Elend seines Daseins grübelt. Sehr stränge und in klei¬ 
nen Dosen extrem genial. (9) kalle stille 




/RE-RELEASES 


Anfang und werden ergänzt um alle Tracks der drei vor¬ 
angegangenen Singles sowie ein Booklet mit History und 
einem Teil der Texte. Im Oktober 1981 erschien dann die 
„Never Again“-EP, und man ist ehrlich überrascht vom 
Output der Briten aus Stoke-on-Trent, vergingen doch sei¬ 
nerzeit bei vielen anderen Bands teilweise Jahre zwischen 
den Releases, während es hier nur Monate waren. Auch hier 
gibt es reichlich Bonusmaterial, etwa die wichtige „State 
Violence State Control“-EP vom Oktober 1982 sowie auch 
ein paar spätere Aufnahmen, doch gerät hier die Chrono¬ 
logie durcheinander. Denn mit „Hear Nothing See Nothing 
Say Nothing“ veröffentlichten DISCHARGE im Mai 1982 
ihr erstes und wichtigstes Album, das wiederum die „Never 
Again“-EP von Oktober 1981 als Bonus enthält. Ein klei¬ 
nes Durcheinander also, doch da es nur Sinn macht, die¬ 
se drei CDs im Paket zu kaufen, relativiert sich die Konfu¬ 
sion wieder. Das essentielle Frühwerk von DISCHARGE hat 
man mit diesen Rereleases jedenfalls annähernd komplett, 
und was die von diversen Ab- und Zugängen geplagte Band 
dann ab Mitte der Achtziger so trieb, ist eigentlich nur noch 
am Rande interessant, weil es im Vergleich zum brutalen, 
rauhen und innovativen Früh werk letztlich eher konven¬ 
tioneller Metal war. Erst ab 2002 wurde es wieder interes¬ 
sant, das Comeback und das titellose Album konnten annä - 
hernd an die alten Zeiten anknüpfen. (10) Joachim Hiller 

D.O.A. 

Punk Rock Singles 1978-99 CD 

captainoi.com/Cargo | Wer bislang angesichts der Viel¬ 
zahl von D.O.A.-(Re-)Releases unschlüssig war, wo sich 
denn ein Einstieg in das Universum der kanadischen Ur- 
Punks lohnt, bekommt 
eine Entscheidungshil¬ 
fe: diese CD, die chrono¬ 
logisch 21 Jahre Band¬ 
geschichte abdeckt, ist 
. —, | der perfekte Einstieg. Er- 

Punk Rock scheinen sonst alle Re- 

Singles leases auf dem bandeige- 

u « Jrttv« jWSÖHH f ( nen Label Sudden Death, 
so wurde diese Compila¬ 
tion an Captain Oi! „aus¬ 
geliehen“ und verschafft 
anhand von 26 Single- 
Tracks einen exzellenten 
Überblick über das Schaffen der Formation ausVancouver, 
deren charismatischer Frontmann Joe „Shithead“ Keithley 
einst den Begriff „Hardcore“ erstmals als Genrebezeich¬ 
nung gebrauchte und deren ideeller Rahmen durch den 
auf dem Cover abgedruckten Claim „No God, No Country, 
No Lies“ abgesteckt wird. Hier gibt es also - ganz undog¬ 
matisch - die reine Hardcore-Punk-Lehre, und natürlich 
sind die ganzen Klassiker dabei, etwa „Disco sucks“, „World 
War 3“, „Fucked up Ronnie“, „General strike“ und „Dead 
men teil no tales“. Im Booklet gibt’s Abbildungen aller Sin¬ 
glecover sowie ausführliche Linernotes von Joe selbst - ein 
Pflicht-Release für alle, die bislang noch keine Platte von 
D.O.A. im Schrank stehen haben. (68:01) (9) 

Joachim Hiller 

DEATH VESSEL 
Stay Close CD 

All Tomorrows Parties | Neuauflage eines bereits 2005 
veröffentlichten Albums der Country-Folk-Band, die in¬ 
zwischen auf Sub Pop ist und zuletzt mit LOW auf Tour 



war. Nach zwei eher gequälten Folknummern zu Beginn 
versöhnt dann der dritte Track etwas, bei dem endlich mal 
die elektrische Gitarre zum Einsatz kommt, ebenso wie 
der Track danach, wo man dann auch mal ein Schlagzeug 
hört und DEATH VESSEL nach einer richtigen Country - 
band klingen, die allerdings den Song durch Elektronik - 
einlagen seltsam aufbrechen. Eine in Teilen nicht uninte¬ 
ressante Platte, vor allem wenn die Songs einen komplet¬ 
ten Bandsound besitzen wie beim sehr schönen, hymni¬ 
schen „Snow don’t fall“, die aber mit allzu viel folkigem 
Lagerfeuer-Gedudel meine Geduld etwas überstrapaziert. 
Am irritierendsten dürfte hier aber sein, dass Singer/ Song- 
writer JoelThibodeau, der maßgeblich hinter DEATH VES¬ 
SEL steckt, wie ein pubertierendes Mädchen singt, so als ob 
der Herr den Stimmbruch übersprungen hätte, was „Stay 
Close“ allerdings auch nicht gerade überzeugender macht. 
(5) Thomas Kerpen 

EPILEPTICS 
System Rejects CD 

overgroundrecords.co.uk J Und noch mehr Anarcho- 
punk-Archäologie aus dem Hause Overground: Bei den 
EPILEPTICS handelt es sich um die Vörgängerband von 
FLUX OF PINK INDIANS. Die wurde 1978 gegründet, im 
gleichen Jahr fand ein erstes gemeinsames Konzert mit 
CRASS statt, und das war der Beginn einer langen Freund¬ 
schaft, die auch nach dem Ende der einen Band und der 
Fortführung unter neuem Namen Bestand hatte. Auf die¬ 
ser CD finden sich nun 28 Songs aus den Jahren 1978 und 
1979, Demo-, Single- und Live-Tracks in rauher, aber 
okayner Qualität, und wer Fan von FLUX OF PINK INDI¬ 
ANS (und CRASS) ist, sollte zugreifen, ist der stakkatohaf¬ 
te, typisch britische Sound jener Bands doch bereits hier in 
der Frühphase dominierend. Kommt mit dickem Booklet 
voller Fotos und mit ausführlicher Bandhistory. (7) 

Joachim Hiller 

ESCALATORS 

Live In Le Havre 1983 CD 

Anagram | Frontman der ESCALATORS ist Nigel Lewis. 
Dieser ist, gewollt oder nicht, eine Psychobilly-Legende. 
Er war Mitgründer der METEORS und neben P Paul Fen- 
ech der Songwriter. Die Gründe der Trennung sind nebulös 
geblieben und nie wirklich öffentlich geworden. Vergleicht 
man den weiteren Weg der beiden, sind musikalische Diffe¬ 
renzen ein denkbarer Grund. Fenech hat mit der Entwick¬ 
lung des puren Psychobilly großen Anteil an der Gründung 
einer ganzen Szene. Die Stücke von Lewis sind zwar sicher 
auch Klassiker, aber nicht richtungsweisend. Die hier vor¬ 
liegenden Live-Aufnahmen seiner nächsten Bands enthal¬ 
ten seine METEORS-Tracks und diese sind auch eindeutig 
die stärksten Songs. Der Rest bewegt sich mehr in Richtung 
Wave. Da die Aufnahme leider sehr mäßig ist, ist eine besse¬ 
re Beurteilung des Materials nicht möglich. (43:38) (3) 

Robert Noy 

ELEMAE 

Populär Misconceptions Of Happiness CD 

Engineer/Embrace | Schon in Ox #61 stimmte ich einen 
Lobgesang dieses Album betreffend an und argumentierte, 
ELEMAE hätten „mit .Populär Misconceptions Of Happi- 
ness’ ein wunderbares Album geschrieben, welches sie, da 
hat der Promowisch recht, völlig über die üblichen Ver¬ 
weise stellt. ELEMAE haben wirklich zu eigener Größe ge¬ 
funden. Ihr Postcore ist melodisch, poetisch und ein wenig 



ruhiger geworden, hat aber nichts an Eleganz und Hym- 
nenhaftigkeit eingebüßt. Vergesst Schubladen und Etiket¬ 
ten, ELEMAE haben ein wunderschönes Album geschrie¬ 
ben, das teils von Melancholie, teils von Euphorie lebt, aber 
immer mitreißend und beeindruckend ist. Allerdings sind 
die neuen Lieder schon eher was für die ruhigeren Gemü¬ 
ter, denn wer Krach oder dröhnende Amps erwartet, der 
wird sich hier wohl eher missverstanden fühlen, wenn er 
hier auf Blues-Schemata und einfühlsame Kompositio¬ 
nen stößt.“ Neu sind die zwei Bonus-Songs, der fünfzehn¬ 
minütige Film mit diversen Clips und Interviews, sowie die 
Verpackung als Digipak. Weiterhin ein absolutes Highlight 
im Postcore -Bereich. (8) Thomas Eberhardt 

EARTH 

Hibernaculum CD+DVD 

southernlord.com/Soulfood | Mit „Hibernaculum“ ist 
die Verwandlung perfekt. Dass EARTH seit ihrer Wiederge¬ 
burt 2002 nicht die EARTH der frühen Neunziger sind, hat 
ja bereits das 2005 eben¬ 
falls auf Southern Lord 
veröffentlichte Album 
„Hex; Or Printing In The 
Infernal Method“ ein¬ 
deutig gezeigt. Master- 
mind Dylan Carlson hat 
Blues, Country und Ame - 
ricana für sich entdeckt 
und diese neuen alten 
Einflüsse perfekt in den 
von ihm quasi erfunde¬ 
nen Dronerock (oder 
meinetwegen auch Dro- 
ne Doom oder Drone Metal oder was auch immer) inte¬ 
griert. Diese neue Herangehensweise an seine (mittlerwei¬ 
le wieder völlig) instrumentale Ultraslow-Musik macht 
es dem Hörer einfacher, sich in Carlsons Klangwelten zu¬ 
rechtzufinden, erinnert das doch immer wieder an das, was 
Neil Young für den „Dead Man“-Soundtrack schrieb. Für 
„Hibernaculum“ hat Carlson mm drei alte EARTH-Songs 
aus den frühen Zeiten im aktuellen Soundgewand neu auf¬ 
genommen und diese Neuinterpretationen funktionieren 
dann auch ganz hervorragend. Beinahe schon verträumt 
und trotz aller Melancholie und dunkler Töne in keiner 
Weise düster oder gar verstörend, wirkt „Hibernaculum“ 
eher wie ein sonniger Herbstnachmittag: Traurig, aber 
schön. Perfekt dazu passend, der vierte Song „A Plague Of 
Angels“, den es bisher nur auf der raren Tour-only-Split - 
12“ „AngelComa“ mit SUNN O))) von 2006 gab. Ergänzt 
wird „Hibernaculum“ durch eine gut einstündige DVD, die 
neben Livemitschnitten von der 2006er Europatour auch 
Interviews mit hauptsächlich natürlich Carlson, aber auch 
mit Schlagzeugerin Adrienne Davies beinhaltet. Interes¬ 
sant dabei ist vor allem Carlsons Erklärung des Konzepts, 
das er mit EARTH verfolgt, die er trotz aller Experimente, 
dem Hang zu beinahe unerträglicher Langsamkeit und ei¬ 
ner dadurch resultierenden Nähe zur Avantgarde, in erster 
Linie als Rockband sieht, was er auch so beibehalten will. 
(9) Andre Bohnensack 

EARLY HOURS 
Light Guitars Action CD 

offthehip.com.au | Wenn sich irgendwo auf der Welt noch 
jemand an die EARLY HOURS aus einem abgelegenen Vor¬ 
ort von Perth, Australien erinnert, dann wohl Konzertbesu¬ 


cher aus Deutschland und Frankreich. Zwei Europatouren 
mit der Mehrheit der Shows in diesen beiden Ländern ab¬ 
solvierte die 1993 gegründete Band Mitte/Ende der Neun¬ 
ziger, und auch wenn sie aus dem westaustralischen Gara¬ 
genpop-Mekka Perth kam, so existierte die Band in ihren 
Anfangstagen - ich beziehe mich da auf die ausführlichen a 
Linernotes von David und Julie von SpinningTop/Zip Re¬ 
cords - doch völlig losgelöst von der örtlichen Garage-Sze¬ 
ne. Im Beinahe-Niemandsland entwickelte die Band um 
den hünenhaften Frontmann und Gitarrist Kirk Pohl ih¬ 
ren speziellen, sehr druckvollen, lauten Garage-Powerpop, 
der nach der selbstveröffentlichten „Töp 10 Hits“-CD in 
Mini-Auflage in Deutschland viaTwang Records auch auf 
Vinyl erhältlich war, ergänzt um zwei Bonus-Songs. 1996 
erschien dann auf Screaming Apple Records die „f m Drai- 
ned“ - 7“, und ein Jahr später das zweite Album „Evolution“ 
(in Europa auf dem französischen Hellfire Club-Label als 
Doppel-7“). 1998 tourten die EARLY HOURS dann noch 
einmal, spielten 45 Shows in 60Tagen, doch zurück in Aus¬ 
tralien war dann Mitte 1999 alles vorbei, und die Band- 
mitglieder zerstreuten sich in alle Welt. Dank Mickster von 
Off The Hip allerdings wird das hörenswerte Vermächtnis 
der Nachwelt erhalten, denn auf dieser CD gibt’s alle Al¬ 
bum- und 7“-Tracks in geballter Form. Ich sage: zugreifen! 
(71:02) (8) Joachim Hiller 

F-SPACE 

Preliminary Impact Record CD 

mobilization.com | Aus dem Jahre 2003 stammt das Al¬ 
bum von F-SPACE, der weitgehend instrumentalen Zweit- 
band von Ethan James von SAVAGE REPUBLIC, der auch das 
Mobilization-Label betreibt, wo die SR-Rereleases erschie¬ 
nen sind. Sein Labelpartner Scot Jenerik ist ebenfalls in der 
Band, neben CHROME-Drummer Aleph Kali und teilwei¬ 
se Joel Connell von MAN IS THE BASTARD. Die Obsessi¬ 
on der Band: mächtige Percussion, an Glenn Branca erin¬ 
nernde Gitarren-Soundwände - und Feuer. Zu den Live- 
Shows der „Industrial Pyro Punks“ gehören beeindru¬ 
ckende Feuerspuck-Aktivitäten, und zusammen mit der 
schon aus der Konserve betörenden, drohenden, ja beängs¬ 
tigenden Musik ergibt das laut Augen- und Ohrenzeugen 
ein oft als „apokalyptisch“ beschriebenes Erlebnis. Die Pa¬ 
rallelen zu SAVAGE REPUBLIC sind dabei unübersehbar, 
wobei jene eher tribalistisch und kleinteilig arbeiten, wäh¬ 
rend hier die großen, monumentalen Klangbögen vorherr¬ 
schen, man den Spacerock von CHROME ebenso heraus¬ 
hören kann wie die breitwandigen Noisewände von NEU- 
ROSIS, ISIS und Co. Auf jeden Fall die Entdeckung wert! 
(63:42) (8) Joachim Hiller 

GUANA BATZ 
GetAround CD 

Anagram | GUANA BATZ gehören eindeutig zu den gro¬ 
ßen Bands der Psychobilly-Szene. Musikalisch hatte die 
Band um Sänger Pip aber bereits seit Mitte der Achtziger 
nicht viel Neues zu bieten. Aus dieser Zeit stammen ihre 
Hits, die sie heute immer noch als Headliner auf Festivals 
live hervorragend rüber bringen. Immer sehenswert, kei¬ 
ne Frage. „Get around“ ist 1993 veröffentlicht worden und 
enthält keine Hits. Hier wird harmloser, etwas schnellerer 
Rockabilly ohne Schwung geboten. Die schwache Abmi¬ 
schung, mit einer leisen Stimme, gibt den Songs den Rest. 
Überflüssige Platte und vielleicht der Grund, warum sie 
seit dem nichts mehr Neues veröffentlich haben. Ihre Kre¬ 
ativität ist schon vor langer Zeit ausgereizt worden. Zur 


OX-FANZINE 72 













REVIEWS 


HIRNSÄULE 
I Sweat Me Death CD-R 

Umsturz | Und wieder ein Protagonist zum Aufräumen 
schon fast schimmelnder Klischees. Wie der Titel dieser CD 
es schon anmuten lässt, HIRNSÄULE aus Osnabrück ma¬ 
chen keinen schrömmeligen Deutschpunk. Sie machen 
schrammeligen Hardcore, das richtig amtlich und auch 
schon seit 1998. Teils auf Englisch, Deutsch und Spanisch 
untermalen sie ihre Songs, ja ja, damit man auch mal un¬ 
terwegs zwischendurch die Urlaubskasse aufbessem kann. 
Wozu Punkrock nicht alles gut ist. Treffenderweise stam¬ 
men auch Teile dieser Aufnahmen von ihrer letzten „Spa¬ 
nien-Tour“, was den Thrash-Faktor, nicht nur in Punkto 
Sound noch um ein Vielfaches in die Höhe treibt. Schön 
rotzig, schnell und direkt - eben wie guter Hardcore/ Punk 
der alten Schule sein soll. Warum die Jungs noch kein rich¬ 
tiges Label gefunden haben, ist mir schleierhaft. Ob es am 
Namen liegt? Keine Ahnung. Ihr fast richtiges D.I.Y.-Label 
Umsturz Records brennt, ähm, presst ihre CD auf Anfra¬ 
ge. Das nenn ich doch Dienst am Kunden. Sie touren dem¬ 
nächst wieder durch die Gegend. Checkt sie aus! (42:16) 
(8) JeNnY Kracht 

HELL CRAB CITY 
Nicotine Blues CD 

myspace.com/hellcrabcity | Man sieht sich immer zwei¬ 
mal: Kopf der aus Sydney stammenden HELL CRAB CITY 
ist Alan Creed, und der war nicht nur mal Gitarrist der 
NEW CHRISTS, son¬ 
dern auch bei den PA- 
NADOLLS, was eine lei¬ 
se Erinnerung wachruft. 
Einmal das Ox-Online- 
Archiv befragt, und sie¬ 
he da, in Ox #35 hat¬ 
te ich deren Album be¬ 
sprochen, ihren klassi¬ 
schen Oz-Rock mit RA¬ 
DIO BIRDMAN, ASTE¬ 
ROID B-612 und POW- 
DER MONKEYS vergli¬ 
chen. Erstaunlicherwei¬ 
se hat sich der bevorzugte Sound von Gitarrist Al seitdem 
nicht verändert, denn HELL CRAB CITY spielen ebenfalls 
genau diesen mächtigen, schmutzigen, druckvollen, mich 
rundum begeisternden Sound, und wer BORED!, BROT- 
HER BRICK, COSMIC PSYCHOS und die oben erwähn¬ 
ten Bands liebt, der wird hier bestens bedient. Neben dem 
mitreißenden „Hey mate“, das auf der Ox-CD zu hören ist, 
begeistert mich das 5:04 laufende „Death song“, eine me¬ 
lancholische Ballade, die es aber trotzdem nicht an Druck 
und Intensität mangeln lässt. Ein echter Geheimtip, diese 
Band - und warum zur Hölle findet sich nicht eine Band in 
Deutschland, die sich mal soundmäßig an sowas versucht? 
Stattdessen immer dieser klischeebeladene Schmierlapp- 
Rock, den ich nie wieder hören will... (46:09) (9) 

Joachim Hiller 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

HELP SHE CANTSWIM 
The Death Of Nightlife LP/CD 

fantasticplasticrecords.com/Rough Trade | Spätestens 
seid den SUGARCUBES von zweigeschlechtlichem Ge¬ 
sang fasziniert, zieht mich das neue Album „The Death Of 
Nighdife“ von HELP SHE CAN’T SWIM sofort in seinen 
Bann. Singen Tom Denney und Leesey Frances gleichzeitig, 
fühlt man sich wie in einem hypnotischen Sog, und wech¬ 
seln sie sich ab, fahrt man regelrecht Achterbahn, da zu¬ 


sätzlich das Tempo in den einzelnen Songs extrem vari¬ 
iert. Wirkt das neue Album dieser Art-Punks im Gegen¬ 
satz zu ihrem Debüt „Fashionista Super Dance Troupe“ von 
2004 anfänglich fast gezähmt, zeigen die seit vier Jahren 
als Band existierenden Southamptoner aber sehr schnell, 
dass sie Meister des organisierten Soundchaos sind. Über¬ 
wiegen im Opener „Pass the hat around“ noch die melo¬ 
dischen Parts, wird spätestens ab dem achten Song, „Box 
of delights“, dem Krach gehuldigt. Doch ähnlich wie bei 
FORWARD RUSSIA wird das größte Geschrei immer wie¬ 
der durch melodiösen Gesang aufgelöst. Mehr Abwechs¬ 
lung geht nicht. (35:20) (8) Nina Maenz 

HELL WITHIN 

Shadows Of Vanity CD 

Lifeforce/ Soulfood | HELL WITHIN sind ein typisches 
Signing auf Lifeforce Records. Neben RAUNCHY und BY 
NIGHT reihen sie sich mit ihrem melodischen Metal, der 
immer wieder Thrash-Einlagen einbindet, nahtlos ein in 
die Reihe der Bands, die das Label eigentlich auszeichnen. 
Mit ihr em dritten Album wollen es HW nun also wissen 
und gehen in meinen Augen, im Gegensatz zu den genann¬ 
ten Labelmates, durchweg auf Nummer sicher in Sachen 
Songwriting. Und da beginnt das Problem, denn alle Songs 
sind im Aufbau sehr ähnlich, was für diejenigen, die den 
Sound mögen, natürlich gut ist, für alle Anderen, die etwas 
mehr Abwechslung wollen, aber eher abschreckend wirkt. 
Hinzu kommt die sehr sterile Produktion, die man eher 
im Bereich Metalcore der Marke CALIBAN gewohnt ist. Ich 
persönlich mag es lieber ein wenig rauher und druckvol¬ 
ler. Für mi ch ist „Shadows OfVanity“ zwar keinesfalls ein 
schlechtes Album, aber mehr als oberer Durchschnitt eben 
auch nicht. (33:52) (6) Tobias Emst 

HATESPHERE 

Serpent Smiles And Killer Eyes CD 

Steamhammer/SPV | HATESPHERE veröffentlichen mit 
„Serpent Smiles ..." ihr bereits fünftes Album in sechs Jah¬ 
ren und bestätigen ihren Ruf als Thrash Metal-Ikonen. Es 
gibt die gewohnte Mischung aus High-Speed-Attacken 
und getragenen Midtempo-Songs, wobei auf diesem Al¬ 
bum Letztere, wie zum Beispiel „Drinking with the king 
of the dead“, teilweise die Nase vorn haben und zu mei¬ 
nen Favoriten gehören. Eben genannter Track beginnt fast 
Country-mäßig mit Mundharmonika und entsprechen¬ 
den Melodiebögen, tun dann in eine großartige Nummer 
mit Riffs zu münden, die ins Ohr gehen und mich tatsäch¬ 
lich emotional treffen, zudem perfekt mit dem Gesang 
harmonieren. Hammer! Auch „The stain“ hält fünf pa¬ 
ckende, groovende Minuten parat, ohne auf das Gaspedal 
zu drücken. Und das mir als definitivem „Fast-Forward“- 
Liebhaber. „Who had that ge-thought“, würde mein alter 
Freund Macke sagen ... Fünf der neun Songs auf der Plat¬ 
te walzen allerdings speedmäßig alles nieder, was sich ih¬ 
nen in den Weg stellt. Anspieltip: „Forever war“. Einige 
Male wechselt Sänger Jacob Bredahl von seinem eh schon 
enorm aggressiven Gesang in Death Metal-Growls ä la NA¬ 
PALM DEATH. Auch sonst haben schwere Riffs Vorrang vor 
allzu nervigen Gitarrensolo-Parts. Die Produktion ist abso¬ 
lut auf der Höhe und somit ist HATESPHERE eine beein¬ 
druckende, abwechslungsreiche Metal-Scheibe mit gehö¬ 
rigem „Hardcore-Faktor“ gelungen. (40:51) (8) 

Zahni Müller 

HANGIN’ OUT 
In Common Solitudes CD 

kickassrecords.org | Das Debütalbum der 1999 gegründe¬ 
ten HANGIN’ OUT „In Common Solitudes“ ist in Belgien 


und Frankreich bereits erschienen, während das Quintett 
damit in Deutschland derzeit noch hausieren geht. Hof¬ 
fen wir, dass es nicht mehr lange so bleibt und die Band 
ein Label findet. Denn sie spielt einen energisch-melo¬ 
dischen Sound, für den sie sich zwar einiges bei diversen 
amerikanischen Vorbildern abgeguckt hat, in den sie aber 
auch eigene Ideen einbringt. So rauht die Band melodi¬ 
sche Parts gekonnt durch kantige Breaks und ungeschlif¬ 
fene Gitarrenparts auf. Sie spielt catchy Refrains, ist da¬ 
bei aber nicht zu glatt, sondern balanciert Ungeschliffen¬ 
heit und Griffigkeit gelungen aus, so dass schöne Faust-in- 
die-Luft-Refrains entstehen. All dies erinnert sehr an frühe 
RISE AGAINST, deren erstes Album einen mit „In Common 
Solitudes“ vergleichbaren, sympathischen rauhen Gesamt¬ 
sound hat. Jeder, der auf energische Vereinigung von Melo¬ 
dien und Energien steht, ist bei den Belgiern genau richtig. 
(34:06) (7) LauriWessel 

CHIP HANNA AND THE BERLIN THREE 
s/t CD/LP 

peoplelikeyourecords.com/SPV | Chip Hanna ist Ex- 
Drummer der U.S. BOMBS und ONE MAN ARMY, hat sich 
aber bereits 2005 mit einer selbst produzierten Country- 
CD als durchaus fähiger Akustiksong-Schreiber profiliert. 
Nim hat der Texaner mit den MAD SIN-Mitgliedern Tex 
Morton, Valle und Andy Laaf drei alte Bekannte rekrutiert 
und firmierend unter CHIP HANNA AND THE BERLIN 
THREE ein en weiteren musikalischen Gehversuch gewagt. 
Und ganz ehrlich gesagt, vielleicht bin ich zu jung, aber das 
erste Album dieses interessant besetzten Gespanns versetzt 
mich nicht in solche Begeisterung wie Hannas selbst pro¬ 
duzierte CD, denn die Band spielt sehr HonkyTonk- und 
Rockabilly-betonte Songs. Dies wiederum geht zu Lasten 
einer melancholisch-schönen Atmosphäre der Stücke und 
lässt sie eher im typischen 50er Jahre-Gewand erschei¬ 
nen. Zwar kann man dies durchaus drei, vier Mal hören, 
aber um ein herausragend gutes Soloprojekt daraus zu ma¬ 
chen, dafür mangelt es der Platte an Lagerfeuer-Flair und 
Springsteen-Romantik. Von daher: ganz netter, typischer 
Country, aber kein Meilenstein. (31:22) (6) Lauri Wessel 
► Auf der Ox-CD zu hören. 

TERRY LEE HALE 
Shotgun Pillowcase CD 

Borderdreams/Broken Silence | Terry Lee Haie macht 
schon seit Anfang der 90er Musik und die hierzulan¬ 
de bei Normal, Glitterhouse und Blue Rose erschienenen 
Platten des Texaners sind nicht imbedingt das Schlech¬ 
teste, was man im Singer/Songwriter-Genre erwischen 
kann. Und auch mit seiner neusten Platte empfiehlt sich 
Haie als Produzent atmosphärischer, dichter Songs zwi¬ 
schen Rock, Blues, Country und Folk, mal straight rockend 
wie bei „Work song“, aber überwiegend im halbakusti¬ 
schen Midtempo-Bereich angesiedelt. Darunter Cover¬ 
versionen von Chris Eckman von den WALKABOUTS, der 
die Platte produziert hat und auch bei den meisten Songs 
mitspielt, und BLUR („No distance left to run“), die sich 
aber gut ins Gesamtbild einfügen. „Shotgun Pillowcase“ 
erzeugt durch Haies eindringlichen Gesang und die redu¬ 
zierte, aber pointierte wie effektive Instrumentierung ein 
Höchstmaß an Atmosphäre, ohne das Genre zu revolutio¬ 
nieren, auch wenn der Einsatz von Elektronik und eher un¬ 
gewohnter Instrumente wie Klarinette der Platte den indi¬ 
viduellen Touch verleiht, die dessen Platten schon immer 
ausgezeichnet haben. Insofern kann man „Shotgun Pillow¬ 
case“ durchaus mal wieder als echtes Highlight im äußerst 
durchwachsenen Singer/Songwriter-Bereich bezeichnen. 
(8) Thomas Kerpen 



Original-Version sind noch drei Bonus-Live-Tracks hin¬ 
zugefügt worden. Diese zeigen das Live-Potential der Band. 
(56:26) (4) Robert Noy 

GREENLAND WHALEFISHERS 
Amazing Space CD 

deadlambrecords.com | Wer Barney McKenna und seine 
silberlockigen Konsorten von den DUBLINERS schon ein¬ 
mal live erleben durfte, der versteht, weshalb eine ganze 
Generation von Musikern den Iren huldigen und nur noch 
eines wollen: genauso werden wie sie. Vor 13 Jahren hatten 
eine Hand voll Norweger exakt diesen Wunsch, und wäh¬ 
rend Folkpunk a la FLOGGING MOLLY und BLOOD OR 
WHISKEY langsam populärer wurde, konnten GREEN¬ 
LAND WHALEFISHERS nur in Großbritannien und - no- 
body knows why - in Japan wirklich Fuß fassen. Nun ist 
es an der Zeit, den umfangreichen Backkatalog der Band 
auf die besten Stücke abzuklopfen, durch unveröffentlich¬ 
te Aufnahmen der Japantour zu ergänzen und eine genia¬ 
le Compilation zu gestalten. 17 absolut mitreißende Stü¬ 
cke, in denen sowohl Dynamik und Texte als auch die In¬ 
strumente sofort an die wohlig-gemütliche, düster-ver¬ 
soffene Atmosphäre irischer Pubs erinnern. Bleibt mir nur 
noch, den Norwegern die gleiche Ausdauer wie ihren iri¬ 
schen Vorbildern zu wünschen - auf die nächsten 30 Jahre! 
(55:53) (7) Katrin Schneider 

GALLON DRUNK 

Tonite-The Singles Bar (1988-91) CD 
You, The Night... And The Music CD 
From The Heart Of Town CD 

Sartorial/Cargo | Löblich: Das gesamte Frühwerk der fa¬ 
mosen GALLON DRUNK wurde neu aufbereitet rereleaset. 
Der Londoner Vierer gründete sich 1990 und veröffent¬ 
lichte zunächst in Eigenregie diverse Singles, die sämtlich 
von der britischen Musikpresse gefeiert wurden. All jene 
frühen Aufnahmen wurden auf „Tonite - The Singles Bar“ 
zusammengefasst und werden ergänzt um acht Live-Tracks 
aus dem Jahre 1993, die in Chicago mitgeschnitten wur¬ 
den und bislang unveröffentlicht waren. Und schon die 
frühe Aufnahmen machen mit ihrem hypnotischen Beat, 
dem halligen Gesang, ihrem dramatischen Aufbau und ei¬ 
nem Stilmix aus Americana und SUICIDE, aus Elvis und 
THE FALL, aus Tom Waits und BIRTHDAY PARTY klar, wo¬ 
hin die Reise durch die Nacht geht: Durch abgerockte Spe¬ 
lunken, durch verdreckte Straßenschluchten, an den Ab¬ 
gründen des menschlichen Daseins entlang Richtung Mor¬ 
gengrauen, das man freilich nicht mehr mitbekommt, weil 
man mal wieder sturzbetrunken irgendwo auf einem Sofa 
eingeschlafen ist und erst gegen Mittag voll bekleidet wie¬ 
der aufwacht. Frontmann James Johnston war (und ist!) 
die treibende Kraft hinter all dem, ein Mann, den Nick 
Cave später in seine Tourband holen sollte, und ab dem ers¬ 
ten Album „You, The Night... And The Music“ von 1992 
trommelte ein gewisser Max Decharhe, der dann später 
den Sound von GALLON DRUNK in modifizierter Form 
mit den FLÄMING STARS aufbereiten zu begann - und von 
der Trommlerposition an die des Frontmannes wechselte. 
Parallel dazu erschien dann eine erste Auflage der eben er¬ 
wähnten Singles-Compilation, und GALLON DRUNK wa¬ 
ren zu so einer angesagten Band geworden, dass Warner sie 
unter Vertrag nahm, für die sie 1993 „From The Heart Of 
Town“ veröffentlichten. Keine kluge Entscheidung, ob¬ 
wohl die Platte gut ankam, denn die Vertragsstreitigkeiten 
führten dazu, dass GALLON DRUNK erst 1995 ein neu¬ 
es Lebenszeichen geben konnten in Form der selbstveröf¬ 
fentlichten „The Traitor’s Gate“-EP - ihr nächstes Album 
„In The Long Still Night“, ihr nach Meinung vieler bestens, 
kam erst 1996 via City Slang. Immerhin, trotz gewisser 


Hindernisse sind GALLON DRUNK bis heute aktiv, 2002 
erschien mit „Fire Music“ ihr letzter Longplayer,und wie 
man so hört steht ein neues Album unmittelbar bevor. (8) 
Joachim Hiller 


HEFNER 
MaidaVale CD 

Belka/Cargo j Ich oute mich zwar ungern als Fanboy, aber 
im Fall von HEFNER tue ich das eigentlich doch ganz ger¬ 
ne, zumal Darren Hayman einer der großartigsten Song¬ 
writer ist, den England in den letzten 20 Jahren hervor¬ 
gebracht hat. Nachdem sein ehemaliges Label Too Pure 
Hayman wohl die Rechte an den HEFNER-Songs überlas¬ 
sen hat, bringt der auf seinem eigenen Label Belka unver¬ 
öffentlichte Schätze seiner alten Band heraus. In diesem 
Fall eine Peel-Session aus dem Jahr 2000, also zu Zeiten des 
„We LoveThe City“-Albums. Ungewöhnlich daran ist, dass 
es sich um eine der wenigen Gelegenheiten handelt, HEF¬ 
NER als achtköpfige Band zu erleben, was den zehn Songs 
durch die Bläsersektion einen sehr schönen orchestralen, 
BEATLES-esken Touch verleiht, darunter auch mit „The 
greedy ugly people“ oder „The day thatThatcher dies“ gro¬ 
ße Klassiker des Hayman’schen Songwritings. Was soll man 
sagen, wer die Band liebt, kommt an dieser Platte schlecht 
vorbei, wer HEFNER nicht kennt, sollte das mal dringend 
nachholen, denn englischer Indiepop hat in den letzten 
Jahren selten so gut geklungen wie auf deren Alben. (9) 

Thomas Kerpen 

HERESY 

20 Reasons To End It All CD 

bosstunage.com/Cargo | Mit„20ReasonsToEndItAll“ist 
die Aufarbeitung der Geschichte HERESYs abgeschlossen. 
Zusammen mit den ersten beiden Teilen „1985 - ’87“ und 
„Face Up To It!“ (siehe dazu Ox #64 und #68) ist somit 
das Gesamtwerk der Nottinghamer von Boss Tüneage Re¬ 
cords nicht nur für Spät- 
geborene endlich wieder 
in vernünftiger Form er¬ 
hältlich gemacht wor¬ 
den. Nachdem HERESY 
Anfang 1988 ihre einzige 
LP „Face Up To It!“ ver¬ 
öffentlicht hatten, folg¬ 
te eine halbjährige Pause, 
bevor sie im Herbst eine 
Handvoll Einzelkonzer¬ 
te sowie eine kurze En¬ 
glandtour mit den Japa¬ 
nern ROSE ROSE bestrit¬ 
ten. Gegen Ende dieser Tour verkündete Gitarrist Baz (der 
nebenbei auch bei RIPCORD spielte) seinen Ausstieg, wor¬ 
aufhin HERESY beschlossen, die Band direkt komplett auf¬ 
zulösen. Neben der Unlust, einen neuen Gitarristen „an¬ 
zulernen“, hatte man eh das Gefühl, das Maximum aus der 
Band herausgeholt zu haben. Musikalisch hatten sich HE¬ 
RESY zu diesem Zeitpunkt vom Knüppel-Sound ihrer An¬ 
fangszeit entfernt und sich mehr in Richtung eines eher 
„klassischen“ Hardcores entwickelt. Was nicht bedeu¬ 
tet, dass sie nicht immer noch verflucht schnell spielten. 
Am 14. Dezember gaben HERESY in Leeds ihr Abschieds¬ 
konzert, kurz darauf spielten sie noch die „Whose Genera¬ 
tion“-?“ für InYour Face Records ein und nahmen im Ja¬ 
nuar 1989 noch eine dritte Peel-Session auf. Diese sechs 
Songs wurden dann Ende 1989 zusammen mit den sie¬ 
ben Tracks ihrer zweiten Peel-Session unter dem Namen 
„ 13 Rocking Anthems“ wiederum bei InYour Face Records 
veröffentlicht. Danach war es dann endgültig vorbei mit 
HERESY, die Bandmitglieder spielten in den Folgejahren in 



diversen anderen Bands wie MEATFLY, FORCE FED oder X- 
RAYS (Bassist Kalv und Drummer Steve haben aktuell mit 
GERIATRIC UNIT eine neue Band, die erst kürzlich eine EP 
via Plastic Bomb veröffentlicht haben). Auf „20 Reasons To 
End It All“ sind nun alle diese letzten HERESY-Aufnahmen 
versammelt, ergänzt um drei Songs vom Abschiedskonzert 
(die auch schon mal 1993 als Single veröffentlicht wur¬ 
den) und begleitet von ausführlichen Linernotes von Bas¬ 
sist Kalv sowie beinahe allen Texten. Essentielle Hardcore - 
Geschichte, die man im Schrank haben sollte. (9) 

Andre Bohnensack 

HOLD STEADY 
Almost Killed Me CD 

Frenchkiss/Fulltime Hobby/PIAS | Zwar war das De¬ 
büt-Album von THE HOLD STEADY seit seinem Erschei¬ 
nen vor über drei Jahren permanent via Frenhkiss erhält¬ 
lich, aber nun gut, jetzt ist es nach Meinung des englischen 
Lizenznehmers „released for the first time in Europe“ - lei¬ 
der ohne jedes Bonusmaterial. Und das schrieb ich in Ox 
#56: Eine Band aus New York City, die nicht als „New York 
City band“ bezeichnet werden will, die der Meinung ist, die 
ganze Disco-Punk-Szene sei „the silliest and most predic- 
table musical movement since the third wave Ska revival 
of the late 90s“. Nun, da kann man nicht widersprechen, 
und das impliziert, dass HOLD STEADY auf der richtigen, 
der guten Seite stehen. Das tun sie auf jeden Fall, wenn man 
LIFTER PULLER mochte, die vorherige Band von Front- 
mann Craig Finn und Bassist Tad Kubier, die sich zwei 
neue Mitstreiter gesucht haben, wobei ich deren Ex-Bands 
PUNCHDRUNK, KOESTER und VERBENA nicht kenne. 
HOLD STEADY spielen auf ihrem Debüt schön unspekta¬ 
kuläre Rockmusik, trocken und erdig, ohne Schnörkel und 
Rockismen, was „Almost Killed Me“ zu einer Platte macht, 
die Ende der Achtziger auf SST hätte erscheinen können. 
Und verblüffenderweise erinnern sie mich immer wieder 
an HEAL!, die Band, die Steven Taylor von den FALSE PRO- 
PHETS in den Neunzigern mal kurzzeitig hatte. Gastmusi¬ 
ker gibts auch, Franz und Peter von THE WORLD/INFER¬ 
NO FRIENDSHIP SOCIETY, was wiederum ein Hinweis auf 
den Hintergrund von HOLD STEADY ist. Ein schönes, un¬ 
spektakuläres Album, das denkbar weit von hippem Disco¬ 
punk entfernt ist. (42:48) (7) Joachim Hiller 

JAMES CHANCE & THE CONTORTIONS 
Soul Exorcism Redux CD 

roir-usa.com/Cargo | James Chance war eine der inter¬ 
essantesten Figuren der New Yorker Punk- und No-Wave- 
Szene der späten Siebziger. Nachdem er mit Lydia Lunch 
bei TEENAGE JESUS & THE JERKS gespielt hatte, gründe¬ 
te er JAMES CHANCE & THE CONTORTIONS und gebär¬ 
dete sich wie die Wiedergeburt von James Brown, kombi¬ 
nierte er dessen schweißtreibenden Funk mit der Wildheit 
des Punk. 1980 führte es das Orchester nach Rotterdam, 
der Auftritt wurde mitgeschnitten und ein Jahr später als 
MC auf dem legendären New Yorker Tape-Label Roir veröf¬ 
fentlicht. Jetzt ist dieses mitreißende Zeitdokument als CD 
im Digipak neu aufgelegt worden, ergänzt um drei Demo- 
Tracks aus dem Jahr 1987 und Linernotes von Mr. Chance 
persönlich. (79:10) (7) Joachim Hiller 

KOMMUNITY FK 

The Vision And The Voice CD 

mobilization.com | „The Vision & the Voice: Beginnings of 
American Deathrock“ ist der Text von KOMMUNITY FK- 
Gründer Patrik Mata im Booklet dieser CD überschrie¬ 
ben und gibt damit bereits ein wichtiges Stichwort für die 
Einordnung dieser lange in Vergessenheit geratenen L.A.- 
Band, die seit einiger Zeit wieder aktiv ist. Zusammen mit 








RECORDS 

PROUDLY PRESENTS 


WAY OUT WEST 
Revolution 

CD * KK-CD 101 

They are back! Fünf Männer, 
Drei Gitarren nnd jede 
Menge heiße Melodien. 2007 
ist das perfekte Jahr für 
diese Rennion, 10 Jahre 
Kamikaze Records, 10 Jahre 
Evolution und 13 Jahre WOW! Das neue/alte Album enthält 
die kompletten Aufnahmen des Evolution Albums, drei wei¬ 
tere Tracks aus der Evolution Session, alle Aufnahmen der 
King Session, Best of Motorhula und die letzten Aufnahmen 
der Band ans 2001. Insgesamt 11 bisher unveröffentlichte 
Tracks. Drei weitere gab es bisher nur auf Tinyl und sogar 
ein Tocal-Track ist mit dabei. Insgesamt 80 Minuten Surf 
Musik vom feinsten. Alle Aufnahmen wurden von EROC 
Remastert nnd was er ans den Bändern gezaubert hat, hat 
mich wirklich vom Stuhl gehauen. So haben WOW noch nie 
geklnngen, klar, brillant, frisch - einfach geil! 




RICHIE HUNTER 
Gun Gone Baby 

CD • KK-CD 041 


Five guys from Ibbenbüren 
put this outstanding record 
out, that even makes your 
dog tap his feet.This debut 
album offers a varied Collec¬ 
tion of mid-tempo songs and 
tunes. Classic rock’n’roll and early 70’s rock 
inflnence their arrangements as well as a meaning dose 
of punkrock. The gimmik of this CD is an additional video 
track to the song „Girl with a gun“. 


geniales 


THE BÄHAREEBÄS 
Last Night I Saved 
The Universe 

CD • KK-CD 043 

Das neue Album! The simple 
riffology that was surf in 
the sixties is the basis here, 
and the writing is excellent. 
They have arranged these 
/. It’s hard not to grin and 
bounce while listening.Tocals on this CD inclnde the eerie 
and way fun „Vampire Beach“, „Lollipop Whore“, „Safran“ & 
„Don’t Steal My Show“. 


THE SPACE 
RANGERS 
Ready To Take Off! 

CD • KK-CD 040 

Die Space Rangers sind 
startbereit und haben die 
Erde im Visier. Die jungen 
Löwen mit den qualmenden 
Gitarren liefern das Surf- 
Highlight des Jahres: 13 brandneue Eigenkompositionen, die 
nicht nnr Freunde klassischer Surftunes bedienen. 


BARNEY’S 
BOOGIE TRAIN 
Hot Rails 

CD * KK-CD 038 


Rockabilly Alarm! Statt Elec- 
trobeat und Bürstenschnitt 
geht’s hier nm Rock'n'Roll, 
um schwere Lederjacken, alte 
Blue-Jeans, grobe Bikerboots, 
monströse Tollen und natürlich Chicks und Sex. Das 
deutsche Trio hat sich in der klassischen Besetzung Gitarre, 
Bass und Schlagzeug ganz dem straighten, schnörkellosen 
Sonnd der swingin’ und rocking’ Fifties im neuen modernen 
Gewand verschrieben. 


THE HAWAI LAN S 
Hula On Mars 

CD • KK-CD 042 

Ta da!!! Die neue Scheibe 
der PopPunk Heros aus 
Germany! nach dem Riesen¬ 
erfolg Ihres Erstlings geht 
es nun volle Kante weiter. 
17 famose Tracks und ein 
vom Kollegen Fritte. A must have! 


OX-FANZINE 73 





















REVIEWS 


HELL IS FOR HEROES 

s/t CD 

golfrecords.co.uk | Das kann kein gutes Zeichen sein! Da 
erscheint ein neues Album dieser feinen englischen Indie¬ 
rocker und kein Mensch weiß davon?! Ungewiss scheint 
gar, in welcher Form das 
dritte und selbst beti¬ 
telte Album der fünf aus 
London hierzulande er¬ 
scheinen wird, da bisher 
nur bekannt ist, dass es 
in England Mitte Juni auf 
dem englischen Golf Re¬ 
cords-Label erscheinen 
soll. Nun ja, hoffen wir, 
dass sich eines der größe¬ 
ren europäischen Indies 
wieder für HELL IS FOR 
HEROES erwärmen kann 
und Kontinentaleuropa das neue Album der Band um Sän¬ 
ger Justin Schlosberg zugänglich machen wird. Denn die 
neue Platte ist nach dem 2005er „Transmit Disrupt“, für 
das sich damals Burning Heart erwärmen ließ, ein kleines 
Meisterwerk geworden, auf dem sich die Band in Melan¬ 
cholie einwickelt und dem Hörer dabei einen ergreifenden 
Song nach dem anderen präsentiert. Seien es Gitarrenwän¬ 
de, die sich in THURSDAY-Manier aufbauen und in tief¬ 
traurigen Refrains gipfeln. Seien es die ruhigen Momente 
des Albums, die HIFH nutzen, um den Hörer langsam aber 
sicher an introvertiert-dunkle Songstrecken heranzufüh¬ 
ren und ihm mit Midtempo-Drums, fast dramatischen Ge¬ 
sangbögen und ausdauernden Gitarren zeigen, wie sich in 
elf Songs Nachdenklichkeit auf ganz hohem Niveau Um¬ 
setzen lässt. Diese Band darf nicht mehr länger ein Ge¬ 
heimtip bleiben, denn die Emotionen, die HIFH hier frei- 
setzen, sind subtiler als alles, was die Band bisher gemacht 
hat. Mehr denn je fesselt die Band den Hörer und liefert ei¬ 
nes der schönsten Alben des Jahres ab, ohne auch nur an ei¬ 
ner Stelle nach Emo oder sonstigen Modelabels zu klingen. 
Groß! (42:58) (9) Lauri Wessel 

HANDSOMEFURS 
Plague Park CD 

Sub Pop/Cargo | Eine feine kleine Platte: Dan Boeckner, 
sonst Frontmann von WOLF PARADE, überzeugte letzten 
Winter seine Partnerin Alexei Perry von der Notwendig¬ 
keit, zusammen Musik zu machen. Ein Drummer war in 
Form einer Maschine schnell gefunden, Gitarre und Ge¬ 
sang kein Problem, und so entstand dieses minimalistische 
Album, irgendwo zwischen dem eigenwilligen Folk von 
WOLF PARADE, SUICIDE und Springsteen-Balladen. Mehr 
kann und will ich zu diesem seltsam faszinierenden, unter 
die Haut gehenden Album nicht schreiben - ausprobieren 
und angetan sein. (36:31) (7) Joachim Hiller 

HOMER 

Swan Songs For Broken Voices CD 

fimtimerecords.com | Es ist so eine Sache mit Bandna¬ 
men, denn sie vermitteln dem Hörer noch vor dem Hö¬ 
ren einen ersten Eindruck von dem, was ihn erwartet und 
die Bildung von Vorurteilen ist hier alles andere als ausge¬ 
schlossen. Entsprechend erwartete ich von einer Band, die 
sich nach des Deutschen liebsten Comic-Familienvaters 
nennt, recht banalen Melodycore. Und nicht das, was die 
Belgier hier spielen. HOMER widerlegen alle Erwartungen 
an ihren Sound. Sicher, es gibt melodische Punkrock-Mo¬ 
mente, aber eben mir Momente, die sich in den ansons¬ 
ten sehr ideenreichen Hardcore-Punkrock-Mix einfü- 


gen. Dieser erinnert durch metallische Parts und entspre¬ 
chende Soli mal an DEATH BY STEREO, aber nur um we¬ 
nig später mit geradlinigen Hardcore- Parts SICK OF IT ALL 
zu zitieren und dann wieder durch gelungene Melodiebö¬ 
gen die Parallele zu amerikanischem Punkrock zu ziehen. 
Dieses Album hat wirklich sehr viele Überraschungsmo¬ 
mente. Tempowechsel, in denen die Rhythmussektion von 
Geradlinigkeit auf Stakkato umschaltet. Gitarrenlinien, die 
aus Melodien in metallische Wände gleiten und einen Sän¬ 
ger, der sowohl gekonnt schreien als auch singen kann. Ein 
beeindruckend energisches Stück Musik mit Aussage und 
Feuer! (34:27) (8) LauriWessel 

HAPPY BASTARDS 
Box Of Hard Knocks CD 

profaneexistence.com | Ist das die JEFFERSON AIRPLA¬ 
NE-Sängerin? Über Hardcore-Hippie-Flower-Power in 
Eugene, Oregon die Vorliebe zum Hardcore-Punk ent¬ 
deckt? Sängerin (Anti-)Christy, auch Kolumnistin bei Pro¬ 
fane Existence, geht mir mit ihrem Geschrei auf einer Fre¬ 
quenz total auf die Nerven. Musikalisch ist das ansatzwei¬ 
se düster-wüster, melancholischer Hardcore, der oftmals 
zu langatmig ist. Weder die Songs sind sonderlich ausge¬ 
feilt, noch finde ich die musikalische Umsetzung gelungen. 
Untere Mittelklasse aus dem D.I.Y.-Anarcho-Crust-Hard- 
core-Umfeld des Hauses Profane Existence. (35:31) (5) 

Simon Brunner 

HERO DISHONEST 

When The Shit Hits The Man LP/CD 

combatrockindustry.com | Ein sehr schöner Albumtitel, 
den die Finnen sich für ihr viertes Album ausgesucht ha¬ 
ben, und auf dem Foto auf der Booklet-Rückseite sehen sie 
auch beinahe so aus: total verschwitzt und abgerockt nach 
einem Auftritt, irgendwo im Backstageraum. 21 Songs in 
knapp über 25 Minuten sprechen auch hier wieder eine 
deutliche Sprache: Gefangene werden nicht gemacht, nach 
einer Minute sollte eine Nummer eigentlich durch sein. 
Und wer DEEP WOUND covert („Saw it“) beweist sowie¬ 
so Geschmack und Stil. 1999 gegründet, verschrieben sich 
HERO DISHONEST seitdem kompromisslos dem Hardco¬ 
re, thrashen fast ausnahmslos („Road to the arctic ocean“ 
ist so eine) ohne Gefangene zu machen ihre Songs runter, 
treten das Erbe der leider aufgelösten WRANGLER BRUTES 
an und kicken mindestens so geil wie die frühen BLACK 
FLAG, wie D.R.I. zu „Dealing With It“-Zeiten und haben 
dabei die Wucht von POISON IDEAs „Feel The Darkness“. 
Angenehm auch die große Fähigkeit zur Variation, zu kom¬ 
plexer Rhythmik, denn das in gerade mal +- 60 Sekunden 
hinzubekommen, zeugt von erheblichem Können. Und 
Humor haben sie obendrein. Jetzt endlich entdecken! (8) 
Joachim Hiller 

m 


I KNEW IT: HURRAY 
New Hits: Hurray! LP 

iknewit.de | Zu Beginn ein kurzer Exkurs zu dem Band- 
namen: Der Wille, mit dem Bandnamen gleich etwas viel 
Umfassenderes auszudrücken als der Combo einfach nur 
einen Namen zu verpassen, scheint in letzter Zeit Kon¬ 
junktur zu haben. Dass dabei etwas so Angenehmes wie 
„Ich wusste es, juhu!“ herauskommt und nicht „Ich wusste 
es: Beeilung!“, wie ich beim ersten Hinschauen las, ist doch 
sehr schön. Und der Plattentitel nimmt auch noch Bezug 
auf den Bandnamen, hier geht man also mit einem Kon¬ 
zept zur Sache. Hinter jenem steckt leicht trashiger, vor¬ 


antreibender Neopunk bis -core, verspielt und abwechs¬ 
lungsreich mit deutschem Gesang, der wechselweise weib¬ 
lich oder männlich vorgetragen wird. Nicht nur musika¬ 
lisch haben die Trierer Gemeinsamkeiten mit den Spani¬ 
ern IT’S NOT NOT, denn auch diese drei Jungs und das eine 
Mädel spielen in diversen anderen Vereinigungen. Genau¬ 
so hört man Elemente, die man aus dem höheren Norden 
kennt: verdrehte Texte, teils gesprochen, teils geschrieen, 
mit Schrammelgitarre und vielen Laut-leise-Teilen. Al¬ 
lerdings fehlt stellenweise noch etwas die Energie, die die¬ 
se Art Musik ausmacht. Aber dank 16-Spur-Bandmaschine 
ein der Musik angepasst rotziges Debütalbum. (29:31) (6) 
Christoph Schulz 

INSTANT ASSHOLE 
Straight Edge Failure CD 

Tankcrimes | Laut, hart, rotzig und schnell, so muss ge¬ 
scheiter Hardcore-Punk sein, sonst ist das nix. Es scheint 
auch noch Bands zu geben, die dieses Prinzip von Grund 
auf verstanden haben. Guter handgemachter thrashiger 
80er Jahre Hardcore, das pinkeln INSTANT ASSHOLE 
förmlich gegen den Wind. Diese CD wurde bereits 2005 
auf Tankcrimes Records veröffentlicht, warum habe ich 
dieses Prachtstück erst jetzt in die Finger bekommen? John 
The Baker brüllt die Songs so fantastisch aggressiv-dreckig 
ins Mikro, dass man schon in den ersten Sekunden beim 
Hören dieser CD im heimischen Wohnzimmer beginnt, das 
Sitzmöbel aus der Zimmermitte zu rücken, um mit Vollgas 
einen Moshpit zu eröffnen. DEAD KENNEDYS, MDC und 
die guten alten DIRTY ROTTEN IMBECILES tanzen dar¬ 
auf einen beinharten Ringehein, das steht fest. Zu dem liegt 
auch hier in der Kürze die Würze, 16 Songs in 16 Minuten 
und zwei Sekunden, wobei „Satan“ mit 1 Minute und 37 
Sekunden schon fast eine epische Länge aufweist und sich 
regehecht im Ohr fest beißt. Fantastisch! (16:02) (9) 

JeNnY Kracht 

ICARUS LINE 

Black Lives At The Golden Coast CD 

v2music.com | Mit ihrem zweiten Album „Penance Soi¬ 
ree“ von 2005 hatten THE ICARUS LINE einen verblüffen¬ 
den Soundwechsel vollzogen, waren komplexer und viel¬ 
fältiger, aber auch düste¬ 
rer geworden und stell¬ 
ten ihren feurigen, ag¬ 
gressiven Live-Shows 
endlich auch das passen¬ 
de Album zur Seite. Es¬ 
sentieller Teil der Band, 
so schien es, war Gitar¬ 
rist Aaron North, seines 
Zeichens auch Teilhaber 
von Buddyhead Records 
und für seine rotznasige 
Attitüde bekannt. Doch 
North ist seit 2005 raus, 
wechselte zu NINE INCH NAILS - und man konnte ge¬ 
spannt sein, inwiefern sich sein Abgang auf den Sound von 
THE ICARUS LINE auswirken würde. Nun, auf jeden Fall 
hat sich hier nichts zum Schlechteren gewendet, erweist 
sich die neue Besetzung unter Führung von Frontmann Joe 
Cardamone als genauso mitreißend, ist „Black Lives..." ein 
feuriges, düsteres Noiserock-Album, das durch seine Viel¬ 
schichtigkeit begeistert. Kein Song gleicht hier dem ande¬ 
ren, die Struktur der Stücke ist komplex, erinnert biswei¬ 
len sogar an THE MARS VOLTA, ohne jedoch deren durch¬ 
aus nervende Progrockigkeit nachzuahmen. Stattdes- 
sen treffen hier JESUS LIZARD aufTHE JESUS AND MARY 


CHAIN, Hardcore auf Psychedelic Rock, Aggressivität auf 
samtige Relaxtheit („Victory gardens“), und ich denke, die 
Band hat den Abgang Norths nicht nur gut verkraftet, son¬ 
dern sich auch noch gesteigert. Ein kleines Meisterwerk. 
(43:52) (8) Joachim Hiller 

INSENSE 

The Silent Epidemie CD 

Black Balloon/Soulfood | Die Norweger haben mitun¬ 
ter die Tendenz, alles ein wenig weiter zu treiben, als ande¬ 
re das vielleicht machen würden, und INSENSE, die zu ih¬ 
ren SLIPKNOT- und PANTERA-Riffs auch noch theatrali¬ 
schen Gesang bieten, denken gar nicht daran die Neunziger 
ruhen zu lassen. Brachial, aber recht einfallslos. Textlich ist 
mir das Album zu viel zu prollig, da fehlt mir die Raffines¬ 
se und schlichtweg der gemeinsame Nenner. (48:35) (4) 

Thomas Eberhardt 

INNER CONFLICT 

Schiffbruch im Rahmenprogramm CD 

twisted-chords.de | Aus irgendeinem Grunde, an den ich 
mich nicht mehr erinnere, hatte ich INNER CONFLICT in 
meinem Hinterkopf als eher miese Band abgespeichert. 
Aber warum, kann ich echt nicht nachvollziehen, denn 
zumindest das neue Album „Schiffbruch im Rahmenpro¬ 
gramm“ ist - auch wenn der Titel doch arg an schlechten 
Hamburger Studenten-Emo erinnert - ziemlich groß. Von 
vorne bis hinten gibt es melodischen, melancholischen, 
aber dennoch schnellen und harten Punkrock mit abwech¬ 
selnd weiblichem und männlichem Gesang, der eine Stirn- 
muilg verbreitet, die mich stark an „Club Matuchek“ der 
BAMBIX erinnert. Auch die durchgehend deutschen Texte 
sind sehr gelungen, und mit „Letzte Rettung“, „Sturmfrei“, 
„En vogue“, „Restposten“ und „Kühlhauseffekt“ ist direkt 
eine ganze Hand voll Ohrwurmhits auf der CD, die übri¬ 
gens im ansprechend gestalteten Digipak kommt. Schönes 
Ding. (33:11) (8) JanEckhoff 

ILEGALITY 
Sami Proti Sebe... CD 

phr.cz | Sehr kurzweiliger, rauher und rockiger Punk mit 
einem leichten Hang zum Hardcore. ILEGALITY selbst se¬ 
hen sich in der Tradition slowakischer Bands wie OST- 
ROV P oder DO NOT X-RAY. Das müssen keine schlech¬ 
ten Bands sein, angesichts der enormen Energie und der 
coolen Arrangements, die ILEGALITY hier an den Tag le¬ 
gen. Trotz eingängiger Drei-Akkord-Mechanismen sind 
die Songs selten berechenbar und behalten den angenehm 
permanenten Druck nach vorne, wenn auch manchmal zu 
langatmig. Aggressiv, düster und schnell zerren ILEGALITY 
dreißig Minuten an den Nerven und hinterlassen ein ma¬ 
nisches Grinsen. (31:04) (7) Simon Brunner 

ION DISSONANCE 
Minus The Herd CD 

centurymedia.com | Der Einfluss der schwedischen Cha- 
os-Thrasher MESHUGGAH wird bei den kanadischen Dea- 
thcorelern ION DISSONANCE überdeutlich. Im Gegensatz 
zu genreverwandten Konsorten bedient man sich jedoch 
eher bei den Blaupausen und ist hörbar bemüht, sich nicht 
in vertrackten Rifffolgen zu verlieren sondern durch Tem¬ 
powechsel eine gewisse Eigenständigkeit zu erzeugen, was 
erfreulicherweise auch gelingt. Zwar dürfte eingeschwore¬ 
nen Metallern dieser Mix wohl zu „Hardcore“ sein, und ich 
wette, live dürften sich ziemlich viele Moshpit-Spastis bei 
den Herren eher wohler fühlen als bei dem großen schwe¬ 
dischen Aushängeschild, mir gefällt „Minus The Herd“ 
dennoch ganz gut. Trotz allem Stakkato nachvollziehba- 




/RE-RELEASES 


45 GRAVE und CHRISTIAN DEATH waren sie in den frü¬ 
hen Achtzigern Teil der südkalifornischen Deathrock/Go- 
thpunk-Szene, beeinflusst von britischen Bands wie BAU¬ 
HAUS, KILLING JOKE und JOY DIVISION, ergänzt um ge¬ 
wisse Industrial-Einflüsse, die sie stellenweise in die Nähe 
von SAVAGE REPUBLIC rücken - und auf deren bandeige¬ 
nem Label Independent Project war ihr jüngst neu aufge¬ 
legtes Debütalbum ja auch erschienen. Wie viel stärker das 
Coverartwork im LP-Format wirkt, kann man hier sehen: 
In voller Größe war das Motiv sicher sehr beeindruckend, 
so geht eine Menge Details verloren. Mata hatte in Colla¬ 
gentechnik vor einer Schweizer Bergkulisse einen riesigen 
roten Penis auf eine Almwiese montiert, um diesen her¬ 
um kopulierende Paare. Nicht der Stoff also, aus dem Hit¬ 
platten werden ...Wer immer ein Faible hat für den druck¬ 
vollen, düsteren Post-Punk/Wave-Rock jener Zeit, soll¬ 
te sich dieses auch heute noch soundmäßig überzeugende 
Album imbedingt anhören. Kommt mit Live-Bonustracks 
aus dem Jahre 1983 sowie ausführlichen Linernotes von 
Patrik Mata. (61:37) (8) Joachim Hiller 

KO AND THE KNOCKOUTS 

s/t CD 

wickedcoolrecords.com | Bereits vor fünf Jahren erschien 
das titellose Debütalbum der Detroiter Kapelle KO & THE 
KNOCKOUTS, nun ist es auf Wicked Cool Records erneut 
veröffentlicht worden. Und das ist auch gut so. Denn das 
charmante Trio mit der niedlichen Ko am Bass spielt ein¬ 
fach zuckersüßen Girl-Group-lästigen Powerpop, der sei¬ 
nesgleichen allenfalls bei den Kollegen von den DETRO¬ 
IT COBRAS findet. Gitarrenmäßig klingt hier einiges ähn¬ 
lich wie bei den Cobras, doch der Gesang ist doch um ei¬ 
niges frischer als bei der ständig genervt und gelangweilt 
wirkenden Edelzicke Rachel Nagy. Außerdem können die 
KNOCKOUTS den Cobras ein paar linke Haken dadurch 
verpassen, dass sie einfach sehr viel gutes eigenes Songma¬ 
terial haben, das ist bei den Cobras ja immer schon Man¬ 
gelware gewesen. Also ein Sieg nach Punkten für KO. (8) 

Gereon Helmer 

MERZ 
s/t 2CD 

Grönland/Sony | Lange sieben Jahre hatte Conrad Lam¬ 
bert sich Zeit genommen, um den letztjährigen Nachfolger 
zum selbstbetitelten Debüt einzuspielen. 1999 als „engli¬ 
scher Beck“ das nächste dicke Ding zu sein, hatte an ihm 
genagt und zuletzt fand er sich sogar auf dem Arbeitsamt 
wieder. Bis in diesem Jahr sein neues Album erscheint, 
kann man sich mit eben jenem Erstling die Zeit vertreiben, 
der seinerzeit - glaubt man damaligen Reviews - die Lat¬ 
te so hoch legte. In der Herangehensweise BADLY DRAWN 
BOY nicht unähnlich bediente er sich bei den einzelnen 
Songs bei verschiedensten Quellen - hier lässt er die Strei¬ 
cher flirren, dort baut er seinen Songs um Sequencer-Beats 
herum auf und spart nicht an akustischer Gitarrenbeglei¬ 
tung. Im besten Fall gelingt ihm ein Song wie „Lotus“, bei 
dem sich die Elemente (ein zurückhaltendes Piano, zaghaf¬ 
te Homer und Drum’n’Bass-Elektronik) wunderbar er¬ 
gänzen. Oft kaschieren diese hörenswerten Verbindungen 
jedoch nicht, dass die Songs selbst nicht eindeutig zün¬ 
den wollen. Einen mediokren Song kann auch der buntes¬ 
te Schmuck nicht verbessern - womit wir ganz nebenbei 
wieder bei besagtem Beck wären. Da gilt das Gleiche wie 
für den Zweitling: Interessant, aber soundtechnisch dann 
vollkommen der Jahrtausendwende verpflichtet, wird das 


Ganze auf der Bonus-CD, wo es in Form von Remixen ein 
Wiedersehen unter anderem mit House und 2-Step gibt - 
das ist dann schon richtig unterhaltsam. Der MOUSE ON 
MARS-Remix von besagtem „Lotus“ zeigt dann einmal 
mehr, dass auch durch Remixe Zeitloses entstehen kann 
und im Falle vom neu arrangierten Albumtrack „Blues be- 
came“ wird klar, dass eine klassische Band MERZ sehr gut 
tun könnte. (52:42) (6) Christian Maiwald 

MONKS 

Demo Tapes 1965 CD 

playloud.org | Aus dem gleichen Hause wie der MONKS - 
Film kommt mm ein weiteres exzellentes Dokument über 
die Musikgeschichte schreibenden Tonsurträger. Das heißt, 
als diese Demo-Auf¬ 
nahmen 1965 in Lud- 
mSfi&i wigsburg nahe Stutt- 

gart entstanden, waren 
w V* die MONKS noch lang- 

> haarig und eben erst aus 

#1 'WSk den FIVE TORQUAYS 

JT f jJnB hervorgegangen. Zu- 

¥ , 1 y sammen mit ihren „Er- 

k J Andern“ und Produzen- 

j ten Niemann und Remy 

MK 8 I KT M|^B entstanden erste Versi- 

MK Jf l iBBI BBBI onen der ein Jahr spä¬ 

ter auf dem „Black Monk 
Time“ perfektionierten Songs, zwei Tracks, die hier noch 
enthalten sind („Pretty Suzanne“ und „Hushie pushie“), 
verschwinden wieder aus dem Repertoire, zwei ande¬ 
re („Complication“ und „Shut up“) sind noch nicht da¬ 
bei. doch die Qualität ist alles andere als rumpliger Kel¬ 
lersound, sondern faszinierend frisch und crisp - deutsche 
Toningenieurskunst bei der Arbeit. Eine ausführliche Wür¬ 
digung der MONKS fand ja bereits in Ox #69 statt, des¬ 
halb der Hinweis auf den Artikel dort, den Dokumentar¬ 
film „Monks -TheTransatlantic Feedback“ sowie die aus¬ 
führlichen Linernotes im zwölfseitigen Booklet. Als Bonus 
gibts noch zwei Songs der FIVE TORQUAYS. Die perfekte 
Ergänzung zum „Black Monk Time“-Album. (38:34) (8) 

Joachim Hiller 

GARY NUMAN 

The Complete John Peel Sessions CD 

MaidaVale/CookingVinyl | Gleich zweimal innerhalb ei¬ 
nes halben Jahres kam Gary Numan zur Ehre einer Peel- 
Session: Am 16 Januar, drei Monate vor dem Release des 
zweiten TUBEWAY ARMY- Albums „Replicas“, spielte man 
in den Heiligen Hallen der BBC „Me I disconnect from 
you“, „Down in the park“ und „I nearly married a human“ 
ein, und kurz nach dem Release des epochalen Longplayers 
mit dem Dauerhit „Cars“ dann vier weitere Songs, darunter 
eine interessante Version von „Cars“. 22 Jahre später kehrte 
Numan dann zurück, und so entstanden im Juli 2001, pas¬ 
send zum just erschienenen „Pure“-Album, neun weitere 
Aufnahmen, und neben neuen Songs finden sich hier auch 
wieder „Cars“ und „Down in the park“, die auch in ihrem 
neuen, mit sehr metallischer Gitarre versehenen Sound 
überzeugen. Durchaus eine lohnenswerte Ergänzung, so¬ 
fern man bereits im Besitz der ersten beiden Gary Numan/ 
TUBEWAY ARMY-Alben ist. Kommt mit ausführlichen Li- 
nemotes im Booklet. (76:5 7) (7) Joachim Hiller 



OUTCASTS 

The Punk Singles Collection CD 

cherryred.co.uk | Eine Neuauflage der bereits vor ein 
paar Jahren erschienenen Quasi-Best-Of-Zusammenstel- 
Iung der OUTCASTS, die zusammen mit den STIFF LITTLE 
FINGERS einst die wich¬ 
tigste nordirische Punk- 
band waren. Zwei Alben 
veröffentlichte die 1979 
von den Brüdern Martin, 
Colin und Greg Cowan 
gegründete Band bis zur 
Trennung 1985 (das De¬ 
büt „Seif Conscious Over 
You“ ist via Captain Oi! 
erhältlich), und hier fin¬ 
den sich alle Tracks der 
neun Singles. Los geht’s 
mit „Frustration“ ,„Justa 
nother teenage rebel“ und „Seif conscious over you“, einer 
perfekten Verbindung aus aggressiver Rotzigkeit und grö- 
lig-poppigen Melodien. In der zweiten Hälfte ihrer Karri¬ 
ere wurden die OUTCASTS dann rocknrolliger, hatten sie 
schon mit dem grandiosen „Magnum force“ einen gewis¬ 
sen CLASH-Touch bekommen und schreckten auch vor 
bissigen Rock-Riffs nicht zurück, was sich auf dem 1983 
auf New Rose erschienenen Album „Blood & Thunder“ so¬ 
wie der Abschieds-12“ „Seven Deadly Sins“ fortsetzte. Da 
wie hier ist das eigenwillige „Nowhere left to run“ ent¬ 
halten, die exzellente Coverversion „Ruby“, das psychobil- 
lyhafte „Seven deadly sins“ sowie eine gelungene Neuein- 
spielung von „ 1969“. Bis heute ist mir unverständlich, wa¬ 
rum die OUTCASTS immer ein Außenseiterdasein friste¬ 
ten (Lag es am Ende am Fluch des Namens ...?), sind sie 
doch eine musikalisch vielschichtige, rundum mitreißen¬ 
de Band, die es heute noch verdient hat entdeckt zu werden 
- am besten mit dieser Zusammenstellung, für die Mark 
„Captain Oi!“ Brennan die Linernotes geschrieben hat. 
(76:52) (9) Joachim Hiller 

RODDY RADIATION’S SKABILLY REBELS 
Blues Attack CD 

roddyradiation.com | Vom Meister Roddy Byers persön¬ 
lich zugesandt, schneite mir kürzlich diese Vorabversion 
der kommenden neuen SKABILLY REBELS-Kompilati¬ 
on „Blues Attack“ ins Haus. Für die, denen der Name kein 
Begriff ist: der Mann war Originalmitglied der legendären 
Englischen 2Tone-BandTHE SPECIALS und hat für die ei¬ 
nige meiner persönlichen Lieblings-SPECIALS-Songs aller 
Zeiten geschrieben, so zum Beispiel „Concrete jungle“ und 
„Hey little rieh girl“. Und mit den SKABILLY REBELS hat er 
es geschafft, seine Leidenschaft für Ska oder besser gesagt 
2Tone und Rockabilly zu verbinden. Und außer ihm und 
den LONG TALL TEXANS, die das auf einigen Alben auch 
gekonnt mixen, scheint das sonst keiner hinzubekommen. 
Dafür kann Roddy Byers, der darüber hinaus noch ein aus¬ 
gesprochener Sympath ist, das um so besser. Und so kann 
ich auch einige der Songs der SKABILLY REBELS, die jetzt 
in Neuaufnahme auf der neuen Zusammenstellung er¬ 
scheinen werden, jetzt schon guten Gewissens als Hits be¬ 
zeichnen, allen voran natürlich „Blues attack“, „Black Zo- 
diac“ und „Doldrums“. Ich hatte schon mal das Vergnü¬ 
gen Roddy und seine Kollegen live zu sehen und hoffe, dass 
man in Deutschland bald wieder in den Genuss kommt. 

Claudia Luck 


RIVALS 
... IfOnly CD 

Binliner/detour-records.co.uk | Binliner Records hat 
es sich zur Aufgabe gemacht, (beinahe) vergessene frühe 
Punkbands wieder zurück ins Licht zu bringen, und dieses^ 
noble Ansinnen Meß man nun den kurzlebigen RIVALS aus 
dem Londoner Umland angedeihen, die zwischen 1976 
und 1981 existierten und es auf nicht mehr als zwei Singles 
brachten. Immerhin bringt es diese CD dann aber doch auf 
20 Titel, und auch wenn die RIVALS selbst kaum jeman¬ 
dem bekannt sein dürften, so haben es doch zwei Leute aus 
ihrem Umfeld zu Bekanntheit gebracht: Ihr Drummer Paul 
Daley wurde später mit LEFTFIELD bekannt, und ihr Kum¬ 
pel Roi gründete mit LAST RESORT eine eigene, später we¬ 
sentlich bekanntere Band, die sich bei den RIVALS deren 
Song „Rose of England“ liehen und bekannt machten. Jener 
Song wie das exzellente „Future rights" sind hier enthal¬ 
ten, und wer angesichts der Bandgeschichte hier rumplige 
Demo-Songs erwartet, dem kann ich Entwarnung geben: 
Fast alle Tracks beeindrucken durch einen messerscharfen, 
klaren Sound, und die hochmelodiösen, durch einen trei¬ 
benden Gitarrensound geprägten Songs erinnern mich im¬ 
mer wieder an die exzellenten OUTCASTS aus Nordirland. 
Alles in allem ein lohnenswerter Release für Fans klassische 
UK-Punks, der sich labeltypisch durch ein dickes Booklet 
mit allen wichtigen Informationen auszeichnet. Auch nach 
20 Jahren noch ein Geheimtip. (55:39) (7) Joachim Hiller 

SAVAGE REPUBLIC 
Tragic Figures CD 
Ceremonial + Trudge CD 
Jamahirya CD 
Customs CD 

mobilization.com | So lange es Releases wie diese gibt, 
so lange wird der Datentrack auf einer Computer-Fest¬ 
platte das Medium der Dummen bleiben, das Medium je¬ 
ner, die Tiefkühlkost ei¬ 
nem selbstgekochten 
Menü vorziehen, eine 
DVD einem Kinobesuch, 
den Computerchat dem 
Kneipengespräch. In Ko¬ 
operation der beiden SA¬ 
VAGE REPUBLIC-Grün- 
der Mark Erskine (Be¬ 
treiber des Labels Mo- 
bilization Recordings) 
und Bruce Licher (heu¬ 
te nicht mehr aktiver Teil 
der Band, aber als Kopf 
von Independent Project Records seit frühen Bandtagen 
verantwortlich für LP- und CD-Verpackungen) wurden 
jüngst die klassischen SAVAGE REPUBLIC-Releases aus den 
Achtzigern in wunderschöner Aufmachung (handgemach¬ 
te Karton-Wrap-Booklets mit Prägedruck) neu aufgelegt. 
Die Ursprünge von SAVAGE REPUBLIC gehen zurück auf 
die Punk- und Hardcore-Szene des Los Angeles der frü¬ 
hen Achtziger, als Bruce Licher, Mark Erskine und Jack¬ 
son Del Rey die Band AFRICA CORPS gründeten und spä¬ 
ter, nach dem Einstieg von Jeff Long von WASTED YOUTH, 
den Namen in SAVAGE REPUBLIC änderten. „Tragic Figu¬ 
res“ hieß das erste Album, es folgten diverse Besetzungs¬ 
wechsel: Ende 1983 holte Bruce Licher drei neue Mitglie¬ 
der in die Band, Greg Grunke,Thom Fuhrmann und Ethan 
Port, und bis zur Auflösung 1989 spielte und nahm man 





OX-FANZINE 74 













REVIEWS 


re Strukturen und präziser Einsatz von Blastparts lockern 
den Gesamtsound auf und sorgen somit fiir die nötige Ab¬ 
wechslung, ohne sich den Stempel einer bloßen Import¬ 
kopie auf die Stirn drücken zu müssen. Kann man durch¬ 
aus weiterempfehlen, das. Uwe Kubassa 

IMOGENE 

s/t CD 

intrepidsoimds.com | „IMOGENE has also had promo 
posters posted up in various spots on the set of ,The OC‘ te- 
levision series.“ Kann mir jemand von euch verraten, von 
welcher Fernsehserie da im Infoblatt geschrieben wird? Im 
Gegenzug erzähle ich euch dann, was für Musik IMOGENE 
spielen. Es handelt sich um ein Quartett mit folgender In¬ 
strumentierung: Piano/Orgel, Schlagzeug, viersaitiger Bass 
und ein verzerrter achtsaitiger Bass. Steht auch alles im 
Info. Ich kann euch sagen, interessant ist das nicht. Übelste 
Drogenmusik mit ganz, ganz schlimmem Gesang. Hoffent¬ 
lich klappt es vor dem nächsten Album mit der Überdosis. 
(48:48) (1) Lars Koch 

IT PREVAILS 
The Inspiration CD 

Golf/Rise/Phd | Aus Portland, Oregon kommt das aktu¬ 
elle Signing von Rise Records und Golf hat sich auch die¬ 
ses Album lizenzieren lassen, was eine gute Idee war, denn 
IT PREVAILS haben durchaus ihre Stärken, vor allem die 
Leadgitarre, die stark an SHAI HULUD erinnert, weiß zu 
gefallen. Auch bei den Vocals hält man sich an die Dune- 
Fans und so stellt sich eben die Frage, wie notwendig die¬ 
se Veröffentlichung ist. Nim, durch die bombastische Pro¬ 
duktion von Kris Crummet, der schon DROP DEAD GOR- 
GEOUS und FEAR BEFORETHE MARCH OFTHE FLAMES 
zum richtigen Sound verhalf, ist „The Inspiration“ durch¬ 
aus zu empfehlen, denn die Zeit steht schließlich nicht still 
und gerade bei einer so klanglich dichten Veröffentlichun¬ 
gen profitiert der geneigte Hörer von der einwandfreien 
Produktion. (29:5S) (7) Thomas Eberhardt 

IN THIS MOMENT 
Beautiful Tragedy CD 

Century Media | INTHIS MOMENT haben den Exotenbo¬ 
nus wegen ihrer Sängerin Maria, verdienen sich aber den¬ 
noch keinen Innovationspreis. Dass Sängerin nicht gleich 
drucklos heißt, wissen wir nicht erst seit WALLS OF JERI¬ 
CHO und auch auf „Beautiful Tragedy“ hinterlässt eigent¬ 
lich nur der Gesang oder besser: das Geschrei einen blei¬ 
benden Eindruck. Musikalisch klingt die Band nicht für ei¬ 
nen Cent anders als HAND TO HAND oder andere Bands, 
die Metalcore mit Geschrei in der Strophe oder pathe¬ 
tischem Gesang in Refrain verwenden. Wer HAND TO 
HAND kennt, wird auch noch eine weitere Gemeinsamkeit 
feststellen: Die beiden Vokalisten hören sich exakt gleich 
an. Witzig ist nur, dass der eine ein Mann ist und die ande¬ 
re eben eine Frau. Ganz schön gewaltig, dafür aber wandelt 
die Band eben auf ausgetretenen Pfaden. Wie immer tech¬ 
nisch auf höchstem Niveau, dafür aber nicht mehr interes¬ 
sant. (6) Sebastian Wahle 

m 

JETS OVERHEAD 
Bridges CD 

Sweet Nothing/Cargo | Ich finde es immer wieder ver¬ 
wirrend, wenn das Presseinfo einer Band nur aus ver¬ 
meintlichen Erfolgsgeschichten besteht, welche Plätze in 
welchen Collegeradio-Charts belegt wurden, und so wei- 


in dieser Besetzung drei weitere Alben („Customs“ ist ein 
während der Europatom - in Griechenland eingespieltes Al¬ 
bum) auf. 2002 dann die Reunion, Fuhrmann, Grunke und 
Port sind wieder dabei, aber auch Val Haller, der einst mit 
Jayne/Wayne County spielte, und im März 2007 fand 19 
Jahre nach dem ersten Deutschlandbesuch auch eine zwei¬ 
te Tour statt und man brachte eine auf 1.200 Stück limi¬ 
tierte 5-Song-EP mit, die in Kooperation mit Neurot Re- 
cordings veröffentlicht wurde, wo im Oktober 2007 auch 
ein neues Album erscheinen soll. Einfach war die Mu¬ 
sik von SAVAGE REPUBLIC noch nie, auf Neurot Recor- 
dings passen sie allerdings hervorragend, ist ihr eigenwil¬ 
liger, über weite Strecken instrumentaler Sound doch ein 
Zusammenspiel von Industrial-Drones, dubbigen Rhyth¬ 
men, düsterem Postpunk und komplexer Percussion, der 
mit den Schlagworten „JOY DIVISION meets EINSTÜR¬ 
ZENDE NEUBAUTEN“ (in einer Konzertankündigung war 
das so zu lesen) allerdings nur sehr rudimentär umschrie¬ 
ben ist. Eine spannende Band abseits der üblichen Hörge¬ 
wohnheiten, die sich Dank der Rereleases der alten Platten 
auch heute noch neu entdecken lässt und die bei genauerer 
Beschäftigung nur halb so schwierig ist wie man bei ober¬ 
flächlicher Betrachtung meinen möchte Und live sind sie 
sowieso ein extrem beeindruckendes Erlebnis, auch heute 
noch. (9) Joachim Hiller 

SCHWARZE KANAL 
Leipzig LP 

majorlabel.de | Zu Beginn eine kurze Geschichtsstunde. 
Es war das Jahr 1989 und die Wendezeit wurde eingeläutet. 
Genau zu diesem Zeitpunkt gründete sich DER SCHWAR¬ 
ZE KANAL, hervorgegangen aus der DDR-Punkband 
L’ATTENTAT. Leider bestand die Band nur wenige Jahre, so 
dass man sich 1991 wieder trennte. Das Gute jedoch ist, 
dass die Band trotzdem noch aktiv ist und ab und zu einige 
Auftritte spielt. Lange Rede, wenig Sinn, diese Platte ist ein 
Sammelwerk aller in der kurzen Zeit ihrer Existenz ent¬ 
standenen Werke, und da man damals kein Album produ¬ 
zierte, wurden sie kurzerhand neu eingespielt. Die politi¬ 
schen Texte handeln hauptsächlich Probleme vor und um 
diese Zeit ab, welche sich natürlich kritisch gegen die da¬ 
malige Verhältnisse in der „Ostzone“ richteten. Aber auch 
immer noch aktuelle Themen, wie der Titel „Faschismus“ 
schon sagt, kommen zur Sprache. Es stehen eindeutig die 
Texte im Vordergrund, welche mit schnellen und schnör¬ 
kellosen Gitarrensound präsentiert werden. Da es sich bei 
der Platte um ein Dankeschön an die Fans handelt, ist die¬ 
se auf 400 Stück limitiert - und eine Neuauflage des ei¬ 
gentlich schon 2003 erschienenen Albums. (40:00) (6) 

Sven Grumbach 

TWO GALLANTS 
TheThroes MCD 

alive-totalenergy.com/Cargo | Bislang war diese EP von 
2004 via Saddle Creek zu bekommen, jetzt gibt es eine 
Neuauflage auf Alive. Und das schrieben wir in Ox #63: 
Wow, wieso habe ich noch nie von dieser Band gehört? 
TWO GALLANTS machen modernen Americana, und er¬ 
innern, obwohl sie im Grunde vollkommen eigenstän¬ 
dig sind, ein wenig an die OLD CANES, dem viel zu un¬ 
terschätzten Nebenprojekt von APPLESEED CAST-Sänger 
Chris Crisci. Allerdings sind TWO GALLANTS nicht ganz 
so traditionell, und obwohl Adam Stephens und Tyson Vö¬ 
gel auch althergebrachte Instrumente wie Mundharmo¬ 
nika einsetzen, orientieren sie sich doch viel an Punk. Bei 
„Crow Jane“ greifen sie zwar etwas zu tief in die Cowboy - 
und Westernkiste, und „Fail hard to regain“ erinnert mich 
fast an eine Folkpunk-Band, aber was soll’s. Jeder darf mal 
den einen oder anderen Ausrutscher haben. Ansonsten ist 


ter. Über die Musik, den Anspruch, den Hintergrund wird 
dagegen kein Wort verloren - und das hat was von „Mein 
Haus, mein Auto, meine Yacht!“. Aber okay, wollen wir das 
Imponiergehabe ihres Managers nicht gegen die Band ver¬ 
wenden, denn die aus Victora, British Columbia, Kanada 
stammenden JETS OVERHEAD haben mit ihrem ersten Al¬ 
bum, das in Kanada schon 2005 erschienen ist, ein rund¬ 
um gefälliges Werk geschaffen, das überhaupt nicht klingt 
wie ein Jet im direkten Überflug, sondern eher was von der 
meditativen Ruhe einer Ballonfahrt hat. „Trance Rock“ hat 
das mal jemand genannt, und so lassen hier THE SOUND¬ 
TRACK OF OUR LIVES grüßen, es sprießen zartgrüne Brit- 
pop-Sprossen, man nähert sich auch mal MERCURY REV 
oder SPIRITUALIZED an, hat kein Problem mit Fünfminü- 
tern und ist insgesamt sehr angenehm plüschig, ohne sich 
jedoch hippiesk zu verzetteln. Unterm Strich ist dann eben 
doch wieder alles Rock’n’Roll, kann man hier und da die 
beanspruchte THE WHO- Verehrung nachvollziehen, und 
so komme ich letztlich zu dem Schluss, „Bridges“ allen 
TSOOL-Fans ans Herz zu legen. (68:26) (7) Joachim Hiller 

JOHNNY JOKER & THE TWILIGHT KIDS 
Somewhere Far Away CD 

crazyloverecords.de | Die Wurzeln des seit 2004 bestehen¬ 
den Töginger Trios liegen ganz klar im Rockabilly. Rocka- 
billy im weitesten Sinne, denn das Soundspektrum ist um 
einiges weiter. JOHNNY 
JOKER &THETWILIGHT 
KIDS versammeln auf 
„Somewhere Far Away“ 
dreizehn Hymnen an den 
Rock’n’Roll-Lifestyle. 

Ein solch wilder Mix aus 
Psychobilly, Punk und 
Rockabilly kann nur als 
Aufforderung verstanden 
werden, den imaginären 
Hotrod aufzupolieren 
und den Highway bezie¬ 
hungsweise die Autobahn 
unsicher zu machen. JOHNNY JOKER & THE TWILIGHT 
KIDS rocken mal düster wie bei „Sin city sinners“, mal läs¬ 
sig wie bei „Walking through the corridor“. Mein persön¬ 
licher Höhepunkt des Albums ist allerdings der Titeltrack 
„Somewhere far away“, wo die Jungs gesanglich in großar¬ 
tiger Weise von weiblicher Seite unterstützt werden. Text¬ 
lich werden sämtliche Rock’n’Roll-Klischees verbraten, an 
die man nur denken kann. Aber mal ehrlich, an Songtex¬ 
ten wie „Born to lose, live to win“ kann man sich doch 
eigentlich gar nicht satt hören. Zumindest ich nicht. Dass 
JOHNNY JOKER &THETWILIGHT KIDS schon für unzäh¬ 
lige Szenegrößen wie zum Beispiel DEMENTED ARE GO!, 
KLINGONZ, KINGS OF NUTHIN’, QUAKES oder BATMO- 
BILE als Support gespielt haben, sei hier nur am Rande er¬ 
wähnt. Definitive Empfehlung an alle Greaser, Psychos und 
Rockabilly-Gals unter euch. (33:53) (8)Robert Buchmann 

JETSAIDREADY 
Bite The Bullet CD 

jetsetready.de | Es ist schon interessant, was aus neu¬ 
en Bands wird, wenn man ein paar Jahre nichts von ihnen 
hört. Nun, die meisten gibt es dann einfach nicht mehr, was 
manchmal auch besser ist. Andere sieht man plötzlich auf 
der Bühne und ist überrascht, dass sie immer noch exakt 
den gleichen Sound spielen wie fünf Jahre zuvor- und nur 
etwas älter geworden sind. Und dann gibt es noch Bands 
wie JETSAIDREADY. Die Münchner spielten vor Jahren 
eine angenehme Mischung aus Punkrock und rotzigem 


diese Band der ultimative Missing Link zwischen 90er-Jah- 
re-Emo ä la CAP’N’JAZZ und modernem Americana. Und 
manchmal meint man sogar auch die Einflüsse von Bands 
wie WILCO oder Bob Dylan heraushören zu können. (8) 

Julia Gudzent 

JOHNNY THUNDERS & PATTI PALLADIN 
CopyCats CD 

jungle-records.com | 1987 waren die HEARTBREAKERS 
seit Jahren Geschichte, aber Ex-NEW YORK DOLLS-Gi- 
tarrist Johnny Thunders hatte trotz chronischer Heroin- 
abhängigkeit über all die Jahre bewiesen, was für ein ex¬ 
zellenter Musiker, Sänger und Songwriter er ist. 1987 er¬ 
schien dann „Copy Cats“, eine Kooperation mit Patty Palla- 
din (einst Teil des New Yorker Girl-Punk-Duos SNATCH), 
die auf eine erste gemeinsame Single aus dem Jahre 1984 
zurückging. Zwölf Klassiker aus den Fünfzigern und Sech¬ 
zigern hatte sich das Duo für dieses Album ausgesucht und 
neu eingespielt, mal sang Johnny, mal Patti, mal beide, und 
den Anfang machte das famose „Can’t seem to make you 
mine“ von den SEEDS, gefolgt vom SHIRELLES-Hit „Baby 
it’s you“, „She wants to mambo“ von den CHANTERS, Elvis’ 
„Crawfish", „Alligator wine“ von Screaming Jay Hawkins, 
„He cried“ von den SHANGRI-LAS und ein paar anderen, 
und auch wenn das mit den Dolls und den HEARTBREA¬ 
KERS nichts mehr zu tun hat, so entfalten die Songs doch 
sämtlich einen besonderen Reiz, haben teilweise eine fins¬ 
tere Tiefe, die einen bisweilen glauben macht, hier wäre 
auch noch Meister Cave mit von der Partie. (39:15) (7) 

Joachim Hiller 

VANILLA CHAINSAWS 
When Liberty Smiles 2CD 

simonchainsaw.com | Ich wusste doch, da war was ... Ir¬ 
gendwoher kannte ich den Namen der Band, als mich 
Sänger und Gitarrist Simon „Chainsaw“ Drew anschrieb. 
Und siehe, tief in der Vinylsammlung versteckt fand sich 
die „Thousand“-6-Song-12“, 1989 auf Glitterhouse er¬ 
schienen, ein früher und exzellenter Release der 1986 in 
Sydney gegründeten Band, die immer einen guten Draht 
nach Europa hatte und sich 1996 auflöste. Simon Drew ist 
auch heute noch regelmäßig in Europa, lebt aber in Bra¬ 
silien, und dort erschien bereits vor ein paar Jahren diese 
32-Track-Doppel-CD, auf der sich die besten und wich¬ 
tigsten Songs der Band finden lassen, von ganz frühen Auf¬ 
nahmen bis zu den letzten Sessions von 1996, als man sich 
ohne großen Erfolg um einen etwas moderneren Sound 
bemühte. Mir allerdings gefallen gerade die früheren Auf¬ 
nahmen sehr gut, als die laut eigener Beschreibung ,,80’s 
Aussie Post-Punk/Pre-Grunge HüskerDü-TSOL sty¬ 
le“ spielenden VANILLA CHAINSAW noch sehr relaxten, 
mich auch wohltuend an THE CHURCH erinnernden Gi¬ 
tarrenrock spielten. Sowieso waren VC weniger der bra¬ 
chialen Rockerfraktion unter den Aussie-Bands zuzuord¬ 
nen, sondern hatten immer so einen gewissen Sixties-Psy- 
chedelic-Twang, aber auch einen verträumten, flirrenden 
Früh-Achtziger-Wave-Einschlag, und ich bin wirklich be¬ 
geistert, wie frisch und mitreißend die Aufnahmen nach all 
den Jahren wirken. Eine Band, die es wiederzuentdecken 
gilt - idealerweis mit diesem Release, der über die Website 
von Simon erhältlich ist. Kommt mit einem dicken Book¬ 
let mit reichlich Hintergrundinfos. (8) Joachim Hiller 

WAY OUT WEST 
Revolution CD 

kamikazerecords.de | Das haben die Surfer von WAY OUT 
WEST so ziemlich alles zusammengetragen, was sie zu bie¬ 
ten haben, und eine Mischung aus Best-Of und Rerelease 
zusammengestellt. Neben dem kompletten remasterten 


Hardcore, die eine Menge Energie mitbrachte und dabei 
eine leichte Affinität zu harter Gitarrenbearbeitung nicht 
verleugnen konnte. Jetzt, mit ihrem ersten Album, spielen 
sie noch beinahe in der gleichen Besetzung - aber haben 
das klassische Punk/HC-Lager musikalisch verlassen. Statt - 
dessen widmen sie sich inzwischen einem Rock’n’Roll- 
Brett, wie man es etwa von Bands wie den HELLACOP- 
TERS kennt. Das ist okay, weil Weiterentwicklung meis¬ 
tens ein gutes Zeichen für eine Band ist. Und auch, weil sie 
ihren Job gut machen, straighten Rock mit zwischendrin 
beinahe etwas fiesen Gitarrenlinien und druckvollem Ge¬ 
sang kombinieren - und dabei trotzdem hier und da noch 
ein wenig ihre musikalische Vorgeschichte durchdrückt. 
Trotzdem: Insgesamt könnte die ganze Sache bei diesem 
Stil schon noch eine etwas fettere Produktion vertragen. 
Ansonsten: Hinter den neun Songs versteckt sich noch ein 
nettes Musikvideo, gefilmt im Proberaum und auf offen¬ 
sichtlich guten Konzerten. (29:10) (6) Alex von Streit 

JENNIFER GENTLE 
The Midnight Room CD 

Sub Pop | Nach ihrem Sub Pop-Debüt „Valende“ haben 
die Italiener mit „The Midnight Room“ nun den Nachfol¬ 
ger vorgelegt, ihr mittlerweile sechstes Album, allerdings 
genau genommen hat der Kopf der Band, Marco Fasolo, 
das Werk im Alleingang geschrieben und aufgenommen. 
Den Bandnamen haben JENNIFER GENTLE feiner Wei¬ 
se von dem PINK FLOYD/Syd Barrett-Song „Lucifer Sam“ 
entliehen und geben damit auch schon selbst die Rich¬ 
tung vor: Mit spärlicher, weil behutsamer Instrumentie¬ 
rung, einigen experimentellen Klängen und einer außer¬ 
gewöhnlichen Stimme hat der Kopf der Band ein psyche¬ 
delisches Pop-Album beziehungsweise ein poppiges Psy- 
chedelic-Album eingespielt, bei dem nicht nur die frühen 
PINK FLOYD, sondern auch die späten BEACH BOYS Pate 
standen. Trotzdem klingt „The Midnight Room“ nie nach 
Vergangenem, zu sehr hat Marco den Avantgarde-Gedan¬ 
ken seiner Vorbilder verinnerlicht, baut in zehn Songs nicht 
nur einen Klangraum, sondern ein ganzes weit verzweigtes 
Gebäude, ein Märchenschloss, in dem sagenhafte Melodien 
gegen die böse Welt das draußen entstehen. Melodien wie 
aus einem Traum, in dem Syd Barrett und Brian Wilson aus 
ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. (37:03) (8) 

Chris Wilpert 

JOHNIE3 
Hang The DJ CD 

rallyrecords.com | JOHNIE 3 kommen aus Youngstown 
in Ohio, nahe dem Zentrum des (ehemaligen) Stahlgür¬ 
tels der USA in Pittsburgh gelegen. Der Name des Trios ist 
angelehnt an Robot Johnie 5 aus „Nr. 5 lebt!“ („Short Cir¬ 
cuit“, USA 1985, Regie: John Badham). Ihren RAMONES- 
Core/Pop-Punk begleitet ein starker Hang zu den HARD- 
ONS, während eines der zwölf Lieder sehr auffällig von den 
APERS ausgeborgt wurde, mit denen JOHNIE 3 diesseits 
wie jenseits des Teiches auf Konzertreise waren. Die rest¬ 
lichen Lieder bestechen, das Titellied ausgenommen, eben¬ 
falls weniger durch ihre Originalität als durch ihre Verve. 
(23:55) (7) Walmaul 

JONATHAN INC. 

Things Done And Left Undone CD 

arcticrodeorecordings.com/Alive | Es fällt mir schwer, 
diese CD musikalisch einzuordnen. Eigentlich klingt sie 
ganz in Ordnung, aber doch wie der Soundtrack einer die¬ 
ser so erfolgreichen neuen US-Serien-Generation aufVöx - 
eine Musik, die nicht Gefahr laufen würde, von irgendwel¬ 
chen Bildern abzulenken. Zu diesem Gesamteindruck passt 


„Evolution“-Album von 1997 nebst „Evolution“-Session- 
Tracks das Beste vom „Motorhula“ - Album sowie elf bislang 
imveröffentlichte Titel. Wer sich einen Überblick über das 
Werk einer der besseren deutschen Surf-Bands verschaffen 
will möge hier zugreifen, wer „Evolution“ und/oder „Mo¬ 
torhula“ bereits zu Hause stehen hat, wird wohl ein gro¬ 
ßer Fan sein müssen, um „Revolution“ auch noch daneben 
zu stellen. Geboten wird jedenfalls das, was ich als deut¬ 
schen Surf zu bezeichnen wage (so es das gibt): nicht allzu 
schnell, mit dezenten Ausflügen ins Spacige oder Soft-Sex¬ 
film-Soundtrackige, aber doch Rock’n’Roll. (78:42) (8) 

Simon Loidl 

WEATHERMEN 

This Is The Last Communique From The Wea- 
thermen (1985-2006) CD 

pias.com | Als sich in den Achtzigern elektronische Mu¬ 
sik daran machte, in den Mainstream durchzubrechen, wa¬ 
ren neben allgemein bekannten EBM-Protagonisten wie 
FRONT 242 und NITZER EBB auch eine Menge etwas we¬ 
niger bekannter Bands aktiv - so auch die WEATHERMEN. 
Gegründet wurden die 1985 in Belgien von TUXEDO- 
MOONs Bruce Geduldig und Jean-Marc Lederman, und 
die Legende w'ill es, dass sie ihr Label PIAS mit der Sto¬ 
ry angingen, eine obskure US-Band zu sein, die mit dem 
Ziel antrete, die europäische Musikszene zu erobern. Iro¬ 
nie und Satire waren und blieben Elemente des Duos, als es 
in den folgenden Jahren mit einer poppigen Variante von 
EBM moderaten Erfolg hatte, und mit „Poison“ hatten die 
WEATHERMEN 1987 sogar sowas wie einen Hit, doch ir¬ 
gendwann war dann Anfang der Neunziger der Ofen aus. 
Seit ein paar Jahren sind die WEATHERMEN nun wieder 
aktiv, und so finden sich auf dieser 17-Song-CD neben al¬ 
ten Klassikern (darunter „Poison“) auch vier neue Tracks. 
Durchaus eine (Wieder-)Entdeckung wert, aber zu den 
ganz Großen des Genres gehörten die WEATHERMEN da¬ 
mals nicht imd so bleiben sie für mich auch heute in der 
zweiten Reihe. (70:18) (6) Joachim Hiller 

JAMES YORKSTON 
Roaring The Gospel CD 

Domino/Rough TVade | Nach seinem eher drögen letzt¬ 
jährigen Album „The Year OfThe Leopard“ gibt es vom 
schottischen Musiker James Yorkston mit „Roaring The 
Gospel“ eine schöne Zusammenstellung mit Non-Album- 
Tracks und anderen Raritäten. Natürlich werden auch die 
von Yorkstons reduziertem Umgang mit Folk bestimmt, 
aber das Songmaterial ist immer angenehm melodisch 
und besitzt durch die minimalistische, aber effektive In¬ 
strumentierung eine Lebendigkeit, die auch dessen 2002er 
Platte „Moving Up Country“ auszeichnete. Dafür dass es 
sich nur um eine Zusammenstellung handelt, entwickelt 
„Roaring The Gospel“ fast mehr Charme und Abwechs¬ 
lungsreichtum als Yorkstons reguläre Platten, zumindest 
hat man das Gefühl, als ob sich dessen tatsächliches Kön¬ 
nen in diesen, keinem Albumkonzept untergeordneten 
Songs wesentlich besser widerspiegeln würde, was man 
werten kann, wie man will. 

Ich persönlich werde sicher 
eher noch mal „Roaring 
The Gospel“ als Yorks¬ 
tons andere Platten auf- 
legen, wenn mir der 
Sinn nach angenehmen 
Folksounds schottischer 
Prägung stehen sollte. 

(8) Thomas Kerpen 


auch der mit teilweise sehr schmachtender Stimme vorge¬ 
tragene Gesang. „Things Done And Left Undone“ ist, und 
das ist nicht abwertend gemeint, sicher ein gutes Album 
für jemanden, der beispielsweise die „Dawson’s Creek“- 
Soundtracks mochte, doch für meinem Geschmack pas¬ 
siert hier aber einfach zu wenig. (42:24) MyronTsakas 

JEFFREY JAMES & THE IDIOTS 
Hotsy-Totsy MCD 

trashcanrecords.com | Aus den tiefsten Sümpfen von 
Finnland kommt dieser wüst groovende Blues-Punk-Bas- 
tard, angeführt von einem gewissen H. Anttilainen, der sei¬ 
nen nicht gerade rocknrolligen Namen abgelegt hat für das 
eindeutig coolere Pseudonym Jeffrey James. „Hotsy-Tot¬ 
sy“ ist die Debüt-4-Song-EP des Vierers, dessen Mitglie¬ 
der schon bei LARRY AND THE LEFTHANDED, PHANTOM 
409 und 20 MINUTERS aktiv waren, und mir gefällt der 
animalis ch groovende Garage-Twang. Sowieso kann je¬ 
mand, der so kompetent Lee Hazlewoods „A cheat“ co¬ 
vert, kein schlechter Mensch sein, und wäre das alles noch 
eine Spur schärfer und lauter vorgetragen, ich würde mich 
noch mehr an ZEN GUERILLA erinnert fühlen. Produziert 
hat übrigens Meister Hendlmeier. (9:55) (7) 

Joachim Hiller 

JOSIAH 
No Time CD 

elektrohasch.de | Gerader Rock wird hier aus Großbri¬ 
tannien geliefert, nicht Psychedelic, auch nicht wirklich 
Stoner, sondern einfach schnelle Riffs und 7 Oer-Jahre- 
BLACK-SABBATH-Vocals. Für Freundinnen experimen¬ 
teller musikalischer Ausflüge ist der dritte Longplayer von 
JOSIAH wohl nicht geeignet, für Rocker allemal. JOSIAH 
schaffen es, sehr stark an klassischen Riff-Rock anzuknüp¬ 
fen, ohne allzu retro zu wirken, allerdings auch ohne wirk¬ 
lich umzuhauen. (53:56) (6) Simon Loidl 

JOYSIDE 

Booze At Neptune’s Dawn CD 

fly-fast-records.com | Parallel zur Veröffentlichung dieser 
Platte läuft in ausgesuchten Kinos der Film „Beijing Bub¬ 
bles“, in dem JOYSIDE eine Hauptrolle spielen. In dieser 
Dokumentation über die Pekinger Punkszene findet zum 
Beispiel auch die Tatsache Erwähnung, dass die chinesische 
Rockgeschichte bisher nur etwa 20 Jahre umfasst. Grob 
umgerechnet hieße das: in China haben wir, was Rock¬ 
musik betrifft, gerade die späten Siebziger und wenn man 
„Booze At Neptune’s Dawn“ hört, möchte man so kru¬ 
den Gedankenspielen fast Glauben schenken. Ganz so ein¬ 
fach ist es dann aber doch nicht, denn natürlich erfinden 
auch JOYSIDE den Punk nicht neu, sondern knüpfen an das 
Schaffen diverser Vorbilder an. Zu nennen wären in die¬ 
sem Zusammenhang die SEX PISTOLS, die STOOGES und 
DEAD MOON. Was sie dennoch von westlichen Retro- und 
Retortenbands unterscheidet, ist, dass sie mit ähnlicher 
Herangehensweise, Einstellung und Ästhetik innerhalb ih¬ 
res Umfeldes tatsächlich die Außenseiter sind, die andere 
nur sein wollen. Ob man das hört? Nein, nicht im Detail. 
Was man aber zu hören bekommt, ist eine gute, auf unge¬ 
wohnte Weise altmodische Punkplatte. (7) Ferdinand Praxi 

JUPITER JONES 

Entweder geht diese scheußliche 

Tapete - oder ich. CD 

brokensilence.biz | JUPITER JONES, vor einigen Jahren 
ein paar Mal live gesehen, und dann irgendwie aus den Au¬ 
gen verloren, melden sich mit einem neuen Album zurück, 
für dessen Titel man sie schon küssen müsste. „Entweder 
geht diese scheußliche Tapete - oder ich“, im diesem Sin¬ 
ne geht es quer durch 12 schöne Popsongs über Abschied, 
Einsamkeit und Trauer, Vergebung und ein kleines Fünk¬ 
chen Hoffnung. Mit einem deutlich melancholischen, 
aber nicht imbedingt weinerlichen Unterton werden die¬ 
se - im Booklet nachlesbaren - fragmentarischen Kurzge¬ 
schichten auf die unvermeidliche „Du“-Person projiziert. 
Dabei schwingt aber immer eine gewisse herbstliche Re¬ 
signation mit, als ob man gegen all das emotionale Übel 
nichts tun könne. „Leben sind und Leben enden“ - der ein¬ 
same Beobachter ist machtlos, oder will er sich gar nicht 
einmischen, weil es sowieso keinen Sinn macht? Musika¬ 
lisch wird weiterhin der zum Glück nicht mehr so schma¬ 
le Grenzweg zwischen nachdenklichem Singer/Songwri- 
ter-Pop und neu-deutschem Punkrock beschritten, mit 
gelegentlichem Einsatz von Bläsern und Cello sowie eini¬ 
gen Backgroundgesängen. „Und immer muss es weiterge¬ 
hen, mein Freund“: mit diesem doch positiven Schluss en¬ 
det dieses überhaupt nicht Sommerhit-gefährdete Album 
in Hoffnung auf das Nächste - oder erstmal wieder auf ein 
paar schöne Live-Erlebnisse. (42:50) (7) Christoph Schulz 
► Auf der Ox-CD zu hören. 

JOHNNY CASINO AND THE SECRETS 
GetSome CD 

offthehip.com.au | Aus alter Gewohnheit hatte ich schon 
den Bandnamen JOHNNY CASINO’S EASY ACTION ge¬ 
tippt, als ich feststellte, dass Mr. Spittles diesmal mit einer 
etwas anderen Besetzung als sonst aufgenommen hat und 
ein Album kurz bevor steht. Auf dieser CD finden sich zwei 
Songs vorab, es soll wohl sowas wie eine Single sein, aber 
weil OffThe Hip das Prinzip „value for money“ beherzigt, 
bekommt, man mal eben neun Bonus-Songs on top: ver¬ 
schiedene Nummern von erwähnten EASY ACTION (einer 
von einer längst ausverkauften Corduroy-7“) sowie auch 
noch ein paar Tracks seiner exzellenten früheren Band AS¬ 
TEROID B612. Den Sound der alten Sachen kennt man, die 
neuen Nummer präsentieren Johnny Casino weniger pu¬ 
brockig, sondern etwas melodiöser und softer - ich bin auf 
das Album gespannt. (5 3:15) (7) Joachim Hiller 

JACKPOT 
Turning Point LP/CD 

littleteddy.net/Broken Silence | Die vier Manchestera- 
ner von THE JACKPOT sind nach jeder Menge äusverkauf- 
ter Konzerte in zahlreichen Clubs rund um ihre Heimat¬ 
stadt, Support-Shows für BROMHEADS JACKET und MA- 
XIMO PARK und einem Auftritt auf Pete Dohertys Ge¬ 
burtstagsparty nun endlich mit einem Minialbum namens 
„Turning Point“ in unseren Landen angekommen.Von ein¬ 
schlägigen englischen Radiomoderatoren wie John Ken¬ 
nedy und Zane Lowe in ihren Sendungen auf Dauerrotati- 
on gesetzt, werden sie auch hier baldigst die Tanzflächen in 
den Clubs füllen und mit ihren sehr lebhaften und eingän¬ 
gigen Songs nicht mehr aus unseren Köpfen verschwinden. 
(17:14) (8) NinaMaenz 

JCHURCH 

The Horror Of Life CD 

noidearecords.com | Lance Hahn ist unermüdlich: Seit 
sich 1992 seine vorzügliche Bay Area-Band CRINGER auf¬ 
löste (deren Album übrigens unbedingt jedem Freund 
von melodiösem Pop-Punk mit Frauengesang empfohlen 
sei), veröffentlichte er mit den verschiedensten Besetzun¬ 
gen unzählige Platten auf zig Labels, unter anderem Dama- 
ged Goods, Fat Wreck, und auf Honey Bear, seinem eigenen. 
Und auch Umzüge, eine Tour als Gitarrist von Beck, Woh¬ 
nungsbrände und beinahe tödliche Krankheiten konnten 
ihn von seinem Tun nur kurzfristig abbringen. Mit Chris 
Pfeffer (unter anderem SEVERED HEAD OF STATE und 
STORMTHETOWER) am Drumset und Ben White (Zeich¬ 
ner der „Snakepit“-Comics) hat er seit einer Weile in Aus- 




OX-FANZINE 75 






REVIEWS 



STRICTLY LIMITED 180ß VINYL OUT! 


tin wieder eine feste Besetzung, und diese spielte auch das 
neue Album „The Horror Of Life“ ein, dessen wunderba¬ 
rer Titel womöglich sogar autobiografische Bedeutung hat, 
auf dem sich gleich 16 neue Songs finden, die sich durch 
Lance’ charakteristische Stimme und sein Gitarrenspiel 
sofort und eindeutig als J CHURCH identifizieren lassen. 
HÜSKER DÜ sehe Schwermütigkeit trifft hier einmal mehr 
auf überschwängliche Punk-Pop-Songs, scharfzüngige 
Texte („We play secular music“) auf subtilen Humor, und 
besser als auf No Idea, dem Spezialistenlabel für rauh-me¬ 
lodiösen Punkrock, könnten sie nicht untergebracht sein. 
(39:55) (7) Joachim Hiller 

JAKOB 
Solace CD 

Midium/Cargo | An klassischen Songs orientierte Bands 
haben gegenüber freier arbeitenden den Vorteil, dass man 
ihre Musik schon beim Nebenbeihören irgendwie gut fin¬ 
det. Man kennt es und mag es - richtig zuhören muss man 
da nicht einmal, tut nicht weh. Wenn Musik aber vom Hö¬ 
rer fordert sich darauf einzulassen und, wie im Fall von JA¬ 
KOB, viel mit Atmosphären arbeitet, muss man sich schon 
ins Zeug legen, um nicht beliebig zu klingen - das fallt dann 
auf und meistens auch störend. Genau das trifft leider auch 
auf das Neuseeländer Trio zu, dessen an GODSPEEDYOU! 
BLACK EMPEROR und EXPLOSIONS IN THE SKY geschul¬ 
te instrumentale Rockmusik irgendwie schon okay ist, aber 
gerade bei der Fülle an Veröffentlichungen, die diese Art 
Postrock beackern, fehlt es JAKOB doch an vordergrün¬ 
diger Eigenständigkeit. Nicht, dass sich ihre aufwallenden 
und abebbenden Epen nach Imitation anhören würden - 
es fehlen nur individuelle Einfälle. Eine eigene Richtung ist 
nicht so recht erkennbar, außer sie verfolgen ganz bewusst 
eine Vision von beiläufigem Rock-Ambient. Mir ist das al¬ 
lerdings zu wenig. (51:56) (6) Christian Maiwald 

JOHNNY BOY 
s/t CD 

Johnny Boy/Alive | Mal wieder ein neues „next big thing“ 
aus England und durch die Singles „Johnny Boy Theme“ 
und „You Are The Generation That Bought More Shoes 
AndYou Get What You Deserve“ mit reichlich Vorschuss¬ 
lorbeeren bedacht, die ebenfalls auf dem Album anzutref¬ 
fen sind. JOHNNY BOY sind ähnlich wieTHE GO!TEAM so 
ein postmodernes Pop-Ding, wo alles Mögliche wie Soul, 
Clubsounds und Indiepop in einen Topf geworfen wurde. 
Was bei THE GO! TEAM aufgrund deren knallbunter Über- 
drehtheit auch wunderbar klappte, köchelt bei JOHN¬ 
NY BOY auf kleiner Flamme herum, eher mal ein Knall¬ 
frosch mit Ladehemmung als eine wirklich innovati¬ 
ve Popband, da helfen auch Produzenten wie James Dean 
Bradfield (MANIC STREET PREACHERS) und Liam Watson 
nicht. Zugegeben, die beiden Singles wissen durchaus zu 
gefallen, ebenso etwas rockigere Songs wie „Formaldehy¬ 
de“ oder „ 15 minutes“, aber ein durchgängig gutes Album 
mit durchweg hochklassigen Songs ist JOHNNY BOY hier 
nicht gelungen, auch wenn manche Leute mit Phil Spec¬ 
tor-Vergleichen um sich werfen, denn dafür ist das alles zu 
plump zusammengeklaut, bei den PRIMITIVES, Billy Idol, 
CLASH und zig anderen. (4) Thomas Kerpen 

KKK 


KREFTICH 
Stillos CD 

nix-gut.de | Alex K., ein Superstar, war letzte Woche noch 
nicht da - KREFTICH schon. Seit 11 Jahren besteht die¬ 
se Punk-Kapelle und veröffentlichte mm ihr drittes Al¬ 


bum, welches den Namen „Stillos“ trägt. KREFTICH besin¬ 
gen auf der Platte nicht nur Möchtegern Musiker der Ka¬ 
tegorie des Herrn Alex. K, sondern thematisieren auch vie¬ 
le Dinge aus dem alltäglichen Leben. Den Musikstil könn¬ 
te man scherzhaft auch stillos nennen, denn zu den pun- 
kigen Nummern gesellen sich auch Ska- und Emo-lastige. 
Aus dieser Mischung ergibt sich dadurch eine schöne An¬ 
sammlung an Punk-Songs. Nicht zu hart und auch nicht zu 
schnell, die eingängigen Refrains gelangen trotzdem in die 
Gehörgänge. Ein schönes abwechslungsreiches Album, mit 
dem ihr euren Ohren auf jeden Fall nicht schaden werdet. 
(45:14) (8) SvenGrumbach 

KING KHAN & THE SHRINES 
What ls?! CD 

Hazelwood | Watt is?! Arschwackeln ist wieder angesagt, 
mit 14 neuen Songs von unser aller Lieblingsweirdo King 
Khan! Nachdem vor kurzem ja noch eine neue Scheibe zu¬ 
sammen mit BBQ raus¬ 
kam, huldigt er nun zu¬ 
sammen mit den SHRI¬ 
NES wieder dem Voo- 
doo-Boogaloo, oder wie 
auch immer man die¬ 
ses verrückte Gebräu aus 
Soul, R&B und Wahnsinn 
bezeichnen möchte. Da¬ 
bei machen die SHRINES 
musikalisch wie auch 
produktionstechnisch 
vom teilweise leicht 70s- 
Funk-orientierten Vor¬ 
gängeralbum „Mr. Supernatural“ wieder die Wende zu¬ 
rück in die Sixties-Garage in der auch schon die „Three 
Hairs“-LP beheimatet war. Der Sound mag dadurch nicht 
mehr ganz so massenkompatibel sein, doch ein Fazit kann 
ich trotzdem schon ziehen: Der King und seine SHRINES 
haben’s immer noch absolut drauf. Vom Tanzflächenfe¬ 
ger bis zum psychedelisch angehauchten Drogensong ge¬ 
ben sich abwechslungsreiche Song-Highlights die Klinke 
in die Hand. Aber was anderes war ja auch, ehrlich gesagt, 
kaum zu erwarten. Die CD hätte zwar etwas schöner auf¬ 
gemacht sein können, aber ein 20-minütigesVideo und ein 
extrem geiles Pressefoto entschädigen dieses kleine Manko 
ganz gut. Hut ab, Daumen hoch! (50:00) (9) Bernd Fischer 

KING KONG 
Buncha Beans CD 

Drag City/RoughTrade | KING KONG waren schon im¬ 
mer eine extrem unterbewertete Band aus dem Umfeld 
der Musikszene von Louisville, KY, die auch der Postrock- 
Boom Mitte der 90er nicht wirklich populärer machen 
konnte, auch wenn hier mit Ethan Buckler der ehemali¬ 
ge Bassist von SLINT das Sagen hat. Nachdem ich ihre letz¬ 
te Platte „The Big Bang“ von 2002 irgendwie verschlafen 
hatte, gibt es mit „Buncha Beans“ ein neues Lebenszeichen 
dieser skurrilen Truppe, wo bereits das aus Bohnen ge¬ 
staltete Cover auf den eigenwilligen Humor von Bucklers 
Songwriting hinweist. Im Mittelpunkt steht nach wie vor 
Bucklers spröder, fast rappender Sprechgesang, dazu gibt es 
den gewohnt kantigen, poppigen Funkrock, der definitiv 
eine „Love or hate“-Angelegenheit ist. Wer aber in der Ver¬ 
gangenheit von Platten wie „The Old Man OnThe Bridge“ 
und „Funny Farm“ einmal angefixt worden war, wird auch 
bei „Buncha Beans“ sicher wieder dem Charme dieser ei¬ 
genwilligen Truppe erliegen, die diesmal im ersten Mo¬ 
ment übermäßig vertrackt klingen mag, aber abseits von 
Bucklers üblichen textlichen Eskapaden musikalisch im¬ 
mer noch überraschen kann und deren markanter, swin¬ 



gender Sound auch mal in dichte, fast krautrockige Instru¬ 
mentalparts ausufert. KING KONG produzieren nach wie 
vor die seltsamste Tanzmusik dieses Planeten und stehen 
damit in gewisserWeise in der Tradition der frühen TAL- 
KING HEADS, was ja nicht schlecht sein kann, haben sich 
aber ihren sympathisch provinziellen Sound bewahrt, der 
auf „Buncha Beans“ eventuell noch gewöhnungsbedürfti¬ 
ger als sonst ausgefallen ist. (8) Thomas Kerpen 

KTL 
2 CD 

editionsmego.com/Groove Attack | Auch die zweite aus 
der Zusammenarbeit des Klangkünstlers und Experimen¬ 
tal-Elektronikers Peter Rehberg und Stephen O’Malley 
(SUNN O))), KHANATE) 

■ unter dem Namen KTL 
resultierende Veröffent¬ 
lichung ist in Auszügen 
in dem im März 2007 
uraufgefuhrten Theater¬ 
stück „Kindertotenlie- 
der“ von Gisele Vienne 
und des Schriftstellers 
Dennis Cooper verwen¬ 
det worden. Aber wie der 
erst Ende des letzten Jah¬ 
res veröffentlichte Vor¬ 
gänger funktioniert auch 
„2“ ohne diese Umgebung. Im direkten Vergleich der bei¬ 
den Platten fällt auf dass O’Malley und Rehberg trotz der 
Harmönie, die die beiden schon beim ersten Mal entwi¬ 
ckelten, auf „2“ musikalisch noch enger zusammen ge¬ 
rückt sind, ihre ganz eigenen Herangehensweisen noch 
besser miteinander kombiniert und dadurch eine noch be - 
eindruckendere Fusion ihrer Musiken erwirkt haben. Et¬ 
was sanfter als das streckenweise zermalmende „KTL“ 
scheint „2“ dann auch geworden zu sein. O’Malleys Gi¬ 
tarrenwände sind etwas in den Hintergrund getreten, was 
aber nicht heißt, dass das Ganze weniger intensiv gewor¬ 
den, oder dem Mann seine Liebe zu niederfrequenten Dro- 
nes verloren gegangen ist. Gerade beim für mich das Kern¬ 
stück des Albums darstellenden, knapp halbstündigen und 
von einer brillanten Dynamik lebenden „Theme“ bauen 
Rehberg und O’Malley eine zwar minimalistisch erschei¬ 
nende, aber genial durchdachte und komponierte Atmos¬ 
phäre auf, die den Song kaum ertragen lässt, dessen Anzie¬ 
hungskraft man sich aber dennoch nicht entziehen kann. 
Einfach fantastisch. Aufgenommen wurden die insgesamt 
knapp über siebzig Minuten laufenden vier Tracks dieses 
Mal zum Teil in einem ehemaligen Schlachthaus im fran¬ 
zösischen Angers und auf einem Landgut aus dem 16. Jahr¬ 
hundert im Westen Frankreichs, während „KTL“ ja noch 
teils während eines Sturms in einer südfranzösischen Fes¬ 
tung und teils in einem sonnigen Wintergarten in Grenob¬ 
le entstand. Es sei dahingestellt, inwieweit die Umgebung 
Einfluss auf die Musik hatte, letzteres zeigt auf sympathi¬ 
sche Weise, dass Rehberg und O’Malley trotz der Ernsthaf¬ 
tigkeit, mit der sie ihre Musik angehen, sich selbst nicht so 
ernst nehmen, wie es die Kretins gerne hätten, die immer 
dann hellhörig werden, wenn etwas nach „Kunst“ riecht, 
gute Musik aber nur auf Befehl gut finden. (10) 

Andre Bohnensack 


KIELTOLAKI 
s/t MCD 

Totaalisen Tuhon Huominen MCD 

moocowrecords.com/combatrockindustry.net | 3- 

Track-Debüt der Finnen, die so klingen, wie finnischer 
Hardcore zu klingen hat: schnell, aggressiv und dreckig. 



Abwärts - Rom Ip/cd . V\ - / / * 1 V i2,50/15,-/7 - Muff Potter - Steady Fremdkörper Ip/cd 

Asta Kask - En för alla inqen för nan Ip / /. ... . .\ ' 10 ,-; Mumm Ra - These things move in threes cd 

Battles - Mirrored 2xlp/cd ’’jj v / 7 18,00/15,001 Pissed Jeans - Hope for Men Ip/cd •• ' U 

Beat Beat Beat J Don‘t teil me now 7“/. '*>/. / • V . 5,50 \ Porters>The - Anywhere but home Ip/cd \ • 

Black Lips' The’- Cold hands 1 bzw. ! 2 7“es \ je 4,50 \. Queens Of The Stone Age - 3s & 7s 1 bzw. 2 

Brimstone Howl - Guts of Steel Ip/cd/ i ’ 13,50/13,50 • \ Queens Of The Stone Age - Sick sick sick (0 

Channel 3 - One more'pic7‘y/ fl • \ •• . K ■ 7,- Queens OfThe Stone Age - Era vulgaris cd' 
Charlotte Hatherley - The Deep Blue Ip/cd \ 16,-/14,50 Red Dons Escaping Amman 7“// j 

Coffinshakers,The -s/t Ip/cd > j \ / 19,-/17,- Rhino39 - Discography 2xcd // : ‘ / 

Dayglo Abortions - Here today.Ip oder andere Reissue Ips; je 11,50, yshellac - Excellent italian greyhound Ip/c 
Detroit Cobras, The 1 Tied & true cd \ 13,50 Shocks, The - Brace./. Brace Ip/cd j , 

Digital Leather - She had a cameltoe 7“. . . 4,75 Shout Out Louds - Our ill will Ip/cd / j 

Findlay Brown- Sepärated by the sea Ip/cd • 14,-/14,50 Staggers. The - Live,7“ f f ' 

Generators; The - Welcome to the end Ip/cd / vll ,50/13,50. Statues, .The New People make us nervous 
Hubble Bubble -' s/t Ip \ \ 16,50 T.S.O.L. - Thouqhts’of yesterdav Ip 

Jay Reatard - There is a place 7“ V 4,75 Tiger Army - Music from regions.beyondi 

King Khan & The Shrines - What is??! Ip/cd _ , 13,-/15,50 ■ Tim Armstrong - A poet's life cd+dvd ; 

.Kings of Leon - Because of the times Ip/cd \ 17.50/16,50 Turboneqro - Retox cd/lim.cd\ \. , 

Knuqen Faller - Lugna favoriter Ip/cd \ * ; 10,-/10,- Two Gallants - The Scenery of Farewell Ip/cc 

M.O.T.O. - Turn your head and cough Ip \ V ' 11,50 V/A 1 Flattery / Radio Birdman Tribute Vol: 3 1 

Malajube - Trompe 1‘oeil 2xlp/cd : ■ j- J ..... 18,50/14,50 Volt -s/t Ip/cd \ V ,\ . 

Mark Sultan - Sultanic verses Ip/cd \ /' 12,-/14,-. .,Voxtrot Vs/t Ip/cd y . ; ; \ 


■jWhite Stripes - Icky Thump Ip/cd j 


Green Hell Recordstore & Mailorder • An der Kleimannbrücke 36 • 48157 Münster +49 (0)251 - 530 262-6 (Fax -7) • mailorder@greenhell.de 


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OX-FANZINE 76 












REVIEWS 


Leider kann ich zum Inhalt nicht viel sagen, da ich des Fin¬ 
nischen nicht mal im Ansatz mächtig bin und keine an¬ 
derssprachigen Hinweise weiterhelfen. Nur was der Band- 
name bedeutet, hab ich herausgefunden: das zwischen 
1919 und 1932 in Finnland herrschende totale Alkohol¬ 
verbot ... Und auch die sechs Tracks der zweiten EP hau¬ 
en ordentlich rein imd gemahnen an bekannte finnische 
Bands des Genres. Auch hier geht es wiederum mutma߬ 
lich politisch zu, schließlich betonen die vier aus Tur¬ 
ku, „no fuckin’ emo crap“ zu sein; folgerichtig gibts rau¬ 
hen HC-Punk, dem man die alten Vorbilder anhört und der 
die Punkrock-Welt auch gar nicht neu erfinden will. Mu¬ 
sik für Herz und Seele. (8/ 8) Simon Loidl 

KILL KIM NOVAK 

03:05 CD 

Alveran | Endlich gibt es nach zwei Jahren was Neues von 
den vier Jungs aus Soest. Die Wartezeit wurde mir aller¬ 
dings durch einen verdammt guten Auftritt in der Rock- 
city No. 1 Solingen versüßt, wo ich mich gleichzeitig von 
dem Kickertalent der Band überzeugen konnte. „03:05“ 
ist eine remasterte Version der beiden EPs „Kopfleuch¬ 
ten“ und „Kaskaden“ und enthält 12 krachige Songs, teils 
auf Deutsch, teils auf Englisch. Das Ganze ist eine gute Mi¬ 
schung aus Geffickel und Hardcore beziehungsweise Scre- 
amo, gepaart mit schönen, melodischen Passagen. Im Intro 
erfahrt man, dass ein „Kopfleuchten“ Klarheit bedeutet. Da 
hab ich doch schon wieder was gelernt. Also Jungs, da habt 
ihr mal wieder fast alles richtig gemacht, ich freu mich auf 
das nächste Album mit vielen neuen Songs. Und bei dem 
nächsten Auftritt in Solingen schieß ich gerne wieder gna¬ 
denlos die Kickerbälle in euerTor. (9) Christin Pausch 

KAMERA 
Ressurection CD 

Ultracrome/Rough Trade | Ich muss gestehen, Grup¬ 
pen wie COMSAT ANGELS oder MODERN ENGLISH ha¬ 
ben mich immer fasziniert, weil sie sich eben trotz aller 
Pop-Elemente eine gewisse Düsternis, ich nenne es mal des 
den JOY DIVISON-Effekt, bewahrt haben. Die 5-köpfige 
schwedische Band KAMERA lässt auf „Ressurection“ den 
80er Jahre Wave-Pop wieder aufleben. Im Stile der oben 
genannten Bands fängt es ganz gut an, aber spätestens der 
grässliche Synthie-Pop von „Talk about“ und „I lost cont- 
rol“ vereint eigentlich alles, warum ich damals radiotaug¬ 
liche Gruppen wie DURAN DURAN und OMD gehasst 
habe. Schluss mit lustig. Für ein gutes Minialbum hätte es 
gereicht. (40:39) (4) Kay Wedel 

LLL 


LILIAN 

A Pitchfork Nightmare And Other Selected Ta¬ 
les CD 

theelephantfactory/Rebeat | LILLIAN ist Dom Bollow. 
Er spielt Gitarre, Klavier, Banjo und Mundharmonika. Der 
Berliner erzählt uns in seinen Stücken Geschichten aus der 
anonymen Stadt („Stranded in this overcrowded city full of 
drug addicts and alcoholics“), Detailaufhahmen aus einer 
kranken Welt („In the ruins of my memory I never see who 
I am“), irgendwo zwischen Bob Dylan und - ja, ein wenig 
erinnert mich die leichte Reibeisenstimme auch an - Rod 
Stewart. In den elf Songs auf „A Pitchfork Nightmare And 
Other Selected Tales“ finden sich keine Antworten auf ir¬ 
gendwelche Fragen, sondern wie heißt es so schön im Pres¬ 
setext: „Er ist Beobachter, Kritiker des Alltags, seine Songs 
ein Zeugnis, um diese persönlichen Erfahrungen mit sei¬ 
nen Hörern zu teilen ... er freut sich über jeden, der ihm 
dabei zuhören möchte.“ Nim ja, über mich darf er sich je¬ 
denfalls freuen. (45:09) (7) Kay Wedel 

LARRIKIN LOVE 
The Freedom Spark CD 

warnermusic.de/Soulfood | Puh, da will man sich einer 
Platte freundlich nähern und zum Dank erschlägt sie ei¬ 
nen erstmal mit einem Wust aus sehr „selbstbewussten“ 
Referenzen, überkandideltem Layout und ach so hohen 
Ambitionen. Hat man sich da allerdings erstmal durch¬ 
gewühlt, findet man ein ganz nettes, typisch britisches Al¬ 
bum. Alles klingt ein wenig gehetzt, aber mit etwas gu¬ 
tem Willen könnte man darin Hyperaktivität im MAXI- 
MO PARK sehen, also tendenziell positiven, Sinne erken¬ 
nen. Man versucht sich an einem Mix aus Ska, Folk, Ca¬ 
baret und Indierock, was erstmal sehr konzipiert klingen 
mag, aber praktisch tatsächlich stimmig umgesetzt wird. 
Der Konflikt zwischen einer eigentlich guten Band und 
dem ganzen aufgeblasenen Gedöns um sie herum findet 
dann doch noch ein Happy End: Die Band hat sich jüngst 
überraschend aufgelöst und - schwupps - entgeht man ei¬ 
nem würdelosen Tod als NME-Schlachtsau und rettet sich 
in das ehrenvollere Schlummerdasein eines wenig bekann¬ 
ten Kleinods. (6) Ferdinand Praxi 

LOUIS LINGG AND THE BOMBS 

Conspiracy CD 

les-independants.com | Ein Album wie ein Tequila Sun- 
rise mit zuviel Grenadine: Irgendwie unausgegoren und 
viel zu süß. Die französische Band selbst bezeichnet sich 
als „punk-rock-garage-pop-anarcho-fanatics“ und die¬ 
se Mischung funktioniert für mich auf „Conspiracy“ leider 
überhaupt nicht. Ist der erste Song noch ein cooler Punk- 
rocker mit schnoddrigem Gesang und 77-Spirit, weiß 
die Band danach scheinbar nicht mehr so recht, in wel¬ 
che Richtung die Reise gehen soll. Die Texte klingen ständig 
wie französische Kinderreime, die Musik ist mal mitrei¬ 
ßender Punkrock und plätschert dann wieder leicht struk¬ 
turlos dahin, Lied Nummer 7 ist dann plötzlich eine ver¬ 
tonte über 21-minütige Rede des namensgebenden US- 
Anarchisten Louis Lingg und am Ende muss ich feststellen, 
dass mir das Songwriting der Band bis auf wenige Ausnah¬ 
men gar nichts gibt. Da hilft auch die scheinbar korrekte 
Einstellung der Gruppe nichts. (39:09) (4) Alex Strücken 

LESBIANS ON ECSTASY 
We Know You Know LP/CD 

Alien 8 | Die „Lezzies“ haben sich zum Ziel gemacht, eine 
Brücke zwischen Elektro/Techno und Punkrock zu schaf¬ 
fen. Waren sie mir im Jahre 2005 noch (insbesondere) live 
viel zu elektronisch, gefallt mir das, was ich jetzt auf „We 
Know You Know“ höre, schon weitaus besser. Der Elektro- 
anteil ist immer noch extrem hoch, aber abgesehen von der 
Tatsache, dass die Damen damit ja im aktuellen Trend lie¬ 
gen, macht er Spaß und passt wie Faust aufs Auge. Weniger 
gefallt mir der Hang zum Techno, ich hörte, es gäbe in die¬ 
sen Musikrichtungen Unterschiede, und die meine ich nun 
auch zu erkennen. Ich plädiere deshalb für mehr Punk¬ 
rock! Der geht meines Erachtens nach eher unter, wenn 
man von dem Eingangssong „Sisters in struggle“ einmal 
absieht. Die Schwestern im Kampfe sind aber auf jeden Fall 
und hundertprozentig textlich und in Bezug auf ihre Aus¬ 
sagen unterstützenswert. (41:04) (7) Sarah Shokouhbeen 

AUSTIN LUCAS 
The Common Cold CD 

sabotagerecords.net/X-mist | Diese CD beginnt sehr viel 
versprechend mit ruhigen und sehr melodischen Coun- 
try-Klängen, und man denkt „jetzt bloß keinen Fehler ma¬ 
chen und mit schlechtem Gesang dieses zarte Pflänzchen 
im Keim ersticken.“ Und den Fehler macht Austin Lucas 


in der Tat nicht. Ganz im Gegenteil, schon die ersten Zeilen 
- „I’d stayed indoors less you count the front porch, eaten 
little save for cigarette and beer“ - sind so großartig vor¬ 
getragen, dass man weiß, dass dies ein gutes Album wer¬ 
den wird. Es ist schwierig, dieses an einem Stück durch¬ 
zuhören, denn alleine die ersten drei Titel sind jeweils so 
gut, dass man sie immer wieder anspielen muss. Von dem 
formidablen Opener „Dead factories“ über das banjolastige 
„Pigeon father“ („You re the meanest twist of fate, you’re 
the hand and you’re the back and you’re the knive“) bis 
zum melancholischen, traurigen „Last song for a sweet- 
heart“ gelingt es Austin Lucas in jedem Lied, sowohl mu¬ 
sikalisch als auch textlich die entsprechenden Emotionen 
hervorzurufen. Das ist selten, und das ist richtig, richtig gut. 
„The Common Cold“ ist eines der erfreulichsten Alben, die 
ich in diesem - zugegeben noch jungen -Jahr gehört habe, 
was die Tatsache, dass es nur neun Lieder enthält, nur noch 
bedauerlicher macht. (31:26) MyronTsakas 

LAST DAYSOF JESUS 
Dead Machines Revolution CD 

strobelight-records.com | Auf dem sympathischen ös¬ 
terreichischen Goth-Punk-Label Strobelight Records 
ist das neue Album der aus Slowakien stammenden Dea- 
throck- Formation THE 
LAST DAYSOF JESUS er¬ 
schienen, und ich glau¬ 
be, am besten gefällt mir 
an dieser zur Kostümie¬ 
rung neigenden Truppe, 
dass sie sowohl viel Hu¬ 
mor hat wie auch smar¬ 
te, kritische Lyrics - und 
obendrein musikalisch 
sehr eigenwillig vorgeht. 
Hier gibts keinen bier¬ 
ernsten Schmink-Wett- 
kampf, kein verkrampf¬ 
tes Evil-Gepose, sondern eine höchst unterhaltsame Mi¬ 
schung aus burleskem Gothpunk, klassischem Früh-Acht- 
ziger-Deathrock, Tasteninstrumentspielereien und eigen¬ 
williger, martialischer Rhythmik. Ich schätze mal die Her¬ 
kunft der Band, die Vielzahl der Einflüsse und die Fähigkeit 
zur Selbstironie sind hier eine wirklich eigenwillige Kom¬ 
bination eingegangen, die einfach Spaß macht, und die lie¬ 
bevolle Aufmachung des Booklets, die echt scary Fotos zei¬ 
gen, dass man es hier mit einer außergewöhnlichen Band 
zu tun hat. Ich finde, das wären passende Partner für eine 
Tour mit den EPOXIES und NAZIS FROM MARS. (36:12) 
(8) Joachim Hiller 

LA FA CONNECTED 
Urban CD 

lafaconnected.com | LFC kommen aus Luxemburg und 
haben sich für ihr erstes Album gleich prominente Leute 
mit an Bord geholt. Gemastert hat Keule Collenbusch aus 
dem bluNoise-Umfeld, und musikalisch ist das Quartett 
dort nicht völlig fehl am Platze. Die Band selbst sieht sich 
beeinflusst vom DC-Sound, und zumindest, was die Gitar¬ 
renarbeit angeht, mag man ihr zustimmen. Die Songs ver¬ 
breiten eine aufgeregte Stimmung, was natürlich vor al¬ 
lem an den Gitarren liegt, die gekonnt zwischen Lärm und 
Geffickel variieren. Einen großen Teil trägt aber auch Sän¬ 
ger Simone Ramos dazu bei, dessen Stimme sich eher in 
hohen Tonlagen bewegt und der seine Botschaften eupho¬ 
risch in den Lärm ruft. Ein paar richtig gute Songs sind auf 
„Urban" schon zu hören, viele aber klingen für meine Oh¬ 
ren noch nicht abgeklärt genug. Da warten wir am besten 
noch ein paar Jahre Bandentwicklung ab und hoffen drauf, 
dass sich die Aufregung legt. (41:48) (6) Christian Meiners 

LUCIEN 

s/t CD 

deadlambrecords.com | Dass einige dieser rockenden 
Schweden mit mehr als einem Bein im Black/Death-Be- 
reich gestanden haben, das sieht man zumindest noch 
dem Artwork des vorliegenden Debütalbums von LUCI¬ 
EN an (Schwarz/weiß-Optik, Totenschädel, Posieren ne¬ 
ben einem Engel etc.), musikalisch steht man aber ganz 
klar in der Turborock-Tradition. Und das macht man 
ganz ordentlich: schnell und rotzig und voll Energie. Man 
hört, dass hier nicht Notenzupfer am Werk sind, sondern 
Rock’n’Roller, die Freude am Spielen haben und zu allem 
Überfluss ihre Instrumente auch beherrschen (auch das 
ein Hinweis auf ihre Metal-Vergangenheit?). Sollte man im 
Auge behalten und sich live geben, so es sie mal in unsere 
Regionen verschlägt. (30:29) (8) Simon Loidl 

LES CLOCHARDS DU MONDE 
s/t LP 

majorlabel.de | „Wenn jeder Unglückliche, jeder Gepei¬ 
nigte auch nur ein Atom seiner Gefühle hinterließe, wenn 
solcherart das Erbe von Generationen anwüchse, wenn 
auch nur ein Fünkchen von einem Menschen zum anderen 
überspringen könnte, wäre die Welt erfüllt von einem mit 
Macht sich den Därmen entreißenden Schmerzgebrüll.“ 
Diese Worte von Stanislav Lern sind aus der „Die Stimme 
des Herrn“-Ausgabe des Verlages Volk und Welt geklaut, 
und ebenso wie jeder Leser von den Werken Lems angetan 
ist, sind auch LES CLOCHARDS DU MONDE sowohl von 
diesem Werk als auch von einem darin zitierten Gedicht 
Algeron Swinburns so sehr begeistert, dass sie es vertont 
haben (der Höhepunkt der Platte!). Auch wenn die Fünf 
aus Thüringen es bestimmt öfters, aber nicht gerne hören, 
erinnert ihr melancholischer Post-Punk mit dem tiefen 


(Sprech-)Gesang doch ein wenig an die Früh-90er-Pha- 
se von EA 80. Aber natürlich greift dieser Vergleich viel zu 
kurz, denn obwohl LES CLOCHARDS DU MONDE live zu¬ 
sammen mit SERENE FALL auftreten und entsprechend ein 
ähnliches Publikum bedienen, kommen sie doch sehr ei¬ 
genständig daher, packen einerseits für feinfühlige Arran¬ 
gements eine Klarinette aus, bestechen andererseits durch 
die nötige Härte und den nötigen Druck (dafür wurde das 
Line-Up gegenüber dem 10“-Debüt von 2005 eigens um 
einen zweiten Gitarristen erweitert). Und nicht zuletzt 
sind die Texte in deutsch, englisch und französisch, bieten 
also ein weiteres Maß an Abwechslung, auch wenn es da¬ 
rin fast immer um von der Zeit und Schmerzen zerfressene 
Menschen geht. (28:51) (7) Chris Wilpert 

LA SEGA DEL CANTO 
Light Metal Music CD 

humppa-records.de | Die Finnen haben den Schalk im 
Nacken, von wegen „The great collection of finnish de- 
pressions“, es wird munter drauflos musiziert. Die Her¬ 
ren J.J. Calo und Mr. Pulp 
haben auf ihrem zweiten 
Album „Light Metal Mu¬ 
sic“ 13 Songs eingespielt. 
Mit minimalsten Mit¬ 
teln wird eine unglaub¬ 
liche Virtuosität erzeugt. 
Neben Gitarre und Har¬ 
monium kommt vor al¬ 
lem die „singende Säge“, 
in Form eines Original- 
Fuchsschwanzes, zum 
Einsatz und die hat es 
wir kl ich in sich. Mit ei¬ 
nem Cellobogen gespielt, entstehen so die unglaublichsten 
Töne und Melodien. Ein wunderbares Album, etwas ver¬ 
rückt, ruhig, romantisch - einfach imverwechselbar. Ganz 
besonders bleibt bei mir die finnische Version von Marilyn 
Monroes „I wanna be loved by you“ mit einem unglaubli¬ 
chen Säge-Solo hängen-poohpoohbeedo! (39:19) (8) 
Kay Wedel 

LASSARD 

Making Out On Satellites 2CD 

Life Digital | Bei der Band LASSARD handelt es sich um 
einen ganz schlauen Haufen: Statt eine altmodische Schall¬ 
platte zu veröffentlichen, holen sie sich ihre Street Credi- 
bility, indem sie ihrer Achtung gegenüber der guten, al¬ 
ten Platte mit einem Trick Ausdruck verleihen. Sie brin¬ 
gen eine Doppel-CD heraus, die einfach aussieht wie eine 
Schallplatte. Die CD-Oberfläche ist grafisch wie die Ril¬ 
len im Vinyl gestaltet. Allerdings hätten LASSARD den Auf¬ 
wand nicht unbedingt nötig. Auf „Making Out On Satelli¬ 
tes“ findet sich klassischer amerikanischer College-Rock. 
Man fühlt sich an straighte Pop-Bands aus dem amerika¬ 
nischen Hinterland wie zum Beispiel BRANDTSON oder 
KOUFAX erinnert. LASSARD sind zwar nicht die eigen¬ 
ständigste Band der Welt, doch befinden sie sich auf dem 
richtigen Weg direkt in die College-Rock-Ruhmeshalle. 
(6) Julia Gudzent 

LABASHEEDA 
CharityBox CD 

Southern | Das Dreiergespann aus den Niederlanden fällt 
zuallererst erst ob des irgendwie seltsam klingenden Na¬ 
mens auf. Die Musik ist recht anspruchsvoll, insbeson¬ 
dere der Gesang von Sängerin Saskia ist einprägsam. Ver¬ 
gleiche mit SONIC YOUTH oder PIXIES halte ich für an¬ 
gebracht, stellenweise erinnern mich einige Songs auch 
an ältere Truppen aus dem frühen Riot Grrrl-Umfeld ä la 
LOIS. „Charity Box“ bietet alles, von der langsamen Ballade 
über Midtempo bis hin zu treibenden Songs wie zum Bei¬ 
spiel „Black blood“. Insgesamt ein schönes, abwechslungs¬ 
reiches Album. (31:00) (7) Sarah Shokouhbeen 

LITMUS 
Planetfall CD 

Rise Above/Soulfood | „Spacerock has been left to the 
hippies for far too long, and we’ve come to take it back“, 
behaupten LITMUS. Und auch wenn ich dem nicht so ganz 
zustimmen kann - Ich habe nichts gegen Hippies und ihre 
zum Teil auch heute noch schöne Musik - anhand ihres 
zweiten Albums „Planetfall“ kann ich den Ansatz der Eng¬ 
länder aber nachvollziehen. Ihre Musik ist zwar Space- 
rock pur, wird von LITMUS aber mit viel Schmackes ge¬ 
spielt. Natürlich sind HAWKWIND hier permanent hör- 
und spürbar, „Planetfall“ erinnert aber über weite Stre¬ 
cken vor allem an MONSTER MAGNET und deren von ih¬ 
nen nie übertroffenes Meisterwerk „Dopes To Infinity“: 
Vom Mellotron stark geprägte epische Songs, die meist in 
einem mehrminütigen Gitarrensolo gipfeln und in denen 
die Genreklassiker gerne schamlos zitiert werden, ohne da¬ 
bei aber ein bloßes Plagiat zu sein. Energie ist eben das, was 
gute psychedelische Rockmusik von ödem Gedudel unter¬ 
scheidet. Und das ist wohl genau das, was LITMUS mein¬ 
ten. (8) Andre Bohnensack 

LOWLIFE 
Train To Hell MCD 

Heartbeatmedia | Es ist nicht immer einfach, ein Album 
beziehungsweise eine MCD als durchschnittlich anzuse¬ 
hen, wenn man den Sound der Band eigentlich mag. Im 
aktuellen Fall von LOWLIFE fällt es mir auch echt schwer, 
aber wenn man ehrlich ist, sind die vier neuen Songs ein¬ 
fach nicht mehr oder weniger als genannter Durchschnitt. 





WOLVES 


THF MIRACIF 
übt just words 


ABEL IS ÖYING 
nazinq from the abyss 

mrir-i 


FM8RÄCE THE EfÜ) 

THE END ÖFfiOOÖ YEARS 


.1 LIFE RECORDS www.stitlHferecords.com www.myspace.com/stjlliiferecofds 



PORI< PIE 


The Spirit Of Ska 


TUE VALKYRANS 
HIGH&MIGHTY 

Diese grossartige Band aus 
Finnland klingt nach jamaika¬ 
nischen Early Reggae. 
Rocksteady und britischem 2 Tone. 

THE VALKYRIANS verbinden das alles zu ihrem eigenen, 
frisch und authentisch klingenden Style. Endlich mal wie¬ 
der eine Band, die in der Lage ist. wirklich grosse eigene 
Songs zu schreiben wie auch Klassiker stilsicher zu 
covern. 

DALLAX 

Core Color + Bonus 

Das neue Album der japani¬ 
schen Kamikaze-Uberflieger 
in Sachen Ska. Die Fachwelt 

ist sich jetzt schon einig: 

"...Wirkung wie Clint Eastwood: knallt alles nieder!” 
"...grossartiger, kraftvoller und schneller Ska..." 

Die Pork Pie Edition kommt mit einer fetten Bonus- 
Section der 11 besten Dallax Songs. VÖ 27.4.2007 




SKAOS / SILVER 

Jubilee Edition + 
Free Bonus CD 

Seit 1981 versorgen SKAOS 
die Ska-Welt immer wieder 
mit Songs, die inzwischen bei 
keiner Ska-Party mehr fehlen dürfen und zu weltweiten 
Klassikern gereift sind. 23 ihrer besten Songs wurden 
sorgfältig von alten Masterbändern restauriert und vom 
allseits bekannten Ska-DJ Ras Meyer zu einem Album 
zusammengestellt. Limited Edition! 




von Fussball-Songs. 


VA/SKANDAL No. 

5 Football Edition 

Zehn Jahre nach dem letz¬ 
ten SKANDAL-Sampler prä¬ 
sentieren 18 Bands eine 
abwechlungsreiche Palette 





PORK PIE empfiehl 


YELLOW UMBRELLA 
Little Planet 
{Rain Records) 

Um musikalische Schubladen 
haben sich die Germaikaner 
aus Dresden noch nie geküm¬ 
mert. . Auf ihrem neuen Album "Littte Planet" wird der 
Platz fast schon eng angesichts der enormen musikali¬ 
schen Vielfalt, die im Orbit des bewährten YELLOW 
UMBRELLA Universums aus Reggae- Ska- und 
Rocksteady-Materie einschlägt Im Handel ab 11.5.2007 



www.porkpieska.com 


OX-FANZINE 77 



































REVIEWS 


Um richtig zu punkten, fehlt es den Songs, die im Midtem- 
po-Hardcore-Bereich anzusiedeln sind und immer einen 
leichten Hang zum Metal haben, einfach an Eigenständig¬ 
keit und Durchschlagskraft. Obendrein sind sie allesamt in 
meinen Augen einfach zu gleich gestrickt, um lange hän¬ 
gen zu bleiben. So ist die Halbwertszeit dieser MCD einfach 
zu kurz. (13:24) (6) Tobias Ernst 

L.A.K. 

Verdammtes Leben CD 

nix-gut.de |. „Verdammtes Leben“ heißt das in diesem 
Jahr erschienende neue Album von LUST AUF KUNST aka 
L.A.K. Der Albumtitel hat einen melancholischen Touch, 
den auch einige Songs mittragen („Warum“, „Trauer Wut 
Enttäuschung“). Aber wie im wahren Leben gibt es neben 
Tiefen auch Höhen und daher gesellen sich auf dieser Plat¬ 
te auch schöne vor Lebensenergie strotzende Titel hinzu. 
Dabei stechen vor allem die ohrwurmverdächtigen Bei¬ 
träge „Damals warst du still“ sowie die Liebeserklärung an 
den Punkrock „Mehr als Musik“ hervor. L.A.K. spielen gu¬ 
ten soliden Punk im Stil von DDP und SUSPEKT. Die mas¬ 
sentauglichen und ab und zu mit einem Saxophon verfei¬ 
nerten Stücke laden euch recht herzlich zu deren Konsu¬ 
mierung ein. (39:04) (7) Sven Grumbach 

LEIF ERICSSON 

s/t CD 

bombedout.com | Punkrock ist eine schöne Sache. Screa- 
mo, Metalcore, Neocrust, Skapunk, Discomosh, Bolloedge- 
twostep, Emopopcorn, Doppelkorncore, und so weiter. All 
das ging beziehungsweise geht früher oder später vorbei, 
man kann die Uhr danach stellen. Ehrliche Punkrock/HC 
Bands, die ihre Nase nicht nach jedem lauwarmen Hype- 
Furz drehen, wird es immer geben. THE LEIF ERICSSON 
aus England spielen rauhen, ungebügelten Nieselregen¬ 
punk, der Freunden von LEATHERFACE und SNUFF ein 
Lächeln in das von Millionen von Bieren leicht verzogene 
Gesicht zaubern wird. Einer von denen spielt auch zusam¬ 
men mit Duncan (SNUFF) bei BILLY NO MATES, das passt. 
THE LEIF ERICSSON haben sich 2001 gegründet und seit¬ 
dem hat man auf diversen Labels ein paar Split-Platten ver¬ 
öffentlicht. Zum Beispiel auf In At The Deep End Records, 
im Ox- Büro auch „In Den Arsch Records“ genannt (wenn 
ich mich recht entsinne). Das hier ist ihr Debütalbum und 
es sind elf Songs vertreten. Einer davon trägt den Namen 
„Göttingen“ und ist wohl nicht gerade als Huldigung an 
die sympathische Studentenstadt gedacht („I won’t go back 
to the city with the dots on the I’s and the dots on the O’s" - 
haha). Melancholische Gitarren weben den typischen En¬ 
gland-Sound, der sich gewohnt nüchtern und irgendwie 
schroff gibt, sich dabei aber mit schönen Melodien und 
teilweise hymnischem Gesang in die Ohren bohrt. Nicht 
außergewöhnlich, nur halt echt gut. Cheers. (34:55) (8) 

Renke Ehmcke 

LEADFINGER 
The Floating Life CD 

bang-records.net/Munster | LEADFINGER heißt mit bür¬ 
gerlichem Namen Stewy Cunningham und kommt aus 
Sydney, „Leadfinger“ ist aber seit 16 Jahren sein einem 
Gitarristen angemessener Künstlername. Er spielte bei 
BROTHER BRICK, ASTEROID B-612,THE PROTON ENER¬ 
GY PIUS, THE YES MEN und CHALLENGER-7, doch erst 
jetzt wagt er sich allein aus der Deckung und hat mit „The 
Floating Life“ ein Solo-Album veröffentlicht. Eingespielt 
in seinem Kellerstudio, ist das Solo-Debüt ein eher ruhi¬ 
ges Werk, auf dem Cunningham alle Instrumente selbst ge¬ 
spielt hat, und das inspiriert wurde von einem Gedicht des 


australischen Dichters John Forbes. Seine Vorbilder? All die 
großen Männer des Rock’n’Rolls, etwa Paul Westerberg, 
Alex Chilton oder Ed Kuepper, die den Schmerz kennen, 
aber auch wissen, dass ein paar Flaschen Bier, eine Gitar¬ 
re und ein Mikrofon dagegen helfen können. Gewidmet ist 
das Album dem erst kürzlich aus Guantänamo entlassenen 
„australischen Taliban“ David Hicks, und ich schätze, das 
ist keine gute Voraussetzung, tun in nächster Zeit eine US- 
Tour ins Auge zu fassen ... Eine durchaus okayne, aber auch 
etwas unspektakuläre Platte. (42:12) (6) Joachim Hiller 

LIGHTS OUT 
s/t MC 

myspace.com/lightsoutpunk | Haben diesen momenta¬ 
nen Hype um 80er Punk DEAN DIRG ausgelöst? Schei߬ 
egal, mir soll es jedenfalls recht sein. Mir war es eh immer 
schleierhaft, warum es „Punkbands“ gibt, die völlig unmo¬ 
tiviert auf der Bühne stehen und versuchen, komplizierten 
Frickelcore oder dergleichen zu spielen, statt sich mal ein 
REAGANYOUTH-, BLACK FLAG- oder CIRCLE JERKS-Vi- 
deo reinzupfeifen und einfach mal wild zu sein. Punk ist so 
einfach, und das wissen auch LIGHTS OUT aus Stuttgart. 
Elf Mal auf die Fresse in geschätzten 10 Minuten. So soll es 
sein - nix Neues, aber geil. Out Out Out! (7) MarioTuriaux 

LODGER 
Grown-Ups CD 

noisedeluxe.de/Broken Silence | Schön, dass es auch in 
Zeiten dieser unzählig vielen neuen Bands von der bri¬ 
tischen Inseln noch Bands wie THE LODGER aus Leeds 
gibt, die anscheinend auch mal ihren Vorreitem aus den 
1990ern ein Ohr leihen. So hört man auf ihrem Debüt 
„Grown-Ups“ vor allem im Gesang von Sänger/Gitarrist 
Ben Einflüss e von Bands wie MY LIFE STORY, BELLE AND 
SEBASTIAN oder auch IDLEWILD. Das Trio wird durch 
den Bassisten Joe und Katie am Schlagzeug ergänzt und 
beherrscht perfekt diese wunderbare Mischung aus leicht 
melancholischen, von Bläsern untermalten Melodien und 
beschwingten Parts, die von optimistischen Texten unter¬ 
strichen werden. Sehr raffiniert ist es, mit „Many thanks for 
your honest opinion“ das Album zu beginnen. Die in Eng¬ 
land längst vergriffene, hervorragende Single ist einer der 
stärksten Songs auf der Platte und kann kaum eingängi¬ 
ger sein. In „Kicking sand“ beteuern sie dann sehr ehrlich: 
„We’re no superstars“ - hört man sich aber „Watching“ an, 
bin ich mir sicher, dass uns noch einiges von THE LODGER 
aus Leeds zu Ohren kommen wird und wir ihnen auch in 
Zukunft gerne unsere Aufmerksamkeit schenken. (36:09) 
(8) Nina Maenz 

LICHENS 
Omns CD 

Kranky/Cargo | Hinter LICHENS verbirgt sich Robert 
Lowe von den von mir hoch geschätzten 90 DAY MEN, der 
mit „Omns“ nach „The Psychic Nature Of Being“ von 2005 
sein zweites Album aufgenommen hat. An der grundsätz¬ 
lichen Herangehensweise hat sich nichts geändert, auch 
hier verbindet Lowe improvisiertes Gitarrespiel mit sphä¬ 
rischen Elektronikklängen. Und auch wenn es sich um vier 
voneinander getrennte Stücke handelt, entsteht eine Ge¬ 
samtatmosphäre, deren hypnotischer wie beschwörender 
Charakter durchaus seinen Reiz hat. Insofern ist „Omns“ 
eine angenehmere Erfahrung als „The Psychic Nature Of 
Being“, auch wenn Lowe hier nicht unbedingt Neuland 
betritt. So erinnern die ersten beiden eher Ambient-mäßi¬ 
gen Tracks doch schwer an das, was David Sylvian und Hol- 
ger Czukay bereits Ende der 80er auf Platten wie „Plight 
And Premonition“ und „Flux + Mutability“ gemacht ha¬ 


ben. Und Track 3, „Bune“, mit seinen verzerrten Gitarren- 
riffs scheint dann eine doomigere Fortführung von Neil 
Youngs „Dead Man“-Soundtrack zu sein. Mit „Omns“ ist 
Lowe aber auf jeden Fall eine wesentlich überzeugendere, 
vielschichtigere und vor allem weniger monotone Platte 
gelungen, deren musikalischen Visionen man gerne folgt, 
weil sein Ambient-Folk diesmal wesentlich angenehme¬ 
re Assoziationen auslöst, als es auf dem Debüt der Fall war. 
Als Bonus gibt es noch eine DVD mit einem 30-minütigen 
Live-Auftritt von Lowe dazu, wo man das Gefühl hat, dass 
das Ganze auch auf einer Bühne sehr gut funktioniert. (8) 
Thomas Kerpen 

MMM 


MUMM-RA 

These Things Move In Threes CD 

columbia.co.uk/RoughTrade | Aus „Abneigung gegen die 
Schinderei“ und um der Langeweile in ihrem kleinen, ehe¬ 
mals sehr beliebten Badeort Bexhill in der englischen Graf¬ 
schaft Essex zu entfliehen, haben MUMM-RA schon mit 
vierzehn Jahren beschlossen, eine Band zu gründen. Nun 
erscheint, nach einer EP und einer Tour mit den KAISER 
CHIEFS im letzten Jahr, ihr Debütalbum „These Things 
Move In Threes“. Die ausschweifenden, üppigen Popsongs 
ordnen MUMM-RA selbst zwischen den BEACH BOYS, der 
BETA BAND und SIGUR RÖS an. Der Gesang des Sängers 
Noo erinnert ein wenig an die finnische Band THE CRASH 
und ihre schönen, melancholischen Melodien spiegeln 
die Ambivalenz zwischen der idyllischen Natur der briti¬ 
schen Südküste und des verlassenen Badeorts voller altern¬ 
der Menschen wieder. Ein gelungenes Album, das beschau¬ 
liche Sommerstunden untermalen wird. (44:21) (8) 

Nina Maenz 

MAINLINERS 

s/t CD 

crusherrecords.com | Das zweite Album der Schwe¬ 
den erscheint da, wo auch schon die dem Debüt auf Get 
Hip vorangehende Single veröffentlicht wurde: auf Crus¬ 
her Records aus Stockholm. Das laut Selbstdarstellung um 
die Verbreitung von „great psychedelic garage rock’n’roll 
sounds“ bemühte Label hat auf jeden Fall gut daran getan, 
die MAINLINERS wieder in den eigenen Stall zu locken, 
denn deren Sixties-lastiger Rock’n’Roll mit Einflüssen aus 
Proto-Punk, Psychedelic und Garage sowie einer latenten 
Stones-Verehrung hebt sich erneut ab vom üblichen Fuzz- 
Rock-Standard, und gerade das Orgelspiel kann da immer 
wieder interessante Akzente setzen, etwa bei „Saint’s march 
in sunrise“. Die mittlerweile als Sextett auftretende Band 
hat jedenfalls das an Substanz, was MANDO DIAO abgeht, 
und der hier und da zu Tage tretende Roky Erickson-Ein- 
fluss zusammen mit der Fähigkeit, richtig gute Popsongs zu 
schreiben (siehe „Running the streets“), sollte der Band ei¬ 
gentlich ein paar Fans mehr als die üblichen Szenegänger 
bescheren. Rundum gelungen! (41:50) (8) Joachim Hiller 

MISSING SHADOWS 
Western Waste LP 

P.Trash/ Matula/Drugcontrol | Nach dem exzellenten 
Demo auf My Ruin Records legen die MISSING SHADOWS 
jetzt auf ihrem Debütalbum zwölf nicht minder genia¬ 
le Songs nach (leider fehlt mein Favorit „Ace in a day“). 
Neben P.Trash-Labelkollegen wie den TOYOTAS sind die 
fünf Osnabrücker (unter anderem Ehemalige von COLT 
SEAVERS, SUBKUTAN und SKORBUT) natürlich sehr gut 
aufgehoben, wobei die SHADOWS irgendwie ihr ganz ei¬ 


genes eigenwilliges Soundsüppchen kochen. Durch ein 
leicht hektisches Oldschool Westcoast-Punk-Grundmus- 
ter schimmern immer mal wieder Gitarrenmelodien ä la 
WIPERS durch, garniert mit der wirklich markanten Stim¬ 
me von Sänger Ansi (übrigens der große Bruder von DUE- 
SENJAEGER/GRIZZLY ADAMS BAND-Gitarrist Jan). Ich 
bin mir auch gar nicht sicher, ob diese Umschreibung jetzt 
den Nagel auf den Kopf getroffen hat, deshalb sollte mal 
schleunigst jeder der an wirklich gutem Punkrock inter¬ 
essiert ist, die MISSING SHADOWS antesten, um sein eige¬ 
nes Urteil zu bilden. Auf jeden Fall spielen sie absolut in der 
ersten Liga der deutschen Retro-KBD-Punkrock-Bands, 
und wer den „Tanz der Vampire“-Soundtrack als Songin - 
tro benutzt, ist sowieso mein Freund! (8) Bernd Fischer 

MGR VS. SIRDSS 
Impromptu CD 

Neurot/Cargo | Auch auf die Gefahr hin, mich zu wie¬ 
derholen, aber hinter der Abkürzung MGR verbirgt sich 
der Name MUSTARD, GAS & ROSES, das Soloprojekt von 
Mike Gallagher von ISIS, 
was ich bereits anlässlich 
von dessen Platte „Nova 
Lux“ schrieb, ebenfalls 
auf Neurot erschienen. 
Der hat sich hier mit 
David Scott Stone, frü¬ 
her mal bei GET HUS¬ 
TLE, zusammen getan, 
tun Sounds zu produ¬ 
zieren, die nicht weit von 
den Ambient-Drone-In- 
strumentals seiner Platte 
„Nova Lux“ entfernt sind. 
Ebenfalls vier Stücke, die es auf 43 Minuten bringen, aller¬ 
dings eine weniger meditativ-atmosphärische Angelegen¬ 
heit sind, sondern eher um bedrohliche Vibes bemüht und 
dabei an einen V ulkan erinnernd, der kurz vor dem Aus¬ 
bruch steht. Diese Eruption bleibt allerdings aus, was nicht 
heißt, dass Gallagher und Stone hier nicht einen ziemlich 
imposanten Wall Of Sound schaffen würden, bestehend aus 
nicht weit von den Soloplatten von SteveVönTills entfern¬ 
ten Gitarrenklängen und düsterem elektronischen Noise. 
Angesichts dieses abstrakten Gesamtkonzepts kommt unter 
dem Strich eine erstaunlich stimmige, mächtig Eindruck 
machende Platte heraus, die innerhalb des vielschichtigen 
künstlerischen NEUROSIS-Universums absolut Sinn er¬ 
gibt und sogar eine irritierende Eingängigkeit besitzt. (9) 
Thomas Kerpen 

MONSTRANCE 
s/t 2CD 

Ape House/Alive | Wenn Andy Partridge (XTC) zusam¬ 
men mit dem alten XTC-Keyboarder Barry Andrews und 
dessen SHRIEKBACK-Mitmusiker Martyn Barker nach Ur¬ 
zeiten eine Platte zusammen aufhimmt, könnte man even¬ 
tuell die Hoffnung hegen, das Ganze wäre so eine Mischung 
aus beiden Bands - sozusagen das Beste aus beiden Wel¬ 
ten -, allerdings wäre dieses Projekt unter dieser Prämis¬ 
se gar nicht erst zustande gekommen und würde wohl- 
möglich auch gar nicht funktionieren. Nein, das Gegen¬ 
teil ist der Fall, denn MONSTRANCE ist ein tiefer Griff in 
die Kiste der Improvisationsmusik-Geschichte, insgesamt 
12 auf zwei CDs verteilte, um musikalische Offenheit be¬ 
mühte, zwischen 4 und 17 Minuten lange Kompositionen, 
wo man weder SHRIEKBACK noch XTC konkret raushören 
kann, aber die einzelnen Musiker-Egos durchaus spürt. Als 
Bezugspunkte helfen einem da CAN und KING CRIMSON 



/SÄMPLER & COMPILÄTIONS 


V.A. 6 Mighty Shots CD 

myspace.com/bangbangnancy | Bang! Bang! Records 
ist das neue Label von King Automatic und seinem Lon¬ 
doner Kumpel Rieh und „6 Mighty Shots“ sozusagen ihre 
Einstiegscompilation. Darauf enthalten sind neben den 
beiden Labelmachern themselves noch vier andere Mu¬ 
siker/Bands, bei denen sich die Mitwirkenden allerdings 
teilweise überschneiden, als da wären THUNDERCRACK, 
HOT NUTS, Monsieur Verdun und die BANG BANG OR¬ 
GANIZATION. Und wenn ich mir die sechs Songs anhö¬ 
re, bin ich gespannt, was da noch so kommen mag, denn 
der dargebotene Mix aus One-Man-Band-Krach, Garage¬ 
punk, durch den Fleischwolf gedrehten Motown Sounds, 
französischem Weirdo-Country mit Cajun-Anklängen und 
einem fast schon wieder tanzbaren LoFi-Song mit Farsifa 
und Beatbox klingt verdammt spannend und bringt eini¬ 
ges an Freude in die Bude. Also: Ein toller Einstieg und noch 
viel mehr. (16:44) (8) Alex Strücken 

V.A. Beijing Bubbles CD 

fly-fast-records.com | „A Soundtrack and a trip to China’s 
Underground“ lautet der Untertitel dieser Compilation, 
die sowas wie den Soundtrack zum Film „Beijing Bub¬ 
bles - Punk and Rock in 
Chinas Capital“ darstellt, 
der dieser Tage in den Ki¬ 
nos läuft und die Musiks¬ 
zene der chinesischen 
Hauptstadt Peking/Bei¬ 
jing dokumentiert. Zu¬ 
sammengestellt und auf 
dem dafür gegründeten 
eigenen Label veröffent¬ 
licht wurde die Com¬ 
pilation von den bei¬ 
den Machern des Films, 
Susanne Messmer und 
George Lindt, die neben den fünf im Film dokumentier¬ 
ten Bands noch eine ganze Reihe anderer einem westlichen 
Publikum nahe bringen wollen. Bemerkenswert ist an die¬ 
ser Compilation, den Bands, dem Film zweierlei: Es scheint 
sowas wie universelle Rock’n’Roll-Werte zu geben, ja, auch 
im vom Konsumrausch wie vom Konformismus gebeutel¬ 
ten China gibt es Aussteiger, und das ist ermutigend, zeigt es 
doch, dass bei allen kulturellen Unterschieden auch ver¬ 
dammt viel Einigendes existiert, man überall auf der Welt 
auf Gleichgesinnte stoßen kann. Zum anderen macht diese 
Compilation aber auch klar, dass China in Sachen wirklich 
innovativer Musik noch ein Entwicklungsland ist: Kaum 
eine der Bands hier, die statt nur zu kopieren aus westli¬ 
chem Rock’n’Roll und chinesischer Kultur einen wirk¬ 
lich eigenen, neuen Sound zu zaubern weiß. Und so kön¬ 
nen mich nach Abzug eines gewissen Exotenbonus' nur ein 
paar Bands etwas begeistern, einzig beiT9, SILENT G und 
WANG FAN kann ich interessante Elemente entdecken. So 
ist diese Compilation phänomenologisch interessanter als 
musikalisch - die Innovationskraft des chinesischen Un¬ 
dergrounds bleibt noch zu beweisen. Sehr schön ist das di¬ 
cke, dreisprachige Booklet mit erläuternden Texten zu je¬ 
der Band. (62:09) (7) Joachim Hiller 

V.A. Death ProofOST CD 

Warner | Es gibt Soundtracks, die keiner braucht und die 
nur als billiges Marketingvehikel dienen, deren Songs bes¬ 
tenfalls im Abspann abtauchen - und es gibt Soundtracks, 


bei denen sich der Regisseur was gedacht hat oder er zu¬ 
mindest schlau beraten wurde, wo die Musik auch im Film 
eine Rolle spielt. Ein solcher Fall ist QuentinTarantino, und 
ohne seine Filme würde sicher keiner TITO &TARANTU- 
LA kennen, wäre Dick Dale längst verarmt, und die 5.6.7.8’s 
müssten sich nicht als „die Band aus Kill Bill“ vermarkten 
lassen. Tarantinos neuester Streich ist „Death Proof“, und 
auf dessen Soundtrack finden sich unter anderem Morri- 
cones „Paranoia prime", T.REX mit „Jeepster“, „Down in 
Mexico“ von den COASTERS, „Hold tight“ von den unaus¬ 
sprechlichen DAVE DEE, DOZY, BEAKY, MICK &TICH und 
Willy DeVilles „It’s so easy“. Durchaus interessant und un¬ 
terhaltsam, aber bei weitem nicht so interessant wie der le¬ 
gendäre „Pulp Fiction“- Soundtrack. (6) Joachim Hiller 

V.A. Deep Elm - Cover Your Tracks CD 

deepelm.com | Das sympathische Indielabel Deep Elm 
bietet mit „Cover Your Tracks“ eine Compilation der et¬ 
was anderen Art. Das Konzept ist schnell erklärt. Auf „Co¬ 
ver Your Tracks“ covern neuere Deep Elm-Acts ihre schon 
länger dienenden Label-Kollegen. So werden hier Stücke 
von Bands wie LAST DAYS OF APRIL oder BRANDTSON, 
um nur die bekanntesten Deep Elm-Bands zu nennen, 
von neuen Hoffnungsträgern wie FIGHTSTAR oder LOCK 
AND KEY neu interpretiert. Dieses „Newschool Deep Elm 
meets Oldschool Deep Elm“-Konzept geht auch voll auf. 
Für alle, die nichts mit Deep Elm verbinden, bietet „Cover 
Your Tracks“ eine wirklich gelungene Möglichkeit, tun sich 
dem weit gefächerten musikalischen Angebot des Labels zu 
näheren, dass von Post-Hardcore über Emo bis zu Indie- 
rock reicht. Als Bonus gibt es einen bisher unveröffentlich¬ 
ten Track der schwedischen SOUNDS LIKE VIOLENCE, die 
gerade mit ihrem großartigen Album „With Blood On My 
Hands“ für Furore sorgen. (49:34) (7) Robert Buchmann 

V.A. FUNERAL FOR A FRIEND: 

Back To The Bus CD 

DMC/RoughTrade [ Eigentlich eine gute Idee: Eine mehr 
oder weniger angesagte Band darf ihr ultimatives Bandbus- 
Mixtape zusammenstellen, und eine Plattenfirma küm¬ 
mert sich dann darum, die Songfreigaben von den Labels 
zu bekommen, um das Ganze auf CD zu pressen. So eine 
Songauswahl kann viel über den Musikgeschmack der be¬ 
treffenden Formation verraten, sowohl erhellend wie be- 
stürzend sein. FUNERAL FORA FRIEND lassen ihren Bus¬ 
mix mit QUEENs „Don’t stop me now“ beginnen, graben 
DUB WAR wieder aus, schätzen EARTHTONE 9, FAITH NO 
MORE („Midlife crisis“) und FILTER, konnten es nicht las¬ 
sen, BOSTONS Gruselhymne „More than a feeling“ zu ex¬ 
humieren und schieben gleich noch VAN HALENs „Ain’t 
talking about love“ hinterher (immerhin nicht „Jump“), 
lassen FAR, MEGADETH („Holy wars“),THE HAUNTED, 
PANTERA, BLACK SABBATH, LONGVIEW und zuletzt 
Johnny Cash („Folsom Prison Blues“) folgen. Nun, es hät¬ 
te sc hlimm er kommen können - ob einem die Band jetzt 
sympathischer ist, muss jeder selbst entscheiden, und auch, 
ob man sich diese doch recht durchwachsene Compilation 
gleich in den Schrank stellen muss. (6) Joachim Hiller 

V.A. Gruß aus Köln am Rhein MCD 

nix-gut.de | Kleines musikalisches Intermezzo (vier 
Bands, je ein Lied) aus Köln. Kurz und knackig, kommt we¬ 
gen der Thematik (Kult um Köln & Karneval) wahrschein¬ 
lich vor allem bei Kölnern gut an. Die ersten drei Lieder 
bieten soliden Punkrock: INNER CONFLICT mit Frauen¬ 



gesang, 2LHUD legen mit einem hymnenhaften Mitsing¬ 
chorus nach, SUPERNICHTS sind gewohnt rotzig und 
textlich leicht prollig mit einem Augenzwinkern. RAFF- 
DAT fand ich zuerst etwas gewöhnungsbedürftig mit ihrem 
HipHop-Reggae, aber nach ein paar Mal Hören bleibt ei¬ 
nem auch deren Beitrag als Ohrwurm erhalten. (8:43) (7) 
Tobias Weber 


V.A. Here Comes Trouble Vol. 1 CD 

tv-eye.de | Frank Popp, Düsseldorfer DJ-Ikone, Hit-Pro¬ 
duzent und Betreiber von Unique Records, hat mit TV Eye 
Records ein neues Label gegründet, das sich mehr dem 
Rock’n’Roll als dem Soul widmet. Und passend zu einer 
DJ-Tour des Chefs, die Mitte Mai startete, erschien die¬ 
se Compilation mit der Katalognummer TVI003, auf der 
seltsamerweise aber nicht mal ein Track der beiden bis¬ 
her einzigen TV Eye-Releases Louis Lament und REDON- 
DO BEAT zu finden ist. Stattdessen gibt es 21 geschmack¬ 
voll zusammengestellte Nummern von den CHECKS, BLUE 
VAN, BLACK KEYS,TFIE GOSSIP, NERVES, DRAGONTEARS, 
BLACK HOLLIES, GIRL TROUBLE. DINOSAUR JR („The 
lung“), SIGHTS, DIRTBOMBS, FLÄMING SIDEBURNS und 
MYSTERY GIRLS. Keine exklusiven Tracks, soweit ich das 
überblicken kann, aber auf jeden Fall eine okayne Com¬ 
pilation zur Einstimmung auf einen langen Abend in der 
Rock’n’Roll-Kaschemme deiner Wahl. Und Doppel-Vinyl 
gibt’s auch noch. (62:47) (7) Joachim Hiller 



V.A. In Goth Daze CD+DVD 

cherryred.co.uk | Im Rahmen der von Cherry Red neu ge¬ 
schaffenen „Goth Collector Series“ erscheint diese aus ei¬ 
ner CD und einer DVD bestehende Compilation. Nun sind 
im Laufe der letzten Jahre schon einige Sampler erschie¬ 
nen, die sich um eine 
Darstellung der Wave- 
und Goth-Szene bemü¬ 
hen. Die nahm zu Be¬ 
ginn der Achtziger ih¬ 
ren Anfang, erlebte Mitte 
des Jahrzehnts einen kre¬ 
ativen Höhepunkt und 
ist seit den Neunzigern 
wieder allein im Unter¬ 
grund aktiv, erschöpft 
sich aber kreativ fast nur 
noch im Aufbereiten von 
Klischees. „In Goth Daze“ 
nimmt sich der Vielschichtigkeit des uneinheitlichen Gen¬ 
res an, wie es sich Mitte der Achtziger darstellte, und so fin¬ 
den sich auf der CD Songs von SPECIMEN, ALIEN SEX FI- 


END, 39 CLOCKS, BONE ORCHARD, IN EXCELSIS, PLAY 
DEAD, RED LORRY YELLOW LORRY, SKELETAL FAMILY, 
BAUHAUS und anderen, treffen allgemein bekannte Gro¬ 
ße des Genres auf nicht weniger gute Bands aus der zwei¬ 
ten Reihe. Auf der DVD dann das gleiche Spiel mit Video¬ 
clips: „Ignore the machine“, der ewige ALIEN SEX FIEND- 
Klassiker, eröffnet den Reigen, wird gefolgt vom grandio¬ 
sen DANSE SOCIETY-Cover „2000 light years from home“, 
INCA BABIES, Nico, FLESH FOR LULU, Andi Sexgang, VIR¬ 
GIN PRUNES, SKELETAL FAMILY, PLAY DEAD, MALARIA, 
GHOST DANCE und RED LORRY YELLOW LORRY, so dass 
der DVD-Part hier auf jeden Fall den reizvolleren Teil dar¬ 
stellt, bekommt man die Videos doch sonst kaum irgendwo 
zu sehen. Kommt in DVD-ähnlichem Softcover-Case mit 
dickem Booklet und Linernotes. (8) Joachim Hiller 


V.A. Joe Strummer - 
The Future Is Unwritten CD 

Sony BMG | Die CD zum neuen Julien Temple über den 
THE CLASH-Frontmann Joe Strummer ist weniger ein 
klassischer Soundtrack als vielmehr eine sehr schöne be¬ 
gleitende Compilation 
zum Film. Aufgelockert 
durch O-Töne aus dem 
Film findet sich hier so¬ 
wohl Strummers eige¬ 
ne Musik wie eine Do¬ 
kumentation seiner Ein¬ 
flüsse. Klar, der CLASH- 
Ultra wird hier nichts 
Neues entdecken, aber 
für alle anderen ist die 
Sache durchaus lohnens¬ 
wert. Zu hören sind ne¬ 
ben den CLASH-Origi¬ 
nalen „White riot“, „I’m so bored with the U.S.A.“, „Ar- 
magideon time“ und „In the pouring rain“ ein Song 
von Strummers alter Band THE 101ERS, welche von sei¬ 
ner letzten Formation THE MESCALEROS, aber auch MC5 
(„Kick out the jams“), Elvis Presley, U-ROY, Eddie Cochra- 
ne, Woody Guthrie, Bob Dylan und LATINO ROCKABIL- 
LY WAR. Eine schöne Ergänzung zur unlängst erschienenen 
Zusammenstellung „Revolution Rock“ mit den Originalen 
der von THE CLASH gecoverten Songs, und Julien Temple 
selbst war an der Zusammenstellung beteiligt, schrieb die 
Linernotes und erläutert, dass hier nur ein Bruchteil dessen 
zu hören sei von dem, was Strummer zwischen 1999 und 
2002 in seiner BBC-Radioshow an Musik spielte. (75:50) 
(8) Joachim Hiller 

V.A. Jonny Greenwood Is The Controller CD 

trojanrecords.com | Der RADIOHEAD-Gitarrist Jon¬ 
ny Greenwood durfte anlässlich des 40. Geburtstages des 
Trojan-Labels in den Trojan-Archiven wühlen und seine 
persönliche Best-Of zusammenstellen und mit Linerno¬ 
tes versehen. Herausgekommen ist eine solide Compilati¬ 
on mit 17 Titeln aus den Jahren 1967 bis 1982. Namen wie 
Desmond Dekker („Beautiful and dangerous“), Lee Per- 
ry („Bionic rats“, „Black panta“, „Dreader locks“), Derrick 
Harriott („Let me down baby“) oder Delroy Wilson („This 
life makes me wonder“) dürfen hier natürlich nicht feh¬ 
len. Musikalisch bewegen sich die meisten Songs zwischen 
Dub und Reggae. Sehr interessant ist die 1978er 12“-Ver¬ 
sion des Alton Ellis-Stückes „I’m still in love“ aus dem Jahr 
1967, gesungen von Marcia Aitken. Im selben Jahr wurde 
dieser Song als „Uptown top ranking“, gesungen von Al- 
thea & Donna, ein UK Number One Hit. (69:23) (7) 

Kay Wedel 

V.A. Kong Tiki Records CD 

kongtiM.com | Das Label hat gleich zwei Sitze: Oslo in 
Norwegen und Stamfort in den USA. Einziges Kriterium 
für die Aufnahme in den Katalog scheint aber die norwe¬ 
gische Herkunft zu sein, denn ein bestimmter Musikstil als 
Richtlinie lässt sich nicht ausmachen. Von ganz üblem Nu- 
Metal (TORCH) über flotten Retrorock (MOVING OOS) 
bis Depripop (POPIUM) und noch vieles mehr ist eigent¬ 
lich für fast jeden etwas dabei. Weitere Namen sind PEKKA 
VOLT, ISRAELVIS oder CADILLAC, die alle mit einem Song 
vertreten sind. Vielleicht hat jemand schon mal von denen 



OX-FÄNZINE 78 






REVIEWS 


sicher weiter, die hier durchaus ihre Spuren hinterlassen 
haben. Dankenswerterweise handelt es sich bei MONST- 
RANCE aber nicht um so ein diffus verwaschenes Expe¬ 
rimentalding, wo jeder vor sich hin beziehungsweise an¬ 
einander vorbei musiziert - obwohl die Platte live einge¬ 
spielt wurde -, denn Partridge, Andrews und Barker erzeu¬ 
gen einen dichten, oft konkret rockenden, facettenreichen 
Sound mit rotem Faden, auch wenn der ein hohes Abstrak- 
tionslevel besitzt, der mal mehr, mal weniger atonal aus¬ 
fallt. Was MONSTRANCE eigentlich genau ist, kann man 
gar nicht so genau sagen, dafür verschieben sich die Ko¬ 
ordinaten der Musik zu oft und das in einem fließenden 
homogenen Prozess, aber man hat erstaunlicherweise da¬ 
bei das Gefühl, es immer noch mit einer relativ norma¬ 
len Rockband zu tun zu haben, was das Trio vielleicht sogar 
zu einer der spannendesten Neudefinitionen von Rock seit 
KING CRIMSON macht. (9) Thomas Kerpen 

M ELT-BAN ANA 
Bambi’s Dilemma CD 

a-zap.com/Cargo | Mit jedem Album überraschen mich 
MELT-BANANA aufs Neue, und so ist auch ihr neuer Long- 
player, wie alle Platten der letzten Zeit auf dem bandei¬ 
genen A-Zap-Label er¬ 
schienen, bemerkens¬ 
wert. Erneut schafft es die 
Band ausTokyo, extremen 
Noise mit großer Struk- 
turiertheit zu verbinden, 
sich nicht zu wiederho¬ 
len und das Lärmen nicht 
zum Selbstzweck ver¬ 
kommen zu lassen. Und 
irgendwie sind sie zwar 
auch nicht gerade alters¬ 
milde geworden, doch 
kommt mir mittlerwei¬ 
le jeder neue Release zugänglicher vor als der davor. Ist das 
also wirklich so, oder ist nur meine Schmerztoleranz über 
die Jahre kontinuierlich gewachsen? Ein Rätsel, dessen Lö¬ 
sung ich mich in einer freien Minute mal ausführlich wid¬ 
men werde. Bis dahin genieße ich den immer wieder er¬ 
freulichen brachialen Punkrock-Ansatz dieser Lärmmeis¬ 
ter/innen mit wachsendem Vergnügen, und bei 18 Songs 
in gerade mal 35 Minuten fühlt man sich wie an einem 
surrealen akustischen Sushi-Karussell - huch, ist das alles 
schön bunt hier! Und worin genau Bambis Dilemma be¬ 
steht, ist mir dann auch irgendwann egal. Großes Kino, im¬ 
mer wieder! (9) Joachim Hiller 

MOANERS 

Blackwing Yalobusha CD 

YepRoc/Cargo | „Daunenwahl“, tönt es aus den Lautspre¬ 
chern. Hoffnungsvoll recken die Herren die Hälse nach 
oben, es wird tief eingeatmet, der Bauch eingezogen und 
ein gewinnendes Lächeln aufgesetzt. Ich sitze zusammen- 
gesunken, in einer etwas zu düsteren Ecke, tun wirklich be - 
merkt zu werden, mein Atem riecht nach Whisky und ich 
bemerke einen dezenten Schweißgeruch, der unglückli¬ 
cherweise von mir selbst ausgeht. Aus den stinkenden Ta¬ 
bakschwaden, die den Raum füllen, kommen zwei Göt¬ 
tinnen auf mich zu. Die eine hat einen Gitarrengurt um 
den Hals, während die andere Schlagzeugstöcke zwischen 
den Fingern kreisen lässt. „Hey man“, sagt die eine, „Piss 
off, we must pass throu to get on stage“. Wenige Augenbli¬ 
cke später donnert gewaltiger Mississippi Blues Trash bis in 
die hinterste Ecke der Garage und ich bestelle mir noch ei¬ 
nen Whisky. (40:22) (7) ClausWittwer 


gehört. Ausnahmestatus haben offenbar THE SCHOOL, die 
zwei Songs beisteuern durften. Und zufällig ist es auch die - 
se Band, die mit ihrem zackigen Punkrock zu Beginn und 
am Schluss des Samplers für die Höhepunkte sorgt. Des¬ 
halb fällt es mir schwer, eine Empfehlung auszusprechen. 
Es sollte jeder mal reinhören, der seinen Musikgeschmack 
für erlesen und grenzenlos hält. Die Mutter von allem heißt 
immerhin Rock, ansonsten gibt es keinerlei Beschränkun¬ 
gen. (41:29) Christian Meiners 

V.A. Let The Bombs Fall CD 

True Rebel j Auf ihrem ersten Labelsampler stellen True 
Rebel Records aus Hamburg vier ihrer bombigsten Oi!/ 
Streetpunk-Bands vor. Und für all jene, denen „Doitsch“- 
Oi! immer noch grundsätzlich suspekt ist: „Wir has¬ 
sen alle Neonazis“ lautet gleich die erste Textzeile des ers¬ 
ten Songs, „Das Germania-Haus brennt“. Aber mehr noch 
können die EIGHT BALLS aus HH mich mit ihrem Hass- 

lied (auf die) „Musikindustrie“ erwärmen.stellt sie alle 

an die Wand“ singen sie da - zu einer gar schönen Melodei. 
Ebenfalls aus Hamburg kommen SMALL TOWN RIOT, der 
Name stammt aber vermutlich noch aus ihrer Zeit in Bux¬ 
tehude, und sie machen Streetpunk, Punkt. Auf ein hoche¬ 
motionales Bekenntnis zur „Working dass“ folgt der Track 
„Fuck those who go untried“, der auch auf der Ox-CD zu 
hören ist. Und mm zum Phänomen JESUS SKINS, die, weiß 
der Teufel, als einzige Christenband beim Ox nicht vom 
Bann getroffen wird - dabei sind sie mindestens so gläubig 
wieTURBONEGRO schwul... Aber ihr Kreuzzug ins Glück 
scheint auch schon Prüfung genug: „Gehasst und boykot¬ 
tiert“ heißt einer ihrer neuen Grölchoräle, Oi! weh. Doch 
die Hymne vom Hooligan-Heaven, wo es in „Gottes Sta¬ 
dion“ für alle auf die Fresse gibt, lässt wieder hoffen. Gro¬ 
ße Hoffnungen, zum Beispiel auf ihr erstes Album, machen 
sich mit Sicherheit auch THE DETECTORS, drei junge Bur¬ 
schen aus Neumünster. Ein Label für ihren ziemlich sor¬ 
tenreinen Streetpunk mit englischen Texten haben sie ja 
nun gefunden. (45:08) Ute Borchardt 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

V.A. Lambination 2 CD 

deadlambrecords.com | Auf 21 Tracks werden hier wei¬ 
testgehend oder tatsächlich vollkommen unbekannte 
Bands gefeaturet. Dead Lamb Records sind in Irland be¬ 
heimatet. Die Bands auf diesem Sampler kommen aus 
Schweden, England, Norwegen, Irland, USA, Ungarn, Ka¬ 
nada und Deutschland. Hier geht es „quer durch den Gar¬ 
ten“, soll heißen von Tracks, die an frühen 80er-Hardco- 
re erinnern, über Midtempo - England - Style - Punkrock bis 
hin zu schnellen, melodischen Punksongs, ist hier die ge¬ 
samte Breite des Underground vertreten. Eine gute Gele¬ 
genheit, mal wieder „Neuland“ zu betreten. Sicherlich He¬ 
gen manche Songs unter dem so genannten „Standard“, 
was zum Beispiel den Sound der Aufnahme betrifft, trotz¬ 
dem kommt der Sampler absolut schlüssig, kraftvoll und 
kompakt rüber - aber darum geht es auch gar nicht. Den 
vertretenen Bands wird eine Plattform geboten, auf der 
auch mal etwas trashigere Übungsraumaufnahmen ih¬ 
ren Platz finden. Und dennoch scheint jede einzelne Com¬ 
bo ihre eigene Website zu besitzen, alle Adressen sind im 
Booklet aufgeführt. Wer also Interesse hat, weitere Infos zu 
sammeln, wird hier bestens bedient. Einzelne Songs aufzu- 
führen, macht keinen Sinn, selbst besorgen und reinhören. 
(54:37) (7) Zahni Müller 

V.A. Lieder und Gesänge Vol. 1 2CD 

rockingape.de/CMS | Sie wollen kein Geld zählen, son¬ 
dern Schätze heben. Zumindest bei Letztgenanntem wird 
Rockingape Records mit dem ersten Teil der Samplerrei- 


MURDER BYGUITAR 
On Parade LP 

sotmdsofsubterrania.com | Die LOCOMOTIONS sind ja 
seit Ende 2005 Geschichte, aber aus ihrer Asche erhob sich 
nicht allzu bald danach eine neue geschmeidige Garage- 
Formation, MURDER BY GUITAR. Und sie sind etwas wei¬ 
ter entfernt von den konventionellen Songstrukturen der 
Vorgängerband, mehr an zivilisationskranke nervöse New 
Yorker oder Bostoner Bands der Vergangenheit wie VELVET 
UNDERGROUND, MODERN LOVERS oder Richard Helles 
VOIDOOIDS angelehnt. Und nach ihrer ersten 7“ „Rock 
Bottom“ auf Alien Snatch waren schon bald genug span¬ 
nende neue Songs geschrieben, um die erste LP damit ein¬ 
zuspielen. Den Zuschlag bekam das Erfolgslabel Sounds Of 
Subterrania, und die Pressen konnten angeworfen werden. 
Nun ist die LP fertig, und sie klingt (für eine Band ohne 
Bassgitarrenbegleitung) ziemlich passabel. Unkonventi- 
oneUe Schrabbelpunk-Songs, manchmal gen Soul schie¬ 
lend, manchmal schön moody, manchmal einfach kaputt, 
das Spektrum der Emotionen und Stilrichtungen ist breit. 
Aber dennoch vereint die Gruppe bei aller Vielfalt alles un¬ 
ter einer eigenständigen Herangehensweise, zeigt ihren 
völlig eigenen Stil. Schöne Songs, prima Album! (8) 

Gereon Helmer 

MONSTER SQUAD 
FireTheFaith CD 

punkcore.com | Zuallererst fällt mir das schicke Coverart- 
work auf, das es im Booklet noch mal als Miniposter gibt. 
Ansonsten rasen die fünf Nordamerikaner in einem musi¬ 
kalischen Panzer an einem vorbei. Catchy Melodien, trei¬ 
bende Drums und aggressiver Gesang, noch und nöcher. 
1A Streetpunk, nicht eintönig wie so viele andere Vertre¬ 
ter dieses Genres. Die auf Punkcore gesignten MONSTER 
SQUAD waren gerade auf Europatour und haben bleiben¬ 
den Eindruck hinterlassen. (31:15) (8) Dennis Bruns 

ME AND MY ASSHOLE 
Rock As Fuck CD 

vinyl-junkies-rec.de/matularecords.de | Die Arschlöcher, 
ausgekackt aus den Vorgängerbands FIFTY MILLION FIN¬ 
GERS und BLUTSÄGE DES TODES, sind viel damit beschäf¬ 
tigt, zu betonen, dass ihnen alles scheißegal ist. Nun gut, 
in Zeiten, in denen Konzerte oft zur Modenschau avan¬ 
cieren und p.c.-Faschisten die eigene Szene kaputt reden, 
sollen sie das von mir aus nochmal aussprechen. Die Mu¬ 
sik für sich sprechen zu lassen, reicht allerdings auch. Ein 
konkreter Stil lässt sich hier nicht festmachen. Jeder darf 
mal singen, mal auf Deutsch, größtenteils auf Englisch, mal 
kommt ihr offensichtliches Faible für MOTÖRHEAD zum 
Vorschein, mal bedient man sich der Elemente alter Hard- 
core-Größen wie MINUTEMEN oder HÜSKER DÜ ... Ein 
Kessel Buntes also, mit viel Spaß und wenig Klischees vor¬ 
getragen, eine Rock’n’Roll-Platte mit vielen Höhen und 
auch Tiefen. (35:58) Mario lüriaux 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

MY DEFENSE 

God Damn Those Hardcore Junkies CD 

strivingfortogetherness.com | Ja nun, was erwartet man 
von einer Platte, auf deren Cover im Hintergrund fast alle 
Standardwerke einer Hardcore-Vinylsammlung aus den 
80ern hängen, von UNIFORM CHOICE und MDC über 
SICK OF IT ALL und TOKEN ENTRY bis D.I. und BLACK 
FLAG!? Na, wer hätte das gedacht, hier spielen die GORIL¬ 
LA BISCUITS des neuen Jahrhunderts auf. Leider 25 Jah¬ 
re zu spät, um noch wirklich zu fesseln, und sicherlich 
auch mit weniger Hitpotenzial als die New Yorker Vör- 


he „Lieder und Gesänge“ Erfolg haben. Die Doppel-CD in 
schickem Digipak vereint 46 Bands aus allen Spielarten des 
Rock, von Punk bis Heavy ist alles dabei. Vor den Karren 
mit den vielen unbekannten Gruppen werden klangvolle 
Namen wie ZSK und TURBO AC’S als Zugpferde gespannt. 
Ein Konzept, das hoffentlich aufgeht. Denn selten hat man 
sich so liebevoll um den musikalischen Untergrund ge¬ 
kümmert wie auf dieser Compilation. „Lieder und Gesän¬ 
ge“ ist aber nicht ausschließlich als Sprungbrett zu verste¬ 
hen, das angesichts des kleinen Labels ohnehin nicht be¬ 
sonders hoch sein kann; vielmehr handelt es sich um eine 
Liebeserklärung an eine Musikszene, die mit Hingabe täg¬ 
lich die allerkleinsten Lokalitäten Europas zum Kochen 
bringt. Geld spielt dabei keine Rolle. So viel Leidenschaft 
ist unbezahlbar, deshalb hält die Homepage den gesamten 
Sampler auch zum kostenlosen Download bereit. Support 
your local Underground! (8) ArneKoepke 

V.A. Move Against G8 CD/DVD 

Skycap/Rough Trade | Henning Obsen legt sich fest. Die 
Gruppe der Acht (G8), die sieben führenden Industrielän¬ 
der und Russland, ist „Teil des Problems“ und nicht die Lö¬ 
sung für die wichtigsten Fragen der Welt. Obsen ist Pres¬ 
sesprecher des Bündnisses „Move Against G8“ aus globa¬ 
lisierungskritischen Organisationen, anderen Zusammen¬ 
schlüssen (unter anderem Attac, Antifas) und Künstlern. 
Im Vorfeld des G8-Treffens in HeiMgendamm hat „Move 
Against G8“ schon reichlich Presse bekommen. Weil sich 
„Move Against G8“ als das lockere Bündnis, das es ist, sich 
nicht im Namen aller seiner Aktivisten ausdrücklich von 
Gewalt distanzieren wollte, gab es böse Schlagzeilen. Öf¬ 
fentliche Aufmerksamkeit - ob aus Sympathie oder Angst 
vor „Mnkem Terror“ - ist also vorhanden. Fehlt nur noch 
Geld für Kulturveranstaltungen während der Tagung. Ein 
Teil davon soll mit diesem hochkarätig besetzten Soli- 
Sampler eingespielt werden. Gegen den selbst ernannten 
Club der Reichen engagieren sich unter anderem DIE TO¬ 
TEN HOSEN, KETTCAR, WIR SIND HELDEN, TOMTE und 
Jan Delay. Das ist doch die Gelegenheit, sich bei guter Musik 
mal wieder für Politik zu interessieren. (10) Arne Koepke 

V.A. Our Impact Will Be Feit - 
A Tribute To SICK OF IT ALL CD 

Century | Schon 20 Jahre sind SOIA eine Institution in Sa¬ 
chen Hardcore und haben unzählige Bands inspiriert und 
Fans auf der ganzen Welt glücklich gemacht. Nach ihrem 
Labelwechsel zu Centu¬ 
ry Media und ihrem Ju¬ 
biläumsalbum „Death 
To Tyrants“ ist es nun an 
der Zeit, unser aller Hel¬ 
den angemessen zu ehren 
und so erscheint als et¬ 
was verspätete Geburts¬ 
tagsgeschenk an die New 
Yorker eines der besten 
Tribute-Alben, das die 
Hardcore-Welt je gehört 
hat. 20 Bands aus der 
Hardcore- und Metal - 
Szene, unter anderem HATEBREED, MADBALL, UNEARTH, 
SEPULTURA, NAPALM DEATH, IGNITE, BANE und FIRST 
BLOOD, haben sich jeweils einen der Klassiker der Band 
vorgenommen und alle schaffen es, den Spirit der Songs, zu 
denen wir alle schon mal durch den Pit gelaufen sind, auf¬ 
recht zu erhalten und bringen doch ihre eigene Note ein. 
Absolute Highlights sind „Built to last“ von RISE AGAINST, 
das eindrucksvoll zeigt, wie hymnisch die New Yorker sein 
können, und das wuchtige „Scratch the surface“ von SE- 


bilder. Aber so sympathisch, wie die fünf Kölner die Sa¬ 
che angehen, wird sie das nicht weiter stören. Standard¬ 
texte, permanente Back-up-Vocals zu immer gleich klin¬ 
genden Songs und jede Menge ehrliche Energie. Dass sie auf 
dem Hardcore der 80er hängen geblieben sind, kaufe ich 
denen wirkhch ab. Das wird, wie gesagt, nicht reichen, um 
irgendwie aufzufallen, aber sicherlich für ein paar spaßige 
Konzerte im lokalen Hardcore-Club sorgen. (30:49) (6) 

Mario Tliriaux 

METEORS 

Hymns For The Hellbound CD 

peopleHkeyou.de | Er ist schon ein Phänomen, der P Paul 
Fenech. Seit fast 30 Jahren macht er nun Musik, hauptsäch¬ 
lich als Kopf und Frontman der METEORS. Aber stets auch 
solo, mit dem Materi¬ 
al, das er nicht als ME- 
TEORS-Songs einord¬ 
net. METEORS-Lieder 
tragen die Kennzeich¬ 
nung „purer Psychobil- 
ly“. Dies ist die Abgren¬ 
zung zum anderen Mate¬ 
rial. Auch Filmmusik un¬ 
ter Pseudonym gehören 
zu seiner Spielwiese. Mit 
fortschreitendem Alter 
werden die erkennba¬ 
ren Pausen immer kür¬ 
zer. Erst ein halbes Jahr ist die Veröffentlichung des letzten 
Soloalbums „The F Word“ her und schon beglückt er die 
zahlreichen Fans mit der nächsten METEORS-CD. Irgend¬ 
wann muss der sich doch im Kreis drehen und musikalisch 
stagnieren. Weit gefehlt. Mit „Hymns For The Hellbound“ 
wird wieder deutlich, wie gut Psychobilly sein kann: In¬ 
teressant, abwechselungsreich, ohne die Notwendigkeit zu 
viel Härte. Geradezu filigran sind die Songs auf das Wesent¬ 
liche konzentriert. Kein Ausfall, nur beste Unterhaltung. 
Das exzelleente Gitarrenspiel, mit hervorragenden Soli und 
immer mit Bezug zu den Wurzeln der Billy-Musik, dazu 
ein treibender Slapbass mit viel Druck und schnörkeUo- 
se Drums sind Teil des Erfolgsrezeptes. Bei Songs wie „We 
wanna wreck here“ oder „Queen of the wild wild west“ 
könnte ich ins Schwärmen geraten. Beide sind umgehend 
in meine METEORS-Best-Of-Liste aufgenommen worden. 
Unfassbar, dass immer noch gilt, die nächste Platte ist die 
beste. Dieses Mal mehr denn je. (38:17) (9) Robert Noy 

MAN MUST DIE 

The Human Condition CD 

relapse.com | Konnten unsere Inselnachbarn beim Euro¬ 
pean Song Contest noch knapp einer Blamage entgehen, 
schicken sich die vier Schotten mit ihrem Relapse-Debüt 
an, aller Welt zu zeigen, wo der Metalhammer hängt. Sou¬ 
verän vorgetragener thrashiger Death Metal der auch die 
Melodie nicht vermissen lässt wird hier aus voller Inbrunst 
serviert. Kann zwar nicht unbedingt den Standard der La¬ 
belkollegen halten, bietet jedoch recht kurzweilige Unter¬ 
haltung. Nicht mehr und nicht weniger! Uwe Kubassa 

MONDO GUZZI 
Little Beast CD 

rookierecords.de/Cargo | Die vier Mitglieder von MON¬ 
DO GUZZI aus Mannheim sind schon seit den Achtzigern 
in der Hardcore-Szene aktiv, die Musik auf „Little Beast“ 
klin gt aber deswegen keinesfalls altbacken. Die Einflüsse 
der Band erstrecken sich über „Klassiker“ wie BLACK FLAG 
und MOTÖRHEAD bis zu den FOO FIGHTERS und GLUE- 


PULTURA, um nur mal eben die Hits zu nennen. Ein abso¬ 
lutes Highlight in diesem Jahr, auf dem sich die einzelnen 
Bands fast selbst übertroffen haben. (45:08) (10) 

Tobias Ernst 

V.A. Pop Punk Loves You 3 CD 

Wynona | Das Fazit vorweg: Nicht überaU wo Pop-Punk 
draufsteht, ist auch Pop-Punk drin! Denn Pop-Punk steht 
in meinem musikalischen Kosmos für energiegelade¬ 
ne, simple Drei-Akkord-Musik amerikanischer Prägung 
(Stichwort: RAMONES) mit augenzwinkernden Teena- 
ge-Retard-Texten. AUerdings habe ich den Begriff „Neo- 
Pop-Punk“ in letzter Zeit schon öfter in Zusammenhang 
mit Bands wie FALL OUT BOY oder MY CHEMICAL RO- 
MANCE gelesen. Laut meiner bescheidenen Auffassung 
wäre dieser „Neo-Pop-Punk“ aber wohl eher mit Begriffen 
wie „Mainstream -Emopop“ oder ähnlichem umschrieben. 
Technisch perfekte, vollkommen sterile Jammer musik, zu- 
geschnitten auf trendige und konsumfreudige Mittelklas¬ 
sekids. Um endlich den Bogen zum mir hier vorliegenden 
Sampler zu schlagen: es sind darauf gerade mal zwei klassi¬ 
sche Pop-Punk-Bands (LILLINGTONS und QUEERS) ver¬ 
treten, während der Rest irgendwo zwischen oben genann¬ 
tem Emopop und Melodycore pendelt. In ihrem Genre 
schlagen sich dabei alle 24 Bands beachtlich, aber Fakt ist: 
circa 80 Prozent der Gruppen spielen keinen Pop-Punk! 
Wenn STRENGTH APPROACH mit schmissigem Uptem- 
po-Hardcore antreten und THE ORDINARY ME Screamo- 
Parts einbauen, frage ich mich ernsthaft, was die Leute von 
Wynona Records sich bei der ZusammensteUung dieser 
Compilation gedacht haben... (74:5 5) Bernd Fischer 

V.A. Psycho Killer CD 

Anagram | Nahe Hegend! Ein Sampler mit Songs über Psy- 
cho-Killer, mit Psychobilly-Bands.Thematisch ist das Gen¬ 
re dem Horror in allen Formen sehr nahe und so bleibt es 
nicht aus, dass viele Songs über Massenmörder entstanden 
sind. Seien sie nun leider aus der realen Welt oder der Fik¬ 
tion in Comics und Filmen entsprungen. Von Ed Gein bis 
Jack the Ripper und von Norman Bates bis Michael Myers 
sind die bekanntesten Figuren dieser traurigen Geschich¬ 
ten vertreten. Die Bands sind übliche Bekannte der Sze¬ 
ne, plus ein paar neue. Vertreten sind natürlich unter an¬ 
derem THE METEORS und DEMENTED ARE GO!. Einziger 
Ausfall ist NECK-VALVE, die musikalisch mit ihrem starken 
Metal-Einfluss aus dem Rahmen fallen. Bei der Auswahl 
hatte Alan Wilson die Finger drin. SHARKS und FRAN- 
TIC FLINTSTONES sind dadurch vielleicht etwas überre¬ 
präsentiert vertreten. Die Songs entstammen ohnehin nur 
aus dem Fundus von Anagram, und eine Auswahl der bes¬ 
ten Psycho-Killer-Songs aUer PsychobiUy-Bands wäre si¬ 
cher noch interessanter. (72:53) (6) Robert Noy 

V.A. Rocking At The Take 2 - Vol. 1 & 2 CD 

Anagram | Neben dem Klub Foot, waren diese beiden 
Live-Sampler die zweite Serie, mit Aufnahmen aus einem 
bestimmten, legendären Club aus der Zeit. Das Take 2 im 
Norden Englands war Schauplatz vieler Psychobilly-Kon- 
zerte, und ein großer Teil ist für Live-Aufnahmen verwen¬ 
det worden. Von fast allen Bands dieses Samplers gibt es 
auch eigene Aufnahmen aus diesem Club. Die Auswahl der 
Bands ist durch die Tätigkeit von Chuck Harvey, Frontman 
der FRANTIC FLINTSTONES .geprägt. Dieser war als Scout 
tätig und hat einige Bands ans Tageslicht geholt. Das war 
meisten zwar nicht von Dauer, aber was soU’s. Wer kann 
schon von sich behaupten, überhaupt je eine gute Platte 
gemacht zu haben. Schade war es trotzdem, dass die Bands 
nicht versucht haben, weiter zu machen und ihren Sound 
zu verbessern. Besonders die SUGAR PUFF DEMONS oder 


CIFER. In dieser Schnittmenge Hegen auch die zwölf Kom¬ 
positionen. Herausstechend sind das schleppende „Re- 
ceive“ mit seinen QOTSA-artigen Harmonien und „Hate 
you“, das an KYUSS erinnert. Bei diesem kommen vor al¬ 
lem die doppeUäufigen Blues-Licks gut. Auch das wüten¬ 
de „What are friends for“ fünzt direkt. Die anderen Stü¬ 
cke sind leider ein wenig zähflüssig und brauchen Zeit, tun 
zu wirken, was auch ein wenig an dem harmlosen Sound 
Hegt. Aber affe, die auf relaxten Stoner-Rock stehen und 
auf humorvoUe Texte über Sexberatung und den amerika¬ 
nischen Präsidenten gewartet haben, sollten hier durchaus 
mal reinhören. (44:16) (6) Arndt Aldenhoven 

MAD CADDIES 
KeepItGoing CD 

fatwreck.de | Wer hätte gedacht, dass die MAD CADDIES 
noch mal ein Album raushauen, das mir gefällt. Ehrlich ge¬ 
sagt, ging mir die Band, mit allem was nach „Duck And Co¬ 
ver“ kam, immer gehörig auf den Sack. Zu ausgelutscht 
und oberflächlich - berechenbare Partymusik die höchs¬ 
tens noch auf den biergetränkten Shows funktionierte. 
„Keep It Going“ hingegen überzeugt mit einer musikali¬ 
schen Tiefe, die man den fünf Musikern gar nicht mehr zu- 
getraut hätte. Was vieUeicht auch an der Zusammenarbeit 
mit Produzent Wayne Jobson (unter anderem NO DOU- 
BT undTOOTS &THE MAYTALS) Hegen könnte. In jedem 
Fall entfernen sich Stücke wie „State of mind“ oder „Ba¬ 
ckyard“ auf eine angenehme Art und Weise vom gewohn¬ 
ten Mischmasch aus Punkrock und Bläsersätzen. Die Songs 
kommen in einem zurückgelehnten Tempo daher, das die¬ 
ser Musik wesentlich besser steht als die genretypische 
Hetzjagd von Note zu Note. Halt mehr Reggae als Ska, man 
kann ja auch mal langsam tanzen. Natürlich sind es immer 
noch die MAD CADDIES, allein aufgrund der immer wie¬ 
der auftauchenden Dixieland-Elemente, werden sich die 
Fans auch auf dem fünften Album der Kalifornier bestens 
zurecht finden. (49:15) (7) Lars Koch 

MR. SYMARIP 

The Skinheads Dem A Come CD 

Hquidatormusic.com | Bereits in Ox #68 beschrieben, 
geht es hier um Roy Ellis aka Mr. Symarip, der 1969 mit der 
Skinhead-Reggae-Band SYMARIP die beiden Traditions¬ 
alben „The Pyramids“ sowie „Skinhead Moonstomp“ ge¬ 
schrieben hat: „The Skinheads Dem A Come“ ist neueres 
Material mit Gospel-Einfluss. Er bleibt seinen Wurzeln und 
seiner authentischen Linie treu. Für mich ist es nach wie 
vor zu traditionell, volkstümhch und irgendwie schlager¬ 
artig. Legende mit guter Backing-Band hin oder her, mal 
abgesehen von wenigen Ausnahmen, kann mich dieses Al¬ 
bum nur bedingt begeistern. (51:5 7) (6) Simon Brunner 

MIT 

Was war es MCD 

Haute Areal | „Hype!“ Ein Wort, bei dem sich mir die Na¬ 
ckenhaare aufstellen. Wie viele Bands, die „das neue Ding 
mit großer Zukunft“ werden sollten, hat man schon kom¬ 
men und gehen sehen, und wie oft kam man sich verarscht 
vor, weil das Wort unberechtigt war. Wie viele Leute schaf¬ 
fen es immer, wieder dem Wort zu folgen und outen sich 
als bornierte Konsumenten, die alles schlucken, was ihnen 
vorher passiert wird. MIT sind eine Band, bei der das Wort 
sehr gut passt. Sie wollen definitiv, trotz oder gerade we¬ 
gen des jungen Alters der Mitglieder, hoch hinaus und ha¬ 
ben, was das Rockstarleben angeht, sicher schon Blut ge¬ 
leckt (Man träumt bereits vom Major-Deal). Man wurde 
vom Berliner Label Haute Areal mit zwei großartigen Sin¬ 
gles, nämlich „Deine Eltern“ und „Good Book“, angefixt, 


THE RADICAS fallen auf so einem Sampler einfach positiv 
auf. Neben diesen Bands und unter anderem STAGE FRI- 
TE, TAILGATORS und BATFINKS wurden auch ein paar 
Zugpferde aufgenommen. Diese waren wahrscheinlich die 
Headliner: DEMENTED ARE GO!, COFFIN NAILS, DELTAS 
oder FRANTIC FLINTSTONES. (73:05) (7) Robert Noy 

V.A. Trojan Rockers Box Set 3CD 

trojanrecords.com | Wenn ich es nicht extra nachgele¬ 
sen hätte, dann wüsste ich auch nicht, dass „Rockers“ ei¬ 
nen bestimmten Schlagzeugstil im Reggae bezeichnet. John 
Holt mit „Up park camp“ undTapper Zukie mit „Rockers“, 
galten nicht nur als Pioniere dieses neuen Schlagzeugstils, 
sondern gaben ihm auch den Namen Normalerweise be¬ 
tont das Schlagzeug den dritten Takt mit der Bassdrum, die 
anderen Takte werden durch einen Rieselschlag auf dem 
Hi-Hat betont. Beim Rockers-Stil werden hingegen alle 
vier Takte mit der Bassdrum betont und der dritte Takt zu¬ 
sätzlich noch mit der Snaredrum. Dieser Stil entstand Mit¬ 
te der 70er Jahre und wurde beeinflusst durch die aufkom¬ 
mende Discomusik Beim Hören fallt mir dies jedoch nicht 
auf. Einige der SOTitel aus den Jahren 1975 bis 1979 klin¬ 
gen zwar irgendwie etwas poppiger, aber meistens bew'egt 
sich doch alles zwischen Roots, Rocksteady und Dub. Ne¬ 
ben Errol Dunkley, Juinor Murvin, Sugar Minott oder Ju¬ 
nior Delgado sind auch INNER CIRCLE mit dabei. Ja ge¬ 
nau, das sind die, die uns viele Jahre später mit dem blöden 
„Sweat (a-la-la-la-la-long)“ nervten, aber das ist eine an¬ 
dere Geschichte. (72:00/66:19/67:30) (6) Kay Wedel 

V.A. Upsetters Selection - 
A Lee Perry Jukebox 2CD 

trojanrecords.com | Ob als Sänger oder Produzent, die 
musikalische Biografie von Lee Perry umfasst mehr als 45 
Jahre und wird hier natürHch nur Ausschnittsweise doku¬ 
mentiert. Durch Lee „Scratch“ Perry wurde das Studio zu 
einem Instrument. Von ganz frühen Ska-Aufnahmen mit 
Lee Perry am Mikrofon, wie zum Beispiel „Give me ju- 
stice“ aus dem Jahr 1966 geht es über Klassiker wie „Re¬ 
turn of Django“ von dem UPSETTERS bis hin zu neueren 
Perry-Stücken wie „Jamaican E.T.“ aus dem Jahr 2003. Die 
insgesamt 45 Titel umfassende Compilation liest sich wie 
ein „Who is Who“ der Reggaemusik, Lee Perry hat mit al¬ 
len zusammengearbeitet: Bob Marley, U Roy, Dave Barker, 
Dillinger, Susan Cadogan, Max Romeo oder Junior Delga¬ 
do. Wie bei Trojan üblich gibt es dazu ein sehr ausführli¬ 
ches Booklet mit Linernotes zu den einzelnen Aufnahmen. 
(78:06/78:09) (8) Kay Wedel 






OX-FÄNZINE 79 





REVIEWS 


www^.demdal-(mfi/ne. de 

*BEN SHERMAN * FRED PERRY * 

* DI< KI ES * LONSDALE LONDON * 

(Mim^.dmidal~(eriäiw. de 

(pjffarndtr/ Gft#eefwm-r- 0««m ofaAfc /9, O9o W ■ l/itf’f/wy 

* CONVERSE * VANS * DR.MARTENS * 

* NEW BALANCE * BOOTS <fc BRACES 

iem/p. do/ndal-eidine. de 


rnn dann, statt ein Album folgen zu lassen, wieder eine Sin¬ 
gle zu veröffentlichen. Bei all dem faden Beigeschmack des 
„Wortes“ ist es aber Fakt, dass MIT einfach großartige Mu¬ 
sik machen. Bass und Gesang, Synthesizer und ein Schlag¬ 
zeug. Mehr wird hier nicht gebraucht um einen komplet¬ 
ten Hit zu landen. „Was es ist“ interessiert in Zukunft keine 
Sau mehr, denn die Frage „Was war es“ wird viel interes¬ 
santer. Neben drei Songs gibt es noch drei sehr gute Remixe 
des Titeltracks unter anderem vonThies Mynther (SUPER ¬ 
PUNK, STELLA) und ASCII.DISCO. Man muss tanzen, man 
muss schreien und trotzdem hat man die Frage im Hinter¬ 
kopf, wer jetzt Benjamin Ruth einen geblasen hat, damit 
die Band auf so ziemlich jeder Vice-Party auftritt. Absolu¬ 
ter Hit. Szeneapplaus... Jetzt! Timbo Jones 

MULES 

Save Your Face CD 

Organ Grinder/Kartel/RoughTrade | The Mules sind ein 
5 -köpfiges Kollektiv aus Oxford, die mit ihrem Album im 
Vereinigten Königreich bereits für mächtigen Wirbel sorg¬ 
ten. Die einschlägige Presse überschlägt sich, Radioaufle¬ 
ger wie John Kennedy feiern schon. Auf ihrem Debüt fusi¬ 
onieren die Jungs Elemente aus Post-Punk, Funk, Ska, Dis¬ 
co, Blues, Jazz, Zirkusmusik, Country und Rock miteinan¬ 
der. Ein Kessel Buntes also: Verrücktheiten ä la WEEN, Pop 
im Stile vonTHEY MIGHT BE GIANTS. Wilde Ausbrüche 
wechseln mit ruhigen Passagen. Auch die zusätzliche In¬ 
strumentierung mit Klavier, Geigen, Klarinetten lässt kei¬ 
ne Wünsche offen, funky Gitarren, teils leicht affektier¬ 
ter Gesang, ein arty-farty Post-Punk-Misch-Masch to the 
max! Rock-Traditionalisten dürften hier verzweifeln, ich 
brauchte auch etwas länger, um den Zugang zu finden, ist 
mir aber insgesamt zu konstruiert. (3 7:46) (6) 

Jürgen Schattner 

MUCKY FEET 

All About The Lösers CD 

mucky-feet.de | Die ersten zwei Lieder sind recht viel ver¬ 
sprechend - zwar Pop-Punk, aber schöner Pop-Punk. Da¬ 
nach wird es leider etwas flauer. Es gibt Ausflüge in ver¬ 
schiedene angrenzende Stilrichtungen, die ganze Ge¬ 
schichte bleibt aber leider etwas seicht, weil sowohl die 
Musik als auch die Texte einfach zu lieb und zu brav sind. 
Auch ist die Stimme des Sängers für meinen Geschmack 
zu glatt und zu hoch. Musikalisch ist die Band gut, aber für 
eine Punkband klingt sie zu sehr nach einer Musikschul- 
band. Im Prinzip ist das aber alles ganz annehmbar - bis 
auf den Ska. Zuletzt mein Hauptkritikpunkt: Ich möchte 
nicht bestreiten, dass auch ich manchmal bei McDonalds 
esse, aber denen im Booklet zu danken geht doch ein Biss¬ 
chen zu weit. (30:22) (S) Tobias Weber 

MELTDOWN 
Demolition & Demo CD 

Dead Serious | Die US-HC-Band MELTDOWN kommt 
von der Ostküste und hat bereits letztes Jahr mit einem 
überdurchschnittlichen Demo auf sich aufmerksam ma¬ 
chen können, auf dem sie vier Oldschool HC-Songs ge¬ 


konnt präsentierten. Auch damals waren ihre Songs mit ei¬ 
nem guten Schuss Metal angereichert, was aber wegen des 
rauhen Straßensounds nicht weiter auffiel beziehungswei¬ 
se störte. Durch die klare Produktion ändert sich das auf 
„Demolition“, ihrem Europadebüt, gewaltig. Aber egal, ob 
Produktion, Cover, Bandschriftzug,Texte oder Musik. Die¬ 
se CD könnte genauso gut im Metal/Thrash-Regal stehen, 
obwohl, man mag es kaum glauben, hier Leute der HC/ 
SE-Größen VERSE und LEARN ihre Finger im Spiel haben. 
Die scheinen auf „Demolition“ neben ihrer großen Vorlie¬ 
be für die 80er Thrash-Band EXODUS vor allem den Me¬ 
tal-Heroen schlechthin huldigen zu wollen: SLAYER. An¬ 
ders lässt sich das mehr als offensichtliche Zitieren kom¬ 
pletter Songstrukturen besagter Bands nicht erklären. „In 
search of ‘ zum Beispiel heißt bei Araya und Co. eben „Hell 
awaits“, jedoch zaubert das dazugehörige Zitteraalgitar¬ 
rensolo ursprünglich Kerry King aus seiner BC Rieh. Und 
das wesentlich gekonnter. Und obwohl „Demolition“ mit¬ 
unter brauchbare Strukturen aufweist, reißt mich bei die¬ 
sem Release eigentlich nur eins vom Hocker: Die Demo¬ 
songs, die nach einem unverständlichen zehnminütigen (!) 
Leerlauf noch relativ lieblos an die ersten fünf angehängt 
wurden. Bodo Unbroken 

MATULA 
Kuddel LP 

zeitstrafe.de | MATULA begeistern mit ihrer ersten lan¬ 
gen Platte und zeigen, dass trotz oder gerade wegen ausge¬ 
dehnter Tourneen durch deutschsprachige Lande und plat¬ 
ten Reifen am Bandbus 
die Kreativität nicht lei¬ 
den musste und es wie¬ 
der neue Geschich¬ 
ten aus dem jugendli¬ 
chen Alltag zu erzäh¬ 
len gibt. Der Hörer wird 
in die Person des (Anti- 
) Helden „Kuddel“ ver¬ 
setzt und erlebt mit ihm 
Klein- und Großstadtat¬ 
mosphären, Heim- und 
Fernweh, Resignation 
und Tatendrang, Einsam¬ 
keit und Freundschaft. Musikalisch schließt dieser aufWeiß 
gepresste Handschmeichler natürlich an die ersten vier 
Lebenszeichen der „Gute Sache aber ohne mich“-7“ von 
2004 an, doch besser produziert entsteht der Gesamtein¬ 
druck einer wohlbedachten Platte, die trotz alledem weder 
Rotz noch Gashebel vergisst. Sicher, von lyrischem Punk- 
rock aus dem Norden hat man schonmal gehört und man 
ist der festen Überzeugung, ihn zu kennen. Doch die Ent¬ 
wicklung hatte auch nach der Erfindung der Dampfma¬ 
schine noch etwas zu bieten. So hört man sich durch 10 
perfekte Alltagsbegleiter, sei es der heißeste April seit Jahr¬ 
zehnten oder wieder einmal ein verregneter Sonntag im 
Herbst. Wenn jedoch auch dieses Album in der Mitte eine 
kleine Talphase der Wiederholung durchschreitet, der Pfad 
nach oben ist nicht steinig und fuhrt geradewegs zum Ziel, 


das - wie könnte es bei kreativen jungen deutschen Men¬ 
schen auch anders sein - natürlich keineswegs ein Happy 
End beschreibt: „Ein Planet ohne Sinn dreht sich um die 
Sonne“. Das Karussell wird nicht stehen bleiben. Gratulati¬ 
on! (27:12) (8) Christoph Schulz 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

MUSTASCH 

Latest Version Of The Truth CD 

regainrecords.com | Eine EP, fünf Alben und einen ganzen 
Haufen Singles in sieben Jahren - die vier Schweden legen 
Tempo vor, so schnell, dass ich von den beiden Vorgängern 
dieses Albums gar nichts mitbekommen habe, somit also 
auch nur mit den Anfangstagen vergleichen kann. Und das 
bekommt der „Latest Version OfTheTruth“ nicht so unbe¬ 
dingt gut. Teilweise findet sich zwar noch der Sound von 
Bands wie ORANGE QOBLIN, MONSTER MAGNET oder 
auch der SPIRITUAL BEGGARS wieder, aber für meinen 
Geschmack bewegen sich MUSTASCH doch mittlerwei¬ 
le viel zu sehr weg von Doom und Stoner hin zu schmie¬ 
rigem, von triefendem Pathos durchsetztem Stadion-Me- 
tal. Und Hits gibt es gar nicht. Eine CD, die alles in allem 
zwar wenige gute, dafür aber einige schlechte und ansons¬ 
ten langweilige, mittelmäßige Songs enthält und somit un¬ 
ter dem Strich - wohlwollend betrachtet - allerhöchstem 
unteres Mittelmaß ist. (48:56) (3) Jan Eckhoff 

STEVEN MARK 
Racing Grey 

Basset | In dem Song „Paris Hilton Generation“ versucht 
sich Singer/ Songwriter Steven Mark an Gesellschaftskritik. 
„You live in your x-box / American dream / You log onto 
myspace / and you don’t know who you re going to be to- 
day“ heißt es da. Es ist etwas gewagt, MySpace zu kritisie¬ 
ren, wenn man in seiner Bio eine Webadresse von genau 
dieser Community verlinkt. Allerdings muss man ihm zu¬ 
gute halten, dass er den Burt-Bacharach-Klassiker „Always 
something there to remind me“ zu einem Song mit seinem 
ganz eigenen Sound ummodelt - wüsste man nicht, um 
welchen Song es sich handelt, könnte Mark den Song auch 
genauso gut selbst geschrieben haben.Trotzdem: trotz aller 
Versuche eigenständige Ideen zu verarbeiten, geht „Racing 
Grey“ spurlos an einem vorbei. (4) Julia Gudzent 

MAYHEM 
Ordo Ad Chao CD 

seasons-of-mist.com | Haben MAYHEM es so bitter nötig, 
dem Black Metal-Underground zu beweisen, dass sie keine 
Sell-out-Band sind? Was auch immer die Norweger dazu 
getrieben haben mag, ihrem neuen Album „Ordo Ad Chao“ 
so einen unterirdischen Keller-Sound zu verpassen, eine 
kluge Entscheidung war das nicht. Sicher, den völlig über¬ 
produzierten, klinischen Sound von „Grand Declaration Of 
War“ will man kein zweites Mal hören, aber auf dem letz¬ 
ten Werk „Chimera“ von 2004 haben MAYHEM doch ge¬ 
zeigt, dass man gleichzeitig Black Metal-typisch, aber auch 
kraftvoll klingen kann. Die rumpelige und undifferenzier¬ 
te Produktion sowie die mal wieder völlig übertrieben zur 
Schau gestellte „Evilness“ mögen einen unbedarften Hörer 
dazu verleiten, „Ordo Ad Chao“ zu belächeln und dann zu 
vergessen. Hat man sich aber erst an den Soundmatsch ge¬ 
wöhnt, wird abermals deutlich, dass MAYHEM ihren Sta¬ 
tus in der Black Metal-Szene zu Recht besitzen und hier 
nicht nur von einer mehr als fragwürdigen Vergangenheit 
gezehrt wird. Nicht nur durch das völlig geisteskranke Ge¬ 
krächze, Geheule, Geflüster und Geschrei vom neuen alten 
„Sänger“ Attila Csihar (der die Band 1994 nach „De Mys- 
teriis Dom Sathanas“ verließ und 2004 zurückkehrte) ent¬ 
wickelt „Ordo Ad Chao“ eine Atmosphäre, die strecken¬ 
weise wirklich bösartig und verstörend ist. Ausgewogener 
und packender kann man eine Mischung aus der genrety¬ 
pischen Raserei und langsameren, ernsthaft düsteren Mo¬ 
menten kaum umsetzen. Wenn doch nur dem Sound die¬ 
selbe Aufmerksamkeit gewidmet worden wäre... (8) 

Andre Bohnensack 

MOTORAMA DIRT TRACK SPECIALIST 

s/t CD 

Last Change | Auf meine Intuition ist Verlass. Alleine beim 
Anblick des Covers zum Debütalbum von MOTORAMA 
DIRT TRACK SPECIALIST wusste ich, dass ich es mit ei¬ 
nem guten, jedoch nicht überragenden Album zu tun ha¬ 
ben werde. Das Frontcover ziert ein gewisses, finster bli¬ 
ckendes Ungeheuer, dass eine Kreuzung aus Hund, Fleder¬ 
maus, Drachen und Luzifer persönlich vermuten lässt. Auf 
dem Backcover veranschaulichen zwei Motorcrossräder 
mit den Startnummern 666 und 13 den Namen der Band. 
Fotos lassen erkennen, dass sich die Bandmitglieder wäh¬ 
rend ihrer Shows auch ganz gerne mal hinter fiesen Wrest- 
ling-Masken verstecken. Naja, sowas kennt man alles und 
hat es schon tausendfach gesehen. Fernab von dieser visu¬ 
ellen Klischeeanhäufung überrascht die Musik von MO¬ 
TORAMA DIRT TRACK SPECIALIST dann aber dennoch. 


Der zu erwartende Rock’n’Roll ist hier natürlich nicht von 
der Hand zu weisen, doch wenn die Band zu ihren Einflüs¬ 
sen neben MOTORHEAD und AC/DC auch BAD BRAINS 
und BLACK FLAG angeben, dann glaube ich ihnen das ger¬ 
ne. Früh-Achtziger Punkrock gibt hier eindeutig den Ton 
an - das gefallt. Ecken und Kanten sind vorhanden, eben¬ 
so ausreichend Power und kurze Ruhestrecken, die vor 
Eintönigkeit bewahren und die Spannung aufrecht hal¬ 
ten. Wenn ich nun einen Vergleich mit STEAKKNIFE wa¬ 
gen würde, bekäme ich von manchem Zeitgenossen wohl 
zu Recht eine Ohrfeige verpasst. Diesen sind MDTS dann 
nämlich doch nicht gewachsen. Nichtsdestotrotz ein gutes 
Album, dass sich seine Daseinsberechtigung verdient hat. 

(7) Alex Gräbeldinger 

MUFF 

HornAttack CD 

Wolverine/Soulfood | Das Konzept ist einfach und 
scheint auch gut aufzugehen. Man nehme drei Jungs, die 
allesamt Recht fit an ihren Instrumenten sind, lasse diese 
gefälligen Punkrock mit 
viel Melodie und genü¬ 
gend Pop-Attitüde spie¬ 
len und stellt ihnen zwei 
attraktive Punk-Mä- 
dels am Mikro dazu. Da 
kann der Nachwuchs 
eine Menge reininter¬ 
pretieren. Ach, was sage 
ich, nicht nur der Nach¬ 
wuchs, auch alte Säcke 
fangen da sicher mal ger¬ 
ne an zu träumen und 
denken an früher, als sie 
selber noch so machen Aufriss zustande brachten. Wie dem 
auch sei, so funktionieren MUFF aus Hannover. Das Geld 
für die Studiokosten haben die fünf bei einem Wettbe¬ 
werb von Radio FFN gewonnen. Und was soll ich sagen? So 
klingt es auch ein wenig. Alles sehr glatt und gefällig. Fröh¬ 
liche Melodien treffen auf spätpubertäre Auflehnungstexte 
im Stile von „I am not a school girl, don t try to teach me“. 
Das versprüht ein wenig den Charme der seligen SWOONS, 
rauscht aber dann doch zu unbekümmert an mir vorbei. 
Da helfen gelegentliche Metal-Ausflüge auch nicht - im 
Gegenteil. Auch hier scheint mir die Massenkompatibi¬ 
lität zu sehr im Vörgrund. Das Debüt „Horn Attack“ geht 
in Ordnung, vielleicht wurde einfach ein bisschen zu sehr 
versucht, alles richtig zu machen. Beim nächsten Mal gerne 
ein wenig mehr Gift und Galle. (32:38) (6) Abel Gebhardt 
► Auf der Ox-CD zu hören. 

MAINTAIN 

With A Vengeance CD 

Swell Creek/Soulfood | MAINTAIN machen vieles richtig 
und doch auch einiges falsch. Angefangen von der, für mich 
zwar wenig relevanten, in diesem Fall aber recht nervigen 
Bandinfo, die immens darauf pocht, wie anders doch die 
Band aus Norddeutschland sei. Außerdem ist dieses Album 
nach eigener Aussage so konzipiert, unbedingt Erfolg damit 
zu haben beziehungsweise jetzt sofort den großen Durch¬ 
bruch zu schaffen. Das ist nicht verwerflich, aber im Metal - 
core ungefähr fünf Jahre zu spät. Obendrein werden sich 
MAINTAIN mit ihrer Aussage der „Andersartigkeit“ ge¬ 
fallen lassen müssen, dass man sie an ihrem Sound misst. 
MAINTAIN klingen gut, da besteht kein Zweifel, aber lei¬ 
der haben diesen Sound in den letzten Jahren schon so vie¬ 
le andere gemacht, dass es schwer werden dürfte, jetzt noch 
die große „Andersartigkeit“, die propagiert wird, auch um¬ 
zusetzen. Das ist schade, denn Songs wie „Too many fück- 
wits“ machen echt Spaß, aber ich bleibe bei meiner Mei¬ 
nung, dass dieses Album hätte 2002 erscheinen müssen, um 
groß zu werden. (39:38) (7) Tobias Ernst 

MONTAG 
Going Places CD 

Carpark/Cargo | Grundsätzlich gibt es genug Gründe, ver- 
spulte Elektromusik zu mögen. Für offene Ohren eröff¬ 
nen sich hier immer wieder neue Türen und Hörerleb¬ 
nisse, und auch wie sich die Szene organisiert und bestän¬ 
dig in Bewegung bleibt, macht es immer wieder interes- t 
sant, einen Blick über den Rock-Tellerrand hinauszuwa¬ 
gen. Und mit HERBERT kommen wir dem Ganzen auch 
politisch bei - man darf ja hoffen ... Jetzt also MONTAG: 
Ein scheinbar gut vernetzter Franko-Kanadier, der sich für 
seine mit kindlicher Freude in billigen Synthiesounds ver- 
daddelnden Popsongs eine namhafte Schar von Gästen ins 
Heimstudio geholt hat: AU REVOIR SIMONE, Owen Pal- 
lett von FINAL FANTASY, ISAN und Amy Millan der guten 
STARS sind nur einige der Gäste. Dem Album mag man sei¬ 
ne perlenden Momente auch nicht absprechen, wenn sich 
zum Beispiel das Schlafzimmer-psychedelische „Mechani- 
cal kids“ plötzlich dem großen 60s-Pop öffnet. Wie es bei 
vielen Musikerkollegen - ADEM, UZI & ARI und auch FI- 







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www.cifyslang.com 




MALAJUBE 

TROMPE-L’OEIL 


O’DEATH 

HEAD HOME 


"This New York band draws from the starkness and 
spiritual purity of Appalachian folk, the noisemongering 
of punk and the rowdy theatricality of Tom Waits. With 
quiet pluckings of banjo and angry, anarchic hols, its songs 
jumble the sacred and profane." New York Times 

Album anhören unter: www.cityslang.com/ecards/odeath 


„Bleiben The Police bei der Verwandlung zu 
At The Drive-In in der Telefonzelle stecken: 
Postpunk-Apokalypse auf Dub, hui!" Visions 

Album anhören unter: 

www.cityslang.com/ecards/thejaialaisavant 


„Fünf Kanadier machen die spektakulärste, überschwäng¬ 
lichste Rockplatte des Frühjahrs (...) freigeistige Rock¬ 
musik, die Ohren bluten lassen kann." Visions 

Album anhören unter: 

www.cityslang.com/ecards/ malajube Cray 

04.08. Haldern Festival, 06.08. Frankfurt - Cookys 


OX-FANZINE 80 
























REVIEWS 


NAL FANTASY fallen da ein - aber auch der Fall ist, schafft 
MONTAG es auch nicht, auf Albumlänge zu fesseln. Ein¬ 
zeleindrücke überwiegen, nette spleenige Pop-Momente, 
aber keine überzeugende Gesamtheit. (41:49) (6) 

Christian Maiwald 

MOORE & SONS 
Us Fools CD 

triumphantsotmd.co.uk | Seit dem Gig zum 25. Geburts¬ 
tag von Touch & Go Records spielen NEGATIVE APPROACH 
wieder einige Konzerte in Originalbesetzung - und Chris 
„O.P.“ Moore, der bei MOORE & SONS singt und Gitar¬ 
re spielt, und bis zur finalen Auflösung bei NA trommel¬ 
te, wurde von John Brannon auserwählt, auch dem neuen 
NA-Line-up anzugehören. Moore freilicht hatte die letzten 
20 Jahre mit Hardcore zumindest musikalisch nicht mehr 
viel zu tun, spielte bei CROSSED WIRE eher Alternative 
Rock und ist seit geraumer Zeit unter dem Namen MOORE 
& SONS aktiv. Vier Alben wurden veröffentlicht, und auch 
auf dem aktuellen Werk „Us Fools“ (bei Großschreibung 
von US gewinnt der Titel eine ganz andere Bedeutung, da 
allerdings alle Lettern Großbuchstaben sind, kann man 
sich der Bedeutung nicht so ganz sicher sein) sind keiner¬ 
lei HC-Einflüsse festzustellen - stattdessen gibt es hier ek¬ 
lektischen Indiepop mit Unterstützung von Dennis Cronin 
(unter anderem LAMBCHOP, CALEXICO undYO LA TEN - 
GO) und Einflüssen aus Jazz, Folk und Country. „Us Fools“ 
ist ein facettenreiches, angenehm unspektakuläres Singer/ 
Songwriter-Album, das mich hier und da an die SHINS er¬ 
innert — wer auch immer sich in seinem Musikgeschmack 
ähnlich open-minded weiterentwickelt wie Moore, sollte 
mal einen Versuch wagen. (46:52) (6) Joachim Hiller 

MISFIT SOCIETY 
s/t LP 

misfitsociety.com | Das Hagener Powerhouse MISFIT SO¬ 
CIETY legt mit dieser gleichnamigen LP diese Tage seinen 
Zweitling vor. Im Song „Hate me“ heißt es lakonisch „I’ll 
do anything to make you hate me“ und MISFIT SOCIETY 
würden mich sicher hassen, wenn ich hier einfach das Re¬ 
view ihrer ersten CD „No Discounts On Large Amounts “ 
wiederholen würde, aber im Grunde wäre das schon okay. 
Einerseits nichts Neues im Hause MISFIT SOCIETY, ande¬ 
rerseits aber wieder ein Album, das locker ins obere Drittel 
der Veröffentlichungen der letzten Monate gehört. Kraft¬ 
voller US-Oldschool-Hardcore, ja richtig gelesen: Hardco¬ 
re, kein Metal, der als solcher verkauft wird, sondern kurze 
schnelle Songs, frei von Gitarrengefidel und Pathos. Es wird 
glücklicherweise mehr Wert auf Rohheit und Wut gelegt, so 
dass die Songs oft an MINOR THREAT und Konsorten er¬ 
innern, wobei aber auch der eine oder andere richtige Th - 
rasher sich unter die Songs mischt, was der Platte die nö¬ 
tige Abwechslung verleiht. Auch wenn diese Platte definitiv 
zu den Guten gehört, muss ich der Band unterstellen, dass 
sie noch nicht bei 100 Prozent angekommen ist, ich den¬ 
ke da vor allen Dingen an die Produktion, die für Hardcore 
schon sehr glatt ist. Wenn sie ich mitThrashern wie BONES 
BRIGADE vergleiche, haben diese ungleich mehr Energie 
durch ihren ungeschliffenen, natürlichen Sound, wo nichts 
mit Kompressoren bis zum Abwinken plattgedrückt wird, 
sondern die einzelnen Instrumente noch voller Leben ste¬ 
cken. Dieses aber nur als kleiner Kritikpunkt an einer vor¬ 
züglichen Platte. Ich mische euch auch die Nächste. (8) 

Ollie Fröhlich 

MOLTON 
s/t CD 

Ono Mato Pop/Cargo | MOLTON wollen zurück zu den 
Dingen, die wichtig sind. Sie spielen ihre Musik für sich 
selbst, nicht für den Dancefloor. So ganz mag man es ih¬ 
nen nicht glauben, angesichts der Qualität der acht Songs. 
Mit Komplikationen beim Hören ist trotzdem zu rechnen, 
das Songwriting bricht mit den gängigen Schemata des ak¬ 
tuellen Indierocks. Durchgängige Beats sind nicht das, was 
MOLTON anzubieten haben. Dafür ruhige, manchmal 
sphärische Tracks, die über weite Strecken auch ohne Ge¬ 
sang auskommen. Das hier ist ein eigener Stil. MOLTONs 
Musik ist nichts für imgeduldige Menschen, sondern zum 
Zelebrieren des Wochenendkaters. Leider habe ich so selten 
einen. Für Fans von KARATE und Intro-Leser. (40:50) (7) 
Arne Koepke 

NNN 


NOMATRIX 
Ugly CD 

deadlambrecords.com | Ungestüm ballern NOMATRIX 
los. Der Sound klingt stumpf, die Rhythmusgruppe agiert 
nicht immer sicher, aber immer schnell. Der Gesang liegt 
oft neben der Spur. Das ist Punk, da müssen drei Akkorde 
reichen. Mit „Ugly“ bringt die irische Band das Genre zu¬ 
rück zu den Wurzeln. Wild und schwitzend, hässlich und 


unrasiert. Da darf auf Konzerten eine ordentliche Bierdu¬ 
sche nicht fehlen. Diese 16 Songs sind ein klarer Fall für 
Puristen. (32:03) (4) Arne Koepke 

NESSERIA / GRIZZLY TWISTER 
Dead Rodeo Stars CD 

Krawa Productions/Overcome Distribution | Die His¬ 
torie von NESSERIA aus Frankreich beginnt im Jahr 2000 
und nach zwei Demos legt die Band jetzt ihr Split-Debüt 
mit THE GRIZZLY TWISTER aus Schweden vor. Ein bom¬ 
bastischer Einstieg, die tiefer gestimmten Gitarren über¬ 
rollen den Lärmsüchtigen geradezu und werden von in¬ 
fernalem Gekreische begleitet, so dass man geneigt ist, in 
Hektik auszubrechen. Auf Wohlklang legt die Band keinen 
besonderen Wert, Dissonanzen liegen ihr mehr am Herzen 
und so dürften die Songs was für Leute sein, die ihre helle 
Freude an älteren CONVERGE haben.THE GRIZZLYTWIS- 
TER aus Gävle hatten mit ihrem Debüt „KillThe Autopilot“ 
einigen Eindruck hinterlassen und ihre krude Mischung 
aus WHITE ZOMBIE und den BLOOD BROTHERS hat si¬ 
cherlich Fans gefunden. Drei ihrer sechs Tracks sind aber 
leider bereits auf der Split mit THE PLAGUE SERMON er¬ 
schienen. (30:02) (6) Thomas Eberhardt 

NEIN NEIN NEIN / KAPUT KRAUTS 
Bombing Your Kleinstadt CD 

twisted-chords.de | Seit ihrer Debütplatte „Deine Szene 
ist ein Zombie" sind NEIN NEIN NEIN aus Mönchenglad - 
bach und Duisburg ja zu Recht bekannt und haben ordent¬ 
lich Wirbel gemacht. Auf 
„Bombing Your Klein¬ 
stadt“ gibt es sieben neue 
Eigenkompositionen von 
ihnen zu hören, dazu drei 
Coversongs. Die Erstge¬ 
nannten gefallen mir so¬ 
gar noch eine Ecke besser 
als der bereits erwähn¬ 
te Longplayer des Trios. 
Rotziger (Deutsch) Punk, 
nicht blöd und mit der 
genau richtigen Dosis 
Wut plus genug Clever¬ 
ness, tun sie in keinerlei Stumpfheiten ausarten zu lassen. 
Diese Band ist definitiv würdig, EA 80 zu covern und ver¬ 
brät deren „Häuser“ auch ganz vortrefflich. Man teilt sich 
diese CD (eine LP-Version ist schon länger draußen - Au¬ 
gen auf beim Tonträgerkauf) mit den KAPUT KRAUTS, de¬ 
ren erster Track „Die Würfelspiele des Herrn Zebaoth“ ei¬ 
nen sofort auf seine Seite zieht. Was ein Hit! Melodische 
Deutschpunkpower ä la MUFF POTTER zu „Schrei wenn 
du brennst“-Zeiten. Macht richtig Spaß. Insgesamt haben 
KAPUT KRAUTS sieben Songs im Gepäck (inklusive eines 
NEIN NEIN NEIN-Covers), die mich alle absolut positiv 
überrascht haben. Man merkt der Band richtig ihren Bock 
auf den Scheiß an. Die Gitarren packen, immer wenn sich 
die Gelegenheit bietet, catchy Melodiezeugs rein und die 
Texte sind auch gut. Schöne Platte in ebenso schöner Auf¬ 
machung. (37:12) (8) Renke Ehmcke 

NO HEAD ON MY SHOULDER 
Caution Overload CD 

remedy-records.com | Verdammt, da sitze ich gera¬ 
de in einem heruntergekommenen Internetcafe im Nor¬ 
den Salzburgs und erfahre, dass just in diesem Moment 
NO HEAD ON MY SHOULDER im Rockhaus am ande¬ 
ren Ende der Stadt auf der Bühne stehen. Die Sache ist ge¬ 
laufen, schade, dabei möchte ich endlich einmal wissen, 
wie viele Musiker und Musikerinnen mittlerweile für den 
Sound der Ska-Combo verantwortlich sind. Meinem Ge¬ 
fühl nach müssen es Hunderte sein, denn der dichte Klang¬ 
teppich von „Caution Overload“ überfällt mich regelrecht. 
Wäre ich ein Musik-Messie und hätte sämtliche Musikstile 
der letzten fünf Jahre gesammelt, „Caution Overload“ wäre 
mein Einrichtungsberater. Harte Schnitte, ein Neben- und 
Übereinander sämtlicher Stile, Tempowechsel bis zum Er¬ 
brechen und Sprachschnipsel - schwerverdaulich und an¬ 
spruchsvoll ist die Platte gewiss. Bei vielen Stücken kann 
ich nicht einmal hören, wo sie anfangen, geschweige denn 
enden. Aber: endlich wieder ein Sound, der aus dem Sumpf 
belangloser Ska-Semianfänger heraussticht! (49:49) (8) 

Katrin Schneider 

NATIONAL 
Boxer CD 

Beggars Banquet/Indigo | Nach dem mehrmaligen Hö¬ 
ren des neuen EDITORS-Albums und dessen erneut ziem¬ 
lich mitreißenden emotionalen Inputs fallt es ehrlich ge¬ 
sagt schwer, in THE NATIONAL und ihrem vierten Album 
mehr zu sehen als okayen Indierock, der sich hier mit recht 
überladenen Arrangements schmückt. Bei THE NATIONAL 
wurden bisher immer die TINDERSTICKS als Vergleich ins 
Spiel gebracht, was sicherlich ihrer eher düsteren Grund- 



Stimmung entspricht, trotz der sie letztendlich aber doch 
überwiegend Popsongs produzieren, und die sind gar nicht 
mal schlecht. Zumindest bemüht man sich, die bereits be¬ 
kannten Indierock-Pfade nicht weiter auszulatschen, und 
versucht auch mal origineller zu klingen als die sonstigen 
Vertreter von klassischer Gitarrenmusik. Leider fehlt THE 
NATIONAL dazu aber ein wirklich guter Sänger und vor 
allem durchgängig überzeugende Songs, die mehr zu bie¬ 
ten haben als ein paar nette Spielereien innerhalb der Ar¬ 
rangements. Leider muss man sagen, um mal ein Zitat des 
Waschzettels aufzugreifen, dass R.E.M. selbst in ihrem mo¬ 
mentanen desolaten Zustand immer noch eine prägnan¬ 
tere Band sind, als es THE NATIONAL jemals sein werden. 
Song Nr. 2, „Mistaken for strangers“, hat aber dennoch gro¬ 
ße Chancen, mal auf einer Mixkassette zu landen. (5) 

Thomas Kerpen 



NOSHAME 

White Of Hope Gone Black CD 

Fullsteam | Mancher mag denken, dass es genügend fin¬ 
nische Streetpunk-Bands mit JAWBREAKER-Einschlag 
und hymnischen Refrains gibt; au contraire, für NO SHA- 
ME müssen die anderen 
eben noch etwas zusam¬ 
menrücken, denn neben 
MANIFESTO JUKEBOX, 
THE PHOENIX FOUN¬ 
DATION und I WALK 
THE LINE ist bestimmt 
noch Platz im Tourbus. 
Das vierte Album die¬ 
ses Quartetts ist nämlich 
nicht einfach ein wei¬ 
teres Album aus Finn¬ 
land, sondern NO SHA- 
ME hauen derart auf den 
Putz, dass man meint, die Achtziger seien wieder zurück- 
gekehrt. Die Melodik von Punk trifft auf die brutalen Riffs 
der frühen Hardcore-Gruppen, ergänzt wird dieses nar¬ 
rensichere Konzept durch fantastische Bassiines, die selbst 
Matt Freeman neidisch machen würden. Der Song „Arma¬ 
geddon now!“ ist nur ein Bespiel dafür, welch glückliches 
Händchen NO SHAME mit ihrem aktuellen Album hatten, 
ein Hit, den man in Endlosschleife hören muss, und damit 
es nicht eintönig wird, haben sie davon gleich elf Stück ge¬ 
schrieben. (32:07) (8) Thomas Eberhardt 

► Auf der Ox-CD zu hören. 


NYMPHOMANIACS 
Eleven Sharp Cuts CD 

the-nymphomaniacs.com | Schon seit acht Jahren be¬ 
treibt das Bielefelder Punkrock-Urgestein Bernd Hövel¬ 
meyer die NYMPHOMANIACS beziehungsweise hat in den 
Anfangstagen dort sogar in Homerecording-Manier alles 
selbst eingespielt. Mittlerweile ist aber ein festes Line-up 
gefunden, so dass die NYMPHOMANIACS nun auch live zu 
bewundern sind. Musikalisch pendeln die Stücke auf dieser 
Scheibe dabei irgendwo zwischen den Polen STOOGES und 


Stones, hier und da mal mit echt rotzigem Punkrockein¬ 
schlag, aber auch durchaus mal ganz relaxt zurückgelehnt 
und bluesig. Zwar ist nicht jeder der 11 Songs ein Volltref¬ 
fer, aber bei so viel Do-It-Yourself-Aktionismus kann ich 
gar nicht anders als meine tiefste Sympathie zu bekun¬ 
den. Schön dass es zwischen all den blutjungen Emopop- 
Klonbands heutzutage noch gute alte Rock’n’Roller wie die 
NYMPHOMANIACS gibt. (42:5 8) Bernd Fischer 

NERDS 

Murder Is Now CD 

chorusofonerecords.it | Ich bin großer Fan vom Gesamt¬ 
kunstwerk GG Allin, Scumpunk und all seinen höchst kon¬ 
troversen Ansichten und Auftritten. Der junge Mann ist 
nun aber tot, und da ich grundsätzlich nicht gerade auf 
Mord, Vergewaltigung und Sexismus stehe, hat es sich da¬ 
mit für mich auch ausgejunkt. Passenderweise läuft die CD 
bei mir im Player sowieso nicht. Im Vergleich zu Allin se¬ 
hen die NERDS alt aus. Bilder von ermordeten Frauen sind 
eine alberne Art zu provozieren. Wer das anders sieht, dürf¬ 
te den NERDS einiges abgewinnen können, denn musika¬ 
lisch legten sie seit 1997 eine souveräne Karriere hin, ar¬ 
beiteten des öfteren mit Jeff Clayton und Gerry Atric von 
ANTISEEN zusammen, tourten einige Fleckchen dieser 
Erde, veröffentlichten zahlreiche Splits und Singles auf di¬ 
versen Labels und der nun vorliegende dritte Longplayer 
strotzt wieder vor brutalem Punk Marke Dampfwalze. (5) 
Mario Türiaux 


NUDE PUBE BANGLERS 
NewWave Of Norwegian Hard Rock CD 

myspace.com/chorusofonerecords | Aha. Norwegen, das 
Land der Berge und Fjorde, wird hier dargestellt als Land 
ohne Rock’n’Roll-Szene. Hm, irgendwie ist es mir noch 
durch was anderes außer Reiseführern mit Trachten drauf 
ein Begriff... Egal, laut Bandinfo jedenfalls sind die NUDE 
PUBE BANGLERS der neue Geheimtip! Die erste Band aus 
diesen kalten Gefilden, die Hardrock und Punk mit jeder 
Menge Testosteron, Schweiß und Alkohol mixt, die „real 
heroes of the Norwegian music scene“. Und tatsächlich ge¬ 
lingt dem Fünfer aus Oslo (Oslo? Ich werde den Gedan¬ 
ken nicht los, das schon mal eine recht erfolgreiche Band 
aus Oslo solch einen Sound etabliert hat ...) ein superfet¬ 
tes Hardrock’n’Roll-Brett mit ungezählten Arschloch- 
Soli, dickem Sound und eingängigen Riffs. Ich finde, „Dea- 
thpunk“ wäre ein geeigneter Begriff für diese Spielart des 
Rock. Gute Band jedenfalls, doch findet sich schon die eine 
oder andere ähnlich klingende Platte in meinem Regal. 
(33:20) (6) MarioTuriaux 

OOP 


ORANGE GOBLIN 
Healing Through Fire CD 

sanctuaryrecords.co.uk | Mit „Healing Through Fire“ er¬ 
reicht uns bereits das sechste Album der britischen Doo- 
mer, und es ist ein Konzeptalbum geworden, dessen Auf- 




OX-EANZINE 81 

























REVIEWS 


hänger die 1665 in England wütende Pest sowie die Lon¬ 
doner Feuersbrunst von 1666 sind. Leider liegen mir die 
Texte nicht vor, sonst würde ich den historischen Gehalt 
des Albums näher unter die Lupe nehmen. Musikalisch ro¬ 
cken ORANGE GOBLIN gewohnt dahin, ohne allzu gro¬ 
ße Verwunderung auszulösen: ein gutes Stück Riff-Rock, 
nicht mehr und nicht weniger. (43:46) (6) Simon Loidl 

O’DEATH 
Head Home CD 

cityslang.com | Wer sagt denn, dass urbane Musik aus ei¬ 
nem Großstadtmoloch kommen muss und folkyTunes aus 
einer staubigen Scheune am Arsch der Welt? Die Wahr¬ 
scheinlichkeitsrech¬ 
nung? Okay, stimmt, die 
Chance, dass Banjo, Fie¬ 
del, Ukulele, Schellen¬ 
kranz und Co. eher von 
eher von bärtigen Latz¬ 
hosenträgern eingesetzt 
werden als von schnie¬ 
ken Latte macchiato- 
Trinkern aus Brooklyn 
mit Powerbook in der 
Umhängetasche, ist un¬ 
gleich größer, aber im 
Falle von O’DEATH ist 
es genau so: Aus der Nachbarschaft von THE WORLD/IN¬ 
FERNO FRIENDSHIP SOCIETY und GOGOL BORDELLO 
kommt ein Fünfer, der auf „Head Home“ auf sehr ange¬ 
nehme Weise und total unfakeig ein großstädtisches Coun- 
try-Folk -Album eingespielt hat, das Nick Cave mit den VI¬ 
OLENT FEMMES, Shane MacGowan mit NeilYoung, Punk- 
rock mit Polka verbindet. Mag ja sein, dass die Idee nicht 
neu, die Kombination auf der Hand liegend ist, doch die 
Umsetzung macht’s, und die ist hier so frisch und mitrei¬ 
ßend, wie ich es schon lange nicht mehr gehört habe. Al¬ 
les weitere ist wohl eine Sache des persönlichen Erlebens 
- Musik jenes Kalibers lebt von der Menge Bier, die man 
am einem Wochenende anlässlich eines Konzertes in ei¬ 
nem gemütlichen Club (der nicht notwendigerweise mit 
Stroh ausgestreut sein muss) in sich rein kippt. (44:18) (8) 
Joachim Hiller 

ONE STARVING DAY 

Broken Wings Lead Arms To The Sun CD 

Planaria | Großartiges Material aus Italien! Fünf wun¬ 
derbar komponierte, sehr lange Stücke. Songs wie Magma: 
langsam, bedrohlich, erbarmungslos. Tief in der Hardco- 
re-Szene verwurzelt, wandelt die Band mittlerweile, mu¬ 
sikalisch gereift, auf Post-Rock-, Doom- und Ambient- 
Pfaden. Düster-meditativ werden mit Streichern, Gitar¬ 
re, Bass, Synthesizer, Soundeffekten, Schlagwerk und rarem 
Stimmeinsatz dichte, repitative, oft hypnotische Soundge¬ 
webe geknüpft. Die Wucht von ISIS, die Trägheit und Tie¬ 
fe von GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, die Fragili¬ 
tät von NEIL ON IMPRESSION ohne direkte Assoziatio¬ 
nen an die genannten auszulösen, wissen OSD irgendwo in 
dieser Schnittmenge zu überzeugen. Auch tolles Artwork. 
Sehr, sehr gelungenes Gesamtwerk. Definitiv eine der auf¬ 
regendsten Bands dieser Richtung derzeit. (47:29) 

Konstantin Hanke 

ODD PROJECT 

Lovers, Fighters, Sinners, Saints CD 

Indianola | Irgendwie wird’s immer schwieriger, etwas 
über Alben zu schreiben, die zwar sehr gut gemacht sind, 
einen aber nicht vom Hocker reißen. Soll ich schreiben, 


DINOSAUR JR. 

Live In The Middle East DVD 

SonyBMG | J Mascis’ Schwager, der Berliner Filmemacher 
Philipp Virus, ergriff nach der Reunion von DINOSAUR JR 
die Gelegenheit, eine Live-Doku über die Familienband(e) 
zu drehen. Und so wur¬ 
den im Dezember 2005 
im heimischen Bos¬ 
ton der Auftritt im „The 
Middle East“ (daher der 
Titel; nein, J, Lou und 
Murph waren nicht in 
Arabien auf Tour) sowie 
der im New Yorker Ir¬ 
ving Plaza gefilmt, und 
was soll ich sagen, so als 
Fan, die DVD ist über¬ 
wältigend. Philipp Vi¬ 
rus und seinem Film ist 
es durch nah an der Band 
dranbleibende Kame¬ 
ras und einen exzellen¬ 
ten Tonmann gelungen, 
den unfassbar brachia¬ 
len Livesound von DINOSAUR JR lebensnah einzufangen, 
so dass man ein ums andere Mal vor seiner Glotze hängt 
und denkt „Fuck, was für eine unglaubliche Band, was für 
ein monströser, pervers lauter Gitarrensound!“. Mit „Gar- 
goyle" geht es los, „Forget the swan“, „The wagon“, „Freak 
scene“, „Repulsion“, „Just like heaven“ und viele andere 
folgen, die Hits sind alle dabei, und so lässt einen diese DVD 
sehr glücklich zurück, ist sie quasi ein Best Of mit Bildern, 
und im Bonusteil gibt es dann unter anderem noch Inter¬ 
viewparts, wo etwa Kim Gordon, Mike Watt, Steve Albini 
oder Matt Dillon über ihr Verhältnis zu Mascis und Co. er¬ 
zählen. Höhepunkt ist aber auf jeden Fall Thurston Moores 
Beschreibung seines ersten DINOSAUR JR-Konzertes, bei 
dem sich die Besucher eines New Yorker Konzertes von den 
anfangs leisen Tönen der Band täuschen ließen und von 
Mascis erster Gitarrenattacke dann beinahe von den Füßen 
gerissen, ja sprachlos zurückgelassen winden. Sehr schön. 
(9) Joachim Hiller 

DESTROY ALL MONSTERS 
Grow Live Monsters DVD 

mvdvisual.com | Durch das Interview mit Ron Asheton 
von den STOOGES stieß ich mal wieder auf den Namen 
dieser mysteriösen Formation, die 1973 von Frontfrau Ni¬ 
agara gegründet wurde und bei der Ron Asheton nach den 
STOOGES nicht nur eine Weile spielte, nein, er war auch 
mit Niagara liiert. Und interessante’rweise war auch Mi¬ 
chael Davis von der anderen wichtigen Proto-Punkband 
MC5 eine Zeit lang bei DAM. Die schafften es in den Jahren 
ihrer Existenz von 1973 bis 1985 (1995 gab es eine Reimi¬ 
on) nicht, eine einzige LP aufzunehmen, erst Jahre später 
wurde ihr Schaffen von Thurston Moore auf seinem Label 
mittels einer Dreier-CD-Box dokumentiert. Diese DVD ist 
nun sowas wie die visuelle Ergänzung der CD-Box und ist 
in Teilen eine Neuveröffentlichung eines Mitte der Neun¬ 
ziger erschienenen VHS-Tapes - und mitnichten Materi¬ 
al für Leute, die hierüber die wirklich vorzügliche Psy- 
chedelic-Noiserock-Band mit betörender Sängerin ken¬ 
nen lernen wollen. DAM waren wohl immer auch eine Art 
Künstlerkollektiv, drehten reihenweise No-Budget-Filme 
mit 8- und 16mm-Material und wirrer Monster-Thema- 


dass die Musik eigentlich langweilig ist? Werde ich da den 
Musikern gerecht, die ihr Herzblut in ihre Songs stecken? 
Schwierig, schwierig. Diesen Monat hat es ODD PROJECT 
erwischt, die in letzter Zeit wohl sehr viel AVENGED SE- 
VENFOLD und UNEARTH gehört haben müssen. Ihr Al¬ 
bum „Lovers, Fighters, Sinners, Saints“ das auf dem Chris¬ 
tenlabel Indianola erschienen ist, hat fast alles, was die Al¬ 
ben von oben genannten Bands auch haben: Schnelle Th- 
rashriffs, heftige Breaks und einen keifenden Sänger. Die¬ 
ser ist es auch, der beim durchgängigen Hören von „Lovers, 
Fighters, Sinners, Saints“ mit seiner Stimme gehörig auf die 
Nerven geht. Das war zu viel Axl Rose für mich... Mal ganz 
abgesehen vom religiösen Hintergrund. Sebastian Wahle 

PPP 


PENITRAITORS 
Operation Rape CD 

ehcrecords.blogspot.com | Nein, hier handelt es sich nicht 
um die PENETRATORS, weder die New Yorker Protopunks 
noch die Surf-Kapelle aus Atlanta, und auch nicht, wie ich 
ja zuerst dachte, um die PENETRAITORS, die Streetpunks 
aus Erlangen. Nein, hier geht es um die PENITRAITORS - 
mit zweimal I wie Inselreich. Zu Hause in den West Mid- 
lands des Vereinigten Königreichs, sind sie dem lokalen 
Underground zutiefst verbunden. In den sechs Jahren seit 
Gründung der Band spielten sie dort Hunderte Gigs, ihre 
bisher einzige Tour führte sie für drei Shows nach Nord-Ir¬ 
land. „Operation Rape“ ist bereits ihr zweites Full-Length- 
Album, aufgenommen in der Wohnung ihres Sängers, was 
man leider auch hören kann. Trotzdem oder vielleicht 
auch deshalb besitzt ihre Mischung aus Oldschool-Punk, 
Ska und Metal jede Menge Charme, Energie - und Ohr¬ 
wurmqualitäten: Irgendwann erwische ich mich nämlich, 
wie ich ihren Refrain „Let’s Start a war / Let’s Start a war!“ 
vor mich hinsinge, na hoffentlich nimmt mich jetzt keiner 
beim Wort... (32:08) Ute Borchardt 

PURE SOUND 
Submarine CD 

euphoniumrecords.com | „Submarine“ ist nach „Yu¬ 
kon“ das zweite Werk des Ambient/Experimental-Projek- 
tes PURE SOUND, das sich unter der Leitung von Bassist 
Vince Hunt daran gemacht hat, atmosphärische Sounds zu 
einem bestimmten Thema zu erzeugen, über die (teils his¬ 
torische Aufnahmen von) Spoken-Word-Passagen gelegt 
werden. Dabei ist das Konzept eigentlich schön angelegt: 
Die Vertonung von Texten, die alle um U-Boote kreisen, 
soll natürlich im Kopf die entsprechenden Bilder erzeu¬ 
gen, das viel beschworene Kopfkino. Nun gelingt das die¬ 
ses Mal wesentlich besser als im ersten Teil, auch wenn ich 
immer noch finde, dass bei diesem Hybrid aus Soundtrack 
und Hörspiel Musik und Text nicht wirklich gut harmo¬ 
nieren, für eine reine Instrumentalplatte ist die Musik aber 
auch zu unaufregend, obwohl man merkt, dass die Musiker 
es schon drauf hätten. Irgendwie wirkt das einfach reiflich 
unausgegoren. (28:07) (4) Chris Wilpert 

PERFECT RAT 
Endangered Languages CD 

Alone/Cargo | Die Zeiten, wo man versucht war, Musiker- 
Konstellationen von Leuten wie Greg Ginn und Jack Bre¬ 
wer als „Supergroup“ zu bezeichnen, dürften schon lange 
vorbei sein, es sei denn man ist unverbesserlicher SST-Nos- 
talgiker. Die beiden haben sich hier mit drei Leuten von 
TEN EAST und BAZOOKA-SaxophonistTony Atherton zu- 
sammengetan und man ist nicht wirklich überrascht, dass 


tik, und diese sind hier dokumentiert, untermalt von dro- 
nigen Soundscapes. Ergänzt wird das Ganze durch diverse 
Bildergalerien und andere Extras, für ausgesprochen Fans 
also eine Fundgrube, für die Mehrheit jedoch sollte es bei 
dieser Band Audiomaterial tun. Joachim Hiller 

MENTORS 
El Duce Vita DVD 

mvdvisual.com | Vor ein paar Ausgaben frischte Dave Dic- 
tor von M.D.C. die Erinnerung an El Duce und die MEN¬ 
TORS durch eine nette Anekdote auf, und wer damals 
auf die 1977 in Los An¬ 
geles gegründete Band 
stieß und sich bislang 
nicht so recht vorstel¬ 
len kann, was es mit die¬ 
sen Meistern des Scum- 
Rocks so auf sich hat, 
der ist hier genau rich¬ 
tig - wie auch alle al¬ 
ten Fans des schmutzigen 
Mannes, gegen den die 
Phantasien eine Charles 
Bukowski von blüten- 
weißer Reinheit waren. 
Die MENTORS, das wa¬ 
ren Gitarrist Sickie Wif- 
ebeater, Bassist Dr. Hea- 
then Scum (in den letz¬ 
ten Jahre zusammen mit 
KILL ALLEN WRENCH in ähnlicher Mission unterwegs) 
und Sänger Eldon Hoke alias El Duce. Die MENTORS waren 
vor GG Allin, DWARVES, KILL ALLEN WRENCH und GWAR 
die schmuddeligste Perversion der Rockmusik, die je exis¬ 
tierte, und auch nach dem Betrachten dieser DVD (ich bin 
so *froh, dass ausnahmsweise mal die Post den Umschlag 
nicht geöffnet hat ...) ist man nicht ganz sicher, wie sich 
hier echtes Asitum und ironisches Spiel mit Klischees pro¬ 
portional verhalten. Ganz klar: Das hier ist nichts für Men¬ 
schen unter 18. Und statt des vom Label angegebenen Gen¬ 
res „Rock/Metal“ sollte da besser stehen „Rock/Mental“. 
Über die Hälfte der rund 50 Minuten laufenden DVD wird 
ausgemacht von einer Art Doku (in mieser NTSC-Quali¬ 
tät) über die MENTORS, faktisch einer Aneinanderreihung 
von trashigen Videoclips mit schmuddeligen Überleitun¬ 
gen und jeder Menge nackter Frauen und kleinschwän- 
ziger Männer. Wer die sexistischen Sprüche der Band, die 
Gewaltphantasien freilich bierernst nimmt, ist selbst ein 
Schwein, denn so derb El Duce in echt wohl drauf war, so 
ist/war diese Band (Punkrock!) ein mit Blut, Sperma und 
Kot verschmierter Spiegel der Gesellschaft, und wer ange¬ 
sichts von El Duces Name und seinem KKK-Spitzhut ei¬ 
nen Nazi-Verdacht aufwärmen will, hat sicher sonst keine 
Probleme. Und sowieso ist El Duce längst tot: Vor 10 Jahren 
besoffen vom Zug überfahren, angeblich zum Schweigen 
gebracht, weil er der von Courtney Love gedungene Mör¬ 
der ihres Gatten war... Als Bonus gibt’s neben den Clips zu 
Songs wie „Golden showers“ und „All women are insane“ 
noch Live-Schnipsel. (8) Joachim Hiller 

QUEERS 
Are Here DVD 

mvdvisual.com | Es ist inzwischen zwanzig Jahre her, dass 
die QUEERS ihre erste Single veröffentlichten. Es folgten in 
den Jahren darauf Unmengen an Plattenveröffentlichun- 


das Endergebnis an die späten, vertrackten BLACK FLAG 
oder Ginns Solo-Projekte beziehungsweise den sperrigen 
Jazzrock von Brewers Band SACCHARINE TRUST erin¬ 
nert. Schön, mal wieder was von Ginn und Brewer zu hö¬ 
ren, die hier rauhen Improvisationsrock mit starken Jazz- 
Anleihen spielen, wo Brewer seinen markanten Sprechge¬ 
sang beisteuert. Wer nicht zum ersten Mal etwas von Bre¬ 
wer und Ginn hört und bereits Platten dieser Herren sein 
Eigen nennt, bekommt hier nichts wirklich Neues geboten, 
wobei THE PERFECT RAT diese Art von Sound gekonnt auf 
den Punkt bringen. „Endangered Languages“ erinnert an¬ 
genehm an Zeiten, in denen der Ruf von SST noch weniger 
von den Querelen mit ihren Bands überschattet war, wobei 
der Platte nichts wirklich Nostalgisches anhaftet, denn die¬ 
ser Form von Jazzrock besitzt etwas Zeitloses und lässt sich 
nach wie gut goutieren, und kommt dem Gedanken von 
Punk immer noch weitaus näher, als so vieles andere, was 
einem heutzutage unter diesem Etikett verkauft wird. (7) 
Thomas Kerpen 

PIG DESTROYER 
Phantom Limb CD 

relapse.com | Das Trio Infernale kehrt zurück und be¬ 
schert der frenetischen Krachgemeinde mit einem neu¬ 
en Strauß an kranken Melodien und kuriosen, vokali- 
schen Ergüssen. PIG DE¬ 
STROYER sind sich ih¬ 
rem doch recht einzigar¬ 
tigen Sound treu geblie¬ 
ben, wobei man sich hier 
doch ein wenig mehr in 
eher rockigere Gefilde 
gerne zu verirren scheint, 
was den Sound an sich 
aber keinen Abbruch tut, 
sondern für eine will¬ 
kommene Abwechslung 
sorgt. Wo PIG DESTRO¬ 
YER draufsteht, ist nun 
mal auch PIG DESTROYER drin, und mit „Phantom Limb“ 
stellen die Herren erneut ihren Ausnahmestatus im Wust 
der Grind-/Noise-Kapellen eindrucksvoll unter Beweis. 
Für mich die Platte dieser Ausgabe! Uwe Kubassa 

PINK TURNS BLUE 
Ghost CD 

Stroblight/Alive | PINK TURNS BLUE - benannt nach 
dem HÜSKER DÜ-Song „Pink turns to blue“ - schaffen 
es seit geraumer Zeit ihren an britischen Postpunk-Bands 
wie THE CHAMELEONS undTHE SOUND angelehnten Stil 
auf hohem Niveau zu kultivieren, ohne Gefahr-zu laufen 
als simple Kopisten stigmatisiert werden: das eint sie un¬ 
ter anderem mit IKON. „Ghost“ ist in vielerlei Hinsicht ak¬ 
tuellen Bands wie den EDITORS (unter anderem bei „Li- 
ving your life“, „Break it“) oder INTERPOL („Ghosts“) 
nicht unähnlich, jedoch mit dem zentralen Unterschied, 
dass sich PINK TURNS BLUE die markante Ursprünglich¬ 
keit mit dem immer wieder durchblitzenden schneiden¬ 
den Gitarren-Sound der erst genannten frühen Achtziger- 
Jahre-Bands bewahrt haben und auf jedwede zeitgemäße 
Glättung und Verwässerung verzichtet haben. Das unter¬ 
scheidet sie extrem positiv vom teilweise überelaborierten 
Sound des neuen EDITORS Album. „Ghost“ ist eine schöne 
Mischung aus Balladen, ohne in die sonst übliche groteske 
und plakative Düstertristesse vieler Gothic-Bands zu ver¬ 
fallen, und sehr geradlinigen Rocksongs. Allerdings wird 
man einen hymnischen Song wie ihr großartiges „Wal- 
king on both sides“ vermissen. Das Album überspringt den 


gen und noch mehr Tourneen und Konzerte, die QUEERS 
wurden einer der besten und populärsten Pop-Punk- 
Bands der Welt. Nun ist es an der Zeit, Jubiläum zu feiern. 
Und heutzutage macht man das gerne mal mit einer DVD, 
zumal es eine solche bisher von der Band noch gar nicht 
gab. So haben Joe Queer und seine Mitstreiter ihre Archive 
durchwühlt und Konzertmitschnitte aus den Jahren 1993- 
2005 zusammengetragen, das Ganze mit einigen Inter¬ 
view- und Backstage-Sequenzen garniert sowie ihre bishe¬ 
rigen Videoclips mit eingestreut. Herausgekommen ist ein 
guter Überblick über das Schaffen dieser Band. Zu bemän¬ 
geln ist aber die arg schwankende Bild- und Tonqualität, 
die bei einigen Stücken nur noch erahnen lässt, um wel¬ 
ches Lied es sich im Endeffekt gerade handelt. Doch Fans 
der Band, und für diese ist die DVD hier ja nun einmal auch 
gedacht, werden damit keine Probleme haben und kön¬ 
nen sich somit an Hits wie „Hi Mom, it is me“, Dont back 
down“, „Granola head“ oder „Sidewalk surfer girl“ erfreu¬ 
en. (7) Abel Gebhardt 

SIOUXSIE 
Dreamshow DVD 

Warner | Für Siouxsie Sioux erfüllte sich ein Traum: Un¬ 
terstützt von dem 15-köpfigen Orchester Millennia En¬ 
semble, trat sie am 15. und 16. Oktober 2004 zusammen 
mit alten Weggefährten wie Ehemann und Schlagzeuger 
Budgie, dem BANSHEES-Gitarristen Knox Chandler sowie 
dem japanischenTaiko-Drummer Leonard Eto in der Roy¬ 
al Festival Hall auf. Musikalisch ging es durch die fast drei¬ 
ßig Jahre Bandgeschichte BANSHEES, inklusive der CRE- 
ATURES. Neben den üblichen Verdächtigen wie „Christi¬ 
ne“ (zum Ende mit einem etwas merkwürdig anmutenden 
Orgeleinsatz) „Dear Prudence“, „Happy house“ und „Cities 
in dust“ wird auch, wie schon erwähnt, den CREATURES 
etwa mit „Seven years“, „Godzilla!“, „2nd floor“ oder „Miss 
the girl“ ausgiebig Tribut gezollt. Lediglich die Kamera¬ 
führung wirkt etwas distanziert und steril, aber schlie߬ 
lich spielte Siouxsie seit je her mit dem Bild der unerreich¬ 
baren Diva. Leider stehen die Streicher etwas im Hinter¬ 
grund und dadurch entfalten die Songs nicht die Tiefe wie 
auf der EP „The Thorn“. Stimmlich hat Siousxie über die 
Jahre sicherlich auch einiges eingebüßt und nach über zwei 
Stunden Spieldauer hält sich meine Begeisterung in Gren¬ 
zen. Es bleibt eher die stille Freude darüber, dass sich jetzt 
für Siouxsie ein so alter Wunsch erfüllt hat. Etwas mehr At¬ 
mosphäre entwickeln da die drei Warm-up-Auftritte, ohne 
Orchester, einige Tage vorher im legendären 100 Club. Fünf 
Tracks wurden als Bonus auf die DVD gepackt, natürlich 
auch „Hongkong Garden“. Noch persönlicher ward es im 
angehängten Interview mit Siouxsie und Budgie. Mit Kon¬ 
zert und den Extras (Interview, Soundcheck, Rehearsal, Gig 
im 100 Club) kommt die DVD so auf 187 Minuten Spiel¬ 
dauer, ist aber doch eher den echten Fans zu empfehlen. 
(7) Kay Wedel 

TÜREN 

Krieg der Dialektik DVD 

Staatsakt | Manchmal braucht es ein wenig Distanz, um die 
Dinge in ihrer richtigen Qualität zu erkennen. Keine große 
Weisheit, könnte aber stimmen. Mitten in den Aufnahmen 
zur dritten Platte haben sich die TÜREN zur Festplattenbe¬ 
sichtigung getroffen, um das Material von der letzten Sessi¬ 
on zu sichten. Zwei Jahre ist das her und anscheinend sind 
die Songs, die damals nicht „Unterwegs mit Mother Earth“ 
waren, doch so okay, um sie der Welt nicht vorzuenthal- 


Sommer problemlos und leitet den Herbst in Moll ein - 
all jenen empfohlen, denen das neue Album der EDITORS 
vielleicht zu glatt ist. (46:17) (9) Markus Kolodziej 

PALM SPRINGS 

No Hurt Like A Broken Heart CD 

Randomacts/Cargo | In den Augen vieler Leute waren 
GALAXIE 500 eine extrem langweilige Band, was die wohl 
über PALM SPRINGS denken mögen, die mit ihrem halba¬ 
kustischen „Dreampop“ durchaus in eine ähnliche Ker¬ 
be schlagen. „No Hurt Like A Broken Heart“ ist jeden¬ 
falls eine dieser Platten, der man durchaus bescheinigen 
kann, an sich sehr schöne atmosphärische Popmusik eng¬ 
lischer Prägung zu beinhalten, etwa wie AIR mit stärkerem 
Indierock-Bezug, ohne dass die Songs allerdings ihre et¬ 
was behäbige Nettigkeit überwinden könnten. Sieht man 
mal vom etwas markanteren vierten Song „Softly to fallen“ 
ab, bleibt es bei allzu neutralem lautmalerischen Wöhl- 
klang, dem allerdings etwas irgendwie Sympathisches an¬ 
haftet, ohne dass man das genauer benennen könnte. Viel¬ 
leicht würde PALM SPRINGS auch einfach nur eine gehö¬ 
rige Prise Exzentrizität ä la FLÄMING LIPS gut tun, um sie 
aus der Durchschnittlichkeit herauszukatapultieren. (6) 

Thomas Kerpen 

ANDREW PEKLER 
Cue CD 

Kranky/Cargo | Nach Platten auf Scape und Staubgold das 
erste Album von Andrew Pekler auf Kranky, der in Projek¬ 
ten wie SAD ROCKETS, BERGHEIM34 und MUCUS2 ak¬ 
tiv ist? Der in Usbekistan geborene, in Kalifornien aufge¬ 
wachsene und nun in Berlin lebende Multi-Instrumen- 
talist produziert hier ebenfalls in Home Recording-Tra- 
dition instrumentale Elektronik-Landschaften, die ana¬ 
loges mit digitalem Feeling verbinden, denn die Gitarre 
spielt hier nach wie vor eine große Rolle, und die sich da¬ 
mit noch irgendwie in eine Schublade wie Postrock stop¬ 
fen lassen. „Cue“ ist dabei ein sehr chilliges, abwechslungs¬ 
reiches Album zwischen Elektronik und Independent ge¬ 
worden, bei dem Pekler trotz eines experimentellen Ansat¬ 
zes erstaunlich poppige Klänge erzeugt, die sich innerhalb 
der vibrierenden, verspielten Arrangements finden lassen. 
Das ist letztendlich nicht weit davon entfernt, was in den 
70ern deutsche Bands wie ASH RA TEMPEL, TANGERINE 
DREAM, NEU!, CLUSTER oder HARMONIA im Kontext 
von Krautrock aus ihren analogen Synthesizern heraus- / 
holten, was „Cue“ aber nicht zu einer weniger charmanter! 
Angelegenheit macht. Das liegt sicher auch an dem gründe 
sätzlich lockeren, wenig kopflastigen Umgang von Pekler 
mit dieser Art von Musik, die einen nicht mit einem ver¬ 
krampften akademischen Anspruch von ihrer Cleverness 
überzeugen will, sondern, wie schon gesagt, vor allem eines 
ist: Popmusik der etwas anderen Art. (9) Thomas Kerpen 

POTTY UMBRELLA 
Forte Furioso CD 

Wet Music | POTTY UMBRELLA tourten kürzlich mit 
NOMEANSNO durch Polen, Deutschland und die Nieder¬ 
lande. Dabei reihen sie sich fabelhaft in die Riege der gro¬ 
ßen instrumentalen Support-Bands der Hardcore-Kana¬ 
dier ein, denn schon REMOVAL, ebenfalls aus Kanada, und 
ZU aus Italien hatten das Vergnügen die Bühne mit NMN 
für einige Auftritte zu teilen. Sawek Szudrowicz an der Gi¬ 
tarre, Maciej Szymborski für Elekro-Piano und andere 
elektronische Klänge verantwortlich, Artur Makowiak am 
Keyboard, Lukasz Przycki am Bass, sowie Piotr Waliszewski 
am Schlagzeug waren vorher mit den Bands SOMETHING 
LIKE ELVIS und TISSURA ANI unterwegs (der Split-CD 


/DVDS 


ten. Damit das Ganze nicht wie ein Restposten von Staats¬ 
akts Resterampe aussieht, wurde ein buntes Spiel-Spaß- 
Spannungspaket zusammengeschnürt, samt ausführlichen 
Linernotes, Memory zum Seiberbasteln und natürlich mit 
den bisher unveröffentlichten Schätzen aus der TÜREN- e 
Schatzkammer. 12 Songs sind drauf, als normale Sound- 
dateien und als Videos, und fast klingt es, als hätten sich die 
GOLDENEN ZITRONEN mit BRUCE & BONGO zur Dada- 
Disco getroffen. Natürlich gibt es bei den Songs teilweise 
dicke qualitative Unterschiede und fast verwette ich mei¬ 
ne F.R.-David-Sonnenbrille darauf, dass sich das auch in 
der Aufteilung der Tracks niederschlägt. Die Songs in den 
Kapiteln „Haushalt“ und „Trickkiste;“ hätten eigentlich 
auch auf den normalen TÜREN-Alben ihren Platz finden 
können - „Kein Kopf’, „Ja zur Affirmation“ und „Gucken 
macht Spaß“ sind echte Hits, auch optisch. In der Abtei¬ 
lung „LoFi-Zen“ findet man dann noch einige kleine, sehr 
seltsame Video/Songminiaturen, die teilweise nicht zu 
Unrecht unter den Tisch gefallen sind. Macht aber insge¬ 
samt nichts, „Krieg der Dialektik“ ist trotzdem eine gute 
Zusammenstellung hübscher absurd-bunter Videos. Und 
wer keinen Bock drauf hat, soll bitteschön Memory spie¬ 
len gehen. Tim Kegler 

V.A. Back To Future Festival - 
Freaks On Parade 2006 DVD 

Schellemedia/Broken Silence | Seit einigen Jahren wird 
im tiefen Osten Deutschlands, in Glaubitz, das Zwei-Tage- 
Festival in Sachen Punk, Oi!, Psychobilly und Ska, „Back To 
Future“, durchgeführt - mit wachsendem Erfolg. Fast drei¬ 
ßig Bands werden vorgestellt. Knappe drei Stunden be¬ 
kommt man einen Einblick vor, auf und hinter die Festival- 
bühne 2006. Wimi vom Label Vinyl Junkies führt über das 
Festivalgelände. Dabei werden in erster Linie die beteilig¬ 
ten Bands interviewt, bevor oder nachdem ein (Live-)Bei¬ 
trag vom Festivalauftritt erfolgt. Leider ist Wimi selten gut 
auf eine Band vorbereitet, zu spontan erscheint das Ganze, 
so dass leider immer wieder die gleichen Fragen und dem¬ 
entsprechend auch ähnliche (belanglose) Antworten auf¬ 
tauchen. Die Festivalimpressionen mit musikalischer Un¬ 
termalung sind ganz amüsant, allerdings langweilen ir¬ 
gendwann die besoffenen Fressen und vor allem deren 
doofes Gequatsche. Reduziert auf das Wesentliche, würden 
knackig-kompakte zwei Stunden daraus werden. Unterm 
Strich denke ich, dass diese DVD für die gut 2.000 Besu¬ 
cher des Festivals produziert wurde und für seine Hard- 
core-Fans, die es 2006 verpasst haben. Ansonsten empfeh¬ 
le ich allen Trinkfesten unter euch, „Back To Future“ 2007 
nicht zu verpassen, auf die Gefahr hin, dass ihr euch trotz¬ 
dem nicht mehr daran erinnern werdet, was letztendlich 
bedeutet, dass es ein geiles Wochenende war mit viel Alko¬ 
hol, noch mehr Punk, Oi!, Psychobilly, Rock’n’Roll und Ska 
und vielleicht etwas Sex. (17 7:00) Simon Brunner 

V.A. Metal’s Darkside II DVD 

magickrecords.com | Nachdem die erste DVD schon 
mit untergrundmäßigen Interviews von Jasmin St. Clai- 
re für biergetränkte Unterhaltung sorgte, wappnete ich 
mich vorsichtshalber vor dem Einlegen der zweiten Ausga¬ 
be mit genügend Gerstensaft, um mein Niveau schon mal 
erheblich runter zu saufen. Extrem trashig und ein wenig 
fremdschämend geht Miss Gangbang auch wieder an In¬ 
terviews mit unter anderem SHADOWS FALL, EXODUS, 
BLACK DAHLIA MURDER, ARCH ENEMY und SUFFOCA- 
TION ran. Sehr kurzweilig und definitiv nicht nüchtern 






OX-FANZINE 82 






REVIEWS 


vonTISSURA ANI mit PIATA STRONA SWIATA hatten wir 
ja auch schon in Ausgabe #34 einige Zeilen gewidmet). 
2003 rockten sie zuerst als ELECTRIC BLUES MUTANTS, 
benannten sich aber später um zu POTTY UMBRELLA. Ih¬ 
rem ersten Album, „AllYou Know Is Wrong“, leihen noch 
Sawek und Piotr ihre Stimme. Atmosphärisch, rein instru¬ 
mental sollten sie den Nachfolger Forte Furioso produzie¬ 
ren. Eine furiose Mixtur aus allen erdenklich Rocksparten, 
Psychedelic, einer Prise Blues, Punk, Noise und ein klitze¬ 
kleinwenig Jazz. Das Ganze erinnert gleichermaßen an THE 
WHO, JESUS LIZARD und SONICYOUTH. Eine sehr ange¬ 
nehme Mischung aus Elektro-Sound und Rock, ohne an¬ 
strengend zu sein. (60:11) (9) JeNnY Kracht 


PRISTINE 

Hands Up! Hands Up! CD 

Planet Pristine/Broken Silence | Vier Mädels aus der 
Dortmunder Nordstadt spielen Garagepunk. Das bedeu¬ 
tet, hier wird an den Instrumenten malocht und richtig 
angepackt. Nicht so die 
9 «CTim verspielte, Kleine-Mäd- 

chen-Nummer, sondern 
Arsch hoch und losge¬ 
rockt. Das macht eine 
Menge Dampf, was sicher 
nicht zuletzt an der - zu¬ 
mindest für eine Gara¬ 
genband - ziemlich fet¬ 
ten Produktion von Gui¬ 
do Lucas liegt. Dem ein 
oder anderen mag da¬ 
durch die Authentizität 
und der damit verbunde¬ 
ne Charme hier etwas abhanden gekommen sein, anderen 
wird genau das gefallen. Und die Stücke selbst sind dann 
auch regelrechte Stampfer, die zum Mitmachen animieren. 
Lediglich der Gesang ist auf Dauer etwas anstrengend, da 
doch mehr geschrieen als gesungen wird. Und nach vier, 
fünf Liedern tut das etwas weh im Ohr. Aber das soll es ja 
vielleicht auch. Schließlich wird der Käufer der CD gleich 
von allen vier Bandmitgliedern im Booklet mit einer Pis¬ 
tole bedroht. Da bleibt kein Platz für kuschelige Gefühls¬ 
duseleien. Image ist halt doch alles. (37:57) (6) 

Abel Gebhardt 



PBHCLUB 

Audio Transmitted Holiday CD 

remedy-records.com | Von wegen „sweet ska music frorn 
vienna“, die 6 Clubmitglieder haben fest die österreichi¬ 
sche Ska-Punk-Suite gebucht. Im Zickzackkurs geht es 
zwischen Dampfhammer und Gute-Laune-Ska mit Pop- 
Appeal hin und her. Als Vergleich bieten sich die wie so oft 
in diesem Metier genannten MIGHTY MIGHTY BOSSTO¬ 
NES an und vielleicht auch ein wenig Farin Urlaub - dies 
gilt zumindest für die beiden Stücke mit dem deutschspra¬ 
chigen Text. Überhaupt stelle ich mir so den Soundtrack 
für den So mm er vor. Wie die 13 Songs dann im Winter 
klingen, soll uns vorerst egal sein. (47:15) (7) Kay Wedel 

PROTEST 

Leben und Leben lassen CD 

pukemusic.de | Hammer! Das erste vollständige Album 
der Rügener ballert ohne Ende. Auch wenn „Leben und Le¬ 
ben lassen“ - kurz L.U.L.L. - eine dänische Hardcore-Band 
in den 80ern waren, sei hier über den Titelklau mal hin- 
weg gegangen, da damals die fünf Jungs bestenfalls um den 
Apfelbaum getobt sind. Oder war es ein Kirschbaum? Egal. 
Genau das macht diese Band so speziell: Junge Typen, die 


zu ertragen, zieht sie dennoch ihre zwei Aushängeschil¬ 
der durch die Interviews, und ich kann es, ehrlich gesagt, 
kaum erwarten, die dritte Ausgabe endlich in Händen zu 
halten, da der Trailer schon mal ebenso niveauvolle Unter¬ 
haltung verspricht. Aufgelockert wird die zweite Ausgabe 
durch paar Videoclips und Jasmins Leserbriefecke, wo sie 
die Fragen verliebter Metaller geduldig beantwortet Ohne 
Frage: Jasmin St. Claire ist die Verona Feldbusch des Metal! 

Uwe Kubassa 


V.A. Punk And Disorderly - The Final Solu¬ 
tion 3DVD 

cherryred.co.uk | Obacht: Wer bereits den ersten tmd 
zweiten Teil der „Punk And Disorderly“-DVD-Serie im 
Schrank stehen hat, kann sich diese Triple-DVD-Box 
schenken, enthält die doch Teil 1 und 2, allerdings er¬ 
gänzt um eine Bonus-DVD, auf der sich (Live-)Clips von 
SLAUGHTER & THE DOGS, EATER, THE BUSINESS, TV 
Smith, Jayne County, SPIZZENERGI und RED ALERT fin¬ 
den, dazu diverse Interviewausschnitte. Im regulären Teil 
gibt’s (Live-)Clips von BUSINESS, G.B.H, PETER & THE 
TEST TUBE BABIES, VICE SQUAD, U.K. SUBS, EXPLOITED, 
SHAM 69, CHELSEA, LURKERS und zig anderen mehr, in 
höchst unterschiedlicher Bild- und Tonqualität (von gut 
bis mies ist alles dabei) und meist aus den Achtzigern und 
frühen Neunzigern, aufgelockert durch Interviewschnip¬ 
sel mit Punk-Kids von der Straße. Auch die Bonus-DVD 
und das Repackaging machen aus dieser Box keine liebe¬ 
voll zusammengestellte Doku, doch hier macht s die Masse: 
Über 200 Minuten Punkrock sind ein überzeugendes Ar¬ 
gument. (6) Joachim Hiller 

V.A. Punk Rock Splatter Massacre DVD 

sunnybastards.de | Genau der gleiche Film wurde schon in 
Ox #68 besprochen, hieß da aber noch „Punk Rock Holo¬ 
caust. Punks Not Dead... But It’s About To Be“. Meiner Mei¬ 
nung nach der schönere Titel, aber ihr wisst schon, die Sa¬ 
che mit Völkermord und so ... Geändert hat sich auf jeden 
Fall nichts, außer dass Sunny Bastards das Ganze jetzt als 
deutsche Fassung mit einer Bonus-DVD rausbringt. Diese 
DVD enthält neben zwölf Videoclips von Bands, die auch 
im Film (genau dort sind auch die Clips selbst angesiedelt) 
mitspielen, auch noch massig anderes Material rund um 
dieses zweifelhafte Meisterwerk. Sagen wir es mal so: Wenn 
sich Bierkonsum tmd Kunstblut litertechnisch die Waage 
halten, kann es durch aus interessant sein, den ein oder an¬ 
deren gemochten/gehassten Musiker während der Warped 
Tour ins Gras beißen zu sehen. Nicht mehr, nicht weniger. 

Lars Koch 


V.A. Twisted TV DVD 

gokartrecords.de | Der „TwistedTV“-Sampler besteht aus 
31 Musikvideos von Bands wie AMBER PACIFIC, DAN- 
KO JONES, PLANES MISTAKEN FOR STARS und SATA- 
NIC SURFERS, und von Szenegrößen bis zu aufstreben¬ 
den Bands ist so einiges aus den Bereichen Punk, Hardcore, 
Metal und Indie vertreten. Dazu kommen noch acht Kurz¬ 
filme, einer davon mit bisher unveröffentlichtem Foota- 
ge der RAMONES. Allerdings ist die Aufmachung der DVD 
auf das Allemötigste reduziert. Wer 
sich aber allein für die Musik¬ 
videos und Kurzfilme interes¬ 
siert und nicht für das Drum¬ 
herum, für dessen DVD-Re- 
gal ist die „Twisted TV“-DVD 
eine echte Bereicherung. Hin¬ 
zu kommt noch ein unschlag¬ 
bar niedriger Preis. (7) 

Christin Pausch 



unbekümmert ein fettes Brett amerikanischen Moshcores 
hinlegen, mit allem, was dazugehört: Doublebass, runter¬ 
gestimmte Gitarren und grandiose Moshparts und Break- 
downs, New York Großstadtdschungel meets Rügener 
Kreidefelsen. Dazu geshoutete deutsche Texte, die über den 
üblichen Macho-Bullshit weit hinausgehen, sondern ei¬ 
nerseits nachdenklich, andererseits kämpferisch sind und 
sich sicher als hervorragende Hymnen gegen den bevorste¬ 
henden G8-Gipfel eignen würden. Einziger kleiner Kritik¬ 
punkt ist das getriggerte Schlagzeug, das den Sound etwas 
tot wirken lässt. Super Scheibe! (39:47) (9) Ollie Fröhlich 

PARDON MS. ARDEN 
I Bet You’re Pardon Ms. Arden CD 

I Hate Music | Der umfangreiche und blumig-wortge¬ 
waltige Waschzettel zieht eine Schublade zwischen OA- 
SIS tmd MANDO DIAO auf, was schon mehr als gewagt ist. 
Die drei Bayern spielen auf ihrem Debüt eingängige Indie- 
rock-Pop-Musik mit netten Melodien, eher englisch denn 
amerikanisch beeinflusst, abwechslungsreich tmd für das 
jugendliche Alter recht kompakt arrangiert und gut in¬ 
strumentiert. Bei aller Professionalität - teils aufgenom¬ 
men von Chris Hoek im Telstar Studio - tmd recht gro¬ 
ßem Mitsing-Potenzial, fehlen mir persönlich die Über¬ 
raschungsmomente. Das ist alles recht vorhersehbar, die 
CD fliegt nur so an mir vorbei, auch im dritten Durchlauf 
verweile ich nur bei Track #2 („Disco queen“) ein wenig. 
Schlimm wird’s beim Mundharmonika-Einsatz auf Track 
#6 („She“), auch auf das Wortspiel im Titel gehen wir nicht 
näher ein, es bleibt insgesamt Luft nach oben. (36:59) (5) 
Jürgen Schattner 

PSYCHIC TV/PTV3 

Hell Is Invisible ... Heaven Is Her/E CD 

Sweet Nothing/Cargo | Wie nähert man sich dem angeb¬ 
lich neuesten Album seiner Lieblingsband, die einem soviel 
gegeben hat, einen magisch geprägt hat und der man be¬ 
dingungslos gefolgt ist? Verklärt man die Erinnerung und 
sucht in diesem Album nach dem verlorenen Glauben? 
Betrachtet man das Album wohlwollend mit der Weisheit 
tmd Abgeklärtheit des Alters? Nichts von dem: Man schaut 
als Erstes auf das Cover tmd weiß: Das ist kein PTV-Co- 
ver, sondern eine Auftragsarbeit, die versucht sich früherer 
Symbolik zu bedienen und dabei wirkt wie eine schlechte 
Karikatur. Keine guten Voraussetzungen für die Musik. Un¬ 
wohlsein steigt in meinem Körper auf und ich habe eigent¬ 
lich keine Lust die Play-Taste zu drücken. Erinnerungen 
schießen mir durch den Kopf. Schon wieder nur Erinne¬ 
rungen!? Aktuelle Erinnerungen an ein bizarres Konzert in 
dieser Besetzung in Köln, das auch nicht gerade sehr über¬ 
zeugend war, fast komplett aus alten Songs bestand und 
eher der lächerlichen Präsentation der Brüste und Gold- 
zähne von dem Wesen diente, das früher den Namen Ge¬ 
nesis P.-Orridge trug. Vergessen wir mal den ganzen Berg an 
Mythen und Sagen, die sich um diese Band ranken. Verges¬ 
sen wir auch diesen ganzen „Thee Majesty“-Kram. Versu¬ 
chen wir uns der Musik hinzugeben. Erster Hördurchlauf: 
Ich tendiere dazu den Lautstärkeregler bis hinten hin auf¬ 
zureißen und durch die Wohnung zu tanzen. Wie früher! 
Zweiter Durchlauf im Rausch der Begeisterung. Plötzlich 
fallen mir zu jedem Song direkt mehrere alte PTV-Songs 
ein, die um Klassen besser sind und die gleichen Elemen¬ 
te 1:1 enthalten. Ich höre auf zu tanzen und setze mich. Die 
CD wird auf stumm geschaltet und der Plattenspieler läuft 
an. Direkter Hörvergleich. Wirklich! Original nachgespielt! 
Ich werde so langsam richtig böse und trete fluchend vor 
das Plattenregal. Was für eine Scheiße ... Nun ja, dieses Al¬ 
bum lehnt sich wirklich mächtig böse an den Hyperdelic- 


Releases an und spielt „Allegory And Seif“ mehr schlecht 
als recht nach. Zerstörung. PTV haben sicher musikalisch 
belanglosere Alben herausgebracht, die dann aber bewusst 
und ich würde dieses Album damit eher im seichten Mit¬ 
telfeld einsortieren. Das ist kein Neuanfang, dieses Album 
ist eher der Beweis, dass die Zeit von PTV endgültig vorbei 
ist und GPO ein nostalgisch veranlagtes „ES“ ist. (7) 

Carsten Vollmer 

PISSED JEANS 
Hope For Men CD 

subpop.com/Cargo | Eine Single und eine LP später sind 
die vollgepissten Beinkleider immer noch so herrlich ka¬ 
putt und zynisch wie auf den Vorgängern. Schwere Noise- 
Geschütze treffen auf alt¬ 
bewährte BLACK SAB- 
BATH-Gitarrenriffs, 
dazwischen zieht ein 
schleppendes Schlagzeug 
seine wuchtigen Krei¬ 
se, unterstützt von ei¬ 
nem richtig dicken Bass, 
und ein Bekloppter mel¬ 
det sich in bester Yow- 
Manier zu Wort. Ganz 
klar hätte es für so et¬ 
was vor ein paar Jahren 
noch eindeutigere Label 
als Sub Pop gegeben, aber wenn den Job sonst keiner über¬ 
nimmt, warum nicht? Sludge-Doom-Noise-Rock mit ei¬ 
ner Überdosis Punk, da gibt es viele Vorgänger, die ähnli¬ 
che Pfade beschritten haben, aber bisher keine Band, die 
das mit solch dicken Stiefeln und so breiter Brust zeleb¬ 
riert hat. Was den Unterschied — und damit für mich den 
Genussfaktor — zwischen einer Band wie dieser und den 
verffickelten kopflastigen Studentenkombos ausmacht, 
die Kaputtheit mit zerfahrenen Songstrukturen und end¬ 
losen, kantigen Soloeinlagen verwechseln, ist einerseits der 
Humor, den diese Band offensichtlich hat (alleine der Ti¬ 
tel passt zum Sound wie eine Kuh aufs Dach), andererseits 
die Tatsache, dass man immer wieder etwas findet, an dem 
man sich festhalten kann. Der Wille zur Trägheit und das 
richtige Gespür, wie man auch ohne Hektik zu verbreiten 
gehörig nerven kann (indem man wie ein Klotz am Bein 
hängt und jeden Schritt wie auch das Denken verlang¬ 
samt), können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. 
Zu guter Letzt haben die Jungs auch die nötige Gewalt im 
Gepäck, um einen dauerhaft fesseln zu können. (9) 

kalle stille 

PROPAGANDA NETWORK 
Parole, Parole, Parole! CD 

nix-gut.de | PROPAGANDA NETWORK machen ziem¬ 
lich rockigen Deutschpunk, der zwar nicht sonderlich ab¬ 
wechslungsreich ist, aber dafür musikalisch gut gespielt 
und eingängig. Die Texte sind inhaltlich zwar ansprechend, 
aber bei manchen (nicht allen!) Texten frage ich mich, ob 
es denn wirklich sein muss, dass sich Deutschpunk immer 
und immer wieder um die gleichen Themen dreht? Was 
man schon in 100 anderen Liedern hört, muss doch nicht 
immer wieder gesungen werden. Ansonsten gibt es nichts 
zu meckern, und vor allem die Stimme des Sängers gefällt 
mir gut. (35:00) (6) Tobias Weber 

PLENTY ENUFF 
Random Walk CD 

plentyenuff.ch | Verkehrte Welt in der Schweiz. Da ent¬ 
wickelt sich die Ska- und Reggaeband PLENTY ENUFF 


» 





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Finnen schon solch 
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OX-EÄNZINE 83 





























REVIEWS 


durch Umbesetzungen zu einem echten Hörgenuss, er¬ 
scheint dieses Album allerdings nicht mehr bei Leech, son¬ 
dern in Eigenregie!? Eine neue Ära hat begonnen. Den Ge¬ 
sang teilen sich jetzt der einstige Gitarrist Philipp Albrecht 
und Jessica Falk. Endlich singen PLENTY ENUFF auch so 
gut, wie sie spielen. Eine hundertprozentige Steigerung.Vor 
allem der Northern Soul-Einschlag steht ihnen exzellent. 
Vorbei die Zeit der peinlichen deutschen Texte, und ich 
hoffe, dass das unterirdische Debüt „Schauermärchen“ an¬ 
gesichts dieses hervorragenden Albums bald vergessen sein 
wird. Wie sehr freut mich diese Weiterentwicklung. PLEN¬ 
TY ENUFF können sich jetzt vorbehaltlos einreihen bei 
Bands wie THE MOOD, SKA TREK oder THE ADJUSTERS. 
Sie sind ihren Vorbildern THE SLACKERS ein gutes Stück 
näher gekommen. (35:44) (8) Simon Brunner 

PIERCES 

Thirteen Tales Of Love And Revenge CD 

Lizard Kind/Rough Trade | Zwei recht ansehnliche Da¬ 
men aus den USA versuchen sich hier im extravagantem 
Duett, enden aber leider bei belanglosem Pop. Auch das 
Drumherum, soll heißen: die originelle Geschichte um 
das Geschwisterduo, macht das Musikalische nicht bes¬ 
ser. Mit Sicherheit sind die Damen begabt, nur leider ohne 
Wiedererkennungswert. Bei hippen Studenten und/oder 
New Yorker Yuppies sind THE PIERCES aber hundertpro¬ 
zentig angesagt - dann genau ein solches Publikum muss¬ 
te ich nämlich vom ersten Moment an denken. Gleichwohl 
muss ich den Mädels eine gewisse romantische musikali¬ 
sche Verspieltheit zugestehen, die „Thirteen Tales Of Love 
And Revenge“ in manchen Momenten bestimmt zu einem 
wunderbaren Album machen. Insgesamt fühle ich mich 
stark an Künstlerinnen wie JEWEL erinnert. (47:20) (6) 

Sarah Shokouhbeen 

. RRR 


REDSCHOX 
What The Hell CD 

Talentia | Sagt ein Cover manchmal alles? Nein, nicht bei 
den REDSCHOX. Schreckt das Cover mit minimaler Ten¬ 
denz zu 80er-Jahre-Fehlgriffen erstmal ab, gibt es musi¬ 
kalisch eine Überraschung: Das ist ja richtig gut. Das Duo 
bietet klassischen Punkrock, teils mit rockigen Elementen. 
Insbesondere wenn die Dame an den Drums mal den Ge¬ 
sang übernimmt, macht es Spaß. Insgesamt ein gutes, kurz¬ 
weiliges Release der Hamburger. 12 Songs, keine Lange¬ 
weile und gute, recht persönliche Texte. Anhören! (33:40) 

(7) Sarah Shokouhbeen 

RABIES 

... Test Your Might CD 

Sorry State | Bonus-Pack mit der aktuellen LP, einem 
Samplertrack und der „Disease Core“-EP als Bündle. Nun 
bin ich mitunter ein Freund von gut gemachtem Retro- 
sound, muss aber auch ab und an den Kopf schütteln, wie 
eben bei den RABIES, die 2007 etwas in einem Topf ver¬ 
rühren, das Anfang der 80er exakt so schon bis zur Perfek¬ 
tion ausgereizt wurde. Zu nennen wären hier gut 50 Pro¬ 
zent der Oxnard-Bands wie ILL REPUTE und das Mystic- 
Klientel, BLACK FLAG aus der „Everything Went Black“- 
Phase ,JFA, AGRESSION und einige Bands mehr, deren Plat¬ 
ten ja nicht unsichtbar sind. Klar klingt das einigermaßen 
frisch, aber es ist nicht originär und fiigt dem Bekannten 
keine eigene Note hinzu. Wie so oft: Da hör ich mir lieber 
die Originale an und hol mir auf BLACK FLAG aus der Cha- 
vo/Dez-Ära einen runter, da sind wenigstens die Gitarren¬ 
riffs rotziger. Pushead-Rip-off-Cover habe ich auch schon 
weitaus Bessere gesehen. (5) kalle stille 

RIPPERS 

Nomelec’s Revenge CD 

Rock On | THE RIPPERS sind ein spanisches Quartett, wel¬ 
ches 1995 gegründet wurde. Ausgestattet mit zwei Gitar¬ 
ren, spielt die Band auf dieser neuen Scheibe krachigen 
Midtempo-Rock (and Roll), kombiniert mit einer Portion 
Punk. Die elf Songs auf dieser Platte sind extrem schnör¬ 
kellos, werden entsprechend heruntergerockt und zeich¬ 
nen sich außerdem durch einen kratzigen und straighten 
Gesang aus, welcher sich hervorragend in die Musik ein- 
fugt. Überhaupt erinnert die Kombination von Musik und 
Vocals an die genialen MURDER CITY DEVILS (ohne Key¬ 
board). Das Album startet mit den besten Songs, „Come 
down with me“ zum Beispiel groovet ohne Ende, mit 
obercoolen Slide-Gitarren und leichtem Stoner-Touch, 
auch „One blue circle“ haut mich um, die Melodiegitar¬ 
ren im Chorus sind ziemlich genial. Danach folgt eine klei¬ 
ne Schwächeperiode in der Mitte des Albums, wo es die 
Jungs ab und zu mit sich hinziehenden (Instrumental)- 
Parts übertreiben und nicht so richtig auf den Punkt kom¬ 
men. Aber spätestens bei „Who do you dance for?“ ist wie¬ 
der alles im Lot. Klasse Platte, laut hören, Lederjacke anzie- 
hen und rocken. (31:29) (8) Zahni Müller 

JON RAUHOUSE 

Steel Guitar Heart Attack CD 

Bloodshot/Indigo | Jon Rauhouse ist so eine Art Hausgi¬ 
tarrist des Alt Country-Labels Bioodshot und taucht auf di¬ 
versen ihrer Releases auf und war bereits mit Sally Timms, 
Kelly Hogan und Neko Case aufTour. Eigene Platten nimmt 
der begnadete Gitarrist auch noch auf und „Steel Guitar 
Heart Attack“ ist bereits seine dritte, wo sich Rauhouse als 
eine Art Alt-Country-David Lindley präsentiert, der mit 
seinem quirligen Gitarrespiel den Bogen zwischen Coun¬ 
try, Bigband-Jazz, Swing und Hawaii-Sounds spannt, nicht 
weit von der Überdrehtheit der Musik der „SpongeBob 
SquarePants"-Serie entfernt. Die Damen Timms, Hogan 
und Case tauchen auf dieser Platte auch als Gastsängerin¬ 
nen auf, was einen schönen Kontrast bildet zu den schrä¬ 
gen Instrumentalnummern von Rauhouse, darunter einige 
Coverversionen, eine sogar das Thema der „Mannix“-TV- 
Serie aus den 60ern von Lalo Schifrin. Und Joey Burns und 
John Convertino von CALEXICO legen ebenfalls bei vier 
Stücken mit Hand an. Auch wenn „Steel Guitar Heart At¬ 
tack“ stilistisch nicht hundertprozentig meinen Nerv trifft 
- am überzeugendsten sind sicherlich die Country-lastige- 
ren Nummern -, ist Rauhouse eine der bestgelaunten Plat¬ 
ten gelungen, die ich in letzter Zeit gehört habe, was ihr 
schon mal eine längere Halbwertzeit in meinem CD-Play¬ 
er beschert. Und sei es nur wegen der wundervollen Versi¬ 
on von Marty Robbins’ „Big iron“ mit Hogan als Sängerin, 
einen Song, den man auch auf der Vinylversion von Johnny 
Cashs „American IV:The Man Comes Around“- Album fin¬ 
den kann oder auf „UnderThe Influences“ von Mike Ness. 

(8) . Thomas Kerpen 

ROTHKO 

Eleven Stages Of Intervention CD 

bip-hop.com | Laut Info soll es sich hier bereits tun das 
elfte Album dieser in London ansässigen Band handeln, 
die, auch wenn es vielleicht eintönig klingen mag, elektro¬ 
nisch geprägten, rein instrumentalen Postrock spielen, der 
aufgrund seiner Konzentration auf den Bass an eine redu¬ 
zierte Version von UI erinnert. Apropos eintönig, das sind 
ROTHKO leider auch sehr schnell, denn ihr elektronisches 
Kammerorchester erzeugt überwiegend düster-bedrohli¬ 
che Sounds, die zwar kunstvoll gemacht sind, aber den Hö¬ 
rer in einem lauwarmen, emotional wenig erquicklichen 
Regenschauer stehen lassen, auf den jeder wohl individu¬ 


ell anders reagiert, der mir aber einfach zu trübsinnig da¬ 
herkommt. Handwerklich vollendet, aber leider gerade im 
falschen Gefühlsspektrum agierend. (5) Thomas Kerpen 

RICHIE HUNTER 
Gun Gone Baby CD 

Kamikaze | Es ist schon eine Weile her, da habe ich RICHIE 
HUNTER aus Ibbenbüren mal als Support der SUPERSU- 
CKERS gesehen und muss sagen, dass sie da ganz gut ins 
Programm passten. Auch eine gewisse Nähe zu BOOZED ist 
sowohl musikalisch als auch geografisch zu belegen, wo¬ 
bei ich RICHIE HUNTER aber für die etwas coolere und 
zurückgelehntere Variante halte. Zwölf Songs (und ein äu¬ 
ßerst granatiges Video) haben die Jungs nun auf ihr Debüt- 
album gepackt, die allesamt gutes Midtempo-Punk’n’Roll- 
Entertainment mit gelegentlichen schönen AC/DC-An- 
leihen bieten. Speziell hervorheben möchte ich an die¬ 
ser Stelle aber die unglaublich räudige Stimme von Sänger 
Richard, das ist echt ein unglaubliches Organ! Trotz allerlei 
ausgetretener Klischeepfade macht mir das Album durch¬ 
aus Spaß und ich will es mal vor allen Dingen allen BO- 
NES-Fans und Turbojugendlichen ans Herz legen. Behaltet 
die Band auf dem Radar! (36:20) (7) Bernd Fischer 

CHUCK RAGAN 
Loz Feliz CD 

sideonedtmuny.de/Cargo | Chuck who? Na, Chuck von 
HOT WATER MUSIC. Alles klar? Seit dem Ende von HWM 
ist der Ex-Frontmann mit der Reibeisenstimme solo unter¬ 
wegs, ein Mann und sei¬ 
ne Akustik-Gitarre (und 
auch mal Mundharmo¬ 
nika), und klampft mit 
großem Nachdruck zu 
Herzen gehende Lager¬ 
feuer-Punksongs. Über 
30 Lieder hat er ge¬ 
schrieben, und bevor 
im September sein ers¬ 
tes richtiges Solo-Album 
erscheint, gibt’s schon 
mal einen Appetizer in 
Form eines Livemit¬ 
schnitts, der im Februar 2007 in Kalifornien entstand und 
bei dem Chuck von Ted Hutt mit der Mandoline und John 
Gaunt mit der Geige begleitet wurde. Scheint die Art von 
Konzert gewesen zu sein, wo sich die Leute nach und nach 
auf den Boden setzen, tun dann andächtig zu lauschen, und 
wenn mich der Eindruck nicht trügt, dann wird Ragans 
Solo-Album einen deutlichen Folk-Einschlag haben, denn 
„Dream of a miner’s child“ etwa klingt nach einer Akustik¬ 
version von FLOGGING MOLLY - jener Band, deren Grün- 
dungsmitgliedTed Hutt einst war... Bleibt festzuhalten: Das 
Erbe von HWM verwalten THE DRAFT, Chuck dagegen hat 
sich zu neuen Ufern aufgemacht. (43:54) (7) 

Joachim Hiller 

XAVIER RUDD 
White Moth CD 

Anti/SPV | Down under ist Singer/Songwriter und Mul- 
ti-Instrumentalist Xavier Rudd schon länger ein populärer 
Künstler, der jede Menge Platten absetzen kann. Außerhalb 
Australiens dürfte er den meisten wohl erst durch sein im 
letzten Jahr via Anti veröffentlichtes drittes Album „Food 
In The Belly“ untergekommen sein, wo sich der Surfer- 
Dude mit intelligenten Texten und der Einbeziehung spe¬ 
zieller folkloristischer Sounds Australiens als interessanter 
wie eigenwilliger Songwriter empfahl. „White Moth“ ist 


BLACK FRIDAY ’29 Demo 2007 CD-R 

blackfriday29.com | BLACK FRIDAY ’29 melden sich, geschätz¬ 
te drei Jahre nach der LP und nach einem riesigen Haufen Shows, 
nun erstmal mit einer 3-Song-CD-R zurück. Zunächst sollten 
hiervon wohl nur 50 Stück gebrannt werden, ob das Demo also 
noch erhältlich ist, kann ich nicht sagen. Musikalisch ist hier al¬ 
les wie gehabt und geliebt, einfach nur guter Hardcore, wobei 
die Produktion leider recht beschissen ist, und die Songs so nicht 
recht zur Geltung zu kommen scheinen. Nichtsdestotrotz: jeder, 
der der Band bisher etwas abgewinnen konnte (und das sind ja 
nun wirklich nicht wenige), sollte sich dieses Demo besorgen, 
wenn es denn noch geht. (07:34) (7) Fabian Dünkelmann 

BEERNOISE Rock’n’Roll Suicide CD-R 

beernoise.de | Mit ihrem ersten Demo stellen sich BEERNOISE 
aus Berlin vor. Rauh, hart und direkt - mitten ins Gesicht. Punk 
halt. So wie er in den 80er Jahren in der Mauerstadt noch Gang 
und Gäbe war. Na ja, zumindest in Kreuzberg. Gesungen wird auf 
Deutsch und Englisch über die persönliche Einstellung zur Po¬ 
litik und Rassismus. Alles ganz ordentlich umgesetzt und ver¬ 
dammt ehrlich. Für den nächsten Schritt fehlt aber noch etwas 
die eigene Note, welche BEERNOISE aus ihrem Proberaum hi¬ 
naus hebt. Mal sehen, vielleicht hilft es ja schon auf den Reim 
„saufen - laufen“ zu verzichten... (10:10) Abel Gebhardt 

BETRUNKEN IM KLAPPSTUHL 
Am Strand CD-R 

betrunkenimklappstuhl.de.vu | Wie der Name schon verrät, ist 
die Lieblingsbeschäftigung dieser Dortmunder Combo das Ver¬ 
nichten von alkoholhaltigen Getränken. Textlich, zumindest auf 
dem Demo, behandeln alle Titel zu fast 90 Prozent die schöne 
Betätigung Saufen. Ein unrhythmischer, aber zur Band passender 
Gesang erinnert etwas an den von DIE KASSIERER-Frontmann 
Wölfi. Der Sound ist auch ähnlich, aber noch liegen Welten zwi¬ 
schen ihnen und Wölfi und Co. Das Demo enthält sechs ein- bis 
zweiminüüge leichtverdauliche Titel, welche schnell ins Ohr ge¬ 
hen, aber auch genauso schnell wieder aus selbigen entschwin¬ 
den. (08:56) (3) SvenGrumbach 

CAPTAIN VOLLEYBALL 
Long Term Solution CD-R 

captainvolieyball.de | Einen lustigen Namen hat sich die Band 
aus Homburg und Zweibrücken da ausgesucht. Das Trio gibt es 
seit dem letzten Jahr, dies hier sind die ersten Aufnahmen. Die 
fünf Songs auf schwanken zwischen gefälligem Indie- und bie¬ 
derem Proberaumrock, nicht unbedingt melodisch, dafür aber 
mit modisch angeschrägten Akkorden von wegen „Post“ und 
so weiter. Man kann nicht sagen, die Band hätte ihren Stil noch 
nicht gefunden, an der Durchschlagskraft sollte sie aber arbeiten. 
Die Songs sind nicht schlecht, aber es passiert darin zu wenig, an 
das man sich nachher noch erinnert. Nun gilt cs, aus den positi- 
venAnsätzen mehr zu machen. (18:00) (5) Christian Meiners 

DERBYDOLLS Demo MC 

myspace.com/thederbydolls | Ein echt starkes Tape dieses 
Quartetts aus Tübingen! Das markanteste Merkmal der ohnehin 
schon gut kickenden fünf Punkrock-Songs, dürfte dabei sicher¬ 
lich der unglaublich starke Gesang von Frontfrau Helen sein. Ich 
fühle mich auf jeden Fall permanent an eine schräge und rotzi¬ 
ge Variante der ROTTEN APPLES, oder an andere großartige Girl - 
fronted-Bands wieTILT oder THE GITS erinnert. Testet die Band 
bei MySpace an und besorgt euch das Tape! Ich find’s gut, nein, 
ich find’s sogar sehr gut. Bernd Fischer 

GARTENTERRORISTEN Kein Zurück CD-R 

gartenterroristen.de | Liebe Nachbarn seid auf der Hut, denn 
dieses Album könnten euren Frieden stören. Zwar enthält das 


durchaus würdiger Nachfolger dieser sehr schönen Platte, 
wo Rudd erneut Folk, Reggae und Weltmusik (Peter Gabri¬ 
el und Paul Simon kommen einem da in den Sinn) auf sei¬ 
ne charakteristische Art in den 14 Songs verarbeitet. Viel¬ 
leicht hegt es daran, dass der Überraschungsmoment von 
„Food In The Belly“ etwas verflogen ist, aber seine neue 
Platte macht einen weniger homogenen Eindruck, zumal 
ich als Bob Marley-Verächter extrem mit drei allzu plaka¬ 
tiven Reggae-Nummern zu kämpfen habe, die allerdings 
origineller als gewohnt angelegt sind, aber dennoch die¬ 
ses „No woman no cry“-Feeling haben, was wahre Surfer 
eventuell ganz toll finden. Andererseits hat „White Moth“ 
immer noch genug sehr beeindruckende Songs zu bieten, 
wie das extrem rhythmische „Footprint“, sicher das High¬ 
light der Platte, wo Rudd fast schon John Frusciante-like 
zur Sache geht. Ebenfalls sehr spannend, „Message stick“, 
ein Stück, das zeigt, dass man Weltmusik auch auf höchst 
unpeinliche Art umsetzen kann, ohne dass direkt der gan¬ 
ze Negerstamm durchs Zimmer tanzen muss. Wobei sich 
gerade in den stilleren, folkigen Momenten Rudds wirkli¬ 
che Qualitäten zeigen, der immer dann am besten ist, wenn 
er auf allzu offensichtliche Surfer- Klischees verzichtet und 
mit minimalistischer Instrumentierung eine mitreißen¬ 
de Emotionalität produziert wie bei der tollen, abschlie¬ 
ßenden Bluegrass-Nummer „Come back“. Wer „Food In 
The Belly“ mochte, kann auch hier bedenkenlos zugreifen, 
auch wenn einige Stücke dieser Platte die Gesamtatmos¬ 
phäre erheblich stören. (7) Thomas Kerpen 

RITUAL 
Wolves MCD 

stillliferecords.com | Also, die EP enthält quasi beide 7“ 
der immer noch jungen Band und einen Coversong („An¬ 
chor“ von CHOKEHOLD). Es rockt und es ist immer noch 
Hardcore und es ist gut so, wie es ist. Kein verzerrter Gesang 
mehr und live sowieso immer noch Bombe. Waren jüngst 
mit HAVE HEART und ANCHOR unterwegs und tou¬ 
ren diesen Sommer wieder fleißig. Also erst die EP kaufen, 
dann Texte auswendig lernen und das machen, was nerdy 
Hardcore-Kids am liebsten tun: Supporten und Merch leer 
kaufen. Klar?! (17:57) (8) Katrin Hacheney 

RAKETENHUND 
Walking On Zahnfleisch LP 

Plastic Bomb /Cargo | Knapp vier Jahre ist es her, dass DER 
RAKETENHUND seine erste Platte veröffentlichten: „Raus 
aus Gartenstadt“. Sträflich unterbewertet von den meisten, 
fand diese Platte leider wenig Erwähnung in den einschlä¬ 
gigen Fanzines. Jetzt veröffentlichten sie, in Zusammenar¬ 
beit mit Plastic Bomb und Omnidor, ihr zweites Werk mit 
dem Namen „Walking On Zahnfleisch“. Alter! Schon der 
Name ist Gold und verdient einen Orden. Denn ob auf 
dem Weg von einer miesen Party gen Heimat, weil das eine 
Loch im Kopf mal wieder nicht gereicht hat, oder wenn die 
Arschlochwochen mal wieder kein Ende nehmen wollen 
und der nächste Schlafexpress noch Stunden auf sich war¬ 
ten lässt... Sänger Jan bringt in jedem der Songs rüber, was 
man sich auch schon oft gedacht, aber niemals so formu¬ 
liert hat: I’m walking on Zahnfleisch eben. Diese Platte ist 
wie gemacht für all die Momente, in denen man irgend¬ 
wo herumsitzt, den Mund voller Zähne, aber nix zu fressen 
hat, oder sich fühlt wie ein Gebrauchtwagen. Nicht wissen, 
wohin mit sich, und außerdem: Wer entscheidet das alles 
eigentlich? In all diesen Momenten bitte ab sofort beher¬ 
zigen: DER RAKETENHUND los, komm kuscheln! Musi¬ 
kalisch bewegen sich die drei Jungs und das Mädel am Bass 
auf altbewährten Pfaden. Irgendwo zwischen all den gro¬ 
ßen Namen, die schon so oft gefallen sind. Die immer fal- 


Demo nur vier Titel des neuen GARTENTERRORISTEN -Albums, 
jedoch sind schon diese Garanten für spätere Ruhestörungse¬ 
xesse. Die Deutschpunk-Songs überzeugen vor allem durch ihre 
Vielseitigkeit. Flier klingt nicht einTitel wie der andere, doch ei - 
nes haben sie gemeinsam und zwar mindestens einen Hauch an 
Melodie. Vier Titel, die Lust auf mehr machen, und ich denke, 
dass der Rest der Platte genau so überzeugen kann. Dass die GAR¬ 
TENTERRORISTEN schon mit Größen wie DRITTE WAHL zu¬ 
sammenspielten zeigt, dass hier schon Punk der qualitativeren 
Sorte erwartet werden darf. (13:48) (5) Sven Grumbach 

JETLEGS Alright! Let’s Go! CD-R 

myspace.com/thejetlegs | Ist dieser Bandname nicht schon lan¬ 
ge weg? THE JETLEGS das klingt vertraut, als habe man schon 
viel von dieser Gruppe gehört: Ja, kenne ich, vom Namen her. Ist 
doch eine amerikanische Indieband aus den Neunzigern? - Nein, 
Herr Experte, es gibt ein neues Punk’n’Roll-Trio aus Nürn¬ 
berg. Brandaktuell. THE JETLEGS - übrigens mit Wortspiel und 
„E“ - legen los. One, two three four: Let’s go! Mit ihrem zweiten 
Demo geht die Band in die Vollen und spielt fünf Songs energisch 
runter. Die Musik bedient sich bei Bewährtem, Rock’n’Roll hat 
schließlich schon viele Bands gesehen. Doch exzellente Gitarren¬ 
arbeit und treibende Beats lassen das mittlere JETLEGS-Tempo 
knackfrisch erscheinen und kaschieren die wenigen Schwach¬ 
stellen im Gesang. Kommt gut. (17:02) (9) Arne Koepke 

KILL CARTEL Demo CD-R 

myspace.com/killcartel | Vor über drei Jahren erschien auf dem 
mittlerweile aufgelösten Japan-Vinyllabel das Debütalbum der 
ROOLETTES, doch was viel versprechend begonnen hatte, war 
dann recht bald wieder vorbei, die Band Geschichte. Mit KILL 
CARTEL meldet sich jetzt ein Teil der ROOLETTES mittels eines 
4-Song-Demos wieder zurück, und am Sound hat sich nichts 
verändert: der ist immer noch angenehm griffiger, schnörkel- 
loser, kickender Rock, für den sich jeder begeistern dürfte, der 
TURBO AC’S, BOOZED, THE CULT und ähnliche Grenzgänger 
zwischen Riffrock und Punkrotz mag. (10:29) (7) Joachim Hiller 

ME AND MY BLACKMETALFRIENDS 
Demo CD-R 

myspace.com/mamb | Wer seine Band nach einem ATOM 8 1 
HIS-PACKAGE Stück benennt, kann nur cool sein. Außerdem 
lautet die Kontaktadresse der drei Musiker takewarning@gmx. 
net Beides Tatsachen, die für eine ordentliche musikalische So¬ 
zialisation sprechen. Umso erfreulicher, dass diese Vermutung 
durch die enthaltenen Stücke bestätigt wird. Dreimal deutsch¬ 
sprachiger Skapunk, der sich dafür, dass er in einem norddeut¬ 
schen Schuppen aufgenommen worden ist, verdammt gut an¬ 
hört. Nicht aufgesetzt und sehr eingängig, so muss das. Hoch¬ 
achtung auch für die Textzeile „Ich weiß nicht, was wir uns da¬ 
bei dachten, als wir das kleine Mädchen mit der Zahnspange 
auslachten“ Als Letztes muss ich noch erwähnen, dass auch die 
Aufmachung des Demos gelungen ist. Weißer Pappschuber mit 
schwarzem Filzstift beschriftet, das zeugt von einem gewissen 
Understatement. Volle Punktzahl! (11:02) Lars Koch 

NO ONE’S CHOICE 
Waiting For Summer CD-R 

no-ones-choice.de | Warum haben die eigentlich keinen Plat- 
tenvertrag? Seit bestimmt sechs Jahren machen Marius Jab- 
lonski, Paul Hoetten, Tim Asch und Dominik Sutor schon ex¬ 
zellenten Punkrock auf technisch und melodisch höchstem Ni¬ 
veau. Nach zwei Alben und einer Split-CD mit den 5BUGS aus 
Berlin wird mit „Waiting For Summer“ und vor allem dem Hit 
„Wake up, break up“ der neue Angriff auf die heimlichen Hit¬ 
paraden gestartet. Mittlerweile sind die Songs zwar etwa emo- 
iastiger aber dafür auch noch ein Stück eingängiger. Für Leute, 


len, sobald der textliche Horizont einer Band über das hin¬ 
ausgeht, was einem in diesem Genre so gerne geboten wird. 
Indie Richtung soll es gehen. Sehr melodisch und eingän¬ 
gig, aber mit Rotznase spielt man sich hier in knapp 40 Mi¬ 
nuten durch 12 Songs. Durchaus tanzbar. Intellektuellen - 
Punk, wie der Nietenkaiser zu grölen pflegt, sobald et¬ 
was ohne das mehr oder weniger übliche Klischeegedre- 
sche auskommt. Der Soundtrack of the verarschte Studen- 
ten/Arbeiter/Hartz4 dass. Es gibt Dinge, die müssen ein¬ 
fach gesagt werden. RAKETENHUND machen das auf eine 
unaufdringliche Art und Weise, ohne übertriebenen Tief¬ 
sinn, aber eben auch nicht Wattenmeerplatt. Keine Sauflie¬ 
der, aber auch kein Himgewichse. Eigentlich müsste man 
pausenlos auf die Pauke hauen und mit dieser Platte mis¬ 
sionieren gehen. Ja, Silvesterraketen zünden, eine nach der 
anderen. Für jeden Hit eine. Und das sind einige. 

Jörkk Mechenbier 

RENTOKILL 
Antichorus CD 

Rüde/ ruderecorz.com | Was macht ein gutes Punkrock- 
Album aus? Vor allem Leidenschaft und Herzblut. Soviel 
ist sicher, „Antichorus“ hat beides. Es sind erst wenige Tage 
vergangen, seit mir ein 
sympathischer junger 
Herr mit blauen Haaren 
das neue Album seiner 
bereits seit 1996 beste¬ 
henden Punkrock-For- 
mation RENTOKILL in 
die Hand drückte. Schon 
jetzt kann ich sagen, „An¬ 
tichorus“ hat mich mehr 
als überzeugt. Fünfzehn 
großartige emotiona¬ 
le, politische Fast-For- 
ward-Punkrock-Hym- 
nen, beeinflusst durch Bands wie STRIKE ANYWHE- 
RE oder PROPAGANDHI, die Mut machen, zu hinterfra¬ 
gen und Dinge selbst in die Hand zu nehmen. „Anticho¬ 
rus“ bietet aber weitaus mehr. Hinter cleveren Texten, rau¬ 
hem Gesang, hochmelodischen Singalongs und hymnen- 
haften Background-Vöcals steht eine ehrliche und aufrich¬ 
tige Attitüde, welche die Durchschlagskraft jedes einzelnen 
Songs noch erhöht. Eine echte Message zu haben, ist dieser 
Tage nicht selbstverständlich. In Zeiten, in denen wir mit 
eintönigen Styling-Bands überschwemmt werden, sind es 
Bands wie RENTOKILL, die die Fackel hochhalten uftid uns 
darin erinnern, worum es beim Punkrock eigentlich geht. 
Als Anspieltip empfehle ich „Step over the wall“. (36:36) 
(8) Robert Buchmann 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

RADAR 
Rollsplitt CD 

Sweet Home/Poor Dog | Energisch eingetreten, kurz 
Luft geholt und alles überrollt. Keine falsche Bescheiden¬ 
heit beim Opener dieser Platte und damit das essentiel¬ 
le Schmiermittel jeglicher rein instrumental werkelnder 
Musik gleich literweise ausgegossen: Energie. Pure Ener¬ 
gie, denn keine Stimme vermag der lahmarschigen, lang¬ 
weiligen Musik noch ein wenig Aufmerksamkeit herbei¬ 
zuträllern. Ungestüm sind darum auch die großen Meis¬ 
ter dieses Faches, von TORTOISE bis MOGWAI. Deren Ni¬ 
veau erreichen die Chemnitzer noch nicht, haben aber ein 
Album fabriziert, bei dem man mehr als Aufhorchen sollte, 
nämlich sich mitreißen lassen. Mitreißend bleibt es näm¬ 
lich auch, wenn nicht eine rockende Gitarre mit einem 


/DEMOS 


die NEW FOUND GLORY stark finden und sich für gut gemachte 
und originelle Musik interessieren, führt kein Weg an NO ONE’S 
CHOICE vorbei. Sebastian Wahle 

REJOUISSANCE EP II CD-R 

timetooperate.com | Ein bisschen Bildung zu Beginn: Rejouis-^ 
sance bezeichnet in der klassischen Musik einen schnellen, heite¬ 
ren Satz einer Suite. Sollte ich das einzige Bandmitglied, Jim Hef- 
fernan, mal treffen, werde ich den Typen fragen, was ihn zu der 
Wahl dieses Namens bewogen hat. Von Heiterkeit keine Spur. Es 
ist vielmehr eine merkwürdige Stimmung, die in den fünf Songs 
herrscht. Musik wie diese müsste mit derbe verzerrten Gitar¬ 
ren gespielt werden das Schlagzeug scheppert, die Texte bei¬ 
nahe gegrölt —, aber die Gitarren sind clean. Akustischer Stoner- 
rock? Folk-Metal? Keine Ahnung, wie man es nennen soll, aber 
seinen Reiz hat es. Vor allem die dezenten Gitarrensoli sorgen für 
ordentliche Farbtupfer. Einzig das Verhältnis zwischen Idee der 
Musik und ihrer Lautstärke verwirrt etwas. (18:00) (6) 

Christian Meiners 

RÜDES Time To Scrabble CD-R 

the-rudes.com | Kennt eigentlich noch jemand THE BA- 
TES? Diese sind nämlich neben GLUECIFER und THE WHO die 
Haupteinflüsse von THE RÜDES aus Niederbayern. Und so ähn¬ 
lich kann man sich die „Musi“ der jungen Leute - die fünf sind 
zwischen 18 und 21 und machen seit drei Jahren Musik - vor¬ 
stellen: Ein Mix aus traurig-schönem Punk und einer Prise Rock 
plus hier und da ein Akustik-Song. Der Sound ist nicht perfekt, 
geht aber in Ordnung und die Band zeigt auf den zehn Tracks, 
dass sie ihre Instrumente allemal beherrscht. Das Album wurde 
ohne Labelunterstützung professionell aufgenommen und ge¬ 
staltet. Dafür auf jeden Fall Hut ab! Leider fehlt den Nummern 
aber das gewisse Etwas. „Time To Scrabble“ ist anhörbar und 
langweilt nicht, sticht aber nicht richtig heraus. Aber Potenzial 
ist hier allemal zu erkennen und ich bin auf die weitere Entwick¬ 
lung der Band gespannt. (32:56) (6) Arndt Aldenhoven 

WITH OPEN ARMS Demo CD-R 

withopenarms.de | Mit ihrer selbst betitelten fünf Song starken 
Demo-CD geben die Münchener Newcomer ein erstes Lebens¬ 
zeichen von sich. Beeinflusst von Hardcore-Bands der 90er Jah¬ 
re, eifert man Szenegrößen wie STRIFE nach und die Grenze zum 
Tough-Guy-Hardcore ist auch nicht weit. So weit, so gut, könn¬ 
te man jetzt denken, was aber auf die Dauer echt nervt, ist die ge¬ 
quält klingende Stimme des Sängers, die immer gegen die oh¬ 
nehin nicht innovative Rhythmusfraktion anzukämpfen scheint. 
Somit leider nur Mittelmaß und auf jeden Fall überholungsbe¬ 
dürftig. (16:17) (5) Tobias Ernst 

ZODIACS Girl CD-R 

info(« thezodiacs.de | Erst mit einiger Verspätung hat dieses be¬ 
reits 2004 aufgenommene Demo der ZODIACS aus der Nähe 
von Heilbronn den Weg zu uns gefunden. Ich muss leider sagen, 
dass ich auch eigentlich hätte verzichten können. Diese Art von 
Rock ist einfach nicht mein Ding. Es ist halt kein Punkrock, oder 
Rock'n’Roll. Nur Rock. Kann ich nicht mal wirklich detaillierter 
beschreiben, und so muss ich dann doch die Band selbst bemü¬ 
hen. die sich von den RED HOT CHILI PEPPERS, LED ZEPPELIN, 
den STRASSENJUNGS und den DIRE STRAITS beeinflusst fühlt. 
Ja, also Rock. Sag ich doch. Wie gesagt, ich mag’s nicht, aber wer 
sich gerne mal in der Richtung umhört, für den sind die ZODI¬ 
ACS vielleicht ganz interessant. Für mich leider überhaupt nicht. 
Lediglich einige vereinzelte Funk-Elemente sind hier und da 
ganz interessant, zum Beispiel beim Opener „Gir!“. Das ist dann 
wohl der RHCP-Einfluss. Das war’s aber auch schon. (27:46) (4) 
Claudia Luck 




OX-FANZINE 84 







REVIEWS 



Independent 
Punk Ska O» 
Anarcho-HC 
Girl-Pop-Punk 
Wave Gothic 
Underground 
Noise-Pop Industrial ' 
Electronic Body Music 


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tanzbaren, treibenden Beat zusammenschraubt wird, wie 
beim ersten Track. RADAR verlieren aber nicht an Ener¬ 
gie, sie bändigen sie nur, lassen sie eruptiv wieder empor¬ 
schießen und fahren auch bei filigranen Parts ihre Höllen¬ 
maschine nie gegen die Wand. Post-Rock nennt sich so et¬ 
was, auch wenn die Band den Begriff von sich weist. Doch 
wie bei jedem guten Album, verlassen auch sie diese Gen¬ 
regrenzen. Psychedelisieren mit Orgel und Metallophon 
ins Kraut. Akzentuierte, äußerst klare Gitarren, nur selten 
mal ein Riff spielend, als harmonisierender Gegenpart. Ge¬ 
legentlich verliert man sich dabei in Klangfarbenspiele¬ 
reien, plätschert ein wenig umher. Doch mit der nächsten 
tanzbaren Wendung findet man den Weg zurück, womit es 
immer nur ein fast unbemerkter Schlenker bleibt. Also ein 
Abstrich? Ja, ein kleiner, aber so imbedeutend wie die Her¬ 
kunftsstadt von RADAR. (44:20) (8) Simon Brüggemann 

RICH ANDKOOL 
Back To You CD/LP 

noisolution.de/Indigo | Überraschung macht sich 
breit: Es gibt ja doch mal wieder eine deutsche Band, die 
es schafft, sich von der uninspirierten, kopierenden Mas¬ 
se abzuheben. Die Berliner RICH AND KOOL überzeu¬ 
gen auf ihrem 15 Songs starken Debüt „Back To You“ mit 
einem sehr abwechslungsreichen Stilmix aus Electro und 
Indie mit zum Teil schrillen englischen Gesangparts in der 
Stimmlage von MEDIENGRUPPE TELEKOMMANDER. Auf 
„Tous comptes faits“ wird’s sogar französisch, etwas Euro- 
Trash klingt auch mal durch und „Nothing but TV“ erin¬ 
nert von der Rhythmik her an THE ROBOCOP KRAUS, die 
Band aus unseren Landen, die schon seit Jahren unsere mu¬ 
sikalische Ehre rettet. (56:29) (8) Nina Maenz 

ROCKET UPPERCUT 
This Be a jtiful Tragedy CD 

Modern Noise/Cargo | Endlich das Debüt der derzeit de¬ 
finitiv interessantesten Indieband aus Süddeutschland. 
Wusste man bei ihrer ersten EP „The First Takes“ noch 
nicht genau, in welche Richtung es gehen sollte, wurde mit 
dem Wechsel an der Gitarre der Grundstein für den heu¬ 
tigen Sound gelegt. Dieser ganz besondere Britpop- Char¬ 
me, gepaart mit Genresprenkeln aus 77er Punk, Garage, 
Indie, Noise, Sixties und Wave, ist genau die richtige Mi¬ 
schung, die ich bei so vielen Bands vermisse: das Gespür 
für Arrangements und Melodien, die poppig und eingän¬ 
gig sind, allerdings ohne diesen penetranten Schonwasch¬ 
gang. ROCKET UPPERCUT können auch ruhig und melan¬ 
cholisch, wie die leider längst verblichenen Bands ERIC’S 
TRIP, FATAL CHARMS oder THE MOTHERS. „This Beauti- 
fül Tragedy“ beinhaltet, neben einigen brandneuen Songs, 
weitere zum Teil neu eingespielte Highlights der bisheri¬ 
gen zwei Jahre, die jedoch nur auf ihrer Demo-EP oder auf 
der in England erschienenen Split-Single mit THE SPELLS 
erschienen waren. „Cinderella“, im Original von THE SO- 
NICS, ist im ROCKET UPPERCUT-Format ist sehr gelun¬ 
gen. Die unverwechselbare Stimme von Bianca, die ex¬ 
trem hart, aber auch butterweich sein kann, nebst pop¬ 
pigen Background-Vocal-Arrangements verpassen „This 
Beautifül Tragedy“ das gewisse Extra mit sofortigem Wie¬ 
dererkennungswert. Ein Debüt, das kaum noch zu toppen 
ist und mit dem das gemischte Doppel von ROCKET UP¬ 
PERCUT seine Messlatte selbst ziemlich hoch legt. (37:57) 
(9) Simon Brunner 

sss 


SANDSACKS 
Folk Show CD 

rabazco.de | Früher ausschließlich als mittelalterliche 
Spielleute unterwegs, sind die Musiker aus Berlin und Hal¬ 
le seit vier Jahren auch mit irischem Programm unterwegs. 
Nicht unklug, schließlich gibt es Parallelen im Instrumen¬ 
tarium der irischen und mittelalterlichen Musik. Das Pu¬ 
blikum scheint mit den verwandten Klängen bestens klar 
zu kommen. Zwischendurch sind THE SANDSACKS ganz 
angenehm, Traditionais wie „Drunken sailor“ haben einen 
langen Bart, aber das gemeine Volk will es denn wohl so. Ei¬ 
genes Repertoire ist interessanter. Irische Stimmungsmu¬ 
sik, wie sie THE SANDSACKS präsentieren, ist für mich sy¬ 
nonym für einen verrauchten Pub, in dem das Bier in Strö¬ 
men fließt. Alles zu seiner Zeit. (42:44) (6) Simon Brunner 

SILVER SHINE 

Don’t Trust The Girl With The Chainsaw CD 

Crazy Love | Ein weiterer Kracher aus Ungarn. Mit ihrem 
zweiten Longplayer sind SILVER SHINE aus Budapest ei¬ 
nen großen Schritt nach vorne gegangen. Ihr Mix aus Psy- 
chobilly und Punkrock muss sich nicht hinter etablier¬ 
ten Bands wie MAD SIN oder NEKROMANTIX verstecken. 
Nachdem GORILLA, bester Newcomer der späten Neun¬ 
ziger, nicht mehr aktiv sind, bleibt es bei den dreien, die 
Fahne des zeitgenössischen Psychobilly in Ungarn hoch zu 
halten. Schnell sind sie an manchen Stellen, dem Slapbas- 
sisten wird keine Pause gegönnt. Die Vocals leiden etwas an 
Tiefe, aber durch den pointierten Einsatz von BackingVö- 
cals wird auch diese Schwäche ausgeglichen. 15 Tracks mit 
allen, was für Stimmung und gute Laune sorgt. Texte? Egal, 
geht um nichts Wichtiges. Hauptsache es klingt gut und 
macht Spaß. (50:21) (7) Robert Noy 

SANTERIA & THE PORN HORNS 
Rocksteady Telegraph CD 

Soulfire Artists/Rough Trade | Hoffnung glomm auf, dass 
die Flaute des deutschen Ska nun endlich zu Ende ist, da im 
ersten Drittel dieses Albums ein schwungvoller Mix aus LI¬ 
BERATOR, Johnny Socko und PORKERS zu hören ist, der 
Überhit: „Höher, schneller, weiter“. Leider nehmen nach 
etwa der Hälfte der Spielzeit die schwerfälligen Reggae 
Roots überhand und das Blatt wendet sich. Meine Tanzlau¬ 
ne endet beim unsäglichen David Hasselhoff-Chart-Hit- 
Cover „Looking for freedom“. Am Boden der Tatsachen an- 
gekommen, stelle ich erneut fest, dass es trotz einer Reihe 
begnadeter Musiker noch viel in Deutschland zu tun gibt, 
um dem alten Haudegen Ska wieder auf die Beine zu hel¬ 
fen. (59:51) (6) Simon Brunner 

SGT. SUNSHINE 
Black Hole CD 

elektrohasch.de | In Schweden scheint sich im Stoner-, 
und Psychedelic-Rock-Sektor derzeit einiges zu tun, und 
SGT. SUNSHINE legen alles andere als ein weiteres plat¬ 
tes Riff-Rock-Album vor. Auf „Black Hole“ wird geff ickelt, 
was das Zeug hält, und man tut sich schwer, die vielen Tra¬ 
ditionen auseinanderzuhören, an welche das Trio um Edu- 
ardo Fernandez anknüpft. Viel 60er-Jahre-Psychedelisches 
findet sich hier (frühe PINK FLOYD), aber auch Avancier¬ 
tes aus den 90ern hat deutliche Spuren hinterlassen (PRI¬ 
MUS kennen die drei Schweden sicher gut) und insgesamt 
läuft das Ganze für mich auf nichts so recht hinaus, das 
heißt, man bewegt sich zwischen den Vorbildern hin und 
her, ohne wirklich was Überzeugendes dabei zu kreieren; 
aber mit pseudo-avantgardistischer Drogenmusik hab ich 
halt noch nie so recht was anfangen können. (50:58) (6) 

Simon Loidl 

SCARROTS 

The Sound Of Being Lost CD 

funtimerecords.com | Belgien überrascht seit ein paar 
Jahren mit äußerst kreativen Bands wie zum Beispiel 


SOULWAX oder neuerdings auch GOOSE, die einen hohen 
Wiedererkennungswert besitzen und etwas Eigenes ent¬ 
stehen lassen. Das Sextett SCARROTS aus Leuven setzt eher 
auf klassische Rock-Attitüden und hat sich amerikani¬ 
sche College-Rock ä la WEEZER und JIMMY EAT WORLD 
zum Vorbild genommen. In Belgien haben sie schon auf 
den auch hierzulande bekannten Festivals wie Pukkelpop 
oder RockTernat gespielt und live macht die seit zehn Jah¬ 
ren bestehende Band mit Sicherheit Spaß. Doch auf ihrem 
neuen Album „The Sound Of Being Lost“ bleiben sie eher 
belanglos und schaffen es nicht, sich eine eigene Note zu 
geben. (35:52) (5) Nina Maenz 

SHADOW REICHENSTEIN 
It’s Monster Rock CD 

fiendforce.de/ Cargo | Ob wohl jemand auf die Idee kam, 
die aus Dallas, Texas stammenden Deathrocker anlässlich 
ihres Auftrittes beim Solinger Fiendforce-Festival zwecks 
Fotoaufnahmen an die 
dortige Bushaltestel¬ 
le „Werwolf zu führen? 
Gepasst hätte das ja wie 
die Faust aufs Auge, denn 
die Band des Herrn Rei¬ 
chenstein (lustigerwei¬ 
se ist das auch der Name 
eines Ford-Autohauses 
in meiner Heimatstadt, 
was die Sache für mich 
ein gutes Stück weni¬ 
ger evil macht...) ist ent¬ 
sprechender Symbolik 
und Thematik von jeher verpflichtet, ist zudem durchaus 
germanophil, was sich an Bandname, Eisernes Kreuz-Logo 
und so weiter erkennen lässt, zum Glück aber nicht auf die 
Musik abgefärbt hat. Stumpfes RAMMSTEIN-Stampfen 
oder Polka-Punk sind nicht gefragt, stattdessen lässt sich 
der Monster-Rock als Mischung aus dem Goth-Rock von 
BAUHAUS, der Intensität der frühen CHRISTIAN DEATH, 
Dick Dale sehen Surfgitarrenläufen, spooky Orgelparts und 
TIGER ARMY-likem MISFITSbilly beschreiben, und da die 
Produktion des dritten Longplayers so glasklar und druck¬ 
voll ist, kann man auch von einer massiven Steigerung ge¬ 
genüber dem schon nicht schlechten, aber letztlich noch 
etwas konventionellen Vorgänger „Werewolf Order“ spre¬ 
chen. Ein ausgesprochen gutes Album, das zwar mit reich¬ 
lich Horror-Klischees beladen daherkommt, aber letztlich 
durch die exzellente musikalische Umsetzung besticht. 
(47:26) (8) Joachim Hiller 

STUERTZ 

So lang es ohne Luftholen geht CD 

sopot-reCords.com/Alive | Komischer Name für eine 
Band, STUERTZ, oder nicht? Hinter STUERTZ steckt ein 
Mann, nämlich Sebastian Stuertz, der seine Musik mit ei¬ 
ner nach ihm benannten Band vorträgt. Na gut, für Namen 
kann ja niemand etwas. „So lange es ohne Luftholen geht“ 
enthält elf pfiffige und wortgewandte Lieder über Leben 
und Liebe, Schweden und Pferde und das unbekannte Du. 
STUERTZ gehören zur „neuen" Generation intelligen¬ 
ter deutscher Künstler wie KETTCAR, Olli Schulz, TOM- 
TE, MADSEN, Max Schröder und wie sie alle heißen. Da ist 
es wenig verwunderlich, dass auch die Produktionskory¬ 
phäe der deutschen Popmusik, Chris von Rautenkranz, am 
Entstehungsprozess dieser Platte beteiligt war. „So lange es 
ohne Luftholen geht“ ist neues Futter für alle diejenigen, 
die sich für die Musik der oben genannten Künstler begeis¬ 
tern können. Ich bin schon satt, und deshalb wird es für 
mich noch lange ohne STUERTZ gehen. (42:28) (6) 

Arne Koepke 

SIDEBURN 
The Sun CD 

Buzzville/Pirate Smile | Bis zum Schluss habe ich diese 
CD nicht in meinen Player eingelegt, befürchtete ich doch 
allzu sehr, rein aufgrund der Optik der vier Herren aus 
Schweden, mir erneut von zähflüssigem Stoner-Rock den 
Tag versauen lassen zu müssen. Wenngleich ich nicht unbe¬ 
dingt vollkommen konform mit dem gehe, was SIDEBURN 
hier abliefern, haben sich meine Befürchtungen nicht voll¬ 
kommen bewahrheitet. Alles dreht sich hier vielmehr um 
dreckigen Hardrock, der natürlich nicht ohne die üblichen 
Klischees auskommt, der aber näher an den besseren Bands 
der 70er Epoche dran ist, als die meisten anderen. Aber 
schön aufpassen, dass sich die Haare und Bärte nicht in den 
Instrumenten verfangen... (63:55) (5) Claus Wittwer 

BORIS SUJDOVIC 
Fuzz Machine MCD 

bang-records.net/Munster | Boris Sujdovic ist Bassist und 
kommt aus Australien. Und so hat er in den vergangen Jah¬ 
ren bei den SCIENTISTS, BEASTS OF BOURBON und den 
DUBROVNIKS gespielt, aber für sein Solo-Album die Vier- 
saitige gar nicht in die Hand genommen, sondern eine bra¬ 
chiale Fuzz-Gitarrenorgie zelebriert. Dazu gibt’s kernigen, 
sich aber eher im Hintergrund haltenden Gesang und et¬ 
was monotones, aber druckvolles Drumming aus einem 
kleinen Kasten mit Knöpfen dran. Klingt für mich wie eine 
Mischung aus JESUS & MARY CHAIN und COSMIC PSY- 
CHOS - und ist laut Boris die perfekte Musik, um - richtig 
laut gespielt - morgens um drei die hippen Nachbarn, die 
den ganzen Tag mit Emo-Shit nerven, mal in Sachen guter 
Musik zu unterweisen. Das kann ich nur unterschreiben, 
und wer derben Aussie-Rock liebt, der hat an dieser prin¬ 
zipiell aber recht unspektakulären EP sicher seinen Spaß. 
(20:05) (6) Joachim Hiller 

SEE YOU NEXT TUESDAY 
Parasite CD 

ferretstyle.com | Das Info nennt die Musik auf SEE YOU 
NEXT TUESDAYs „Parasite“-CD Stresscore. Ich würde sa¬ 
gen: Stresscore to the max. Auch wenn der Vierer aus Mi¬ 
chigan sich erst vor zweieinhalb Jahren zusammentat, 
nicht ohne zu Beginn die Instrumente zu tauschen, haben 
SEE YOU NEXT TUESDAY doch ein hohes Level an Perfek¬ 
tion erreicht und spielen in derselben Liga wie THE RED 
CHORD oder CONVERGE, an die sie mich doch einige 
Male erinnern. Die Songs sind wie eine Achterbahnfahrt 
auf LSD, nehme ich zumindest mal an. Wirre, wilde Gitar- 
renriffs, die aus Prinzip nicht zweimal pro Song gespielt 
werden, komplexes Drumming und gekreischt/ gegrowl- 
ter Gesang, wobei die Texte wohl eher zu den Lustigen ge¬ 
hören, oder wer denkt sich Songtitel wie: „Baby, you make 
me wish I had three hands“ aus? Coole Scheibe mit stylis- 
hem Cover für seelisch gefestigte Zeitgenossen. (18:53) (7) 
Ollie Fröhlich 

SACRED COWBOYS 
Cold Harvest LP/CD 

bang-records.net/Cargo | Die Rückkehr einer weiteren 
alten Aussie-Band. Frontmann Garry Gray gründete die 
SACRED COWBOYS schon 1982, hatte aber zuvor schon 
mit THE REALS (1975-76) und THE NEGATIVES (1977- 
79) Musik gemacht. 1982 dann begann er mit seiner neu¬ 
en Formation durch die Clubs und Bars von Melbourne zu 
ziehen, man nahm bis zum ersten Split 1985 zwei Singles, 
eine EP sowie ein Album für New Rose auf, und zwei Jah¬ 
re später war Gray mit einem neuen Line-up zurück, das 
bis 1996 durchhielt und in dieser Zeit die CD-EP „Black 
City“ veröffentlichte sowie das zweite Album „The Things 


To Come“, 1996 erschienen. Seit August 2006 sind die 
SACRED COWBOYS nun wieder aktiv, mit einem gewissen 
Spencer P. Jones an der einen Gitarre (yep, der Herr von 
den BEASTS OF BOURBON) und Penny Ikinger an der an¬ 
deren. „Cold Harvest“ ist der erste Release der reaktivierten 
Band, und wer immer sich als Fan australischer Rockmu¬ 
sik bezeichnet, wird hieran seine Freude haben. „Cold Har¬ 
vest“ erinnert mich in seiner relaxten Eleganz an eine Mi¬ 
schung aus VELVET UNDERGROUND und THE CHURCH, 
ergänzt um die Wärme der CELIBATE RIFLES und die 
Knarzigkeit der BEASTS OF BOURBON, doch eigentlich 
ist es vermessen, eine so altgediente Aussie-Band mit ande¬ 
ren Bands aus jener Zeit zu vergleichen. „Cold Harvest“ ist 
jedenfalls ein rundum begeisterndes, urwüchsiges Album, 
dessen LP-Version. mit „Trouble from Providence“ einen 
Bonus-Song enthält - das erneut eingespielte Alex Chil- 
ton-Cover „Bangkok“ ist auf beiden Formaten enthalten. 
(38:48) (8) Joachim Hiller 

STATU ES 

New People Make Us Nervous 12“ 

ptrashrecords.com | Was machen eigentlich die BRIEFS? 
Lange nichts mehr gehört von den geschätzten Pop-Punk- 
Meistern. Nun, bis es neue Lebenszeichen aus Nordwest 
gibt, greifen wir auch 
mal gerne zu den STA- 
TUES aus Sudbury, Ka¬ 
nada. Die hatten vor zwei 
Jahren schon ein beach¬ 
tenswertes Debüt na¬ 
mens „Aux.“ via Pelado 
veröffentlicht und mit 
gleich 15 Power-Pop- 
Punk-Perlen begeistert, 
die erstaunlich britisch 
klangen. Zwei Kleinfor¬ 
mate später erscheint 
nun in Zusammenarbeit 
von Radio 81 Records aus Montreal und P.Trash aus Bie¬ 
lefeld die neue 8-Song-12“, die schon alleine durch ihre 
Verpackung gefällt, ein neongelb bedrucktes Siebdruck¬ 
cover. Exzellente Produktion, druckvolles Schlagzeugspiel, 
herrliche Melodien, das klingt nach einer Mischung aus 
THE JAM,Ted Leo, BRIEFS und RIFLES, ist allerbeste Gute- 
Laune-Musik und findet seinen Höhepunkt im auf der ak¬ 
tuellen Ox-CD zu hörenden „Living in lines“. Perfekt! (9) 
Joachim Hiller 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

SOUL INVADERS 
A Kiss So Sweet CD 

soul-invaders.de | „Raw Power Rock nach alter Väter Sit¬ 
te“, nennen die SOUL INVADERS selbst ihren Sound, und 
die Papas der Hagener sind unüberhörbar Keith Morris, 
Glenn Danzig und Mr. Biafara - auch wenn ein detaillier¬ 
ter Vaterschaftstest wohl ans Licht bringen würde, dass da 
noch manch anderer seine Gene zu diesem gut gelunge¬ 
nen Bastard beigesteuert hat. Es gibt also düsteren, aggressi¬ 
ven Psycho-Rock mir reichlich Ohoho-Chören, der Ami- 
Hardcore und -Punk ältester Schule zugeneigt ist, gerne 
auch Angst einflößend irre wird (man nehme als Beispiel 
nur mal Songtitel wie „Bloodred soul in a bleeding age“) 
und sich einen feuchten Dreck darum schert, was in den 
letzten Jahren aktuell war oder es momentan ist. Ich wage 
sogar zu bezweifeln, dass überhaupt einer der SOUL IN¬ 
VADERS sich seit 1986 noch neue Platten in den Schrank 
gestellt hat. Aber das ist auch gut so, denn es funktioniert 
hervorragend! Angst einflößend finde ich aber auch die in 
Schlangenoptik gehaltene Verpackung des Digipaks, denn 
im direkten Vergleich zur hebevoll gemachten, mundge¬ 
küssten und limitierten LP-Version auf farbigem Vinyl ist 


die CD irgendwie abartig hässlich. Aber hat auch was, vor 
allem wegen des Inside-Out-Drucks (die lackierte Sei¬ 
te der Verpackung ist innen, die unbeschichtete Pappe au¬ 
ßen), wodurch sie sich sehr geschmeidig anfasst. (36:03) 
(9) Jan Eckhoff 

SCUT 

This Is How It Feels When You Stumble CD 

alison-records.de/Cargo | Und ewig leidet die Emoband. 
Doch das ist Selbstzweck, SCUT schwelgen eben lieber in 
Melancholie als wütend auf die Pauke zu hauen. Dabei be¬ 
sitzt das Wiesbadener Quartett durchaus das Know-how, 
um druckvolle Songs zu spielen. Sie sind ein Fallbeispiel für 
Emocore der späten Neunziger, für Absolventen der JIM¬ 
MY EAT WORLD-Schule. Schrammelpop, der sich schi¬ 
er endlos steigert und doch nie ankommt im unkontrol¬ 
lierten Ausbruch. Lange Instrumental-Passagen, immer die 
gleiche Kombination aus dick geschichteten Gitarren und 
bittersüßen Intervallen. Das ewige Crescendo. Unbestrit¬ 
ten sind SCUT gut eingespielt, technisch ist an ihrer Platte 
nichts auszusetzen, innerhalb des engen Korsetts ist sie so¬ 
gar abwechslungsreich. Leider kommen SCUT aber viel zu 
spät. Inzwischen haben sich viele Bands schon wieder auf¬ 
gelöst, die um die Jahrtausendwende im Emo-Zug führen 
- auf dem Trittbrett. Und während ich den Resteaufguss ei¬ 
nes totgespielten Genres höre, überwältigen mich meine 
Gefühle. Emo 2007: Das ist zum Heulen. (40:19) (3) 

Arne Koepke 

SE SICHELZECKEN 

Was soll das sein, eine Generation? CD 

katzeplatten.de | Der Plan der Köln-Mühlheimer Rocker¬ 
legende BIONIC ELBOWS ist zu 50 Prozent aufgegangen: 
Eine beschissene Doitschpank-Band mit einem noch be¬ 
schissenerem Namen zu machen. Nach einem Live-Tape 
und dem selbstgerösteten „Affenmann“-Demo, das sich 
unter der Ladentheke mehrere Million Mal verkauft haben 
soll, liegt nun also der erste Full-Length Wahnsinn zum Ve- 
riss bereit. Und obwohl Plattenverreißen eine meiner we¬ 
nigen Stärken ist, fallt mir hier verdammt noch mal kein 
Manko auf: Diese Platte gehört in den Himmel gelobt! Ein 
Geniestreich jagt den nächsten. Kein einziger schwacher 
Song weit und breit. Anspieltip: Lied 1 bis 14. Klar erinnert 
der respektlos schiefe Gesang und auch der Humor schwer 
an Claus KNOCHENFABRIK, und der ist bekanntlich un¬ 
antastbar. Aber wer sich diese verrückte Kacke aus dem Är¬ 
mel geschüttelt hat, braucht sich wirklich nicht zu verste¬ 
cken. Man munkelt, dass das Grillenwesen, Oile Lachpan¬ 
sen (übrigens ein kleines kiffendes Männlein, das hyper¬ 
aktiv das D.I.Y.-Ding pusht, unter anderem verantwortlich 
für Katze Platten), Kiba Kalkei, der Gilb und das Phantom 
auch live einiges hermachen sollen. Noch ein Tipp, be¬ 
vor ich die Tastatur vollejakuliere: Geh zum Plattenhänd¬ 
ler deines Vertrauens, leg fünf Oiro auf die Theke und finde 
deinen Weg ins Doitschpunk-Nirvana. Jetzt! (45:52) (10) 
Mario Turiaux 

SECOND FROM THE SURFACE 
The Streets Have Eyes CD 

thisdarkreign.com | Ich liebe innovativen Crust, Grind, 
Powerviolence, Thrash, Metal - aggressive Musik. Würden 
alle Songs wie „Black vomit“ ausfallen, wäre „The Streets 
Have Eyes“ eine richtig geile Hardcoreplatte mit einem ge¬ 
hörigen Schuss Metal. Musikalisch-technisch gesehen erste 
Sahne, aber richtig gute Songs gehen auch ins Ohr, was lei¬ 
der nur bei besagter Ausnahme der Fall ist. Was hier fehlt, ist 
Dynamik. ASFTS prügeln einem zehn Songs vor die Füße, 
und alle sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Trotz kur¬ 
zer Gesamtspielzeit anstrengend und langweilig. (20:00) 
(4) Simon Brunner 


VÄMPISOUL-NEWS! 


Saludos Amigos! Der Verano kann kommen - und man 
muss bei dem Klimawandel ja gar nicht mehr imbedingt 
auf die Iberische Halbinsel, um bei den neusten Vampi- 
soul-Releases aus Madrid ins Schwitzen zu kommen. Bei 
fast 30 Grad schon im Primavera geht das auch in Berlin 
oder Köln. 

Dabei kommt der Sampler „Gözalo! - Bugalü Tropi- 
cal Vol. 1“ eher aus noch heißeren Ecken aus den tro¬ 
pischen 60s Südamerikas! Da das Boogaloo Fever, eine Art 
Northern Soul Südamerikas, nun auch die unterkühlten 
Nordländer erreicht hat, ist dieses Teil ein echtes Must un¬ 
ter den Chicos und Chulos in den Barrios von Kreuzberg 
bis Chorweiler (ähem). Namen wie MARIO ALLISON Y 
SU COMBO mit der Tanzaufforderung „Uno- dos-tres“ 
gehen mächtig in die Piernas, Charlie Palomares gibt 
mit „Push push push“ die Stilrichtung dieses Sommers an, 
und LOS HILTON’S sorgen gar mit der Retro-Nummer 
„Hilton’s descarga“ bei Paris H. für mächtigen Sex-Appeal 
beim Boogaloo - auch Cumbias und verschärfter Latino 
Soul sind dabei. 

Wem das wie mir nach einem Langstreckenflug von Lima 
via Caracas nach Madrid wegen des miesen Bordservices 
der Iberia Airlines zu viel wird, kann sich auch bei gepfleg¬ 
ten Jazz Bossas und Easy ListeningTunes des Peruaners Nilo 
Espinosa und dem Release „Shaken, Not Stirred“ in 
der Bar des Circulo de Bellas Artes in Madrid einige Cai- 
pirinhas wegnippen. Coole Coverversions von unter ande¬ 
rem „El bueno, el feo y el malo“ aka „The good, the bad and 
the ugly“ von Ennio Morricone oder gar „Light my fire“ 
kommen latinisch, jazzig, und die Dame nebenan wird ei¬ 
nen gepflegten Macho doch nicht abservieren! 

Wem das alles jetzt wie großes Kino vorkommt, der könn - 
te auch an dem Soundtrack des Kultfilms „El Emajador 
Y Yo“ gefallen finden, wo jener leichte Swing der 60s vor¬ 
herrscht, als wäre das Frühstück bei Tiffany’s einfach ein 
Desayuno im Cafe del Parque auf Ibiza. Aber auch „Sexy 
surf' oder „The ciimate“ lassen auf heiße Tage auf der In¬ 
sel hoffen - alles komponiert von einem gewissen Jaime 
Delgado Aparicio - ein Meister des gehobenen Easy Lis- 
tenings. 

Wenn die Noche naht, dann sollte man sich bewegen, zum 
Beispiel ins Lolas, wo eine soulige Funky Session aus den 
frühen Jahren des Detroit Souls mit Leuten wie Dennys 
Coffey oder Nathaniel Mayer beginnt, dann mit Latin 
Soul-Legenden wie Willle Bobo weitergeht und schlie߬ 
lich mit einem gewissen Che aus Brasilien endet - al¬ 
les zu hören auf der erstklassigen Cheapo-CD-Compila¬ 
tion „Movers“, die nur als Doppelyinyl teurer zu stehen 


kommt. Ähnlich verhält es sich mit der 2CD „Sensaci- 
onal Soul“ - nicht weniger als 37 spanische Soul-Com¬ 
bos aus den späten 60ern bis Mitte der 70er lassen unsere 
Piernas nun im El Grial Club swingen, egal ob sie nun LOS 
BUENOS heißen, oder ein Frank Miller & seine HIS- 
PANIA SOUL -Combo dem „Melenas club“ einheizen. 
Grundsätzlich muss man sagen, dies ist wohl die umfas¬ 
sendste Raritäten-Sammlung in Sachen spanischen Souls 
ever - nicht nur eine Bereicherung für alle, die sonst gerne 
Northern Soul hören. 

Auch nicht von schlechten Latino-Eltern ist die Compi¬ 
lation „Explosivos - Deep Soul From The Latin“, 

bei der jene atemberaubende Mischung aus afrokubani- 
schen Rhythmen und schwarzen Detroit Soul auf diver¬ 
sen 7“s aus den guten alten 60ern gerettet wurden, um nun 
Menschen wie mir den definitiven Chulo-Sound zu mi¬ 
xen. Mehr als nur retro und auch als schicke Vinylausgabe 
zu bekommen, explodieren dabei nicht nur Fans aus dem 
Süden - auch wenn es hier etwas weniger Latin beionte 
Nummern gibt. 

Auch nichts für all jene Spezialisten, die meinen, pu¬ 
ren Northern Soul, Early R&B oder gar Funk dürfte man 
nicht auf eüie Compilation bringen, ist „Crash Of The 
Thunder“ - der aber prächtig auf der Fähre „Botafoc“ an ¬ 
kommt. NYC-DJ Mr. Fine Wine weiß halt, wo der Hammer 
hängt, wenn er alte rare Perlen aneinanderreiht, wie PRE- 
SIDENTS’ Version von Otis Redings „Nobody’s fault but 
mine“ - oder Wayne Chocran als Funksoulbrother. 

Zum Abschluss jagen wir dann noch rüber nach Alican¬ 
te, um im angesagten Club Desden gegen 5 Uhr morgens 
noch die Session der SOUL SEARCHERS zu erleben: 
„Blow Your Whistle“ ist heißer Afro Soul Funk der frü¬ 
hen 70s, angereichert mit ein paar brandneuen Tracks die¬ 
ser Legenden um Chuck Brown, der nach dem Tod von Ja¬ 
mes Brown nun fast allein im weiten Feld der noch aktiven 
frühen Soulstars steht und dessen Musik ein Beispiel für 
zeitlose Grooves und Oldschool-Breakbeats ist. Los Roots 
sozusagen. 

Danach genehmige ich mir die Alte Lady des bluesigen 
Souls, die schon immer wusste, dass „Black Is Brown, 
Brown“ ist, und die mit intensiver Stimme wie der ge¬ 
krönte Absacker kommt - Deep Soul mit Blues von Ruth 
Brown eben! Und was, por favor, soll ich jetzt um 8 Uhr 
morgens an der Playa ten Bossa hören? Am besten einfach 
das Meeresrauschen im Arm einer unbekannten Chica, 
denn die nächste Vampisoul-Nacht kommt bestimmt! Sa¬ 
ludos, hasta pronto. 

Frank Castro, Aachen/Madrid vampisoul.com 




OX-FANZINE 85 














REVIEWS 


SCRAPS OF TAPE 

This Is A Copy Is This A Copy CD 

Tender Version | Für dieses Album braucht man Zeit. Zeit, 
in der man sich es bequem macht und sich einfach nur der 
Musik hingeben kann. Denn die junge Band aus Schweden, 
die hier zum ersten Mal auf sich aufmerksam macht, ver¬ 
langt, dass man sich mit all seinen Sinnen auf ihre Songs 
konzentriert. Dazu haben sie fast komplett auf den Gesang 
verzichtet - wer braucht schon Texte, die eh nur ablen¬ 
ken würden? Für Leute, die FROM MONUMENT TO MAS- 
SES, BLACK HEART PROCESSION und ISIS gut finden, ist 
SCRAPS OF TAPE vielleicht nichts Neues mehr, aber wie 
viel ist Innovation gegenüber der kompletten Entspannung 
schon wert? Es ist wirklich schön, wie sehr man sich als 
Hörer in der Musik der Malmöer verlieren kann und dabei 
seine eigene Traumwelt aufbaut. Wie gesagt, dass Ganze ist 
nicht vollkommen neu und gegen Mitte der zehn Songs ein 
bisschen langatmig, aber dafür auch immer wieder schön. 
(7) Sebastian Wahle 

SPOOKSHOW 
Psychosexual Chapter 2 CD 

Wolverine/Soulfood | Der zweite Longplayer der sym¬ 
pathischen Horror-Schweden um Sängerin Miss Behave 
schlägt eindeutig in die gleiche Kerbe wie schon sein Vor¬ 
gänger „Psychosexual Chapter 1 “. Streckenweise weiß man 
gar nicht, welches Lied von welcher CD gerade läuft, was 
natürlich nicht gerade für Abwechslungsreichtum spricht, 
doch wer schon das Debüt der SPOOKSHOWs mochte, 
wird hier ebenso glücklich.Vierzehn poppige Bubblegum - 
Punkrock-Nummern der Marke „Saturday night“ (MIS- 
FITS) oder auch „Merry christmas“ (RAMONES) werden 
hier zum Besten gegeben, mal schneller und mal im Mid- 
tempo-Bereich, jedoch immer einfach gestrickt und mit 
vielen Ohhhs und Ahhhs bestückt. Als Anspieltips wür¬ 
de ich vielleicht „I can but I won’t“, „Talk about the living 
dead“ und auch „So lonely I could die“ vorschlagen. Man 
darf auch auf die wenigen Deutschland-Shows (zum Bei¬ 
spiel in Essen) Ende August gespannt sein. (31:10) (7) 

Ross Feratu 

SCHOOL 
Espionage CD 

Kong Tiki/ Indigo | THE SCHOOL sind Methadon für die 
melodiöse New Wave-Fraktion, die einerseits ihr Herz 
an DEVO, die frühen XTC und die TALKING HEADS ver¬ 
schwendet hat, anderer¬ 
seits aber auch einer for¬ 
schen Rock’n’Roll-Liai- 
son mit den HIVES und 
QOTSA aufgeschlossen 
gegenübersteht. Die Band 
geht extrem frisch und 
unverbraucht ans Werk 
und die Handschrift des 
Produzenten John Fry- 
er (NIN, HIM, DEPECHE 
MODE) nimmt man als 
nicht wirklich prägend 
wahr. Allerdings schleift 
sich soviel ungehemmter Frohsinn und Partysound relativ 
schnell ab und lässt das Album auf kompletter Distanz et¬ 
was facettenlos zurück, obgleich es nicht langweilig wird - 
dennoch: spätestens nach dem fünften Song wünscht man 
sich einen Rhythmuswechsel. Was bleibt ist ein solides Al¬ 
bum für Nostalgiker, und in Norwegen ist „Espionage“ im¬ 
merhin gut für eine Grammy-Nominierung in der Kate¬ 
gorie „Bestes Rockalbum". Anspieltip: das hymnische „100 
miles“. (37:37) (7) MarkusKolodziej 

SYDÄN SYDÄN 
Au CD 

nordic-notes.de/Broken Silence | Finnischer Crossover, 
hier treffen komplexe Songstrukturen auf popähnliche 
Harmonien. Im internationalen Vergleich drängen sich vor 
allem NOMEANSNO und BOB HUND auf, national wä¬ 
ren KOMETA und DEEP TURTLE zu nennen. Neben bra¬ 
chialen Gitarrenwänden und nervösen Geff ickel haben die 
vier von SYDÄN SYDÄN auch genügend humorvolle Ein¬ 
fälle, wie zum Beispiel kurze Ausflüge in den Off-Beat bei 
„Koira“ oder eine fünky Einlage in „Muurahainen“. Die 14 
Songs auf „Au“ sind nicht immer wohlgefällig, aber dafür 
sehr abwechslungsreich. (48:26) (6) Kay Wedel 

SMELLY CAPS 
s/t CD 

smellycaps.com/Amöbenklang | Drei jahre nach dem ers¬ 
ten Demo kommt nun das Debütalbum der SMELLY CAPS. 
Aber wer schon soviel erlebt hat, wie die fünf Hannove¬ 
raner, der hat auch keine Eile mehr, sondern lässt die Al¬ 
terweisheit walten. Und einiges auf dem Buckel haben die 
Bandmitglieder in der Tat schon, spielten sie doch bereits 
in so illustren Kapellen wie den ABSTÜRZENDEN BRIEF¬ 
TAUBEN oder den BOSKOPS und haben somit ja praktisch 


den Punk seinerzeit in Hannover mit eingeführt. Aber wie 
das nun mal so ist, ganz aufhören kann und will man dann 
auch noch nicht. So lange die morschen Knochen da noch 
mitmachen, geht das ja auch noch. Und jetzt gibt es also 
das erste Album der SMELLY CAPS. Zwölf Stücke schmis¬ 
siger Punkrock mit vielen Überraschungen und eingängi¬ 
gem Songwriting. Parallelen gibt es viele, direkte Vergleiche 
schenke ich mir. Nur sei mal die Hamburger Band NOI- 
SE ANNOYS erwähnt, denn an die werde ich ob des präg¬ 
nanten Gesangs immer wieder erinnert. Musikalisch sind 
die SMELLY CAPS allerdings etwas rotziger und direkter. 
Schön wenn die alte Garde mal wieder hochkommt und 
dem Nachwuchs zeigt, wie Punkrock funktioniert. (34:55) 
(7) Abel Gebhardt 

SIX FEETUNDER 
Commandment CD 

metalblade.de | Schon seit geraumer Zeit habe ich das 
Schaffen um Grunz-Ikone Chris Barnes und seinen Man¬ 
nen nicht mehr mitverfolgt, da außer unsäglichen Cover¬ 
platten und stumpf-monotonen regulären Alben nichts 
dabei rausgekommen ist, was mich auch nur annährend 
interessiert hätte. Jetzt also muss ich mir doch mal wie¬ 
der eine Platte der Todesmetaller geben, und ich bin ehrlich 
überrascht. SIX FEET UNDER scheinen sich wieder auf ihre 
Stärken zu besinnen und grooven mit gedrosseltem Tempo 
durch ihre goreigen Songs. Wer seit „Maximum Violence“ 
immer vergebens in eine SIX FEET UNDER-Platte reinhör¬ 
te, sollte sich durchaus mal trauen, hier ein oder zwei Oh¬ 
ren zu riskieren. Endlich wieder ein Album ohne fehlge¬ 
schlagene Coversongs und musikalischen Entgleisungen. 
Gefällt! Uwe Kubassa 

SYNONYMENSCH 
Sinnbild im Nichts CD 

majorabel.de | TON STEINE SCHERBEN spielen wie¬ 
der zusammen und imvergessen bleibt derjenige Musiker, 
der nicht mehr dabei sein kann: Rio Reiser. Dennoch ist er 
noch omnipotent, und in den Hinterhöfen von Greiz ver¬ 
sucht man, an seine Genialität heranzureichen. SYNONY¬ 
MENSCH aus dem besagten Dörfchen in Thüringen probt 
das gleich mehrgleisig, klaut vom Punkrock den Rock und 
dem Singer/Songwriter die kritischen, nachdenklich-po¬ 
etischen Texte. Wunderbar ist das Ergebnis, und erst nach¬ 
dem ich das Stück „Duft deiner Kleider“ gehört hatte, war 
mir klar, dass bis dahin etwas in meinem Leben gefehlt hat. 
Wow. Der rote Faden der Platte? „Deutsche Texte, leicht 
verständlich, aber schwer zu glauben.“ Erstaunlich ist die 
Wandelbarkeit der Band:Tiefsinnige Grübeleien verschlin¬ 
gen sich mit balladesken Liebeslieder, im nächsten Mo¬ 
ment malträtieren Schlagzeuger und Bassgitarrist ihre In¬ 
strumente und die starke Stimme des Sängers Thomas Sta- 
ege schaltet um: von ruhig-nachdenklich auf rotzig-pro¬ 
vokant. Insgesamt eine Platte, die wirkt - und nachwirkt. 
(53:13) (8) Katrin Schneider 

STOLEN CARS 
Can’t Stop Thee CD 

ammoniarecords.it | Vier adrette Herren, in feinen Zwirn 
gewandet, mit Abschlepper-Sonnenbrillen und eigenar¬ 
tigen Kinnbärtchen ausgestattet, musizieren nun schon 
seit bald zwanzig Jahren miteinander im sonnigen Flo¬ 
renz. Begannen sie als reine Garage-Truppe, nicht unähn¬ 
lich dem, was ihre Landsmänner von SICK ROSE produ¬ 
zierten, so zeigen sie sich heutzutage, mit ihrem ersten Al¬ 
bum nach einer ewig langen Schaffenspause, etwas vielsei¬ 
tiger. Inspirationsquellen liegen im weiten Feld zwischen 
KINKS, amerikanischen 6Os-Garage-Bands der 80er (vor 
allem späte MIRACLE WORKERS) und Powerpop im Stil 
der REAL KIDS oder auch CHEAP TRICK. Dabei spielen sie 
recht laute elektrische Gitarren durch noch lautere Verstär¬ 
keranlagen, schreien beim Gesang, wenn es sein muss, auch 
mal ordentlich und hinterlassen auf ihrem Ritt durch elf 
eigene Songs und ein Cover („Hey little bird“) verbrannte 
Erde. Ein schönes schnelles und wildes Album, wenn’s mal 
nicht so sehr auf die Feinheiten ankommen soll. (7) 

Gereon Helmer 

SALEM 

Necessary Evil CD 

Season Of Mist | Bitte nicht mit SALEM auf Fiddler Re¬ 
cords verwechseln, denn hier handelt es sich um die israe¬ 
lische Metal-Band, die seit 1985 aktiv ist und deren Album 
„Kaddish“ für eine Diskussion im israelischen Parlament 
sorgte, ob Metal-Bands über den Holocaust schreiben dür¬ 
fen. Ich glaube, da gibt es einen Präzedenzfall namens „An¬ 
gel Of Death“, aber lassen wir das. Das Promosheet ver¬ 
spricht mir, dass „Necessary Evil“ jedem „Jihadisten ein 
,Bei Jesus*“ entlocken soll, was gut möglich ist, denn für 
ihr fortgeschrittenes Alter hat sich die Band gut gehalten 
und lässt so manche Metalcore-Band ziemlich blass aus- 
sehen. Meine anfängliche Skepsis wich nach und nach der 
Überzeugung, dass SALEM durchaus Klasse haben, da hier 
röhrende SEPULTURA-Riffs aufVocals treffen, die wie in 


„Strife“ an frühe DEATH erinnern, und zwischendurch in¬ 
tegrieren SALEM die eine oder andere SLAYER-Adaption. 
Wirklich interessant wird diese brilliante Kopie, wenn ori¬ 
entalische Gesangslinien und Gitarrenläufe in den Songs 
auftauchen. Das ist eben nicht alltäglich und die technische 
Perfektion der Musiker spricht für sich. Ein absolutes Muss 
für Metal-Fans der alten Schule. (62:22) (7) 

Thomas Eberhardt 

MARK SULTAN 
The Sultanic Verses CD 

intheredrecords.com | Wer jemals das Vergnügen hatte, 
Mark Sultan ganz solo oder im Rahmen eines Duo-Auftrit¬ 
tes mit King Khan live zu sehen, wird mir zustimmen, dass 
der da als BBQ auftreten¬ 
de Kanadier und Wahl- 
Berliner, Ex-Drum- 
mer der LES SEXAREE- 
NOS und Ex-Singer der 
SPACESHITS, einer der 
begnadetsten Solo-Per¬ 
former des Garage-Un¬ 
dergrounds ist. Seine Lie¬ 
der sind ergreifende klei¬ 
ne Pop-Songs, irgendwo 
zwischen R’n’B, Gara¬ 
ge, Soul und Rock’n’Roll, 
und konsequenterwei¬ 
se hat Mr. Sultan sein Soloalbum auch fast alleine einge¬ 
spielt, nur hier .und da hat mal ein Freund geholfen. Frei¬ 
lich - und darauf weist Mark im Booklet hin - ist das Ganze 
keine lupenreine One-Man-Show, kommen doch auch ein 
paar Studiotricksereien zum Einsatz, und gemastert wurde 
das Werk von Jay Reatard. Mit den in letzter Zeit überhand 
nehmenden und meist todlangweiligen Soloplatten von 
unglücklichen Ex-Frontmännern irgendwelcher Hardco- 
re- imd Emo-Bands hat das hier rein gar nichts zu tun, das 
ist kein belangloses Lagerfeuer-Wandergitarren-Geklamp- 
fe, sondern die pure Essenz des Rock’n’Rolls, und wenn es 
derzeit einen legitimen Nachfolger des viel zu jung ver¬ 
storbenen Eddie Cochran gibt, dann ist das Mark Sultan. Er¬ 
greifend großartig! (29:24) (9) Joachim Hiller 

SABOTEUR / MOCKINGBIRD NIGHTMARE / 
RED LIGHT GREEN LIGHT 
Split CD 

Engineer | SABOTEUR aus Dallas, Texas, bilden den Auf¬ 
takt dieser SpUtveröffentlichimg im Digipak und können 
schon beim zweiten Song etliche Bonuspunkte auf ihrem 
Konto verbuchen. Sie spielen krachigen Postcore mit eu¬ 
phorischen Refrains, werden nie weinerlich, sondern set¬ 
zen auf Uptempo-Passagen, Reibeisen-Vöcals und ein ge¬ 
sundes Maß an Wiedererkennungsmerkmalen. THE MO¬ 
CKINGBIRD NIGHTMARE aus England sind verspielter, 
setzen auf die Leadgitarre, halten aber das Tempo der Amis. 
Beim Songwriting regiert Chaos und ergänzt wird dieses 
mit atmosphärischen Momenten. So begegnen sich die 
zwei Bands auf Augenhöhe und machen neugierig auf RED 
LIGHT GREEN LIGHT, die etwas mehr aus dem Rahmen 
fallen, denn New Wave-Keyboards treffen bei dem, erneut 
aus Amerika stammenden, Quintett auf Power-Violence, 
Helium-Vocals und Tanzbarkeit. Mit RED LIGHT GREEN 
LIGHT katapultiert sich die Split dann aus dem Mittelfeld 
heraus und wird vielleicht mal zum Sammlerobjekt. Hört 
euch diese Irren unbedingt an, ihre vier Songs sind wirk¬ 
lich überzeugend. (7) Thomas Eberhardt 

SHARKSOUP 
Back To The B-Sides CD 

msml279.com | Entgegen allen Erwartungen handelt 
es sich hier natürlich nicht um Flipsides von irgendwel¬ 
chen Singles, oder unveröffentlichtes Material von SHARK 
SOUP aus Erlangen, sondern tun Songs aus ihrer Phase als 
THE B-SIDES. Da die Lieder nie auf einem Album erschie¬ 
nen sind, aber durchaus das Format dazu haben, hat das 
Trio die zwölfTracks neu eingespielt und vom ehemaligen 
OXYMORON-Bassisten Arne Marenda aufnehmen lassen. 
Herausgekommen sind etliche Rock’n’Roll-Hymnen, die 
mich am ehesten an SOCIAL DISTORTION erinnern. An¬ 
fangs schienen mir die Songs ein wenig zu eingängig, aber 
spätestens nach dem dritten Durchlauf ist man süchtig und 
die anfängliche Skepsis ob des Pop-Appeals erübrigt sich 
schnell. Wirklich ein kleiner Geniestreich. (31:37) (8) 

Thomas Eberhardt 

SPITTING OFF TALL BUILDINGS 
Good Night And Good Luck CD 

Exile On Mainstream | Normalerweise stehe ich ja gar 
nicht so auf Schrammelrock. Aber SPITTING OFF TALL 
BUILDINGS aus Berlin haben es mir echt angetan. Die 
Band hat vor zwei Jahren ihr selbstbetiteltes Debüt auf 
Sanctuary aufgenommen. „Good Night And Good Luck“ 
erscheint mm auf Exile on Mainstream, meiner Meinung 
nach das beste Indielabel Deutschlands. Frontfrau ist die 


attraktive Schauspielerin Jana Pallaske, die man aus „En¬ 
gel 8t Joe“ kennt. Und im Gegensatz zu vielen anderen mu¬ 
sizierenden Schauspielkollegen versteht sie etwas von ih¬ 
rem Metier. Mit prägnanter Stimme gibt sie ihre Gefühls¬ 
welt preis, wirkt dabei oft zuckersüß, manchmal angepisst 
und bitterböse. Dabei wird sie von vier tollen Musikern be - 
gleitet, die eine Melange aus poppigem Indierock und dre¬ 
ckigem Noise herbeizaubern und damit Assoziationen zu 
SONICYOUTH, den PIXIES, aber auch MADE OUT OF BA- 
BIES bei mir hervorrufen. Ein großer Teil der Klasse dieses 
Albums geht auch auf das Konto der Produktion von Ste¬ 
ve Albini, die sich durch einen düsteren, atmosphärischen 
Gesamtsound, einen dreckigen Bass und das stampfende, 
erdige Schlagzeug auszeichnet. Der Band-Devise, die Mu¬ 
sik müsse „nicht perfekt, aber lebendig klingen“, konn¬ 
ten SOTB somit mehr als gut gerecht werden. Das Album 
wird aufgrund seines Pop-Appeals zwar nicht jedem ge¬ 
fallen, aber für mich ist es eins der Highlights dieses Jahres. 
(34:08) (9) Arndt Aldenhoven 

STYRENES 
CityOfWoman CD 

Rent A Dog/Alive | Zwar kann ich nicht behaupten, hier 
durchzublicken, aber das spielt auch eigentlich keine Rol¬ 
le. Fast alle Songs des Albums sind von einem Tom Wamick 
geschrieben, der aber selbst nicht Mitglied der STYRENES 
ist, somit handelt es sich, auch laut Bandleader Paul Ma- 
rotta, eigentlich um ein Coveralbum, nur dass niemand 
die Originalstücke kennt. Das dazu. Fakt ist, die Platte ist 
klasse, egal wie sich die Originale anhören mögen. Vor al¬ 
lem ist die Platte eigen, und mit einer ordentlichen Porti¬ 
on Punk-Spirit, der Verschrobenheit eines Mike Watt und 
einem kratzigem Gesangsstil, geht es in Richtung ... ja wo¬ 
hin eigentlich? Rock? Nun ja, im weitesten Sinne. Dreckig, 
laut, schnell, auch mal langsam. Definitiv erwachsen und 
sich nicht an gängige Statements haltend. Ich würde ger¬ 
ne Rock’n’Roll sagen, aber dann geht der Zug auch in die 
falsche Richtung und wenn ich Punk schreibe, dann wenig 
von dem, was in diesem Heft sonst als solcher gefeiert wird. 
Aber von all dem viel und gut. Und wenn in diesem Kon¬ 
zept auch noch „When I was young“ von ERIC BURDON 8: 
THE ANIM ALS auftauchen darf und ein Riff von Screaming 
Lord Sutch geklaut wird, dann ist auch das schlüssig. Rein¬ 
hören. (36:31) (8) Claus Wittwer 

► Auf der Ox-CD zu hören. 

SLAGS 
Run Free CD 

Slag/Alive | Nun schwappt das Reunion-Fieber auch 
schon auf weniger bekannte Bands über. Nun, immerhin 
waren die SLAGS aus Frankfurt Anfang der Neunziger so 
etwas wie der Prototyp einer reinen Frauenrockband in 
Deutschland. Mit rotzig-charmanten Liedern, provokan¬ 
tem Auftreten und Streitereien mit dem ihrem Label Sony 
und MTV konnte man sogar einen gewissen Bekanntheits¬ 
grad erlangen. Soviel Punk-Spirit und Streitlust sucht man 
nun beim Comebackversuch „Run Free“ leider vergeb¬ 
lich. Gemächlich dümpelt das Album vor sich hin, beson¬ 
dere Höhe- oder Tiefpunkte sind nicht auszumachen. Ab 
und an blitzt vielleicht mal eine nette Gitarrenmelodie auf, 
der Rest ist latent schwermütiger Einheitsbrei im mittleren 
Tempo, dem nicht einmal Produzentenlegende Guido Lu- 
cas einen Hauch Frische einhauchen konnte. Handelte es 
sich bei den SLAGS nicht tun Frauen, würde ich „Rim Free“ 
glatt als Altherrenrock bezeichnen. (42:33) (4) 

Ingo Rothkehl 

MARNIE STERN 

In Advance Of The Broken Arm CD 

killrockstars.com | Ein schlechter Witz vorweg: Kein Wun¬ 
der, dass die Sängerin und Gitarristin Marnie Stern den ge¬ 
brochenen Arm in den Titel ihres Debütalbums packt, wer 
so wild Gitarre spielt, muss mit derartigen Nebeneffek¬ 
ten rechnen. Und ich habe auch kein schlechtes Gewis¬ 
sen mehr, dass ich nicht mal annähernd halb so gut Gi¬ 
tarre spiele, denn wenn man dafür mindestens drei Stun¬ 
den am Tag üben muss, spare ich mir gerne die Mühe. Am 
Schlagzeug wird Marnie Stern dabei von Zach Hill „beglei¬ 
tet“ - tatsächlich ist die Gitarre durchgängig so dominant 
und frickelig, dass der restliche Noise im Hintergrund fast 
verblasst. Erstaunlich ist auch, dass, obwohl dieses Album * 
eben nicht umsonst schwer nach HELLA klingt, es bei al¬ 
ler Hektik und Kakophonie gar nicht sooo anstrengend ist. 
Vielleicht liegt das daran, dass die Frickel-Gitarre sich ir¬ 
gendwann ins Gehirn frisst und dort wie selbstverständ¬ 
lich klingt und großartige Melodien zum Vorschein bringt. 
Vielleicht bricht das Ganze auch der helle Gesang von Mar¬ 
nie, der die Stücke fast zu Pop-Perlen macht und mich ein 
ums andere Mal an die ehemaligen Labelkollegen und lei¬ 
der vergangen SLEATER-KINNEY erinnert. Vielleicht ste¬ 
he ich, wenn ich diese CD später zwischen DEERHOOF und 
ORTHRELM ins Regal steÜe, mit meiner Definition „gar 
nicht sooo anstrengend“ auch alleine da... (44:41) (8) 

Chris Wilpert 





A LESSON IN THE ABUSE OF INFORMATION TECHNOLOGY 


Rauer, energiegeladener 
"Faust-in-die-Hohe-streck' 
Punkrock aus den USA! 


Urt»*' 09, 

mW 

lasst'.'.'- 


jwww.GoKartRecords.de 


Feinster Pop-Punk ala BLINK 182 , NOFX, RISE AGAINST, BAD RELIGION 
Kommt mit 2 unterschiedlichen Covern! 

Produziert von GOLDFINGER! 


OX-FANZINE 86 













REVIEWS 


SHITFUCKERSDICK 
& THE BURNING ASSHOLES 
Kill Rock’n’Roll LP 

Sonic Ballroom | Kein Weg weiter als der von Köln nach 
Düsseldorf. Könnte man meinen, denn gut ein Jahr ist ver¬ 
gangen, seit die Release-Party für das zweite Album von 
SHITFUCKERS DICK & THE BURNING ASSHOLES im 
Kölner Sonic Ballroom gefeiert wurde, dessen Hausband 
sie gewissermaßen sind, ist Sänger Roman doch zugleich 
Wirt besagten Etablissements (nebenbei auch einer meiner 
liebsten Live-Clubs). Seit 1999 also touren die fünf Her¬ 
ren Shitfückers durch den Großraum Köln mit ihrer, wie 
sie es nennen, „Mischung aus US-8Oer-HC, straightem 
Drecks-Punk aller Jahrzehnte und Punk’n’Roll“. Dicks on 
Speed, um es kurz zu sagen, denn es sind allesamt gestan¬ 
dene Punkrocker, die richtig Gas geben können, und man 
riecht beinahe den Schweiß, der von der Decke tropft. Al¬ 
lein wovon die halb gegrunzten, halb gegrölten und ver¬ 
mutlich englischen Texte handeln, darüber vermag ich lei¬ 
der keine verlässliche Aussage zu machen. Ein Textblatt liegt 
der LP wohl bei, aber was steht drauf: „lyrics? shit off, hip- 
pie!“ Scheißeficker also, und doch gar nicht so prollig, wie 
der Bandname befurchten lässt. Klar, das hier ist Punkrock 
mit hohem Asi-Faktor. Aber: Asi mit Niveau. Kölner halt. 

Ute Borchardt 


SEVERED HEAD OF STATE 
Power Hazard E.P. CD 

havocrex.com | Auf dem aktuellsten Release der teils aus 
Austin, teils aus Portland stammenden SHOS finden sich 
acht neue Songs allerbesten Crustpunks, und wer statt 
zur 12“ zum uncoolen 
CD-Format greift, be¬ 
kommt zur Entschädi¬ 
gung noch die insgesamt 
neun Tracks der „Charge 
Ahead“-7“ von 2004 und 
der „Fucking Butchery“- 
7" von 2005 als Bonus. 
Die Tracks der letzteren 
beiden wurden übri¬ 
gens auf Mallorca im So¬ 
nic Temple-Studio ein¬ 
gespielt, in dem ja auch 
TRAGEDY, die Haupt¬ 
band von Gitarrist Todd Burdette, gerne aufiiimmt. Wer die 
schnörkellos ihre wütenden Brecher abspulende Formati¬ 
on, die sich 1999 gründete, bislang verpasst hat, sei an die¬ 
ser Stelle über ihre Zusammensetzung informiert: Sänger 
Jack Control ist auch noch in WORLD BURNSTO DEATH 
und war bei SCORCHED EARTH POLICY.Todd spielte einst 
auch bei HIS HERO IS GONE, Bassist Kelly Halliburton war 
unter anderem bei MURDER DISCO X, RESIST und DEFI- 
ANCE, und Drummer Chris Pfeffer trommelt sonst unter 
anderem bei STORM THE TOWER und J CHURCH. Macht 
verdammt viel geballte musikalische Kompetenz, und dar¬ 
aus resultiert ein mit beeindruckender Durchschlagskraft 
ausgestatteter, satter Sound, der einerseits zwar die seit den 
frühen Achtziger ausgesteckten Grenzen des Genres nicht 
verlässt, aber so sauber und perfekt ausgeführt ist, dass hier 
keine Wünsche offen bleiben. Auch textlich geht’s in die 
Vollen: Hier ist Hardcore noch Hardcore und nicht Tum¬ 
melplatz für patridiotische, christliche Hinterwäldler. 
Mächtig gut. (31:10) (8) Joachim Hiller 

SCARAMANGA SIX 
The Dance Of Death 

Wrath | Beim Cover und dem Namen des Albums hat man 
schlimmstenfalls Metalcore erwartet, aber nein, die fünf 
Briten liefern auf ihrem bereits vierten Album abwechs¬ 
lungsreichen Partyrock ab, bei dem ihre stilistische Offen¬ 
heit immer wieder für Überraschungen sorgt. Mal über¬ 
dreht, angeglamt, mal 60s-rockend, Riffs schwingend oder 
gniedelnd, zeigen sie sich spielffeudig wie die späten LIBE¬ 
RATOR in diesem Fall mit einem nicht zu überhörenden 
WORLD INFERNO-Einschlag. Auch, wenn sich das Grund¬ 
gerüst mancher Songs etwas angestaubt anhört, so macht 
der hörbare Spaß an der Sache jeden Zweifel wieder wett 
und ich verzeihe ihnen gerne die zwei, drei Saxophonsoli. 
Die machen Spaß - live sicher noch tausendmal mehr. Ein 
Lied über die Helvetica-Schrift (dieses Jahr 50 Jahre alt) zu 
machen, ist dabei natürlich ganz nach meinem Geschmack. 
(44:29) (7) Christian Maiwald 

SPEAKING SILENCES 
Open Eyes CD 

Cardio Club/myspace.com/songsfromnowhere | Inmit¬ 
ten von (Ex-)Stoiber-Land geht etwas vor sich, was dem 
König von Bayern mit Sicherheit überhaupt nicht gefallen 
würde - der Cardio Club. In Passau hat sich eine Gruppe 
von Jungs zusammengetan, die sich zum Ziel gesetzt ha¬ 
ben, ihre Heimatstadt auf die Schedules so einiger Touren 
zu setzen. Und aufgrund des unbändigen Tatendrangs der 
Team-Player im Cardio Club geriet das Ganze irgendwie 
außer Kontrolle und inzwischen gibt es ein Fanzine, die 
Konzertgruppe und außerdem noch ein Label. „Open Eyes“ 
ist das erste Release der Jungs. Und man kann sagen, dass 
sie ihr Handwerk verstehen. Hinter SPEAKING SILENCES 
versteckt sich der Singer/Songwriter Benjamin Block. 
Der trägt auf „Open Eyes“ allein mit seiner Gitarre wun¬ 
derschön melancholische Popsongs vor. Einziges Problem: 
Block sollte noch ein wenig an seiner englischen Ausspra¬ 
che arbeiten. Denn irgendwie hört man, dass er aus Bayern 
kommt.Trotzdem schön. (7) Julia Gudzent 

SATURDAYNIGHT HEROES 

s/t CD 

saturdaynightheroes.com | Nachdem die Helden der 
Samstagnacht nun schon zwei Jahre lang unzählige Skate¬ 
parks, Bars und Clubs in Kanada unsicher gemacht haben, 
veröffentlichen sie nun endlich ihr Full-Length-Album. 
Zehn zuckersüße melodische Pop-Punk-Hymnen ma¬ 
chen aus jeder langweiligen Highschool-Party eine wil¬ 
de Knutschorgie. Und das trotz Zahnspange. Warum mir 
das gefällt? Weil sich der SATURDAY NIGHT HEROES- 
Sound trotz aller Eingängigkeit und Liebäugelei mit dem 
massentauglichen Musikformat kaum bei dem kommer¬ 
ziellen Emocore-Trend anbiedert. Brandon, Mark, Ryan 
und Callum spielen nämlich schnelle und doch melan¬ 
cholische Songs in einer ungestümen und herzerfrischen¬ 
den Weise, die mich an die frühen Tage des kalifornischen 
Skate - Melody - Pop - Punks (PULLEY sind für mich immer 
noch die Größten in diesem Genre) erinnert. Und die hatte 
ich schon fast vergessen. Wunderschön sind den Jungs auch 
die herrlich hymnischen Backing-Vocals gelungen. An¬ 
ders ausgedrückt: Man nehme die frühen SAVES THE DAY 
und die GET UP KIDS zu ihren besten Zeiten und werfe 
sie in einen massenkompatiblen Pop-Punk-Mixer. Ergeb¬ 
nis könnte der SATURDAYNIGHT HEROES-Sound sein. 
Mich haben die Kanadier jedenfalls überzeugt. (33:13) (7) 
Robert Buchmann 

SOULGATE’S DAWN 
Deathtrap To Escape CD 

burningseasonrecords.com | „It was rumored that with 
SOULGATE’S DAWN a new generation of metal was born.“, 
lese ich im Pressetext. Nun, dieses Gerücht ist wohl an mir 
vorbeigegangen. „DeathtrapTo Escape“ ist das bereits zwei¬ 
te Album der deutschen Metalcore-Truppe, die neben ei¬ 
ner US-Tour und zig Shows mit zum Beispiel NAPALM 



DEATH, NAERA oder DEADLOCK schon einiges an Büh¬ 
nenerfahrung gesammelt hat. Stilistisch erinnert mich 
„Deathtrap To Escape“ zeitweise an die jeweils ersten Al¬ 
ben von ATREYU und AVENGED SEVENFOLD (und das ist 
durchaus nicht negativ zu sehen), bevor diese sich gänz¬ 
lich dem kommerziellen Eyeliner-Emocore hingegeben 
haben. Diesen Eindruck verstärken auch das düster-dämo- 
nisch-vampireske Artwork und Songtitel wie „Last bloo- 
dy kiss“ oder „Broken angels“. SOULGATE’S DAWN spie¬ 
len auf „Deathtrap To Escape“ düsteren, hymnischen Me¬ 
talcore mit zeitweise gesungenen emotionalen Parts und 
haben technisch längst das Niveau von Kalibern wie HEA- 
VEN SHALL BURN oder CALIBAN erreicht. Vor meinem 
geistigen Auge sehe ich Legionen von schwarz gekleideten, 
schattenboxenden Großstadtjugendlichen im künstlichen 
Nebel der heimischen Alternative-Diskotheken versinken 
... (46:51) (6) Robert Buchmann 

SHORTWARNING 
Safety In Numbers CD 

golfrecords.co.uk | Diese vier Engländer haben alles, um 
auf ihrer Heimatinsel zu einer ganz großen Band zu wer¬ 
den. Denn während hierzulande Bands wie FALL OUT 
BOY oder NEWFOUNDGLORY gemessen am Mainstream, 
ich sage mal, moderaten Erfolg haben, sind sie in Großbri¬ 
tannien Mainstream, das Ding, das die Hallen voll macht, 
die dort über Bandschicksale richtende Musikpresse ju¬ 
beln lässt und die Kids in orgiastische Begeisterungsstür¬ 
me versetzt. An diesen Bands und ihresgleichen orientieren 
sich SHORTWARNING aus London und machen ihre Sa¬ 
che nicht schlecht. Denn eingängige Refrains und treiben¬ 
de Melodien kombinieren sie mit einigen eigenen Ideen. 
Da werden mal Hardcore-mäßige Shouts eingebaut und 
an anderer Stelle Oldschool-Metal-Soli gespielt. So fin¬ 
den sich hier immer wieder überraschende Momente, die 
„Safety In Numbers“ abwechslungsreich machen. Für den 
Sommer genau richtig und ein Extrapunkt für den Ideen¬ 
reichtum. Hoffen wir, dass der NME und seinesgleichen es 
genauso sehen. (34:22) (7) Lauri Wessel 

SMALL STATE 
Pirates In Stereo CD 

anstreet.de/Radar | Diese vier sympathischen Jungs haben 
sich seit ihrer Gründung 2000 Mühe gegeben, haben em¬ 
sig in lokalen Saarbrücker Clubs gespielt, Demos und Alben 
in Eigenregie aufgenommen und verzückten Anstreet Re¬ 
cords schließlich derart, dass man SMALL STATE signte und 
nur ihr zweites Album heraus bringt. Und selbiges ist - mit 
Abstrichen - gar nicht schlecht. Die Band spielt recht klas¬ 
sischen Popcore, versüßt treibende Gitarrenparts und die 
zuweilen vorpreschende Rhythmussektionen mit hoch¬ 
melodischen Soli, deren Verspieltheit an BLINK 182 oder 
späte NEWFOUNDGLORY erinnern. Zu bemängeln gibt 
es eigentlich nur, dass die Band musikalisch wenig pro¬ 
biert. Sie verlässt sich aufs bekannte Korsett des amerikani¬ 
schen Sounds und reproduziert ihn in brauchbarer Quali¬ 
tät. Dennoch: Für den Sommer ist auch das ganz nett. Und 
hey, für ein zweites Album ist „Pirates In Stereo“ sowieso 
ein solides Stück Melodypunk. (32:41) (6) Lauri Wessel 

SMOOTH LEE 

Take Me... CD 

uebersee-records.com/Alive | Ganz ordentlich, wie die¬ 
se acht Belgier das verstaubte Ska - Punkrock - Genre auf¬ 
wirbeln. Zwar träten einem zu Beginn des Albums die Blä¬ 
ser ein wenig penetrant entgegen, die Befürchtung, die fol¬ 
genden zwölf Songs plus Hidden Track würden mit allzu 
viel Gute -Laune-Offbeats quälen, lösen SMOOTH LEE aber 
recht schnell auf. Denn die Band ist vielseitig. Mal spielt sie 
schnellen, hektischen Ska-Punkrock, in dem sich hicksen- 
de Offbeats mit dreckig-verzerrten Gitarren abwechseln. 
Mal geht sie es ganz ruhig an und wickelt den Hörer mit 
entspannten, Reggae-lästigen, teils gar nur instrumenta¬ 
len Stücken um den Finger. Und wenn der rauhe Gesang 
von Sänger/Gitarrist Luck Mostmans einsetzt, dann sind 
zuweilen auch vorsichtige Vergleiche mit den MIGHTY 
MIGHTY BOSSTONES gerechtfertigt. Ein solides und sehr 
vielseitiges Album, auf dem eine mir bisher unbekannte 
Band Ska, Reggae und Punkrock sehr gelungen mischt. Das 
europäische Pendant zum neuen MAD CADDIES-Albums? 
(39:23) (7) LauriWessel 

SELF-EVIDENT 

s/t CD 

doubleplusgoodrecords.com | Erstaunlich, was der Wech¬ 
sel eines einzigen Musikers von einem Album zum nächs¬ 
ten ausmachen kann. In diesem Falle war es der Schlag¬ 
zeuger Brian Heitzman, der nach neun Jahren durch Ben 
Johnston (CLAIRE DE LUNE) ersetzt wurde. SELF-EVI¬ 
DENT gehören seit einem Jahrzehnt zu den Bands, die ger¬ 
ne mal Fünfe gerade sein lassen - was den Takt betrifft! Ge¬ 
mütliches Kopfnicken ist da nicht angesagt, vielmehr kann 
man sich nie sicher sein, welche Wendung ein Riff oder gar 
ein Song nehmen können. Die Wurzeln liegen im Hardco¬ 
re, bei den Vorsilben allerdings hat man sich große Mühe 
gegeben: Jazz-, Post-, Math-, Noise- etc. Im Gegensatz zu 
vielen anderen modernen Vertretern dieser Zünfte ist die 
Musik des Trios frei von jeglichem Snobismus - es geht 
schlicht um die Songs, nicht um aufeinander abgestimm¬ 
te Frisuren und Garderobe. Ging es aber früher mitunter 
recht wüst und technisch zu, gibt Ben mit seiner Spieltech¬ 
nik den kniffligen Songs des Trios einen beruhigenden An¬ 
strich. Das erzeugt einen Widerspruch, der interessant ist, 
leider aber auch ein wenig die Spannung torpediert, die 
vorher entstanden ist. Trotzdem ist das hier ein gutes Al¬ 
bum, das eben seinen neuen, eigenen Reiz hat. (34:22) (7) 
Christian Meiners 


SIOEN 
A Potion CD 

universabnusic.be | In Belgien ist er schon einer der Gro¬ 
ßen, hierzulande treibt sich Frederic Sioen noch als Ge¬ 
heimtip in kleinen Clubs herum - und das, obwohl sein 
Vorgängeralbum „Ease Your Mind“ sehr viel Wohlwollen 
geerntet hat. Nun der nächste Versuch. Frederic hat dies¬ 
mal den jugendlichen Übermut abgelegt und präsentiert 
sich heuer als gereifter Mittzwanziger. Er bevorzugt mehr 
denn je die leisen Töne und baut seine nachdenklichen 
Songs um ein unprätentiöses Piano. Wenn man mag, dann 
kann man auch das neue Werk des Multi-Instrumentalis - 
ten als ein Songwriter-Album ansehen, allerdings wäre 
das ein Kompliment für dieses Genre. Die Dramatik eines 
Songs wie „What I fail to understand“ oder eine solch um¬ 
werfende Klavierlinie wie in „Ready for your love“ findet 
man bei den selbstmitleidigen Gitarrensolisten nur selten. 
Die Eigenwilligkeit der Songs und die dezenten Jazz-An¬ 
leihen bringen Sioen vielmehr in die angenehme Situati¬ 
on, dass seine Musik nicht einzuordnen ist und somit eines 
der höchsten Prädikate verdient: zeitlose Rockmusik. Mal 
sehen, vielleicht klappt es ja diesmal mit dem Ruhm auch 
außerhalb der Heimat - vorausgesetzt, die Zeit ist reif für 
ein bisschen Extravaganz. (48:25) (8) Christian Meiners 

SPEAKER BITE ME 
Action Painting CD 

morningsiderecords.dk/Cargo | Dänemark ist so ein klei¬ 
nes Land, aber eine Veröffentlichung nach der anderen aus 
diesem Land zeigt, dass die Zahl derer ziemlich hoch ist, 
die im positiven Sinn eine Macke haben. Formal sind SBM 
eine ganz normale Band, deren ungewöhnlichstes Instru¬ 


ment ein Keyboard ist, aber der Sound spricht eine ande¬ 
re Sprache. Experimentelle Musik ist das hier. Und elektro¬ 
nische, wobei vieles auch noch handgemacht ist, aber nicht 
immer so klingt. Knisternde Beats und knarzige Synthie- 
bässe prägen das Bild, die Stimmung schwankt von düs¬ 
ter bis manisch. Zwischen dem avantgardistischen Gescho- 
cke verbergen sich hin und wieder brillante Fragmente 
mit hinreißenden Gesangslinien („Teach me tiger“) oder 
Songs mit einer formidablen Dramaturgie („Bongo bizar¬ 
re“), aber meistens schlägt einem der gewollt geleierte und 
genölte Gesang von Frontfrau und -mann übel aufs Ge¬ 
müt. „Action Painting“ ist ein anstrengendes Album, dessen 
Schönheit sich nicht aufdrängt. Es gilt sie erst zu entdecken. 
(50:17) (6) Christian Meiners 



SHOCKS 
Brace... Brace... CD 

Dirty Faces/Broken Silence | An Selbstvertrauen mangelt 
es den Berufshektikern aus Berlin nicht, es wird wie im¬ 
mer grob herumgekotzt und jedem, der dafür bereit ist, 
die Meinung ins Gesicht 
geschrieen. Das Außen¬ 
seiter tum wird hier ge¬ 
konnt gepflegt und zur 
perfekten Attitüde stili¬ 
siert. Das sind im wah¬ 
ren Leben bestimmt sehr 
nette Menschen, die ei¬ 
ner Schwangeren ihren 
Platz in der Straßenbahn 
anbieten und auch al¬ 
ten Omas über die Stra¬ 
ße helfen. Simple Musik 
mit hoher Durchschlags¬ 
kraft oder einfacher gesagt: rotzige und frische Punkmu¬ 
sik mit frechen deutschen Texten. Wenn sich das mm liest, 
wie eine Besprechung aus den ersten Fanzines, die Anfang 
der 80er erschienen, habt ihr es verstanden, was ich meine, 
denn genau dahin wollte ich euch gefühlsmäßig bringen. 
THE SHOCKS verkörpern einfach wie keine andere aktu¬ 
elle deutsche Band einen (Retro)Stil, den man als zeitlos 
bezeichnen könnte. (8) Carsten Vollmer 

SEPTEMBER COLLECTIVE 
All The Birds Were Anarchists CD 

mosz.org | Hinter SEPTEMBER COLLECTIVE verbergen 
sich Stefan Schneider (TO ROCOCO ROT, MAPSTATION), 
Barbara Morgenstern und ein gewisser Paul Wirkus, die be¬ 
reits 2004 eine Platte zusammen aufnahmen. SEPTEMBER 
COLLECTIVE hat dabei aber sicher mehr mit TO ROCOCO 
ROT als den Platten von Barbara Morgenstern zu tun, denn 
auf „All The Birds Were Anarchists“ befinden sich vor al¬ 
lem improvisiert wirkende, instrumentale Elektronik¬ 
sounds, denen aber ein durchaus humanoider Touch inne¬ 
wohnt, und sei es nur durch die warmen Pianotupfer von 
Frau Morgenstern. Eine angenehm entspannte Angelegen¬ 
heit mit zurückhaltenden Beats, aber letztendlich wieder 
zu unruhig, tun als waschechte Ambientplatte durchzuge¬ 
hen. Wer seine Elektronik gerne et¬ 
was abstrakter, aber dennoch gut 
zugänglich mag, bekommt mit 
„All The Birds Were Anarchists“ 
eine schöne Sammlung in sich 
ruhender Soundscapes gelie¬ 
fert, bei der sich Atonalität und 
Melodiosität in einem angeneh¬ 
men Gleichgewicht befinden. (8) 

Thomas Kerpen 




TIED AND TICKLED TRIO 
Aelita CD 

Morr/Indigo | Das neue NOTWIST-Album lässt noch auf 
sich warten, dafür kann man sich an einer neuen Platte des 
Acher-Brüder-Nebenprojekts TIED AND TICKLED TRIO 
erfreuen, die auf „Aelita“ erfrischend anders klingen. Wa¬ 
ren bisherige Platten von Jazz und dem Einsatz von Blä¬ 
sern geprägt, wirkenTIED ANDTICKLEDTRIO hier so, also 
ob sie quasi die instrumentalen Parts von NOTWIST iso¬ 
liert hätten, eine Mischung aus analogen und digitalen 
Sounds, was durchaus noch in den Bereich von Ambient¬ 
musik fallt, auch wenn es bei „Tamaghis“ einen markanten 
Dub-Rhythmus gibt.Trotz des gewohnten Improvisations- 
charakters und fehlenden konventionellen Songelemen¬ 
ten entstehen hier erstaunlich konkrete, melancholische 
Melodie-Strukturen, die mehr an klassische Soundtracks 
aus den 60ern und 70ern erinnern-die analogen Synthie- 
sounds vonTANGERINE DREAM sind allerdings auch nicht 
weit - als an irgendwelche Laptop-Künstler oder andere 
Knöpfchendreher dieses Jahrtausends. Ich habe die Platten 
von TIED AND TICKLED TRIO zwar immer gemocht, bin 
aber versucht zu sagen, dass „Aelita“ wirklich das Beste ist, 
was ich bisher aus dem speziellen musikalischen Weilhei- 
mer/Münchner-Mikrokosmos gehört habe, ein wunder¬ 
schöner, sphärischer und zeitloser Trip, der eine unglaub¬ 
liche innere Ruhe und Wärme ausstrahlt und wo sich der 
Hörer in einem individuellen Raum-Zeit-Kontinuum be¬ 
findet, So bald die erstenTöne dieser höchst eigenständigen 
Platte erklingen. (10) Thomas Kerpen 

TODD ANDERSON 

Wenn die Botenstoffe streiken CD 

myfavouritetoy.com/Alive | Dass es in Marburg Schu¬ 
len gibt, war mir bekannt, dass es aber auch im Hardco¬ 
re die Marburger Schule gibt, ist neu. Die selbstbewuss¬ 
ten Mitbegründer dieser Spielart, TODD ANDERSON, de¬ 
finieren diesen Sound nach eigenen Angaben als deutsch¬ 
sprachigen „Denkerstim-Hardcore“. Was heißt das? Melo¬ 
die gepaart mit brutalen Gitarren und viel Geschrei. Kom¬ 
plexes Songwriting und extreme Rhythmuswechsel dürfen 
da nicht fehlen. TODD ANDERSON legen sich mächtig ins 
Zeug, und ganz sicher tim sie live das, was man unter „ab- 
gehen“ versteht. Bei ihrer Version von modernem Hardco¬ 
re bevorzugen sie eine ähnliche Herangehensweise wie die 
wilden Do-It-Yourself-Kollegen von LT.MOSH (Münster- 
Schule). Ebenso wie diese haben auch TODD ANDERSSON 
neben persönlichen Texten so manche politische Ansage zu 
machen. Doch Vorsicht: Eine laut herausgeschrieene Bin¬ 
senweisheit wie „Geld regiert und lenkt die Massen“ kann 
einen dieser Tage ganz schnell ins Sammelgefangnis von 
Heiligendamm bringen. (43:42) (8) Arne Koepke 

DAVID TOOP 
Sound Body CD 

Samadhisound/Galileo MC | DavidToop ist schon seit den 
1970ern aktiv, hat mit Derek Bailey, John Zorn oder Bri¬ 
an Eno zusammengearbeitet und vor allem durch seinen 
Umgang mit Ambientmusik über die Jahre Beachtung ge¬ 
funden. Nach Platten von Harold Budd und Derek Bailey 
erscheint mit „Sound Body“ auf David Sylvians Label Sa¬ 
madhisound ein neues Album des Briten, das wie bei Bai¬ 
ley und Budd ebenfalls in der Tradition minimalistischer 
Experimentalmusik steht. Wo sich Bailey auf seine Gitar¬ 
re beschränkt und Budd sich an klassischen Kompositio¬ 
nen orientiert, stehen beiToop abstrakte Sounds im Mittel- 



DAMBUSTEH 


distributed by 


OX-FANZINE 87 











REVIEWS 


punkt, die sich keinem konventionellen Songkonzept un¬ 
terordnen. Digital Noise, der scheinbar aus Momenten to¬ 
taler Stille entsteht, die es ja nicht gibt, weshalb Toop qua¬ 
si Umgebungsgeräusche in Musik übersetzt hat, eine Philo¬ 
sophie von Sound, die man etwa auch beiTRIBES OF NEU - 
ROT finden kann. „Sound Body“ ist eine dieser Platten, auf 
die man sich wirklich voll und ganz einlassen muss, an¬ 
sonsten macht eine Auseinandersetzung damit keinerlei 
Sinn und es entgehen einem die Spannungsbögen, die trotz 
aller vermeintlicher Monotonie auch bei Toop entste¬ 
hen, aber ein hohes Maß an Konzentration erfordern be¬ 
ziehungsweise den Willen komplett einzutauchen in diese 
Welt hörbar gemachter Stille. Das ist sicher mehr Kunst als 
Musik, was aber nicht heißt, dass „Sound Body“ eine unter¬ 
kühlte Angelegenheit wäre, denn Toops Ensemble erzeugt 
mit Hilfe von Harfe, Violine, zerrissenem Papier, Gummi¬ 
bändern, Steinen und Wasserflaschen einen interessanten 
Kontrast zu den elektronisch verfremdeten Bestandteilen 
der fünf faszinierenden wie komplexen Kompositionen. 
(8) Thomas Kerpen 

TER HAAR 

s/t 10“ 

sinnbus.de/Alive | Das Berliner Sinnbus-Label hat einen 
leicht schizophrenen Musikgeschmack. Gestartet ist es als 
reines Gitarrenlabel, mittlerweile halten sich elektronische 
und rockige Releases die Waage. TER HAAR gehören ein¬ 
deutig in die zweite Kategorie, und ganz penibel sei ange¬ 
merkt: ganz ähnliche Bands haben schon auf Sinnbus ver¬ 
öffentlicht. TORCHOUS kommen mir in den Sinn, BARRA 
HEAD, vor allem aber SEIDENMATT. Instrumentale, samtig 
weiche, aber fr ickelige Gitarrenmusik ist das hier, in vier 
mundgerechten Happen dargeboten von drei sehr jun¬ 
gen Debütanten. Wunderbar leichtfüßig kombinieren sie 
Pop und Mathematik miteinander. Dabei gehen sie sym¬ 
pathisch, gekonnt und äußerst entspannt zu Werke, sodass 
man ihnen auch gerne nachsieht, dass ihre Musik Einge¬ 
weihten wenig Neues bietet. Zugute halten kann man der 
Band wiederum, dass man ihre Musik nur selten viel besser 
gehört hat. Jetzt sag ich „cool“, feilen TER HAAR bis zum 
nächsten Mal noch dran, dann werde ich rufen „mehr da¬ 
von!“ (18:17) (7) Christian Meiners 

TRACK A TIGER 
We Moved Like Ghosts CD 

deepehn.com | Wer hat eigentlich Deep Elm immer als 
Emo-Label beschimpft? Die letzten Vorurteile sollte dieses 
Album hier beseitigen. Es ist das zweite Werk der Band aus 
Chicago, aber das erste auf Deep Elm. Der Vorgänger kam 
übrigens auf Future Appletree heraus, und die haben mit 
TENKI und anderen ganz ähnliche Releases im Sortiment. 
Basierend auf akustischen oder zumindest unverzerrten 
Gitarren bastelt das Kollektiv um Jim Vallet wunderbar 
schwebende Popmusik. Insgesamt dreizehn Musiker haben 
an „We Moved Like Ghosts“ mitgearbeitet, und diese Mu¬ 
sikerfülle hört man deutlich heraus. Der Sound ist dicht 
und warm und durchsetzt mit allerlei Spielereien - ein so 
genanntes Kopfhöreralbum. Jim und Gastsängerin Kristina 
Castaneda hauen die schönsten Harmonien heraus, wobei 
beide sehr leise singen. Auch die anderen Musiker werden 
selten laut, und so säuseln einem zehn Songs verführerisch 
ins Ohr, manchmal leicht hypnotisch, aber immer sehr at¬ 
mosphärisch. Trotz aller Lässigkeit schaffen es TRACK A TI¬ 
GER zum Glück auch, die Spannung über die volle Album- 
distanz auffechtzuerhalten. Ein schönes Stimmungsalbum 
für Fans von YO LA TENGO oder IRON & WINE. Und kein 
Stück Emo. (34:28) (7) Christian Meiners 


mein sich hier zwei Musiker vonYAWNING MAN an den 
Gitarren, der Schlagzeuger des CHUCK DUKOWSKI SEX- 
TET und Brant Bjork himself am Bass, um einen Ausflug 
auf dem überirdischen Highway zu unternehmen. Ihr Weg 
ist steinig und schwer, wenn auch Anhänger des Stoner- 
Rock eher schwer enttäuscht sein dürften, stattdessen ar¬ 
beiten die vier mit viel Echo und zähen Strukturen an einer 
Fusion von 80er-Jahre Gitarrenrock, Psychedelic und Jazz. 
Wie das so ist mit Highways, die durch die Wüste führen, 
sie führen lange geradeaus und man sieht immer das Glei¬ 
che, und das trifft diese Platte leider sehr gut. (59:12) (5) 
Chris Wilpert 


TURBONEGRO 
Retox CD 

Edel | Wenn man diese Platte besprechen will, muss man 
erstmal seine eigenen Erwartungen hinterffagen: Hat man 
seit der Reunion von 2003 wirklich geglaubt, es würde je¬ 
mals wieder so wer¬ 
den wie zu Zeiten von 
„Ass Cobra“ (1996) und 
„Apocalypse Dudes“ 
(1998)? Dass die Stim¬ 
mung eines verschwitz¬ 
ten Konzerts in der So¬ 
linger Prollkneipe Em 
Kotten sich Jahre später 
einfach würde reprodu¬ 
zieren lassen? Eine ro¬ 
mantische Vorstellung, 
aber mit dem Abschieds¬ 
konzert im Dezember 
1998 in Oslo ging eine Ära zu Ende, die vonTURBONEGRO 
I. Was danach kam, ist TURBONEGRO II. Ein anderes Jahr¬ 
zehnt, Jahrhundert, Jahrtausend, und alles, was zuvor bei 
TURBONEGRO einen gewissen anarchischen Touch hatte, 
erschien nun geplant, neu, und vor allem auch irgendwie 
inszeniert. Das hat was mit Nostalgie zu tun, kaum etwas 
mit perfider Verschwörung, und mit Erwartungen: Denen 
der Band an sich selbst, der Wunsch alles noch besser und 
grandioser zu machen als früher, denen der Fans, die neu 
hinzugekommen sind und die „alten“ TURBONEGRO nur 
aus Berichten anderer kennen, und denen der alten Fans, 
die alles wieder so haben wollen wie vor dem 18.12.1998. 
„Retox“ ist nun das dritte Album jener TURBONEGRO II, 
die nicht mehr bei Burning Heart unter Vertrag sipd, son¬ 
dern beim gesichtslosen (aber unabhängigen) Medienkon¬ 
zern Edel, und ich stehe der Platte reichlich indifferent ge¬ 
genüber: Ja, das sind TURBONEGRO, Euroboy lässt sich zu 
unglaublicher Gitarrenarbeit hinreißen, Hanks Gesang ist 
wirklich gut, und die Songs, ja die Songs sind perfekt pro¬ 
duzierte Rocknummern, die wie gewohnt von Anspielun¬ 
gen und Zitaten nur so strotzen. Doch es fehlt etwas: Die 
Gefahr, die Mystik, die Magie. Ist dazu irgendwem ein Vor¬ 
wurf zu machen? Nein. Die Band hat das Recht so lange 
weiterzumachen, wie sie will, und der Fan hat das Recht zu 
sagen „Früher fand ich sie besser, die neue Scheibe muss ich 
nicht haben“, und am besten trifft es wohl die Band selbst, 
die sich — nur leicht größenwahnsinnig — mit den RAMO- 
NES und MOTÖRHEAD vergleicht, und denen würde ja 
auch nicht der Vorwurf gemacht, immer wieder die glei¬ 
chen Platten gemacht zu haben beziehungsweise zu ma¬ 
chen. Und genau das ist der Punkt: Also, Erwartungen run¬ 
terschrauben, TURBONEGRO are here to stay, und irgend¬ 
wie wäre es ohne sie auch langweilig. Und wer weiß, was in 
den irren Hirnen der Norweger noch für grandiose Ideen 
gären... (39:54) (7) Joachim Hiller 



TEN EAST 

Extraterrestrial Highway CD 

Alone/Cargo | Ich hab das Gefühl, um diese Platte sin¬ 
nig einordnen zu können, müsste ich die zahlreichen In¬ 
strumental-Bands wie ACROSSTHE RIVER oder SORT OF 
QUARTET kennen, die in den 80ern auf SST ihr Unwe¬ 
sen trieben. Tu ich aber nicht (nicht zuletzt weil der SST- 
Backkatalog nur aus circa drei Bands besteht!). Also versu¬ 
che ich es halt von der anderen Seite: Aus den Wurzeln die¬ 
ser Instrumentalrocker, aus denen sich die Mitglieder von 
TEN EAST rekrutieren, ging auch der schwere Wüstenrock 
von Bands wie KYUSS oder hervor, namentlich versam- 


AVEY TARE & KRIA BREKKAN 
Pullhair Rubeye LP/CD 

paw-tracks.com/Cargo | ANIMAL COLLECTIVE sind ein 
guter Beweis dafür, dass eine gute Band eben mehr ist als 
die Summe der einzelnen Teile: Zwar ist das letzte Soloal¬ 
bum von PANDA BEAR mit seinem fantastischem Pop-Ap¬ 
peal und seinem dreisten Eklektizismus wirklich großartig, 
trotzdem fehlt ihm etwas von der Genialität des Kollektivs. 
Und auch das andere, einzige feste Bandmitglied, AveyTare 
aka Dave Porter lässt in seiner Kollaboration mit der ehe¬ 
maligen MUM-Musikerin Kria Brekkan aka Kristin Anna 
Valtysdottier etwas von dem tierischen Esprit vermissen. 


Dafür erkennt man in den Solowerken, wo wessen Stär¬ 
ke liegt: Während PANDA BEAR mit seinem an Syd Barrett 
erinnernden Gesang für die unübertrefflichen Melodien 
der Band zuständig ist, ist AVEYTARE wohl eher der Meis¬ 
ter der versponnenen Loops. Von der Gitarre und dem Kla¬ 
vier, mit denen die beiden dieses Album eingespielt haben 
wollen, ist hier nicht mehr viel zu erkennen, und auch der 
Gesang klingt eher geisterhaft. Alles in allem hat man den 
Eindruck, die Aufnahmen wären ganz im Sinne des hip¬ 
piehaften Experimentierens rückwärts abgespielt worden. 
Dabei entsteht eine bedrohliche Stimmung, die Hippies so 
vermutlich aber wahnsinnig machen würde. (31:38) (7) 
Chris Wilpert 

THIS ET AL 
Baby Machine CD 

Strange Ways | Ich tue mich ein bisschen schwer dabei 
THIS ET AL richtig einzuordnen. Sind sie wieder so ein 
„next big thing“ oder doch einfach nur eine Band, die es 
verstanden hat, sich das Beste aus mehreren Genres zu¬ 
sammen zu klauben und ihren eigenen Stil zu entwickeln? 
Auf „Baby Machine“ wird alles abgedeckt, was in den letz¬ 
ten Jahren wirklich angesagt war und es eigentlich immer 
noch ist - weil es gut ist: Da sind zum Beispiel die leich¬ 
ten Popsongs, die an BLOC PARTY erinnern oder an MUSE. 
Feststeht, dass „He shoots presidents“ und „Wardens“ gro¬ 
ße Indie- Songs sind, die es verdient haben, dass man das 
Tanzbein zu ihnen schwingt. Die Band kommt übrigens aus 
dem Hardcore und ist schon seit 2002 zumindest in En¬ 
gland sehr beliebt. Um es kurz zu fassen: „Baby Machine“ 
kann ein Hit-Album werden — es braucht aber definitiv ein 
bisschen mehr Zeit, tun sich richtig zu entwickeln. (8) 

Sebastian Wahle 

TINYYSON 

Embracing Uncertainty CD 

Record Of The Year | Obwohl ich anfangs eher abgeneigt 
war, haben mich TINY Y SON schon während des ersten 
Hörens ihrer Debüt-CD „Embracing Uncertainty“ an die, 
wenn nicht sogar durch die Wand geblasen. So explosiv 
und melodiös wie die Band aus Bremervörde ist seit DAYS 
IN GRIEF und STRIKE ANYWHERE keine Band mehr an 
schnellen Hardcore herangegangen. Obwohl das Album 
fünfzehn Songs aufweist, die sich stiltechnisch nicht groß 
von einander unterscheiden, langweilt „Embracing Un¬ 
certainty“ zu keiner Sekunde. Die fünf haben ein dickes 
Lob für ihren Erstling verdient, der sich irgendwie euro¬ 
päisch anhört ...TINYY SON haben diese „typische“ Her¬ 
angehensweise an ihre Songs, die sie erfreulicherweise vom 
Gros der amerikanischen Bands und vor allem von unispi- 
riertem Emocore, von dem man zur Zeit förmlich über¬ 
schwemmt wird, abhebt. Allein Songs wie „Bleary-eyed“ 
oder „The uranium-issue of dogmalovers“ sind nur zwei 
Beispiele tun zu zeigen, wie man intelligente Texte über 
Politik und Umweltpolitik mit schnellen Songs und star¬ 
ken Melodien verbindet. Die Empfehlung des Monats! (9) 
Sebastian Wahle 

TROUBLE 

Simple Mind Condition CD 

Escapi Music/Soulfood | Die 1979 in Chicago gegründe¬ 
ten TROUBLE waren für mich schon eh und je die Antipo¬ 
de zu den Kaliforniern SAINT VITUS. Obwohl musikalisch 
durchaus verwandt, standen Letztere für eine böse und 
schmutzige Variante des Dooms, TROUBLE dagegen waren 
eher sauber und nett. Zu nett beinahe für eine Band, die 
mit ihrem düsteren Sound und melancholischen Songs auf 
ihren frühen Alben prägend für den Doom der Achtziger 
war. Wofür auch die offensive christliche Einstellung der 
Band verantwortlich gewesen sein mag.Von der verabschie¬ 
deten sie sich zwar im Laufe der Jahre, um sich musikalisch 
als auch textlich in Richtung Psychedelic zu orientieren, 
so ganz sind sie das „White Metal“-Label aber nie losge¬ 
worden. „Simple Mind Condition“ ist das erste TROUBLE- 
Album seit der Auflösung 1995, beinahe in Originalbeset- 
zung eingespielt und musikalisch knüpft man dort wieder 
an: Klassischer Siebziger-Rock mit leichtem Psychedelic - 
Touch und nur wenig von dem Doom, der sie einst legen¬ 
där machte. Das ist zwar prinzipiell vollkommen in Ord¬ 
nung, aber in den letzten Jahren hat es in diesem Bereich 


zu viele neue und frischere Bands gegeben, so dass ich be¬ 
fürchte, dass für TROUBLE heute keine tragende Rolle in 
dem von ihnen so stark beeinflussten Genre mehr vorgese¬ 
hen ist. (6) Andre Bohnensack 

TERMINALS 
Forget About Never LP 

dead-beat-records.com | Wow, das ist mal räudig und wild 
durchgehackter Garagen-Trash mit voll aufgedrehten Reg¬ 
lern und einer Orgel, die zusammen mit dem Schlagzeug 
die Wüste rulet. 60s-Beat vereint sich hier in einem feuch¬ 
ten Kohlenkeller zu einer Krachorgie, die man in etwa ex¬ 
akt so wahrnimmt, wenn man den halben Konzertabend 
direkt vor den Boxen verbracht hat. LoFi mit Gewalt, Sex¬ 
appeal und einem atemberaubenden Tempo. Klingt verbo¬ 
ten und gefährlich, ich glaube, so war es auch gemeint. De¬ 
finitiv nicht das, was man mit Drogen kombinieren sollte, 
jedenfalls nicht dann, wenn man über dem fünften Stock 
wohnt. Andererseits hervorragend geeignet, um nächtliche 
Verfolgungsjagden zu vertonen oder mit voll aufgedrehten 
Kopfhörern blutrünstige Computerspiele zu zocken. Ver¬ 
dammt heiß. (9) kalle stille 

TEENAGE PANZERKORPS (DER TPK) 

Harmful Emotions LP 

siltbreeze.com | Was es alles für wunderbare Termini gibt: 
Zu DER TPK finde ich die schöne Bezeichnung „lo-fi post- 
modern punk“, und ihr neuer Release auf dem für außer¬ 
gewöhnliche Kleinauflagen bekannten Siltbreeze-Label 
aus Philadelphia ist einmal mehr harter Stoff. Die Band, 
eine transkontinentale Zusammenarbeit zwischen Musi¬ 
kern/Sängern aus Aachen, Berlin und San Francisco - an¬ 
geblich ist hier ein gewisser Jason H alias „Bunker Wolf* in¬ 
volviert, der einst allenthalben für soziale Unruhen verant¬ 
wortlich war - mit Verbindungen zum Experimental-Kol¬ 
lektiv Jewelled Antier aus Kalifornien, steckt bis zum Hals 
im Freistil-Post-Punk der späten Siebziger: No-Wave trifft 
hier auf das lakonische Geschrammel von Mark E Smiths 
THE FALL, der wütende LoFi-Sound eines Billy Childish 
auf die eigenwilligen Nebenprojekte von EA80-Junge, mal 
wird auf Deutsch, mal auf Englisch gesungen. Höchst ei¬ 
genwillige Minderheitenmusik mit ganz speziellem Char¬ 
me, im handgemachten Copy-Art-Cover und teuflisch li¬ 
mitiert. (7) Joachim Hiller 

TWO COW GARAGE 
Three CD 

Sonic Rendezvous/Cargo | Die dritte Platte, der omi¬ 
nöse „Make it or break it“-Faktor. Apropos brechen: fast 
zerbrochen wären TWO COW GAGAGE auf dem Weg 
zu diesem Album auch, wenn man zwischen den Zeilen 
liest. Also „Three“. Reifer, besser, immer noch zwischen 
Westerberg’scher Wucht (zum Beispiel „Cameo jacket“) 
und Mould’scher Melancholie (zum Beispiel „No shame“) 
pendelnd, wird hier der große Song zelebriert. Etwas we¬ 
niger ungestüm cowpunkig als in der Vergangenheit viel¬ 
leicht, auch wenn Micha Schnabels Stimme natürlich je¬ 
dem LEATHERFACE-Fan vor Begeisterung das Wasser in die 
Augen treibt. Brent Best (SLOBBERBONE) hat wieder pro¬ 
duziert und wieder gelingt TCG das Kunststück, ein Album 
hinzulegen, das mich sprachlos zurück lässt. Ganz groß. 
Und jetzt bitte, bitte ganz schnell noch mal nach Europa 
kommen. Klassischer Titel, super dritte Platte. (48:38) (9) 
Tom Küppers 

TWO GALLANTS 
The Scenery Of Farewell 

Saddle Creek | Mit „Cassadaga“ ist Conor Oberst ange¬ 
passt und langweilig geworden. Mit der Unterschrift bei 
einem Majorlabel hat Obersts Musik an Ungestüm verlo¬ 
ren. Der BRIGHT-EYES-Mastermind ist nur noch ein rot¬ 
weingetränkter Schatten seiner selbst. Inzwischen ist die 
Band überflüssig geworden, zu einem weiteren Massen- 
produkt. Doch die nächste Generation an Jungen Wil¬ 
den rückt schon nach: TWO GALLANTS stehen ganz vor¬ 
ne in der Schlange, um den Intellektuellen-Indie-Thron 
von Oberst zu besteigen. Das Duo aus San Francisco ist so 
wild und ungestüm wie der alternde Rebell zu seinen bes¬ 
ten Zeiten. Die beiden suhlen sich in literarischen Referen¬ 
zen, der Bandname etwa stammt von einer Kurzgeschichte e 


WILLKOMMEN IN DER ELEKTRISCHEN ZONE 


Noch nie fand ich einen Albumtitel so passend, wie „Ex¬ 
zessexpress“ (Audiolith/Broken Silence) von PLEMO, 
denn dieser elektrische Einzelkämpfer treibt es wirklich 
grenzenlos. Very Phunky, tief in den 80em wühlend und 
extrem smart, schafft er es, zeitgemäße, deutschsprachi¬ 
ge Popmusik aus Strom zu produzieren, die wirklich hör¬ 
bar ist. zu allem Überfluss anspruchsvoll produziert wur¬ 
de und überhaupt keine Abnutzungserscheinungen auch 
nach mehreren Durchläufen aufweist. Einige Sounds und 
assimilierte Melodien werden dem älteren Publikum mehr 
als bekannt Vorkommen und die jüngeren Zuhörer in ab¬ 
solutes Staunen versetzten, denn was gab es doch für coo¬ 
le Musik schon vor ihrer Geburt. Wem Namen wie Tom¬ 
my Boy Records, ALPHAVLLLE, Mike Mareen oder AFTER 
THE FIRE noch etwas sagen, der sollte sich nicht ab wenden, 
sondern von PLEMO lernen, wie man die Erinnerung an 
die E-Pioniere mit einem selbstironischen Augenzwinkern 
auch heute noch aufrecht erhalten kann, ohne auf peinli¬ 
chen Ü-Irgendwas-Partys abzuhängen und zu verschim¬ 
meln. Früher war die Welt nur bunt, heute ist sie auch noch 
schnell. (8) 

Vollkommen schmerzfrei sind TEXT OF LIGHT. ,.Un 
Pranzo Favoloso/A Fabulous Lunch“ (Finalmuzik.com) ist 
eine Live-Konzert-Improvisation zu diversen Filmen von 
Stan Brakhage. Ohne Konzert/Live-Atmosphäre und den 
dazugehörigen Bildern wirkt dieses über eine Stunde dau¬ 
ernde Werk eher wie eine zähe Masse, die sich aus den Bo¬ 
xen quält und nicht so recht weiß, wohin sie flüchten soll. 
Geräuschwelten unterschiedlichster Prägung und Intensi¬ 
tät werden hier ohne Vorwarnung auf den geneigten Hö¬ 
rer losgelassen. Ohne Richtung. Ohne Zusammenhang. Ich 
will keine Drogen nehmen, nur um so etwas ertragen zu 
können! (1) 

Nein, ich brauche auch keine weiteren Drogen, um mir 
KK NULL anzuhören. Bei Kazuyuki Kishino, der als einer 
der extremsten japanischen Noise-Artists begonnen und 
sich dann immer weiter der experimentellen Musik geöff¬ 
net hat, weiß man trotzdem nie, was einen erwartet. Das 
baut schon von Beginn an eine gewisse Spannting auf. Die 
Frage ist immer: Dreht er jetzt noch fhal richtig durch oder 
bleibt es ruhig und fließend? Natürlich wird einen kei¬ 
ne reine Noise-Orgie mehr erschrecken, aber die harshe- 
ren Zwischentöne sind immer noch für die meisten Zeit¬ 
genossen sehr verstörend. „Fertile" (Touch/Cargo) ist ein 
eher nettes Album vom Gesamtkonzept her, welches dann 
auch mehr von seiner ungewöhnlichen Klangzusammen¬ 
stellung als einer direkten Konfrontation mit dem Hörer 
lebt. Hier treffen unbearbeitete Naturgeräusche (Field Re- 
cordings aus Australien) auf unfertige Studiosounds und 
zusammen gehen sie eine sehr geschmack- und kraftvol¬ 
le Klangsymbiose ein. (7) 

Für den Noise dürfte in dieser Ausgabe Kevin Drumm 
mit dem Rerelease seines Klassikers „Sheer Hellish Mias¬ 
ma“ (Ed. Mego/Groove Attack) zuständig sein. Erweitert 


um einen Bonustrack, der witzigerweise an den Anfang 
gestellt wurde und absolut untypisch ist für das ihm fol¬ 
gende Inferno, denn hier kann sich jeder eine Lehrstun¬ 
de abholen, wie weit Mann wirklich in ein Feedback ab- 
tauchen kann! Tiefer, immer tiefer wird man hineingeso¬ 
gen in ein Kratzen, Schaben, Stöhnen, Kreischen, Fauchen 
... Das ganze Zimmer ist erfüllt von einem einzigen Fre¬ 
quenzmoloch, aus dem sich jeder einzelne Ton unter Qua¬ 
len herauswinden muss. Sich behaupten muss. Um gleich 
wieder vom nächsten, stärkeren Ton überlagert, zurückge¬ 
stoßen und verdrängt zu werden. Die Ursuppe. Das Rau¬ 
schen. Alles. Die tonale Steigerung. Der nur noch die Stil¬ 
le folgen kann... (9) 

Okay; wem ein durchgeknallter Knöpfchenverdreher nicht 
genügt, der kann sich direkt im Anschluss Dan Deacon 
buchen, dann hat er zwei, einen für jedes Ohr sozusagen. 
Der Herr hier ist eigentlich ein richtig ausgebildeter Kom¬ 
ponist, der auch schon diverse ernsthafte Platten produ¬ 
ziert haben soll. Aber, wie es immer ist, Ernsthaftigkeit be¬ 
deutet manchmal Langeweile oder konkreter. Genie und 
Wahnsinn liegen hier verdammt nahe beieinander. An das 
kompositorische Werk von Dan Deacon wird sich in ein 
paar Jahren niemand mehr erinnern, von „Spiderman Of 
The Rings“ (Carpark/Cargo) wird man noch in Genera¬ 
tionen sprechen. Das Album ist sozusagen die Essenz sei¬ 
ner durchgeknallten Live-Auftritte. Extrem durchdach¬ 
te und klassisch-klar strukturierte Minimal-Music kolla- 
boriert mit Electro-Psychedelica. wird durch einen Trash- 
Mixer in eine kosmische Endlosschleife gesendet und mit 
geheimen Effekten aus dem Kinderzimmer bombardiert. 
Die Synapsen springen lustig umher und der lachende Zu¬ 
fallsgenerator macht Überstunden. Eine leichte Melancho¬ 
lie durchzieht alle Songs, die dieses Album spürbar veredelt 
und ihm den gewissen, außergewöhnlichen Reiz gibt.TAL- 
KING HEADS auf LSD. oder: Wie ich das Geräusch einer er¬ 
kälteten Mikrowelle zu lieben lernte. (10) 

Wofür und warum braucht man im digitalen Zeitalter, wo 
alles immer und für jeden verfügbar ist, eine, die perfek¬ 
te Kopie? THE DANCE INC. sind Marc Almond. Punkt! 
So einfach könnte man es sich machen, aber „Legs & Arms“ 
(Audiolith Rec./Broken Silence) ist dafür schon wieder zu 
perfekt in allen Belangen, tun nur als billige Kopie durch¬ 
gewunken zu werden. Unwirklich und zeitlos wirkt die¬ 
ser Edel-Pop auf einen, vielleicht ein bisschen zu glatt pro¬ 
duziert und zu nahe am Kitsch, aber das soll wohl so sein. 
Dass solche Musik auch noch heute funktioniert, jun¬ 
ge Menschen anspricht und dann sogar noch als komplet¬ 
te Live-Band dargeboten wird, ist umso erstaunlicher. Es 
lässt in mir die Hoffnung aufkeimen, dass Popmusik lebt 
und noch nicht vollständig in den Händen gesichtsloser 
Computerproduzenten verkümmert ist. Eine wirklich fei¬ 
ne Platte! (7) 

„Future Rock“ (Kranky/Cargo) nennt sich etwas mehr 
als übertrieben die neuste Veröffentlichung von STRÄT- 


EGY. Wenn das rocken soll, dann habe ich wirklich was 
nicht verstanden, oder wenn das der Rock der Zukunft sein 
soll, dann lebe ich lieber in der Vergangenheit. Hoffentlich 
darf ich mir das in der Zukunft noch aussuchen! ? Diese Art 
von hyperrelaxten und smoothen Klängen ist eher was für 
den fortgeschrittenen Abend in der Chiliout- oder Lounge 
Zone. Gut für Tischgespräche mit eingeschlafenen Füßen 
und einer Partnerin, die eh keine Lust mehr auf schmut¬ 
zigen Sex hat und lieber am Strohhalm ihres Cocktails nu¬ 
ckelt. Es gibt schon genügend grässlich langweilige Leute, 
die trendy sein müssen. (4) 

Krautrock meets Blues und schon wieder hat man eine 
einfache Formel erfunden, wo sich Interessierte die Hände 
reiben und andere Menschen sofort aufhören weiterzule¬ 
sen. Und deshalb landet so ein Crossover auch in der „Elek¬ 
trischen Zone“ und wird nicht untergehen zwischen den 
normalen Reviews, denn ich habe immer noch den An¬ 
spruch, Leute, die noch offen für neue Klänge sind, für et¬ 
was zu begeistern, was sich musikalisch irgendwo im Nie¬ 
mandsland bewegt. EMBRYO, das heißt Cristian Burch- 
ard in Personalunion, trifft die NO-NECK BLUES 
BAND aus New York und das in Köln. Was liegt da näher, 
als „Embryonnck“ dann auch auf Staubgold zu veröffent¬ 
lichen? Musikalisch ist es eine weltoffene und schöne Im¬ 
provisation, wobei ich finde, dass der embryonale Anteil 
mit seinem arabisch/ethnogeprägten Sound ein bisschen 
zu hoch ist.Trotzdem ist eine wunderbar schwebende, hel¬ 
le und - darf man das heutzutage überhaupt noch schrei¬ 
ben? „kosmische“ Platte entstanden. (7) 

Köln geht immer weiter! MAN VS. NÄTURE sprengen 
mal wieder alle Grenzen und erfinden den klassischen In- 
dierock neu, tun ihn im selben Augenblick wieder durch 
ihren Maschinenpark zu hetzten. „MouldoMouth“ (Saft- 
kugler) bedeutet nie Stillstand, immer im eigenen Univer¬ 
sum unterwegs, aber wenn, dann bitte mit einer angeneh¬ 
men Bodenhaftung und Beständigkeit. Frei, ungezwungen 
und irgendwie mit einem gewissen Konzept zum Überle¬ 
ben. Einen solchen eigenständigen Sound findet man heut¬ 
zutage leider immer seltener, denn zu starr sind die Genre¬ 
grenzen und die Akzeptanz für freie Musik ist auf ein Mini - 
mum reduziert. Vielfalt würde Auseinandersetzung bedeu¬ 
ten und das w'äre eine zu zeitintensive Investition in dieser, 
unseren schnelllebigen Gesellschaft. (8) 

Vollkommen weltfremd und stilistisch totales Freidenker- 
tum ist auch „Brombron 12: Six Strings“ (kormplastics.nl) 
von Greg Malcolm & Tetuzi Akiyama. Bormbron ist 
das Studio einer Musikinitiative in Nijmegen, das Musi¬ 
kern kostenlos zur Verfügung gestellt wird, damit sie ihre 
Vorstellungen, die sie schon jahrelang mit sich herumtra¬ 
gen, endlich mal verwirklichen können. Meistens handelt 
es sich dabei um experimentelle Bands oder Projekte aus 
dem elektronischen Bereich. Dieses Mal blieben aber alle 
Maschinen aus und nur mit zwei Akustikgitarren schaf¬ 
fen es Greg Malcolm & Tetuzi Akiyama, eine wirklich fi¬ 


ligrane Klanglandschaft zu erzeugen, die jenseits aller üb¬ 
lichen Hörgewohnheiten und -gesetzte zu stehen scheint. 
Wer jetzt glaubt, hier gäbe es Folk, Blues, Singer/Songw'ri- 
ter oder ähnliches „Gezupfe“ zu hören, der ist total weit 
entfernt von den unvorstellbaren Klangmöglichkeiten ei¬ 
ner Akustikgitarre. Auch die Menschen, die jetzt denken, 
hier würden die Gitarren zersägt tmd mit allen möglichen 
Werkzeugen oder Effekten bis zur Unkenntlichkeit bear¬ 
beitet, denken in die falsche Richtung. Hier spielen wirk - 
lieh nur zwei Menschen und das ganz normal ihre Akus¬ 
tikgitarren. Vorausgesetzt man mag diesen Klang und lässt 
sich auf die fast meditativen Stücke ein, wird man von den 
wunderbaren und offenen Melodiebögen weit fortgetra¬ 
gen. Eingeschmeichelt von fließenden, surrenden und zar¬ 
ten Tönen denkt man an erholsame Wanderungen, Augen¬ 
blicke der stillen Erkenntnis oder einfach nur an Momen¬ 
te vollkommener Glückseligkeit. Nur keine Hektik. Nimm 
einen tiefen Atemzug und begib dich auf diese wundersa¬ 
me Reise! Minimal Music for Strings. (10) 

Ebenfalls der „Macht der Saiten“ bedienen sich SPACE- 
HEADS AND MAX EASTLEY auf ,.A Very Long Way 
From Anywhere Else“ (Bip-Hop/Target). Allerdings wur¬ 
den diese von Max Eastley in Holzskulpturen verarbeitet 
und dann gespielt, beziehungsweise zum Schwingen ge¬ 
bracht. Dazu mixten die beiden Spaceheads A. Diagram und 
R. Harrison ambiente Dub-Sounds, die eine ruhige Platt¬ 
form für diese knarzigen und eher kratzenden Geräusche 
bieten. Nettes Konzept, befriedigende Ausführung, aber auf 
die Dauer doch recht eintönig und ermüden^. (6) 

Ein waschechter „Kassetten-Täter“ aus Überzeugung ist 
Franz No. Jedenfalls hätte man so früher einen solchen 
Eigenbrödler genannt, der sich zu Hause vor seinem 4- 
Spur-Gerät austobt. „Berlin EP“ (franzno.paradoxal.org) ist 
auch soundtechnisch ein Kind dieser Vergangenheit. NDW 
as Fuck! Mit allen Vor- und Nachteilen. Wer diese Zeit und 
ihren naiven Klang mag, wird an Franz No Spaß haben, 
schade finde ich nur, dass so etwas nicht stilecht auf einer 
Vinylsingle veröffentlicht wird. (7) 

Braucht die Welt ein weiteres Italian-Elekkktro-Spasm- 
Industrial-Album? Braucht die Welt ein weiteres PAN- 
KOW-Album? Ich bin ja immer sehr skeptisch, wenn auf 
einmal wie aus dem Nichts ein neues Album, einer so ge¬ 
nannten „Legende“ auftaucht. „Great Minds AgainstThem- 
selves” (Wheesht/Cargo) hört und fühlt sich an wie da¬ 
mals, wie immer, vertraut... Ich bin mir jetzt gar nicht si¬ 
cher, ob ich „großartig“ anfügen solL Wahrscheinlich war 
diese Band einfach nur so extrem stilprägend, dass man im¬ 
mer alle ihr folgenden Bands mit ihr verglich, aber bei ei¬ 
ner Besprechung der neuen Tonträger nun einfach nur kei - 
ne Referenz mehr hat. Einerseits ist es komisch, dass die¬ 
ser spezielle Sound immer noch so unglaublich gut funk¬ 
tioniert und man seine Kraft scheinbar spürt. Andererseits 
muss man PANKOW wirklich fragen, ob sie die musika¬ 
lische Entwicklung der letzten Jahre total verschlafen ha¬ 
ben oder einfach großartigerweise ignorieren? Hoffent¬ 
lich werden PANKOW auch w ieder Live-Konzerte spielen, 
denn die waren einmalige Orgien. (8) Carsten Vollmer 


OX-FANZINE 88 



REVIEWS 


von James Joyce. Ihre Songs erzählen Geschichten in bes¬ 
ter Harper-Lee-Manier und ihr Sound ist räudig und un¬ 
gehobelt. Der Nachwuchs der 68er-Generation aus Hip¬ 
pie-Frisco ist bereit, die Welt auf ihre eigene Weise zu er¬ 
klären. Man hört gespannt zu, was sie zu sagen haben. (8) 
Julia Gudzent 

FRANK TURNER 
Sleep Is For The Week 

xtramilerecordings.com/Pias | Man kann ja sagen, dass 
das erste Lied eines Albums so etwas wie dessen Visitenkar¬ 
te ist. Bei „The real damage“ ist das jedoch so eine Sache 
- tun es gleich vorweg 
zu nehmen: es ist fantas¬ 
tisch, wie das ganze Al¬ 
bum. Der Tag des Ich-Er¬ 
zählers beginnt, als er un¬ 
ter lauter fremden Men¬ 
schen aufwacht, wobei 
sich der Refrain im Laufe 
des Lieds vom reflektier¬ 
ten „through the best ye- 
ars of my life“ zu einem 
nihilistischen „I realized 
I was half-way through 
the first day of the week“ 
wandelt. Doch auf dieses eher heitere Lied folgen bald me¬ 
lancholischere Töne, die ihren Höhepunkt (und damit 
Stimmungstiefpunkt) in „Worse things happen at sea“ fin¬ 
den, bei dem auch ein paar Streichinstrumente hervorra¬ 
gend eingesetzt werden. Manchmal muss ich hier ein we¬ 
nig an die Bands des Grand Hotel van Cleef oder auch OA- 
SIS denken - mit Letzteren hat Frank Türner auf jeden Fall 
den englischen Akzent gemeinsam. Das Album geht dann 
ein wenig abrupt mit „Back in the day“ wieder in Richtung 
Country, bevor sich Turner in „Once we were anarchists“ 
fragt, ob der Kampf, nur motiviert durch „a sense that 
something’s wrong“, es wirklich wert ist, gekämpft zu wer¬ 
den. Seine Antwort ist eindeutig: „If the revolution doesn’t 
want me, I don’t give a shit.“ Jedes Lied wäre es wert, hier 
vorgestellt zu werden, denn nur dies würde der Vielseitig¬ 
keit und der hohen Qualitätsdichte dieses Albums gerecht, 
das mit der Solo-Live-Aufnahme der „Ballad of me and my 
friends“ zu einem würdigen und angemessenen Abschluss 
kommt: „We re definetly going to hell, but we’ll have all the 
best stories to teil“ - das gilt auf jeden Fall für Frank Turner. 
(47:17) MyronTsakas 

TARENTATEC 
Baracke 5 MCD 

12pylonsrecords.com | TARENTATEC sind ein schwie¬ 
riger Fall, denn es kommt immer anders als man denkt. 
So ist dieses Kurzalbum ein Musikbeispiel der gebroche¬ 
nen Erwartungen, was heißen soll, dass es jedes Mal, wenn 
man meint, den Song durchschaut zu haben, ganz anders 
kommt. So ist das erste Stück unerwartet instrumental, 
obwohl man in der festen Überzeugung ist, das gleich ei¬ 
ner losschreien wird. Der erwartete Sänger kommt dann 
im zweiten Stück, aber mit einer eher Rock’n’Roll-artigen 
Stimme, die auf den ersten Anschein irgendwie überhaupt 
nicht ins Bild passen will. Denn im Großen und Ganzen 
verbindet die Stücke vor allem eine sehr düstere Grund¬ 
stimmung, die, wenn man das Tempo etwas drosseln wür¬ 
de, auch in der Umgebung von NEUROSIS bis ISIS zu fin¬ 
den wäre. Doch anstatt in lautes extatisches Getöse aus¬ 
zubrechen, überraschen TARENTATEC plötzlich wieder 
mit einem verspielt lockeren Gitarrenpart oder einiger 
Zeit sphärischer Ruhe. Nach anfänglichem Kopfschütteln 
macht das nach dem Ilmenauer Jugendzentrum, Probe- 
raum und Tonstudio „Baracke 5“ benannte Album irgend¬ 
wie Spaß, aber es findet nicht so richtig seinen Weg. Der 
Hörer findet nur schwer auf die Ebene des Kompromisses 
zwischen Verständnis und dem bewussten Bruch mit den 
Hörgewohnheiten, was aber auch funktionieren kann, wie 
etliche Math-Bands schon bewiesen haben.Trotzdem sehr 
interessant. (29:39) (6) Christoph Schulz 


TYPE O NEGATIVE 
Dead Again CD 

Steamhammer/SPV | Vier Jahre sind seit dem Erschei¬ 
nen des letzten TYPE O NEGATIVE-Albums „Life Is Kil- 
ling Me“ vergangen und sogar schon elf Jahre, seitdem ich 
mich das letzte Mal eingehender mit den NewYorkem be¬ 
schäftigt habe. Der Fachpresse war zu entnehmen, dass das 
neue Album „Dead Again“ recht wenig Material für klei¬ 
ne Gothic-Girlies beinhalte. Nim bin ich nicht mal annä¬ 
hernd so etwas wie ein Gothic-Girlie, aber ein paar die¬ 
ser Klientel wohl sehr gefallenden Songs wie „Black No. 1“ 
oder „Christian woman“ die halfen, das 93er Werk „Bloo- 
dy Kisses“ zu dem Düsterrock-Meilenstein zu machen, das 
es nun mal ist, hätten „Dead Again“ nicht schlecht getan. 
Stattdessen verlieren sich TYPE O NEGATIVE in imver¬ 
schämt offensichtlichen Selbstzitaten, jeden Part scheint 
man schon mal von ihnen gehört zu haben Bei einer Drei- 
Akkorde-Band wie den RAMONES mochte das in Ord¬ 
nung sein, aber von einer Platte, deren Songs im Schnitt 
um die sieben Minuten laufen, von einer sich selbst pro¬ 
gressiv gebenden Band, die in sechzehn Jahren gerade mal 
sechs Alben gemacht hat, kann man schon mehr erwarten. 
Da kommt schon nach zwei Songs eine Langeweile auf, die 
selbst durch ein paar noch folgende, durchaus gelungene 
Momente nicht mehr weichen will. (4) Andre Bohnensack 

TOUCHERS 

The Underwater Fascist CD 

touchers.com | Josh Vanek von Wäntage Records hat den 
befreundeten TOUCHERS ihr Info geschrieben, doch ei¬ 
gentlich ist es eine Liebeserklärung an Ben Spanglers Band, 
der mit dieser Albumbesetzung bereits zwei Longplay- 
er veröffentlicht hat, dieser Besetzung aber unlängst ver¬ 
lustig ging, da sie sich nicht in der Lage sah seinen ausge¬ 
dehnten Tourplänen nachzukommen, die TOUCHERS 
kommen aus Bozeman, Montana, einem Wintersportort, 
in dem der eine Teil der Bevölkerung aus SUV-fahrenden 
Kotzbrocken besteht, der andere aus Niedrigstlohnsklaven 
der Tourismusindustrie - und es fallt nicht schwer zu erra¬ 
ten, zu welchem Teil die TOUCHERS und ihr Umfeld zäh¬ 
len. Wer noch zweifelt, dem sei das Emma Goldman-Zi- 
tat aus dem Booklet mitgegeben: „If I can’t dance I don’t 
want to be part of your revolution.“ Was nun die Musik der 
Landeier hier betrifft, so bezeichnet Josh die TOUCHERS 
als Verwandte der COUNTRY TEASERS, aber ich würde das 
höchstens in Sachen Spleenigkeit gelten lassen, musika¬ 
lisch ist das für mich eher Cowbilly-Punk, der mit Whiskey 
gegurgelt hat. Freunde von AGAINST ME! dürften hieran 
jedenfalls Gefallen finden, sollten aber auf noisy Ausflüge 
vorbereitet sein, und die Band selbst zählt JESUS LIZARD, 
PIXIES, FUGAZI, BLACK FLAG und NATION OF ULYSSES 
gleichermaßen zu ihren Einflüssen. Eine eigenwillige, aber 
deswegen nicht uneingängige Mischung, für deren Pro¬ 
duktion Jack Endino verantwortlich zeichnet. (28:14) (7) 
Joachim Hiller 

THEE MORE SHALLOWS 
Book Of Bad Breaks CD 

Anticon | Manchmal braucht es etwas. Zum Beispiel, um 
zu realisieren, dass es sich hier um die THEE MORE SHAL¬ 
LOWS handelt, deren vorheriges Album einen Platz weit 
vorne im Plattenregal einnimmt. Also nun alles ganz anders 
bei Album Nummer drei? Nein, denn weiterhin harmo¬ 
nieren hier minimalistische Klänge in orchestraler Insze¬ 
nierung, der glasklare Gesang steuert zielsicher durch den 
wabernden Soundäther und hat den Mut, sich gekonnt in 
diesem zu verlieren. Es rauscht, knarrt, knistert, knackt, kli- 
ckert - Casio- und Atari-Klänge scheppern umher. Elek¬ 
tronische Soundcollagen lösen die vormals immer noch 
durchschimmernden Indie/Slowcore Songstrukturen ab, 
doch THEE MORE SHALLOWS wechseln nicht die Schub¬ 
laden, sie bauen an, bauen aus und reißen dann doch al¬ 
les ein. Hier weht der Wind so frisch, er bringt erst ein¬ 
mal alles durcheinander - das Trio beweist sich erneut als 
grandiose Soundtüftler. Passend dazu kommt der Wech¬ 
sel zum Avantgarde-HipHop-Label Anticon von der West¬ 
küste, welche sich bereits seit Jahren dem Abbau von Gen¬ 


regrenzen widmen und ähnlich wie Def Jux Records aus 
New York wirkliche Bewegung in die starren Musikgenres 
bringen. Dass eine Band, die das kleine Indie-Gerüst ver¬ 
lässt, elektronische Sounds und Beats einbaut, dazu spacige 
David Bowie-Refrains erklingen lässt, nun bei Anticon ver¬ 
öffentlicht, sagt wohl mehr über die zumeist stockkonser¬ 
vative Indieszene aus, als all die repetierenden Alben, die 
allmonatlich veröffentlicht werden. (36:39) (9) 

Simon Brüggemann 

TWILIGHT SAD 

Fourteen Autumns & Fifteen Winters CD 

Fat Cat/Rough Trade | Schotten könnten mir aus dem Te¬ 
lefonbuch vorlesen und ich wäre verzückt - ein großarti¬ 
ger Klang, den die Sprache im Dialekt entwickelt. Da ist es 
schon fast ein Mehrwert, dass die vier Glasgower ein De¬ 
bütalbum aufgenommen haben, dass nicht nur vom Sän¬ 
ger so vorgetragen wird sondern sich zusätzlich unnach¬ 
giebig in die Gehörgänge schraubt. Pop trifft auf breitwan- 
digen Postrock und es wird die Lücke ausgefüllt, die man 
zwischen COLDPLAY und MOGWAI gar nicht gesehen hat. 
„And she would darken the memory“ zum Beispiel beginnt 
hallend und hymnenhaft, der Bass setzt alsbald ein, und 
auch wenn es einem ganz bewusst ist, dass es ein Taschen¬ 
spielertrick ist, jagt es einem einen Schauer über den Rü¬ 
cken. Dazu gesellt sich das auf dem Album immer wieder 
auftauchende Akkordeon, das sich einmal mehr für häu¬ 
figere Anwendung in der Rockmusik empfiehlt, und ehe 
man sich versieht, schrammein sich THE TWILIGHT SAD 
Richtung White Noise, ohne zu aufdringlich auf die Inten¬ 
sitätstube zu drücken. Hammer. In unterschiedlichen Ma¬ 
ßen treffen diese unterschiedlichen Zutaten in den neun 
Songs aufeinander. Dabei ist das Songwriting okay, die Um¬ 
setzung macht hier aber den Unterschied zu den zig ande¬ 
ren Bands, die sich derzeit an einer Art hingebungsvollem 
Stadionrocks probieren. (44:37) (8) Christian Maiwald 

TUCO’S LOUNGE 
Crazy Love CD 

devilduckrecords.de/Indigo | Dass man einer Band ihre 
Herkunft anhört, ist von der Aussagekraft jener Bauernre¬ 
gel, die da lautet: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert 
sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Würde es also 
nach der Musik gehen, müssten TUCO’S LOUNGE irgend¬ 
wo in den wüsten Weiten von Arizona oder New Mexico 
zu Hause sein, kommen in echt aber aus der norwegischen 
Musikhauptstadt Bergen. „Crazy Love“ ist ihr zweites Al¬ 
bum (das Debüt von 2005 hieß „Wide Load", wurde hier¬ 
zulande aber leicht verändert als „Attitüde Adjuster“ ver¬ 
kauft) , und damals wie heute gefallen sie durch eine coun- 
tryeske Mischung aus MADRUGADA, 16 HORESEPOWER 
und BOTANICA, und wo sie laut und zupackend werden, 
sind auch die SUPERSUCKERS mal nicht weit. Doch be¬ 
vor ein falscher Eindruck entsteht: Das hier ist eher Lounge 
als Saloon, Staub und Schmutz sieht auf solch schmucken 
Cowboy-Anzügen nicht gut aus. Alles in allem ein wirklich 
schönes Album, das aber hier und da etwas mehr Dunkel¬ 
heit und Verruchtheit hätte vertragen können. (46:29) (7) 
Joachim Hiller 

uuu 


UGLY BEATS 
Take A Stand CD 

gethip.com | Texas hat mehr zu bieten als Rib-Eye-Steaks, 
Rodeos, Ölfelder und geldgeile Potentaten. Es war schon 
immer auch die Wiege einiger der talentiertesten Gara¬ 
ge-Bands. So auch der UGLY BEATS, deren Debüt vor zwei 
Jahren ja schon einen wunderbar frischen Wind in ein oft¬ 
mals recht muffig riechendes Genre geblasen hatte. Mit an¬ 
genehm poppigen, stellenweise vom Merseybeat inspirier¬ 
ten Harmonien, einer schön schmalzigen Farfisa und gele¬ 
gentlichen Fuzz-Bombardements schraubten die fünf ein 
Album zusammen, das so richtig schön perlt. Und mit dem 
Nachfolge-Werk, das nun vorliegt, ist es fast noch schöner. 
Die Bandbreite ist noch etwas weiter, ab und zu kommen 



sogar akustische Gitarren zum Einsatz, und dann klingt 
es schon sehr nach BEAU BRUMMELS, etwa beim Moll- 
Wundersong „Million Dollar Man“. Es gibt drei feine Co¬ 
versongs („Action plus“ von den VENTURES, „You’re the 
one“ von NIKKI &THE CORVETTES sowie den REMAINS- 
Kracher „Let me through“, dazu neun hochkarätige, origi¬ 
nelle und eigenständige Songs. Und in der Summe sind das 
zwölf Beatperlen, die in einer knappen halben Stunde die 
Füße keine Minute zum Stillstand kommen lassen. (8) 

Gereon Helmer 


fymmio*« 10 . 



UNKNOWN INSTRUCTORS 
The Master’s Voice CD 

smogveil.com | Was ich in meiner Besprechung zu THE 
PERFECT RAT in dieser Ausgabe geschrieben habe, trifft in 
gewisser Weise auch auf UNKNOWN INSTRUCTORS zu, 
eine Punk-Jazz-Rock- 
Exper imental - Super¬ 
group aus SST-Zeiten mit 
textlichen Ausflügen ins 
Beat Generation-Lager, 
bestehend aus Mike Watt 
und George Hurley von 
flREHOSE und den MI¬ 
NUTEMEN, Joe Baiza von 
SACCHARINE TRUST 
und UNIVERSAL CON- 
GRESS OF und einem ge¬ 
wissen Dan McGuire, der 
als Gründer der Band gilt. 
Zusätzliche Vocals steuern hier Künstler Raymond Petti- 
bon und David Thomas von PERE UBU bei. In Sachen Ein¬ 
gängigkeit tun sich beide Bands nichts, allerdings wirkt der 
sperrige, behäbige Freestyle-Rock der UNKNOWN IN¬ 
STRUCTORS etwas fokussierter als der von THE PERFECT 
RAT, was an der besonderen Betonung der Rhythmusfrak¬ 
tion in Gestalt von Watts Bass und Hurleys Schlagzeugspiel 
liegen mag, easy listening ist auch diese Platte nicht und 
zerrt teilweise ganz schön an den Nerven. Ansonsten eine 
faszinierende wie intensive Angelegenheit, wenn man sich 
von dieser Form atonaler Freisetzung von Energie in den 
Bann ziehen lässt, die sicher mehr mit der Freakyness von 
Zappa und Sun Ra zu tun hat als dem schrägen Punk der 
MINUTEMEN, aber dennoch eine Tradition von Rock in 
seiner offensten und imangepasstesten Form weiterführt, 
wofür SST und seine Bands bis Mitte der 80er mal die erste 
Adresse waren. (9) Thomas Kerpen 

ÜBERDOSISNICHTS 


... Scheune Auterwitz Live CD 

nix-gut.de | Punk ist Livemusik, und Punk ist immer be¬ 
sonders toll, wenn er auch in dieser Form in unser Ge¬ 
hör dringen darf. Das dachten sich die Jungs von ÜBER¬ 
DOSISNICHTS auch und pressten als neueste Veröffentli¬ 
chung ein Konzert auf CD. Aufgenommen wurde das am 
26.08.06 gegebene Konzert in der Heimat der Band, näm¬ 
lich in Auterwitz. Ganze 18 energiegeladene, oftmals sozi¬ 
alkritische Songs, sind auf dem Live-Album enthalten. Ne¬ 
ben vielen schnellen deutschen Titeln („Mit dem Rücken 
an der Wand“, „Die Zeit“) gesellen sich auch einige eng¬ 
lische („Hey girl“) hinzu. Der Sound von ÜBERDOSIS- 
NICHTS lässt sich als brachial, aber tanzbar bezeichnen. 
Bedeutet: Pogotauglichkeit ä la HAUSVABOT. Das Album 
kann durchweg überzeugen. Die Aufnahmequalität ist top 
und eine geballte Ladung Punk prasselt unentwegt auf ei¬ 
nen ein. Einziges Manko vielleicht, es fehlen die musikali¬ 
schen Ausreißer nach ganz oben. Nämlich genau das, was 
einen von der breiten Masse guter vorhandener Punkbands 
abheben würde. (48:14) (7) Sven Grumbach 


VW 


VON SPAR 
s/t CD 

Tomlab/Indigo | Die Kölner hatte ich vor allem als et¬ 
was überbewertete Elektro-Dance-Punk-Truppe auf dem 


/FANZINES 


ABDITUSVULTUS #4 

A4, 72 S.3,50 Euro, abditus-vultus.com | Der gemeine 
Metalhead ist langhaarig, stumpf und intolerant. Da ich 
mich selber bei Bedarf zu dieser Subspezies der Menschheit 
zähle, darf ich das natürlich mit Fug und Recht behaup¬ 
ten. Um so verwunderlicher, dass es das D.I.Y.-lästige Me- 
talfänzine ABDITUS VULTUS bis zu Nummer 4 geschafft 
hat, die hier nun vorliegt. Rein optisch macht es einen sehr 
professionellen Eindruck: guter s/w-Druck, insgesamt er¬ 
innert das Layout etwas an die geschätzten Kollegen vom 
LEGACY, nur dass das ABDITUSVULTUS in seiner musika¬ 
lischen Vielfalt doch einiges mehr zu bieten hat, was ich 
aber auch als Problem ansehen, weil: Welcher Blackmetal¬ 
ler mag schon was über eher rockige Bands lesen oder um¬ 
gekehrt? Geboten wird hier alles übliche wie Interviews 
mit immerhin HELHEIM, TODTGELICHTER, SUDDEN 
DEATH, COLDWORKER, PROTEST, 7IEBEN, SUFFERAGE 
und diversen anderen eher unbekannten Bands, dazu Re¬ 
views, Live-Berichte und eine 2 Song Promo-DVD der Me- 
talcoreler SHATTER. Das ganze Teil ist in einem angenehm 
humorvollen Unterton gehalten ohne ins Peinliche abzu¬ 
gleiten. Wer das ABDITUSVULTUS mal antesten will, sollte 
die Homepage besuchen, wo es die alten Ausgaben zum he¬ 
runterladen gibt. Lohnt für den Überdentellerrandgucker. 
Rene, nimm es bitte nicht persönlich, aber in einer Straße 
namens „Weg zur frohen Zukunft“ zu wohnen, hat absolu¬ 
ten Kultfaktor. Ollie Fröhlich 

EXOT #4 & #5 

A5, ca. 80 S., 5 Euro, exot-magazin.de | In schönem ge¬ 
bundenen Outfit kommt diese Zeitschrift aus Bonn da¬ 
her, die sich der komischen Literatur verschrieben hat und 
scheinbar auszuloten versucht: Was ist komisch?! War ich 
anfangs eher skeptisch, da ich konsequent und kollektiv ir¬ 
gendwelche Slam-Platitüden erwartet hatte, lasse ich mich 
gerne eines besseren belehren. Besagtes gibt es hier zwar 
auch, allerdings reißen es andere tragischkomische Texte 
auch wieder so richtig raus, so dass die Mischung ausge¬ 
wogen genug bleibt, dass ich weiterlese. Zu nennen wäre da 
bspw. Nadja Schlüters irgendwie rührender Text über die 
Liebe in der #4, Katinka Buddenkottes richtig schön fie¬ 
se Geschichte über eine Hippie-Streetworkerin oderTil- 
man Birrs „Studentenpartygespräch“ (beide #5), in dem 
sich so einige Leute wiederfinden werden, die es allerdings 
auch nicht anders verdienen. Ergänzt werden die Texte 
durch coole Illustrationen und Zeichnungen. Ihr merkt, 
der EXOT ist für mich eine zweischneidige Angelegenheit 
aus Überblättern und im Zug vor Lachen vom Platz fallen, 
aber alle mal eine mehr als interessante Zeitschrift, beson¬ 
ders für alle, die gerne (tragisch-) komische oder satirische 
Literatur lesen bzw. sich vor den Lesebühnen der Repub¬ 
lik rum treiben. Toll übrigens, dass Karsten Hotter aka Dir¬ 
ty Slim der leider verblichenen ODDBALLS BAND wenigs¬ 
tens noch immer aktiv in Sachen Illustration ist, denn der 
Kerl ist einfach ein Könner, dessen Homepage hier mal ein¬ 
fach empfohlen sein soll (hottercomix.de). Alex Strücken 


MOLOKO PLUS #31 

64 S., 2,50 Euro, moloko-plus.de | Lecker! Hat sich der 
jungen Mann vom Cover Marmelade auf die Hand und 
den Bass geschmiert oder ist das Blut und Wundwasser? Is- 
mirschlecht... Leckerer dann das lange Interview mit Halb 
7 Records aus Dessau, sehr interessant. Die YOUNG ONES 
dürfen sich auch äußern, ein Artikel über den von U2 einst 
besungenen „Bloody Sunday“ gibt’s, der Rock’n’Roll/Kus- 
tom-Art-Macher David Vicente wird portraitiert, mit 
STRONGBOW ein paar Cider getrunken, und mein klei¬ 
ner Höhepunkt ist das Interview mit dem Ex-Drummer 
der LORDS OFTHE NEW CHURCH, einem gewissen Dan¬ 
ny Fury aus der Schweiz. Verstört reagiere ich auf die BAY 
CITY ROLLERS-History, SPRINGTOIFEL werden von An¬ 
fang bis Ende portraitiert, die neue Veteranenband SMEL- 
LY CAPS bekommt reichlich Platz eingeräumt, den CRIM- 
SON GHOSTS und GOLDBLADE etwas weniger, und zum 
Abschied fabuliert sich Opa (Punker) Knack (er) noch sei¬ 
nen idealen Tag als Fanzinemacher zusammen und stellt 
die These auf, das Ox habe „ein meinungsbildendes Mo¬ 
nopol ohne Gegenwind“ errichtet. Ich sage mal: Schön 
wär’s, haha, aber soweit kommt es sicher erst, wenn ich Kö¬ 
nig von Deutschland werde. Eines Tages ... Ich wiederho¬ 
le mich, aber es stimmt: Das Moloko Plus ist immer wieder 
qualitativ hochwertiger Lesespaß. Lies das, Punk! 

Joachim Hiller 

MONITOR #29 

A4,8 S., apabiz.de | Der Monitor fallt im Rahmen der Fan¬ 
zine-Sektion immer etwas heraus, tut dies allerdings eher 
im Sinne einer willkommenen Ergänzung. Hier findet man 
etwas, das auch in stark politisch geprägten Fanzines zwi¬ 
schen persönlichen Betrachtungen und Einschätzungen 
kaum Platz findet: Harte Fakten über rechtsextreme Akti¬ 
vitäten. In dieser (mittlerweile schon nicht mehr aktuel¬ 
len) Ausgabe geht es u.a. um Schnittstellen zwischen Esote¬ 
rik imd Rechtsextremismus, sowie den Anstieg rechter Ge¬ 
walt in Berlin; generell geht es viel um Berlin und die dor¬ 
tigen Verhältnisse. Eine Meldung aus dem Monitor #29, die 
hier nochmal gesondert Erwähnung finden soll: V-PUNK 
sind endgültig am rechten Rand angekommen. Den bes¬ 
ten Beleg dafür liefert die Band meines Erachtens dankens¬ 
werterweise selbst, durch die Art und Weise, wie sie auf ih¬ 
rer Homepage mit dieser Feststellung umgeht. Der Monitor 
wird allen Fördermitgliedern des apabiz e.V. kostenlos zu- 
gesandt. Ferdinand Praxi 

PLASTIC BOMB #59 + CD 

A4, 80 S., 3,50 Euro, plastic-bomb.de | Auch in dieser 
Ausgabe gibt’s wüeder ein Interview mit alten „Deutsch- 
punk-Helden“, heute: CANALTERROR. Tommy und Be¬ 
nedikt erzählen von den den Anfängen des Punk in Bonn, 
vom legendären DEAD KENNEDYS-Konzert 1982 und ih¬ 
ren ersten eigenen Konzerten, den Aufnahmen für Aggres¬ 
sive Rockproduktionen und ihrer Zeit bei MOLOTOW 
SODA, von Abzocke und Reunions, Ärger in der Schule und 


Randale in der Straßenbahn - was eben so passiert in ei¬ 
nem Vierteljahrhundert Punk ... Noch etwas weiter zu¬ 
rück reicht die Geschichte der Bands DISCHARGE und THE 
RUTS, die jedoch beide am Rande des diesjährigen Berliner 
Punk & Disorderly-Festivals schon wieder Zukunftspläne 
schmiedeten. Außerdem in der Bombe: GASMASK TER¬ 
ROR, ZSK, PORTERS, EL PIROMANOS DEL RITMO sowie 
ein Bericht vom 2007er Stuttgarter Osterdosensuchen. In 
die „wunderbare Welt der Propaganda“ sollten unbedingt 
alle mal reinschauen, die ihr Leben ändern wollen, und na¬ 
türlich in die „Herstory of Punk“, diesmal aus Bayern mit 
Kim vom Vegan Wonderland - Versand. U te Borchardt 

RAZORCAKE #37 

A4,112 S., $4.00, razorcake.org | Das Razorcake stellt sich 
schon auf der ersten Seite als „only official non-profit mu- 
sic magazine in America dedicated to supporting indepen¬ 
dent music culture“ vor, mit dem Ergebnis, dass alles, was 
übrig bleibt, wieder in das Heft reinvestiert w'ird. Die Fol¬ 
ge: Spenden an das Heft sind in den USA als gemeinnüt¬ 
zig anerkannt und damit steuerlich absetzbar. Eine schö¬ 
ne Sache, was aber nicht bedeutet, dass Todd, der Vereins- 
vorsizende, auf Anzeigen verzichtet. Vorne im Heft erstmal 
ein paar Bilder vom alljährlichen PunkrockBowling-Con- 
test, den BYO Records organisieren, gefolgt von unzähligen 
langen Kolumnen und den paar Interviews: ABI YOYOS, 
THE VICIOUS, YOUNG PEOPLE WITH FACES, THE TRAS - 
HIES.THE BRAT und STRESSFACE. Der Höhepunkt ist aber 
auf jeden Fall Nardwuars Interview mit Joan Jett, und die 
üppige, kompetente Reviewstrecke ist bekannter Standard. 
Ein sehr sympathisches Heft, mir mittlerweile lieber als das 
MRR, weil eine klarere Linie und mehr Liebe zum Detail 
erkennbar ist. Joachim Hiller 

REALROCKER #19 

A4, 56S., 3 Euro, realrocker.net | Das REALROCKER aus 
der Schweiz geht in die 19. Runde. Einband in Farbe, der 
Rest in s/w. Die Titelstory featured STRIKE ANYWHERE, 
welche, ebenso wie das umfangreiche Interview mit NO 
FUN AT ALL, sehr interessant ist. Muss ich doch in diesem 
Mag erfahren, dass die alten Schweden seit ein paar Jah¬ 
ren hier und dort mal wieder spielen, unter anderem in 
Schweiz, ... Dazu folgen mehr oder weniger umfangrei¬ 
che Einblicke in das Dasein von denTURBO AC’s, PALE,THE 
LOVED ONES und FAREWELL TO WORDS. Der Rest des 
Heftes ist gefüllt mit lokalen Bands. Das macht das Zine in¬ 
teressant, auch wenn manche Bandstorys sehr kurz ausfal- 
len. Außerdem ist das Layout auf Dauer ein wenig öde. Was 
am Schluß wieder Spaß macht, ist der umfangreiche Plat- 
ten-Review-Teil. Unterm Strich okay, aber für den Preis 
und die Seitenzahl zu wenig Infos. Zahni Müller 

THREECHORDS #9 

A4, 132 S., three-chords.de | Geiles Cover: Florian Bert- 
mer, der auch interviewt wird, hat den SxE-Fanziner-Kol¬ 
legen aus Münster ein schick buntes Tattoo-Cover gesto¬ 


chen, das aber eher nach Drogenkonsum als giftfreier Ju¬ 
gend aussieht. Im mit 132 Seiten echt fetten Heft finden 
sich neben diversen Kolumnen reichlich Interview, unter 
anderem mit DAMNATION AD, THE SPITS, FUCKED UP, 
Reaper Records, John Joseph (CRO-MAGS), THE EXPLO¬ 
SION und Jordan Cooper von Revelation (sehr lang und 
ausführlich). Dazu kommt ein feines Special zum Thema 
„Hardcore über 30“, für das unter anderem Markus „Per 
Koro“ Haas, Marc von MAD Booking und „unser“ Kal¬ 
le Stille interviewt wurden. Cooles Heft, wer’s nicht kennt 
sollte es unbedingt mal bestellen. Joachim Hiller 

TRUST#123 

A4,68 S., trust-zine.de | Schönes Cover: Die auch im Ox 
interviewten FUCKHEAD geben die ganzkörper tätowier¬ 
ten Seite 1 -Luder. Drinnen dann ein Interview' dazu, ein 
langes Gespräch mit Flo von Heartfirst und früher auch 
Bonzen-Fanzine und SQUANDERED MESSAGE, der sich 
allerdings bei viel Wahrem, das er sagt, unterm Strich doch 
auch als meckernder alter Mann nach dem Schema „Frü¬ 
her war alles besser“ erweist. Klar Flo, ich bin sicher, dei¬ 
ne Meinung wird jemand, der heute 22 ist, mit Sicherheit 
beeindrucken. Gut: Das Interview mit Aaron vom Comet- 
bus-Fanzine von Daniel. Bei den Fanzinereviews wunde¬ 
re ich mich, dass man für so ein Scheissheft wie das Vice 
auch nur eine Zeile verschwendet, und verblüffenderw'eise 
gibt’s mal eine echt nette Ox-Rezension - Danke! Es folgen 
noch ein paar Interviews (DIAVOLO ROSSO. ANNIHILA- 
TIONTIME) sowie die Reviews und das war’s. Ich sag mal: 
Solider Standard. Joachim Hiller 

TURBOJUGEND MAGAZIN #2 

A5, 78 S., 3 Euro, turbojugcnd-magazin.de | Es war nur 
eine Frage der Zeit, bis die Turbojugend - eines der ein¬ 
drucksvollsten Fanclubphänomene und Kundenbindungs¬ 
instrumente- ein eigenes Magazin hervor bringen würde. 
Dieses nett aufgemachte schwarz-weiß-Heft mit farbigem 
Umschlag sollte dem geneigten Turbojünger mit allen In¬ 
fos über den Sound versorgen, der auf die eine oder an¬ 
dere Weise TURBONEGRO affin ist. Da gibt es - natürlich 
- ein Interview mit Happy Tom. Ferner ein Gespräch mit 
den BACKYARD BABIES und interessante Hinter-den-Ku¬ 
lissen-Interviews mit Mutti, Gründer und Chefbooker der 
Agentur Muttis Booking, undWölverine Records-Kopf Sa¬ 
scha Wolff. Bemerkenswert bei all den Artikeln ist, dass sie 
interessante Hintergrundinfos liefern und gerade das Ge¬ 
spräch mit Happy Tom einen netten und sehr persönlichen 
Einblick bietet. Abgerundet wird all dies durch Konzertbe¬ 
richte von unter anderem der PETER PAN SPEEDROCK- 
Dvd-Release Party und einer Schar Albumreviews, die 
freudig erregten Kuttenträgern schließlich noch das neu¬ 
este aus Deathpunk und Co. vorstellen. Lauri Wessel 


OX-FANZINE 89 









REVIEWS 


Schirm, die vergleichbaren Bands wie URLAUB IN PO¬ 
LEN, DIE TÜREN oder GOLDENEN ZITRONEN nachei¬ 
ferte, ohne dabei allerdings wirklich eigenes Profil zu ent¬ 
wickeln, auch wenn das Ganze als Parodie gemeint gewe¬ 
sen sein soll. Mit dieser Platte und den darauf enthalte¬ 
nen zwei 20-minütigen(!) Stücken haben sie vieles über 
Bord geworfen, was an „Die imeingeschränkte Freiheit der 
privaten Initiative“ erinnern könnte. Stattdessen bedient 
man sich beim Krautrock der 70er in Gestalt von CAN 
oder NEU! oder bei Elektronik-Pionieren wie TANGERI¬ 
NE DREAM oder KRAFTWERK, gepaart mit der Klangäs¬ 
thetik von NEUROSIS. Herausgekommen ist eine durchaus 
atmosphärische Platte, die immer dann am spannendsten 
ist, wenn VON SPAR sich einfach treiben lassen und nor¬ 
male Songstrukturen hinter sich lassen. Das Problem ist 
dabei, dass man das alles schon mal irgendwo gehört hat, 
auch wenn VON SPAR auf jeden Fall ihr Handwerk verste¬ 
hen und mehr als nur allzu verkopfte Kunstmusik produ¬ 
zieren. Der etwas zwiespältige Eindruck ihrer ersten Plat¬ 
te bleibt auch hier in gewisser Weise erhalten, auch wenn 
man ihnen zugute halten muss, nicht den einfachen Weg 
gewählt zu haben, denn eine Anbiederung an den Massen¬ 
geschmack oder sonstige kommerzielle Tendenzen kann 
man ihnen nun wirklich nicht unterstellen. Aber wenn 
ich NEU! oder NEUROSIS hören will, höre ich NEU! und 
NEUROSIS und eben nicht VON SPAR. (6) Thomas Kerpen 

VON SÜDENFED 
Tromatic Reflexxions CD 

Domino/Rough Trade | Eine Idee, die auf dem Papier 
durchaus interessant klingt: Andi Torna und Jan St. Wer¬ 
ner von Deutschlands Vorzeige-Elektronikband MOUSE 
ON MARS tun sich mit Musikerikone Mark E Smith zu¬ 
sammen, der mit THE FALL ein einflussreiches wie durch¬ 
wachsenes Gesamtwerk vorzuweisen hat. Nach „Varcharz“, 
ihrer anspruchsvoll vertrackten letzten Platte für Ipecac, 
besinnen sich MOM hier auf eher straightere Sounds und 
so ist das zweite Stück „The rhinohead“ ein durchaus ge¬ 
lungener Popsong geworden, sicher das Highlight der Plat¬ 
te, wo man Smith auch nicht wirklich raushört. Und das 
ist auch ein wenig das Problem der anderen Songs, denn 
der kantige, charakteristische Sprechgesang des FALL-Sän¬ 
gers will sich nicht wirklich mit dem wie immer cleveren, 
verspielten MOM-Umgang mit Clubsounds verbinden, so 
als ob Torna und Werner eine Spoken Wörd-Performance 
von Smith mit Musik unterlegt hätten, ohne dass beide Tei¬ 
le wirklich miteinander korrespondieren würden. Zu den 
unterhaltsamsten Momenten der Platte gehört dann noch 
eine schräge „Blues“-Nummer gegen Ende, die tatsächlich 
von einer FALL-Platte stammen könnte. Aber ansonsten 
wirkt Smith in der Disco eher fehl am Platze. Insofern lässt 


einen „Tromatic Reflexxions“ mit einem eher zwiespälti¬ 
gen Gefühl zurück, denn als funktionierende, homogene 
Einheit nimmt man die Platte nur selten wahr, und falls es 
VON SÜDENFED gerade auf die Betonung dieser Gegen¬ 
sätze abgesehen hatten, ist das Experiment ja geglückt, mir 
wäre das Ganze als reine MOM-Platte ohne Gesang aller¬ 
dings wesentlich lieber gewesen. (5) Thomas Kerpen 

VAN NA 
Curses CD 

Epitaph | Die neuesten Schützlinge von Brett Gurewitz 
wurden aufgrund ihres Demos und ihrer soliden Live-Dar- 
bietung von Epitaph unter Vertrag genommen und veröf¬ 
fentlichten dann die MCD „The Search Party Never Came“. 
Wenn man „Curses“ auflegt, klingt das Album ebenso be¬ 
liebig wie zig andere Screamo-Platten, keinesfalls schlecht, 
aber mich persönlich stört, dass gerade Epitaph mal ei¬ 
nen charakteristischen Sound hatte und jetzt hört man nur 
noch wenig davon. Die minimalistische Präsentation die¬ 
ses Albums unterstützt die These, dassVANNA austauschbar 
sind, denn Inhalte werden nicht erwähnt. DaVANNA sich 
stilistisch auf Gruppen berufen, die zum Teil bis heute aktiv 
sind, sehe ich auch keinen Grund auf solche Epigonen zu¬ 
rückzugreifen. Vielleicht wär’s vor fünf Jahren noch origi¬ 
nell gewesen, heute klingt es nur nach Fließbandprodukti¬ 
on. (37:39) (4) Thomas Eberhardt 

VORTEX 

Und was wollt ihr? CD 

randale-records.de | Das ist immer eine gute Frage! Als 
Erstes Gesundheit, denn die kann man sich nicht kaufen, 
und dann noch einen Sack voller Geld, der nie leer wird. 
Allerdings möchte ich keine Bands wie VORTEX mehr hö¬ 
ren. Das mag jetzt zwar hart klingen, aber VORTEX verkör¬ 
pern alles, was eine mittelmäßige Band ausmacht: Sie kön¬ 
nen ihre Instrumente spielen und ziehen ihr persönliches 
Ding konsequent und unpeinlich durch. Da ist nichts, was 
mich anspricht, da ist nichts, was mich aufhören lassen 
würde, das ist simpler Oi!/Streetpunk im Vorprogramm. 
Schön, dass es euch gibt, möchte ich ihnen vollkommen 
unzynisch zurufen, und lasst euch von mir nicht entmuti¬ 
gen; macht das, was euch immer Spaß gemacht hat: Musik! 
(5) Carsten Vollmer 

VALET 

Blood Is Clean CD 

kranky.net/Cargo | „My blood is clean / But the devil’s in 
me“, so eine der berührendesten Zeilen, die Honey Owens 
aka VALET auf „Blood Is Clean“ singt. Dass die Experimen- 
talmusikerin und Sängerin in grauer Vorzeit für das Maxi¬ 
mum RocknRoll schrieb, hört man ihrer Musik nicht im 


Mindesten an. Jedenfalls hat die Entdeckung „spannende- 
rer“Töne jenseits von Punk und Hardcore sie scheinbar so¬ 
weit von rockistischen Vorstellungen entfremdet, wie nur 
irgend möglich. Auf ihrem Debütalbum formt sie zarte und 
zugleich bedrohliche Soundminiaturen, als hätte man SI- 
GUR RÖS durch eine Geisterbahn gejagt. Ihre düsteren und 
eindringlichen elektro-akustischen Songs bewegen sich in 
einem Spannungsfeld von sirrender Elektronik, eindringli¬ 
chem Ambient und psychedelischem Industrial. Entfrem¬ 
dung herrscht auf allen Ebenen: Die Musik wird wie durch 
einen Schleier übertragen, die Blues-Jams, aus denen die 
Songs hervorgegangen sind, werden ins Unerträgliche ver¬ 
zerrt und die Naturgeräusche, die man zu hören meint, 
ins Unsägliche verstümmelt. Der Kritiker Mike McGonig- 
al schreibt zu Recht, dass nach dem Gitarrensolo im Titel- 
track jedes weitere Gitarrensolo unnötig ist. (52:13) (6) 

Chris Wilpert 

VOXTROT 
s/t CD 

playloudrecordings.com/Indigo | Obwohl fast alle fünf 
Bandmitglieder von VOXTROT aus Texas mal Musikwissen¬ 
schaften studiert haben, ist ihr selbstbetiteltes Debüt alles 
andere als kopflastig. Wohl auch ein Grund, weshalb Front- 
mann Ramesh Srivastava das Handtuch warf und für drei 
Jahre in Glasgow Literatur studierte. Dies erklärt wieder¬ 
um den britischen Einschlag, der ein wenig an BELLE AND 
SEBASTIAN oder ARAB STRAB erinnert. VOXTROT könn¬ 
te man, aufgrund ihrer Fähigkeit wunderschöne Melodien 
ins Leben zu rufen, schon regelrecht als Magier bezeichnen. 
Dieses Album lässt einem das Herz aufgehen: Mal aufwän¬ 
dig instrumentiert, mal ganz ungeschliffen und mit dem 
sehr eindringlichen, gefühlvollen Gesang von Ramesch in 
Kombination, liegt hier ein Meisterwerk vor. (43:57) (9) 

Nina Maenz 

VINDICATOR 
On And On ... CD 

Streetjustice/New Music Distribution | 10 Jahre sind 
die Hamburger nun schon am Start und geben mit ihrem 
aktuellen Album wieder mal ordentlich Gas. Schon der 
Opener „No warning“ geht ohne Vorwarnung in die Vol¬ 
len. Ein kurzer, knapp eineinhalb Minuten langer Brecher 
dröhnt aus den Boxen und gibt so das Tempo und die Mar¬ 
schrichtung für den Rest des Albums vor. Rauher Hardco¬ 
re, der manchmal entfernt an die RYKER’S erinnert, aber 
sich immer eine Hintertür offen hält, für eine ordentli¬ 
che Rock’n’Roll-Einlage. „KillThe King“ ist so ein Song, in 
dem Shouter Uwe verdammt stark nach MOTÖRHEAD- 
Frontsau Lemmy klingt. Auf jeden Fall einer der außerge¬ 
wöhnlichsten Songs des Albums, der richtig zünden würde, 


wenn man die Gesangsparts der Frau zwischendurch weg¬ 
gelassen hätte. „Awake 4 hours“ macht dann auch mal Platz 
für gesprochene Parts, bevor der Lemmy wieder in Sänger 
Uwe fährt und sich im Titelsong „On and on“ entlädt und 
so geht es nahtlos weiter. VINDICATOR brettern durch ihr 
16 Song starkes Set, immer mit kleinen Höhen und Tiefen. 
Alles in allem aber ein rundes Album im oberen Mittelfeld, 
das nicht ungehört bleiben sollte. (31:39) (7) Tobias Ernst 

VENDETTA 
Ultraumatic CD 

Street Justice | Nach ihrer „Demolition“-EP im letzten 
Winter gibt es jetzt ein Album des italienischen VierersTHE 
VENDETTA. „Ultraumatic“ ist auf Street Justice Records als 
schickes Digipak mit acht Bonustracks der „Terror Nation“ 
EP veröffentlicht worden. Das heißt auf gut Deutsch: 19 
Mal auf die Fresse! Die ehemaligen THE BLOODLINE spie¬ 
len nach eigenem Erachten „Punk Rock fueled Speedrock“, 
was eine recht treffende Umschreibung ist. Hier und da 
schillern ein paar 80er Speed - undThrash Metal Einflüs¬ 
se durch, und zwar ganz deutlich bei den Leads und Gangs- 
houts. Da kann man sich selbst Geschwindigkeiten im obe¬ 
ren Bereich zusammenreimen, die aber nicht in Gebolze 
auszuartet. Das Ganze erinnert mich immer noch an alte 
WHIPLASH meets MOTÖRHEAD. Die EP klingt aufgrund 
ihres dreckigen Sounds noch ein wenig kompromissloser 
als das vorhergehende Album. Lasst uns dem Gott der Mo¬ 
notonie huldigen und ordentlich abmoshen! (51:00) (7) 
Arndt Aldenhoven 

RAINER VON VIELEN 

s/t CD 

Ebenso-Musik | Naja, wenn man die nackten Fakten be¬ 
trachtet, spricht ja nicht gerade viel für den guten Rai¬ 
ner. Seine Musik läuft unter der Genrebezeichnung Hip¬ 
Hop, der Herr gewann, mit dem auch auf dieser CD en- 
haltenen Song „Sandbürger“, 2005 den „Protestsong-Con- 
test“ - ausgerichtet vom österreichische Radiosender FM 
4 und tourte dann gleich unter dessen Fittiche durch Ös¬ 
terreich. Solo oder nicht, eine Band reicht dem Tausend¬ 
sassa nicht aus, bei Anne Clark sorgt er für die elektroni¬ 
schen Komponenten bei ihren Live-Auftritten, bei ORAN¬ 
GE gliedert er sich ein, macht Filme und gleich die passen¬ 
de Musik dazu. Ein HipHop-Überflieger. Wunderbar. Wäre 
er nicht mit seiner Live-Band KAUZ von der coolsten In¬ 
strumental-Bands dieser Region, GUTS PIE EARSHOT, 
supportet worden, Rainer wäre mir wahrscheinlich nicht 
wirklich bewusst begegnet. Zugegeben, wenn mich Gitar¬ 
rist, Kumpel und Manager Michael Schönmetzer aka Mitch 
Öko an diesem Abend nicht zum Bleiben überredet hät¬ 
te, wäre mir auch nie in den Sinn gekommen, mir diesen 




I 


i 


/COMICS 



Christoph Heuer & Gerlinde Althoff 
KLAUS KORDONS DER ERSTE FRÜHLING 

ca. AS, 240 S., s/w, SC 14,90 EUR, carlsen.de | In Carlsens 
neuer Graphic Novel-Reihe erscheint mit diesem Buch 
eine erste Literatur-Adaptation, die das umfangreiche Buch 
Kordons in Comicform 
zu bringen versucht. 
Das habe ich jetzt be¬ 
wusst vorsichtig formu¬ 
liert, denn wenn etwas 
nach der Lektüre fest¬ 
steht, dann dass das Ori¬ 
ginal sicher die bessere 
Wahl gewesen wäre. Er¬ 
zählt wird die Geschichte 
der zwölfjährigen Änne 
und wie sie die letzten 
Kriegstage, die Befreiung 
durch die Rote Armee 
und die ersten Nach¬ 
kriegstage im bombar¬ 
dierten Berlin erlebt. Um 
sie herum scharen sich 
eine Reihe von Verwand¬ 
ten und Nachbarn, deren Schicksal ebenfalls beleuchtet 
wird. Da verdichten sich verschiedene Perspektiven (Nazi, 
Kommunist, Juden, etc.) und bekannte Motive (Angst vor 
den Russen, Kindersoldaten, etc.) derart, dass man sich oft 
nicht davor wehren kann, dem Buch mehr Pädagogik als 
Lust an einer spannenden Geschichte zu unterstellen, denn 
die ächzt merkbar unter dem Willen, möglichst viel in die 
sicher nicht wenigen Seiten zu quetschen. Aber die Vorlage 
selbst hat schon ungefähr doppelten Umfang und die Ver¬ 
kürzung merkt man vielen Szenen an, wenn die Ereignis¬ 
se abrupt aufeinander folgen. Da wäre weniger mehr ge¬ 
wesen, allein um dasTempo besser zu temperieren. Die Ge¬ 
staltung beruhigt das auch wenig, wenn in die Seiten im¬ 
mer ein wenig zu viel Dynamik als nötig gelegt wird - auch 
in ruhige Szenen. Um Kids das Thema Nationalsozialismus 
näher zu bringen ist das Buch vielleicht ein guter Köder, 
aber für sich genommen ist KLAUS KORDONS DER ERS¬ 
TE FRÜHLING nicht der große Wurf. Dass sich ein histori¬ 
sches Thema mit einer spannend erzählten Geschichte bes¬ 
tens verbinden lässt, zeigt Jason Lutes mit dem thematisch 
benachbarten BERLIN. Christian Maiwald 

Katz & Goldt 

DER GLOBUS IST UNSER PONY 

ca. A5, 96 S., farbig, HC, 18 EUR, editionmoderne.de, 
katzundgoldt.de | ... DER KOSMOS UNSER RICHTIGES 
PFERD. Der Titel des Buches ist natürlich ein Knaller. Auch 
die dazugehörige Werbung auf der Website des bekann¬ 
ten Duos ist begnadet, wie dort beiläufig und clever mög¬ 
lichst viele Werbemethoden aus Korn genommen werden. 
Die in diesem Buch gesammelten Geschichten - die meis¬ 
ten aus der „Zeit" - zeigen das Team auch auf kreativem 
Höhenflug: Auch wenn ich zwischenzeitlich arge Proble¬ 
me mit den fiktiven Reiseberichten, gebrochenen Kalau¬ 
ern und Cartoons habe, ich kann nicht anders als die Qua¬ 
lität und Größe anzuerkennen. Wie bei Picasso - ein gro¬ 
ßer Geist, aber das meiste, was er damit anstellte, geht an 
meinem Geschmack einfach vorbei. Woran liegt es also, 
dass mich DER GLOBUS IST UNSER PONY... so wenig an¬ 
spricht? Wie auch bei Goldts Büchern sind die einzelnen 
Episoden kunstvoll und anspielungsreich erzählt und man 


muss zum Teil schon eine gewisse Grundbildung mitbrin¬ 
gen, um den Geschichten folgen zu können. Dabei macht 
er aber auch vor Platitüden nicht halt, die sich allerdings 
nahtlos in die Cleverness einfügen. So wird durchgehend 
der Eindruck eines vollkommen durchgeistigten, durch- 
kontrollierten Erzählkosmos’ geweckt, was auf Kosten der 
Lebhaftigkeit geht - es wirkt durchgehend steril und klei¬ 
nere Brüche eben durch Plattitüden oder Flachwitze er¬ 
scheinen genauso kalkuliert wie die geschickt konstruier¬ 
ten Zusammenhänge. Das ist insgesamt absurd und witzig, 
aber über weite Strecken sehr kühl. Dazu passen die Zeich¬ 
nungen von Katz: sehr klare Linien, blasse Farben, hübsch, 
aber distanziert. Katz und Goldt haben sich ihren eigenen 
Humorkosmos geschaffen, der von cleveren Beobachtun¬ 
gen und Bezügen lebt, und dabei ein erstaunlich hohes Ni¬ 
veau erreicht. Bemüht oder aufdringlich wirkt hier nichts, 
aber im selbst gesteckten Rahmen variieren sie zu wenig, 
um die distanzierte Cleverness zu kaschieren. Wer’s mag. 

Christian Maiwald 

Flix 

HELDENTAGE 

ca. A5, 380 S., s/w, SC, 18 EUR, carlsen.de, der-flix.de | 
Wer sich mal wieder einige Stunden im Internet vertreiben 
möchte, sollte sich ins Meer der Toonblogger stürzen, die 
tagtäglich ihre Strips online stellen und nicht selten gro߬ 
artige Comics in unter¬ 
schiedlichster Form da¬ 
bei präsentieren. Ob ge¬ 
kritzelt oder ausgear¬ 
beitet, nur am Compu¬ 
ter oder auch per Hand, 
sich bewusst wiederho¬ 
lend oder immer wie¬ 
der neu - da gibt es Ei¬ 
niges zu entdecken. Ja¬ 
mes Kochalka stellt nun 
schon seit einigen Jah¬ 
ren seine autobiografi¬ 
schen AMERICAN ELF- 
Strips auf seine Seite, 
(von denen im Übrigen gerade eine zweite umfangreiche 
Sammelausgabe in Buchform erschienen ist), Leo Leowald 
dokumentiert mit seinem Alter Ego ZWARWALD ebenfalls 
die Absurditäten des Alltags. Und neben der Arbeit an sei¬ 
nem aktuellen Buch MÄDCHEN hatte nun auch der Ber¬ 
liner Flix schon vor einiger Zeit begonnen, täglich einen 
kleinen Strip auf seine Website zu stellen. Das erste Jahr 
dieser Strips liegt nun in einem handlichen Klotz mit hüb¬ 
schem Pappcover vor. Wenn man die meistens aus drei bis 
vier Panels bestehenden Strips online verfolgt, kommen sie 
einem recht dünn vor - zu banal die Beobachtungen und 
wenig gebrochen die Scherze (ohne auch Schenkelklop¬ 
fer zu sein). Dabei gibt es immer wieder Ausnahmen, wenn 
Flix’ Alltagsbeobachtungen etwas auf den Punkt bringen, 
er mit der Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und 
Außendarstellung spielt oder seine Selbstzweifel und Pro¬ 
bleme beim Machen des MÄDCHEN-Buchs dokumentiert. 
Gerade auf Jahreslänge, wenn Erzählstränge deutlicher 
werden als in Tagesdosen, treten diese Stärken in den Vor¬ 
dergrund. Kaschiert werden damit aber nicht die Schwä¬ 
chen und regelrecht nervenden Seiten von HELDENTAGE: 
Man muss keine (gefühlten) hundert Strips darüber ma¬ 
chen, wie sehr man seine Freundin liebt. Diese Aufdring¬ 
lichkeit, das in den Vordergrund zu stellen, wirkt schon fast 


DEMO 



verdächtig, weil sie erzählerisch nichts Neues bieten. Und 
wie einige andere Strips auch durchweht sie eine Art Pony¬ 
posterbeschaulichkeit, dass selbst mir Popper ganz blüme¬ 
rant wird. Aber das soll nicht davon ablenken, dass sich das 
Buch in einem Rutsch gut lesen lässt, ohne vom Leser viel 
zu fordern - Strandlektüre. Christian Maiwald 

Brian Wood & Becky Cloonan 
DEMO Band 1 

ca. A5, 184 S., s/w, SC, 15,90 EUR, modern-tales.de | Su- 
perhelden-Storys etwas Neues abzugewinnen ist inzwi¬ 
schen ja auch zu einem eigenen Subgenre geworden, aus¬ 
gehend von DOOM PA- 
TROL oder WATCHMEN 
(oder noch einigen an¬ 
deren Genre - Klassikern), 
die bewusst mit altherge - 
brachten Erzählstruktu¬ 
ren zu brechen versuch¬ 
ten. Inzwischen gibt es 
eine ganze Reihe von Se¬ 
rien und Büchern, in de¬ 
nen Superkräfte weniger 
als Aufhänger für rasan¬ 
te Action benutzt wer¬ 
den, sondern als erzähle¬ 
risches Stilmittel in den 
Mittelpunkt treten, um 
den Charakteren näher 
zu kommen. Gut, Comics 
wie SPIDERMAN funkti¬ 
onierten im Prinzip von Anfang än auch so, sind aber doch 
anders gelagert als zum Beispiel das vorliegende DEMO von 
Brian Wood (CHANNEL ZERO) und Becky Cloonan. In den 
sechs Kurzgeschichten erzählen sie von ebenso vielen Teen¬ 
agern, die auf unterschiedliche Art als Außenseiter mit ih¬ 
ren unterdrückten Superkräften hadern - sofern sie von 
ihnen wissen - und aus ihrem Umfeld und der Norma¬ 
lität ausbrechen. Im Hintergrund schwingt dabei immer 
mit, dass eben diese Superkräfte in der Öffentlichkeit per 
se als gefährlich angesehen und geächtet werden. Marie aus 
der ersten Geschichte „NYC“ steht somit permanent unter 
Medikamenten, die ihre Fähigkeiten unterdrücken. Mit ih¬ 
rem Freund Mike beschließt sie, durchzubrennen und auf 
die Medikamente zu verzichten, wobei sie in Kauf nimmt, 
dass sie ihre fulminanten Kräfte nicht ganz unter Kontrol¬ 
le halten kann. Auch in den folgenden Geschichten stehen 
Frustration, Ausbruch und körperliche Veränderungen im 
Mittelpunkt der Geschichten, was die Superkräfte nur als 
Stilmittel zum Erzählen von Coming-of-Age-Episoden er¬ 
kennbar macht - vergleichbar mit Charles Bums BLACK 
HOLE. Und umgesetzt sind sie von Cloonan in verschie¬ 
denen Manga-beeinflussten, kontrastreichen Schwarz¬ 
weiß-Stilen, die jeweils sehr gut die Stimmungen der Ge¬ 
schichten unterstützen. Was auffällt, ist nur, dass viele Epi¬ 
soden sich jeweils wie ein Anfang lesen und nicht wie run¬ 
de Kurzgeschichten. Durch das Konzept unterscheiden sie 
sich nicht allzu sehr voneinander und mehr als einmal 
beschlich mich das Gefühl, dass da noch etwas kommen 
müsse, vielleicht ein Treffen aller Protagonisten oder Ähn¬ 
liches. Aber das wird wohl nicht passieren, was mich leicht 
unbefriedigt hinterlässt. Dass mich DEMO von meiner Su¬ 
perhelden-Abstinenz ein wenig gelöst hat, darf aber als Lob 
gesehen werden. Christian Maiwald 


Calle Claus 
FINDRELLA 

ca.A5,144 S.,s/w/mint, 14EUR, edition52.de | Das neue 
Buch des bekannten Hamburger Independent-Zeichners 
mag auf dem ersten Blick sehr gefallen - handlich, schö¬ 
ne Aufmachung, schicke Farben. Doch beim Lesen wird 
schnell klar, dass die wortlose Unterwassergeschichte eher 
etwas für Mädchen ist. Junge Mädchen, um genau zu sein. 
Die werden an der Geschichte der namensgebenden Nixe 
Findrella und ihrem Traum davon, demTraumtypen zu ge¬ 
fallen, durchaus angetan sein. Dieser als eine Art Märchen 
schlüssig erzählte Band, in dem die Kommunikation und 
Darstellung der Charaktere und ihrer Motive beim Fehlen 
von Worten kunstvoll umgesetzt ist, wird für erwachsene 
Leser zu sehr an der sprichwörtlichen Oberfläche bleiben, 
als dass er wirklich fasziniert und hinabzieht in die hüb¬ 
sche Unterwasserwelt. Für Zehnjährige wunderbar. 

Christian Maiwald 

Blanquet 

LA VENENEUSE AUX DEUX EPERONS 

A5+, 224 S., s/w, 22 EUR, cornelius.fr | Wortlos ist der e 
neue Band des französischen Vielzeichners Blanquet, der 
hier eine Art Märchen erzählt, allerdings eines, das auf kei¬ 
nen Fall für Kinder ge¬ 
eignet ist. In Scheren¬ 
schnitt-ähnlichen Bil¬ 
dern erzählt er auf mit¬ 
einander verwobenen 
Zeitebenen eine von ver¬ 
schiedensten Grausam¬ 
keiten und viel Ekelhaf¬ 
tem durchzogene Schau¬ 
ermärchenversion, bei 
der sich Motive wie er¬ 
wachende Sexualität, 
Entführung, Tod und ver¬ 
schiedenartige Abhän¬ 
gigkeiten zu einem von 
verschiedensten Kör¬ 
perflüssigkeiten durch - 
tränktem Gruselpanoptikum verbinden, dessen klare, be¬ 
dachte und dadurch auch ruhige Umsetzung die schaurige 
Stimmung unterstützt. Auch wenn sich das Buch erst nach 
mehrmaliger Lektüre erschließt, ist es ein Gruselt(r)ip für 
die weniger Zartbesaiteten. Christian Maiwald 

Anna Sommer 

DIE WAHRHEIT UND 

ANDERE ERFINDUNGEN 

ca. A4, 64 S., s/w, 14,80 EUR, editionmoderne.de | Jetzt 
also auch ein autobiografisches Buch von Anna Sommer, 
die bisher vor allem für ihre aus verschiedenfarbigen Pa¬ 
pierlagen komponierten Bilder bekannt ist. Es ist vor allem 
der Erzählton, der ihr Buch von den inzwischen zahlrei¬ 
chen Comic-Autobiografien absetzL Eine Schweizer Nei¬ 
gung zur Zurückhaltung, die auch in ihren Episoden mit- 
schwingt, überbrückt sie durch einen sehr nahen Blick auf 
das Geschehen: Sie erzählt weniger von der Position der in¬ 
zwischen allwissenden Erzählerin, sondern bleibt immer 
sehr nah an der Erfahrung der Zeit. Die Zeichnungen bie¬ 
dern sich dabei nicht zu sehr an, wollen die Stimmungen 
nicht zu sehr unterstreichen - hervor tritt eine angenehme 
Ehrlichkeit und Direktheit, die das Buch sehr sympathisch 
machen. Christian Maiwald 



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REVIEWS 


Typen genauer anzuhören. So warf ich feierlich mein Kli¬ 
scheedenken über Bord. Ein gerapptes Kauderwelsch schä¬ 
kert gleich zu Beginn dieser CD erfolgreich mit jenen übrig 
gebliebenen Schema-Fs in meinem Kopf. Aber so einfach 
hat man es nicht, mit den vielen Schublädchen. Ein Meister 
des „Beatboxing“ ist er, Percussion, auch das wummernde 
Didgeridoo macht er selbst. Ein imgewohnt cleverer Ragga- 
Elektro-Folk-Punk-HipHop, gespickt mit Sound Samp- 
les, erheiternden, messerscharf kritischen Texten, eng um¬ 
schlungen von einem unglaublichen Vibrato. „Use the me- 
dia, confuse the media /Nutzt die Medien, verschmutzt die 
Medien.“, so stopft er hoffentlich noch sehr lange seine Ge¬ 
danken in Worthülsen und feuert sie gen Himmel. Möge 
dir das daraus resultierende Feuerwerk den Weg bunt aus¬ 
leuchten, auf dem schlammigen Pfad des schwachsinnigen 
Alltags. Amen. (10) JeNnY Kracht 

VORKUTA 

Into The Chasms Of Lunacy CD 

paragonrecords.net | Braucht man 2007 wirklich noch 
eine weitere Band, die DARKTHRONE, die frühen BATHO- 
RY, CELTIC FROST und diese Ein-Mann-Band, deren Na¬ 
men ich nicht nennen werde, weil da nur ein blöder Nazi 
hinter steckt, zu ihren größten Einflüssen zählt, es aber 
nicht mal ansatzweise schafft, deren Niveau zu erreichen? 
Eine innovative Bereicherung des Genres mag man ja gar 
nicht erst erwarten, aber die Ungarn VORKUTA hängen auf 
ihrem Debütalbum einfach alle musikalischen Klischees 
aneinander, die der Black Metal zu bieten hat, ohne eige¬ 
ne Akzente zu setzen oder zumindest mit ein paar guten 
Ideen zu überzeugen. Das ist zu wenig, da hilft auch kein 
mit zwei Fingern auf dem Rechner erstelltes, ödes Drone- 
Stück mehr. (4) Andre Bohnensack 

WWW 

FRIEDEMANN WEISE 
s/t MCD 

Comic Shop | Das hohe Singer/Songwriter-Aufkommen 
der letzten Jahre hat das Genre und die Nerven der Zuhörer 
gehörig strapaziert. Zu oft ging es um die innere Leere, die 
die unrasierten Herren mit Akustikgitarre vertonten und 
auf CD brannten. Traurigkeit, das Nichtfertigwerden mit 
dieser schrecklich kalten Welt oder der letzten zerbroche¬ 
nen Beziehung. Zuviel davon tut auch dem Publikum weh. 
Heute tritt wieder einer an, der Titanic-Autor Friedemann 
Weise, und er macht es anders. Zwar hat auch er nur seine 
Gitarre, er bekommt etwas Rückendeckung vom Schlag¬ 
zeug. Den wahren Unterschied aber macht die Leichtig¬ 
keit, mit der er seine Geschichten vorträgt. Sein Humor ist 
bissig, Selbstironie für ihn kein Fremdwort. Lieber mal ein 
Bier trinken und einen Song drüber schreiben. Mit Lori- 
ot ist er auch noch verwandt. Nicht schlecht. (13:37) (7) 

Arne Koepke 

WINTERS 

Black Clouds In Twin Galaxies CD 

riseaboverecords.com | Der Titel des Debüt-Longplay- 
ers sagt wohl schon recht deutlich, wo wir uns hier befin¬ 
den: im schwer drogenverseuchten Space-Rock. Wo hier 
„Post-Mod-Rock“ zu hören ist, wie im Pressetext verkün¬ 
det, weiß ich nicht, das Ganze klingt mir wie IRON BUT¬ 
TERFLY auf Doom getrimmt, sprich gaaanz langsame Riffs 
und darüber so typische Sixties-Psychedelic-Vocals.Tja, in 
dem Punkt hat der Beipackzettel wohl recht: die WINTERS 
brauchen sehr offene Ohren unter Sludge-, Doom- oder 
Stoner-Freundlnnen, denn so richtig passen sie da nirgends 
rein, und so richtig überzeugt mich ihr Ausflug in die Sech¬ 
ziger nicht.Too füzzy. (41:14) (6) Simon Loidl 

WOGGLES 

Rock And Roll Backlash LP/CD 

wickedcoolrecords.com | Der Wechsel zu Little Stevens 
(of E STREET BAND fame) Übel Wicked Cool hat den in 
Deutschland gerne und oft gesehenen WOGGLES erstmal 
einen Rückschlag beschert: Obwohl ihr Album seit Mo¬ 
naten raus ist, ist es derzeit wohl nur via Soundflat zu be¬ 
kommen - da muss am Vertrieb wohl noch gearbeitet wer¬ 
den. Aufmerksamkeit verdient haben die WOGGLES jeden¬ 
falls auch diesmal wieder, ist der Nachfolger des 2003 er¬ 
schienenen „Ragged But Right“-Albums (noch mit dem 
kurz darauf verstorbenen Gitarristen Montague einge¬ 
spielt) doch erneut ein vor allem und zuerst nach den 
WOGGLES selbst klingendes Rock’n’Roll-Manifest. Auch 


das wurde wieder von Rick Miller aufgenommen, Mighty 
Manfreds Stimme ist so prägnant wie eh und je, und Flesh 
Hammer, der neue Mann an der Gitarre, macht seine Sa¬ 
che ausgesprochen gut. Was jedoch auffallt: Die WOGGLES 
klingen 2007 eine Spin - bedächtiger, nicht mehr so vorbe¬ 
haltlos partytauglich wie zu „Ramadan romance“-Zeiten, 
doch hat man sich daran erstmal gewöhnt, gewinnt auch 
ein iberisch anmutender Schmuser wie „El toro“ mit je¬ 
dem Hören. „Sayonara blues“ hingegen macht dann wie¬ 
der alles klar, dazu schüttelt man gerne Haar und Hin¬ 
tern, und gecovert wird auch: „The world is falling“ von 
den (deutschen) LORDS wurde auserkoren (und exzellent 
umgesetzt), sowie „I gotta go now“ von Rex Garvin. Alles 
in allem also ein weiteres feines Album einer Sympathen- 
band, das hier und da aber etwas mehr Feuer haben könn¬ 
te. (38:48) (7) Joachim Hiller 

WAXY 
s/t MCD 

Your Mom’s/Radar | Bei WAXY handelt es sich um vier 
Typen aus Palm Desert. Und was fällt einem natürlich bei 
Palm Desert ein? Genau, KYUSS, QOTSA und die Stoner/ 
Desert Rock-Szene, und genau zu der zählen sich auch 
WAXY. Damit ist klar, wie der Hase läuft und durch wel¬ 
che Musik WAXY beeinflusst wurden. Jedoch handelt es 
sich bei WAXY mitnichten um eine Reproduktion von De¬ 
sert Rock-Klischees, vielmehr hat die Band lediglich de¬ 
ren trockenen Groove übernommen und mit Anleihen 
aus klassischem Rock’n’Roll kombiniert. Uptempo-Stü- 
cke sucht man hier vergeblich, aber schöne Melodien und 
die stark an QOTSA erinnernde Stimme von Sänger Robert 
Owen wissen zu überzeugen. Zu bemängeln ist an dieser 
Stelle allerdings, dass dies alles dazu beiträgt, dass WAXY 
den Queens teilweise zum Verwechseln ähnlich ist, oft je¬ 
doch ohne an deren Abwechslungsreichtum heranzurei¬ 
chen (schön ist allerdings das Panflötensolo in „What we 
were“). Generell ist „Waxy“ eine gute EP, bleibt nun ab¬ 
zuwarten, ob das nächste Album noch etwas eigenständi¬ 
ger daherkommt oder ob die Band doch in Belanglosigkeit 
versinken wird. (17:36) (7) Nadine Maas 

SHANNON WRIGHT 
Let In The Light CD 

Unter Schafen/Alive | Shannon Wright erinnert an PJ 
Harvey und Tori Arnos. Sie schreibt ruhige, zurückhalten¬ 
de Songs mit Piano und pointiert eingesetzter E-Gitarre, 
die in den richtigen Momenten explodieren. Jedoch ist 
Wright nur die Light-Version der genannten Künstlerin¬ 
nen. Die Frau kann nicht halb so abgefückt wie Arnos oder 
PJ Harvey sein. Leider wirkt sich das nachteilig auf ihre 
Musik aus. Nach einer Weile nervt das unzusammenhän¬ 
gende Geklimper ohne rechte Struktur ein wenig. Dann 
sucht man sich seine alten Tori - Amos - Alben heraus und 
hört lieber die. (4) Julia Gudzent 

W.A.S.P. 

Dominator CD 

demohtionrecords.com/Soulfood | Bisher dachte ich, 
Blackie Lawless sei eine auftoupierte und -gedunsene 
Transe, die seit schätzungsweise 25 Jahren einfaltige Hea¬ 
vy Metal-Freaks mit pathetischem Gesülze und rohem 
Fleisch bewirft. Seit gestern hingegen weiß ich, dass es für 
Lawless und seine Band WA.S.P. noch eine Zukunft gibt: 
Abgesehen von der Sache mit dem rohen Fleisch hätten sie 
mit den oben genannten lügenden das Potenzial, den Eu¬ 
rovision Song Contest locker für sich zu entscheiden. Die 
Veranstaltung zeigte es: schlechte Kostüme, wallende Mäh¬ 
nen und seichter, gefühlsduseliger Heavy Rock hegen voll 
im europäischen Trend. Zu dumm, dass der gute Blackie 
kein Deutscher ist. Der hätte tatsächlich das Zeug, den ost¬ 
europäischen Riegel zu durchbrechen. Schließlich ist Hea¬ 
vy Metal der einzige musikalische Exportschlager Deutsch¬ 
lands in die Staaten jenseits der Oder-Neiße-Grenze. Viel¬ 
leicht sollte man mal über eine Einbürgerung verhandeln. 
Dann würde es auch wieder mit der Vorherrschaft über 
Europa klappen. Und „Dominator" trüge seinen Titel zu 
Recht. (43:28) Ingo Rothkehl 

WILDHEARTS 

s/t CD 

Round/Cargo | Letztens hatte ich noch eine Soloplatte des 
WILDHEARTS-Frontmannes Ginger verschmäht, da flat¬ 
tert mir eine neue Platte dieser Institution britischen Hea¬ 
vy Rocks auf den Tisch, und für viele knüpft diese Plat¬ 
te souverän an die früheren Glanzzeiten der Band an. An 


FROM RUSSIÄ WITH LOVE 


Wirklich fett tmd sauber produziert wurde das Debütal¬ 
bum „Poslednaja Voina/Last War“ (ANR) der Mos¬ 
kauer Streetpunk-Band WHAT WE FEEL. Da gibt es 
wirklich nix zu meckern und die Band braucht den inter¬ 
nationalen Vergleich überhaupt nicht zu scheuen. Mit ihrer 
rohen Wut und kompromisslosen Kraft blasen sie 90 Pro¬ 
zent aller Mittelstands-Hardcore-Bands weg, aber wahr¬ 
scheinlich wird sich wieder niemand dafür interessieren, 
weil sie russisch singen. Das sollte aber auch kein Hinde¬ 
rungsgrund sein, denn im Booklet findet man die engli¬ 
schen Übersetzungen. Ich bin ja immer ein wenig konser¬ 
vativ, was russische Musik angeht, und der einzige Abstrich, 
den ich bei WHAT WE FEEL mache, ist, dass sie mir persön¬ 
lich schon zu „verwestlich“ klingen. 

Wesentlich traditioneller im russischen Punkrock ver¬ 
wurzelt sind PHENIX (phenixl998@ rambler.ru). Leider 
habe ich nicht viel mehr Infos über diese Band, da sich die 
Kontaktaufhahme sehr schwierig gestaltete, was ein allge¬ 
mein russisches Problem ist. Neben der Sprache, Englisch 
ist Ausnahme, ist das russische Internet absolut konfus und 
die Adressen wechseln ständig, weil die Betreiber und Be¬ 
sitzer alles andere als zuverlässig sind. Zumindest, was die 
kostenlosen Anbieter angeht, das aber nur nebenbei. PHE¬ 
NIX spielen superschnellen Punkrock mit hörbar viel Spaß 
dabei, ohne dabei jemals in die Hardcore-Schiene abzu¬ 
gleiten. Teilweise hört sich das an wie absolut überdrehter 
77er-Style, und beim nächsten Mal werden sie wieder tief¬ 
traurig tmd verbreiten diese herzzerreißende Melancholie, 
die ich so mag. 

Fest zum russischen Underground gehören auch die di¬ 
versen Folk-Bands, und PLETEN (wattle.narod.ru/ 
anshukoffi« mail.ru) ist eine davon. Sie haben sich nach 
diversen akustischen Aufnahmen dazu entschlossen, auch 
elektrische Instrumente zu benutzten, und neben den tra¬ 
ditionellen Liedern aus Russland, Finnland und Irland 
(Alle auf Russisch gesungen!) haben sie angefangen, eige¬ 
ne Lieder zu komponieren. Meistens handelt es sich dabei 
um sehr getragene Songs, aber beseelt vom Wodka, artet das 
dann doch wesentlich Öfter zu einem konstruktiven Chaos 
aus, wie es auch ELÄKELÄISET pflegen. 

Wer diese kleine Kolumne regelmäßig verfolgt, dem wer¬ 
den THE PAUKI (pauki.nm.ru/ the _pauki@mail.ru) 
keine Unbekannten mehr sein! Es gibt wieder Neuigkeiten 
aus St. Petersburg, denn Sasha hat zwei neue Zusammen¬ 
stellungen herausgebracht. Auf „a.r.e. freundschaft“ 
findet man neben den aktuellen THE PAUKI-Aufnahmen 
noch Songs von SICK OF SOCIETY aus Amerika tmd 
THE VENDETTA aus Italien. Allesamt stehen sie für die 
härtere Gangart des derben Oi!/Streetpunk. Wobei ich fin¬ 


de, dassTHE PAUKI eindeutig gewinnen, weil sie am besten 
produziert sind und auch die besten Songideen haben. 
„Punk Occupation“ geht in die 13. Runde, und dieses 
Mal sind auch Gäste aus anderen Ländern vertreten, doch 
den größtenTeil bestreiten wie immer russische Bands. Ge¬ 
boten wird ein repräsentativer Querschnitt von Hardcore, 
Oi!, 77er Punk und anderen, teilweise sehr obskuren, aber 
immer sehr interessanten Musikrichtungen. Wenn ihr ei¬ 
nen sehr guten Überblick über die aktuelle russische Szene 
haben wollt, dann ist hier ein Abo unerlässlich, denn näher 
heran kommt ihr nie! 

PLJUSCHI (plushiw: list.ru), was übersetzt „Die Efeu¬ 
pflanzen“ heißt, kommen aus Irkutsk und haben es nach 
sechs Jahren Bandexistenz geschafft, ihre erste selbstbeti¬ 
telte CD aufzunehmen. Warum? Weil sie eben alles wirk¬ 
lich selber machen wollten und es so lange gedauert hat 
die Technik zu beherrschen. Abgesehen von den wirklich 
schrecklichsten Gitarrensoli, aber nur in den ersten Songs, 
die ich je gehört habe spielen PLJUSCHI sehr abwechs- 
lungsreichen und kritischen Punkrock. Die CD enthält 
auch eine englischsprachige Bandhistorie. 

Etwas hippiesker sind VERBA (karandash38@mail.ru), 
was soviel wie „Frühlingserwachen“ bedeutet tmd den da¬ 
mit beginnenden Aufbruch, das Hervorbrechen des Lebens 
meint. Dabei entwickeln sie aber eine Energie, die dem 
Punk nicht unähnlich ist. Alternative Rock oder Postpunk 
können dabei auch nur als grobe Richtung dienen, denn 
die Songs sind sehr gut strukturiert und lassen Freiräume 
für die einzelnen Stilrichtungen und Stimmungen. Ins¬ 
gesamt ein sehr abwechslungsreiches Album, das sich ge¬ 
schickt einer Kategorisierung entzieht. 

Vollkommen anders und vollkommen der DJ.Y.-Philoso- 
phie verschrieben haben sich VEGATIV. Derbe grunzend, 
dumpf und wirklich sehr kurzweilig bolzt die Band ihre 
Songs unspektakulär und extrem lustlos herunter. Sehr in¬ 
teressant ist, dass neben dem normalen Schlagzeug auch 
noch Stahl oder etwas Ähnliches zur Rhythmuserzeugung 
eingesetzt wird. Crust aus dem Schuhkarton. 

Hervorragend dagegen sind TUSHKA (independent- 
sounds.ru) aus Moskau produziert. Der moderne Nu-Punk 
dieses Quartetts klingt zwar verdächtig nach MTV-Alter- 
native-Charts, aber alleine die Songtitel würden schon 
ausreichen, um alle westlichen Kids zu schocken, und „Ich 
habe jedes Pferd gefickt“ ist da noch einer von der harm¬ 
losen Sorte. Die Jungs scheinen wirklich einen ausgespro¬ 
chen angenehmen Humor zu haben und auch musikalisch 
sind sie absolut am Puls der Zeit, denn lässig integrieren sie 
Metal- und HipHop-Elemente in ihren Sound.Perfekt! 
Carsten Vollmer 


dem grundsätzlichen Rezept der WILDHEARTS, fetten 
Riff-Rock auf süßliche CHEAP TRICK-Harmonien tref¬ 
fen zu lassen, hat sich indes nichts geändert, allerdings ist 
das neunminütige Opus „Rooting for the bad guy“ direkt 
zu Beginn ein durchaus beeindruckender Opener, „The 
sweetest song“ danach erscheint allerdings eher wie eine 
reichlich schwache, kürzere Kopie. In Sachen Energie und 
Melodienreichtum machen wohl nur wenige Bands den 
WILDHEARTS etwas vor, allerdings kann man ihre allzu 
geradlinige Vörgehensweise auf dem neuen Album auch 
recht schnell als etwas langweilig und eintönig empfin¬ 
den, tmd so machen die Einzelstücke oft mehr Spaß, als 
alle zwölf Tracks am Stück zu hören. Richtig gut sind die 
WILDHEARTS vor allem bei den unverschämt ausgewalz¬ 
ten Songs mit ihren virtuosen Prog-Hardrock-Instrumen- 
talparts wie bei dem bereits angesprochenen Opener, dem 
ebenfalls knapp neunjninütigen „Slaughtered authors“, 
wo man sich ein wenig bei der Basslinie von John Carpen- 
ters „Assault On Precinct 13“-Titelthema bedient hat, dem 
wuchtigen „The hard way“ und „Destroy all monsters“ am 
Schluss, das mit seiner Reduzierung auf Breaks und kno¬ 
chentrockene Riffs fast schon was von den MELVINS hat. 
Wem nach hemdsärmeligem, aber nicht doofem In-Your- 
Face-Rock ist, der ist bei den WILDHEARTS generell an der 
richtigen Adresse, tmd das gilt insbesondere für dieses neue 
Album. (7) Thomas Kerpen 

WATCHERS 
Vampire Driver CD 

gernblandsten.com | Lange hat es gedauert, bis mir ein¬ 
gefallen ist, an wen mich die WATCHERS auf ihrem zwei¬ 
ten Album erinnern. Man nehme nur mal den Opener na¬ 
mens „Chess Champion“: dünne, schranzige Gitarren, ein 
knackiges, penetrantes Schlagzeug, ungeahnt auftauchende 
Melodiefetzen, der Gesang mehr ein Gesprech - klar! Die 
von mir sehr geschätzten BEEHIVE & THE BARRACUDAS 
sind es, die hier womöglich Pate standen. Die Ähnlichkei¬ 
ten im Sound liegen auf der Hand. Darüber hinaus haben 
beide gemein, dass man ihre Songs als sparsame, ansonsten 
aber normale Rocksongs missverstehen kann. Weit gefehlt: 
Da lauert etwas zwischen den Akkorden. Es sind die Klei¬ 
nigkeiten im Sound, die Parts oder Riffs, die einmal zu oft 
wiederholt werden, die den Wahnsinn aufflackern lassen. 
Bei B&TB war ich mir sicher, dass die Jungs und das Ma¬ 
del bewusstseinserweiternde beziehungsweise verstand¬ 
lähmende Mittelchen zu sich genommen haben. Den Ein¬ 
druck habe ich hier nicht so stark, aber vielleicht ist nur 
die Dosis nicht so hoch. Törichterweise werden die WAT¬ 
CHERS immer wieder mit dem Neo-No-Wave in Verbin¬ 
dung gebracht, aber zum Glück ist das nicht so. Das hier ist 
viel cooler, Hipsters! (40:06) (8) Christian Meiners 

WINDMILL 

Puddle City Racing Lights CD 

Groenland | WINDMILL ist keine Band, sondern der So¬ 
lokünstler Matthew Thomas Dillon, der sich vor allem am 
Piano hervortut. Die Songs sind ein Gemisch aus Folk und 
Indie, durchaus nett anzuhören. Über den Gesang kann 
man streiten. Die einen werden ihn lieben, zu den ande¬ 
ren gehöre ich. Der ist nicht nur schräg, sondern auch noch 
hoch, tmd damit wird das Album für mich komplett un¬ 
hörbar, ohne Diskussion. Kennt jemand Daniel Johnston? 
Das ist ungefähr die gleiche Liga, nur dass Herr Dillon nicht 
auch noch lispelt. Mensch, da muss man doch was machen 
können. Man kann doch seine schönen Songideen nicht so 
leichtfertig wegschenken. (45:53) (4) Christian Meiners 

WE ARE SOLDIERS WE HAVE GUNS 
To Meet Is Murder CD 

Stereo Test Kit | Diese Namen! Pustekuchen, das sind nur 
falsche Fährten - weder das neuste, heiße, Indie-Ding, 
noch Screamo, sondern fünf lupenreine, behutsam in¬ 
strumentierte LoFi-Indie-Pop-Perlen bietet einem die¬ 
ses Mini-Album des Göteborger Duos. Unterlegt mit Pia¬ 
no, sanftem Schlagzeug, Tremolo-Gitarren oder auch mal 
„drums on a coffee mug with pencils", werden die Songs 
vor allem von der klaren, lieblichen Stimme von Sängerin 
Malin Dahlberg getragen. Der sehr ausdrucksstarke Gesang 
sorgt für Intimität bei den Stücken, bindet den Hörer, lässt 
einen wohl fühlen und zugleich in Abgründe blicken. Man 
kann auf das Debütalbum gespannt sein, denn das sind kei¬ 
ne „Songs that no one will hear.“ Eher: Musik für alle Jah¬ 
reszeiten. (17:55) (8) Kevin Goonewardena 

JEREMYWARMSLEY 
The Art Of Fiction CD 

Transgressive | Jeremy Warmsley kommt aus England und 
hat französische Wurzeln. Vielleicht ist gerade das eine, ich 
sag mal, zu kuriose Mischung, wenn man sich als Singer/ 
Songwriter versuchen will. Im Gegensatz zu anderen, die 
in dieser Sparte tätig sind, fehlt mir hier in vielen Stücken 
die Melodie. Ab und zu fallen die Instrumente mitten im 
Lied aus, was ja nicht so extraordinär ist, aber der alleini¬ 
ge Gesang, der dann im Vordergrund steht, bietet meist ei¬ 
nen sehr faden, nichts sagenden Eindruck. Dieses Bild ver¬ 
schärft sich noch mehr, wenn man sich die Texte im fein 
säuberlich gestalteten Booklet durchliest. Ich schätze mal, 
dass der Typ jetzt Mitte 20 ist, trotzdem finde ich die meis- 
tenTexte sehr jungenhaft. Kann ich das so stehen lassen? Ich 
möchte damit sagen, dass mir viele Textzeilen zu verspielt 
sind und man sich noch teeniehafter fühlt, wenn man sie 
sich ins Deutsche übersetzt. Untermalt werden diese Zeilen 
von einer Gitarre oder auch mal von einer Ukulele. Daraus 
könnte man durchaus viel machen, aber irgendwie gehen 
die Instrumente völlig ihren eigenen Weg. Abgesehen da¬ 


von, sind Alle Lieder sehr, sehr langsam. So langsam, dass 
man selber anfängt zu flüstern. Eine sehr komisch zusam¬ 
mengemixte Platte, ich frage mich, wie da Stimmung bei 
seinem Konzert aufkommt. Ziemlich experimentell, ein 
Chemiebaukasten sozusagen. Vielleicht ist das Album auch 
fantastisch tmd ich hab es nicht erkannt, weil mir die Freu¬ 
de tmd der „Booaaaaahhhhh“-Moment fehlt. Na ja. (6) 

Martha Biadun 

XXX 


XBXRX 
Wars CD 

polyvinylrecords.com/Cargo | Sollte irgendwer XBX¬ 
RX (angeblich der Name eines chinesischen Herstellers 
von Zahnarztbohrern) für ein kurzlebiges Novelty-Phä- 
nomen gehalten haben, so ist dieser Verdacht wohl schon 
seit dem letzten Album, vor zwei Jahren ebenfalls auf Po¬ 
lyvinyl erschienen, ausgeräumt. Davor hatte die 1998 ge¬ 
gründete Formation unter anderem auf 5RC und GSL ver¬ 
öffentlicht und war, oh wilde Flegeljahre, in der Tat noch 
etwas mehr out of control als heute. Der Gesang ist kla¬ 
rer und nicht mehr das stimmliche Äquivalent zu einer 
Maschinengewehrsalve, aber das als angepasst zu bezeich¬ 
nen, würde bedeuten, Alec Empire Popmusik zu unterstel¬ 
len, tmd die Band selbst lässt vermelden: „Never wishing 
to repeat themselves, the band has made a conscious effort 
to move beyond the non-stop blastbeat/screaming assault 
of prjvious releases“. Und das hört man. Ist „Wars“ also 
eine gezähmte Version von XBXRX, haben sie sich weich- 
gespiel/spült? Mitnichten. Die Shock-Effekte, die Lärm- 
Attacken, die verquer-komplexe Rhythmik sind geblieben, 
aber mittlerweile hat das alles mehr Struktur, ist griffiger 
und zumindest für XBXRX-Verhältnisse auch zugängli¬ 
cher. Freunde von NOMEANSNO, Alec Empire, MELT-BA- 
NANA und TOMAHAWK sollten spätestens jetzt zusteigen, 
nächster Halt ist Nirgendwo. (27:13) (7) Joachim Hiller 

YOUNOGODIE 

s/t CD 

stxessedrecords.co.uk/BrokenSilence | Käme dieser Vie¬ 
rer nicht aus Derby in England, ich hätte sie umgehend in 
meine Noise-Rock-aus-Deutschland-Kiste gepackt, die 
nur geöffnet wird, um etwas hineinzutun. So also ein neu¬ 
er Ansatz: Die Band würde gern mit Post-Punk-Vorbil¬ 
dern in Verbindung gebracht, ist dafür aber nicht raffiniert 
genug. Im Gegenteil verbreitet sie viele der Klischees, die 
mich an den Bands aus meiner Kiste so langweilen - das 
Schlagzeug zu hampelig, der Gesang zu leidend, die Riffs zu 
stumpf. Nervt. (68:26) (4) Christian Meiners 

YYY 


YELLOW UMBRELLA 
Little Planet CD 

myspace.com/rainrecordsev | Sehr spannend wäre eine 
groß angelegte Umfrage nach der besten deutschen Ska- 
Band. Meiner Vermutung nach würden YELLOW UM¬ 
BRELLA nur knapp hinter den BUSTERS in der Spitzen¬ 
gruppe landen. Warum das zumindest wünschenswert und 
nachvollziehbar wäre, lässt sich an der neuen Platte sehr 
einfach (vielleicht besser als an allen vorherigen) aufzei¬ 
gen. Viel Pop-Appeal wird da aufgefahren, während YEL¬ 
LOW UMBRELLA gleichzeitig gegen die Gefahr, dass aus 
Eingängigkeit Eintönigkeit werden könnte, ihre bewähr¬ 
ten Waffen in Stellung bringen. Als da wären: 1. Das richti¬ 
ge Verhältnis von Ska- zu Rocksteady- und Reggae-Num¬ 
mern. 2. Ein Hauch von Melancholie 3. Angenehm um- 
gesetzte osteuropäische Einflüsse 4. Gut gewählte Cover. 
5. Kritische Texte, die vermuten lassen, dass sich in Dres¬ 
den wohl ein paar Stirne runzeln dürften, wenn ich so un¬ 
passend martialisch von „Waffen“ rede, um „Little Planet“ 
zu loben. P.S. Ob man erwähnen sollte, dass Dr. Ring-Ding 
bei einem Song mitgewirkt hat, oder ist es mittlerweile ge¬ 
raten (durchaus auch international) eher die Ska-Plat¬ 
ten hervorzuheben, an deren Entstehung er nicht beteiligt 
war? (8) Ferdinand Praxi 

zzz 

ZOMBIE GHOST TRAIN 
Dealing The Death Card CD 

fiendforce.de/Cargo | Ist Mika Kaurismäki in Australien 
bekannt? Haben sich ZOMBIE GHOST TRAIN womöglich 
nach seinem Film „Zombie And The Ghost Train“ benannt? 
Die Band aus Sydney hat nach einer EP auf Crazy Love und 
dem erst vor ein paar Monate hierzulande veröffentlichten 
Debüt „Glad Rags & Body Bags“ nun den neuen Longplay- 
er am Start, und auch der gefällt wieder ausgesprochen gut: 
Psychobilly trifft auf MISFITS-liken Punkrock und coo¬ 
len Greaser-Rock’n’Roll, tmd irgendwie erinnert mich das 
hier an eine sehr gelungene Kombination ausTURBO AC’S, 
STRAY CATS („Teddy boy boogie“) und TIGER ARMY. Die 
Thematik der Texte ist dabei überschaubar: Wolfsfrauen, 
Fledermäuse, Monster und Untote sind hier allgegenwär¬ 
tig, doch mit einem Augenzwinkern macht das gleich noch 
mehr Spaß. Exzellent auch diesmal wieder die Produkti¬ 
on und die handwerkliche Umsetzung - ich werde mir bei 
dem Skelett mit der Schaffnermütze da drüben gleich mal 
eine Fahrkarte für einen kleinen Deathride im Zombiezug 
kaufen. (40:08) (8) Joachim Hiller 

► Auf der Ox-CD zu hören. 





12.05. BREMERHAVEN 

Nacht der Kulturen 
24.05. ROSTOCK 
MS Stübnitz 
25.05. BERLIN 
Linse 

26.05. NEUBRANDENBURG 
Zebra 

27.05. DRESDEN 

Chemiefabrik 
16.06. FREE FOR ALL 

Stapelmoor (Ostfr.) 
23.06. ELEKTRISCH VERSTairKT 
Stavenhagen 


14.07. NEUENKIRCHENER OPEN AIR 
Neuenkirchen 

21.07. FONSSTOCK OPEN AIR 
Nordenham 
28.07. OMAS TEICH Z 

Grossefehn 

04.08. SEEED & BEATSTEAKS Open Air Pier 2 ^ 
Bremen 

10.08. NIGHT FESTIVAL 

Wiefelstede bei Oldenburg 
11.08. STAATSFORSTEN Open Air 

Bakum / Büschel /| 

11.08. ROCK DEN LUKAS 

Tarmstedt (| 


i 


riäsl 


OX-FANZINE 92 









REVIEWS 



SHERLOCK HOLMES COLLECTION - TEIL 2 

Koch Media | Bereits im letzten Jahr war bei Koch die 
SHERLOCK HOLMES COLLECTION - TEIL 1 erschie¬ 
nen, die auf vier DVDs in erstaunlich guter Qualität und 
mit informativem Booklet versehen die ersten vier von 
20th Century Fox und später dann von Universal produ¬ 
zierten Sherlock-Holmes-Schwarzweiß-Filme mit Basil 
Rathbone enthielt - DER HUND VON BASKERVILLE, DIE 
ABENTEUER DES SHERLOCK HOLMES, DIE STIMME DES 
TERRORS und DIE GEHEIMWAFFE der den von Sir Ar¬ 
thur Conan Doyle geschaffenen Meisterdetektiv zwischen 
1939 und 1946 verkörperte, an seiner Seite Nigel Bruce 
als gewohnt begriffsstutziger Dr. Watson. Eine durchaus at¬ 
mosphärische, wenn auch etwas geschwätzige Angelegen¬ 
heit, denn schließlich hatte Hohnes kaum mehr als 60 Mi¬ 
nuten Zeit, um seine Fälle zu lösen. DER HUND VON BAS¬ 
KERVILLE hält sich dabei am stärksten am Original von Ar¬ 
thur Conan Doyle, ansonsten muss sich Holmes mit seinem 
Erzfeind Professor Moriarty und den Nazis herumschlagen, 
und wird so in den 40er Jahren ebenfalls zum Opfer auf¬ 
dringlicher Kriegspropaganda, wie das auch Kollegen wie 
Superman und Daffy Duck widerfuhr. Insgesamt nach wie 
vor spannende, intelligente Krimikost mit Film Noir-An¬ 
klängen, wobei mir nicht so recht behagt, wie Sherlock 
Holmes vom viktorianischen Zeitalter in die Gegenwart 
verfrachtet wurde, wo in gewisser Weise etwas von der At¬ 
mosphäre der Romane verloren geht. Die aktuell erschie¬ 
nene zweite Box enthält nur drei Abenteuer aus den Jahren 
1943 und 1944, VERHÄNGNISVOLLE REISE, GESPENSTER 
IM SCHLOSS und DAS SPINNENNEST, die in Sachen Bild- 
und Tonqualität den Standard der ersten Box halten kön¬ 
nen, allerdings ebenfalls diese unangenehmen Moderni¬ 
sierungstendenzen aufweisen. Jagt Holmes in DAS SPIN¬ 
NENNEST einer Femme Fatale hinterher, ist GESPENSTER 
IM SCHLOSS eine Rückkehr zum Holmes der Romane, der 
es hier mit einem Serienmörder in einem schönen alten 
Schloss zu tun bekommt. Was überhaupt nicht funktio¬ 
niert, ist Holmes in die USA fliegen zu lassen, um dort in 
VERHÄNGNISVOLLE REISE Geheimagenten und brisante 
Dokumente aufzuspüren, was in der danach entstandenen 
Episode GESPENSTER IM SCHLOSS ja wieder korrigiert 
wurde. Auch wenn mir bisher die klassisch gehaltene Fol¬ 
ge DER HUND VON BASKERVILLE am besten gefallen hat, 
ist Basil Rathbone sicher eine der überzeugendsten Verkör¬ 
perungen von Holmes gelungen, was aber auch für Nigel 
Bruce als Watson gilt. Für Fans nostalgisch angehauchter 
Krimikost definitiv eine schöne Sache, alleine schon durch 
die Ausstattung der Boxen, die natürlich den Originalton 
beinhalten oder auch nette Extras wie ein langes Interview 
mit dem Synchronsprecher von Holmes. Und Teil 3 steht 
auch schon in den Startlöchern. 

HIGHWAY 61 

Kanada 1991, Shadow Shows | Spät nachts kann man 
manchmal das Glück haben, Bruce McDonalds 1989 ge¬ 
drehtes Filmdebüt ROADKILL zu sehen, ein wunderschö¬ 
nes Band-Roadmovie, und das war es dann auch, das mich 
ins Kino laufen ließ, als HIGHWAY 61 gezeigt wurde, der 
jetzt erstmals (in den USA bzw. Kanada) auf DVD veröf¬ 
fentlicht wurde. Die Story: Pokey Jones (gespielt von Don 
McKellar, war auch schon in ROÄDKILL zu sehen und aus- 
sieht wie ein Mitt-Achtziger Goth-Punk) fuhrt in einem 
Kaff irgendwo am kanadischen Teil des Highway 61 einen 
Friseursalon, den ihm seine Eltern hinterlassen haben. Ei¬ 
nes Morgens findet er in seinem Hinterhof einen gefrore¬ 
nen Körper, von dem die kurz darauf auftauchende Jackie 
behauptet, er sei ihr Bruder. Auf dem Dach des seit Jahren 
unbewegten Autos seiner Eltern soll der Tote in seinem Sarg 
nach New Orleans überfuhrt werden, immer den schon 
von Bob Dylan besungenen Highway 61 entlang - und ver¬ 
folgt von einem Aushilfssatan namens Mr. Skin, der dem 
Toten einst seine Seele abgekauft hat und jetzt den Körper 
haben will... Logischerweise ergeben sich auf der Fahrt di¬ 
verse Verwicklungen, etwa bei der Einreise in die USA (den 
Zollbeamten spielt Jello Biafra, an anderer Stelle taucht 
Tav Falco in einer kleinen Rolle auf), und alles in allem 
ist HIGHWAY 61 ein sehr schönes, skurriles Roadmovie 
mit beachtenswerten Details und reichlich Rock’n’Roll - 
Zitaten und -Anspielungen, und auch wenn ROADKILL, 
HIGHWAY 61 und HARD CORE LOGO von 1996 von der 
Handlung her in keiner Verbindung stehen, so sind sie doch 
Teil einer Trilogie. Sehenswert! Joachim Hiller 

CHILDREN OF MEN 

Japan/UK/USA 2006, Universal | Auch wenn es diese Ka¬ 
tegorie auf dieser Seite eigentlich nicht gibt, aber CHILD¬ 
REN OF MEN ist meine persönliche Enttäuschung die¬ 
ser Ausgabe. Nach den ganzen überschwänglichen Kri¬ 
tiken hätte ich ein wirklich mitreißendes Endzeitszena¬ 
rio mit Grips erwartet, Regisseur Alfonso Cuarön (Y TU 
MAMÄ TAMBIEN, HARRY POTTER AND THE PRISONER 
OF AZKABAN) beschränkt sich allerdings leider auf rei¬ 
ne Schauwerte und einen hübschen Look, auf der Stre¬ 
cke bleiben wie so oft eine wirklich schlüssige Geschichte 
und interessante, lebensnahe tharaktere. Vor allem, was für 
ein ach so schlimmes Endzeitszenario soll das bitteschön 
sein? Denn in CHILDREN OF MEN ist die Menschheit un¬ 
fruchtbar geworden und ist dabei auszusterben, was einen 
aber eher mal freuen sollte, denn dann hätte dieser Planet 
vielleicht noch eine Chance. Für Misanthropen also eher 
mal Komödienstoff. Dazu packt Cuarön dann als Kulisse 
die üblichen Zutaten solcher Endzeitszenarien, denn auch 
hier gerät eine funktionierende Gesellschaftsordnung un¬ 
ter die Räder, was zu Anarchie und staatlicher Unterdrü¬ 
ckung führt, inklusive irgendwelcher Separatistengruppen, 
die mit Gewalt eine Neuordnung des Systems herbeifiih- 
ren wollen. In dieses Chaos gerät der Ex-PolitaktivistTheo 
(den Clive Owen durchaus kompetent darstellt), der ein 
schwangeres schwarzes Mädchen auf einer Odyssee zu ei¬ 
nem geheimnisvollen Human Project begleitet, denn die 
Schwangerschaft des Mädchens soll offenbar einem höhe¬ 
ren Zweck dienen. Orwell bekommt hier eine offenkun¬ 
dig biblische Dimension, denn man muss doch unweiger¬ 
lich an die Flucht Josephs mit der schwangeren Maria den¬ 
ken, und so erwartet man auch in CHILDREN OF MEN auf 
die Ankunft eines neuen Messias’, der in diesem Fall aber 
weiblichen Geschlechts ist. Das wäre auch alles gut und 


VON THOMAS KERPEN 


schön, wenn uns Cuarön auch noch ein paar Antworten 
darauf geliefert hätte, warum Frauen nicht mehr schwan¬ 
ger werden können, was die Regierung eigentlich über¬ 
haupt so treibwund wogegen diese komischen Revolutio¬ 
näre konkret kämpfen? CHILDREN OF MEN ist dermaßen 
diffus-schwammig, dass man sich angesichts der Lobeshy¬ 
men über den Film fragt, ob manche Leute eigentlich nicht 
mehr wissen, was ein gutes Drehbuch ist. Und wenn dann 
beim Auftauchen der Endcredits Kindergeschrei ertönt, ist 
ganz bestimmt der Höhepunkt der Lächerlichkeit erreicht. 
Ich kann nur empfehlen, sich lieber noch mal 1984, BRA- 
ZIL oderTWELVE MONKEYS anzuschauen und diese sub¬ 
stanzlose filmische Luftblase einfach zu ignorieren, wo Mi¬ 
chael Caine als kiffender Alt-Hippie zu den wenigen ech¬ 
ten Höhepunkten gehört. 

SHORTBUS 

USA 2006, Autobahn/Senator | John Cameron Mitchells 
SHORTBUS ist nicht der erste Nicht-Porno, der sich mit 
pornografischen Szenen schmückt, allerdings ist er auch 
nicht der erste Film, der einem das Gefühl gibt, dass die¬ 
se Szenen höchst selbstzweckhaft in Szene gesetzt win¬ 
den. Denn nach einem furiosen wie amüsanten Start, wo 
jemand versucht sich selbst einen zu blasen, ein Pärchen 
in akrobatischer Manier den Geschlechtsakt vollzieht und 
eine Domina es ordentlich einem Kunden besorgt, ver¬ 
sumpft SHORTBUS trotz seiner eher durchschnittlichen 
Spielzeit von 97 Minuten in einem öden Neurosenzirkus, 
wo man mit einem suizidalen Homosexuellen, einer Sex- 
therapeutin, die keinen Orgasmus kriegen kann, und einer 
seltsamen Domina konfrontiert wird, deren Wege sich im 
titelgebenden hippen Swingerclub kreuzen, geleitet von 
einer fürchterlich klischeehaften Tunte im Fummel. Hät¬ 
te sich Mitchell weiterhin mit den Sexualpraktiken sei¬ 
ner Charaktere beschäftigt, wäre SHORTBUS sicher eine 
nett provokante Komödie über Lust und Liebe geworden, 
stattdessen muss er aber in der zweiten Hälfte deren Psy- 
choproblemchen in unerträglicher Form auswalzen, wozu 
aber wirklich lebendige und glaubhafte Figuren nötig ge¬ 
wesen wären. Spätestens dann denkt man wehmütig an die 
Zeiten zurück, als Woody Allen auf seine wundervoll intel¬ 
lektuelle und subtil komische Art die Neurosen von Gro߬ 
stadtmenschen sezierte, ohne dabei auf irgendwelche For¬ 
men billiger Effekthascherei zurückgreifen zu müssen. Der 
deutschen DVD liegt auch noch der komplette Soundtrack 
auf CD bei, darunter Azure Ray.Yo La Tengo, Animal Collec- 
tive und andere schöne Indie-Pop-Songs, der einem we¬ 
sentlich mehr Freude bereitet als der dazugehörige Film. 



CANDY 

Australien 2006, Concorde | Regisseur Neil Armfield 
macht nichts, wenn man den nicht kennt — schildert in 
CANDY basierend auf dem Buch von Luke Davies eine wei¬ 
tere Variation des Themas „Junkie romance“ inklusive kal¬ 
tem Entzug und sozialer Abwärtsspirale. Erst mal ist CAN¬ 
DY natürlich ein reichlich doofer Titel, da denkt man doch 
eher an 70er-Pornos. Der passt allerdings doch wieder ganz 
gut, denn trotz der unschönen Darstellung des bekannten 
Drogen-Abhängigkeitsverhältnisses eines jungen Pärchens 
besitzt Armfields Film eine Zuckrigkeit in Bezug auf sei¬ 
ne im Mittelpunkt stehende, komplizierte Lovestory, die 
CANDY nicht immer wirklich glaubhaft erscheinen lässt. 
Das hat man alles in Filmen wie CHRISTIANE F., REQUI¬ 
EM FOR A DREAM, DRUGSTORE COWBOY und vor allem 
THE PANIC IN NEEDLE PARK schon wesentlich besser und 
überzeugender gesehen. Seltsamerweise ist CANDY im¬ 
mer dann am besten, wenn er sein ernstes Thema von ei¬ 
ner humorvolleren Seite zeigt, denn das eigentlich statt¬ 
findende Drama ist die große Schwäche des Films, da man 
Abbie Cornish und Heath Ledger ihre Figuren nicht wirk¬ 
lich abnimmt, trotz grundsätzlich guter Darstellerleistun¬ 
gen, denn die beiden sehen selbst im Zustand größter Ver¬ 
elendung immer noch viel zu hübsch aus und haben viel 
zu viel Spaß miteinander. Geradezu lächerlich sind dann 
die vermeintlich schockierenden Sequenzen, etwa wenn 
Candy ihrem Freund Dan offenbart, dass sie schwanger 
ist, später dann im Krankenhaus ihre tote Fehlgeburt wie 
ein lebendiges Baby an sich presst und nicht mehr herge¬ 
ben will oder Dan gegen Ende seinen Mentor/Dealer Cas- 
per (Geoffrey Rush) nach der unumgänglichen Überdo- 
sis tot auffindet, was alles recht vorhersehbar ist. Zu die¬ 
ser emotionalen Unehrlichkeit passt auch das vermeint¬ 
lich unkonventionelle Happy End des Films, der für sei¬ 
ne Hauptfiguren zwar keine gemeinsame Zukunft bereit- 
hält, aber zumindest überhaupt eine Zukunft. CANDY ist 
sicher kein wirklich schlechter Film, aber er kann seinem 
Thema nicht genügend neue und interessante Seiten abge¬ 
winnen, die seine ständig schwächelnde Dramaturgie aus- 
gleichen und ihm so eine tatsächliche Daseinsberechtigung 
verschaffen würden. 

NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT 

Spanien/Deutschland/Italien/Liechtenstein 1970, 
Kinowelt | Im auf der aktuellen Doppel-DVD dieses Films 
enthaltenen Interview erzählt Viel- und Schmuddelfil¬ 
mer Jess Franco stolz, dass er ja lange vor Coppola derje¬ 
nige gewesen sei, der als Erster Bram Stokers Grusellitera¬ 
tur-Klassiker „Dracula“ originalgetreu verfilmt hätte. Wie 
so oft klaffen bei Franco Anspruch und Realität weit aus¬ 
einander, denn spätestens im zweiten Drittel von NACHTS, 
WENN DRACULA ERWACHT, wenn Franco aus Budget- 
gründen sämtliche Charaktere von Stoker Buch zusammen 
in einer Heilanstalt zusammengepfercht hat, hat es sich 
auch schon wieder mit der Originaltreue. Im ersten Mo¬ 
ment kann der Film vielleicht noch durch die Anwesenheit 
von Christopher Lee als Dracula punkten, der tatsächlich 
so aussieht, wie ihn Stoker beschrieben hat und im Ver¬ 
lauf der Handlung immer jünger wird, oder durch Herbert 
Lom als Professor Van Heising (dem man nach den „Pink 
Panther“-Filmen ernste Rollen immer schwer abnimmt) 
und Klaus Kinski als Insekten fressenden Renfield, der hier 
allerdings weniger wahnsinnig als in seinen anderen Fil¬ 
men wirkt. Aber wenn einem Franco dann deutsche Schä¬ 
ferhunde als Wölfe verkaufen will - ganz zu schweigen von 
den an Drähten hängenden lächerlichen Fledermäusen - 
und sein fehlendes Talent als Regisseur durch die üblichen 


holprigen Schwenks und unmotivierten Zooms unter Be¬ 
weis stellt, wird NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT 
zu einer immer unerträglicheren Angelegenheit, da hilft 
dann auch der recht actionreiche Schluss nichts mehr, der 
durchaus Parallelen zu Coppolas Version aufweist. Eine im 
doppelten Sinne höchst blutleere Angelegenheit - und das 
bei Franco, der ja eigentlich für seine sleazigen Entgleisun¬ 
gen berühmt-berüchtigt ist -, aus der man mit mehr Bud¬ 
get und vor allem einem besseren Regisseur vielleicht noch 
was hätte machen können. Die Kinowelt-DVD ist zum ers¬ 
ten Mal ungeschnitten, besitzt allerdings eine sehr durch¬ 
wachsene Bildqualität, die das niedrige Niveau dieser Bil¬ 
ligproduktion noch betont. Franco-Fans und Stoker-Inte¬ 
ressierte dürfen hier mal einen Blick riskieren, ansonsten 
muss man leider abraten. 

LAST DAYS 

USA 2005, Pierrot Le Fou | Okay, wir wissen Bescheid, Gus 
Van Sants LAST DAYS ist kein Film über Kurt Cobain und 
Grunge, sondern zeigt nur zufällig einen Musiker, der ge¬ 
nauso wie unser allerliebster Rock’n’roll-Märtyrer aus¬ 
sieht, und am Ende des Films Selbstmord begeht - aller¬ 
dings im Off. Dieser von Michael Pitt (BULLY, THE VILLA- 
GE) gespielte Cobain-Verschnitt läuft während der 90 Mi¬ 
nuten des Fihqs - die gefühlten 180 Minuten entsprechen 
- desorientiert in einem Haus und dessen Umgebung he¬ 
rum, brabbelt unverständliches Zeug vor sich hin und hat 
skurrile wie redundante Begegnungen mit seinen eben¬ 
falls im Haus abhängenden Bandmitgliedern und ande¬ 
ren Menschen, darunter Kim Gordon als seine Managerin. 
Selbst die Anwesenheit von Asia Argento in Unterwäsche 
macht einem in diesem Zusammenhang nicht allzu viel 
Freude. Seit GERRY und ELEPHANT weiß man zwar um 
die Vorliebe von Van Sant für eine eher meditative Erzähl¬ 
weise, aber wo ELEPHANT noch eine echte Spannungs- 
kurve und einen thematischen Rückhalt besaß, ist LAST 
DAYS eine ziellose Aneinanderreihung von hübsch ge¬ 
filmten Bildern mit quasi-religiösem Anstrich, so wie sich 
Pitt hier auf seinen persönlichen Kreuzweg begibt. Man tut 
LAST DAYS nicht unbedingt Unrecht, wenn man ihn als 
hohl und prätentiös bezeichnet, zwar ist bestimmte Fra¬ 
gen nicht zu beantworten durchaus lobenswert und appel¬ 
liert an die Intelligenz des Zuschauers, allerdings muss man 
sie dazu erst mal gestellt haben. LAST DAYS kommt in die¬ 
ser Hinsicht einer Verhöhnung des Publikums gleich, denn 
dieses Fragment besitzt weder eine Geschichte noch wirk¬ 
liche Figuren, und enthält nichts, was man in irgendeiner 
Form als interessant oder mysteriös empfinden könnte. 
Diesen sogenannten Film tatsächlich jemandem als Meis¬ 
terwerk verkaufen zu wollen, hat schon etwas verbreche¬ 
risches an sich, es sei denn man ist ein ausgesprochener 
Freund belangloser Kunstfilm-Flatulenzen, die in eine äs¬ 
thetische wie inhaltliche Sackgasse führen. Großartig auch 
das Zitat der Berliner Zeitung, die darin „einen der bes¬ 
ten Filme über Pop’n’Rock, den es je gab“ sahen, jetzt wür¬ 
de ich doch mal zu gerne wissen, was die mit „Pop’n’Rock“ 
eigentlich genau meinen. 

BUBBA HO-TEP 

USA2002,e-m-s | Eine wesentlich erfreulichere Verarbei¬ 
tung der Mythen der Popkultur kann man dagegen in Don 
Coscarellis BUBBA HO-TEP begutachten, der endlich auch 
mal in Deutschland erscheint. Eigentlich völlig unver¬ 
ständlich, warum das so lange gedauert hat, handelt es sich 
doch um eine der originellsten Genre-Parodien der letz¬ 
ten Jahre, wenn man das denn so nennen möchte. Cosca- 
relli schätze ich vor allem wegen seines End-70er Horror¬ 
films PHANTASM, der unter dem Titel DAS BÖSE doch al¬ 
len Ernstes nach wie vor in Deutschland wegen Gewaltver¬ 
herrlichung beschlagnahmt ist, eines der herausragends- 
ten Beispiele für die Dummheit und Ignoranz deutscher 
Staatsanwälte. Danach verhedderte sich Coscarelli leider 
etwas im üblichen Franchise-Getümmel und drehte noch 



PHANTASM II-IV, aber erst mit BUBBA HO-TEP gelang 
dem Mann erneut ein wirklich eigenständiger Genrefilm. 
Sicher auch bedingt durch die Zusammenarbeit mit Au¬ 
tor Joe R. Lansdale, auf dessen Kurzgeschichte der Film ba¬ 
siert, und der Coscarelli auch den Stoff für seinen gelunge¬ 
nen „Masters of Horror“-Beitrag INCIDENT ON AND OFF 
A MOUNTAIN ROAD lieferte. Was BUBBA HO-TEP genau 
ist, lässt sich schwer sagen, denn ähnlich wie bei Lynchs 
STRAIGHT STORY handelt es sich um eine melancholi¬ 
sche Reflexion über das Älterwerden, gleichzeitig spielt 
er mit Elementen des Horrorfilms und den schon ange¬ 
sprochenen Mythen der Popkultur, und unter dem Strich 
kommt dabei ein sehr witziger wie cleverer Film heraus, 
der dem Zuschauer seine unglaubwürdige Geschichte ex¬ 
zellent verkaufen kann. Darin werden ein Elvis-Imitator 
namens Sebastian Haff, mit gebrochener Hüfte und Ge¬ 
schwür am Penis, und ein Schwarzer, der sich für JFK hält, 
in einem Altersheim mit einer zum Leben erwachten 3000 
Jahre alten Mumie in Cowboystiefeln konfrontiert, die es 
auf die Seelen der Bewohner abgesehen hat. Dabei ist der 
Kampf mit der Mumie vielleicht noch der uninteressan¬ 
teste Teil, dafür liefert Bruce Campbell (EVIL DEAD 1-3) 
eine der Glanzleistungen seiner Karriere ab und erweckt 
den King of Rock’n’roll mit lakonischem Humor zu neu¬ 
em Leben, was aber nur in der englischen Originalversi- 
on wirklich funktioniert. Ein wunderbarer Film - wo auch 
Reggie Bannister aus den PHANTASM-Filmen in einer Ne¬ 
benrolle auftaucht -, zwar ohne Elvis-Musik, dafür aber 
mit einem schönen Score von Brian Tyler, den e-m-s jetzt 
mit den reichhaltigen Extras der bereits 2004 erschienenen 
US-DVD veröffentlicht hat, zusätzlich gibt es ein amüsan¬ 
tes Vorwort von Campbell, was dort noch nicht enthalten 
war. Für 2008 ist ein Prequel namens BUBBA NOSFERATU 
AND THE CURSE OF THE SHE-VAMPIRES angekündigt, 
und man kann nur hoffen, dass Coscarelli aus seinen Erfah¬ 
rungen mit den PHANTASM-Filmen etwas gelernt hat. 

ADAMSÄPFEL 

Dänemark/Deutschland 2005, Delphi Filmverleih | An¬ 
ders Thomas Jensens letzter Film DÄNISCHE DELIKATES¬ 
SEN (DE GROInInc öLAGTERE) scheiterte bei dem Versuch 
relativ kläglich, eine schwarze Komödie noch irgendwie 


MOVIES 



auf das Niveau eines ernsthaften Dramas zu hieven. Eine 
herbe Enttäuschung, hatte Jensen doch die Drehbücher für 
Filme wie OLD MEN IN NEW CARS, IN CHINA ESSEN SIE 
HUNDE oder OPEN HEARTS verfasst. Sein neuester Film 
heißt ADAMS ÄPFEL und die schlechte Nachricht ist, dass 
Jensens tranige Botschaft dabei lautet: In jedem Menschen 
schlummert etwas Gutes, man muss es nur zutage fördern. 

Die positive Nachricht ist, dass es ihm gelungen ist, die¬ 
se in einen wundervollen Film zu verpacken, der vielleicht 
nicht perfekt ist, aber über dessen Schwächen man locker 
hinwegsehen kann. Der im dänischen Kino allgegenwär¬ 
tige Mads Mikkelsen spielt einen skurrilen Pfarrer na¬ 
mens Ivan, der in seiner Kirche ein Resozialisierungspro¬ 
gramm leitet, wo ihm ein unverbesserlicher Neonazi zu¬ 
geteilt wird, der in seinem Zimmer erst mal ein Bild vom 
Führer aufhängt, was für einen netten Running Gag sorgt. 
Ivan, dessen persönliche Stigmata sich im Verlauf des Films 
als blutende Ohren offenbaren, verfährt dabei nach der 
gleichnishaften Weisung im Neuen Testament vom Hin¬ 
halten der anderen Wange, wodurch er den Neonazi Adam 
fast zur Verzweiflung bringt, aber nur fast, denn Adam ent¬ 
deckt irgendwann Ivans Schwachstelle und bringt seinen 
unverwüstlichen Glauben ins Wanken ... Jensen ist mit 
ADAMS ÄPFEL eine schwarzhumorige, politisch gar nicht 
korrekte, aber dennoch erstaunlich nachdenkliche Komö¬ 
die gelungen, die gekonnt die Waage zwischen Humor und 
Drama hält und vor allem von der Interaktion der beteilig¬ 
ten, allesamt nicht ganz normalen Charaktere lebt, darun¬ 
ter ein kleptomanischer Triebtäter und ein Immigrant aus 
Afghanistan mit terroristischen Neigungen. Dabei gelingen 
Jensen einige wirklich unglaublich abgedrehte, zum Brül¬ 
len komische Szenen, die zwar im ersten Moment oft recht 
derbe wirken, aber die man in dieser Form auf jeden Fall 
noch nicht gesehen hat. Und obwohl er dabei die Macken 
seiner Figuren brutal ans Licht zerrt, ist es nicht reiner Zy¬ 
nismus, der bei deren Charakterisierung mitschwingt, son¬ 
dern echte Empathie, auch wenn viele der Gags des Films 
etwas von aus dem Ruder gelaufenen Dummen-Jungen- 
Streichen haben. ADAMS ÄPFEL ist Jensens bisher beste Ar¬ 
beit als Regisseur, eine absurde Komödie über den Kampf 
zwischen Gut imd Böse und den sinnstiftenden Nutzen ei¬ 
nes Apfelkuchens, und in dieser Hinsicht einer der besten 
Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe, auch wenn Jen¬ 
sens Humor vielleicht nicht jedermanns Sache sein dürfte. 
EXIT 

Galileo Medien AG | Peter Lindmarks EXIT zeigt Mads 
Mikkelsen dagegen von einer ganz anderen Seite, was 
durchaus für die Vielseitigkeit des Dänen spricht. In dem 
düsteren wie etwas überkomplizierten Old-School-Thril- 
ler spielt Mikkelsen den GeschäftsmannThomas Skepphult, 
mit schöner junger Frau, Kind und großem Haus gesegnet, 
der allerdings einige Leichen im Keller hat. Seine unrühm¬ 
liche Vergangenheit holt ihn ein, als sein Geschäftspart¬ 
ner tot aufgefunden wird und ein wichtiger Deal mit ei¬ 
ner russischen Firma platzt. Für die Polizei ist Skepphult 
der Hauptverdächtige, und der ist fortan auf der Flucht, um 
seine Unschuld zu beweisen bzw. den Drahtzieher dieses 
Komplotts gegen ihn aufzuspüren. Aus dieser etwas uno- 
riginellen Ausgangssituation entwickelt Lindmarks nicht e 
immer wirklich realistischer Film über 100 Minuten doch 
noch einen erstaunlichen Drive, was sicherlich auch daran 
hegt, dass die Grenze zwischen Gut und Böse ständig ver¬ 
schwimmt, und selbst die Hauptfigur eine mysteriöse Am¬ 
bivalenz besitzt, durch die sie aber niemals die Sympathi¬ 
en des Zuschauers verliert. EXIT erfindet den Thriller zwar 
nicht neu, ist aber aufgrund einer sich immer weiter an¬ 
ziehenden Spannungsschraube und einer stimmigen Ins¬ 
zenierung absolut sehenswert, und eine gute Alternative zu 
amerikanischen Produktionen dieser Art, die sich viel häu¬ 
figer in den üblichen Klischees des Genres verstricken. Ein 
großer Pluspunkt ist natürlich auch die Präsenz von Mik¬ 
kelsen, der hier übrigens amüsanterweise in einer ähnli¬ 
chen Foltersequenz wie in CASINO ROYALE zu sehen ist, 
nur diesmal mit vertauschten Rollen, denn diesmal ist er 
das Opfer. Worauf man allerdings gut hätte verzichten kön¬ 
nen, ist der Alternativerock-Nachspannsong der Schwedin 
Ana Johnsson, irgend so eine Casting-Show-Gewinnerin, 
die auch schon mal was für den Soundtrack von SPIDER - 
MAN 2 trällern durfte. 



BERÜHRE NICHT DIE WEISSE FRAU 

Frankreich/Italien 1974, Arthaus | Ein Anachronismus 
ist bekanntlich, wenn Dinge fälschlicherweise einer Epo¬ 
che zugehörig dargestellt werden, in der sie nicht mehr 
oder noch nicht existieren. Marco Ferreri, der Enfant ter- 
rible des europäischen Kinos der 60er und 70er, hat daraus 
direkt einen kompletten Film gemacht, und mit Marcel- 
lo Mastroianni, UgoTognazzi, Michel Piccoli und Philippe 
Noiret noch mal die Traumbesetzung seines im Jahr zuvor 
entstandenen Meisterwerks DAS GROSSE FRESSEN ver¬ 
eint. TOUCHE PAS Ä LA FEMME BLANCHE erreicht zwar 
nicht ganz die Klasse des Vorgängers LA GRANDE BOUF- 
FE, ist aber eine köstliche intellektuelle Farce, die sowohl 
scharfsinniger politischer Kommentar, als auch einfach 
nur völlig plemplem ist, und in den USA niemals offizi¬ 
ell erschienen ist. Warum, liegt auf der Hand, denn Ferre- 
ris „Western“ beschäftigt sich mit General Custers Nieder¬ 
lage in der Schlacht am Little Bighorn im Jahr 1876, was 
er mit Verweisen auf Richard Nixon - dessen Bild ständig 
irgendwo im Hintergrund auftaucht - und den Vietnam- 
Krieg vermischt. Seine als Soldaten und Indianer verklei- 


OX-FANZINE 93 







REVIEWS 


deten Schauspieler lässt er diesen ironischen, oft aber ein¬ 
fach nur albernen Angriff auf die Historie der USA inmit¬ 
ten der Watergate-Ära auf einer riesigen Baustelle inmitten 
von Paris nachspielen, während um sie herum das alltäg¬ 
liche Leben der französischen Großstadt weiterläuft. Mar- 
cello Mastroianni als Custer und Michel Piccoli als Buffalo 
Bill dürfen sich herrlich exzentrisch austoben, wobei auch 
Tognazzi als ständig erniedrigter indianischer Sidekick von 
Custer zu großer Form aufläuft und von diesem ständig den 
titelgebenden Satz zu hören bekommt: Fass die weiße Frau 
nicht an! Zusammen mit DAS WIEGENLIED VOM TOT¬ 
SCHLAG und LITTLE BIG MAN kann man mit BERÜH¬ 
RE NICHT DIE WEISSE FRAU auf jeden Fall einen wun¬ 
derbaren Abend mit Themenschwerpunkt Vietnamkrieg 
undVernichtung der amerikanischen Ureinwohner gestal¬ 
ten, zumal auch Ferreris Film mit einem schönen Schluss¬ 
massaker aufwartet. Die Arthaus-DVD ist tadellos und auch 
die deutsche Synchro kann man sich gut geben, im Gegen¬ 
satz zu DAS GROSSE FRESSEN, wo Rainer Brandt in Sachen 
ordinärer Sprüche alle Register zog. Und das wunderba¬ 
re alte Filmplakat, das die DVD schmückt, wnrde übrigens 
von Moebius bzw. Jean Giraud gestaltet. 

PETROLEUM MIEZEN 

Frankreich/Großbritannien/Italien/Spanien 1971, 
e-m-s | PETROLEUM MIEZEN (LES PETROLEUSES) ist 
ebenfalls der etwas andere Versuch, das Western-Genre auf 
europäische Weise zu parodieren - wo es Ferreri um Pro¬ 
vokation ging, ist Christian-Jaques und Guy Casarils Film 
aber von reinem Eskapismus geprägt. Man denkt bei dem 
Titel zwar eher an einen Film mit heißen Motorradbräuten 
als an einen Western, aber der macht durchaus Sinn, denn 
Brigitte Bardot und Claudia Cardinale veranstalten hier 
eine Art Zickenkrieg um ein Grundstück mit einer angeb¬ 
lichen Ölquelle, das allerdings ganz jemand anders gehört. 
Aufgrund der Besetzung eigentlich ein feuchter Traum für 
Liebhaber des Euro-Kinos, aber Christian-Jaque - der ja 
auch den tollen FANFAN, DER HUSAR gedreht hat - und 
Casaril verlieren sich überwiegend in Albernheiten und 
plattem Klamauk, wodurch es ihnen weder gelingt, eine 
echte Westernparodie zu drehen, noch eine gescheite Ko¬ 
mödie. Da helfen auch die Reize der Bardot und Cardina¬ 
le nicht viel, die sich eh überwiegend bedeckt halten. Da¬ 
für ist der Film auf DVD jetzt das erste Mal ungeschnitten 
erschienen und präsentiert sich in guter Qualität, besser 
macht das diese maue Westernfarce mit ihren nervigen Ge¬ 
sangsnummern auch nicht, wo halt zur Abwechslung die 
Frauen die Hosen anhaben. 



DER FREIE WILLE 

Deutschland 2006, Arthaus | Ich bin sicher nicht der Ein¬ 
zige, der gefragt nach dem besten deutschen Schauspieler, 
„Jürgen Vogel“ antworten würde. Eigentlich komisch, der 
Typ hat schiefe Zähne, schütteres Haar und sieht nun wirk¬ 
lich nicht wie Tom Cruise aus. Aber vielleicht ist es genau 
das, denn Vögel ist Vögel, so wie Robert De Niro Robert De 
Niro ist, und das kann er in Matthias Glasners filmischer 
Tour de force eindrucksvoll unter Beweis stellen, einer der 
besten und kompromisslosesten deutschen Filme der letz¬ 
ten Jahre, wenn nicht sogar ein absolutes Meisterwerk. Von 
ursprünglich sechs Stunden wurde der Film erst auf drei¬ 
einhalb und dann auf 164 Minuten heruntergeschnitten, 
um ihn noch halbwegs Kino-kompatibel zu machen. Ein 
langer Film, aber seinem Thema durchaus angemessen, 
und gerade seine Länge macht die Intensität des gemein¬ 
samen Babys von Vögel und Glasner aus, ein emotiona¬ 
les Jammertal, das niemand unbeeindruckt durchschrei¬ 
ten dürfte. Vogel spielt darin den Serienvergewaltiger Theo, 
der nach neun Jahren aus dem Knast entlassen wird und 
nun den Wiedereinstieg in die Gesellschaft versucht, nach¬ 
dem ihm während der Haft Medikamente bei der Blockie¬ 
rung seiner Triebe geholfen hatten. Jetzt hilft ihm nur noch 
sein eigener Wille, der aber den Widerständen des alltäg¬ 
lichen Lebens nicht gewachsen zu sein scheint. Seine Ver¬ 
suche, ein normales Verhältnis zu Frauen aufzubauen, sind 
von wenig Erfolg gekrönt, bis er auf Netti trifft, die Toch¬ 
ter seines Chefs in der Druckerei, wo er arbeitet, die auf 
ihre Art eine ähnliche zerrissene Persönlichkeit wie Theo 
besitzt, der Täter und Opfer zugleich ist. DER FREIE WIL¬ 
LE läuft im Gegensatz zum ähnlich gelagerten, positiveren 
THE WOODSMAN mit Kevin Bacon (da war es ein Kin¬ 
derschänder) auf den ernüchternden Schluss hinaus, dass 
es für Theo keine wirkliche Hoffnung gibt, aber bis dahin 
hat er eine der bewegendsten wie verstörendsten Liebes¬ 
geschichten des deutschen Kinos erzählt, in dem sich die 
großartigen Hauptdarsteller einem bemerkenswerten See¬ 
lenstriptease unterziehen. Glasner und Vögel, der auch am 


Drehbuch beteiligt war, bohren sich förmlich in ihre Fi¬ 
guren hinein, kehren ihr Innerstes nach Außen, und die¬ 
se chaotische Emotionalität geht unter die Haut. Aber 
auch sonst spart DER FREIE WILLE nicht mit schockieren¬ 
den Szenen, wie schon die Vergewaltigung zu Beginn zeigt, 
die um Realismus bemüht ist, im Gegensatz zu der distan¬ 
zierten Ästhetisierung in Gaspar Noes sinnentleertem IR¬ 
REVERSIBLE. In Glasners Film liegen Brutalität und Zärt¬ 
lichkeit nah beieinander, was für viele Zuschauer schwer 
zu schlucken sein dürfte, ebenso wie die Form von Erlö¬ 
sung, die f)ER FREIE WILLE für seine Hauptfiguren bereit¬ 
hält. Es geht hier nicht um Analysen oder Lösungen, son¬ 
dern um die Darstellung individueller menschlicher Kon¬ 
flikte, wodurch der Zuschauer selbst letztendlich gefor¬ 
dert ist, was er aus dem Dargestellten macht. Ein verdammt 
mutiger Film, mit dem sich Glasner nach SEXY SADIE und 
FANDANGO erneut als einer der vielleicht interessantes¬ 
ten Regisseure Deutschlands empfiehlt. Und nach 164 Mi¬ 
nuten verspürt man beinahe Lust, sich dem Film noch mal 
mit dem Audiokommentar von Glasner und Vögel auszu- 
setzen, um mehr über diese faszinierende und mitreißende 
Produktion zu erfahren, die Arthaus jetzt als Doppel-DVD 
mit informativem Bonus-Material veröffentlicht hat. 

EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN 
Polen 1987, MORE/Alive | Bereits 1987 hatte der Pole Kr- 
zysztof Kieslowski mit EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖ¬ 
TEN einen formal wie inhaltlich interessanten Film über 
menschliche Schuld und Sühne gedreht. Zugegeben, ich 
bin kein großer Fan von Kieslowski, vor allem seine „Drei 
Farben"-Trilogie ist ein Programmkinostinker reins¬ 
ten Wassers, aber seine Anklage gegen die Todesstrafe kann 
durchaus überzeugen, auch wenn der Film zum Beispiel im 
Vergleich zu DEAD MAN WALKING alles andere als perfekt 
ist. Vor allem der erste Teil des Films ist wirklich sehr stark, 
wo Kieslowski in nüchternen, fast dokumentarischen Bil¬ 
dern - innovativ gefilmt von Slawomir Idziak (GATTACA) 

- beobachtet, wie es zu einem Mord an einem Taxifahrer 
kommt, dabei wird der Prozess des Tötens grausam in die 
Länge gezogen. Der Täter ist ein junger Mann, dessen Ver¬ 
haftung und Verurteilung ausgespart wird, der Zuschau¬ 
er wird nur mit dem Ergebnis konfrontiert und der zwei¬ 
ten brutalen Szene des Films, seiner Hinrichtung, womit es 
zu einer interessanten Gegenüberstellung von verbotenem 
und legitimiertem staatlichen Töten kommt. Allerdings ist 
EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN keine rundum ge¬ 
lungene Angelegenheit, denn nachdem sich Kieslowski zu 
Beginn mit Wertungen jedweder Art zurückgehalten hat 

- nur der Taxifahrer wird erstaunlich negativ dargestellt, 
selbst innerhalb der Tristesse der polnischen Alltagsrealität 
-, beginnt er im zweiten Teil Erklärungen für die Tat zu su¬ 
chen und lässt den Täter kurz vor der Hinrichtung ein un¬ 
angenehm rührseliges Gespräch mit seinem Anwalt füh¬ 
ren, ein ziemlich schwacher Versuch, noch Sympathien für 
ihn zu erzeugen. Etwas schwach ist auch, dass die deutsche 
DVD uns nur die deutsche Tonspur anbietet und einen et¬ 
was konfüsen Bonusmaterial-Teil, darunter auch ein In¬ 
terview mit Kameramann Idziak. Ansonsten durchaus se¬ 
henswert, falls man nicht schon mal im Fernsehen über ihn 
gestolpert sein sollte. 

MUSA-DER KRIEGER 

China/Südkorea 2001, e-m-s | Schon seltsam, dass ich 
MUSA - DER KRIEGER bisher immer ignoriert hatte, 
stammt er doch Kim Sung-Su, dessen mitreißendes Teen¬ 
agerdrama BEAT von 1997 so eine Art Initiationsritus in 
Sachen Korea-Kino für mich war und der komischerwei¬ 
se nie in Deutschland veröffentlicht wurde. Mit MUSA war 
Kim Sung-Su dann vier Jahre später in echten Blockbus¬ 
ter-Regionen angekommen, denn sein gut 150-minüti¬ 
ges Schlachtenepos konnte sich durchaus mit US-Filmen 
wie BRAVEHEART messen. Angesiedelt Ende des 14. Jahr¬ 
hunderts schildert Kim Sung-Su die Odyssee eine Gruppe 
koreanischer Diplomaten und Soldaten, die in China den 
neuen Herrschern ihre Aufwartung machen wollen, aber 
plötzlich zu Gejagten werden, die sich den Angriffen einer 
Mongolen-Horde ausgesetzt sehen und sich ohne Nahrung 
und Wasser durch die Wüste kämpfen müssen, um irgend¬ 
wie wieder nach Hause zu kommen. Ein ziemlich aus¬ 
sichtsloses Unterfangen, bei dem ein Großteil der Gruppe 
auf der Strecke bleibt, darunter auch die beiden Hauptpro¬ 
tagonisten, der General der Soldaten und ein ehemaliger 
Sldave (Wöo-sung Jung aus BEAT), der sich als erstaunli¬ 
cher Kämpfer erweist, und die um die Gunst der mit ihnen 
reisenden jungen Mingprinzessin streiten, von ZiYi Zhang 
(CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON) wunderbar als 
verhätschelte mädchenhafte Aristokratin dargestellt. Si¬ 
cher nicht viel inhaltliche Substanz für diese Lauflän¬ 



ge, aber Kim Sung-Sus straffe, bildgewaltige Inszenierung, 
die eleganten Kämpfe, die eher hart-realistisch als überäs- 
thetisiert sind, und die generelle Hoffnungslosigkeit dieser 
brutalen Odyssee machen MUSA zu großem, mitreißen¬ 
dem Actionkino, das sich durch Originalität und Kompro¬ 
misslosigkeit deutlich von amerikanischen Blockbustern 
abhebt, auch wenn die Charaktere oft etwas flach erschei¬ 
nen. Man muss MUSA nur mal mit imerträglichem Rotz 
wie Antoine Fuquas TEARS OF THE SUN vergleichen, da 
weiß man dann Bescheid. Auch wenn MUSA eine gute hal¬ 
be Stunde braucht, um richtig in Fahrt zu kommen, gehört 
er sicher zu den besten Filmen, die in den letzten Jahren 
in Südkorea produziert wurden. Die inzwischen erhältli¬ 
che deutsche DVD enthält die komplette Fassung des Films 
- die 16er-Freigabe ist aufgrund des Härtelevels schon et¬ 
was überraschend - und besitzt auch noch den obligatori¬ 
schen Bonus-Kram auf einer Extra-Disc, aber der Film al¬ 
leine spricht eigentlich schon für sich selbst. 

APOCALYPTO 

USA 2006, Constantin Film | Man kann über den Men¬ 
schen Mel Gibson, ein konservativer Republikaner, An¬ 
hänger der Todesstrafe und „wiedergeborener“ Christ, der 
zuletzt in der Öffentlichkeit vor allem als rumpöbelnder 
Alkoholiker von sich Reden machen konnte, aber eben¬ 
so mit seinem exzessiven Jesus-Film THE PASSION OF 
THE CHRIST von 2004, denken, was man will, aber Gib¬ 
son ist immer noch einer der Big Player in Hollywood 
und offenbar auch jemand mit echten Visionen als Regis¬ 
seur. Das konnte man bei THE PASSION OF THE CHRIST 
sehen, sicherlich eine der interessantesten Auseinander¬ 
setzungen mit diesem Thema, und auch bei seinem neus¬ 
ten Film APOCALYPTO - eine Art 1492: THE PREQUEL - 
, der klassisches Abenteuerkino in dieses Jahrtausend be¬ 
fördert. Wie schon bei THE PASSION OFTHE CHRIST er¬ 
laubt er sich den Gimmick, den Film nicht auf englisch zu 
drehen, sondern in diesem Fall komplett in einem nur un¬ 
tertitelten Maya-Akzent. Bevor ich den Film sehen konn¬ 
te, wurde ich allerdings mit einer der berühmt-berüchtig¬ 
ten Besprechungen von Hans-Ulrich Pönack konfrontiert, 
dem „Terminator der Filmkritik“, wie ihn das Sat.l -Früh¬ 
stücksfernsehen getauft hat, wo er seinen geistigen Unrat 
unter anderem verbreiten darf. Pönack ist der Fleisch ge¬ 
wordene Stammtisch-Filmkritiker, der sich in choleri¬ 
schen Hasstiraden ergeht, wenn ein Film in seinen Augen 



gewaltverherrlichender Müll ist, wie eben auch APOCA¬ 
LYPTO, wo er Gibson mal wieder eine pathologische Ge¬ 
waltverliebtheit unterstellt - aber auch Paul Verhoeven er¬ 
geht es bei dem Spinner nicht anders. Dummerweise hatte 
Pönack dabei übersehen, dass Gibson auch noch eine ech¬ 
te Geschichte zu erzählen hat, wo es um Liebe geht, der ei¬ 
gentliche Motor für den blutigen Überlebenskampf eines 
jungen Maya, der zusammen mit anderen Mitgliedern sei¬ 
nes Volkes von einem anderen kriegerischen Stamm ver¬ 
schleppt wird, um als Menschenopfer zu dienen, aber vor¬ 
her noch Frau und Kind in einem Erdloch verstecken kann, 
aus dem die sich aber nicht aus eigener Kraft befreien kön¬ 
nen, was zu einem gut getimeten Showdown führt. APO¬ 
CALYPTO ist sicher kein lehrreicher Film über das Aus¬ 
sterben der Maja-Kultur und deren kulturellen Errungen¬ 
schaften, sondern brutales und rasantes Actionkino mit bi¬ 
blischer Auge um Auge-Logik vor der lebensfeindlichen 
Dschungel-Kulisse Mittelamerikas, das Gibson über zwei¬ 
einhalb Stunden zu einer wahren Achterbahnfahrt für den 
Zuschauer werden lässt, umgesetzt mit fantastisch realisti¬ 
schen Bildern, die das Medium Digital Video voll und ganz 
für sich nutzen können. Nicht mehr und nicht weniger 
ist APOCALYPTO und in dieser Hinsicht funktioniert er 
wirklich prächtig, allerdings nimmt man Gibson durchaus 
ab, dass der Film eine Parabel auf die derzeitige amerika¬ 
nische Gesellschaft sei, was man aber nicht überbewerten 
sollte. Im Gegensatz zum weichgespülten sonstigen Holly¬ 
wood-Unterhaltungskino ist APOCALYPTO ein kompro¬ 
missloser wie konsequenter Actionfilm mit Rückgrat, auf¬ 
grund dessen Qualitäten ich über Bedenken bezüglich der 
Person Gibson gerne hinwegsehe, zumal der Mann auch 
noch ein begnadeter Schauspieler ist, was er zum Beispiel 
in Filmen wie PAYBACK in den letzten Jahren immer wie¬ 
der unter Beweis stellen konnte. 

BIG BANG LOVE, JUVENILE A 

Japan 2006, REM | Takashi Miike entwickelt sich leider 
immer mehr von einem der großen Hoflhungsträger des 
japanischen Kinos zu einem ermüdenden Kunstfilmer, 
dem offenbar die Resonanz auf seine Werke im Ausland zu 
Kopfe gestiegen, der allerdings auch Genre-Kino verlernt 
hat, wie man das an seinem „Masters of Horror“-Beitrag 



IMPRINT sehen konnte. BIG BANG LOVE, JUVENILE A ist 
einer seiner letzten Filme und wird wie auch schon IZO 
und das „Theaterstück“ DEMON POND von Rapid Eye Mo¬ 
vies veröffentlicht, und hat mit diesen beiden Werken si¬ 
cher mehr gemein als mit ICHITHE KILLER oder AUDITI¬ 
ON. Ein stilisierter Knastfilm, der zwischen verschiedenen 
Handlungs- und Erzählebenen hin- und her springt und 
sich nicht wirklich einordnen lässt. Darin geht es um das 
homoerotische Verhältnis zweier Häftlinge und den mys¬ 
teriösen Tod des Einen von beiden, ein überwiegend stil¬ 
les Schwulendrama, angesiedelt in einer minimalistischen 
bühnenhaften Szenerie ä la DOGVILLE, ergänzt durch 
computergenerierte Außenlandschaften und einige weni¬ 
ger artifiziell wirkende Rückblenden. Zwischen der unter- 
kühl»en, brutalen Atmosphäre eines GHOSTS OFTHE CI¬ 
VIL DEAD und der Poesie von Nagisa Oshimas GOHATTO 
(an den man unweigerlich durch die Anwesenheit des an- 
drogyn wirkenden Hauptdarstellers Ryuhei Matsuda den¬ 
ken muss, der dort ebenfalls zum Objekt männlicher Be¬ 
gierde wurde) entwickelt sich ein durchaus faszinierender 
Film, der aber Leute enttäuschen wird, die Miike bisher vor 
allem als Sex & Gewalt-Zampano wahrgenommen haben. 
Denn BIG BANG LOVE, JUVENILE A ist ein fantasievoll 
umgesetztes kunsthandwerkliches Mysterium, ein krypti¬ 
scher Diskurs über Leben und Tod mit symbolschwange¬ 
ren Bildkompositionen, und dementsprechend eine etwas 
zähe, labyrinthisch konstruierte Angelegenheit, die auf jeg¬ 
lichen Unterhaltungsanspruch verzichtet. Und vielleicht 
hätte dem Film etwas mehr Zugänglichkeit ganz gut getan, 
denn so wird er einen Großteil seines potentiellen Publi¬ 
kums eher verschrecken, was nichts an seinen grundsätzli¬ 
chen Qualitäten ändert. 

MARIE ANTOINETTE 

USA/Frankreich/Japan 2006, Sony Pictures Home En¬ 
tertainment | Die Geschichte der Erzherzogin von Ös¬ 
terreich und Königin von Frankreich, Marie Antoinette, 
die 1793 auf dem Höhepunkt der Französischen Revolu¬ 
tion hingerichtet wurde, ist durchaus faszinierend, denn 
die kam als 14-jährige zum französischen Hof und mach¬ 
te sich dort durch ihre noch unterentwickelten Charak¬ 
tereigenschaften wenig Freunde. Wie auch später als Köni¬ 
gin, wo man ihr unreflektierte Verschwendungssucht vor¬ 
warf angesichts ihres hungernden Volkes, und ihr, als man 
ihr vorhielt, dass die Armen sich kein Brot kaufen könn¬ 
ten, den legendären Satz in den Mund legte: Dann sollen 
sie Kuchen essen! Deshalb gilt Marie Antoinette auch als 
Opfer schlechter PR, was ihr schließlich den Kopf koste¬ 
te. Sofia Coppola hält sich in ihrem Film durchaus eng an 
die Fakten, dazu kommt der Dreh an Originalschauplätzen, 
also das Schloss von Versailles, ist aber letztendlich eher an 
der Darstellung der Königin als überdrehte Teenager in in¬ 
teressiert, die verzweifelt versucht, mit ihrem Gatten den 
Beischlaf zu vollziehen, um einen Thronfolger zu zeugen, 
als an einem ernsthaften Historienfilm. Insofern ist MA¬ 
RIE ANTOINETTE in erster Linie ein etwas infantiler wie 
oberflächlicher klassischer Kostümfilm mit bonbonfarbe- 
nem Look geworden, bei dem sich Coppola einige modi¬ 
sche Mätzchen erlaubt wie einen schicken Soundtrack mit 
Bands wie The Cure, New Order, The Strokes oder Air. Am 
interessantesten ist in dieser Hinsicht noch die mit Sioux- 
sie & The Banshees-Musik unterlegte Ballszene, allerdings 
war der Effekt dieser Form von Anachronismus in PLUN- 
KETT & MACLEANE überzeugender. Ansonsten gehört 
der Film voll und ganz Kirsten Dunst - Jason Schwartz- a 
man als Louis XVI bleibt seltsam farblos -, die Marie An¬ 
toinette auf eigenwillige und erfrischende Art zum Leben 
erweckt, ein normales Mädchen, das sich zur falschen Zeit 
am falschen Ort befindet. Insofern ist es schade, dass Cop¬ 
pola gerade deren letzte Lebensjahre ausspart und ihrem 
Film nicht mehr historische Tiefe und Ernsthaftigkeit ver- 





jspis 


Destiny 126 

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7" Single "Reduziert" 


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FÜR UNTERHUNDE! 

"ICH SCHLAFE AUF DEM FLUR DER ARBEITSAGENTUR, 

ICH SUCHE ROCK'N'ROLL DOCH ICH FINDE NUR PLASTIK" 


AB 25. MAI ‘07 


OX-FANZINE 94 











REVIEWS 


passt hat, der dadurch eine Unreife ausstrahlt, die auch auf 
die Filmemacherin zurückfällt, die hier trotz schöner Aus¬ 
stattung nur an der Oberfläche kratzt. Die verspielte, hu¬ 
morvolle Performance von Dunst macht den Film letzt¬ 
endlich sehenswerter, als es die träge, selbstverliebte Insze¬ 
nierung verdient hat. 

DIE WILDGÄNSE KOMMEN 

Großbritannien 1978, e-m-s | Der Söldnerfilm an sich 
ist ja nicht gerade ein Ausbund an Political Correctness, 
eine Ausnahme stellt vielleicht noch Andrew V. McLag- 
lens DIE WILDGÄNSE KOMMEN dar, der auch heutzuta¬ 
ge als Actionfilm noch solide Unterhaltung bietet und mit 
einer hochkarätigen Darstellerriege gesegnet ist, darun¬ 
ter Richard Burton, Roger Moore, Richard Harris, Hardy 
Krüger und Stewart Granger. McLaglens Film wirkt zwar 
heute eher wie ein B-Film und weniger wie ein tatsächli¬ 
cher Vertreter des klassischen Starkinos ä la DIE KANONEN 
VON NAVARONE, ist aber noch um einiges anspruchsvol¬ 
ler als die sieben Jahre später entstandene dusselige Fort¬ 
setzung. Die Grundidee ist nicht allzu originell: Der Milli¬ 
onär Sir Edward Matherson beauftragt einen gewissen Co¬ 
lonel Faulkner (Burton), eine Söldnertruppe zusammen¬ 
zustellen, um in Afrika durch die Befreiung eines Opposi¬ 
tionsführers einen afrikanischen Diktator zu entmachten. 
Ein Himmelfahrtskommando, bei dem es nicht um politi¬ 
sche Ziele geht, sondern um Geld, und wo der nette Millio¬ 
när schließlich noch die Truppe ans Messer liefert, tun de¬ 
ren Bezahlung einzusparen. Bevor es nach Afrika geht, gibt 
es noch die üblichen Drill-Sequenzen - gut 120 Minu¬ 
ten müssen ja irgendwie gefüllt werden -, bei denen ech¬ 
te Ex-Söldner als Berater engagiert wurden. Die Charak¬ 
tere sind klischeehaft, aber immer noch halbwegs glaub¬ 
haft gezeichnet, aber dafür wirkt die Action manchmal 
doch etwas arg unrealistisch, und besondere Härten darf 
man hier auch nicht erwarten. Positiv fallt bei DIE WILD- 
GÄNSE KOMMEN in jedem Fall auf, dass er mit seinem 
Personal recht gnadenlos umgeht und einige Sympathie- 
träger über die Klinge springen lässt, wodurch eventuel¬ 
le romantisierte Heldenverehrung einem nüchternen Ni¬ 
hilismus weicht. DIE WILDGÄNSE KOMMEN ist tatsäch¬ 
lich so eine Art Mutter aller Söldnerfilme, aber wenn man 
sich den Mist ansieht, der in Folge den Videomarkt über¬ 
flutete, hätte man sich gewünscht, dass diese Mutter mit 
Unfruchtbarkeit gestraft gewesen wäre. Ansonsten kann 
man sich McLaglens Film immer noch besser anschauen als 
den Großteil aktueller Actionfilme, trotz eines verkorksten 
Weltbildes, vor allem auf der aktuellen, qualitativ optima¬ 
len und ungeschnittenen DVD von e-m-s, die neben Ori¬ 
ginalton und richtigem Bildformat auch nette Extras bie¬ 
tet wie Trailer, Making Of und eine amüsante 62-minüti¬ 
ge Super 8-Fassung. 



PAUL VERHOEVEN KLASSIKER EDITION 

EuroVideo | Nach langer Kinoabstinenz hat sich PaulVer- 
hoeven mit BLACK BOOK durchaus überzeugend zurück¬ 
gemeldet, sogar mit einer europäischen Produktion, da er 
wohl nach HOLLOW MAN von Hollywood die Nase voll 
hatte. Ein guter Zeitpunkt also, sein Frühwerk auch hierzu¬ 
lande mal auf DVD zu veröffentlichen, das geprägt ist von 
der Zusammenarbeit mit Darsteller Rutger Hauer, Produ¬ 
zent Rob Houwer und den beiden Kameramännern Jan de 
Bont und Jost Vacano. Fangen wir mal mit der schlechten 
Nachricht an, denn die in der Box enthaltenen vier Filme 
verzichten auf den Originalton, es sei denn, es handelt sich 
um wieder eingefügte geschnittene Szenen, die nur deutsch 
untertitelt wurden. Dafür gibt es aber den Audiokommen- 
tar vonVerhoeven, der auch auf den Anchor Bay-Versionen 
der Filme enthalten ist. Die andere schlechte Nachricht ist, 
dass Euro Video die 16er-Freigabe der Box nicht gefährden 
wollte und DER VIERTE MANN nur in der geschnittenen 
Fassung veröffentlicht hat, das heißt zwei kleine Splatters- 
zenen fehlen. Eigentlich schade, denn sowohl die FSK 18- 
Freigabe als auch die Indizierung des Films entsprechen 
nicht mehr wirklich aktuellen Bewertungsmaßstäben, aber 
da waren wirtschaftliche Erwägungen wohl wichtiger als 
eine erneute Prüfung des Films. Zumindest bekommt man 
TÜRKISCHE FRÜCHTE (1973), DAS MÄDCHEN KEETJE 
TIPPEL (1975) und DER SOLDAT VON ORANIEN (1977) 
erstmals in ungeschnittenen Fassungen zu Gesicht, denn 
gerade letzterer war in fast schon absurder Weise vom 
deutschen Verleih verstümmelt worden. DER SOLDATVON 
ORANIEN ist quasi ein Vorläufer von BLACK BOOK, in 
dem es um sechs Studenten geht, die auf unterschiedliche 
Weise mit dem Einmarsch deutscher Truppen in die Nie - 
derlande im Jahr 1940 konfrontiert werden und sich zum 
Teil dem niederländischen Widerstand anschließen. Ver- 
hoeven mischt hier sehr schön knackiges Actionkino, das er 
wie gewohnt ordentlich mit Sex & Violence würzt, mit ei¬ 
ner historisch akkuraten Aufarbeitung der damaligen Ge¬ 
schehnisse, unter dem Strich kommt ein mit 156 Minuten 
zwar epischer, aber immer unterhaltsamer Film heraus, in 
dem Rutger Hauer und Jeroen Krabbe auch echte darstel¬ 
lerische Akzente setzen können. Übrigens die erste Zusam¬ 
menarbeit mit Jost Vacano. 

Jeroen Krabbe spielte dann auch in DER VIERTE MANN 
von 1983 die Hauptrolle, wo sich Verhoeven und Produ¬ 
zent Houwer noch mal zusammenrauften, bevor Verhoe¬ 
ven zwei Jahre später mit FLESH+BLOOD quasi halb in 
Amerika angekommen war. DER VIERTE MANN könnte 
man als Vorläufer von BASIC INSTINCT ansehen, denn da¬ 
rin wird ein Schriftsteller mit Alkoholproblem zum Op¬ 
fer einer mörderischen Femme Fatale, worauf schon der 
schön gefilmte Anfang verweist, wo man sieht, wie eine 
Spinne ihr Opfer einwickelt, amüsanterweise hat sie ihr 
Netz an einem Lattengustl gespannt. Verhoeven gelang da¬ 
mit ein zwar nicht immer subtiler, aber angenehm surrea- 



ler Thriller, irgendwo zwischen Hitchcock und dem Sleaze 
von Brian De Palma. Wesentlich europäischer sind dagegen 
noch TÜRKISCHE FRÜCHTE und DAS MÄDCHEN KEETJE 
TIPPEL, beide mit Rutger Hauer und Monique van de Ven 
in der Hauptrolle. TÜRKISCHE FRÜCHTE ist eine exzes¬ 
sive wie tragische Liebesgeschichte, so eine Art holländi¬ 
scher LAST TANGO IN PARIS, wo Verhoeven in ausschwei¬ 
fenden Sexszenen schwelgt, womit er sich ebenfalls früh 
für BASIC INSTINCT empfahl. Sehenswert, aber manch¬ 
mal auch etwas nervig, denn das Extremverhalten der bei¬ 
den Hauptfiguren artet in einem ziemlichen Psychozir- 
kus aus. Da gefällt mir DAS MÄDCHEN KEETJETIPPEL we¬ 
sentlich besser, wo Monique van de Ven besagte Keetje Tip¬ 
pei spielt, die sich im Amsterdam Ende des 18. Jahrhun¬ 
derts aus ärmlichen Verhältnissen zu befreien versucht und 
ähnlich wie die Hauptdarstellerin aus BLACK BOOK eini¬ 
ge harte Rückschläge zu erleiden hat, inklusive eines Inter¬ 
mezzos als Prostituierte. 

Gemein ist auch schon den Frühwerken vonVerhoeven ein 
erfrischend respektloser Umgang mit den „Dos and Don’ts“ 
der Political Correctness und den Gegebenheiten von Gen- 
rekino, wodurch selbst seine thematisch problematische¬ 
ren Filme immer unterhaltsam bleiben, was nicht heißt, 
dass sie ohne Tiefgang wären. Wie gesagt, die DVD-Box 
von Euro Video ist alles andere als perfekt, aber wem die 
deutschen Fassungen reichen, kann angesichts des niedri¬ 
gen Preises durchaus zugreifen, denn die US- und UK-Fas- 
sungen sind doch deutlich teurer, und Bild und Ton gehen 
auch in Ordnung. Na ja, und DER VIERTE MANN kann man 
sich dann immer noch mal im Ausland besorgen. 



LADY SNOWBLOOD 2: 

LOVE SONG OF VENGEANCE 

Japan 1974, REM | Kürzlich erschien bei Rapid Eye Mo¬ 
vies auch endlich mal die Fortsetzung von Toshiya Fuji- 
tas LADY SNOWBLOOD, basierend auf der Manga-Vorlage 
von Kazuo Koike, dem Schöpfer der „Okami“ bzw. „Lone 
Wolf & Cub“-Reihe, in dem erneut die wundervolle Meiko 
Kaji die blässliche RächerinYuki spielt. Die wird zu Beginn 
festgenommen und zum Tode verurteilt, wegen der Mor¬ 
de, die sie im ersten Teil begangen hatte, um ihre Familie zu 
rächen. Allerdings macht man ihr das Angebot, sie zu be¬ 
gnadigen, wenn sie im Auftrag der Regierung Beweise zur 
Uberföhrung eines politischen Aktivisten und Anarchisten 
beschafft. Aber Yuki, die für diesen in Folge als Magd arbei¬ 
tet, muss feststellen, dass der durchaus sein Land liebt und 
die Vaterlandsverräter ganz woanders sitzen, die den Re¬ 
volutionär schließlich mit der Beulenpest infizieren, wo¬ 
ran er elendig verreckt. Also wird sie erneut zur verbitter¬ 
ten Rächerin, wodurch auch in diesem Film der rote Le¬ 
benssaft in ästhetisch veredelter Form reichhaltig über die 
Leinwand spritzt und sich Körperteile verselbstständigen. 
Ähnlich wie SHAFT IN AFRICA, der dritte Teil der „Shaft“- 
Reihe, gefiel mir auch LADY SNOWBLOOD 2 immer bes¬ 
ser als der Vorläufer, da es sich nicht nur um gut gemach¬ 
te Exploitation handelt, sondern gerade zu Beginn um ei¬ 
nen ernstzunehmenden politischen Thriller, der ein Japan 
zeigt, dessen Gesellschaft sich im Umbruch befindet. Noch 
stärker als im ersten Teil werden die sich verändernden so¬ 
zialen und kulturellen Veränderungen in Japan Anfang des 
20. Jahrhunderts thematisiert, und die man nicht unbe¬ 
dingt als Segen wahmimmt. LADY SNOWBLOOD 2 besitzt 
im Gegensatz zum Comic-Style des ersten Films einen düs¬ 
teren Realismus, der das Einsetzen der Moderne zeigt und 
die Auflösung des bisherigen Samurai-Klassensystems, und 
entwickelt eine Eigenständigkeit, die nicht viele Fortset¬ 
zungen besitzen. Wem der erste Teil gefiel, kommt auch an 
diesem Film nicht vorbei, der sicher zu den Highlights des 
klassischen japanischen Samurai-Kinos gehört und zwi¬ 
schen Drama, historischer Relevanz und exzessivem Ader¬ 
lass einen guten Mittelweg findet. Allerdings scheint das 
Ganze für manche Menschen da draußen schon wieder zu 
komplex und subtil gewesen zu sein, wenn man sich be¬ 
stimmte Kommentare über den Film durchliest. Auch die 
DVD von REM kann wieder überzeugen, die doch tatsäch¬ 
lich in ungeschnittener Form eine FSK 16 bekommen hat. 



SEVERANCE 

Großbritannien/Deutschland 2006, Splendid | An die¬ 
ser Stelle ein kurzer Blick auf aktuelle Metzelfilme, die seit 
SAW so in Mode gekommen sind. Christopher Smiths SE¬ 
VERANCE (der zuvor CREEP gedreht hatte) ist dabei eine 
intelligentere Variante von HOSTEL und TURISTAS, und 
verstellt sich eher als eine Mischung aus Horror und Hu¬ 
mor wie etwa SHAUN OF THE DEAD. Britischer Humor 
trifft hier auf teils recht derbe Effekte, als der Betriebsaus¬ 
flug derVerkaufsabteilung eines Waffenkonzerns nach Ost¬ 
europa zum blutigen Survival- Wochenende wird. Letzt¬ 
endlich ist SEVERANCE zwar nicht anders konstruiert als 
HOSTEL oder TURISTAS, nimmt sich allerdings über wei¬ 
te Strecken nicht ganz ernst und wirkt wie die Splatter- 
Version von „The Office“. Leider vergisst Smith im Ver¬ 
lauf des Films immer mehr seinen komödiantischen An¬ 
satz und ergibt sich den Konventionen des Backwoods- 
Genres, was unter dem Strich immer noch einen gut ge¬ 
machten, unterhaltsamen Film ergibt, aus dem man sicher 
mehr hätte machen können, aber Müll wie HOSTEL oder 
WOLF CREEK wirklich vorzuziehen ist. Innovative Genre- 
kost sieht allerdings aus. 

BROKEN 

Großbritannien 2006, MIG/EuroVideo | Adam Masons 
und Simon Boyes’ BROKEN stammt ebenfalls aus Großbri¬ 
tannien und wird auf dem Cover bereits als „SAW meets 
HOSTEL“ angepriesen, was die Erwartungshaltung erst 
mal senkt. Die Erwartungshaltung steigert, dass BROKEN 
um einiges härter sein sollte, was ja schon mal was wäre, 
wenn es schon inhaltlich keine großen Neuerungen gibt. 



Allerdings verwundert das „Keine Jugendfreigabe“ Etikett 
der FSK dann doch, wo doch Filme wie SEE NO EVIL, SAW 
3 und TCM: THE BEGINNING gerade erhebliche Proble¬ 
me hatten, selbst durch die JK-Prüföng ungeschnitten zu 
kommen. Ich zitiere an dieser Stelle jetzt mal stellvertre¬ 
tend die Video Woche, die zu dem Film einen wunderbaren 
Verkaufstext verfasst hat: „BROKEN ist brutaler und gemei¬ 
ner als HOSTEL und SAW zusammen, ein Low-Budget- 
Film, der dem Zuschauer nicht nur nichts erspart, sondern 
seine maximale Belastbarkeit mit immer neuen, atembe¬ 
raubend sadistischen Ungeheuerlichkeiten auf die Pro¬ 
be stellt. Für solch eine Leistung bedarf es natürlich keines 
schrillen Trashfilms, sondern eines dichten, stimmungsvol¬ 
len, glänzend gespielten Dramas voll realistisch vermittel¬ 
tem Schrecken, und das ist BROKEN eben auch. Eine pro¬ 
grammierte Kontroverse, die Aufsehen erregen und ihr Pu¬ 
blikum wie eine Axt spalten wird.“ Mag sein, aber mehr 
Sinn als die gern ins Feld geführten beiden Filme macht 
auch BROKEN nicht, der für eine Low-Budget-Produktion 
tatsächlich sehr atmosphärisch ausgefallen ist, aber dessen 
Härte sich mehr im Kopf des Betrachters abspielt. Ansons¬ 
ten bleibt BROKEN eine recht blasse Angelegenheit, in dem 
ein komischer Waldschrat - der aussieht, als sei er DUST 
DEVIL entsprungen - auf makabere Brautschau geht und 
unattraktive englische Frauen im Wald einem eigenwilli¬ 
gen Survivaltraining unterzieht. BROKEN bemüht sich um 
einen ähnlich fiesen Schluss wie seine Vorbilder, aber bie¬ 
tet einem inhaltlich nur ziemlich imbefriedigende Ant¬ 
worten an. 

SEE NO EVIL 

USA 2006, Kinowelt | Da ist einem ein komplett hirnto¬ 
ter Slasher wie SEE NO EVIL fast schon wieder lieber, aber 
auch nur fast. Darin darf der WWE-Superstar Kane als psy¬ 
chopathischer Killer Jacob Goodnight in einem abbruch¬ 
reifen Hotel ein paar jugendliche Straftäter auf möglichst 
kreative Art abmurksen und man fragt sich mal wieder, wa¬ 
rum die zu blöd sind, irgendwie aus diesem riesigen Hotel 
zu fliehen. Selbst der schlechteste Slasher der 80er hat noch 
mehr Qualitäten als SEE NO EVIL, der wirklich komplett 
pointless und auch noch schrecklich langweilig ist. Äber 
es gibt ja genug unverbesserliche Gorebauern, die selbst 
so was noch gut finden. Jedenfalls hat ihn Kinowelt nicht 
ungeschnitten durch die JK-Prüftmg bekommen, weshalb 
eine kurze, wenig spektakuläre Sequenz fehlt, in der Kane 
einem Mädel das Handy in den Hals stopft. Manchen Re¬ 
gisseuren möchte man ja empfehlen, ihr Heil besser im 
Porno-Business zu suchen, würde damit aber bei Gregory 
Dark offeneTüren einrennen, denn genau da kommt er her 
und hatte uns mal den vermeintlichen Kult-Porno NEW 
WAVE HOOKERS beschert, der in künstlerischer Hinsicht 
sicherlich immer noch wertvoller als ein No-Brainer wie 
SEE NO EVIL ist. Und für Britney Spears hatte der Mann 
auch schon als Videoregisseur gearbeitet, bis die dumme 
Kuh hinter seinen eigentlichen Background kam und ihn 
wieder rausschmiss. Wie schade! 

VAMPIRE GEGEN HERAKLES 

Italien 1961, Kinowelt | VAMPIRE GEGEN HERAKLES ist 
Mario Bavas erster Farbfilm, eine Gemeinschaftsproduk¬ 
tion mit Franco Prosperi und mit seinen Gothic-Hor¬ 
ror-Einflüssen sicher einer der ungewöhnlichsten Vertre¬ 
ter des Sandalengenres, wo beherzt die griechische Mytho¬ 
logie durch den Wölf gedreht wurde. Bavas Film mag Trash 
sein, aber definitiv Trash der charmanten Sorte, der sich 
alleine schon durch seine visuelle Seite - wo schon vie¬ 
les an die surreale Ausleuchtung des vier Jahre später ent¬ 
standenen PLANET DER VAMPIRE erinnert - von sonstigen 
Bodybuilder-Epen der damaligen Zeit abhebt. Auch Bavas 
Herkules ist ein aufgepumpter, unsympathischer Muskel- 
berg, der unbeholfen durch die Szenerie wankt, Steine und 
Heuwagen durch die Luft schleudert, aber komischerwei¬ 
se im Kampf Mann gegen Mann äußerst schwächlich wirkt. 
An seiner Seite ein noch imerträglicherer blonder Depp als 
Theseus, mit dem er in die Unterwelt hinabsteigen muss, 
um seine Liebste zu retten. Wie gesagt, die griechische My¬ 
thologie wird hier gnadenlos geplündert, und es sind Bavas 
Inszenierungskünste, die verhindern, dass VAMPIRE GE¬ 
GEN HERAKLES trotz seines offensichtlich geringen Bud¬ 
gets zu einer völligen Lachnummer wird. Wo sich andere 
Filme dieser Art oft unerträglich in die Länge ziehen, fühlt 
man sich hier immer prächtig unterhalten, wenn man sich 
an den Gedanken gewöhnt hat, keinen tiefschürfenden 
Filmklassiker vor sich zu haben, sondern eher minderbe¬ 
mitteltes Unterhaltungskino der 60er Jahre. Und es sind 
vor allem Bavas Effekte und sein Gespür für stilistische Ex¬ 
travaganzen, die den Darstellern oft die Schau stehlen, sieht 
man mal von Christopher Lee ab, dessen diabolische Per¬ 
formance auch die einzige ernstzunehmende des ganzen 
Films ist. Ein großer Spaß, besonders in der deutschen Syn¬ 
chro, die vor albernem Pathos fast zu platzen scheint. Und 
die Kinowelt-DVD mit ihren satten Farbtönen wird den vi¬ 
suellen Qualitäten von Bavas kleiner Trashperle qualitativ 
mehr als gerecht. Zwar kein Klassiker wie DIE STUNDE, 
WENN DRACULA KOMMT, aber immer noch ein deutli¬ 
cher Beweis für Bavas Qualitäten als Regisseur. 


VERLOSUNG 

Diesmal haben wir je zwei DVDs von APOCALYPTO (Con- 
stamin Film) und der SHERLOCK HOLMES COLLECTION 
- TEIL 2 (Koch Media) und je drei DVDs von BIG BANG 
LOVE, JUVENILE A (REM) und BUBBA HO-TEP (e-m-s) 
zu verlosen. 

Wenn ihr bei der Verlosung dabei sein wollt, müsst ihr fol¬ 
gende Fragen beantworten: 

• Worauf genau bezieht sich der Zusatz „Bubba“ im Titel 
von Don Coscarellis Film BUBBA HO-TEP? 

•Welche Geschichte von Arthur Conan Doyle dürfte das am 
häufigsten verfilmte Slierlock Holmes-Abenteuer sein? 

Antworten an movies@ox-fanzine.de (Adresse nicht 
vergessen!) 



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SUPER TARANTA! 

das sensationelle neue Album 

out 13.07.2007 

24.06. Donauinsel fest, 

03.07. Karlsruher Zeltival 
29.07. Paleo Open Air 
11.08. Heitere Open Air 
12.08. Taubertal Festival 
17.08. Ganpel Open Air 



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50 Songs, 2 CDs, 1 Muss 

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OX-FANZINE 95 





































REVIEWS 


LITERATUR 


STATT EINER EINLEITUNG 

„And they all pretend they’re orphans, and their memory’s like a train 

You can see rt gettln’ smaller as »t pulls away 

And the thlngs you can’t remember teil the things you can’t forget 

That history puts a saint in every dream 

Well, she said she’d stick around until the bandages came off 

But these mama’s boys just don’t know when to quit 

And Matilda asks the sailors, ,Are those dreams or are those prayers?* 

So close your eyes, son, and this won’t hurt a bit“ 

(„Time“, Tom Waits) 

Alex Strücken (literatur@ox-fanzine.de) 

Verbrecher und andere Terroristen 

Bommi Baumann war der beste Freund von Georg von Rauch, der bekanntlich von Bullen erschossen wurde, und invol¬ 
viert in Berliner Kommunen und gewaltsamen Widerstartd. Sein „Wie alles anfing“ (167 S„ 9,90 Euro, rotbuch.de) , ein auf¬ 
grund von Tonbandgesprächen zusammengestelltes Buch, handelt von der Entstehung der ersten jugendlichen organisier¬ 
ten Protestbewegungen in den späten 60ern und vollzieht die Entwicklung vom gewaltbereiten Aktionismus bis hin zur Ab¬ 
sage an den bewaffneten Kampf, ln „Little Crimhnals“ (192 S.,14 Euro, edition-tiamat.de) hingegen hat sich Herausgeber 
Klaus Bittermann peinlicher Verbrechen angenommen. U.a. Franz Dobler, Jan Off und Hunter S.Thompson berichten über 
groben Unfug schlimmste Trunkenheit und andere Delikte krimineller Dilettanten. 

Vorschläge zur Weltverbesserung 

Illegale Gärten auf Brachgeländen? Kostenlose Businesskleidung für Hartz 4-Empfänger? Eine rollenden Dorfkneipe für 
strukturschwache Gebiete? „Von wegen nix zu machen“ wäll anregen, mit innovativen Ideen kleine Revolutionen zu star¬ 
ten, die den aktuellen Entwicklungen ein Schnippchen schlagen (Jürgen Becker, Franz Meiner und Martin Stankowski, 192 
S., 7.9S Euro, kiwi-koeln.de). Auch Camille de Toledo hat die Schnauze voll. In „Goodbye Tristesse“ (192 S., 18,80 Emo. 
tropen-verlag.de) fordert er für Zeiten, in denen Rebellion längst ein Teil des Marktes geworden ist, eine Abkehr vom Zy¬ 
nismus hin zum „aufrichtigen Widerstand gegen die Zwänge des Kapitalismus“ (Verlagsinfb). Der Verlag meint ebenso: „Ein 
leidenschaftliches, wütendes Buch.“ Passend zum G8-Gipfel erscheint „Wir sind überall“ (Autorenkollektiv, S SO S„ 19,90 
Emo, edition-nautilus), das reich illustriert von den globalen Protestbewegungen berichtet: Ob kämpfende Bauern, Land- 
besetzer oder Gartenguerillas, alles dreht sich hier um Aktionsformen für mehr direkte Demokratie, Deglobalisierung und 
Pluralismus. Das Buch beinhalt et Analysen, Berichte und praktische Tipps. „Eine alternative Weltreise.“ (Verlagsinfo). 

Opium fürs Volk 

Nicht nur die großen Unternehmen, sonders besonders auch die Religion, allen voran die Katholische Kirche besitzen ein 
breites Spektrum kommerzieller Werbestrategien, ln „Jesus wäscht weißer“ (176 S., 12,80 Euro, tropen-verlag.de) setzt 
sich Bruno Ballardini mit diesen Marketingformen auseinander und deckt damit die Mechanismen kirchlicher Propagan¬ 
da von der Antike bis in die heutige Zeit auf. Ingo Niermann und Adriano Sack interessiert eher die Droge an sich, so dass 
sie mit „Breites Wissen“ (192 S., 14,90 Emo, cichborn.de) ein Buch geschrieben haben, das mit Anekdoten, Listen und Ta¬ 
bellen, Kulturgeschichte und wissenschaftlichen Erkenntnissen vorurteilsfrei das komplette Drogenspektrum von Schaden 
und Nutzen bis hin zu Peinlichkeiten abdeckt. 

Rockfacetten 

Man kann von GUNS’N'ROSES ja halten was man will, deren Axl Rose lebt aber wohl konstant und klischeehaft das Leben 
eines abgehobenen, leicht gestörten Rockstars. Für Mick Wall anscheinend Grund genug, eine Biographie über diesen „psy¬ 
chopathischen Egomanen“ zu schreiben. Dabei stützt sich „W. Axl Rose“ (224 S., 14,90 Emo, ersch. Juni 2007, rockbuch, 
de) teilweise auf exklusives Material und erforscht scheinbar nahezu alles über „den Mann, der GUNS’N’ROSES ist“ (Bn- 
chimtertitel). Die MCS wären von Herrn Rose vermutlich nicht allzu begeistert gewesen. Deren Manager John Sinclair, der 
auch die White Panther Party angeführt hat, dokumentiert in „Guitar Army: Rock & Revolution With MCS And The White 


Panther Party“ (22,95 Dollar, akpress.org) eben diese Epoche in den USA und zeigt die Kraft der Verbindung von Rock und 
Revolution auf. Die Edition des Buches beinhaltet neben Comics und Konzertflyem auch unveröffentlichte Fotos und eine 
CD mit raren Aufnahmen von u.a. natürlich MCS, Allen Ginsberg, Black Panther Kommentare etc. Auch um eine Rockband 
gehst es in dem Roman „Du Hebst mich, du liebst mich nicht" (256 S., 19,80 Euro, tropen -verlag.de) von Jonathan Lethem. 
Hier steht allerdings weniger die Musik, als die Bandmitglieder und ihre Beziehungen, Probleme und Paradoxien im Vor¬ 
dergrund: Arbeit hei einer Nörgei-Holine, Entführung eines depressiven Kängurus, Schreibblockaden. Und trotzdem „Ein 
subversiver Roman über Oberflächlichkeit und Tiefe in der Liebe." (Verlagsinfo). 

Kunst und Kommerz 

Kunst ist mittlerweile nicht nm ein Prestigeobjekt und Statussymbol, sie ist v.a. auch teuer und birgt eigene Werte und 
Marktmechanismen. „Hype!“ von Piroschka Dossi (260 S., 14,50 S., dtv.de) beleuchtet Interessen und Vorgehensweise der 
verschiedenen Akteure und geht der Frage nach, wie Kunst eigentlich ihren Wert erhält. Illegale Graffiti Künstler interessiert 
die Sache mit dem Geld meistens eher weniger, da sie schließlich eher bezahlen, als bezahlt zu werden. Claudia Waldes „Sti¬ 
cker City: Graffiti Art“ (24,95 Dollar, akpress.oig) beschäftigt sich mit einer bestimmten Form von Street-Art: Schablonen 
und Sticker. Dabei schlägt Walde die Brücke von den Ursprüngen, bis hin zu aktuellen Entwicklungen und einem Blick in 
die Zukunft und zeigt auf, welche Masse an kreativem Potential im Untergrund brodelt. 

Hendrix, Punk und Wellenreiter 

Jimi Hendrix hat mit seiner Kreativität wohl einiges für die Gitarre getan. Einen etwas unbekannteren Hendrix zeigt der 
Bildband „TributeToThe Jimi Hendrix Experience“ (160 S., 29,90 Euro, schwarzkopf-schwarzkopf.de), der die britische 
Zeit des Musikers in über 130 Fotografien. Hier sieht man Hendrix nicht nm zusammen mit anderen Bands und Musi¬ 
kern, sondern auch in privaten Momenten, beim Frisieren oder als Weihnachtsmann verkleidet „Surf Beat“ (240 S., 14,90 
Euro, ventil-verlag.de) nennt sich das erste deutschsprachige Nachschlagewerk der Surf- und Instromusik. Nicht nur klas¬ 
sische und aktuelle Protagonisten werden vorgestellt, es geht auch ufn technischen und kulturellen Hintergrund, Instru¬ 
mente, Filme und Fanzines. Jeglichen Zusammenhang zwischen Punk und Film thematisiert „No Focus: Punk On Film“ 
(Hrsg.:Jack Sargeant & Chris Barber, 19,95 Dollar, akpress.org). Es geht um Filme über Punk, von Punks und Punksploita- 
tion, verschiedene Regisseure und ihre Kultfilme wie „Blank Generation“ oder „Great R’n’R Swindle" und die Geburt des 
Musikvideos. „We Owe You Nothing - Punk Planet: The Collected Interviews“ (div. Hrsg., 16,95 Dollar, akpress.org) ver¬ 
eint die besten Interviews aus „Punk Planet“ in einem Buch: Enthalten sind u.a. Interviews mit Jello Biafra, Henry Rollins, 
Bob Mould und Steve Albäni. 

Incredibly Strange Music 

Jens Raschke ist Soundforscher und führt den LeseT in „Disco Extravaganza“ (272 S., 13,90 Euro, ventil-verlag.de) durch 
eine Welt abseits der gewöhnlichen Musik, wofür er die kuriosesten Aufnahmen der Musikgeschichte zusammengetragen. 
Versprochen werden „Spott und Ergriffenheit, Stutzen und Begeisterung“ (Verlagsinfb). Klingt nach einer spannenden Sa¬ 
che, wie ich finde. 

Lebemänner und Reisende 

Der Roman „1975-Im Jahr der Weiber“ (256 S., 18 Euro, ullsteinbuchverlage.de) erzählt die Geschichte einer Jugend vol¬ 
ler Musik, Mädels und Rauchwaren. Nachdem ein paar Freunde kollektiv durchs Abi gefallen sind, geht’s mit einem VW- 
Bus nach Frankreich ans Meer und es wird ebenso kollektiv dem Größenwahn gefrönt. Tom Hodgkinson schwebt in sei¬ 
nem „Die Kunst, frei zu sein“ (282 S., 17,90 Euro, rogner-bernhard.de) ein glückliches, freies Leben als Gegenentwurf ge¬ 
gen Langeweile, Gier, Angst und Armut vor. Auf der Grundlage von Anarchisten, Existenzialisten und mittelalterlichen Den - 
kern rät er dem Leser: Fang endlich an zu leben! Einen „atemberaubenden Streifzug durch das Global Village“ (Verlagsinfo) 
verspricht „21000 Kilometer oder die Kunst, sitzen zu lernen“ (256 S., 8,90 Euro, rowohlt.de). Der Autor und eine Part¬ 
nerin haben beschlossen, von Hamburg so weit es geht über Land zu reisen. Das bedeutet 18 Länder in 5 Monaten und eine 
Menge an spannenden Begegnungen. 

PS.: Florian Günther hat mal wieder 60 Gedichte zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Das ganze heißt „11 Uhr morgens“ 
(ca. 94 S., 11,90 Euro, edition-luekk-noesens.de) und wird aus Gründen des Redaktionsschlusses erst im nächsten Heft 
durch eine Rezension gewürdigt. 


Bob and Jenna Torres 

VEGAN FREAKS 

Being vegan in a non-vegan world 

akpress.org, veganfreaks.org, 175 S., $13,95 | „Veganer 
werden in nur drei Wochen“. Was sich anhört wie das du¬ 
biose Versprechen einer x-beliebigen Diät, halten die Au¬ 
toren dieses Buches für ab¬ 
solut machbar und realis¬ 
tisch - haben sie es doch an 
sich selbst erfolgreich aus- 
probiert. Und schon sind wir 
mittendrin: Dieses Buch ist 
ein praktischer und infor¬ 
mativer Ratgeber für alle ve- 
ganen Lebenslagen, für Vega¬ 
ner, die, die es werden wol¬ 
len und alle, die sich für die¬ 
ses Thema interessieren. Bob 
und Jenna erzählen in die¬ 
sem Buch, wie sie vegan ge¬ 
worden sind, wie lange es ge¬ 
dauert hat, bis sie sich dazu 
entschlossen haben und mit 
welchen Unwägbarkeiten sie 
zu kämpfen hatten. Dazu gehören Themen wie „Vegan sein 
— und jetzt?“, „Wie ernähre ich mich gesund vegan?“, „Ar¬ 
gumentationshilfen für das Weihnachtsessen mit der Fa¬ 
milie“, „Überleben im Supermarkt“ „Veganer, die die Welt 
nicht braucht“, etc. Sehr angenehm an diesem Buch ist, 
dass an keiner Stelle die „Veganer sind die besseren Men¬ 
schen“-Attitüde auftaucht; im Gegenteil: Bob und Jenna 
haben etwas gegen „Vegangelics“, selbstgerechte, missio¬ 
nierende Veganer. Stattdessen hat man beim Lesen eher das 
Gefühl von „Ja, genau, solche Situationen kenne ich auch!“ 
Man fühlt sich gut aufgehoben, verstanden und bekommt 
aber trotzdem (vegane) Lösungswege aufgezeigt. Charmant 
an diesem Buch ist, dass Bob und Jenna viel Sinn für Hu¬ 
mor haben (schon mal was von „going cold tofu“ , „food 
Nazis“ oder „cheesaholic“ gehört?), sich selbst nicht zu 
ernst nehmen oder für unfehlbar halten , dabei aber trotz¬ 
dem tough und überzeugend ihr Ding durchziehen. Wenn 
es nicht zu abgenudelt wäre, würde ich sagen: Prädikat pä¬ 
dagogisch wertvoll. Leseproben gibt es übrigens unter veg- 
anfreaks.org. Zur Motivation, dieses Buch zu schreiben, er¬ 
zählen die beiden Autoren: „We wanted a book that spo- 
ke to people like us: young, with punkish, radical leanings, 
and primarly into veganism for ethics and animal rights. 
We wanted an author that wasn’t afraid to be irrelevant to 
say „fuck“ or to tease hippies in good firn.“ Worauf wartet 
ihr noch? Lesen lohnt sich definitiv. Zu bekommen bei ak- 
press.org. Uschi Herzer 

Josh MacPhee, Erik Reuland 
REALIZING THE IMPOSSIBLE 
Art Against Authority 

320 S„ $23.95; akpress.org | Revolte, politischer Aktivis¬ 
mus und Kunst sind oft eng verbunden, und ob man nun 
Adbusters als die Bekämpfung der Werbenden mit ihren 
eigenen Mitteln, Demoposter 
oder Stencil-Sprayereien an 
Hauswänden nimmt, Vide¬ 
okunst oder Punk-Platten¬ 
cover - die Palette von „Art 
against Authority“ ist denk¬ 
bar breit. Die beiden US-Au- 
toren Josh MacPhee und Eric 
Reuland alias Erik Ruin ha¬ 
ben über 20 Beispiele für 
„revolutionäre“ Kunstfor¬ 
men portraitiert, nicht nur 
aus den USA und Europa, sondern auch aus Argentinien 
oder Indonesien, und da die verschiedenen Artikel und In¬ 
terviews (darunter eines mit Gee Vaucher, die für die visu¬ 
elle Seite von CRASS zustöndig war) meist nur über 10-15 
Seiten gehen und zudem reich bebildert sind (wenn auch 
nur schwarz-weiß), hat man zum Glück nie das Gefühl, es 
mit einem trockenen Kunsttheorie-Schinken zu tun zu 
haben. Ein spannendes Buch über die Macht und Möglich¬ 
keiten der Kreativität. Joachim Hiller 


Ashley Kahn 

LEUCHTENDES ORANGE 
UND TIEFES SCHWARZ! 

Geschichte des Jazzlabels Impulse! 

Rogner & Bernhard Verlag, 398 Seiten, 24,90 EUR | As¬ 
hley Kahn hat bereits zwei spektakuläre Bücher über die 
Geschichte des Jazz vorgelegt. In „Kind of Blue“ beschäf¬ 
tigt er sich mit dem wohl be¬ 
rühmten Jazzalbum gleichen 
Namens von Miles Davis. In 
„A Love Supreme“ nähert er 
sich den legendären Musik¬ 
aufnahmen von John Coltra¬ 
ne, die unter demselben Titel 
veröffentlicht wurden. Beide 
Jazzmusiker sind aus der Ge¬ 
schichte des Jazz nicht mehr 
wegzudenken, stehen jeweils 
für einen eigenen Beitrag zur 
Jazzrevolution des 20 Jahr¬ 
hunderts. 

Coltrane ist auch der An¬ 
knüpfungspunkt für das vor¬ 
liegende Buch, das die Geschichte des amerikanischen 
Jazzlabels Impulse! nachzeichnet. Da darf der Titel des Bu¬ 
ches, „Das Label, das Coltrane erschuf* durchaus in beiden 
möglichen Richtungen interpretiert werden, um den Rah¬ 
men zu skizzieren, in dem sich die Handlung bewegt. An¬ 
fang der 60er Jahre wurde das Plattenlabel Impulse! Re¬ 
cords als Sublabel des aufstrebenden und um Marktantei¬ 
le ringenden Medienkonzerns ABC gegründet - insofern 
man zu diesem Zeitpunkt den Begriff „Medienkonzern“ 
schon benutzen kann. ABC baute seine Konzernteile sys¬ 
tematisch aus, hatte schon im Bereich Schlager, Pop und 
Unterhaltungsmusik in den Fünfzigerjahren erfolgreich 
positioniert. Die Neugründung des Labels Impulse! stand 
in einem soliden Kontext und man konnte auf eine eta¬ 
blierte Vertrieb- und Marketingabteilung usw. zurückgrei¬ 
fen. Neben der Musik war es vor allem die für ein Platten¬ 
cover aufwändige und auffällige Gestaltung, die sich mar¬ 
kant von anderen Jazzlabeln wie Blue Note und Riversi- 
de abhob: Die Schallplatten waren oft mit großformatigen 
Photos, die die gesamte Plattevorderseite entnahmen ge¬ 
schmückt. Die „Buch“-Rücken und auch das gesamte Lay¬ 
out war immer in den Farben leuchtend Orange und Tief¬ 
schwarz gehalten. Vor allem diese prägnante Erscheinung 
ist es, die bis heute Aufmerksamkeit anzieht - neben den 
außergewöhnlichen musikalischen Qualitäten. Es war ge¬ 
lungen ein unverwechselbares Markendesign zu kreieren. 
Jazz-Experte Kahn beschreibt in seinem packenden und 
nicht nur für Jazz-Fans interessanten Buch eben die¬ 
se Anfänge des Labels, das zu einer Zeit gegründet wur¬ 
de, als der Jazz nicht nur eine unter vielen Musikrichtun¬ 
gen war, sondern als er die Massen ergriff und bewegte, als 
der Jazz Ausdruck einer ganzen Generation werden soll¬ 
te. Ähnlich wie es später etwa dem HipHop gelang, nicht 
nur Musik zu sein, sondern Ausdruck und Spiegel einer ge¬ 
sellschaftlichen Befindlichkeit und der politischer Verhält¬ 
nisse. Diese dichten und verwobenen Beschreibungen ge¬ 
lingen Kahn durch eine genau recherchierte Geschich¬ 
te des Labels, durch die Hinzuziehung von Archivquellen 
und vor allem durch seine unzähligen Gespräche mit Mu¬ 
sikern, Produzenten und anderen beteiligten Zeitzeugen. 
Hinzu kommt noch eine in die Geschichte des Labels ein¬ 
gebettete Historie der erschienenen Alben. Jeweils auf ei¬ 
ner Doppelseite werden, chronologisch zur fortschreiten¬ 
den Unternehmensgeschichte die jeweils wichtigen Alben 
der Künstler des Labels vorgestellt. Dazu gehören neben Jo- 
han Coltrane noch Ray Charles, Gil Evans, Oliver Nelson, 
Freddie Hubbard, McCoy Tyner und Elvin Jones und na¬ 
türlich Alice Coltrane, Albert Ayler und Pharoah Sanders - 
um nur einige zu nennen. Dabei beschränkt sich Kahn auf 
die ungefähr 40 wichtigsten Publikationen des Plattenla¬ 
bels - und erzählt damit noch einmal - und zwar anhand 
der Musik - eine Musikgeschichte des Labels und gleich¬ 
zeitig ein Stück Zeitgeschichte. Die sehr treffende, die ein¬ 
zelnen Stile, Richtungen und künstlerischen Individualitä¬ 
ten berücksichtigende Auswahl ist für den Leser ein exzel¬ 
lenter Einstieg in das Label und in die wichtigste Zeit der 
Entwicklung des Jazz. 


Das Label Impulse! zieht mit seiner Veröffentlichungspo¬ 
litik - vor allem unter der Leitung von Bob Thiele - ei¬ 
nerseits eine Bilanz der Entwicklung des Jazz der Fünfzi¬ 
ger und Anfang der Sechzigerjahre und bietet gleichzeitig 
die Plattform, auf der sich innovative Musiker - allen vor¬ 
an John Coltrane - experimentell weiterentwickeln konn¬ 
ten. Letzt endlich dokumentiert die Entwicklung der Mu¬ 
siker des Labels die Entwicklung zum Free Jazz Ende der 
Sechzigerjahre. Kahn schafft es, diesen wichtigen Entwick¬ 
lungsschritt in der Geschichte der modernen Musik vom 
Bob und Bebop zum Free Jazz - neben der Labelgeschich¬ 
te - plausibel und verständlich zu machen. Mit den pro¬ 
fessionellen Hinweisen und Ausführungen von Kahn wird 
diese Entwicklung selbst für den nicht im Jazz bewander¬ 
ten Leser nachvollzieh- und nachhörbar. Das diese Ausfüh¬ 
rungen auch dem Leser erhalten bleiben, ist auf eine her¬ 
vorragende, sehr gut lesbare und sich in die Vorlage einfüh¬ 
lende Übersetzung von Michael Hein möglich. Die fach¬ 
lichen Qualitäten des Buches werden in der deutschen 
Übersetzung durch eine literarische Dimension ergänzt, 
die das Fachbuch zu einem Ereignis im Bereich des Sach¬ 
buches und im Besonderen im Bereich des Musikjourna¬ 
lismus werden läßt. Kahn hat mit diesem Buch seine bei¬ 
den Klassiker über Miles Davis und John Coltrane noch 
einmal über troffen und - soviel kann man jetzt schon sa¬ 
gen - einen Klassiker geschrieben. Mit den informativen 
Anhängen - Bibliographie, Diskographie des Labels usw. - 
bleiben für den Leser keine Wünsche offen. Prädikat: Sehr 
empfehlenswert! PS: Begleitend zum Buch ist ein 4-CD- 
Set mit einem Querschnitt der Musik des Labels erschie¬ 
nen (The House That Trane Built.The Story of Impulse Re¬ 
cords, 2006, 4 CDs). Außerdem wurden noch acht preis¬ 
werte Sampler aufgelegt - alles mit Linernotes von Ashley 
Kahn versehen. Thomas Neumann 

Päl H. Christiansen 

DIE ORDNUNG DER WORTE 

224 S., 14,90 Euro, rockbuch.de | In seinem Heimat¬ 
land Norwegen ist Christiansen scheinbar schon sehr er¬ 
folgreich, und auch sein neustes Buch „Die Ordnung der 
Worte“ löste wohl gestei¬ 
gertes Medieninteresse aus - 
mit vorliegendem Buch er¬ 
scheint allerdings zum ersten 
Mal einer seiner mittlerwei¬ 
le fünf Romane auf deutsch. 
Nun, wie so oft kann ich den 
Medienrummel nicht wirk¬ 
lich nachvollziehen, obwohl 
Geschichte und Schreibstil 
durchaus unterhaltsam und 
witzig sind. Christiansens 
Held Hobo Highbrow ist ein 
leicht größenwahnsinniger 
Schriftsteller, der auf Scrab¬ 
ble, das norwegische Wör¬ 
terbuch und a-ha steht und 
eigentlich nicht unbedingt 
mehr viel davon mitbekommt, was um ihn rum passiert, 
weil er zu sehr mit seinem Kopf beschäftigt ist. Statt sich 
an den Tisch zu setzen und endlich seinen neuen Roman 
zu beginnen, philosophiert er lieber über seine nicht vor¬ 
handene Rolle in der norwegischen Literaturlandschaft, 
verliert seinen Lektorjob, bildet sich ein, dass ihn seine 
Freundin betrügt und lässt sich scheinbar nach und nach 
die Bude leer räumen. Auch seine beiden Lebenskünstler¬ 
freunde Higgins und Hagen scheinen sich immer mehr von 
ihm abzuwenden. Wie weit Hobo sich mit seinem skurri¬ 
len Realitätssinn von der Wirklichkeit entfernt, merkt der 
Leser dann im Laufe des Buches, wobei er besonders an¬ 
fangs ganz schön hinters Licht geführt wird. Hobo High- 
brow ist jedenfalls ein kauziger, selbstgefälliger und abso¬ 
lut weltfremder Kerl, der mit seinem Gehabe ganz schön 
nerven kann, dessen Diskrepanz zwischen der inneren und 
äußeren Welt ihn aber schon wieder verschroben-sympa¬ 
thisch werden lässt... Nicht nur, weil’s im Verlaginfo steht: 
Irgendwie ist „Die Ordnung der Worte“ ein bisschen das 
norwegische Äquivalent zu „Herrn Lehmann“. Und das 
wird für viele sicherlich eine Referenz sein. Alex Strücken 


Rocko Schamoni 

STERNSTUNDEN 

DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT 

250 S., 14,90 Euro, dumont | Der Dorfpunk ist erwachsen 
geworden, lebt jetzt in Hamburg, und was Schamoni schon 
bei „Dorfpunks“ so wunderbar gelungen war, ist ihm auch 
hier geglückt: Das „Literari- 
sieren“ eines Lebensgefühls, 
das Erzählen der Geschich¬ 
te von einem, den man zu 
keimen glaubt: Der namenlos 
bleibende „Dorfpunk“ — von 
einer direkten Fortsetzung 
spricht keiner, aber es wür¬ 
de passen - ist hoch gestar¬ 
tet, hat große Ansprüche an 
sich und die Welt, und doch 
ist er eigentlich ein Verlierer. 
Der Hamburger Kiez lockt 
mit ständigen Saufmöglich- f 
keiten, an der Uni - man 
ist für Kunst eingeschrie¬ 
ben - sind sowieso nur Stre¬ 
ber, und er gefallt sich in sei¬ 
nem bohemehaften Rock’n’Roller-Leben, in der Zweisam¬ 
keit mit dem chaotischen WG-Mitbewohner, und kann ja 
vor allem darauf vertrauen, nicht so abgestürzt zu sein wie 
die Typen vor Lidl, Mama und Papa sei Dank. Man schlägt 
sich mit Plakatekleben und als Aushilfsroadie durch, kennt 
die Leute hinter der Theke oder steht selbst da, jeder Tag 
ist Wochenende, doch schöne Frauen haben die anderen, 
und Mia, die Schwarzhaarige aus der Wohnung gegenüber, 
bleibt die idealisierte Traumpartnerin. Soll das auf ewig so 
weitergehen? Beim Besuch in der Heimat (klein) Stadt nur 
Verachtung für die Zurückgebliebenen, so will man nicht 
enden, mit der Gesundheit ist es auch nicht weit her, es 
muss sich was ändern - und es ändert sich auch was, auf 
der letzten Seite, in der letzten Zeile... 

Schamoni hat auch mit seinem neuen Buch wieder höchst 
unterhaltsam sein Leben und, das darf man vermuten, das 
von Menschen aus seiner eigenen Umgebung beobachtet, 
ist verdammt nah dran am Kreativ-Prekariat - und im Ich- 
Erzähler kann man durchaus auch Cahit aus Fatih Akins 
„Gegen die Wand“ erkennen. Ich bin jetzt mal auf Scha- 
monis nächsten Roman gespannt - ob der wohl vom Ex- 
Rock’n’Roller mit Kind und Kombi in der Reihenhaus¬ 
siedlung am Rande Hamburgs handelt...? Joachim Hiller 

Uta Heuser 

GIVE ME FRICTION, BABY! 

Turbonegro und die Turbojugend 

subh.de, 350 S., EUR 19,80 | „Happy Tom: Ein .Turbone- 
ger* ist ein großer, gut ausgestatteter, bewaffneter schwarzer 
Mann, in einem schnellen Auto, aus auf Rache!“ Und wo¬ 
rauf sind TURBONEGRO aus? Auf Provokation. Und was 
machen sie sich damit? Freunde in aller Welt! Das klingt 
imlogisch, aber so funkti¬ 
oniert Punkrock seit jeher. 
„Give Me Friction, Baby!“ 
(auf Deutsch etwa: „Fick 
mich, Schätzchen!“) er¬ 
zählt erstmals die Geschich¬ 
te der norwegischen Punk¬ 
band TURBONEGRO von ih¬ 
ren Anfängen Mitte der 80er 
in Oslo bis heute. Für ihre 
Band-Biografie hat Autorin 
Uta Heuser ein Jahr lang Ge¬ 
spräche geführt und Archive 
durchforstet, sie lässt aktu¬ 
elle und ehemalige Mitglie¬ 
der der Band zu Wort kom¬ 
men sowie etliche Weggefährten und Fans. Auch Joachim 
„Ox“ Hiller hat bisher unveröffentlichtes Material beige¬ 
steuert. Das Ergebnis ist so etwas wie die „extended Versi¬ 
on“ eines Fanzines, mit allem, was ein Fanzine ausmacht: 
jährliche Auflistungen aller gespielten Gigs, Kommen¬ 
tare der Band zu jedem Song ihrer Alben und - natürlich 
- ohne Ende Anekdoten, das Ganze ergänzt durch erklä¬ 
rende Fußnoten und zahlreiche, teils farbige Fotos. Aber, 








OX-FANZINE 96 








REVIEWS 


um es mal ganz nüchtern auszudrücken, der Markt da¬ 
für ist ja da. Denn TURBONEGRO, die Meister der homo¬ 
erotischen Pose, die „Denim Demons“, verfugen über ei¬ 
nen weltweiten und wohl organisierten Fanclub, die Tur- 
bojugend. 2.180 lokale Jugends (nicht etwaYouths oder 
Jeunesses) gibt es zur Zeit, Tendenz steigend. Von St. Pauli, 
der Mutter aller Jugenden, bis St. Petersburg, von der Bronx 
bis Bagdad, von Jerusalem bis zur Turbojugend Jammertal, 
alle erkennbar an der dunkelblauen Jeansjacke mit der auf- 
gegestickten Homo-Lederkappe auf dem Rücken (turbo- 
negro.com/EUR 99,-). Dabei ist dieses Buch für dieTur- 
bo-Fans nur eines der Highlights 2007. Nach einer Mini- 
Tour im Mai erscheint am 15. Juni auch endlich ein neues 
TURBONEGRO-Album: „Retox“, siehe Review in diesem 
Heft. Und siehe auch Joachims Interview mit Sänger Hank 
und Bassist Happy Tom, denn die Geschichte der sympathi¬ 
schen Deathpunks aus No(r)way geht schon wieder weiter 
Ute Borchardt 

Jörg Sundermeier 

DAS BUCH VOM KLAUEN 

Verbrecher Verlag, 224 Seiten, 13 Euro | Ohne irgendein 
Zutun kann sich so ein Stecker nicht aus der ihm zuge¬ 
dachten Dose lösen, hatte er aber offensichtlich doch. Lan¬ 
ges Sinnieren über diese Fra¬ 
ge bringt ihn auch nicht zu¬ 
rück in seine angestammte 
Position, also schnell hinter 
den Schrank gekrochen. Ein 
unbequemes Unterfangen, 
äußerst unangenehm. Enge, 
die eigentlich nicht gerade 
Stummeligen Arme zu kurz, 
vor den Augen die zu reali¬ 
sierende Aufgabe; neben ei¬ 
nigen Staubmäusen. Flüche 
schießen durch den Kopf, 
kommen aber nicht über die 
Lippen. Würde doch etwas zu 
lächerlich wirken, hier ein¬ 
gequetscht zwischen Holzboden und Schrank. Irgendwann 
ist er dann wieder drin, der Stecker und als Zugabe wird 
ein zwar verstaubtes, aber offensichtlich noch imgelesenes 
Buch hervor gefischt: Das Buch vom Klauen. 

Verdammt, wie lange mag es da gelegen haben, wie konn¬ 
te es sich dorthin stehlen? Kaum aufgeschlagen und die 
erste Kurzgeschichte gelesen, noch im Stehen neben dem 
Schrank, ändert sich die Planung für den weiteren Tages- 
verlauf rasch. Die folgenden Geschichten bekräftigen diese 
Entscheidung. Bei weitem handeln sie nicht nur vom Klau¬ 
en oder vom bestohlen werden. Kommen aber natürlich 
auch vor, von Bonnie & Clyde Romantik, bis hin zu pu- 
bertierenden Kosmetikentwenderinnen. Wenn aber die 
gemeinsame Thematik des Buches nur den Türöflher gibt, 
sich andeutet oder eine Randnotiz spielt, um den dane¬ 
ben liegenden Geschichten, den Dramen und Komödien 
Platz zu bieten, dann vergisst man rasch die Platte umzu¬ 
drehen, für die man gerade noch mühsam die Elektrizitäts- 


KOST FÜR DIE AUGEN 

Als erstes die neue SIX FEET UNDER aufgelegt und wäh¬ 
rend das Gebölke durchs Haus schreddert, kann ich ganz 
entspannt die neuesten Bücher, Hefte etc. durch meine 
grausame Hand richten. Beginnen tue ich mal mit ... 

Roland Adelmann/Hermann Borgerding 
DIELEICHEN WERDEN 
WOHL WARTEN MUSSEN 
Gedichte 

undergroundpress.de, 3 Euro plus Porto | Ach, was tut das 
gut mal wieder was vom alten Straßenköter Adelmann zu 
lesen. 18-mal schlägt uns Roland mitten ins Gesicht, wo¬ 
bei lediglich ein Hieb nicht richtig sitzt (Etwas Lustiges 
braucht der Mensch), was aber einerseits eher subjektiv ist 
und andererseits zwischen den anderen Texten kaum auf¬ 
fallt. Herr Adelmann ist nicht zimperlich, drückt uns Bü¬ 
rokratiewahn, Kriege und die allgemeine Fernsehlethargie 
so richtig rein und erklärt scheinbar nebenbei, warum Un¬ 
dergrounddichter auch ab und zu mit einer Ladehemmung 
zu kämpfen haben. Adelmann ist laut und wütend und ge¬ 
nau das ist wichtig in einer Zeit in der wieder über Klassen 
geredet wird, versteckt hinter dem Begriff„Schichten“ und 
schon der Weg zum Kiosk eine kleine Flucht ist. 

Borgerding pariert mit ebenfalls 18 Gedichten und einer 
kurzen Geschichte und ergänzt mit seinen Innenansichten 
die her extravertierten Texte Adelmanns. Hermann lässt die 
viel zitierten Hosen bis zum Anschlag runter, macht sich 
nackt und offenbart einen Balanceakt kurz vor dem Ab¬ 
sturz, aber immer noch die Kurve kriegend. Texte zwischen 
Hoffnung, Enttäuschung, Angst und Liebe und einer (hof¬ 
fentlich überstandenen) Krebserkrankung. Ganz große Ly¬ 
rik von beiden Autoren mit einem gelungen Cover vom In- 
side-Jenz. 

Axel Monte und Hadayatullah Hübsch 
ASPHALT DERWISCH 

heinz-wohlers.de, 7.90 Euro plus Porto | Rund 70 Seiten 
bietet dieses Buch, welches als eine Art Jam Session ent¬ 
standen ist, in dem sich beide Autoren gegenseitig Themen 
vorgegeben haben. Herausgekommen sind mehrere Kapi¬ 
tel, die am Stück gelesen (wie ich es getan habe) fast schon 
meditativen Charakter haben. Ich könnte auf Anhieb nicht 
sagen, um was es wirklich geht, wo der rote Faden ist und 
trotzdem hat der Text etwas eigenes, etwas was einen nicht 
loslässt. Vielleicht ist es doch die Erleuchtung des Asphalts, 
der einen nicht loslässt. Das Folgen der weißen Linie auf 
der Straße als einzigen Fixpunkt in deinem Leben, wel¬ 
ches beinahe schon eine Obsession darstellt. Vielleicht lie¬ 
ge ich auch völlig falsch. Wer das wissen will, wird nicht 
drum herum kommen, sich das Buch zu bestellen. Auf je¬ 
den Fall kein Fehler. 

MORGANA BEAT ANTHOLOGIE NR. 1 

morgana-verlag.com, 9.50 Euro | Eigentlich hatte ich das 
Buch als eine „10 Jahre Härter“ Sonderausgabe in Erinne¬ 
rung. Also eine Antho über Frank Brökers Zine Härter, aber 
das scheint sich erledigt zu haben. So gibt es jede Menge 
Storys und Gedichte einmal quer durch den im weitesten 
Sinne Underground. Axel Monte ist mit einem Ausschnitt 
aus dem „Asphalt Derwisch“ und einer Story über Kompli¬ 
mente vertreten, Frank Bröker mag nicht wirklich Jazz und 
Matthias Penzel suhlt sich in metallischen Erinnerungen. 
Kersten Flenter, Volly Tanner, Thomas Schweisthal und Jan 
Off liefern mal wieder gute Lyrik ab, und auch ansonsten 
sind nur wenige Ausfälle (aber wie immer Geschmackssa¬ 
che) zu verzeichnen. Der Truck durch die Nacht von Nes- 
ch fährt gleich zweimal durch eben diese und leider feh¬ 
len Infos zu den Autorinnen, was aber nicht weiter ins Ge¬ 
wicht fallt, da der fleißige Undergroundleser sowieso alle 
kennt. Rund 155 Seiten. 

So, SIX FEET UNDER sind fertig. Hm, okay, fürs näxte Heft 
legen wir mal die „Big Mouth strikes again“ von den SMIT¬ 
HS auf und saugen uns was aus den Figern über... 



2 Euro plus Porto bei Jörg Herbig, Bahnhofstr. 10963263 
Neu-Isenburg, biggovicto web.de | Jörg Herbig, den meis- 


zufuhr wiederhergestellt hat. Nur so herein stiehlt sich der 
Diebstahl bei Leonhard Loreks „Breslau“. Armin, arbeit¬ 
loser Neuköllner, der sich in Schwulenbars „Hartz weg¬ 
poppt“ und zuhause wegkifft, kommt natürlich auch mit 
dem Delikt in Kontakt. Doch die wesentliche Story ent¬ 
faltet sich um diese Ereignisse herum, auf die man war¬ 
tet wie die Katze vor dem Mauseloch auf Beute. Das titel¬ 
gebende Phänomen lässt sich bitten, spannt die Leser und 
rückt auch schon mal in den Hintergrund, um dann doch 
sich seinen Platz zu nehmen, unerwartet, in anderer Form 
als erdacht und als krönender Abschluss noch dazu. Loreks 
Kurzgeschichte beinhaltet das gesamte Spektrum des Bu¬ 
ches, banaler und abstruser Diebstahl, Vorgeschichten, Ur¬ 
sachen und Folgen von Diebstählen. Dabei bleibt „Das Buch 
vom Klauen“ immer kurzweilig, allerdings weit davon ent¬ 
fernt oberflächlich zu sein. Amüsiertes Nach- und Weiter¬ 
denken ist erlaubt, schnell ein paar Stunden Zeit stiehlt ei¬ 
nem der Sammelband. Aber auf diese Weise lässt man sich 
gerne bestehlen. Simon Brüggemann 

G8: DIE DEUTUNG DER WELT. 

KRITIK, PROTEST, WIDERSTAND 

4,50 Euro | Eine gemeinsam von den Zeitschriften Analyse 
& Kritik, So oder So, Fantömas und arranca herausgegebe¬ 
ne Broschüre zum Hypethema G8. Auf gelbem Papier an¬ 
sprechend nüchtern gelayoutet sollen Analysen und Hin¬ 
tergrundberichte an die Hand gegeben werden. Die Texte 
teilen sich in drei Kategorien. Der erste Part beleuchtet die 
Akteure der Globalisierung, also die G8, die EU, Weltbank, 
aber auch China. Ein zweiter Teil versucht die Auswirkun¬ 
gen des Handelns dieser Akteure zu beleuchten, also v.a. 
Energiefragen, der Privatisierung genetischer Ressour¬ 
cen, sowie die US-Außenpolitik. Ein dritter und letzter 
Part widmet sich den Akteuren der Antiglobalisierungs- 
bewegung, was sich vornehmlich in länderspezifischen 
Berichten niederschlägt. Leider enden die meisten Arti¬ 
kel gerade dann, wenn es anfangt interessant zu werden. 
Kurz und bündig bedeutet hier aber durchweg oberfläch¬ 
lich, Widersprüchlichkeiten schimmern nur schwach ein¬ 
mal durch die Texte hindurch, die Welt ist ein klar geord¬ 
netes Verhältnis. Am Rande wird dann zwar eingestanden, 
die G8 seien vielleicht doch nicht die Weltregierung, dies 
sei vielmehr eine falsche Analyse der Antiglobalisierungs- 
bewegung, doch auch hier bleibt man dann schnell stehen. 
Würde sonst natürlich auch den Sinn der Broschüre zwei¬ 
felhaft werden lassen, die sich auch als Mobilisierungsheft 
versteht. Statt wirklich einem Begreifen der Welt, die eben 
eine vom Kapitalismus und seinen Regeln durchdrunge¬ 
ne ist, behilflich zu sein und darum mal die Frage zu stel¬ 
len, wie viel besser denn die Welt ohne G8 aussehen wür¬ 
de, hat man sich entschieden altbekannte Halbwahrheiten 
noch einmal aufzukochen. So wird es dann bei einer Anti- 
globalisierungsbewegung bleiben, die vielleicht total bunt, 
lustig und imglaublich kreativ ist, die aber den Kapitalis¬ 
mus in seiner gesellschaftlichen Totalität nicht zu begreifen 
vermag. Unterm Strich bleibt nicht mehr als eine Lektüre 
für nebenher, fast so basic, dass man sie sich sparen kann. 

Simon Brüggemann 


ten wahrscheinlich besser bekannt als Big, seines Zeichens 
Schlagzeuger der DeutschPunkBand UNGUNST, bei der er 
auch für den überwiegenden Teil der Texte zuständig ist, 
was wiederum erklärt, warum UNGUNST nicht ständig 
ins Phrasenschwein einzahlen müssen (manchmal schon 

- da vorne fahrn die Bullen, ähm!). Aber egal, hier geht’s 
es um das 44 A5 Seiten starke Heft „Stille Wasser“. Kern¬ 
stück ist die Geschichte über die Zeit bevor UNGUNST ge¬ 
gründet wurde. Big ist nichts zu peinlich und daher kom¬ 
men auch alle Im-Kinderzimmer-mit-Lärm-und-Hörs- 
dpielen-aufgenommene-Tapes zum Vorschein. Allerdings 

- sehr gut geschrieben und noch besser bei einer Lesung 
vorgetragen. Ansonsten handeln seine Storys vom norma¬ 
len Wahnsinn Leben zwischen Kindern, die keinem beach¬ 
tenswert erscheinen, Sexspielchen zwischen geparkten Au¬ 
tos und im Hals kratzenden Glückskräutern. Bei allen Sto¬ 
rys scheint nichts einfach mal heruntergeschrieben, son¬ 
dern sehr durchdacht zu sein. Big überlegt sehr wohl, wel¬ 
che Worte zu welcher Stimmung passen. Trotzdem sind 
seine Texte nicht kopflastig. Ein sehr interessanter Balance¬ 
akt. Ich finde das Heft gelungen, die Storys gut. Wenn ihr 
mir folgt, wird es ein teurer Monat für Euch. 

Dann will ich mich mal der „Nerve Damage“ von TRAGE¬ 
DY und dem nächsten Heft zuwenden: 

Markus Hintzen m 

WAS ICH NOCH SAGEN WOLLTE 

1 Euro plus Porto, intothepit@gmx.de | Hintzen hat auf 
56 A5 Seiten 54Texte zusammen getragen, die Politik, Ge¬ 
fühl und Härte zusammen fügen. Hier bekommt jeder sein 
Fett weg. Ob selbsternannte Szenegötter, Gott selber, die 
Gesellschaft und auch der Autor. Keiner wird geschont und 
das ist auch gut so. Wütende (Auf-) Schreie, unterdrück¬ 
te Wut, die sich ihren Weg nach außen bahnt: „All unser 
Schreien/gegen das Unrecht/dieser Welt/und seine Ver¬ 
ursacher/ wurde und wird/nicht nur/überhört, sondern/ 
konsequent übergangen./Doch wir werden/nicht aufhö¬ 
ren/zu schreien,/denn das Unrecht/brennt tiefe Löcher/ 
in unsere Herzen./Und wenn wir/doch irgendwann/mal 
schweigen sollten,/lehnt euch ruhig/zurück und war¬ 
tet/darauf, dass euch/eine Bombe zerreisst,/die wir-ganz 
still/und leise-/unter eure Ärsche/platziert haben!“ 

Und während TRAGEDY iure P unde beenden und Platz 
machen für „Faith“ von THE CURE, krame ich das nächs¬ 
te Werk hervor: 

William Cody Mäher 
GEISTERSTADT 

engstler-verlag.de | Ein Reisender ist dieser Mäher. Wohn¬ 
te und vegetierte schon überall rum. In San Francisco ge¬ 
boren, gehen seine Stationen über München, New York, 
Zürich, Berlin und z. Zt. Heidelberg. Von Carl Weissner und 
Walter Hartmann übersetzt, schlägt beim Lesen die Düs¬ 
ternis der Texte über den werten Leser, die Leserin, zusam¬ 
men und hüllt einen in ein tiefes Schwarz. Die Texte erre¬ 
gen keine Fröhlichkeit, auch wenn sie hier und da Licht¬ 
punkte zulassen, doch gleiche einem Spot verharren sie 
nur kurz und verschwinden dann irgendwo da hinten, 
am Ende der Textzeile, wo der Himmel sich wieder dun¬ 
kel färbt. Dialoge und Monologe sollen es sein, Fragmente 
fände ich eine bessere Bezeichnung. Fragmente einer poe¬ 
tischen Eleganz, die ich so schon lange nicht mehr gelesen 
habe. Große Literatur. 

Und nachdem „Faith“ auch in den letzten Zügen lieget, 
brauche ich nur noch eins zu tun: meinen Namen unter 
die Wörter zu setzen: Jerk Götterwind 




/SPOKENWORD 


Bela B. Felsenheimer liest 
LAST TRAIN TO MEMPHIS 
Die Elvis-Biographie von Peter Guralnick 
(Teil 1,1935-1958) 12CD 

bear-family.de | Hat jemand vor in nächster Zeit nach 
Australien zu reisen? Wenn ja, ist das hier die perfekte Rei¬ 
seliteratur: Die 12 CDs auf den iPod überspielt, und wenn 
man in Sydney aus dem 
Flieger steigt, hat man 
die ersten 23 Jahre des 
Lebens von Elvis Aaron 
Presley im, Zeitraffer er¬ 
zählt bekommen. Den 
Job des Vorlesers erledigt 
aufs Trefflichste Bela B, 
der ja bereits auf einige 
Erfahrung als Hörspiel- 
und Hörbuch-Stimme 
zurückblicken kann und 
- was im Hörbuch-Gen¬ 
re nicht immer selbst¬ 
verständlich ist - eine Affinität zum Thema besitzt, was 
sich dadurch ausdrückt, dass all die amerikanischen Per¬ 
sonen- und Ortsnamen ordentlich ausgesprochen wer¬ 
den. Nichts ist schlimmer, als deutsche Schauspieler, die 
ihre Rock’n’Roll-Basics nicht draufhaben ...Auch nicht zu 
unterschätzen: Wo viele Hörbücher reduzierte Kurzfassun¬ 
gen der literarischen Vorlage sind und dadurch einiges an 
Informationen verloren geht, wurde hier vom deutschen 
Übersetzer Michael Widemann nur wenig gekürzt, und an¬ 
gesichts des Detailreichtums des hochgelobten Buches des 
US-Musikjournalisten und -historikers Peter Guralnick 
wäre eine Verkrüppelung auf drei, vier Stunden auch eine 
Frechheit gewesen. Andererseits besteht bei einem Monu¬ 
mentalwerk dieses Umfangs auch die Gefahr der Langat¬ 
migkeit - ein Problem? Mitnichten! Der Reiz von Gural- 
nicks Vorlage besteht in ihrem extremen Detailreichtum, 
und so erfahrt man im ersten Teil dieser Biographie zwar 
sicher nicht alles, aber doch enorm viel über die Jugend des 
Kings und den Beginn seiner Karriere (der zweite Teil der 
Biographie, „Careless Love: The Unmaking of Elvis Pres¬ 
ley“ mit den Jahren von 1958biszuPresleysTod 1977 harrt 
also noch der Umsetzung in ein Hörbuch), und wie bei 
der von Peter Lohmeyer gelesenen Johnny Cash-Bio „Auf 
Kurs“ (ebenfalls Bear Family) wird man schon nach kur¬ 
zer Zeit mitgerissen von der Geschichte. Ich bin alles ande¬ 
re als ein großer Elvis-Fan, weiß ihn eher als Pop-Phäno- 
men zu schätzen als dass ich ihn devot verehre, doch nach 
dieser Biographie empfindet man großen Respekt vor die¬ 
ser Ikone, erkennt seine Größe, gewinnt ein Gespür für die 
Intensität seines Tuns, weiß, was für ein Getriebener, Be¬ 
sessener der aus kleinsten Verhältnissen stammende König 
des Rock’n’Rolls war. Und wenn Bela B im „Klappentext“ 
schreibt „Peter Guralnicks Buch gab mir das Gefühl, Elvis 
näher zu sein als ich es für möglich gehalten hatte. Es war 
manchmal so, als stünde ich direkt neben ihm.", dann kann 
ich das nur unterschreiben. Meisterlich! (10) 

Joachim Hiller 

VOLLPLAYBACKTHEATER 
Blackbeard und das dunkle Geheimnis CD 

Wanted/SPV | Hörspiele sind akustische Impulse, die die 
Phantasie zu einem ganz persönlichen Kopfkino anregen. 
Deshalb liebe ich gute Hörspiele. DAS VOLLPLAYBACK¬ 
THEATER ist seit zehn Jahren aktiv und interpretiert auf 
Bühnen bekannte Hörspiele - allen vorab die berühmten 
Drei ???. Im vergangenen Jahr gab es die erste eigene Hör¬ 
spielgeschichte mit dem Titel „El Diablo und die Rache am 
Teufelsberg“ in Anlehnung an „Die drei ??? und der Teu¬ 
felsberg“. DAS VOLLPLAYBACKTHEATER bedient sich da¬ 
bei bekannter Geschichten und fügt einen eigenständigen- 
Vorspann als Hinführung, Vorgeschichte zur eigentlichen 
Geschichte hinzu. Mit diesem Konzept ging das VOLL¬ 


PLAYBACKTHEATER auch an das zweite Hörspiel „Black¬ 
beard und das dunkle Geheimnis“, das in Zusammenhang 
mit „Die drei ??? und der Super-Papagei“ gebracht werden 
kann. So ergänzen sich die Geschichten»des VOLLPLAY¬ 
BACKTHEATERS mit den bereits bekannten Hörspielen 
der Drei ???. So viel sei zu guter Letzt noch zur Geschich¬ 
te verraten: „Sie schildert die genauen Umstände vom 
schrecklichen Ende des Piratenkapitäns EdwardTeach, ge¬ 
meinhin bekannt unter dem Namen Blackbeard. Ich habe 
das Geheimnis um Blackbeard und dieses Mädchenbildes 
bis in meine letzten Tage aufbewahrt. Jedoch will ich der 
Nachwelt dieses größte Geheimnis der Piraterie nicht vor¬ 
enthalten ...“ - Am liebsten höre ich derartige Geschichten 
im Bett, auch wenn ich Gefahr laufe, dabei einzuschlafen. 
Hörspiele, egal welcher Art finde ich, so spannend sie auch 
sein mögen, extrem entspannend. Einfach klasse. (64:18) 
Simon Brunner 

PATTON OSWALT 
Werewolves And Lollipops CD 

subpop.com/ Cargo | „Ich wusste nicht, dass man um das 
Selbstverständliche bitten muss.“ „Fall tot um!“ „Wir se¬ 
hen uns in der Hölle!“ „Hier stinkt es ganz ekelhaft nach 
Urin. Kümmere dich mal 
drum, ja?“ Machen wir 
uns nichts vor: Die meis¬ 
ten Sätze, die hier in der 
Redaktion gesprochen 
werden, sind Zitate aus 
der amerikanischen Sit¬ 
com „King Of Queens“. 
Zumindest wenn And¬ 
re und ich uns unter¬ 
halten. Es war also nicht 
weiter außergewöhn¬ 
lich, dass wir mit einem 
genau so erschrockenen 
wie erregten „Was zur Hölle ist das?!“ reagierten, als ei¬ 
nes Morgens eine CD eines Mannes namens Patton Oswalt 
hier ankam, der genauso aussah, wie der liebevolle Nerd, 
der in unserer Welt eigentlich nur Spencer Olchin heißt 
und meist „Spence“ gerufen wird. Als Fanboys, die es tat¬ 
sächlich fertig bringen, bei „Futurama“ zu weinen, wenn 
in der einen Folge Frys Hund stirbt, brauchten wir natür¬ 
lich eine ganze Weile, um uns an den Gedanken zu gewöh¬ 
nen, dass es diesen Spence gar nicht wirklich gibt, sondern 
er nur von einem Stand-Up-Comedian gespielt wird, der 
mit „WerewolvesAnd Lollipops“ jetzt einen Mitschnitt sei¬ 
nes Bühnenprogramms veröffentlicht. Doch spätestens als 
Oswalt mit Bekenntnissen wie „My geekiness is getting in 
the way of my nerdiness as I grow older“ unmissverständ¬ 
lich signalisierte, dass in ihm auch ein kleiner „Spencena- 
tor“ steckt, waren wir mit der Realität versöhnt. Und viel¬ 
leicht ist Oswalt ja sogar ein kleines bisschen cooler als der 
unter Übergewicht, Asthma und diversen Allergien leiden¬ 
de Spence. Schließlich mag er FUGAZI, MINOR THRE- 
AT, BAD BRAINS oder PIXIES. Oder ist mit anderen Co- 
medians durch Indie-Rock-Venues getingelt, anstatt durch 
die überteuerten Comedy-Clubs zu touren. Oder hat eine 
Split-Seven-Inch mit den MELVINS veröffentlicht. Und er 
ist vor allem weniger zurückhaltend als Spence. Egal ob es 
nun um George W. Bush („If the Standard for impeachment 
is covering up getting a blow r job (...) than shouldn’t Bush 
been executed at this point? He should have been just be- 
aten to death on the lawn of the White House.“) oder um 
Paris Hilton („She’s a cunt who should die of AIDS.“) geht. 
Der Dialog, der bei „King Of Queens“ zwischen Spence und 
dem sechsjährigen Sohn eines Freundes stattfindet und be¬ 
stimmt auch schon einmal im Ox-Büro zitiert wurde, be¬ 
sitzt also vielleicht auch im Leben von Oswalt Patton Gül¬ 
tigkeit: „Spencenator, bist du der stärkste Mann der Welt?“ 
- „Na ja, die Welt ist verdammt groß. Aber möglich wär’s.“ 
Thomas Renz 





OX-FANZINE 97 










VON UNPOLITISCHEM Ol! ZU GERMANOPHOBEM ELEKTROPOP 

ÄUDIOLITH RECORDS 


Da muss ich mir von Joachim, der alten Wave-Tucke, doch tatsächlich anhören, dass ich meinen Mu¬ 
sikgeschmack öfter wechsle als meine Unterhosen und inzwischen ja nur noch schlechten deutschen 
Dancefloor hören würde. Fakt ist, dass ich früher meinen Musikgeschmack änderte und verbohrt war, 
während ich heute einfach meinen Horizont erweitere und Musik aussortiert wird, die ich für schlecht er¬ 
achte. Wäre das nicht so, hätte ich das Label Audiolith Records niemals kennen gelernt. Besitzer Lars 
Lewerenz startete seine Karriere in diversen Punkbands und bringt jetzt Platten mit Pop- und elektroni¬ 
scher Musik heraus, die mich immer wieder begeistern. Ein Grund, euch den 1977 in Henstedt-Ulzburg 
geborenen und nun in Hamburg-Bahrenfeld ansässigen Labelbetreiber mal vorzustellen und ihn über t 
Vergangenheit und Zukunft auszuquetschen. 


Du hast in den Neunzigern bei einigen Punk- und 
Hardcore-Bands gespielt. Welche waren das genau? 

Mein Vater hat mir eine E-Gitarre gekauft, da ich mich 
geweigert habe, an der verlogenen Veranstaltung namens 
Konfirmationsunterricht teilzunehmen. Mein Vater, selbst 
in diversen Rockbands an der Gitarre tätig gewesen, fand 
das gut und schenkte mir eine rote Yamaha und ein paar 
Unterrichtsstunden bei einem alkoholabhängigen Gitar¬ 
renlehrer, der mir eher Bossanova beibringen wollte, mir 
aber auch die ersten Powerchords zeigte. Der dicke Ver¬ 
stärker war auch schnell am Start und die erste Band fing 
im Juz Bad Bramstedt an zu proben. Hier chronologisch 
die Bands in denen ich gespielt habe: SMEGMA, MARKER 
X SYNDROME, HUMAN STENCH BOMB, LINSAY, KIND- 
LE, FUCK YOU - in den USA mit Steve Aoki. 

Direkt mal zu SMEGMA, da gab es mal die Nachricht, 
dass ihr bei einem Konzert „Immer in die Eier“ von 
ENDSTUFE gecovert hättet, was vielen Leuten natür¬ 
lich übelst aufgestoßen ist. Das ist natürlich lange her, 
aber was war denn wahr daran? 

Das ist nicht nur einigen Leuten übel aufgestoßen. Es gab 
direkt eine Schlägerei, an der auch Freunde von uns be¬ 
teiligt waren. Das Konzert fand 1992 in Wattenscheid im 
Bahnhof mit einer befreundeten Punkband namens LA 
CRY statt. ENDSTUFE zu covern war schon damals nicht 
das Taktvollste und das wussten wir auch; ich war 15, wir 
waren naiv und wir wollten provozieren. Das ist uns ge¬ 
lungen und hallt bis heute nach. Allerdings möchte ich 
hier feststellen, dass es ein spontaner, alkoholisierter Ein¬ 
fall war, der einfach das betrunkene Gegröle von Kon¬ 
zertbesuchern aufgriff. Versuche, SMEGMA damit in die 
rechte Ecke zu drängen, entbehrten jeglicher Grundlage. 
Viel bemerkenswerter als diese pubertäre Episode finde 
ich, dass sich 15 Jahre später Leute an die Band SMEG¬ 
MA erinnern und ich nach einem CLICKCLICKDECKER- 
Konzert mit einem 15-jährigem Skinhead ins Gespräch 
kommen kann, der mir aus dem Stehgreif: „Oi! Oi! Skin¬ 
head wir halten zusammen. Oi! Oi! Punk Politik macht 
uns krank“ vorsingt. Für alle, die SMEGMA nicht ken¬ 
nen: Checkt die Singles: „Gewalt, Hass und Wut“, „Dis¬ 
coqueen“ und das Album „Schrammel Oi!“ auf Scum- 
fuck aus. Das ist der „Skins & Punks united“-Soundtrack 
der Neunziger! 

Wann kam denn der Punkt, an dem Punk für dich mu¬ 
sikalisch nicht mehr so interessant war? 

Ich bin mit Punk sozialisiert worden und hab mich auch 
nie vom Punk abgewendet. Es gibt keinen Einschnitt, an 
dem mein Interesse gewichen ist. Meine generelle Neu¬ 
gier auf Musik hat dann Punkmusik überlagert und ich 
hab angefangen, mich für Hardcore und so weiter zu in¬ 
teressieren. Heute höre ich wahnsinnig gerne elektroni¬ 
sche Musik wie zum Beispiel Drum’n’Bass. Ich mag im¬ 
mer noch gerne Punk, solange er nicht andere Einflüsse 
aussperrt. Jede Musikrichtung hat ihre spezielle Energie, 
die ich mal mehr, mal weniger aufsauge. 

Stelle mal deine Lieblingsacts deines Labels vor und 
welche könnten denn auch verbitterten Alt-Punkern 
Zusagen? 

Lieblingsacts gibt es bei mir nicht. Ich find alles geil! 
THE DANCE INC., JURI GAGARIN, DOS STILETTOS, IN- 
NAWAY, Plemo, FIRESTARTER, RÄUBERHÖHLE, EGO- 
TRONIC, AOSUKE, Miki Mikron, SAALSCHUTZ, CLICK¬ 
CLICKDECKER, BRATZE, DER TANTE RENATE. Haut 
mich was um, bring ich es raus. Das ist mein Leid, aber 
auch mein Vorteil. Ich stehe hinter dem Sound und den 
Leuten, die ich meine Freunde schimpfe. Jeder Act ist in 
seinem Dasein einzigartig. Vergleichen kann man den ei¬ 
nem nicht mit dem anderen. Vielleicht mag es sich für 
verbitterte Alt-Punker alles gleich anhören, da kann ich 
nur in SAALSCHUTZens Worte sagen: „Das ist nicht mein 
Problem!“ Muss aber feststellen, dass ich in letzter Zeit 
viele Leute, die schon lange im Punk-Business sind, tref¬ 
fe und die sich für den elektronischen Sound der Audio- 
lith-Bands interessieren. 

Du veröffentlichst ja auf Vinyl, CD und neuerdings 
auch e-Singles, das heißt, du verkaufst ZIP-Ordner mit 
mp3s, die es in keinem anderen Format gibt. Wie kam 
es zu letztem Schritt, ist das als Joke und technische 
Spielerei gedacht oder siehst du für dich darin das Me¬ 
dium der Zukunft? 

Solange Menschen Vinyl und CDs kaufen werden, wer¬ 
de ich diese Formate in Zusammenarbeit mit den Künst¬ 
lern und Bands hersteilen. Das Album als Endprodukt 
mit Cover, Texten und so weiter in jeglicher Ausführung 
wird immer für Menschen attraktiv bleiben. Daran glau¬ 
be ich fest, aber es wäre ein Todesurteil für jedes Label 
und Künstler, sich die Technik nicht zunutze zu machen. 
Ich meine, wie geil ist das, wenn Leute aus Japan oder 
sonst woher die mp3s ziehen können und auf den Sound 
flashen können? Audiolith Records ist kein multinationa¬ 
ler Konzern, der global den psychischen Tonträger anbie¬ 
tet. Audiolith Records funktioniert in einem Netzwerk, 
das sich stetig vergrößert, somit ist mein Medium der Zu¬ 
kunft das Label, und die Menschen. 

Manche Leute würden deine Bands teilweise als „tras- 
hig“ bezeichnen, da viel Humor dabei ist und mit Kli¬ 
schees gespielt wird. Siehst du das genauso? 


Humor und Trash ist natürlich Teil der Musik und der 
Bands. Jeder Konzertbesucher sieht das Endergebnis ei¬ 
nes mitunter langen Arbeitsprozesses. Sich als Konsu¬ 
ment vor die Bühne zu stellen und darüber zu richten, 
ist eine denkbar komfortable Position. Für mich ist of¬ 
fensichtlich, dass hinter manchem Track und dem Büh¬ 
nenprozess viel Auseinandersetzung mit der Musik und 
dem eigenen Schaffen verborgen liegt. Wenn das dem 
Zuschauer Spaß macht, was das Feedback des Publi¬ 
kums immer wieder beweist; umso besser. Jeder könn¬ 
te ein schwarzes Quadrat malen, aber nur einer hat es 
getan. So ist jeder Audiolith-Künstler manchmal trashig 
und manchmal klischeehaft, aber auf jeden Fall einzig¬ 
artig und Meister seines selbst geschaffenen Faches. Die 
Frage, die sich für mich stellt: Wer macht überhaupt die¬ 
se Zuschreibungen? Ich persönlich bin eher gelang weilt 
von diesem Rockstarmuckerscheiss, den einige Bands da 
draußen abziehen. 

Inwiefern kannst du dich immer mit der politischen 
Meinung deiner Künstler identifizieren? EGOTRONIC 
zum Beispiel werden aufgrund ihrer anti-deutschen 
Gesinnung nicht überall positiv angenommen und 
sorgten für Diskussionen und Gig-Absagen. 

Es gibt keinen Konformitätszwang politischer Art inner¬ 
halb des Labels. Es gibt sicherlich Meinungen, die ich 
nicht akzeptieren werde und die zur Aufgabe der Zusam¬ 
menarbeit führen würden. Ich sehe aber bei keinem mei¬ 
ner Künstler die Gefahr, dass er in solche Sphären abglei¬ 
tet, und das, was einige als anti-deutsche Gesinnung auf¬ 
fassen, halte ich für eine notwendige, kritische Auseinan¬ 
dersetzung mit der Welt, deren Form mich als Labelma¬ 
cher nichts angeht. 

Du bist ja bei CLICKCLICKDECKER der Live-Bassist. 
Du bist also nicht der Knöpfchenschrauber geworden, 
sondern immer noch bei analogen Sounds geblieben. 
Warum? 

Ich so zu Kevin: „Wenn du mal einen Bassisten für deine 
Live-Band brauchst, lass es mich wissen. Ich wäre gerne 


dabei“. Er war einfach so cool und hat mich in die Band 
geholt. So einfach ist das. Hat nichts damit zu tun, dass 
ich unbedingt analog Musik machen wollte. Ich hab mit 
meiner Groovebox einen Track für die Stallone-Compi¬ 
lation von Cobretti Enterprises geschraubt. Ich finde es 
wahnsinnig interessant, was auf digitaler Ebene mög¬ 
lich ist, und ehrlich gesagt, ist es mir egal, ob Musik nun 
analog oder digital hergestellt wurde. Hauptsache, es be¬ 
rührt mich auf irgendeine Art und Weise. 

Was beeinflusst dich heutzutage in deinem kreativen 
Output, welche unbekannten Projekte und Künstler 
möchtest du uns noch ans Herz legen? 

Je mehr ich in diesen Veröffentlichungsdschungel ein¬ 
dringe, desto mehr fange ich an zu verstehen, wie der 
Apparat funktioniert, desto mehr inspiriert mich die ab¬ 
surde Produktplatzierung der Majorfirmen. Ich lerne aus 
Fehlern, die ich selbst oder andere gemacht haben. Der 
Austausch mit den Menschen, die mich umgeben, ist ein 
ausschlaggebender Punkt, um die Zukunft zu.gestalten. 
Am Anfang hab ich Platten gepresst und bei Eintreffen 
des Materials war Veröffentlichungstermin. Heute bedin¬ 
gen meine Situation und die der Bands, dass wir mehr 
denn je an einem Strang ziehen müssen, versuchen, best¬ 
möglich zu koordinieren, um auf allen Ebenen am Start 
zu sein. Audiolith veröffentlicht im Frühjahr drei Alben 
von Künstlern, die von Anfang an dabei sind. Plemo hat 
im März mit seinem zweitem Album „Exzess Express“ 
ein abwechslungsreiches ElektroPopRave-Album abgelie¬ 
fert. DER TANTE RENATE kam mit dem Zweitwerk „Sim¬ 
plex“ im April auf dem Rave-Olymp geritten. Die Band 
um Jan Elbeshausen, THE DANCE INC., die musikalische 
Initialzündung für Audiolith Records, kommt im Mai mit 
ihrem Debütalbum „Legs And Arms“ raus. Diese drei Al¬ 
ben sind jeden Menschen, der von sich sagt, er mag Mu¬ 
sik, von meiner Seite aus an Herz und Ohr gelegt. Und 
für den Herbst sind neue Albumveröffentlichungen von 
EGOTRONIC und BRATZE geplant. 

Timbo Jones audiolith.net 


OX-FANZINE 98 







!M MAUL DES WOLFES 

MURDER BY DEATH 


Mit der Musik von MURDER BY DEATH verhält es sich ähnlich wie mit ihrem Namen. Zunächst hält man 
das Ganze vielleicht für übertrieben grimmig und pathetisch, aber bald darauf erkennt man, dass hier ein 
doppelter Boden im Spiel ist. Benannt haben sie sich nach einer Kriminalfilmparodie von 1976, und ihr 
Metier ist verschrobener Indierock, den neben Country-Einflüssen und dem Einsatz eines Cellos vor al¬ 
lem auszeichnet, wie perfekt Musik und Texte ineinander greifen. Sicher handeln die meisten ihrer Lieder 
von wenig lebensfrohen Themen, aber es geht hier nicht um die Pflege eines möglichst düsteren Images, 
sondern um das Erzählen von atmosphärisch dichten, unterhaltsamen (Grusel-)Geschichten. An einem 
der ersten schönen Tage des Jahres saß mir vor dem Kölner Gebäude 9 Adam Turla gegenüber, der ganz 
und gar nicht finstere Kopf der Band ... 


Ihr seid zum ersten Mal in Deutschland, oder? 

Ja, innerhalb von Europa waren wir bisher ausschließlich 
in England. Gestern hatten wir unsere erste Deutschland- 
Show in Bremen für eine Radiosendung in einer Konzert¬ 
halle. Das war ziemlich schick - bestuhlt, ausverkauft und 
vor vielen Leuten unterschiedlichen Alters. Von der Atmos¬ 
phäre her ähnelte es eher einem klassischen Konzert als ei¬ 
ner Rockshow. Wir haben dann ein Set aus unseren langsa¬ 
meren Liedern gespielt; heute Abend wird es etwas mehr 
Rock’n’Roll geben. Uns gefällt es in Europa bisher sehr gut, 
da es so viele historische Orte gibt, die wir besichtigen 
können, wenn wir etwas Freizeit haben. Wir sprechen in¬ 
nerhalb der Band auch einige Sprachen, so dass wir bisher 
keine Probleme damit hatten, uns zu verständigen. 

Euer neues Album trägt mit „In Bocca Al Lupo“ ja nun 
auch einen italienischen Namen und es gibt eine ältere 
Platte von euch, die „Konrad Friedrich Willhelm Zim¬ 
mer“ heißt. Wer ist das denn? 

Es ist ziemlich lustig, dass du ausgerechnet darauf zu spre¬ 
chen kommst. Das war damals nur eine kleine Split-CD mit 
einer befreundeten Band. Allerdings wird der Besitzer des 
Labels, auf dem die Scheibe damals erschienen ist, heu¬ 
te Abend auch auf das Konzert kommen. Konrad Friedrich 
Willhelm Zimmer war sein Großvater und er ist auch der 
Mann, der auf dem Cover der Platte zu sehen. Er ist leider 
während der Aufnahmen verstorben, weswegen wir ihm 
dann die Platte gewidmet haben. Besagter Freund hat sein 
Haus geerbt und dort wohnt er jetzt, keine 45 Minuten von 
hier. Konrad Zimmer war Tierpräparator und so wird unser 
Freund nachher ein paar ausgestopfte Tiere als zusätzliche 
Dekoration für die Bühne mitbringen. 

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist „In Boc¬ 
ca Al Lupo“ in Eigenregie erschienen; trotzdem seid ihr 
auf der Suche nach einem neuen Label. 

Es war gar nicht so richtig unser eigenes Label, auf dem 
die Platte erschien. Warner Brothers hat uns die nötigen 


Mittel zur Verfügung gestellt, um die Platte auf diese Wei¬ 
se herauszubringen. Es war ein Experiment, das von An¬ 
fang an nur für dieses eine Album geplant war. Wir wollten 
etwas Neues ausprobieren und alles nach unseren eigenen 
Vorstellungen angehen. Außerdem waren wir von keiner 
der anderen Optionen, die sich uns damals boten, wirk¬ 
lich begeistert. Vieles hat sehr gut funktioniert, aber ande¬ 
res war auch anstrengend. Diesmal wird das sehr viel ein¬ 
facher, nachdem sich gleich mehrere sympathische Labels 
interessiert zeigen. 

Was habt ihr anders gemacht als bei den Vorgängern? 

Aufgenommen haben wir diesmal in Baltimore mit J Rob- 
bins als Produzent, der auch schon mit Bands wie JETS TO 
BRAZIL und AGAINST ME! gearbeitet hat. Er ist wirklich 
großartig. Nach den Aufnahmen bestand er darauf, nur als 
Koproduzent aufgeführt zu werden, weil er unsere eige¬ 
nen Ideen und Anstrengungen würdigen wollte. Auch in¬ 
haltlich sind wir etwas anders vorgegangen. Das letzte Al¬ 
bum „WhoWill Survive, And What Will Be Left OfThem?“ 
war ein klassisches Konzeptalbum mit einer durchgehen¬ 
den Story. Es ging um den Teufel, der in einer Barschie¬ 
ßerei in einem mexikanischen Städtchen niedergeschossen 
wird und sich dann bitter rächt. Das neue Album „In Boc¬ 
ca Al Lupo“ dagegen enthält zwölf Songs mit jeweils völlig 
unterschiedlichen Geschichten und Protagonisten, die al¬ 
lerdings alle um die Themen „Sünde“ und „Moral“ krei¬ 
sen. Es gibt also keine verbindende Story, dafür aber ein ge¬ 
meinsames Thema. 

Beim letzten Album ging es also um den Teufel und bei 
diesem um „Sünde“. Du scheinst ein Faible für religiö¬ 
se Motive zu haben... 

Stimmt! Ich habe früher Religionswissenschaft und Eng¬ 
lisch studiert, so lag es nahe, beides zu kombinieren, in¬ 
dem ich mich für meine Geschichten bei Bildern aus dem 
Bereich der Religion bediene. Ich schreibe gerne Myste¬ 
riöses und Phantastisches, dafür stellt etwas, das so durch 


und durch irrational ist wie Religion, eine gute Inspirati¬ 
onsquelle dar. 

Dann bist du also nicht religiös? 

Ich lese zwar viele religiöse Texte und bin sehr interessiert 
an der Materie, aber ich bin nicht gläubig. Je mehr du dich 
mit den unterschiedlichen Religionen wissenschaftlich be¬ 
schäftigst, desto idiotischer kommt es dir vor, eine davon 
tatsächlich zu praktizieren. 

Versucht ihr eigentlich auch live umzusetzen, dass viele 
eurer Songs miteinander verknüpft sind? 

Als „WhoWill Survive ...“ herauskam, haben wir auf Kon¬ 
zerten das Album von Anfang bis Ende durchgespielt und 
dann die älteren Songs als Zugaben beziehungsweise als 
ein zweites Set. Mit dem neuen Album variieren wir häu¬ 
figer. Trotzdem verwenden wir viel Zeit darauf, eine aus¬ 
gewogene Abfolge der Songs zu finden. Wir spielen klei¬ 
ne Folgen zusammenpassender Songs und versuchen so 
die Stimmung im Publikum erst in die eine, dann wieder 
in eine andere Richtung zu beeinflussen. Manchmal geht 
man auf ein Konzert und langweilt sich, weil alles zu sehr 
in die gleiche Kerbe schlägt, das wollen wir auf jeden Fall 
vermeiden. * 

Hast du nie das Bedürfnis, über etwas zu schreiben, das 
mehr mit deiner Lebensrealität zu tun hat? 

Nein, eigentlich nicht, aber ein paar der Songs haben mehr 
mit meinem eigenen Leben zu tun, als man vielleicht den¬ 
ken würde. Ich kann nicht viel mit Songwritern anfan¬ 
gen, die den lieben langen Tag von sich selbst erzählen. 
Für manche mag das ja ganz gut funktionieren, aber ich 
persönlich bin einfach nicht so veranlagt. Ich interessie¬ 
re mich für Literatur und finde es wesentlich spannender, 
ausgedachte Geschichten zu erzählen, schon allein, weil es 
seltener gemacht wird. 

Welche Art von Literatur interessiert dich denn? 

Mein Lieblingsautor ist wohl Gabriel Garcia Märquez. Lei¬ 
der spreche ich kein Spanisch, ich würde seine Bücher ger¬ 
ne im Original lesen können. Er schreibt in einem Stil, 
der sich „magischer Realismus“ nennt und sich dadurch 
auszeichnet, dass er phantastische Elemente in ansonsten 
sehr alltagsnahe Geschichten einbindet. Märquez ist si¬ 
cher ein großer Einfluss. Von den englischsprachigen Lite¬ 
raten sind mir Ernest Hemingway und John Steinbeck am 
liebsten. Was ich an Hemingway mag, ist, dass es in seinen 
Geschichten weder einen richtigen Anfang noch ein Ende 
gibt, er versetzt dich einfach in eine bestimmte Situation, 
das hat mich ebenfalls sehr geprägt. 

Erzähl doch bitte etwas über die Anfänge der Band. 

Die waren ziemlich unspektakulär. Wir haben einfach bei 
einem gemeinsamen Besäufnis festgestellt, dass jeder von 
uns ein Instrument spielt. Wenig später spielten wir bei 
einem unserer ersten Auftritte in einem anarchistischen 
Buchladen zusammen mitTHURSDAY vor etwa 20 Leuten. 
Nach der Show fragten uns THURSDAY, ob wir nicht eine 
Platte auf ihrem Label herausbringen möchten, aber wir 
sagten ihnen, dass wir einfach noch nicht genügend Songs 
hätten. Sechs Monate später waren THURSDAY plötzlich * 
riesig, was für uns sehr überraschend kam. Diese Art von 
Musik war bei uns in Indiana nicht sehr populär und ist es 
auch heute noch nicht wirklich. Jedenfalls gaben sie uns 
das Geld für unsere erste Platte und verhalfen uns zu etwas 
Aufmerksamkeit. Wir begannen uns als eine richtige Band 
zu fühlen und beschlossen, das Studium für eine Weile ru¬ 
hen zu lassen. Ursprünglich wollten wir damals alle noch 
seriöse Jobs ergreifen. Das ist jetzt fünf, sechs Jahre her und 
wir haben seither nichts anderes mehr gemacht. Wir sind 
nicht überragend erfolgreich, aber nachdem wir ständig 
auf Tour sind, reicht es, um davon leben zu können. 

Wie war das, als ihr euch ganz am Anfang auf ein grobes 
Konzept für die Band einigen musstet? 

Wir haben alle ganz unterschiedliche Geschmäcker und 
haben uns eigentlich gar keine Gedanken darüber ge¬ 
macht; wir hatten einfach Spaß daran, zusammen Musik zu 
machen. Vielleicht ist die Band aber auch gerade deswegen 
etwas Einzigartiges. Unsere Cellistin Sarah hört hauptsäch¬ 
lich klassische Musik, Soul und Rock’n’Roll. Matt, der Bas¬ 
sist, steht auf MOGWAI, GODSPEEDYOU! BLACK EMPER- 
OR und EXPLOSIONS IN THE SKY. Ich dagegen mag Tom 
Waits, die ANMIALS und ebenfalls sehr gerne Soul. 

Dafür klingt eure Musik aber sehr stimmig... 

Wir haben eine Weile gebraucht, um dahin zu kommen, 
wo wir jetzt sind. Das allererste Album klang noch ganz an¬ 
ders, viel weniger einheitlich. Wir hatten ja nicht geplant, 
eine Platte aufzunehmen. Wir hatten neun Songs zu dem 
Zeitpunkt und sind dann eben mit denen ins Studio. Aber 
es gibt Leute, die das Album trotzdem gut finden ... 

Kommt ihr denn generell gut an zu Hause in Indiana? 

Wir leben ja in Bloomington, einer sehr kleinen, aber auch 
sehr trendbewussten Studenten-Stadt. Die Leute da ste¬ 
hen hauptsächlich auf obskuren Indierock und ausgewähl¬ 
te Americana-Bands. Für den vorherrschenden Geschmack 
dort sind wir wohl etwas zu düster und ich glaube, die 
meisten würden uns nicht unbedingt zu den „coolen 
Kids“ rechnen. Aber unsere Konzerte in der Heimat sind 
immer sehr schön und irgendwie sind die meisten wohl 
auch stolz, dass wir Bloomington ein wenig in der Welt 
bekannt machen. 

Ferdinand Praxi mmderbydeath.com 


OX-FANZINE 99 

















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BILLY TALENT haben sich mittlerweile von einer ehemaligen Supportband der BEATSTEAKS zu wah¬ 
ren Rockgrößen gemausert, haben dieses Jahr zwei Echos gewonnen und spielen in den richtig großen 
Hallen. Das alles allein in der Zeit zwischen ihrem ersten und ihrem zweiten Album, wohlgemerkt. Sind 
BILLY TALENT also jetzt, nach dem überragenden Erfolg ihres zweiten Albums, „Billy Talent II“ zu total 
abgehobenen Superstars mutiert? Ich habe im Interview mit Sänger Ben und Drummer Aaron versucht, 
das herauszufinden ... 


Warum seid ihr schon wieder in Deutschland auf 
Tour? Ihr wart ja vor fünf Monaten erst hier ... 

Ben: Wir lieben Deutschland! Wir waren gerade in Kana¬ 
da auf Tour, jetzt sind wir in Europa unterwegs, nicht nur 
in Deutschland, wir waren für ein Konzert in England, 
wir haben in Österreich gespielt, wir hatten drei Shows 
in Frankreich, außerdem in Dänemark, Schweden, Spani¬ 
en und jetzt sind wir noch einmal nach Deutschland zu¬ 
rückgekommen und dann geht es nach Amerika. Wir wa¬ 
ren also drei Monate in ganz Europa unterwegs. 

Wie habt ihr so ein großartiges Album hinbekom¬ 
men? 

Ben: Haha. Danke. Ians Songwriter-Begabung hat sich 
verbessert, unsere musikalischen Fähigkeiten haben sich 
verbessert und wir haben uns einfach den Arsch aufge¬ 
rissen. Wir haben jeden Tag viele Stunden daran gear¬ 
beitet, es zu dem besten Album zu machen, das wir ma¬ 
chen konnten. Wir haben unser Bestes gegeben und freu¬ 
en uns, dass es den Leuten gefällt, denn darum geht es. 
Was denkt ihr, warum seid ihr schon mit eurem ersten 
Album so bekannt geworden? 

Ben: Ich hab keine Ahnung. Wir verstehen eigentlich 
überhaupt nicht, was gerade los ist, wir schätzen es aber 
sehr und versuchen, es solange zu genießen, wie es dau¬ 
ert. 

Aaron: Ich denke, es liegt an der unglaublichen Präsenz 
und dem scharfen Verstand unseres Bassisten Jon. Das ha¬ 
ben wir alles nur ihm zu verdanken. 

Wer hat euch damals eigentlich entdeckt? 

Ben: Jenn Hurst, ein Mädel, das für Warner Music in Ka¬ 
nada arbeitete und mit mir zusammen gewohnt hat. Sie 
war die Erste, die je an uns geglaubt hat. Und ich habe nie 
mit ihr geschlafen. Niemals. Nicht, dass die Leute nach¬ 
her denken, ich hätte mich hochgeschlafen ... 

Man hört eurer Musik an, dass ihr Punkrock/Hardco- 
re-Einflüsse habt. Stimmt das und inwiefern ist euch 
das heute noch wichtig? 

Ben: Wir lieben definitiv viele Punkbands und wir mö¬ 
gen viele Elemente des Hardcore. Aber andererseits mö¬ 
gen wir auch Reggae und HipHop und klassischen Rock. 
Wir sind von so vielen verschiedenen Musikstilen beein¬ 
flusst worden, so dass es schwierig ist, zu sagen, dass wir 
nur eine Punkrock- oder Hardcore-Band sind. Ich denke, 
wir sind in erster Linie eine Rockband, die HipHop, Reg¬ 
gae und Punkrock wirklich sehr liebt. 

Was ist euer Lieblings Punk- oder Hardcore-Album? 
Aaron: „The Shape Of Punk To Come“ von REFUSED ist 
etwas ganz Besonderes. „White Pony“ von den DEFTO- 
NES ist mein Lieblingsalbum. 

Ben: Punkrock? Mein Lieblings-Punkrock-Album? Ich 
würde sagen „London Calling“ von THE CLASH, wenn 
das Punkrock ist. Und mein liebstes Hardcore-Album ist 
... ich würde sagen REFUSED, aber ist das Hardcore? Ist 


das Punkrock? „The Shape Of Punk To Come“. Oder das 
erste Album von RAGE AGAINST THE MACHINE. 

In „Where is the line“ singst du: „Where is the line bet- 
ween your fashion and your mind“. Geht es hier um 
Modepunker? Und: denkst du nicht, dass solch ein 
Trend auch euch geholfen hat, berühmt zu werden? 
Ben: Es geht in dem Song nicht um Modepunker, son¬ 
dern um ein Magazin in Toronto, das uns niemals unter¬ 
stützt hat, und über die Leute, für die dieses Magazin wie 
eine Bibel ist. Ich mag Mode, man sollte nur in einer be¬ 
stimmten Szene die Mode nicht Überhand nehmen lassen 
und dabei vergessen, worum es eigentlich geht. Wenn du 
ein Arschloch bist, ist es egal, was du anziehst. Ich höre 
viele verschiedene Arten von Musik und mein Kleidungs¬ 
stil veranschaulicht nicht notwendigerweise, was für ein 
Mensch ich bin. 

Findest du, dass junge Leute leidenschaftlicher sein 
und ihre Köpfe vielleicht für mehr als schicke Frisuren 
gebrauchen sollten? 

Ben: Ja, aber ich denke auch, dass es im Moment nicht 
wirklich viel Inspirierendes gibt. Jugendliche haben kei¬ 
ne Vorbilder mehr. Es gibt keine großen Menschen, die 
einen Weg aufzeigen. 

Aaron: Es gibt keine Martin Luther Kings mehr. 

Ben: Ja, es gibt keine Leute, die uns inspirieren und uns 
zu etwas anspornen, die Jugend richtet sich mehr nach 
innen und finden diese Kraft in sich selbst. Ich denke, 
dass die Jugend heute so privilegiert ist, was den Zugang 
zu Informationen betrifft, dass sie versuchen können, 
sich selber zu erziehen und schon in einem jungen Alter 
gute Menschen werden. Ich denke, das ist sehr wichtig. 
Meinst du, dass sie ihre Möglichkeiten zu wenig nut¬ 
zen? 

Ben: Ich denke, dass die Leute das vielleicht alles noch 
nicht ganz begreifen. Vielleicht schätzt man das erst mit 
dem Alter wirklich. Die Kids, die zu unseren Shows kom¬ 
men und mit denen wir manchmal nach der Show re¬ 
den, sind wirklich intelligente, gute Menschen. Und das 
ist heutzutage wirklich wichtig. 

Wie wart ihr, als ihr jung wart? 

Ben: Das genaue Gegenteil! 

Aaron: Ja, das stimmt. Ich bin nur mit meinem Fahrrad 
rum gefahren und hab mit meinen Freunden Musik ge¬ 
macht. Ich hab mich eigentlich für nichts anderes inte¬ 
ressiert. 

Ben: Ja, ich hab mich hauptsächlich für Mädchen und 
Nicht-zur-Schule-gehen interessiert. Und in meiner Band 
singen. 

Aaron: Wenn du mein Sohn wärst, wäre ich so ent¬ 
täuscht ... 

Ben, haben die anderen Mitglieder der Band ein Mit¬ 
spracherecht bei den Lyrics oder bestimmst du ganz al¬ 
leine, was du schreiben willst? 


Ben: Aaron und Jon helfen mir oft dabei. Ich präsentie¬ 
re ihnen meine Ideen, rede mit ihnen darüber und dann 
setze ich mich mit Ian hin und wir basteln die Songs zu¬ 
sammen. Im Grunde ist jeder an allem beteiligt. 

Bist du schon mal mit einer Idee oder einem fertigen 
Text um die Ecke gekommen, bei dem der Rest der 
Band gesagt hat: Oh, Gott, nein! 

Ben: Haha. Ja! Also, es ist dann mehr so, dass ich sage: 
Hey, das ist doch cool! Und die anderen sagen: Nein, ist 
es nicht! Und ich: Na gut ... Und dann lassen wir es. 
Aaron: Wir setzen uns schon damit auseinander, aber 
es ist nicht so, dass es irgendwas gibt, worüber wir Ben 
nicht reden lassen würden. Es gibt zwar Sachen, die al¬ 
bern klingen, aber wenn sie wichtig sind, was sie eigent¬ 
lich immer sind ... 

Ben, ich hab ein Interview mit dir auf der Homepage 
von PETA2 gelesen. Findest du, dass es für eine Band 
wichtig ist, politische beziehungsweise ethische Ver¬ 
antwortung zu übernehmen? 

Ben: Ich denke nicht, dass es für jede Band zwingend 
notwendig ist. Ich meine, manche Bands singen darü¬ 
ber, Party zu machdn und sich jeden Tag zu betrinken, 
manche singen über politische Themen. Wir sind so in 
der Mitte. 

Ihr betrinkt euch jeden Tag und singt über Politik. 

Ben: Haha, genau. Nein, aber man sollte über alles reden 
können, über Politik, die Umwelt ... Im Grunde geht es 
nur darum, ein guter Mensch zu sein, andere Menschen 
mit Respekt zu behandeln und unsere Unterschiedlich¬ 
keiten zu schätzen und sich gegenseitig zuzuhören. Ich 
denke, dass das sehr wichtig ist. Aber ich finde nicht, dass 
es für jede Band notwendig ist, das muss jeder selbst ent¬ 
scheiden. 

Wenn du also in einer Band wärst, die sich nicht öf¬ 
fentlich für solche Sachen einsetzen würde, würdest 
du das als Privatperson tun? 

Ben: Ich denke ... Ich dachte eigentlich immer, dass ich 
mich mehr für die Gemeinschaft einsetzen und damit in 
meiner Nachbarschaft anfangen sollte, aber ich hab so 
wenig Zeit. 

Was würdest du da machen wollen? 

Ben: Oh, in meiner Nachbarschaft gibt es eine Organi¬ 
sation, die etwas dafür tut, dass sich die direkte Umge¬ 
bung, in der man lebt, verbessert. Sie unterstützen unse¬ 
ren kommunalen Abgeordneten und arbeiten, um Dinge 
auf Bundesebene zu verändern. Da würde ich gerne mit¬ 
machen. Ja, ich denke, dass die Welt besser sein könn¬ 
te, wenn jeder ein bisschen weniger über sich selbst und 
mehr über andere Menschen nachdenken würde. 

Aaron: Ich denke, dass es sich immer lohnt, wenn man 
sich für irgendwas einsetzt. Ich hab die letzten, mittler¬ 
weile anderthalb Jahre wirklich hart gearbeitet, um ei¬ 
nen Stipendiums-Fond für junge Leute mit MS aufzubau¬ 
en und vor einem Monat wurde er vorgestellt. Es ist ein 
gutes Gefühl, der Gemeinschaft etwas zurückgeben zu 
können. 

Haben die Fans euch eigentlich dazu bewegt, „Wa- 
toosh!“, das Album eurer Vorgängerband PEZZ, zu 
rereleasen? 

Aaron: Ja. Wir haben mitgekriegt, dass wirklich viele 
Leute das Album hören wollten und wir haben uns ent¬ 
schlossen, es in Deutschland und auf unserer Website in 
Kanada zu veröffentlichen. Es haut mich um, dass die 
Leute das Album wirklich hören wollen. Etwas, das wir 
vor fast acht Jahren aufgenommen haben. Es überrascht 
uns, aber es ist ziemlich cool. Wir haben fünfhundert 
gemacht, 420 verschenkt, vielleicht fünfzig verkauft und 
dreißig verloren ... 

Wie gefällt es den Fans? 

Ben: Manche mögen es, andere verstehen es nicht wirk¬ 
lich. Das ist was ganz anderes als BILLY TALENT, es ent¬ 
hält viele verschiedene Musikstile. Wir wollten den Leu¬ 
ten zeigen, wie wir angefangen haben, so dass sie einen 
Referenzpunkt haben. Wo unsere Musik einmal enden 
wird, werden wir sehen. 

Aaron: Manche Leute wünschen sich, dass wir Songs von 
diesem Album live spielen, was wir nicht tun werden. 
Aber die Leute wollen es hören. 

Ben: Wir haben es nicht unter dem Namen BILLY TA¬ 
LENT veröffentlicht, weil es nicht wirklich BILLY TA¬ 
LENT ist, es sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit auf die¬ 
ses Album gerichtet werden. Es ist ein Stück aus unserer 
Vergangenheit, aber wir blicken jetzt in die Zukunft. 

Ihr habt allerdings seitdem keinen Wechsel in der Be¬ 
setzung der Band gehabt. 

Ben: Nein, niemals. 

Wie stellt ihr euch die Zukunft vor? 

Ben: Ich freu mich darauf, wieder ins Studio zu gehen 
und das nächste Album aufzunehmen. Wir sind jetzt 
noch fünf Monate mit diesem Album auf Tour, dann sind 
wir fertig, wir waren dann für zehn Monate auf Tour. Ja, 
ab ins Studio, Billy Talent III. 

Das letzte Album ist ja gerade erst raus ... 

Ben: Ja, lass uns ein Neues machen ... Wir fangen im Sep¬ 
tember an, dafür zu schreiben, und dann werden wir 
weitersehen. 

Nadine Maas billy-talent.de 


OX-FANZINE 101 






GANG GREEN/JERRY’ S KIDS 



Boston ist bekannt für seine Vielzahl exzellenter Bands, die die Stadt im Laufe der Jahre hervorgebracht 
hat. Eine ziemlich Berüchtigte ist mit Sicherheit GANG GREEN, die sich 1980 formierte, nach dem Re¬ 
lease ihrer ersten Single „Sold Out“ 1983 wieder auflösten und sich nach einem kurzen Gastspiel von 
Sänger und Gitarrist Chris Doherty bei JERRY’S KIDS 1985 endgültig zusammenrauften, um ihre ganz 
eigene Mischung aus Punk und Party der Welt nahe zu bringen. Drogen und Alkohol waren und sind, 
neben einer nie endenden Adoleszenz, die wichtigsten Inspirationsquellen für die Band, die sich dem¬ 
nächst anschickt, ein neues Album einzuspielen. Keiner Wunder also, dass Chris Doherty sich mit den 
Worten „Hallo, ich bin Chris. Willst du ein Bier?“ vorstellt. Und GANG GREEN würden ihrem Ruf nicht 
alle Ehre machen, wenn es an diesem Samstagabend in der Lintfabrik in Belgien bei diesem einen Bier 
geblieben wäre. 


Kannst du etwas zu den Gründen sagen, warum die 
erste Show dieser Tour in Schweinfurt ausfiel? 

Tut mir Leid für alle, die uns in Schweinfurt sehen woll¬ 
ten, aber es gab auf der Reise gewisse Komplikationen. 
Als wir die Flüge buchten, gab es keine direkte Verbin¬ 
dung mehr zwischen Boston und Frankfurt und so flo¬ 
gen wir über Detroit. Die Maschine war spät dran und 


wir mussten in knapp zwanzig Minuten bei unserem 
Gate sein, um den Anschlussflug nicht zu verpassen. 
Nun ist aber Detroit ist die Eishockey-City schlechthin 
in den USA, und auf dem Weg zum Gate sahen wir eine 
Bar mit dem Namen „SlapShots“, benannt nach dem Film 
mit Paul Newman, von dem auch die Bostoner Straight 
Edge-Band SLAPSHOT ihren Namen hat. Obwohl wir 


zeitgleich über Lautsprecher bereits ausgerufen wurden, 
mussten wir da natürlich erst mal Station machen und ei¬ 
nen Kurzen trinken, die ich, ganz Businessman, mit mei¬ 
ner Kreditkarte bezahlte. Das war ein Fehler, denn ob¬ 
wohl wir den Flieger noch erreichten, kam, gerade als 
wir uns hinsetzten, Flugbegleiter Bobbie auf mich zu und 
meinte: „Sir, ein Mitglied der Crew hat einen auffälligen 
Alkoholgeruch bei Ihnen feststellen können. Haben Sie 
etwa schon getrunken?“ Ich gab reumütig zu, einen Te¬ 
quila getrunken zu haben und bekam als Antwort, dass es 
als Konsequenz keinen Tropfen Alkohol mehr auf diesem 
Flug geben würde. Genervt schaltete ich meinen porta¬ 
blen DVD-Player ein, was nicht die beste Idee war, wie 
sich sogleich herausstellte, denn noch war es strengstens 
verboten, elektronische Geräte an Bord zu benutzen, da 
wir gerade erst abgeflogen waren. Bobbie war außer sich 
und holte Verstärkung. Er und der Co-Pilot bliesen uns 
gehörig den Marsch und drohten, den Flieger umgehend 
zum Flughafen zurückzubringen, um uns wieder abzu¬ 
setzen. Schließlich dachten wir, wir hätten es geschafft, 
aber nachdem wir Bobbie weiter drangsalierten, kam 
plötzlich die Durchsage, dass das Flugzeug aus adminis¬ 
trativen Gründen nach Detroit zurückkehren müsse. Die 
anderen Fluggäste waren außer sich und wir saßen dar¬ 
aufhin vierundzwanzig Stunden in Detroit fest. Gut, dass 
wir noch einen Supermarkt auftrieben, der uns nachts 
um eins noch Bier verkaufte! 

Du hast eine Zeitlang auch bei JERRY’S KIDS Gitarre 
gespielt, bist dann aber ausgestiegen und hast GANG 
GREEN wieder ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? 

Nachdem ich eine Weile für fast jede Band in Boston den 
Gitarrenpart übernommen hatte, wollte ich etwas Eige¬ 
nes auf die Beine stellen. Ich schloss mich aber zunächst 
DRUNKS AGAINST BAD MOTHERS an, wo ich Walter, 
unseren jetzigen Drummer kennen lernte. Ihre Songs wa¬ 
ren alle schlecht. Bis auf „Alcohol“. Von dem existierte 
bereits das allseits bekannte Riff, ein geeigneter Text fehl¬ 
te aber noch gänzlich. Eines Nachts saßen wir im Jum- 
ping Jack Flash, einer Spelunke in Boston, und voll wie 
wir waren, einigten wir uns kurzerhand auf den Namen 
GANG GREEN und schmissen unseren Sänger raus. Alec 
Peters, unser Manager und Promoter, hatte mich schon 
lange davon überzeugen wollen, etwas auf die Beine zu 
stellen. Zusammen mit ihm kam ich auch auf die Idee, 
das Budweiser-Logo für GANG GREEN zu übernehmen, 
als wir es in einer Bar auf einer Serviette entdeckten. 

Aus eurer Vorliebe für Budweiser habt ihr nie einen 
Hehl gemacht. Hat euch die Brauerei eigentlich jemals 
Geld für eure Promotion gezahlt? 

Es gab mal Gespräche mit Vertretern von Anheuser- 
Busch, dem Mutterkonzern. Aber nein, Geld haben die 
leider nie lockergemacht. Und dass, obwohl wir ihnen 
jahrelang treu geblieben sind! Das soll sich jetzt aber än¬ 
dern, denn wir suchen gerade einen Biersponsor für die 


A KID WILL HAVE HIS SAY 

JERRY’S KIDS 

JERRY’S KIDS waren einer der ersten HC-Outfits aus Boston überhaupt. Zusammen mit Bands wie SSD, 
THE FREEZE oder GANG GREEN manifestierten sie Anfang der 80er einen Musikstil, der schon bald ty¬ 
pisch sein würde für die amerikanische Ostküste. Schnell, rauh und kompromisslos. Mit ihrem Album 
„Is This My World?“, das 1983 als letztes Album überhaupt auf dem legendären Bostoner Label X-Claim 
erschien, und auf dessen Cover übrigens, genau, Gitarrist Bob Cenci abgebildet ist, schufen JERRY’S 
KIDS einen bis heute oft kopierten HC-Meilenstein. Grund genug, eben jenem Bob Cenci, der gerade 
mit GANG GREEN ein Hand voll Shows in Europa spielte, Platz für einen persönlichen Rückblick auf die¬ 
se prägende Band einzuräumen. Vorhang auf. Hier nun die Geschichte von JERRY’S KIDS aus der Sicht 
von Gitarrist Bob Cenci. 



Ungefähr 1980 fingen Rick Jones, Chris Doherty und ich 
an, Musik zu machen. Im Sommer des Jahres 81 spiel¬ 
ten wir dann die erste Show. Wir kommen alle aus Brain- 
tree, einem kleinen Ort in Massachusetts. Unser primä¬ 
res Ziel war daher, eine Show in Boston, der nächstgrö¬ 
ßeren Stadt, zu spielen. Das war der Beginn von dem, was 
später als Boston Hardcore bezeichnet werden sollte. An 
der Westküste gaben zur gleichen Zeit BLACK FLAG und 
CIRCLE JERKS ihre ersten Shows. Wir hörten damals aber 
zunächst viel englische Musik, Bands wie G.B.H. oder DI¬ 


SCHARGE., die neben BLACK FLAG den wohl größten 
Einfluss auf den JERRY’S KIDS-Sound hatten. Unser ur¬ 
sprünglicher Sänger Bryan, der Bruder von Rick Jones, 
fiel während eines Showtumults so unglücklich von der 
Bühne, dass er sich ein Bein brach, woraufhin Rick das 
Mikro übernahm, da Bryans Eltern ihm kurzerhand ver¬ 
baten, in einer Punkband zu singen. 

Nach den ersten Shows ging alles ziemlich schnell. Meist 
spielten wir All-Ages-Konzerte, die nachmittags im Media 
Workshop oder dem Gallery’s stattfanden. Es ging haupt¬ 
sächlich um Musik, Alkohol durfte so früh ja nicht aus¬ 
geschenkt werden. Straight Edge waren wir aber nicht. 
Ich hatte bis dato auch noch nie davon gehört. Mir mach¬ 
ten diese kurzen Haare und der militante Skinhead-Look, 
der sich damals in Boston ausbreitete, eher Angst. Einen 
Dresscode kannten wir nicht. Wir trugen ganz normale 
Turnschuhe und T-Shirts, das war’s. Bands wie SSD oder 
NEGATIVE FX nahmen das Ganze da schon ernster. 

In Boston gab und gibt es immer noch Newbury Comics, 
einen Comicshop, der damals das Label Modern Method 
ins Leben rief, um die aktuelle Bostoner Musikszene über 
die Grenzen der Stadt hinaus bekannt zu machen. Ihr ers¬ 
tes Release war eine Single von der Band THE OUTLETS, 
wo Walter, heute am Schlagzeug von GANG GREEN, mit¬ 


mischte, was aber eher in die Richtung Rock ging. Irgend¬ 
wann rief mich Chris Doherty, damals noch bei GANG 
GREEN, an und spielte mir die erste BLACK FLAG-Sing- 
le am Telefon vor. Nie hatten wir eine Band gehört, die 
so schnell spielte! Das war unsere Herausforderung, denn 
wir wollten noch schnellere Musik machen. So fing die 
Rivalität zwischen Kalifornien und der Ostküste an, und 
daher auch der Titel der Compilation „This Is Boston Not 
L.A.“, deren Songs wir im Mai des Jahres 1982 einspiel¬ 
ten. Al Barile, Bassist bei SSD, war über diese Compilation 
übrigens überhaupt nicht glücklich. Er hatte ein sehr ho¬ 
hes D.I.Y.-Ethos und wollte, dass die Bostoner Bands sich 
komplett unabhängig darstellten. Einer Auffassung, der 
ich bis heute großen Respekt zolle und der Grund, war¬ 
um er das Label X-Claim gründete, das eine Art Plattform 
für Bostoner Untergrundmusik darstellen sollte. Er und 
die Jungs von SSD waren der Zeit damals weit voraus. Sie 
hatten bereits ein Album draußen und waren die treiben¬ 
de Kraft, zu der wir jüngeren Bands aufschauten. 

GANG GREEN lösten sich dann irgendwann auf, als Mike 
Dean, der Originaldrummer, sich bei den Marines mel¬ 
dete. Also heuerte Chris kurzerhand bei JERRY’S KIDS an 
der Gitarre an. Vor unserem Debütalbum nahmen wir im 
November des Jahres 1982 noch ein paar Sessions mit 
dem Titel „Trained To Kill“ im Studio auf, die bis heu- 


OX-FANZINE 102 










GANG GREEN/JERRY’S KIDS/DEAD FISH 



VON ALLEIN BEWEGT SICH NICHTS 

DEAD FISH 

Zum ersten Mal in ihrer fast 17-jährigen Bandgeschichte hat sich die brasilianische Band DEAD FISH auf 
den Weg ins ferne Europa gemacht, um nicht nur für sich Werbung zu machen, sondern auch um auf die 
politischen Missstände im eigenen Land hinzuweisen. Mit treibenden Punkrock-Riffs, die RISE AGAINST 
nicht unähnlich sind, versuchen Alyand (Bass), Höspede (Gitarre), Nö (Schlagzeug), Philippe (Gitarre) 
und Rodrigo (Gesang) nicht nur die Tanzbeine, sondern auch die Gedanken in Bewegung zu bringen. In 
Brasilien schafft es die Band regelmäßig Stadien auszuverkaufen, wohingegen sie in der restlichen Welt 
ein noch ziemlich unbeschriebenes Blatt sind. Vor ihrem Konzert in Berlin sprach ich mit Sänger Rodri¬ 
go, der schon als Anwalt gearbeitet hat (Schlagzeuger Nö praktizierte als Zahnarzt) vor allem über ein 
Land, das politisch zerrüttet ist... 


Band. Wer sich also angesprochen fühlt oder eine geeig¬ 
nete Brauerei kennt, kann sich gerne mit uns in Verbin¬ 
dung setzen. 

Die ersten Singles erschienen dann bei Curtis Casellas 
Label Taang! Wie habt ihr ihn kennen gelernt? 

Eines Tages waren wir unterwegs zu einer Show und in 
unserem Van saß dieser Typ, den eigentlich keiner richtig 
kannte. Das sollte sich auf der Fahrt aber ändern, da sich 
herausstellte, dass Curtis sowohl Ahnung von Musik als 
auch von Auftrittsorten hatte. Curtis ist ein eher ruhiger 
Typ, der immer in den Proberäumen rumhing und schon 
damals eine riesige Plattensammlung hatte. Als ich das 
erste Mal bei ihm zu Hause war, hatte er im Garten gera¬ 
de ein Extra-Häuschen nur für seine Schallplatten ange¬ 
baut! Ich habe nie verstanden, wie man so viel Geld und 
Zeit in Vinyl investieren kann. Die logische Folge dieser 
Sammelwut war dann, ein eigenes Label zu gründen, um 
selber Platten herausbringen zu können. In den 90er Jah¬ 
ren zog er mit samt seinem Label und Store von Boston 
nach San Diego, wo er bis heute wohnt. Er saß bis gestern 
wie schon früher mit uns im Tourbus, musste aber eher 
wieder zurückfliegen. 

Ich habe euch 1989 zusammen mit DRI das erste Mal 
gesehen. An dem Abend übernahm Spike Cassidy von 
DRI das GANG GREEN-Mikro. Warum? 

Das ist lange her, aber es muss die Show im Bochumer 
Zwischenfall gewesen sein. Die Umstände waren etwas 
traurig, denn ich flog am Tag der Show schon morgens 
zurück nach Boston, da man mir mitgeteilt hatte, dass 
mein Vater im Sterben lag. Es gibt jedoch Pläne für eine 
Neuauflage einer gemeinsamen Europatour zusammen 
mit DRI, da beide Bands dieses Jahr 25-jähriges Bestehen 
feiern. Dazu wollen wir unseren alten Freund Springa, 
ehemals Sänger bei SSD, mitbringen und ihm die Chance 
geben, ein paar SSD-Songs live zu präsentieren. Ich weiß 
zwar noch nicht, wie ich es vier Wochen mit ihm in ei¬ 
nem Bus aushalten soll, aber die Idee gibt es. Springa hat¬ 
te vor ein paar Jahren einen schweren Unfall, wovon er 
sich nie ganz erholt hat. Wir wollen ihm mit dieser Geste 
etwas zurückgeben, da er uns über die Jahre immer ein 
guter Freund gewesen ist. 

Springa ist auch in der Dokumentation „American 
Hardcore“ zu sehen. Wie findest du den Film? 

Wir und THE FREEZE wurden eingeladen, auf der Pre¬ 
miere in Boston aufzutreten und machten zusammen 
mit Springa und Curtis auch ein bisschen Radiopromo¬ 
tion. Mann, da lag doch tatsächlich ein roter Teppich 
vorm Kino, nur für uns Bands! Der Film ist wirklich gut 
geworden. Mir persönlich kommt ein bisschen zu viel 
BAD BRAINS drin vor. Aber nichts gegen BAD BRAINS, 
das sind ebenfalls gute Freunde von uns und vor Gitar¬ 
rist Darryl ziehe ich immer noch meinen Hut, da er da¬ 
mals mehr Frauen flach gelegt hat als wir alle zusammen! 
Bodo Unbroken 


te aber nie veröffentlicht wurden. Als die Bostoner Band 
THE FREEZE dann ins Studio ging, um die Single „Guilty 
Face“ einzuspielen, wagten wir ungefähr zeitgleich eben¬ 
falls den Schritt, innerhalb von einer Woche ein Album 
aufzunehmen. 

Nach „Is This My World?“, worauf wir nach den Studi¬ 
osessions unseren ganz eigenen Sound gefunden hatten, 
entwickelte sich ein komplexerer Musikstil, der sich in 
Songs wie „Kill kill kill“ oder „Breath and fuck“ manifes¬ 
tierte. Das war der Anfang vom Ende, keiner wollte mehr 
diese einfachen Drei-Akkorde-Songs spielen. Chris Doh- 
erty schloss sich nach knapp einem Jahr bei uns erneut 
GANG GREEN an, er wollte seine eigene Band und nicht 
mehr nur einfach Gitarrist sein. Eine gewisse Progression 
machte sich unter den Bands breit. Zu der Zeit war ME¬ 
TALLICA groß im kommen. Ich interessierte mich eher 
für ruhigere, kompliziertere Gitarrenstrukturen. Dazu 
kam, dass Rick zur Universität gehen wollte. Im Dezem¬ 
ber 1984 spielten wir dann unsere vorerst letzte Show 
im Bostoner Paradise Club unter dem Titel „The End Of 
Hardcore“. Während der Show schnappte sich Springa, 
der Sänger von SSD, das Mikro und brüllte: „We startet! it 
and we gonna end it! “ Den Kids ist bei diesen Worten fast 
die Kinnlade runtergefallen! Wir Musiker waren einfach 
schon ein bisschen weiter und wussten, dass die Hardco- 
re-Phase irgendwann zu Ende gehen musste. Rick Jones 
ließ aber nicht locker und 1986 standen wir unter dem 
Titel „Jerry’s Kids Cured“ wieder von den Toten auf und 
nahmen „Kill Kill Kill“ auf. 

Curtis Casellas, Betreiber unseres Labels Taang!, wollte 
damals auch, dass wir auf Tour gehen, was aber unmög¬ 
lich war, weil Rick arbeitstechnisch einfach zu viel um 
die Ohren hatte. Um das Jahr 1990 hörten wir dann end¬ 
gültig auf mit JERRY’S KIDS. Letztes Jahr sollten wir auf 
ein paar Festivals spielen, was aber schließlich doch nicht 
geklappt hat. Mal sehen, wann wir das nächste Mal zu¬ 
sammen finden. Ab und zu juckt es uns allen jedenfalls 
noch in den Fingern ... 

Bodo Unbroken 


Ihr seid eine brasilianische Band, die auch auf Por¬ 
tugiesisch singt. Eure Lieder haben alle einen politi¬ 
schen Hintergrund, der sich auf Brasilien bezieht. Wa¬ 
rum habt ihr da ausgerechnet einen englischen Band¬ 
namen gewählt? 

Ursprünglich nannten wir uns STAGEDIVE, bis wir 1993 
entdeckten, dass der Name schon vergeben war. In dem 
Moment hatten wir aber auch keine andere konkre¬ 
te Idee, wie wir unsere Band von da an nennen sollten. 
Also haben wir drei Seiten voll mit Bandnamen geschrie¬ 
ben, von denen es dann DEAD FISH geschafft hat. Am 
Anfang unserer Band haben wir übrigens auf Englisch ge¬ 
sungen, so dass ein englischer Bandname da auch bes¬ 
ser gepasst hat. 

Waren die Texte am Anfang eurer Karriere auch schon 
so politisch wie sie jetzt sind? 

Zu der Zeit waren wir sogar noch direkter. Vielleicht 
hängt das damit zusammen, dass wir älter geworden sind 
und dadurch eine andere Sicht der Dinge haben. Brasili¬ 
en hat sich dennoch nicht verbessert. Wir haben immer 
wieder versucht, unsere Hoffnung in neue, nicht kor¬ 
rupte Politiker zu stecken, und dabei wurden wir immer 
wieder enttäuscht. So um 1999, haben wir unsere Art, 
Songs zu schreiben, auf eine natürliche Weise geändert. 
Mittlerweile sind die Texte nihilistischer als noch zu Be¬ 
ginn. Dennoch sind sie immer noch politisch. 

Ihr habt als international agierende Band die Möglich¬ 
keit, euch auch im Rest der Welt Gehör zu verschaffen. 
Wäre es da nicht einfacher, auf Englisch zu singen? Da¬ 
mit würde man doch sicher eine größere Menge Men¬ 
schen erreichen. 

Das stimmt, aber als wir uns 1993 umorganisiert haben, 
war es uns wichtig, dass wir den Leuten in unserem Land 
eine Message bringen konnten. Da nicht viele Leute in 
Brasilien Englisch sprechen, schrieben wir die Songs von 
da an auf Portugiesisch, damit wir auch verstanden wur¬ 
den. Dazu kommt, dass wir bis auf diese Tour jetzt in Eu¬ 
ropa noch keine große Tour außerhalb Brasiliens gemacht 
haben, von Argentinien mal abgesehen. Also mussten wir 
uns auch keine Gedanken darüber machen, ob man uns 
außerhalb Brasiliens verstand. Wenn wir jetzt jedoch 
Konzerte hier spielen, versuche ich den Leuten zu erklä¬ 
ren, worüber ich singe. Das ist mir sehr wichtig. 

Ich denke, dass es vor allem für Leute, die sich für po¬ 
litischen Punkrock interessieren, wichtig ist, was 
die Band zu sagen hat, die man sich gerade anschaut. 
Schließlich will man nicht unbewusst eine rechte Band 
unterstützen, nur weil man die Texte nicht versteht. 

Ja, das ist richtig. Das Lustige ist, dass es in Brasilien nur 
linksgerichtete Bands gibt... 

Habt ihr in Brasilien auch Probleme mit Faschismus 
oder Rassismus? 

Oh ja, das sind zwei sehr große Probleme. Musikalisch 
bekommt man das gar nicht mit, wenn eine Band einen 
rassistischen Hintergrund hat. Die äußern das nicht — so 
wie in Europa - durch die Art, wie sie sich kleiden. Das 
passiert alles unterschwellig. Der Rassismus ist in Brasili¬ 


en sehr ausgeprägt. Wenn man überall zwischen den Zei¬ 
len lesen würde, könnte man diese rassistische Attitüde 
sofort erkennen. Vor allem in der Mittelklasse gibt es im¬ 
mer noch diese Kategorisierung: weiß oder schwarz. Ob¬ 
wohl es nicht viele dunkelhäutige Mittelständler gibt. Die 
Schwarzen sind immer noch sehr arm in Brasilien. Es ist 
in Brasilien auch nicht einfach, die Einstellung der Men¬ 
schen zu ändern. Die sind da viel zu verbohrt. 

Denkst du, dass das Schulsystem in Brasilien die Leu¬ 
te genug aufklärt, oder werden junge Menschen einge¬ 
schränkt bei dem, was sie lernen? Gibt es viele Men¬ 
schen, die sich keine Schulbildung leisten können? 

Ein schwieriges Thema. Die Leute aus der Mittelklasse 
können sich eine Schulbildung leisten, wohingegen die 
Unterschichten kaum eine Chance bekommen. Ich selbst 
bin auf eine katholische Privatschule ergangen, weil mei¬ 
ne Eltern genug gespart hatten. Die öffentlichen Schu¬ 
len haben kein Geld für Bücher oder vernünftige Leh¬ 
rer. Dennoch sind die Menschen in Brasilien intelligent, 
da sie es irgendwie schaffen, ohne die Hilfe einer Regie¬ 
rung und Geld zu überleben. Die stecken tief in der Schei¬ 
ße, aber sie überleben. Es könnte sich was ändern, wenn 
diejenigen, die das Geld am meisten nötig haben, es auch 
bekommen würden. 

Wo fließt das Geld denn hin? 

Ich kann das nur kurz umschreiben: Wir haben ei¬ 
nen sehr korrupten Staat. Nach Jahren der Militärdikta¬ 
tur haben sich immer noch keine wirklich demokrati¬ 
schen Strukturen entwickelt. So stecken die einflussrei¬ 
chen Menschen sich immer noch fast das gesamte Geld 
in ihre eigenen Taschen und lassen den Leuten in ihrem 
Land fast nichts übrig. Deswegen ändert sich nichts beim 
Gesundheitssystem, Schulsystem oder in bei der Sicher¬ 
heit. Es herrscht das totale Chaos. In Rio ist es wie im 
Bürgerkrieg. 

Eure Alben handeln dann doch bestimmt von genau 
diesen Zuständen, oder? 

Wie gesagt, am Anfang waren wir noch direkte? und ha¬ 
ben uns auch so ausgedrückt. Auf unserer neusten Platte, 
„Um Homem So“, sind wir auch immer noch politisch. 
Ich glaube, ich kann gar keine anderen Texte schreiben. 
Zumindest so lange nicht, bis sich etwas geändert hat. 
Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als 
ihr angefangen habt Musik zu machen? 

Oh ja, das war lustig: Eigentlich konnte keiner von uns 
sein Instrument spielen. Ich spielte zuerst Schlagzeug auf 
einer Art Schlagzeugattrappe, welche zum größten Teil 
aus Papier bestand. Irgendwann sollte ich dann singen 
und hier bin ich jetzt. 

Weißt du noch, wer euch am Anfang beeinflusst hat? 

Auf jeden Fall BAD BRAINS, 7 SECONDS und BLACK 
FLAG. Nach und nach haben wir dann Bands wie die GO¬ 
RILLA BISCUITS entdeckt. Wir haben uns an ihnen ori¬ 
entiert, sie aber dennoch nie kopiert. Ich mag auch 80er 
HipHop wie PUBLIC ENEMY. 

Vielen Dank für das Interview 

Sebastian Wahle deadfish.com.br 


OX-FANZINE 103 











uumaJmp act-^£C&xd$Me 


Wüster Mix aus Horrorpunk. Redneck Country und 80er Polit-Kardcore im Stil der Dead 
Kennedys U Mit Ex-Musikern von Shock Tlterapy, Almighty Lumberjacks of Death und 
Plasmatics. Mal hochpolitisch, mal blutrünstig....!! 

"...Die Mischung hier stimmt einfach: Psychobilly trifft auf DEAD KENNEDYS, Horrorpunk 
auf Cowpunk, Rocky Erikson auf NINE POUND HAMMER...die 8L00DFARMERS werden von 
Song zu Song komplexer und komplizierter, steigern sich kontinuierlich und sind 
definitiv ein ganz heißer Tip für jeden Fan außergewöhnlicher Rands. 

OX FANZINE 

"...Ich würde das mal als den Geheimtipp dieser Ausgabe einstufen ...Wer auf kranken 
Humor, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Rockabilly steht und wen eher die 
Abgründe der menschlichen Spezies interessiert, der sollte nicht nur, nein der 
muß hier unbedingt zugreifen..." 

PLASTICBOMB 

"...Der Gesang klingt in einigen Songs fast nach 1ELL0 BIAFRA in „Holiday in Cambodia" 
oder in „California über alles", vor allem wenn der Sänger Country Bob (Texl mit 
kläffendem Gesang und überschlagender Stimme loslegt...diese Musik weiß zu 
gefallen, ohne nur in der Nähe von Durchschnitt zu sein..." 

M0L0K0PIUS 

"...Ganz kurz und knapp: Geil! Diese CD ballert irgendwo zwischen Punkrock im Sinne alter 
Dead Kennedys, Ramones und verschiedenen weiteren Spurenelementen, die sich 
der leibhaftige Rock'n'Roll Teufel himself aus dem Arsch geleiert hat!" 

BEZIRK 7 


SSFSSf SS-SS 


Nach 10 Jahren die Reunion Scheibe von Split Image und gleichzeitig ihre beste!! 12 
unangepasste Oü-Punk Songs für die ünderdogs der Gesellschaft. Die CD kommt in 
edlem Klapp-Digipack, LP über Knock Out Records! 

"...Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass „Tod und Teufel" eine der besten 
Streetpunk Planen ist, die ich je in den Händen hielt. Das kommt auch daher, dass das 
Klischee von der Drei-Akkord Musik mit unklarer Stimme nicht erfüllt wird. Im Gegenteil, 
SPLIT IMAGE haben wirklich geniale Riffs in ihrem Set, die einerseits melancholisch¬ 
melodiös klingen, andererseits einfach nur krachen und zum Pogo anregen..." 
LOUDNSICK 

"...Comeback geglückt. SPLIT IMAGE haben es noch/wieder drauf. Fette Produktion. 
Digipack und deutscher Punk sind kein Widerspruch. Die vier Rabauken kommen sehr 
authentisch rüber und zeigen so manchen Jungspund wo s lang geht..." 

BURNYOUREARS 

"...Gut produziert, kräftiger, rauher Gesang, abwechslungsreiche Mucke zwischen Oi! und 
.Streetrock" mit Hardrock-Einschlag und durchdachte, teils angenehm provokante 
deutsche Texte...Gute Comeback-Scheibe!" 

CRAZY UNITED 

"...Energiestrotzend und fett produziert bewegen sich SPLIT IMAGE in meist hohen 
Temporegionen, so dass man regelrecht Bock darauf bekommt, mit dem Discman 
bewaffnet Straßenbahnpogo zu praktizieren..." 

SCARRED FOR LIFE 


im Impact Katalog bekommt ihr zu fairen Preisen CDs, LPs (immer die aktuellen Sachen von Epitaph. Fat« 
Wreck, Suppenkazper, Hulk, Plastic Bomb, Mad Butcher. Knock Out DSS,Teenage Bebel Records, Captain 
Oi. Dröönland. Vitaminepillen. Dirty Faces. Höhnie Becords. Weird System u.s.w.) außerdem Haarfarben. 
I Directions, Aff inage, Grazy Colour 1, Nieten I Einzelnieten, Gürtel, Armbänder, Halsbänder I, Boots I Tank| 
Dux, Steel, Shellys, Boots & Braces, TüK, Bonflage London I Bonflagehosen & Mini Böcke (in massig, 
verschiedenen Tartanmustern, Leopard, Zebra, gestreift. woodland...],“T-Shirts^KapusYGiriies,f 
Lederjacken. Stulpen, Tights & Ouerknees. St. Pauli Merchandise. Army-Kram (BW-Hosen, Ru cksäcke, j 
Kampftaschen,Mützen,Zelte.JButtons,Aufnäher.Aofkleber&Spuckis... 
















YOUR FAVORITE GIRL GROUP IN TOWN 

THE BOONARAAASÜ! 

Genau, das geht ja gar nicht: Die BOONARAAASÜ! seit Jahren toll finden, ihre Platten abfeiern, und dann 
kein Interview machen. Als mich Patricia ganz charmant auf diesen Sachverhalt hinwies, fühlte ich mich 
natürlich bei meiner Ehre gepackt und stellte den vier Damen, die just via Sounds Of Subterrania ihr neu¬ 
es Album „5 Steps Ahead“ veröffentlicht haben, ein paar auf der Hand liegende Fragen. Dass der All- 
Girl-Vierer aus dem Raum Wuppertal-Düsseldorf-Köln seit Jahren schon Deutschlands überzeugends¬ 
ter Vertreter in Sachen sugarcoated Garage-Punk ist, setze ich dabei als Allgemeinwissen voraus. 



Klärt mich doch mal über die aktuelle Besetzung auf. 
Und bei der Gelegenheit könnt ihr ja mal erläutern, 
wer über die Jahre sonst noch so dabei war. 

Patricia: Unsere aktuelle Besetzung ist insgesamt 121 
Jahre alt, 6,97 Meter groß und 248 Kilogramm schwer. 
Schuhgröße ist 163 und - nicht ganz unwichtig - durch¬ 
schnittliche Körbchengröße beträgt B. Genauer gesagt, 
sind das Patricia: Bass und Gesang, Christina: Schlagzeug 
und Gesang, Tine: Gitarre und Gesang, und Laura: Gitar¬ 
re und Gesang. Seit vier Jahren spielen wir in dieser Kon¬ 
stellation und das ist definitiv unsere beste Besetzung. 
Und wo wir gerade dabei sind: 12 Jahre gibt es eure 
Band mittlerweile. Was war seinerzeit die Motivation, 
eine Band zu gründen, und warum hält man so lan¬ 
ge durch? 

Patricia: Kirchenchor rausgeflogen, Musikhochschu¬ 
le abgebrochen - wohin jetzt mit unserer musikalischen 
Hochbegabung? Da lag eine Garagenpunkband nahe. Die 
Musik ist einfach ein fester Bestandteil unseres Lebens. 
Und dabei reicht es uns nicht, Musik „nur“ zu konsumie¬ 
ren - wobei das natürlich auch total wichtig ist, um an¬ 
dere Bands zu unterstützen und vor allem bei Konzerten 
jede Menge Spaß zu haben. Wir haben Bock, selber was 
zu machen, auf der Bühne zu stehen, durch die Weltge¬ 
schichte zu reisen, andere Bands kennen zu lernen. Und 
setzen natürlich immer noch darauf, mit spätestens 60 
endlich den richtig großen Durchbruch zu schaffen. 

Wie zur Hölle spricht man euren Namen eigentlich 
aus? Und warum diese Doppelvokale und Ausrufezei¬ 
chen? Und wie viele Versionen des Namens habt ihr 
über die Jahre gesehen? 

Patricia: Für jeden, der es mal richtig ausgesprochen hö¬ 
ren möchte, hier der entscheidende Link: boonaraaas.de/ 
richtige-aussprache-lesson-one.mp3. An Schreibweisen 
haben wir so ziemlich alles erlebt, was die herkömmli¬ 
che Legasthenie hergibt. Zu den vielen As und Os im Na¬ 
men kam es übrigens, als wir aus Langeweile beim Pro¬ 
ben Scrabble gespielt haben, weil niemand eine Idee für 
neue Songs hatte und die alten Stücke schon perfekt sa¬ 
ßen ... Da mussten wir uns die Zeit halt anders vertrei¬ 
ben. Leider waren wohl schon die meisten Buchstaben 
aus dem Scrabble-Spiel verloren gegangen und wir wa¬ 
ren gezwungen, aus A, A, A, A, B, N, O, O, R, S ein Wort 
zu legen. BOONARAAAS hörte sich da irgendwie noch 
am besten an. 


Was macht für euch den Reiz einer Girl-Band aus? 
Patricia: Bis auf Tine haben wir alle mal in „gemisch¬ 
ten“ Bands gespielt und das zum Teil über viele Jahre. 
Musikalisch macht das eigentlich keinen großartigen Un¬ 
terschied, aber vielleicht laufen die Proben mit Jungs ab 
und zu etwas konzentrierter ab, da weniger gequatscht 
wird. Wobei man sagen muss, dass sich der Spielanteil 
im Vergleich zum Redeanteil in den letzten Jahren deut¬ 
lich erhöht hat. Woran das liegt? Besetzungswechsel in¬ 
nerhalb der Band bringen natürlich im Idealfall immer 
neuen „Schwung“ in die Band, neue Ideen - und so war 
es auch bei uns in den letzten Jahren. 

Einst wart ihr auf Thunderbaby Records, dem Düssel¬ 
dorfer Speziallabel für diesen Sound, heute seid ihr bei 
Sounds of Subterrania. Wieso der Wechsel? 

Patricia: Weil Gregor von Sounds of Subterrania einfach 
besser aussieht. Damit wir uns richtig verstehen: Das ist 
ein O-Ton von Gregor Samsa ... Wir haben uns auf Thun¬ 
derbaby immer sehr wohl gefühlt, hatten „freie Hand“, 
was die Songs, Layoutgeschichten, aber auch Gimmicks 
und so weiter angeht. Allerdings ist es auch nicht ver¬ 
kehrt, nach mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit etwas 
Neues auszuprobieren. Bei Gregor fühlen wir uns super 
wohl, auch was unsere Labelkollegen angeht. Noch woh- 
ler würden wir uns allerdings fühlen, wenn Gregor sich 
endlich mal wieder vernünftig rasieren würde ... 

Eure Gesangssprache ist fast durchweg Englisch, wie 
kommt’s? Denn „Mehr von dir“ von „Go Get Goo Goo“ 
gefiel auch sehr gut. 

Patricia: „Mehr von dir“ ist auf jeden Fall ein super 
Stück, das wir auch live immer noch spielen und uns da¬ 
bei regelmäßig extremst verausgaben. „Mehr von dir“ 
ist allerdings ein Cover und wir haben einen Riesenre¬ 
spekt davor, akzeptable deutsche Texte zu schreiben. Aus 
irgendeinem Grund fällt uns das auf Englisch leichter, 
vielleicht, weil einem bestimmte Floskeln da nicht ganz 
so abgedroschen Vorkommen. Vor einigen Jahren haben 
wir, auf dem Weg zu einem Konzert irgendwo im Süden, 
angefangen, einen deutschen Text zu schreiben: „Die Be¬ 
atrakete“. Das hat zunächst mal dazu geführt, dass wir 
etliche Autobahnausfahrten übersehen haben. Aber: wir 
fanden die ersten Strophen total genial und waren su¬ 
per stolz. Dann hat ein Mitglied der Band - Namen nen¬ 
nen wir nicht - den Zettel mit dem Text verloren, was zu 
kurzfristigen Trennungsgerüchten geführt hat. Der Zet¬ 
tel ist nie wieder aufgetaucht, wir haben die Strophen nie 
wieder zusammengekriegt und trauern seitdem der Idee 
hinterher. 

Was hat es mit eurer Vorliebe für BANANARAMA auf 
sich? Was sind andere, weniger offensichtlich verehr¬ 
te Bands? 

Patricia: Die Idee zu der BANANARAMA-Geschich- 
te kam damals von Anouschka/Thunderbaby. Christina 
und ich als Kinder der 80er waren sofort einverstanden, 
der Rest der Band konnte auch schnell überzeugt werden. 
Laura und Tine waren damals aber noch nicht dabei. Im 
Nachhinein bereuen wir die Entscheidung - allerdings 
nur bei einem Blick auf das Cover — aber ganz entschie¬ 
den. Es gibt aber einen Punkrocker aus Düsseldorf, der 


beim Kauf der Platte zu uns sagte „Da seht ihr endlich 
mal gut aus“ und das war bedauerlicherweise nicht iro¬ 
nisch gemeint... 

Patricia: Schwer, da eine Band zu nennen. Aber unter 
die Top-Favoriten gehören auf jeden Fall die SAINTS, die 
MIRACLE WORKERS, PRISONERS und RADIO BIRDMAN 
und die MASONICS. 

Laura: Langzeitlieblinge sind zum Beispiel THE KIDS, 
THE VIBRATORS, THE REMAINS, THE BRISTOLS. Mo¬ 
mentan hoch im Kurs: REIGNING SOUND. 

Tine: Boah, das ist schwer. Ich hab so viele und das 
wechselt ständig! Aber wenn ich mich entscheiden müss¬ 
te, dann würde ich hier und jetzt THE BOYS sagen. Oder 
doch die BEATLES?... oder MANDO DIAO? Aber die RIF¬ 
LES sind auch sehr cool ... und MOTO finde ich gerade 
toll! 

Christina: RAMONES, einfach aus Tradition, auch wenn 
es jede Menge andere Bands gibt, die es verdient hätten. 
Aber weil die eh fast alle tot sind, vielleicht doch lieber 
die MUFFS. 

Früher habe ich euch in diesem „Solingen Rock City“- 
Kontext wahrgenommen. Was ist davon geblieben? 
Christina: Tja, wie fast immer im Leben, ist der Wandel 
der Zeit auch an Solingen nicht komplett vorbeigegangen. 
Die Solinger zeigen sich zwar immer noch schwerstens 
empört, dass inzwischen jede drittklassige Kreisstadt den 
Titel „Rock City“ für sich beansprucht, aber ... 

Patricia: Hmm, ich wohne nun ja auch in Wuppertal, 
aber mein Herz schlägt immer noch für scharfe Klingen 
und die Union! 

Auf dem Ox-Sampler haben wir den Song „Out of 
sight“ präsentiert - worum geht es in dem Stück und 
was bewegt euch allgemein in euren Texten? 

Patricia: In „Out of sight“ machen wir einem Mädchen 
Mut, sich zu wehren, wenn ihr was nicht passt. Es han¬ 
delt davon, dass sie in ihrer Familie von keinem ernst ge¬ 
nommen und in jeder Situation untergebuttert wird. Das 
darf sie sich natürlich nicht gefallen lassen und sollte, an¬ 
statt sich zu verkriechen, ihren Willen durchsetzen. 
Christina: Zu der Idee für „One one zero“ kam es, als 
Laura eines Morgens todmüde einen Blick auf ihren Ra¬ 
diowecker warf und dort als Aufdruck „radio controlled“ 
lesen musste. Ein ferngesteuerter orangefarbener Aldi- 
Wecker entscheidet also darüber, wann sie aufstehen 
muss. Im Laufe der Zeit ist uns dann aufgefallen, dass die¬ 
ser Hinweis auf jedem zweiten Gegenstand stehen müss¬ 
te und eigentlich jeder Mensch ein Etikett mit dem Auf¬ 
druck „radio controlled“ tragen müsste. Ob einem da der 
Notruf weiterhelfen kann, ist eine andere Frage ... 

Laura: Ansonsten singen wir gerne über zu viele Men¬ 
schen auf einem Fleck, „45th floor“, wunderschöne klei¬ 
ne alte italienische Autos, „Vai vai Topolino“, und hässli¬ 
che grüne Autos, „Green Toyota“, die wir aber trotzdem 
schön finden. Und natürlich über die Liebe, und welches 
Stück könnte das besser ausdrücken als die Ballade - ei¬ 
gentlich ein Unwort, aber hier erlaubt! — „I’ve got that 
feeling“. Da sind wir selber immer extrem romantisch 
gestimmt, wenn wir das hören ... 

Joachim Hiller boonaraaas.de 



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OX-FANZINE 105 







TESTOSTERON UND BLUMEN 

FUCKHEAD 

Der Name ist Programm: FUCKHEAD verschmelzen auf rabiate Weise das Vulgäre mit dem Intellektu¬ 
ellem. Egal ob im Sound, der von Noiserock, Industrial bis zu Grindcore und komplexer, destruktiver 
Elektronik unzählige Facetten aufweist, oder in ihren Live-Shows, die man zu Recht als (Kunst-) Perfor- 
mances bezeichnen kann. Auch wenn ihnen ihr extremes Spiel mit Körper, im wahrsten Sinne des Wor¬ 
tes mit Blut und Scheiße auf der Bühne, immer wieder den Vergleich mit dem Wiener Aktionismus einge¬ 
bracht hat, es ähnelt diesem nur in der maßlosen Grenzüberschreitung, vielleicht auch in der Ausdrucks¬ 
form, inhaltlich geht es ihnen vielmehr um Spaß, darum pathetische (Hard-)Rock-Gesten ad absurdum 
zu führen. Ich habe mich vor ihrem äußerst unterhaltsamen Auftritt (Ich hatte danach einen Gesichtsmus¬ 
kelkater vom Lachen!) in der Maria am Ostbahnhof anlässlich der Club Transmediale mit Band-Gründer 
und Sänger Dietmar Bruckmayr unterhalten. 


Kannst du bitte kurz etwas zu eurer Bandgeschichte sa¬ 
gen? 

Gegründet wurde FUCKHEAD von meinem Bruder und 
mir 1988 als Industrial-Duo. Wir haben uns aber kurz 
darauf um mehrere Bandmitglieder erweitert, um so 
etwas wie Noiserock zu spielen, und von da an hat die 
Bandgeschichte sehr wechselhafte Wege genommen. Das 
aktuelle Line-up besteht jetzt aus Dieter Kern am Schlag¬ 
zeug, Siegmar Aigner, meinem Cousin, als Sänger, mei¬ 
ner Wenigkeit als Sänger und Michael Strohmann am 
Bass, der Rest sind die vielen digitalen Helferlein, die wir 
im Studio haben, beziehungsweise auf der Bühne, weil 
wir auch sehr stark mit Projektionen arbeiten. Integrier¬ 
te Bandmitglieder sind noch der Tontechniker und die 
Licht-Crew: mindestens ein Mann ist immer dabei, denn 
Licht ist uns sehr wichtig. 

Wie ist das, eine DVD zusammenzustellen, auf der man 
sein komplettes Werk versammelt? 

Eigenartig, aber es hat jetzt keine große Bedeutung, es 
soll garantiert nicht das prätentiöse Opus Magnum sein, 
für so wichtig halte ich die Arbeit nicht. Aber dadurch, 
dass wir immer sehr stark visuell orientiert waren, ist 
einfach vor längerer Zeit, nicht nur in unseren Köpfen, 
der Wunsch entstanden, das auch visuell greifbarer zu 
dokumentieren. Es hat sich über die Jahre Unmengen an 
Material angesammelt von verschiedensten Leuten, und 
das haben wir einfach versucht, in Form von acht Giga¬ 
byte auf einer DVD ultrahart zu komprimieren, wie eine 
riesige Collection. Das soll dabei auch nicht linear sein, 
beliebig soll es aber auch nicht sein, es soll einfach das 
abbilden, was wir bisher gemacht haben. Es ist natürlich 
schön, das alles mal versammelt zu haben, zumal ich kei¬ 
ne Platten sammle, das ist alles verloren gegangen, und 
jetzt hab ich praktisch meinen eigenen Backkatalog wie¬ 
der. 

Wenn man euer Werk so komplett überblicken kann, 
fällt natürlich auch auf, -dass ihr extreme Stilverände¬ 
rungen durchgemacht habt, von dem sehr noiserocki- 
gen Sound zu wahnsinnig abstrakten, elektronischen 
Sachen. 

Das liegt daran, dass uns sehr viel interessiert, und weil 
in der Geschichte der Band das Line-up immer sehr hete¬ 
rogen war. Aber prinzipiell war von Anfang an ein Inte-’ 
resse an einem gewissen Maß an Abstraktion vorhanden. 
Das war auch Anfang der 80er verheerend, weil wir meis¬ 
tens auf Hardcore- oder Punkrock-Partys gespielt haben, 
und damals schon als Noiserock-Band zu unkonkret wa¬ 


ren, was den Schematismus anbelangt. Das war kein Pro¬ 
blem, ich schätze die Funktionalität von Punkrock sehr, 
aber uns hat immer mehr interessiert. Als uns Elektronik 
interessiert hat, war auch Grindcore wieder ein großes 
Thema, und es ist immer etwas dabei gewesen, was prak¬ 
tisch die klare Suppe in irgendeiner Form getrübt hat. So 
wird es auch weiterhin sein, wenn wieder neue Einflüsse 
hinzu kommen. Jetzt geht es wieder in eine ganz andere, 
sehr abstrakte Richtung, allerdings ist auch wieder sehr 
viel Noise dabei. Wir werden auch wieder mehr samplen, 
wir haben sehr lange sehr viele autogenerative Sounds 
verwendet, und die Blastbeats werden wieder kommen, 
also wird es auch wieder mehr Richtung Grindcore ge¬ 
hen. Der Wunsch besteht, Dinge wieder rigoros auf den 
Punkt zu bringen, ohne primitiv zu sein. 

Was für Einflüsse haben euch konkret geprägt? 

Als ich FUCKHEAD gegründet habe, natürlich so was wie 
THROBBING GRISTLE. KILLING JOKE waren immer Säu¬ 
lenheilige für uns, weil die durch diese rollenden Rhyth¬ 
men immer sehr noisig waren, und die Struktur der Stü¬ 
cke immer sehr offen. Dann die Langsamkeit und der 
Lärm der SWANS. Und dann kam die Elektronik dazu, di¬ 
verse elektronische Stücke aus der Konzertmusik des 20. 
Jahrhunderts, die durchaus was mit Lärm zu tun haben, 
die Klarinettenkonzerte von György Ligeti, Free Jazz war 
durchaus auch interessant, vor allem John Zorn bezie¬ 
hungsweise NAKED CITY, dann noch LAST EXIT. Eigent¬ 
lich stand immer der Krach im Vordergrund. Grindcore 
ist insofern spannend, als die Dynamik so extrem ist, ul¬ 
traschnell und immer maschinenhaft durch das fast Tech- 
noide. Wenn wir mit Elektronik gearbeitet haben, hat die 
Elektronik eigentlich immer gegen uns gespielt. Das ist 
auch heute noch oft der Fall, aber eigentlich ist es schon 
eine große Erweiterung, weil die Elektronik einfach alles 
Mögliche zulässt. Witzigerweise ist unser Schlagzeuger 
ein Techno-DJ, der aber aus dem Jazz kommt. Techno hat 
uns aber nur in den Randbereichen interessiert, was Mi¬ 
nimal oder Ambient betrifft beziehungsweise natürlich 
wegen des Lärms, das war aber dann mehr schon Break¬ 
core. Wichtig war uns immer — je abstrakter die Musik ist 
—, ein starkes Maß an Physis auf die Bühne zu transpor¬ 
tieren, weil das einfach Spaß macht. Alles auch mit ei¬ 
ner Selbstironie, einer Absurdität, einer Lächerlichkeit. Es 
ist so, dass wir sehr viel aus dem Hardrock und anderer 
Testosteron-schwangerer Musik zitieren und das perver¬ 
tieren. Das bietet sich ja förmlich an. RAMMSTEIN wa¬ 
ren auf einer Show von uns, weil ihnen erzählt wurde, 


das sei diese Band, die halbnackt herumläuft, diese lee¬ 
ren Posen inszeniert und das immer so ins Peinliche kip¬ 
pen lässt. Das Konzert hat ihnen sehr gut gefallen, nur 
sie meinten, sie sind ausgerichtet auf Stadien und Are¬ 
nen, klare Bilder, klare Formen, und wir schafften zu¬ 
viel Konfusion. 

Wie entstand das mit den Körper-Performances bei 
FUCKHEAD? 

Der Körper ist ja bei jeder Musik immer im Spiel, das 
physische Element war vor allem im Punk sehr interes¬ 
sant, der Heavy Metal hat das halt auf eine Art sehr sti¬ 
lisiert, da gibt es so klassische Posen, die finde ich sehr 
witzig, besonders wenn sie so linkisch vorgetragen wer¬ 
den. Punk war einfach etwas sehr Vitales, was mich irr¬ 
sinnig beeindruckt hat. Dadurch war der Körper immer 
da, und was lag näher, als es durch alles Mögliche aus¬ 
zubauen. Aber halt nicht so schematisierend, ich brau¬ 
che nicht die vielen Tattoos - die hab ich einfach, weil es 
mir gefällt —, damit ich in einem bestimmten Club auf- 
treten kann. Wir haben immer versucht, das zu brechen, 
nicht nur das Publikum zu ärgern, sondern einfach, weil 
es uns dann auch mehr Spaß macht. Es geht nicht dar¬ 
um, irgendwas abzuarbeiten, eine Band soll keine The-' 
rapieanstalt sein. 

Eure Performances haben aber auch einen krassen 
Wandel durchlaufen, die waren früher sehr viel ex¬ 
tremer. 

Jetzt ist es auf jeden Fall ironischer, es geht nicht so sehr 
darum, um seiner selbst Willen an die Grenzen zu ge¬ 
hen. Erbrechen ist ja noch nicht einmal an die Grenzen 
gehen, das kann sehr befreiend sein. Solche Dinge ha¬ 
ben natürlich eine Rolle gespielt, um den eigenen All¬ 
tag von den Zwängen zu verabschieden, gemeinsam mit 
dem Publikum. Jetzt sehen wir das eher als sehr extra¬ 
vagante Revue. Der Revue-Kontext gefällt mir deswe¬ 
gen, weil er auch was mit Variete zu tun hat, das war im¬ 
mer so eine Schattenzone, wo auch Dinge gezeigt wur¬ 
den, die nicht unbedingt dem Common Sense entspre¬ 
chen, etwa Schwertschlucker oder Stripper. Das Ganze 
hat auch immer eine Dramaturgie, dieser Schmutz, die 
Federn, die Blumen, das sind Anleihen, denn Punk hat 
immer was mit Dreck zu tun gehabt. Später wurde uns 
immer angedichtet, das sei alles eine Reminiszenz an den 
Wiener Aktionismus, aber das war es nicht wirklich. In 
meinem Kopf schon, weil mein Vater Kunstsammler ist, 
und ich damals sehr früh diese völlig verbotenen Bilder 
sehen konnte. Interessiert haben mich aber in erster Li¬ 
nie die Farben, und wie sie den Körper verändern, das 
war es, aber nicht das Blut, das Essentielle, wie es Her¬ 
mann Nitsch berechtigterweise inszeniert. Uns hat eher 
die Verwandlung, der Übergang, das Amörphe interes¬ 
siert, dass man als Testosteronmännchen ständig chan¬ 
giert zwischen großen Posen und Peinlichkeiten. 

In dem Interview auf der DVD heißt es, ihr versteht 
euch mehr als Kunstprojekt als als Band ... 

Das haben wir ganz bewusst so inszeniert. Da ist die BBC 
extra nach Wien geflogen, um Positionen der Musik des 
20. Jahrhunderts zu dokumentieren, und was lag näher, 
als dieses Sujet zu inszenieren. Mit dem Schauspieler, der 
ein prominenter Schauspieler mit Down-Syndrom ist, 
und der verblüffend dem Josef geähnelt hat. Das war in 
einer öffentlichen Bedürfnisanstalt, die schon geschlos¬ 
sen war, weil später dort ein sehr teurer House-Club er¬ 
öffnet wurde. Geholfen hat uns bei der Inszenierung die- 



OX-FANZINE 106 





FUCKHEAD/EÄRTH CRISIS 


ses Unfugs der jetzige Arbeitgeber von Michael Stroh¬ 
mann von der Theaterkompanie Toxic Dreams, die ma¬ 
chen so Off-Theater und bauen so kleine Szenarien, wie 
eben das mit uns. Und die von der BBC waren sehr er¬ 
freut und haben sich auch überhaupt nicht irritieren las¬ 
sen, für die war völlig klar, dass das so sein muss. 

Wie geht ihr damit um, wenn ihr der rechten Szene 
zugeordnet oder als „schwule Schläger“ abgestempelt 
werdet? 

Am Anfang war das regelrecht kränkend. Wir kommen 
alle aus einem sehr linken Milieu, ich hab selber in der 
Faschismusforschung gearbeitet, und wenn man solche 
Vorwürfe hört, obwohl wir klar antinazistisch waren, 
das ist ärgerlich. Man begegnet dem Ganzen am besten 
mit Humor und mit Ironie. Ich sehe das auch nicht ne¬ 
gativ, weil man das auch als Hinweise auffassen muss, 
denn offenbar sind manche Dinge nicht ganz so kohä¬ 
rent oder schaffen Irritationen, die da sein sollen und er¬ 
wünscht sind, aber wenn Leute Dinge so in die falsche 
Kehle bekommen, dann muss man darüber durchaus 
nachdenken. Schlägertypen sind wir mitnichten, wenn¬ 
gleich wir alle unsere sportlichen Aktivitäten betreiben. 
Auffallend ist eigentlich, dass der Frauenanteil bei un¬ 
seren Konzerten immer sehr hoch war, das ist ein sehr 
gutes Zeichen. Irritationen sind erwünscht, die Integrität 
des Publikums, auch geistig, sollte immer gewährleistet 
bleiben, das ist auch ein Grund, warum ich diese harten 
Performances draußen lasse, wie das Hängen an Haken 
und dergleichen. Weil Leute das mitunter doch sehr un¬ 
vorbereitet sahen und es ihnen nicht gut tat, zum Schluss 
auch mir nicht. Diese Dinge bleiben einfach weg, oder 
werden in exklusiven Rahmen für die Leute stattfinden, 
die so was sehen wollen. Es ist immer wichtig, dass die¬ 
se ganzen kulturellen Akte eine Art der Kommunikation 
sind, das funktioniert auch nur, wenn das Publikum die 
Energie gibt. Und die Hängereien funktionieren ja auch 
nur, wenn das Publikum mit anhebt — es kam an einen 
Punkt, wo wir eher Leute anzogen, die sehen wollten, 
wie weit es geht... 

Das war mit Stahlseilen durch die Brust? 

Genau - und irgendwann reißt einem der Kopf ab ... dann 
wird es einfach negativ, auch wenn man es nur mit die¬ 
sem „immer weiter, immer härter“ transportiert. „Lau¬ 
ter, schneller, härter!“, das war als Schlachtruf im Nie¬ 
tenpunk in den 80ern völlig okay für mich, aber später 
war es nur noch ein Fluch, es immer noch weiter zu trei¬ 
ben. Man stumpft auch wahnsinnig schnell ab, und ohne 
Angst hat man auch keine Schmerzen. Und es lässt ei¬ 


nen auch die Gelassenheit vermissen, die man braucht, 
um mitunter sehr sonderbarer Kritik zu begegnen. Aber 
wenn man so etwas macht, muss man damit rechnen. 

Es ist ja auch bezeichnend, dass Industrial, obwohl er 
immer viel linksradikaler war, sehr häufig als nazis¬ 
tisch gesehen wird. Du hast Hardcore dagegen in ei¬ 
nem älteren Interview als unglaublich kleinbürgerlich 
bezeichnet. 

Dass Industrial so kompromittiert ist, hängt mit ein paar 
Gallionsfiguren zusammen, und der Rest ist der Neo¬ 
folk, der oft mit Industrial gleichgesetzt wird. Wer vie¬ 
le Schweinereien verursacht hat, braucht sich nicht wun¬ 
dern. Aber die Säulenheiligen dieser Szene betreiben ja eh 
ihre eigenen Demontage, etwa dieses „Brown Book“ von 
dem DEATH IN JUNE-Sänger, das ist eine solche Blöd¬ 
heit, dass die ganze Szene irritiert war. Die sollte man all¬ 
gemein nicht so ernst nehmen. Dass natürlich solche Din¬ 
ge unterwandert werden von rechtsradikalen Bewegun¬ 
gen, die durchaus straff organisiert sind, geht auch nicht. 
Davon müssen wir uns natürlich abgrenzen. Wir haben 
immer wieder Angebote für Auftritte aus der Industrials¬ 
zene, und wir haben uns da schon unfreiwillig fürchter¬ 
lich daneben benommen, weil wir zwei Uniformträger, 
die sind mit Waffen-SS-Kordeln backstage erschienen, 
gleich rausgeschmissen haben. Das war dann für den Ver¬ 
anstalter sehr peinlich, das waren nämlich die Star-DJs - 
das geht bei uns aber nicht. 

Eure Texte waren lange auf Englisch, jetzt sind sie auf 
Deutsch. 

Wir haben da nicht drüber nachgedacht. Als wir zum ers¬ 
ten Mal einen deutschen Text verwendet haben, wurde 
uns in der Village Voice unterstellt, das seien Hitler-Re¬ 
den. Wir meinten irgendwie, die Absurdität des Bühnen¬ 
verhaltens mit dieser doch sehr kantigen deutschen Spra¬ 
che noch übersteigern zu können. Vielleicht auch, um für 
ein Maß an Klarheit zu sorgen in dem Gesprochenem, 
weil wir ja doch sehr viel agieren. 

Ich fand, dass bei den deutschen Texten die Wider¬ 
sprüche deutlicher werden, wenn solche Gott- oder 
Allmachtsphantasien mit Husten vorgetragen werden. 

Das freut mich, dass das so durchkommt, denn das war 
im Englischen nicht der Fall, und das hat uns nervös ge¬ 
macht. Die Rezeption war dann immer nur die, wir sei¬ 
en eine Industrial-Metalband, irgendwo zwischen GOD- 
FLESH und MARILYN MANSON, das war irgendwie be¬ 
dauerlich. 

Die Texte auf deinem Soloalbum sind aber alle auf Eng¬ 
lisch. 


Klar, weil das Pop ist. Der größte gemeinsame Nenner 
ist in dem Fall Englisch. Das ist wirklich eine Liebhaber¬ 
platte von meinen Kollegen. Die Idee war, so was wie ein 
iPod-Shuffle mit starken sentimentalistischen Einschlä¬ 
gen zu fabrizieren. Das wurde eigentlich alles immer hin 
und her geschickt, und jeder hat an einer anderen Stelle 
weitergebastelt. Was ich deswegen erwähne, weil es mir 
um ein sehr hohes Maß an Demokratie geht, bei allem, 
wo ich mitarbeite, ich bin Teamworker. Auch wenn man 
mich immer vorstellt als Bruckmayr, ich werde nicht 
müde zu betonen, das ist ein Pseudonym für ein Team, 
ich stehe vorn, als das Frontmännchen, aber im Hinter¬ 
grund agieren immer Menschen, gleichberechtigt, phne 
die könnte ich das nicht machen. So soll das auch blei¬ 
ben. Sie könnten das wahrscheinlich ohne mich machen, 
aber ich könnte es ohne sie nicht machen. Ich bin in den 
80er Jahren sozialisiert, David Bowie war in den 70ern 
schon prägend, dann New Wave, das war alles sehr span¬ 
nend - es gibt auch heute viel Spannendes, also ich ver¬ 
stehe das Gejammer vieler Leute nicht, alles wäre so öde. 
Nur haben sich halt die linearen Karrieren erledigt, wie: 
„Ich suche mir das £ute Leben, mache eine gute Platte, 
das schöne Video und die schöne Releaseparty, und dann 
gehe ich auf die schöne Tournee und dann habe ich ein 
schönes Bankkonto.“ Das ist vorbei, weil die User viel zu 
autonom und zu kreativ geworden sind und sich das eh 
von woandersher beschaffen. 

Wie sieht die Zukunft für FUCKHEAD aus? Was ma¬ 
chen deine anderen Projekte als Schauspieler? 

Das Stück am Burgtheater, für das ich einen Vertrag habe, 
hat gerade Pause. Ich bin teilweise Hilfsarbeiter und an¬ 
sonsten arbeite ich in der Multimediabranche. Und ich 
habe mitunter sehr hoch dotierte Aufträge im E-Musik¬ 
bereich, denn wo immer sie für bestimmte Komposi¬ 
tionen der Klassik extreme Stimmen suchen, holt man 
mich. Das ist dann immer sehr stressig, weil ich näm¬ 
lich keine Noten lesen kann, und ich hab auch ein sehr 
schlechtes Timing. Ich bin zwar immer unter dem Exis¬ 
tenzminimum, aber ich komme herum, ich komme ins 
Ausland, ich mache, was ich mag, das Establishment kann 
mich weitestgehend am Arsch lecken, was auch sehr an¬ 
genehm ist. So wird es hoffentlich weiter bleiben. Die 
nächsten Monate werde ich in Brasilien verbringen und 
dort auch auftreten. Ich bin zusammen mit dem zweiten 
Sänger auch schon in Russland aufgetreten, das war so 
eine Art Akustikshow und wurde dann auch schon eher 
Slapstick, aber Hauptsache, es ist spaßig. 

Chris Wilpert fuckhead.at 



ZURÜCK ZU DEN WURZELN 

EARTH CRISIS 


EARTH CRISIS waren Mitte der 1990er Jahre nicht nur eine der vehemen¬ 
testen Vertreter des Veganismus und der Straight Edge-Bewegung, son¬ 
dern auch musikalisch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit ihrem Album 
„Gomorrah’s Season Ends“ bereiteten sie den Weg für einen Musikstil, der 
heute allgemein als Metalcore bezeichnet wird, und waren zusammen mit IN- 
TEGRITY ein maßgeblicher Einfluss für unzählige Metalcore-Bands der letz¬ 
ten Jahre. 


Nach ihrer Auflösung im Jahr 2000 wurde es zunächst 
recht still um die Band, bevor ein Teil der ehemaligen 
EARTH CRISIS-Mitglieder FREYA gründete. FREYA ka¬ 
men EARTH CRISIS zwar musikalisch gesehen recht 
nahe, gingen aber insgesamt noch ein wenig härter 
zu Werke. Gegen Ende des letzten Jahres kursierten 
auf einmal wilde Gerüchte im Internet, eine mögliche 
EARTH CRISIS-Reunion betreffend. Und tatsächlich 
war es dann im Januar dieses Jahres soweit und EARTH 
CRISIS spielten ihre erste Show nach sieben Jahren am 
27. Januar in Baltimore. Genug Gründe also, einer der 
wichtigsten Hardcore-Bands der 90er Jahre noch mal 
auf den Zahn zu fühlen, und so mailte ich Gitarrist 
Scott Crouse meine Fragen. 

Zuerst die Frage, die einfach gestellt werden muss: Was 
ist der Grund für die EARTH CRISIS-Reunion? 

Viele Leute scheinen die Reunion sehr skeptisch zü sehen. 
Der Hauptgrund ist schlicht, dass wir alle die Band sehr 
lieben. Sie ist ein Hauptbestandteil unseres Lebens und 
welche andere Straight Edge-Band kann schon nach sie¬ 
ben Jahren zurückkommen und XXX-Konzerte spielen, 
ohne dabei nicht innerlich voll von Scheiße zu sein? 

Was denkst du über die heutige Hardcore-Szene, spe¬ 
ziell Metalcore, ein Sound, der ja ohne szeneprägen¬ 
de Bands wie EARTH CRISIS und INTEGRITY heute so 
nicht denkbar wäre? 

Danke, dass du es so siehst. Ich denke, es gibt eine Men¬ 
ge guter Bands da draußen, aber gleichzeitig haben viele 
Hardcore-Bands ihre Originalität verloren. Ich wünsche 
mir eine Szene, die zurückkehrt zu den Tagen, als noch 
SUPERTOUCH zusammen mit AGNOSTIC FRONT und 
YOUTH OF TODAY gemeinsam auf einem Konzert spiel¬ 


ten. All diese verschiede¬ 
nen Musikstile vereint an 
einem Abend. 

Ich denke, dass viele Kids, 
die heute erst anfangen 
Hardcore zu hören, kaum etwas über die Wurzeln 
und die Geschichte dieser Musik wissen. EARTH CRI¬ 
SIS waren immer bekannt dafür, radikal für die vega- 
ne Lebensweise einzutreten und die damit verbunde¬ 
nen „Regeln“ energisch zu repräsentieren. Ist das also 
eure Mission? Die ursprünglichen Werte, nicht nur 
den Veganismus, auch alle anderen Ideale von Hard¬ 
core, den Kids von heute wieder näher zu bringen? Ich 
meine, wenn man sich auf den Konzerten heute mal 
umsieht, ist alles zu einem großem Walk-Off verkom¬ 
men. Es geht nur noch um den Style. 

Ja, da stimme ich dir völlig zu. Die Hardcore-Szene hat 
in den letzten Jahren viel an Integrität eingebüßt und in¬ 
sofern stimmt es schon, dass wir unsere Werte den Kids 
wieder vermitteln wollen. Ich meine, was macht diese 
Szene denn sonst so anders, wenn nicht die Musik? Die¬ 
ses Gefühl, die Musik nach dem Konzert quasi mit nach 
Hause nehmen zu können? 

Es ist gut zehn Jahre her, dass ihr mit EARTH CRISIS 
auf dem Höhepunkt eurer Karriere standet. Was war 
in der Zwischenzeit ? 

Wir entschieden uns damals, EARTH CRISIS aufzulösen, 
weil einzelne Mitglieder sich mehr auf ihre persönlichen 
Angelegenheiten konzentrieren wollten. Wir lebten und 
atmeten EARTH CRISIS zehn Jahre lang, und während 
dieser Zeit haben wir unsere Familien total vernachläs¬ 
sigt. Das sind also hauptsächlich die Dinge, die wir in der 
Zeit gemacht haben, als wir weg waren: wir haben unse¬ 


re Privatleben wieder geordnet. 

Am 27. Januar habt ihr eure Reunion-Show in Balti¬ 
more gespielt. Wie war das? 

Es war unglaublich, so viele Fans vor der Bühne zu se¬ 
hen, und ehrlich gesagt, haben wir uns absolut großartig 
dabei gefühlt. Das Konzert war innerhalb einer Woche 
schon im Vorfeld ausverkauft und zu sehen, dass Fans aus 
Europa, Japan, Australien, Südamerika und aus den gan¬ 
zen USA gekommen waren, hat uns verdeutlicht, wel¬ 
chen großen Einfluss EARTH CRISIS in der Hardcore-Sze¬ 
ne immer noch haben. Es war schön zu sehen, dass man 
uns nach all der Zeit noch nicht vergessen hatte. 

Im Sommer werdet ihr auf dem deutschen With Full 
Force Festival spielen und auch auf dem Hellfest in 
Frankreich. Freut ihr euch auf die Konzerte? 

Oh ja, wir sind schon jetzt total aufgeregt und freuen uns 
sehr, wieder in Europa zu spielen. Wir spielen neun Kon¬ 
zerte in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland und 
in England. Schaut mal auf unserer MySpace-Seite nach, 
da stehen alle Konzertdaten. 

Plant ihr ein neues EARTH CRISIS-Album, um es dann 
auf der Tour vorzustellen, oder gibt es live zunächst 
nur altes Material zu hören? 

Dieses Mal werden wir nur alte Songs spielen. Wir haben 
über ein neues Album gesprochen, aber noch keine kon¬ 
kreten Pläne diesbezüglich. Wir nehmen immer eine Stu¬ 
fe nach der anderen. 

Tobias Ernst myspace.com/xecx 


OX-FANZINE 107 







THE OTHER 

DEUTSCHLANDS GRUSELPUNKS AUF US-HORROR-TOUR 

Keiner hat wirklich damit gerechnet, dass wir es wirklich schaffen, in den USA zu touren. Amerikaner ver¬ 
sprechen ja bekanntlich viel und halten die Hälfte. Doch es sollte anders kommen. Nach tatkräftiger Un¬ 
terstützung von den REZUREX aus Los Angeles und unserer deutschen Tourmanagerin Dolores (D-Tour 
Booking), hatten THE OTHER wirklich im Dezember Flüge gebucht und einen Acht-Date-Trip durch drei 
Staaten in 14 Tagen geplant. 


Der Trip beginnt: Migore Drake war ziemlich nervös am 
Morgen des 9. Januar 2007, denn der neue Bassist von 
THE OTHER durfte nach einem einzige Warm-up-Gig in 
Deutschland sofort mit seinen neuen Weggefährten über 
den Atlantik fliegen. Um sieben Uhr morgens ging es 
zum Flughafen Düsseldorf, wo man von den Freundin¬ 
nen Abschied nahm und dem Personal versicherte, kei¬ 
ne Bomben im Gepäck zu haben. Apropos Gepäck: Gi¬ 
tarren und Schlagzeugteile durften wir auf Grund feh¬ 
lender und teurer Work-Visa nicht mitbringen, das Mer- 
chandise wurde in den USA gedruckt oder vorher ver¬ 
schickt. Im Flugzeug auf dem Weg zum Zwischenstopp 
Atlanta fiel natürlich prompt unser Video-Screen aus, war 
wir zum Anlass nahmen, uns das teure Bier im Flieger als 
Entschuldigung für die technische Panne umsonst geben 
zu lassen. Dementsprechend fröhlich kam die komplette 
Horror-Truppe in Atlanta an, wo die vier Bandmitglieder 
und Roadie Markus klar stellten, natürlich nur am Strand 
liegen zu wollen und keine sexuell abartigen Praktiken 
mit amerikanischen Staatsbürgerinnen zu planen. Im At¬ 
lanta wartete bereits Schwester Usher, die dort seitJahren 
lebt, um uns die acht Stunden Wartezeit bis zum Weiter¬ 
flug mit einer Sightseeing-Tour in Downtown angeneh¬ 
mer zu machen. Weiter ging es nach L.A., wo bereits Ste¬ 
phen Grey (FRANKENSTEIN, 45 GRAVE, CHRISTIAN 
DEATH), REZUREX-Roadie Ben und unsere Bandmama 
Dolores warteten. Und ab ging es mit der deutschen Rei¬ 
segruppe nach Hollywood in Daniel de Leons (REZUREX, 
THE DEEP EYNDE) Ein-Zimmer-Appartement, wo schon 
ein paar kalte Corona-Fläschchen warteten. 

11. Januar, der Tag des ersten Gigs war gekommen. Vor 
uns lag eine fünfstündige Fahrt durch die Wüste nach Las 
Vegas. Klar, dass wir Zwischenstopps einlegten, unter an¬ 
derem in einem Vans-Outlet mitten in der Wüste, danach 
- wie es sich für eine Horrorpunk-Band gehört - in der 
Geisterstadt Calico, wo wir wie richtige Touristen durch 
die Minen schlurften und uns die überragende Cowboy- 
Show ansahen. Angekommen in Las Vegas sollten wir 
schnell merken, was es heißt, in den USA zu touren. Der 
Bunkhouse Saloon war genau das, was der Name sagte: 
Eine Country-Bar, die 24 Stunden geöffnet hatte. Auf die 
Ansage „Hey, we’re the band“ kam die Antwort „The Pro¬ 
moter is not here today, but there’s the stage“. Die wieder¬ 
um befand sich in einer Ecke unter einem ausgestopften 
Hirschkopf und eingerahmt von Fotos aller Country-Grö- 
ßen. Wir hätten direkt „Rawhide“ anstimmen sollen, so 
fühlten wir uns. Schnell ging es zu einem Meet & Greet 
im „Cash 4 Chaos“-Plattenladen, wo wir uns mit zahl¬ 
reichen CDs und Horror-Shirts und -Figuren eindeckten. 
Ein paar Autogramme schrieben wir auch. Für die Besit¬ 
zer und einen weiblichen Fan, der gekommen war. Wir 
waren wirkliche Stars in Las Vegas! 


Wieder am Club warteten bereits unsere guten Freunde 
von BLITZKID und es gab ein großes Hallo. Danach ging 
es zu einer Bekannten zum Schminken und danach wie¬ 
der zurück zum Club und auf die Bühne. 15 Zuschauer, 
zwei betrunkene Cowboys und ein Trucker an der Bar 
machten die erste Show zu einem perfekten Warm-up für 
den Rest der Tour. Geschlafen wurde bei Bandroadie Zack 
und seiner Mutter, wo man sich wiederum den Fußbo¬ 
den teilte und möglichst nicht in der Nähe von BLITZ- 
KID-Gitarrist T.B. schlief, der lauter sägte als eine Motor¬ 
säge. Zudem war das Haus von Katzen bevölkert, so dass 
alle am nächsten Tag mit Haaren im Mund aufwachten. 


Frühstück, Sightseeing auf dem Las Vegas Strip und da¬ 
nach ein kurzer Abstecher ins Casino New York, New 
York. Weiter ging’s in unserem Van nach Corona ins be¬ 
stimmt 15 Grad wärmere Kalifornien. Der Show-Abend 
wurde uns bereits als Highlight angekündigt, und so kam 
es auch. Eine All-Ages-Show mit über 300 Kids, ein toller 
Laden mit großer Bühne und Backstage, endlich frei Es¬ 
sen und Bier, Riesenstimmung und vielen Freunden. So 
trafen wir auf THE DAMNED-Basser Stu, auf J-Sin Trioxin 
von MISTER MONSTER, auf viele MySpace-Freunde, un¬ 
seren Kumpel Schröder aus Vancouver, auf Pamela, unse¬ 
re Bookerin aus Prag, und endlich auf den Rest von RE¬ 
ZUREX, mit denen wir ja bereits in Deutschland tour¬ 
ten. Wie immer waren die Jungs — und teilweise die an¬ 
deren Bands wie STELLAR CORPSES - Stunden zu spät. 
Das scheint bei Amerikanern so üblich zu sein. Unser Gig 
war dennoch ein voller Erfolg, mit Circle Pit und Fans, 
die unsere Songs auf der Bühne mit ins Mikro grölten. Bei 
BLITZKID war die Stimmung etwas behäbiger, bei RE¬ 
ZUREX — den Local Heroes — steppte der Bär. 



Am nächsten Tag merkten wir dann, warum Amerika¬ 
ner grundsätzlich zu spät sind. Jedes Ziel in der Stadt ist 
ca. „10 Minuten entfernt“, auch wenn man in der Rea¬ 
lität eine Stunde braucht. Jedenfalls waren wir fast ver¬ 
hungert, als wir endlich das Restaurant „in der Nähe“ er¬ 
reichten. „Something is always“, unser perfekt übersetz¬ 
tes „Irgendwas ist immer“, wurde zum Tour-Motto, denn 
irgendwas war wirklich immer! 

Abends ging es dann zum Key Club auf dem Sunset Strip, 
wo das „Living Dead Fest“ mit THE OTHER, BLITZKID, 
REZUREX, MORE THAN NEVER, ORDER OF THE FLY 
(später nur noch „Order of Fries“ genannt) und STELLAR 
CORPSES stattfinden sollte. Wie in den USA üblich, gab 
es keinen Soundcheck, und arrogantes Personal, dafür Es¬ 
sen, Trinken, einen großen Backstageraum und wieder 
Besuch von Freunden, unter anderem Slim Jim Phantom 
von den STRAY CATS, Johnny Coffin, THE DEEP EYNDE, 
Calavera, Fetisch-Model Emily Marilyn und vielen wei¬ 
teren. Auch unser Fan „Black Rose“ war da und lieh Sar¬ 
ge seine Schecter-Gitarre für den Rest der Tour. Spätes¬ 
tens als THE OTHER spielten, war der Laden mit gut 500 
Fiends erfreulicherweise rappelvoll und wir wurden fein 
abgefeiert. Zwar nicht mit dem jugendlichen Enthusias¬ 
mus wie in Corona, aber immerhin mit etwas Pogo, viel 
Applaus, fantastischen Merch-Sales und zig Autogram¬ 
men und Fotos. Sogar der Veranstalter attestierte uns 
seine Begeisterung, so etwas hätte er bei unbekannten 
Bands noch nie erlebt. All das trotz unfähigen Mixern. 
Festzuhalten bleibt noch: Nirgendwo waren die Konzert¬ 
zuschauer so gestylet wie in Hollywood. Jeder war an 
diesem Abend Rockstar. 

Am 14. Januar führte uns unser Trip ganz in den Süden, 
nach San Diego. Wieder einmal hatten wir vorher mit 
amerikanischer Unpünktlichkeit zu kämpfen, allerdings 
hatte man so Zeit für einen Trip zum größten Halloween- 
Store in der L.A. Area, mit seinen Tausenden von Mas¬ 
ken, Outfits und Figuren. Ach, hätten wir doch vorher 
im Lotto gewonnen. In Orange Country trafen wir dann 
auf Troy (REZUREX, NEKROMANTIX), der uns trotz des 
Zeitdrucks erstmal seine Autosammlung in Garage und 
Garten zeigte (inklusive einem Sarg-Auto), bevor es wie¬ 
der auf den Highway ging. Und es kam noch besser: Ob¬ 
wohl wir drei Stunden zu spät waren, war der Club noch 
nicht offen und kein Promoter zu sehen. Sogar die An¬ 
gestellten warteten vor der Tür. Dazu lag das Brick by 
Brick weit außerhalb der Stadt, so dass an einem Sonn¬ 
tagabend eh mit leerer Halle zu rechnen war. Irgend¬ 
wann ging aber alles seinen Gang und dank der Support- 
Band - LOS KRANEOS aus Mexiko - war der Abend so¬ 
gar doch kein Fehlschlag, denn die 16-jährigen Psycho- 
billies brachten alle ihre Freunde mit über die Grenze, die 
vorzüglich mitfeierten und teilweise pro Person über 60 
Dollar an unserem Merch-Stand ließen. Insgesamt dürf¬ 
ten knapp 100 Leute vor Ort gewesen sein. Während wir * 
uns fertig machten, schlief Troy mit laufendem Fön in 
der Hand im winzigen Backstageraum, während Dani¬ 
el versuchte seinen Iro zu richten und Jeff Roffredo (RE¬ 
ZUREX, TIGER ARMY) mit Drummer Jacob einen Witz 
nach dem anderen riss. Die Show war ordentlich, das Pu¬ 
blikum dankbar und wie immer durfte man Autogram¬ 
me schreiben und für Fotos posieren. Wir waren schlie߬ 
lich die Exoten der Tour. 

Der 16. Januar stand ganz im Zeichen der Autofahrt. Wie¬ 
der ging es durch die Wüste, die mittlerweile keinem 
mehr wirklich Begeisterung entlocken konnte, in Rich¬ 
tung Phoenix. Das Jughead’s lag mal wieder am Arsch der 
Welt und war zudem eine „21+“-Bar. Außerdem spielten 
die CRÜXSHADOWS in der Stadt, wo natürlich alle Goth- 
Kids hinpilgerten. Immerhin war der Club ein wasch¬ 
echter Punk-Laden mit exzellenter Jukebox. Leider al¬ 
lerdings ohne Backstage, ohne Bühnenbeleuchtung und 
ohne Schlafmöglichkeiten. Das erste Problem war schnell 
gelöst: THE OTHER spielten erstmals ohne Make-up. So 
brauchten wir statt anderthalb Stunden nur circa 10 Mi¬ 
nuten, um uns fertig zu machen. Sehr angenehm, zur Ab¬ 
wechslung. Die Bühnenbeleuchtung wurde von der Sup¬ 
port-Band THE LIMIT CLUB gestellt und ein Motel war 
wohl auch in der Nähe. Für uns ging es als dritte Band 
auf die Bühne und immerhin hatten sich etwa 20 Leute 
nebst Freunden von CALABRESE und ZOMBEAST einge- 
fünden. Die Leute machten ganz ordentlich mit, wir hat¬ 
ten großen Spaß und es gab ein Bier nach dem anderen 
vom begeisterten Thekenpersonal. Auch BLITZKID rock¬ 
ten das Haus, ernteten aber von einem Typen, der an der 
Bar hockte, böse Kommentare, als sie die Amerikaflag¬ 
ge abrissen, die hinter der Bühne hing. In einem Punk- 
Club wohlgemerkt. Nach mehr Alkoholika und Merch- 
Verkäufen von weit über 200 Dollar, ging es dann mit 
BLITZKID und der zweiten Vorband BACK TO ZERO in 
besagtes Motel, was sich als echtes „Motel Hell“ entpupp¬ 
te. Blutbefleckte Matratzen, Gestank, offene Stromleitun¬ 
gen, Handabdrücke und Dreck auf den Wänden ... Das 
alles zum Superpreis von 50 Dollar pro Zimmer. Dan¬ 
ke, Phoenix! 


OX-FANZINE 108 
















Der nächste Tag wartete mit einer langen Fahrt in das In¬ 
dianerreservat der Navajos auf. Dort stehen wohl viele 
Kids auf Horrorpunk, denn schon einige Bands des Gen¬ 
res fanden ihren Weg dorthin. Durch Wüste und Berge 
krochen wir die Highways entlang, immer im Gefolge 
von BLITZKID, die uns ein Walkie-Talkie geliehen hatten, 
so dass wir zwischen den Vans Dummheiten austauschen 
konnten. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir, 
ganz „Kinder des Zorns“-mäßig, plötzlich einen Prediger 
aus unserem Funkgerät sprechen hörten und zwei Vans 
überholten, die mit Tafeln der Zehn Gebote und Bildern 
von abgetriebenen Föten behängen waren. An einem 
Meteoritenkrater vorbei näherten wir uns der Abfahrt 
zu einem winzigen Highway, der in das Reservat führ¬ 
te. Die Sonne ging langsam unter, die Handys hörten auf 
zu funktionieren, die Landschaft wurde karger und ers¬ 
te wilde Hunde liefen am Highway entlang. Die Horro¬ 
ratmosphäre wurde durch das Radioprogramm verstärkt: 
Der einzige Sender, der zu empfangen war, spielte nur In¬ 
dianermusik, mit Trommeln und Gesängen. 

Nach 80 Meilen durch die Einöde erreichten wir viel zu 
spät Chinle, um zu erfahren, dass der Direktor der ört¬ 
lichen Highschool, in der der Gig eigentlich stattfinden 
sollte, das Konzert abgesagt hat. Der Oberindianer hatte 
wohl Angst vor den deutschen Grusel-Rockern. Stattdes- 
sen fand das Konzert im Chapter-House statt, also dem 
Haus des Stammesrats. Das Bild, das uns dort erwarte¬ 
te, war für europäische Augen wirklich ungewöhnlich. 
Ein Haus, mitten im Schnee, davor über hundert Punk- 
Kids, die alle indianischer Abstammung waren. Im Haus 
selbst war keine Bühne aufgebaut, stattdessen große Ge¬ 
mälde von Häuptlingen an jeder Wand. Gespielt wur¬ 
de mit normalem Raumlicht, das bei unserem Gig aber 
plötzlich ausging. Wie auf Kommando stürzten sich die 
Kids aufeinander und pogten, was das Zeug hielt. Eine 
halbe Stunde später war der Spuk für THE OTHER wieder 
vorbei, weil die Zeit eingehalten werden musste. Punkt 
22 Uhr musste der Laden komplett leer sein. Vorher je¬ 
doch spielten BLITZKID - und coverten netterweise un¬ 
ser „Hyde inside“, was wir aus Zeitgründen nicht spielten 
konnten - und wir machten Fotos mit wirklich jedem der 
Anwesenden und schrieben uns die Finger wund. Beim 
Ausladen trabten dann noch zwei Wildpferde an uns vor¬ 
bei durch das Dorf. Im Anschluss ging es bei gefühlten 
15 Grad unter Null ins Best Western Motel, wo wir bis 
drei Uhr morgens mit den Veranstaltern tranken. Besser 
gesagt: Wir widmeten uns höflich unseren zwei bis drei 
Bier, während sich Anthony und Co. total abschossen. Al¬ 
kohol ist im Indianerreservat nämlich illegal, und wenn 
es mal Bier gibt, dann wird so viel getrunken wie mög¬ 



lich. Natürlich musste auch die Tatsache gefeiert werden, 
dass THE OTHER die erste deutsche Band war, die je im 
Navajo-Reservat gespielt hat. Also hoch die Tassen und 
fleißig Fotos gemacht! 

Am 19. Januar ging es für REZUREX, die wieder dazu 
stießen, und THE OTHER nach Santa Cruz. Wieder ein¬ 
mal waren die REZUREX zwei Stunden zu spät, weil jedes 
Bandmitglied einzeln mit einem 15-Personen-Van einge¬ 
sammelt werden musste. Auch die typische amerikani¬ 
sche Leichtfertigkeit („Schlagzeug nehmen wir nicht mit, 
wird schon eins da sein“) nahm uns oft ziemlich mit. 
Aber immerhin durften wir das erste Mal mit REZUREX 
im Original-Line-up spielen, denn sowohl Jeff war wie¬ 
der dabei als auch Drummer James Menza, der mittler¬ 
weile genau wie Jeff bei TIGER ARMY trommelt. Gera¬ 
de die beiden entpuppten sich als echte Komiker und so 
war die Fahrt immerhin ein ziemlicher Spaß. Nach ei¬ 
nem Zwischenstop im Hotel, wo wir uns schminkten, 
ging es für THE OTHER sofort, ohne Soundecheck, auf 
die Bühne. Eine stattliche Fan-Schar von bestimmt 250 
Fiends hatte sich bereits angesammelt und freute sich auf 
die „German Punks“. Wieder wurde viel mitgesungen, 
besonders „Beware of ghouls“ und „In the dead of night“ 
und es gab viel Lob im Anschluss. Sogar ein paar Deut¬ 
sche waren gekommen. REZUREX mischten das Publi¬ 
kum danach richtig auf und es gab viel Bewegung und 
auch eine kleine Keilerei. 

Der letzte Tour-Tag begann mit feinem Sightseeing. Die 
STELLAR CORPSES wollten uns ihre Heimatstadt Santa 


Cruz zeigen, wo einer der ältesten Vergnügungsparks der 
USA noch immer steht. Horror-Fans kennen den Park si¬ 
cher aus „Lost Boys“ und natürlich mussten wir das obli¬ 
gatorische Foto auf der Eisenbahnbrücke machen, an der 
die Jungs um Kiefer Sutherland im Film kopfüber bau¬ 
melten. Außerdem ließen wir es uns nicht nehmen, eine 
Runde mit der Achterbahn zu drehen, die hierzulande 
längst vom TÜV geschlossen worden wäre. Schließlich 
wollte die ganze Truppe noch auf die Oldschool-Geister¬ 
bahn, die wirklich ein paar Erschrecker und einige La¬ 
cher zu bieten hatte. 

Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es über San Fran¬ 
cisco - mit Fotopausen an der Golden Gate Bridge - in 
die Staatshauptstadt Sacramento. Der Club, Willemina’s 
Bar, lag im alten Teil der Stadt und war richtig geil. Keine 
Bühne, aber sonst alles klasse. Großer Backstagebereich, 
super Essen, etwas Trinken und schließlich ziemlich vol¬ 
les Haus. Größtenteils Psychobilly-Publikum war aufge¬ 
schlagen und teilweise mit fetten Hotrods vorgefahren, 
aber auch THE OTHER konnten die Leute überzeugen 
und der Gig hat richtig gerockt. Die Pausen zwischen den 
Bands wurden allerdings von einer etwas molligen und 
ziemlich betrunkenen Burlesque-Tänzerin überbrückt, 
die zwar nett, aber doch ziemlich unansehnlich war. 
Wieder waren allerdings Freunde vor Ort, unter anderem 
unser Kumpel Jonny Cancer, der extra aus Texas eingeflo¬ 
gen war. Nach dem Gig ging die Party im Hotel bis sechs 
Uhr morgens und speziell Jeff, James und meine Wenig¬ 
keit frönten ausgiebig dem Alkohol und den Zigaretten. 

Das Ende der Tour war da. Erneut fuhren wir 12 Stun¬ 
den durch die Wüste nach Hollywood und konnten un¬ 
seren letzten Tag kaum genießen. Eigentlich waren wir 
als Darsteller im neuen Video von THE 69 EYES einge¬ 
laden, aber auch das schafften wir zeitlich nicht mehr. 
Nach dem Kofferpacken ging es dennoch auf einen letz¬ 
ten Trip ins Tiny’s auf ein Treffen und mehrere Biere mit 
Steve und Bart von FRANKENSTEIN. Da das Taxi zum 
Flughafen um halb drei Vorfahren sollte, war an Schlaf 
eh nicht zu denken ... 

So endete ein echtes Abenteuer, das trotz aller Unken¬ 
rufe im Vorfeld nur positive Erinnerungen hinterlassen 
hat. Das Feedback auf THE OTHER in den USA war gro߬ 
artig und durch Merch-Verkäufe und Gagen haben sich 
alle Kosten vor Ort und ein Teil der Flugtickets refinan¬ 
ziert, und das bei acht Shows. Wir haben viele Freunde 
getroffen, viel gesehen, viel erlebt und noch mehr ge¬ 
lacht. Schon jetzt ist der nächste Trip geplant, diesmal an 
die US-Ostküste. 

Rod Usher theother.de 



OX-FANZINE 109 


















M. O.T. O/K-KLÄNGSTUDIO 



MEISTER DES BANALEN 

M.O.T.O. 

M.O.T.O., MOTO oder ausgeschrieben MASTERS OF THE OBVIOUS existieren sein nunmehr 26 Jahren 
und sind seit all den Jahren unbestreitbar das Soloprojekt des einzig festen Bandmitgliedes, Sänger und 
Gitarrist Paul Caporino, der die Band von Chicago aus am Laufen hält. Eine Ego-Angelegenheit, wie er 
zugibt. Ich lehne mich jetzt einmal so weit aus dem Fenster, ihn mit dem nimmermüden Billy Childisch zu 
vergleichen - mit den Unterschieden, dass Paul aka M.O.T.O. noch unbekannter ist und nicht gaaanz so 
viele Songs auf dem Buckel hat wie der andere Meister. Dafür ist Paul bei der Erhaltung seiner Band we¬ 
sentlich konstanter. Musikalisch beweist auch er eine große Affinität zu trashigem Pop-Punk, wobei die 
Garage meistens genauso nahe liegt wie der New Wave und der Sixities-Beat. 


Mein erstes M.O.T.O.-Album war die 1990er CD „This 
Corpse Is A Warning“, die ich vor ein paar Jahren von 
einem Freund zum Geburtstag bekam, der sie mir mit 
den Worten überreichte: „Wie, du kennst die nicht? Das 
wundert mich, die sind der Hammer!“ Ich muss dazu sa¬ 
gen, dass dieser Freund - eher der Freund eines Freun¬ 
des, meines damaligen Schlagzeugers - im Orchester ir¬ 
gendein Saiten- oder Blasinstrument spielte, Spex-Leser 
war und eher seichten Indie hörte. Zumindest dachte ich 
das. Entsprechend groß war meine Verwunderung also, 
als ich die CD auflegte und sie in kürzester Zeit eine mei¬ 
ner Lieblings-CDs wurde und über die Jahre auch blieb. 
Allein für den Satz „I hold my guitar just like a penis“ in 
„Sonic torture“ liebe ich Paul Caporino! Nie wieder habe 
ich eine CD besessen, die wirklich alle meine Mitbewoh¬ 
ner, wenn sie in der Küche lief, toll fanden. Von „Klingt 
wie eine Kreuzung aus RAMONES und BEACH BOYS“ bis 
„Besser als die BEATLES“ war da alles dabei. Ich werde 
diesem Freund wohl ewig dankbar sein. Leider wohnt er 
in München und ich treffe ihn viel zu selten. 

Auch der Herausgeber dieses Fanzines musste in seinem Review zu der Compilation-CD „Single File“, die die Singles 
aus der Zeit zwischen 1988 und 1993 vereint, in Ox #60 gestehen: „Da denkt man, man kenne so ziemlich alles in sei¬ 
nem musikalischen Universum, und dann stellt man fest, dass eine Band wie M.O.T.O. aka MASTERS OF THE OBVIOUS 
zwar schon seit 1981 existiert und unzählige Singles veröffentlicht hat (...), man aber bislang keine einzige davon be¬ 
saß. Seltsam!" Seltsam ist es in der Tat, dass M.O.T.O so sträflich unbekannt sind. Liegt es vielleicht daran, dass sie erst 
dreimal in Europa auf Tour waren? 2002, 2004, 2007. Wie bereits 2004 waren auch dieses Jahr in Berlin nur 30 bis 50 
Menschen anwesend, um die Meister des Pop-Punk zu feiern. Pauls Eingeständnis dazu klingt sehr prosaisch: „Wir ge¬ 
ben uns nicht genug Mühe. Ich bin einfach sehr faul. Aber es wird besser, wir versuchen es.“ 


Ein weiterer Grund, warum M.O.T.O hierzulande so un¬ 
bekannt sind, könnte sein, dass bis 1999 fast alle Veröf¬ 
fentlichungen, mit Ausnahme von „This Corpse ..." und 
der „Bolt“-LP (ein 1996-Rerelease eines Tapes von 1986) 
und den besagten Singles, auf Kassette erschienen sind. 
Kassetten, die Paul in Eigenregie zu Hause aufnahm und 
von dort aus vertrieb. Kassetten, die Paul nicht etwas aus 
Abneigung oder gar Verachtung gegenüber Vinyl oder - 
was ja verständlich wäre - CDs aufnahm, sondern, weil 
ihn nach eigener Aussage kein Label haben wollte, und 
weil er aus der „Kassetten-Generation“ stammt. Kasset¬ 
ten, die oftmals nur von Paul alleine bespielt sind und 
mit einem Vierspurgerät aufgenommen, freilich mit Be¬ 
gleitung seines Drumcomputers, den er nicht etwa des¬ 
halb Dr. Mac nennt, weil er über die Jahre eine innige Be¬ 
ziehung zu diesem Gerät entwickelt hätte, sondern aus 
dem banalen Grund, weil die Maschine halt so heißt. 
Kassetten, die in Ermangelung dieses Mediums mittler¬ 
weile und glücklicherweise nach und nach auf Vinyl rere- 
leaset werden, so zum Beispiel das erste Tape von 1985, 
„Turn Your Head And Cough“, das auf der diesjährigen 
M.O.T.O.-Tour in einer limitierten Auflage von 300 er¬ 
hältlich war, und das Paul bereits in seiner Anfangszeit 
in seiner ganzen Größe präsentiert: Songs, die einfacher 
und magischer nicht sein könnten. „Songs müssen ein¬ 
fach sein, sie müssen einfach zu spielen sein. Komplizier¬ 
te Songs sind meistens nicht gut.“ Die RAMONES-Idee 
halt. Und dass die RAMONES neben den KINKS zu den 
großen Idolen Pauls gehören, ist unschwer zu erkennen. 


THE SOUND OF HAMBURG PUNKROCK 

K-KLANGSTUDIO 

Wenn eine Punkrock-Band in Hamburg sich anschickt, eine Plattenaufnah¬ 
me zu machen, kann man inzwischen fast davon ausgehen, dass sie zu die¬ 
sem Zweck im K-Klangstudio von Ritchy Fondermann landet. Ob jung oder 
alt, wer seine Songs in gutem Sound aufgenommen haben will, kehrt früher 
oder später in diesem Keller auf St. Pauli ein. Das Geheimnis des Erfolgs mag 
darin liegen, dass der Hausherr selber seit vielen Jahren in diversen Bands 
aktiv ist. So war er jahrelang Kopf der inzwischen verblichenen ANTIKÖRPER 
und startet nun mit den VARANES und BUNCH OF RAGS durch. Wie es hin¬ 
ter den Kulissen der Musikbranche zugeht, weiß Ritchy gut genug, denn als 
ehemaliger A&R bei der Polydor hat er viel Sein und noch mehr Schein erle¬ 
ben dürfen. Da er seit einiger Zeit aber nun das K-Klangstudio hauptberuflich 
betreibt, schien es mir an der Zeit, den freundlichen Herrn und sein Schaffen 
mal etwas genauer vorzustellen. 


Bitte zuerst ein paar Worte zu deinem Werdegang. 

Ich bin 1973 in Essen zur Welt gekommen. Mit 12 Jahren 
bin ich nach einigen Umzügen in Kirchnüchel, Schles¬ 
wig-Holstein gelandet. Dort wurde ich bald mit dem 
Punk-Virus infiziert. 1987 wurde die erste Band gegrün¬ 
det und auch der Grundstein gelegt für meinen Plan, ein 
Tonstudio zu betreiben. Ein Musiklehrer lieh mir hierfür 
das nötige Equipment. 1993 bin ich nach Hamburg gezo¬ 
gen, um dort mehr aus meinem Hobby zu machen. Jobs 
bei der Post und im Krankendienst boten mir genügend 
Zeit dazu. Dann kam ein Abstecher in die Welt des Musik- 
business, zunächst als Promoter, später dann als „Hilfs- 
A&R“ bei der Polydor. Mein angefangenes Studium brach 
ich danach aus Geldmangel ab und arbeitete zunächst als 
Kurierfahrer. Das Tonstudio baute ich mir nebenbei auf 
und begann mit den ersten Produktionen. Inzwischen 
betreibe ich mein Studio hauptberuflich. 

Und welche Musik wird dort produziert? 

Mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Es braucht 
aber Gitarren und rauhe Sounds, um mich glücklich 
zu machen. Grundsätzlich bedeutet das für meine Ar¬ 
beit, dass es einer Band bedarf, die von sich aus schon 
gut klingt, um sie möglichst naturgetreu aufzunehmen. 
Wobei ein Studio keine Bühne ist und Zusätzliches sowie 
Schummeln - wenn es unaufdringlich und ehrlich ist - 
durchaus erlaubt sind. 

Bei der Polydor hast du das Musikbusiness ja zuerst von 
der rein kommerziellen Seite kennen gelernt. Welchen 
Einfluss hat diese Erfahrung möglicherweise auf deine 
jetzige Studioarbeit? 


Das war eine interessan¬ 
te Zeit. Ohne die Polydor 
hätte es ANTIKÖRPER in 
der Form nicht gegeben, 
denn dann hätten wir gar 
nicht genug Geld verdient, 
um das alles zu finanzieren. Aber auf meine Studioarbeit 
hat das keinen Einfluss. Ich arbeite ja in erster Linie mit 
Bands und nicht mit Labels zusammen. Aber natürlich 
weiß ich auch, was man für eine Radioproduktion be¬ 
achten sollte. 

Du sagst, Musik, die du magst, braucht Gitarren und ei¬ 
nen rauhen Sound. Würdest du denn auch gänzlich an¬ 
deres Terrain betreten, wenn zum Beispiel eine Hip- 
Hop-Band an dich herantreten würde? 

Ja, weil ich grundsätzlich alles mache, was mir Spaß be¬ 
reitet. Außerdem lerne ich gerne dazu und wenn ich et¬ 
was für mich Neues mache, dann biete ich das auch so an. 
Manchmal dauert so etwas dann länger, aber das geht na¬ 
türlich nicht zu Lasten der Musiker. Ich habe auch schon 
Schlager produziert, und meine erste Ska-Band war auch 
nicht ohne. Interessant wird es immer, wenn man ver¬ 
sucht, an „originale“ Sounds wie bei altem Blues, Coun- 
try oder Swing ranzukommen. So gesehen würde ich 
auch HipHop machen, wenn ich Platz zum Experimen¬ 
tieren bekäme. 

Die Arbeit eines Rick Rubin scheint dich sehr zu be¬ 
eindrucken. Könntest du dir vorstellen, einmal eine 
so minimalistisch, zurückgenommene Produktion zu 
machen, wie er es mit Johnny Cash tat? 



Auf jeden Fall. Was ich an Rick Rubin mag, ist die Nähe 
zum Künstler, die er manchmal transportieren kann. Ich 
mag das, wenn man glaubt, neben dem Sänger zu stehen, 
und alles zu hören ist, was sie eben machen. Mit meinen 
eigenen Bands versuche ich immer, minimal zu arbeiten. 
Da kommt drauf, was da ist, und nicht mehr. Aber eben 
alles mit guten Sounds. 

Wie wichtig ist generell das persönliche Verhältnis 
zwischen dir und Band/Interpret für die Arbeit im 
Studio? 

Absolut wichtig. Wenn die Chemie nicht stimmt, wird 
auch aus der Produktion nichts. Wenn mir die Menschen 
nicht gefallen, habe ich keine Lust und dann knie ich 
mich auch nicht rein. Wenn mir die Musiker gefallen, 
dann arbeite ich auch gerne so lange und zum Teil um¬ 
sonst, bis eine Produktion wirklich fertig ist und allen 
gefällt. Nichts ist schlimmer, als wenn man als Musiker 
nach einem halben Jahr nicht mehr mit seiner Platte zu¬ 
frieden ist. Nur so kommen die Leute auch wieder. Und 
wenn sie nett sind, dürfen sie das auch. Ich habe nämlich 
auch schon sehr lukrative Angebote abgelehnt, weil ich 
mit den Leuten nicht zurechtkam. 

Nenn doch mal ein paar Bands, mit denen du bereits 
gearbeitet hast. 


OX-FANZINE 110 





M.O.T.O./K-KLANGSTUDIO/CHAOSTAGE - DER FILM 



KALKULIERTES CHAOS 

CHAOSTAGE - DER FILM 


„Als Chaostage werden bestimmte Treffen von Punks in verschiedenen Städten bezeichnet, an denen 
zum Teil auch Autonome und andere linke bzw. linksradikale Gruppen sowie Hooligans, Skinheads, ju¬ 
gendliche Migranten und allgemein interessierte Jugendliche und Erwachsene teilgenommen haben. Die 
ersten Chaostage fanden 1983 in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover statt, die sich ur¬ 
sprünglich gegen eine geplante Punker-Datei der Polizei richteten. Bei den seitdem mehr oder weniger 
regelmäßig stattfinden Chaostagen kam es dabei - besonders bei den Chaostagen 1995 - immer wie¬ 
der zu heftigen Ausschreitungen und Straßenschlachten mit der Polizei.“ So die Definition von Wikipedia. 
Und in Kürze wird da auch noch stehen: „Ein Film von Tarek Helayel, basierend auf dem Buch von Moses 
Arndt“. Und deshalb befragte ich den Herrn Filmemacher zu seinem Vorhaben. 


Die Songs sind nicht nur simpel gestrickt, sie sind auch 
witzig und behandeln wichtige Themen, zum Beispiel 
Sex. „Sex ist ein großes Thema im Leben. Ich wurde 
katholisch erzogen. Der Katholizismus ist sehr repres¬ 
siv. Wenn du den Leuten etwas verbietest, wollen sie es 
nur noch mehr.“ Banale Aussagen über banale Tatsachen. 
Und könnte der eine oder die andere M.O.T.O. womög¬ 
lich bösartiger Weise unterstellen, sie seien unpolitisch 
und sexistisch, kann man darauf wie JeNny Kracht - die 
mir dankenswerter Weise bei den Fragen half, nachdem 
Paul bei dem angedachten Interview in Köln leider keine 
Stimme mehr hatte - nur sagen, „dass die Songs einfach 
totalen Spaß machen.“ Klar drehen sich Songtitel und 
Texte wie „Crystalize my penis“, „I like fucking, baby“ 
und „I just had sex and I’m walking down the Street, oh 
the chicks can teil.“ nur um das Eine, aber schließlich ist 
Sex ja auch ein großes Thema im Leben. Und dass Paul 
viele seiner Songs auf dem Klo schreibt, ist in der Tat nur 
ein Gerücht: „Ich hatte vielleicht die Ideen für ein oder 
zwei Songs auf dem Klo.“ 

Nachdem Paul zusammen mit der Schlagzeugerin Beck 
Dudley M.O.T.O. in den Jahren 1988 bis 1993 als Duo 
betrieb, hat die Band in den letzten Jahren zu einer er¬ 
staunlichen Konstanz gefunden: Bassist Dennis Spaag ist 
nun schon seit dreizehn Jahren in der Band und damit 
neben Paul das längste M.O.T.O.-Mitglied ever. Alleine 
die Nennung der ehemaligen M.O.T.O.-Mitglieder wür¬ 
de diese Artikel sprengen, wenn es für den hohen Ver¬ 
schleiß auch keinen besonderen Grund gibt, wie Paul 
meint. „Es hat lange gedauert, aber mittlerweile versu¬ 
chen wir Platten zu machen, wie alle anderen auch.“ Und 
mit Criminal IQ hat die Band auch ein in Chicago ansäs¬ 
siges Label gefunden, das die letzten beiden Studioalben 
„Kill M.O.T.O.!“(2002) und „Raw Power“(2005) veröf¬ 
fentlicht hat und auf dem auch das neue Album, das im 
November aufgenommen wird, erscheinen soll. Nicht zu 
vergessen die Singles, von denen Paul beinahe zwei jähr¬ 
lich raushaut, so dass es bereits an der Zeit für eine neue 
„Single File“-CD wäre. Von wegen „lazy person“! Und 
dann folgt hoffentlich 2008 wieder eine Tour durch Eu¬ 
ropa, und wer da nicht da ist, dem oder der klau ich alle 
seine oder ihre RAMONES-Platten! 

Chris Wilpert motorock.com 


Insgesamt waren es bislang über fünfzig Bands, unter an¬ 
derem ANTIKÖRPER, ASTA KASK, GOTTKAISER, HEI¬ 
MATGLÜCK, JESUS SKINS, LEISTUNGSGRUPPE MAU- 
LICH, MOTORMUSCHI, MR. BURNS, PROJEKT KOTE¬ 
LETT, RAMONEZ 77, RANDYS RIPCORD, RANTAN- 
PLAN, RUBBERSLIME, SKATOONS, SMALL TOWN RIOT, 
SQUARE THE CIRCLE, SS ULTRABRUTAL, THE CRIMES, 
THE VARANES und viele, viele mehr. 

Noch mal ein paar Fakten: Was kann eine Band, die 
bei dir aufnehmen will, für technische Möglichkeiten 
vor finden? Und wie sieht es mit Bands von außerhalb 
Hamburgs aus? 

Mein Equipment hier aufzulisten, ergäbe keinen Sinn, 
das kann man sich im Internet angucken. Grundsätzlich 
kann man sagen, dass ich jeder Aufnahmesituation ge¬ 
recht werden kann. Ich lege, wie schon gesagt, viel Wert 
auf authentische und warme Sounds. Das bedeutet, ich 
habe sehr viel Röhrenequipment, über 30 verschiedene 
Mikrofone und eine Top-Abhöre. Aufnehmen kann man 
analog oder digital, je nach dem, wie man das gerne hät¬ 
te. Im Endeffekt kann man nicht sagen, das eine ist bes¬ 
ser oder schlechter. Es entscheidet der persönliche Ge¬ 
schmack, die Erfahrung - digital ist viel einfacher - und 
der Geldbeutel. Bands von außerhalb kommen auch häu¬ 
fig und haben die Möglichkeit, bei mir zu übernachten 
oder in eine Art Hotel zu gehen. Ich habe da ganz gute 
Kurse und außerdem bin ich ja nicht so teuer, so dass da 
häufig noch was übrig bleibt. 

In deinem eigenen musikalischen Werdegang ist si¬ 
cherlich ANTIKÖRPER die bekannteste Band gewesen. 
Erzähl doch mal ein wenig über die Zeit und warum es 
dann zum Aus kam? 

Auf das Wesentliche beschränkt, kann man sagen, wir 
haben alles gemacht, was wir machen wollten, Platten¬ 
vertrag, eine Tour und viel mehr. Schließlich sind es 3,75 
Platten, diverse Touren - zwei nach Russland - und viel, 
viel mehr geworden. Dann war die Luft raus, es fing an, 
sich zu wiederholen und wir brauchten eine Pause. Peter 
und ich telefonieren aber einmal im Monat und drücken 
uns gegenseitiges Beileid aus, so dass es sehr wahrschein¬ 
lich ist, dass bald mal wieder was kommt. Aber wie und 
wann ist noch unklar. 

Wie sehen deine derzeitigen Aktivitäten aus? 

Zurzeit habe ich mit zwei Bands alle Hände voll zu tun. 
THE VARANES spielen englischsprachigen Punkrock 
mit viel Melodie, und BUNCH OF RAGS ist der Versuch, 
Johnny Cash und Elvis so zu spielen, wie das früher ge¬ 
macht wurde - mit wenig Schlagzeug, akustischer und 
elektrischer Gitarre. 

Abel Gebhardt k-klangstudio.de 


Tarek, stell dich doch bitte mal vor. 

Mein Name ist Tarek Mohammed Mahmud Kalim Helay¬ 
el. Ich zähle 25 zarte Lenze und bin der Regisseur des in 
Kürze auf Deutschland zurollenden Blockbusters „Chaos¬ 
tage“. Außerdem betreibe ich in Saarbrücken ein exklu¬ 
sives Piercingstudio namens AK47, und habe die „Sabo¬ 
takt Boxparty“, den einzig wahren Fight Club erfunden. 
Mein Motto: Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten 
Pünktlichkeit! 

Die Story in ein paar wenigen Sätzen, bitte. 

„Chaostage“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Ro¬ 
mans von ZAP-Chef Moses Arndt. Wir drehen einen Epi¬ 
sodenfilm. Verschiedene, scheinbar unzusammenhän¬ 
gende Einzelgeschichten verketten sich im Laufe der 
Story zu einem Ganzen und führen am Ende zur Kata¬ 
strophe, zu den Chaostagen eben. Es geht nicht spezi¬ 
ell um die Chaostage von Hannover, sondern um etwas, 
wie es jederzeit und allerorts wieder geschehen könnte. 
Deutschland - an einem ganz normalen Wochenende im 
Sommer ... 

Wie kommt man auf die Idee, so einen Film zu dre¬ 
hen? 

Also mich wundert es eher, dass vorher noch niemand 
auf die Idee gekommen ist, so einen Film zu drehen. 
Zum einen ist „Chaostage“ ein geflügeltes Wort, das hat 
längst die „Szene“ oder eben diese kleine Nischenwelt 
voller Minizirkel verlassen. Chaostage bei Ikea, Chaosta¬ 
ge beim Sommerschlussverkauf, Chaostage bei „Deutsch¬ 
land sucht den Superstar“. Wir sind junge Teufelsbraten 
mit mächtig Dynamit im Rektum, und wollen endlich 
mal wieder eine Bombe platzen lassen. Eine Szene, die 
von bierseligen Rentnern und minderjährigen Phlegma¬ 
tikern dominiert wird, ist doch einfach nur stinklang¬ 
weilig. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. 

Wie und wo hast du das Handwerk gelernt, wer außer 
dir wird noch für die wohl doch nicht ganz vermeid¬ 
bare Mindestprofessionalität sorgen? 

Ich habe weder eine Kunsthochschule besucht, noch mir 
bei Amazon ein schlaues Buch über Regie bestellt. Al¬ 
les, was ich kann, ist autodidaktisch erlernt, und ich bin 
überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben. Natür¬ 
lich ist so ein Film ein gigantischer Arbeitsaufwand und 
es muss schon eine mächtige Maschinerie in Gang gesetzt 
werden - aber mit dem nötigen Eifer und Begeisterungs¬ 
fähigkeit klappt das schon. Natürlich habe ich jede Menge 
professionelle Hilfe. Kameraleute, Tontechniker, Maske, 
Licht - da braucht es Profis, das ist nicht von der Hand zu 
weisen. Welch ein Glück für uns, dass so viele Punks sich 
in ihrem späteren Leben in kreative Berufe verabschiedet 
haben und uns jetzt für kleines Geld und mit der richti¬ 
gen Attitüde zur Seite stehen. Die Besetzung kann sich 
auch sehen lassen: Martin Semmelrogge, Claude Oliver 
Rudolph und Jana Pallaske sind nur ein paar ausgesuchte 
Namen unserer Superstars. 

Was bedeuten dir die „Chaostage? 

Die Chaostage sind ein ganz besonderes Ereignis. Und da 
geht’s nicht mal unbedingt um die Randale. Die Unbe¬ 
rechenbarkeit der Masse, ihre Dynamik und die immer 
wieder erstaunliche Erkenntnis, dass Punks einfach kei¬ 


ne homogene Masse sind, ist einfach fabelhaft. Die richti¬ 
gen Zutaten wie Sommer, Musik, Suff, ein Schweizer Ta¬ 
schenmesser und eine Brise Wahnwitz sind tausendmal 
geiler als jedes noch so große Festival in der Ostzone. 

Wie ist dein Verhältnis zu Moses? Hast du ihn erst über 
das Buch kennen gelernt oder seid ihr alte Kumpels? 

Ich kenne Moses ungefähr seit ich 14 bin. Jahrelang war 
er für mich Mentor und hat mich für alle möglichen Din¬ 
ge eingespannt. Inzwischen sehe ich seine Person etwas 
differenzierter. Natürlich ist er ein genialer Typ und kann 
unheimlich wirken durch seine prophetische Art. Aller¬ 
dings ist er auch ein geldgeiler Irrer, der jeglichen Bezug 
zur Realität verloren hat. Ich denke, auf die Dauer kann 
man in seiner Gegenwart nur in Schwierigkeiten geraten, 
und es ist alles in allem klüger, sich von seinen oft auch 
nicht ungefährlichen Umtrieben fernzuhalten. 

Wie wird die ganze Sache denn finanziert? Ihr werdet 
ja sogar durch die Filmförderung des Saarlands geför- ' 
dert... 

Man nehme: Eine Idee, einen PC, einen Löffel Übermut, 
einen Tag Zeit und eine Bankverbindung - Ruckzuck ist 
die Rakete startbereit. 

Welche Bands und „Prominente“ werden sich beteili¬ 
gen? Und wie viele Statisten sind im Einsatz? 

An Bands und Punk-Persönlichkeiten konnten wir wirk¬ 
lich das gesamte schlechte Gewissen versammeln. Dirk 
von SLIME, TOXOPLASMA, Erich Zander, Karl Nagel, 
Mikro von ABTSÜRZENDE BRIEFTAUBEN, Wolfgang 
Wendland, um nur einige zu nennen, haben uns bereits 
Rede und Antwort gestanden. Denn die Episoden im Film 
werde immer von Interviews eben dieser Punk-Geburts¬ 
helfer unterbrochen. Teils mit selbst erlebten Storys, teils 
mit Bezug auf die Geschehnisse im Film. Reale Personen 
belegen also fiktive Ereignisse und machen die Legen¬ 
de perfekt. Mit den Statisten halten wir es wie die Bibel. 
12.000 mal 12.000 wollen wir sein! 

Wie sieht der Zeitplan aus? 

Am 01.06. fällt die erste Klappe für den Kerndreh. Ge¬ 
dreht wird im Raum Saarbrücken. Es gibt noch reichlich 
Möglichkeiten als Statist mitzuwirken. Hier ein paar Da¬ 
ten: 

09.06. TOXOPLASMA im AJZ Homburg/Saar. Die Band 
spielt sich selbst und ihr könnt als Statisten dabei sein. 

16.06. Raum Saabrücken Skinhead-Konzert. Ihr wollt ein 
Nazi-Statist sein: Meldet euch auf unserer Homepage an 
oder schreibt eine E-Mail. 

15.07. Saarbrücken „Chaostage“-Abschlussdreh. Jeder 
kann kommen und einen Sonntag lang Autos zerstören, 
Flaschen werfen und Bier trinken — alles ganz legal. Die 
genauen Treffpunkte gibt es auf unserer Website. 

Kommt der Film ins Kino oder wird der gleich auf DVD 
veröffentlicht? 

Wir rechnen fest damit das Teil ins Kino zu bringen. Jede 
drittklassige Punkband macht ja jetzt ihre DVD, aber Kino 
hat ein ganz anderes Niveau. Wir sind am Ball, und wer¬ 
den in diesem Jahr die Chaostage nicht nur zurück auf 
die Straße bringen, sondern auch endlich auf die großen 
Leinwände. 

Joachim Hiller chaostage-film.de 


OX-FANZINE 111 









ANR20 Skannibal Schmitt C[ 

“Ska a la machete”. Dje Franzosen ha¬ 
ben keinen Respekt vor musikalischen 
Schranken oder Stil Definitionen. Ihr 
Motto: Ernergie, Verrücktheit, Anarchie, 
Spaß. Ihre Mittel: Ska, Hardcore, Punk, 
Hip-Hop, Afro-Beat. Ihre Politik: Tanzen. 


ANR14 SKAPUNKUNITED CD 

4 Bands aus 4 Ländern mit einer Vor¬ 
liebe: Ska-Punk, Ska-Punk, Ska-Punk. 

Je zwei Songs von DISTEMPER (RUS), 
JAN feat. UDSSR (A), SKANNIBAL 
SCHMITT (F) und MAD MONKS (D). 
Erstauflage kommt im schicken Digipac. 


5 kapu nkuni t e t> 


&FStemper\.*.. 
skanni&al sChmitt, 
jan feat. u&ssrw 
ma«> monKs 




SKA-PUNK MOSCOW 


20.07. D-Kassel - K19 
22.07. D-Schopfheim - Holzrock Open 
23.07. D-Stuttgart - tba 
24.07. D-Darmstadt - Oettinger Villa 
25.07. D-Bamberg - Morph Club 
26.07. D-Cottbus - Muggefug 
27.07. D-Behnkenhagen - Force Attack 
28.07. D-Braunschweig - B58 
29.07. D-Hamburg - Hafenklang 
30.07. D-Köln - Sonic Ballroom 
31.07. D-München - Feierwerk 
01.08. A-Innsbruck - PMK 
02.08. A-Wien - tba 

03.08. A-Nitzing - Heidenspass Festival 
04.08. A-Millstatt - Bergwerk 
06.08. D-Gelnhausen - Lorbass 
10.08. D-Eberswalde - Exil 


ANR21 DISTEMPER/TARAKANY 

Weitere Konzerte in Planung SPLIT-CD/LP coming soon 

www.anr-music.org | info@anr-muaic.org 




JiJTT« 




TaleU Faa-ELorde* | TrooilsLn." 


ANR17 Distemper - Podu... LP/CD 

Die russischen MIGHTY MIGTHY 
BOSSTONES mit 100%ig partytauglich¬ 
em Ska-Punk. 12 neue mitreissende 
und energiegeladene Ska-Punk 
Smasher mit russ. Gesang und Charme 
aus dem Herzen Moskaus. Pflichtkauf! 


ANR18 Moskovskaya - Zeit CD 

Nach vier Jahren endlich ein neues 
Album. Mit “Zeit” startet moskovSKAya 
eine neu.e Offensive in Sachen 
Deutscher Ska-Musik. Ihr defintiv bestes 
Album. Uptempo Ska zum Abtanzen. 
Party garantiert! 






SCHMITT 






















ANGST IST DER NEUE STANDARD 

THE SETUP 

Dries Olemans wird einigen Lesern noch als Sänger der Reflections-Band CIRCLE in Erinnerung geblie¬ 
ben sein. Inzwischen hat seine neue Gruppe THE SETUP bereits ihr zweites Album „Minister Of Death“ 
veröffentlicht und ihr moderner Hardcore überzeugte von Anfang an, so dass die Belgier von GSR un¬ 
ter Vertrag genommen wurden und auch eine Tour mit BORN FROM PAIN absolvieren konnten. Dass es 
bei THE SETUP aber um weit mehr als nur Musik geht, bewies der charismatische Frontmann im folgen¬ 
den Dialog. 


Dries, du hast früher bei CIRCLE, die bei Reflections 
unter Vertrag waren, gespielt. Inwiefern unterschei¬ 
den sich denn die Arbeitsprozesse der Bands und wel¬ 
che Ähnlichkeiten gibt es? 

THE SETUP und CIRCLE sind wirklich grundverschieden, 
sowohl was die Musik betrifft als auch von der Arbeits¬ 
weise her. Bei THE SETUP hat jedes Mitglied ganz kla¬ 
re Vorstellungen davon, wie die Band klingen soll, wie 
wir als Gruppe auftreten, wie wir uns entwickeln sollten 
und welche Entscheidungen für positive Entwicklungs¬ 
prozesse getroffen werden müssen. Es ist hauptsächlich 
Andries, der dort die Songs schreibt, dann fügt Serch sei¬ 
ne Rhythmen hinzu und ich ergänze das dann mit den 
Gesangsstrukturen und den Texten. CIRCLE war in die¬ 
ser Hinsicht eine schwierige Band, da die fünf beteiligten 
Menschen unterschiedliche Vorstellungen von der Ar¬ 
beitsweise und der Musik hatten. Nichtsdestotrotz konn¬ 
te ich bei CIRCLE wichtige Erfahrungen sammeln und die 
Band war auch kreativ, darin liegen dann wohl auch die 
Gemeinsamkeiten. 

„Shifting values“ handelt von gesellschaftlichen Ver¬ 
änderungen - welchen? 

Dieser Song enthält eine Zeile, die wichtig für das Ge¬ 
samtverständnis des Textes und eigentlich des gesam¬ 
ten Albums ist: „Angst ist der neue Standard“. Wenn man 
sich die heutige Gesellschaft betrachtet und analysiert, 
wie die Politik und die Medien arbeiten, wird man fest¬ 
stellen, dass immer wieder das besonders betont wird, 
was uns, unsere Kultur oder unsere Gesellschaft bedroht. 
Dabei wird der Gewalt und dem Verbrechen viel Auf¬ 
merksamkeit gewidmet, ohne zu erklären, aus welchem 
Grund dies geschieht. Man fürchtet das Fremde, und die¬ 
se Furcht wird uns täglich eingeimpft. Das halte ich für 
extrem gefährlich. In den falschen Händen kann Angst 
eine Waffe sein, ein gefährliches Werkzeug. Sie macht 
uns gefühllos, ignorant und zu Mitläufern. Es ist natür¬ 
lich auch seltsam, da wir, und da schließe ich mich kei¬ 
neswegs aus, noch nie bessere Möglichkeiten hatten, uns 
selbst auszudrücken, oder zur Wissens- und Informati¬ 
onsbeschaffung. Aus irgendeinem Grund können wir 
aber mit diesen Dingen nicht umgehen, sondern fühlen 
eine wachsende Angst und Verzweiflung. Das Resultat ist 
dann, dass wir uns mit dem zufrieden geben, was wir 
wissen, oder uns an Instanzen oder Menschen wenden, 
die für jedes komplexe Problem einfache Antworten ha¬ 
ben. Durch diese Konformität verlieren wir unsere Auf¬ 
geschlossenheit, unsere Fähigkeit, kritisch zu sein, unse¬ 
re Kreativität und den Willen persönliche Entwicklungen 
durchzustehen. Das ist eine Mentalität, die uns lähmt, so¬ 
wohl im Bereich persönlicher Beziehungen als auch im 
gesellschaftlichen Umgang. 

Würdest du auch sagen, dass der ideologische Unterbau 
der Hardcore-Bewegung langsam wegbricht und durch 
einen Amüsierbetrieb ohne Aussage ersetzt wird? 

Insgesamt scheinen mir die Leute inzwischen weniger 
Interesse an Politik zu haben, auch soziale und morali¬ 
sche Debatten stehen nicht allzu hoch im Kurs. Ich den¬ 


ke, wir sind alle etwas oberflächlicher, zynischer und 
auch nihilistischer geworden. Diese Tendenzen zeichnen 
sich leider auch in der Hardcore-Szene ab. Ich möchte 
aber gleich klarstellen, dass wir eigentlich keine politi¬ 
sche Band sind, wir stellen uns nicht auf ein Podest und 
predigen zu den bereits Konvertierten. Wir haben keine 
absolute Wahrheit zu bieten. THE SETUP und die Hard¬ 
core-Szene sind für uns ein Weg, uns auszudrücken und 
unsere Beobachtungen im Leben mit anderen zu teilen. 
Unser erstes Album bot noch mehr persönliche Themen 
und war eher introspektiv, diesmal aber wollten wir un¬ 
sere Meinung zur Lage der Welt abgeben. Die Zeiten sind 
intensiv und hektisch, manchmal vielleicht sogar ver¬ 
zweifelt, und da halte ich es für die Pflicht jedes Einzel¬ 
nen, seine Meinung zu äußern und den Gefahren ins Ge¬ 
sicht zu sehen, denn sie können manchmal auch Chan¬ 
cen sein. Man hat keine Entschuldigung mehr, wenn man 
heute schweigt, bei den Dingen, die in unserer Gesell¬ 
schaft und auf der gesamten Welt vor sich gehen. 

Wieso hat euer Drummer Benjamin die Band verlas¬ 
sen, und hat Serch den Stil der Gruppe beeinflusst? 
Benja hat einen sehr anspruchsvollen Job und er liebt 
seine Arbeit von ganzem Herzen. Irgendwann hat er er¬ 
kannt, dass es nicht möglich ist, die Band mit derselben 
Leidenschaft zu betreiben. Wir hatten aber viel Glück, 
dass Serch seinen Platz sofort wieder ausfüllen konnte. Er 
ist seit langem ein guter Freund von uns und er ist frü¬ 
her auch schon öfters eingesprungen, wenn Benja wegen 
des Jobs mal keine Zeit hatte. Ich bin mir sicher, dass sein 
Einstieg einen wichtigen Einfluss auf unseren Stil hatte. 
Du würdest also sagen, dass ein neuer Musiker durch 
seine Persönlichkeit eine Band auch auf nichtmusika¬ 
lischer Ebene verändert? 

Aber klar. Bei einer Band geht es nicht nur darum, im 
Proberaum rumzuhängen, Songfragmente zusammenzu¬ 
fügen, zu den Gigs zu fahren und dort zu spielen. Wenn 
man eine Band so betreibt, wie wir dies tun, dann steckt 
man viel Energie und Kraft in die Gruppe. Die Gedan¬ 
ken und Gefühle der Mitglieder spielen da eine wichtige 
Rolle. Manchmal ist es ja so, dass man über gewisse Pha¬ 
sen mehr Zeit mit den anderen Mitgliedern verbringt als 
mit seiner Freundin, da muss man schon Gemeinsam¬ 
keiten finden, sowohl musikalischer Natur als auch per¬ 
sönlicher Art. 

Es existiert auch eine amerikanische Band namens 
THE SETUP, haben Leute schon versehentlich Alben 
oder Shirts von der „falschen“ Band bei euch bestellt? 

Nicht dass ich wüsste. Ich hoffe, der anderen Band geht es 
auch so. Der Name ist nicht so exklusiv, das stimmt. Mit¬ 
te der Neunziger gab es auch mal eine Band namens SE¬ 
TUP und auch eine schottische Rockband heißt so. Deren 
Manager wollte sogar, dass wir uns umbenennen. Was 
die amerikanische Band betrifft, muss ich sagen, dass die 
extrem entspannt sind, was unsere Namensgleichheit an¬ 
geht. Sie haben uns sogar angeboten mal eine Split-CD zu 
machen, kein Witz. 

Ich persönlich hasse ja große Shows, wenn fünf oder 


mehr Gruppen auftreten, der strikte Zeitplan, der In¬ 
formations-Overflow ... Sprecht ihr auch unter diesem 
Gesichtspunkt durch, welche Shows ihr spielt, oder 
kommuniziert ihr wenig mit den Bookern? 

Bis zu einem gewissen Maß stimme ich dir da zu, die 
Shows mit weniger Bands sind für gewöhnlich besser, da 
die Zuschauer und die Bands ein Maximum an Aufmerk¬ 
samkeit und Energie aufbringen können. Ich stumpfe im¬ 
mer etwas ab, wenn ich sechs Bands nacheinander gese¬ 
hen habe. Meist passiert mir das, wenn die Gruppen alle 
aus dem gleichen Genre stammen. Konzerte mit wenigen 
Gruppen sind für gewöhnlich intensiver. Als Band lehnen 
wir selten Angebote ab, eigentlich nur, wenn wir an dem 
Tag schon für einen anderen Gig gebucht sind. Wir sind 
der Überzeugung, dass wir uns vor jedem Publikum be¬ 
weisen müssen und jeder Zuschauer auch ein Recht hat, 
uns zu sehen und sich eine Meinung über unsere Band 
zu bilden. Es mag klischeehaft klingen, aber meiner Mei¬ 
nung nach erreicht man schon etwas, wenn man nur eine 
Person erreicht, das ist die Mühe eigentlich wert. 

Ihr seid mit BORN FROM PAIN und FIRST BLOOD auf 
Tour gewesen. Wächst die Hardcore-Szene, oder ent¬ 
wickelt sie sich zu etwas völlig Neuem? 

Also bei uns in Belgien wächst die Szene, man könnte 
sogar von einem Boom sprechen. Die Shows ziehen viel 
mehr Kids und es werden zahlreiche neue Bands gegrün¬ 
det, alles läuft echt gut. Die angesprochene Tour war ein 
großer Erfolg. BORN FROM PAIN zieht ein sehr unter¬ 
schiedliches Publikum an, was ich jetzt nicht negativ fin¬ 
de, denn oft sind diese Zuschauer aufmerksamer, offe¬ 
ner und weniger gelangweilt. Ob es jetzt eine neue Sze¬ 
ne ist, kann ich schwer sagen. Natürlich befinden wir uns 
in einer neuen Ära und mir ist klar, dass sich die heuti¬ 
gen Kids ziemlich von den Jugendlichen vor zehn Jahren 
unterscheiden. Das ist aber verständlich, da sich so vie¬ 
les verändert hat. Man hat das Internet, MySpace, Mu¬ 
sik kann heruntergeladen werden, vieles ist anders. Es 
gibt aber mit Sicherheit viele Kids, die ähnlich begeistert 
sind wie ich, als ich vor fünfzehn Jahren oder so meine 
erste Hardcore-Show besuchte. Dieses Gefühl verändert 
sich nicht: die Energie, die Wut, der Kick nach dem Kon¬ 
zert, wenn die Band die Bühne richtig bearbeitet hat. Ich 
bin mir sicher, dass diese Jugendlichen immer noch ge¬ 
nau die Dinge wollen, wie schon vor zehn Jahren: Mos- 
hing, Singalongs, Shows an jedem Wochenende, eine 
Band gründen, ein Zine herausgeben. Das wird immer 
gleich bleiben. 

Viele Musiker aus der Hardcore-Szene arbeiten in so¬ 
zialen Berufen, haben die Fans einen ähnlichen Hin¬ 
tergrund? 

Meiner Meinung nach kann man den „Hardcore-Fan“ 
schwer in eine Schublade stecken. Obwohl es eine ge¬ 
wissen Cliquenmentalität und manchmal auch ein elitä¬ 
res Verhalten gibt, existiert immer noch viel Freiheit und 
es ist auch nicht so schwer, ein Teil der Szene zu wer¬ 
den. Man muss nur die Liebe für Hardcore/Punk emp¬ 
finden und sich engagieren. Wenn ich mich so umsehe, 
dann sehe ich viele Mittelklasse-Kids, aber auch Arbeiter¬ 
kinder, linke, liberale oder sogar konservative Fans, da ist 
es schwer, den „Hardcore-Fan“ zu definieren. Wir haben 
alle unsere eigene Definition von Hardcore und am Ende 
sollte man dem anderen die Freiheit und Akzeptanz zu¬ 
gestehen, die man selbst von der Szene erwartet. So kann 
aber natürlich jeder beanspruchen, Teil dieser Szene zu 
sein, und obwohl ich nicht mit allen einig bin, ist es eben 
genau diese Meinungsfreiheit und Akzeptanz, die ich an 
der Hardcore-Szene schätze. Deshalb lege ich auch immer 
ein gutes Wort für die Szene ein und verteidige sie, denn 
so schlecht ist sie nicht. 

Thomas Eberhardt thesetupkills.com 


OX-FANZINE 113 









NO REISSBRETT 

PUNK IN DER DDR 

„Punk war unberechenbar in einem Land, wo der ganze Lebenslauf vom Rei߬ 
brett kam“, umschreibt Henryk Gericke das Leben als Punk in der DDR. Ge- 
ricke, unterdessen frei schaffender Autor, nennt sich heute nicht mehr Punk, 
aber wie viele spätere kreativ Schaffenden sagt er, sei er vom Punk „nach¬ 
haltig geprägt“ worden. Das erinnert ein bisschen an Wessi-Punks. Hört man 
sich heute in Westdeutschland unter Künstlern, Autoren, Journalisten und 
Schauspielern um, so haben viele in ihrer Biografie irgendwo Stachelhaare 
und die Losung „No Future“ schlummern. Ost gleich West also? 

Hendrik Frankes Aussage könnte dafür stehen: „Die Reaktionen aus dem Staat und der Bevölkerung 
waren teilweise recht hart. Prügel wurde auf offener Straße angedroht, Dauer-Ärger in der Schule 
[...], die Chefs in der Ausbildung und die FDJ-Kreisleitung machten auch mit bei der Punker-Inqui¬ 
sition, die Arbeitslager-Sprüche ..." Im Hintergrundariikel schreibe ich: „Kleinbürger in Ost- und 
Westdeutschland hatten hier die Wiedervereinigung zeitweise wohl schon an der Vorurteilsfront 
vollzogen.“ Die ersten Wessi-Punks dürften es wissen: sie wurden Anfang der 1980er Jahre verprü¬ 
gelt oder bespuckt, hatten ständig Ärger mit der Polizei, gerade in Kleinstädten und auf Dörfern mied 
man einzeln oder in Kleinstgruppen Volksfeste, denn es konnte böse enden, falls Kleinbürger mal 
wieder jemanden zeigen wollten, was der Volkszorn ist. Gerne bekam man als Punk auch zu hören,, 
man gehöre ins KZ oder Arbeitslager - sowie: „Geh doch nach drüben!“ 

„Drüben“, damit war die „Deutsche Demokratische Republik" (DDR) gemeint, wohin die Westspie¬ 
ßer gerne ihre Problemkinder entsorgen wollten. Die DDR war eine Mischung aus Sozialismus und 
Diktatur, ein Resultat des Zweiten Weltkrieges. Nachdem Nazideutschland seinen Krieg verloren hat¬ 
te, gab es vier Besatzungszonen: Großbritannien, Frankreich und die USA hatten im Westen „Zonen“, 
aus denen später die Bundesrepublik entstand. Die von der Roten Armee besetzte SBZ („Sowjetische 
Besatzungszone“) wurde zur DDR, auch „Ostzone“ genannt. Deutschland war geteilt, der Rüstungs¬ 
wettlauf und Kalte Krieg drohte mehrmals „heiß“ zu werden. Regiert wurde die DDR von der „Sozi¬ 
alistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED), ein Zwangszusammenschluss der SPD-Mitglieder in 
der SBZ mit der damaligen „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD). 

Der Begriff „Demokratische Republik" täuschte: die SED war allein herrschend, ihre Parteisekretä¬ 
re wurden als Regierungschefs mit Wahlergebnissen von um die 98 Prozent ins Amt gewählt oder 
bestätigt. Bürger des sich antifaschistisch nennenden „Arbeiter- und Bauernstaates“ waren häufig 
(Pflicht-)Mitglieder verschiedener, quasi-uniformierter Massenorganisationen, etwa der in „Blau¬ 
hemden“ auftretenden „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ). Nichtmitgliedschaft in SED oder deren 
Organisationen bedeutete nahezu immer Einschnitte im Bildungs- und Berufsleben hinnehmen zu 
müssen. Den Dienst an der Waffe in der „Nationalen Volksarmee“ (NVA) konnte man nur unter gro¬ 
ßen Schwierigkeiten verweigern, musste aber dann „Bausoldat“ werden. Es gab eine Planwirtschaft 
- auf ein Auto musste man oft Jahre warten, ehe es ausgeliefert wurde. Wegen einer in fast allen Le¬ 
bensmittel- und Güterbereichen herrschenden Mangelwirtschaft kam es in den 1960er Jahren zu ers¬ 
ten Massenfluchten, weswegen um Berlin eine Mauer und zum Westen hin der „Todesstreifen“ er¬ 
richtet wurden. „Republikflucht“ konnte dazu führen, auf der Flucht erschossen zu werden. Über¬ 
lebte man und wurde aufgegriffen, wurde man inhaftiert. Familienangehörige wurden drangsaliert. 
Über alles w'aehten Volkspolizei und Stasi. 1989 fiel die Mauer dann infolge von nicht mehr zu un¬ 
terdrückenden Massenprotesten. 

Ossi-Punk gleich Wessi-Punk? Noch mal Henryk Gericke: „Auf jeden Fall war ein Punk-Outfit in 
der DDR eigentlich ein klarer Fall von Republikflucht, da man das FDJ-Blauhemd und überhaupt die 



hilflose und ältliche DDR-Jugendmode verhöhnte.“ Während der kapitalistische Westen bald lern¬ 
te, mit Punk zu leben, daraus eine Mode machte und alles wirtschaftlich vermarkten wollte, blie¬ 
ben die Ossi-Punks die Schmuddelkinder ihres Systems. Punkplatten konnte man nur in liberale¬ 
ren „Bruderstaaten" kaufen: „Erste Punkplatten [...] waren [...] BUZZCOCKS [und] SEX PISTOLS [...]. 
Beide habe ich mir von Bekannten aus Ungarn einschmuggeln lassen und 100 beziehungsweise 120 
Ostmark pro Platte bezahlt. Bei einem Verdienst von 800 Mark war das schon ein stattlicher Preis“, 
sagt Arnim Bohla, heute Labelmacher. West-Radio war da oft der einzige Weg, Punk-Musik zu hö¬ 
ren, zu tapen und weiter zu kopieren. „Meistens war es so, dass DDR-weit alle das gleiche Tape hat¬ 
ten, auch mit den gleichen Aussetzern und Aufnahmefehlern. Es gab halt für unsere Punkkassetten 
wirklich in den meisten Fällen nur eine Quelle!“, sagt Hendrik Franke. „Und dabei kostete eine Leer¬ 
kassette zwischen 22 und 30 Mark“, ergänzt Andreas Kohl, der heute ein Label betreibt. Und wäh¬ 
rend Wessi-Punks ihre Mode zwischen Springerstiefel, Lederjacken und Tonnen von Nieten längst 
kaufen konnten, bastelten die Ossi-Punks: „Da wir nicht in eine Punk-Boutique gehen konnten, ha¬ 
ben wir ziemlich viel selbst gebastelt und eigene Ideen entwickelt“, sagt Jörg Löffler, damals wie heu¬ 
te Musiker bei KALTFRONT. Und Noch-immer-Punk Steffen Schölzel erklärt: „Meine erste Lederja¬ 
cke war aus Kofferleder.“ 

„Festnahmen, Verhaftungen und Verordnungen (Auflagen) waren an der Tagesordnung. Zu Feier¬ 
lichkeiten der DDR musste ich mich innerhalb der Wohnung oder außerhalb Berlins aufhalten. Bei 
Zuwiderhandlungen sofortige Festnahme. Regelmäßige Vorladungen auf Reviere der Polizei waren 
die Regel und Hausdurchsuchungen waren auch nichts Ungewöhnliches mehr“, umschreibt Mike 
Göde, lange Musiker in DDR-Punkbands, was Punks von einem sich demokratisch und antifaschis¬ 
tisch darstellenden Staat zu erwarten hatten. Punks wurden teilweise verurteilt und in Knästen in¬ 
haftiert. jener Aspekt kommt in den zahlreichen Interviews mit ehemaligen Protagonisten der DDR- 
Punkszene(n) etwas zu kurz. Shanghai, einst Sänger von VITAMIN-A, heute ANTI-X, saß seiner¬ 
zeit wegen der Texte seiner Band gemeinsam mit einem Freund im Knast - beide wurden für den 
Schwerpunkt nicht befragt. Ein ebenso nicht behandelter Aspekt sind Zitate aus Stasi-Akten von 
Punks. Nettes war dort auf jeden Fall selten über sie zu lesen - oft erinnerten die Einträge nicht nur 
an Nazijargon, sie waren es. Abgesehen von diesen beiden Auslassungen, hoffen wir dennoch, mit 
den Interviews zu skizzieren, wie es denn so war, mit grellen Klamotten und bunten Haaren unter 
Arbeitern und Bauern. 

Michael Klarmann 


Bitte stell dich kurz vor: Wann und wo geboren, was 
mach(t)en die Eltern, wie ist dein Lebenslauf? 

Jörg Löffler: Geboren 1964 in Dresden, Mutter Friseurin, Vater 
Werkzeugmacher. Schulabschluss 10. Klasse, Lehre als Werkzeug¬ 
macher, Arbeit als Mechaniker in einem kleinen Privatbetrieb. 
Musiker früher unter anderem bei PARANOIA, KALTFRONT, 
heute BIG BAD SHAKIN’ und KALTFRONT. 

Arnim Bohla: 23.12.1962 geboren. Eltern hatten so genannte 
normale Berufe: Lehrer und Verkäuferin. Aufgewachsen auf dem 
Land und kaum Möglichkeiten oder Notwendigkeiten gesehen, 
aus diesem Leben auszubrechen. Schule mit Pionierorganisation, 
dann FDJ mit Funktionen innerhalb der Organisation, Abitur, Ar¬ 
mee und Job. Wie damals üblich, sehr zeitig geheiratet und zwei 
Kinder. Frühzeitig, durch den Vater, Großvater politisch erzogen 
worden. Großvater hat sich zum Beispiel, um dem Kriegsdienst zu 
entgehen, selbst verwundet. 

Carsten Hiller: Geboren 07.06.1970 in Bad Saarow, Wohnort heu¬ 
te: Fürstenwalde. Familienstand: ledig, eine Tochter. 1976-1986 
Ausbildung zum Möbeltischler, PGH „Neuer Weg“ Erkner. Be¬ 
rufstätigkeit: 1988-1989 Möbelmonteur, VEB Innenprojekt Hal¬ 
le, 1989-1990 Angestellter der Stadt Fürstenwalde, Club im Park, 
Zivildienst, Angestellter - als ABM - Stadt Fürstenwalde, Club im 
Park, 1993 Angestellter, Club im Park, seit 1994 Pädagogischer 
Mitarbeiter im Offenen Jugendbereich - Club im Park - des För¬ 
dervereins für Jugend- und Kulturarbeit e.V. Seit 2000 Leiter der 
Einrichtung Club im Park berufsbegleitend. 2000-2003 Ausbil¬ 
dung zum staatlich anerkannten Erzieher im Oberstufenzentrum 
I in Frankfurt/Oder. Von 2004 bis 2006 Mitarbeiter im Bereich 
Ambulante Hilfen/Hilfen zur Erziehung und parallel seit 2005 
Mitarbeiter im Soziokulturellen Zentrum OFFI Bad Freienwalde, 
verantwortlich für Kultur. Vater: Fachdirektor bei der HOG, Mut¬ 
ter: Personalabteilung in einer Sparkasse, Schwester: Laborantin, 
7 Jahre älter. 

Andreas Kohl: Geboren am 8. September 1972 in Dessau, heu¬ 
te Sachsen-Anhalt. Meine Eltern arbeiten beziehungsweise arbei¬ 
teten beide in technischen Berufen, meine Mutter in der Verwal¬ 
tung einer Spedition und später im Arbeitsgericht und mein Va¬ 
ter als Verfahrenstechniker in der chemischen Industrie. Mein 
Lebenslauf war der eines ziemlich durchschnittlichen DDR-Ju- 
gendlichen, also Kindergarten, allgemeinbildende Polytechni¬ 
sche Oberschule, erweiterte Oberschule mit Abitur. Und dann 
Studium der Kommunikationswissenschaften, Politikwissen¬ 
schaft und Wirtschaftspolitik. Das Ganze immer sehr stark ge¬ 
prägt von einer kritischen Einstellung gegenüber Herrschafts¬ 
strukturen, was mir sicherlich durch mein Elternhaus mitgege¬ 
ben wurde, das zwar eher christlich, aber eben gerade deshalb 
skeptisch gegenüber dem sozialistisch-totalitärem System han¬ 
delte und agierte. 


Henryk Gericke: 1964 geboren in Ost-Berlin, heute Autor. Vater 
war Dramaturg bei der DEFA, Mutter im DEFA-Außenhandel. 

Mike Göde: Geboren in Berlin-Köpenick am 20.08.1966. Mein 
Vater war Kohlenträger und Boxer. Meine Mutter war und ist Se¬ 
kretärin. Lebenslauf: 10 Klassen abgeschlossen, erlernter Be¬ 
ruf, heute selbständiger Gerüstbauer, seit über 25 Jahren Musi¬ 
ker in der Punkrock- und Hardcore-Szene. Die Bands: 1980-1982 
BANDSALAT - Punkrock, 1983-1985 BETONROMANTIK - Punk¬ 
rock, 1985-1990 REASORS EXZESZ - Punkrock/Hardcore, aus de¬ 
nen entwickelte sich PUNISHABLE ACT. 

Mike Wendt: Geboren am 02.09.1968 in Eisenberg. Meine Eltern 
arbeiteten, wie so ziemlich alle Leute bei uns in Hermsdorf, im 
VEB Keramische Werke Hermsdorf. Meine Mutter arbeitete als 
Chemielaborantin und ist jetzt in Rente, und mein Vater, der lei¬ 
der vor drei Jahren starb, arbeitete als Schweißer. Mein Lebens¬ 
lauf liest sich wie viele in der DDR. Bis zu meiner Schuleinfüh¬ 
rung 1975 ging ich in den Kindergarten und besuchte bis 1985 die 
Polytechnische Oberschule „Werner Seelenbinder“ in Hermsdorf. 
1985-1987 machte ich eine Ausbildung als Kellner bei der Mitro¬ 
pa und arbeitete im Anschluss bis 1992 als Kellner und am Hotel¬ 
empfang im Autobahnhotel Hermsdorfer Kreuz. Ab 1986 machte 
ich die ersten musikalischen Versuche und 1987 gründete ich mit 
ein paar Freunden die UGLY HURONS. Hier hatte ich den Part als 
Sänger und wir erspielten uns zumindest im südlichen Teil der 
Republik einen gewissen Bekanntheitsgrad. Ab 1989 organisierte 
ich mit Peter Winkler, dem Sänger von U.A.N., in Hermsdorf die 
ersten offiziellen Konzerte. 1992 begann ich mit einigen Leuten, 
da es im Ort nichts mehr gab und nach der Wende alles abgewi¬ 
ckelt wurde, in Hermsdorf unser JUZ aufzubauen, machte in der 
Abendschule einen Abschluss als Sozialarbeiter und arbeite bis 
heute im Jugendhaus Hermsdorf, wo ich immer noch circa zwei 
Konzerte pro Monat organisiere. Ich lebe seit 13 Jahren mit mei¬ 
ner Freundin zusammen und wir haben eine 4-jährige Tochter. 



Volly Tanner: Schriftsteller, Journalist, Radiomoderator, DJ & 
Punk-Exzessist. 1970 fiel ich aus allen Wolken und in die grauen¬ 
de Wattigkeit der DDR, in der ich das ganz normale Los zog, Schu¬ 
le, Lehre als Facharbeiter für Anlagentechnik mit Abi und so wei¬ 
ter. Dann hüpfte der dicke Kohlkopf in unser aller Leben und ver¬ 
schiedene Studien brachten mich durch verschiedne Bildungsan¬ 
stalten. Häuser wurden besetzt, komische Jobs vergeigt und Zei¬ 
tungen gegründet, so genannte Litfanzines: „vergammelte Schrif¬ 
ten & ejAculAtA“. Der Social Beat schlug um mich herum ein 
und mich ans Kreuz - das Connewitzer Kreuz in Leipzig -, spä¬ 
ter schrieb ich dann auffällig boshafte Bücher, in Lyrik und Pro¬ 
sa, unter anderem das Buch über die Band DIE ART oder „Berlin 
muss brennen!“ oder „Bastardparadies", tourte wie ein Verrück¬ 
ter und bekam den Cabinet-Kleinkunstpreis 2004 für mein Schaf¬ 
fen im Bereich der verbalen Tiefschlägerei. Musikalisch war zwi¬ 
schen 1986 und 1989 die kleine Krachherstellungskompanie EIN¬ 
ZELHAFT mein highmatlicher Hafen. Wir waren laut, wir waren 
schlecht - aber wir wussten, wie rum Gitarren zu halten sind - 
und damit waren wir vielen von heute schon mal voraus. Meine 
Mutter war volksbildend unterwegs und mein Vater war ein Füh¬ 
rer - einer für Lokomotiven -, aber auch sonst eher einer auf der 
rechten Seite, einen Bruder habe ich auch noch, der ist ein be¬ 
waffnetes Organ, so mit Dienstpistole und jagt Hühnerdiebe in 
irgendeinem Kaff bei Bautzen. Meinen ersten Schrei gegen die 
Welt ballerte ich dem Hallenser Irrwitz entgegen und nun hat 
mein Anker sich in Leipzig festgezurrt, genauer in Leipzig Linde- 
nau, dort wo es kracht und stinkt und die ganze Nacht BumBum- 
TekkenMüll aus den deutschlandfarbenfahnengeschmückten Ke¬ 
menaten dringt. 

Hendrik Franke: Mein Lebenslauf in der DDR ist relativ normal 
für einen kleinen Zonenjungen: Kindergarten, zehn Klassen Po¬ 
lytechnische Oberschule, das allerdings, ohne in solchen Organi¬ 
sationen wie FDJ, Freie Deutsche Jugend, oder DSF, Deutsch-Sow¬ 
jetische Freundschaft zu sein, was letztendlich nicht einfach war 
und mich das Abi kostete, FDJ war halt Voraussetzung. Ich hätte 
das noch wieder gut machen können, indem ich in die Partei, die 
SED, eingetreten wäre, aber irgendwie wollte ich auch das nicht 
... Nach der Schule begann ich eine Lehre als Schriftsetzer, mach¬ 
te die zu Ende, weil Mutti es so wollte, kündigte danach sofort, 
jobbte ein bisschen ungelernt in einem Pflegeheim und machte 
viel Urlaub, schließlich braucht man ja auch Zeit für Konzis und 
so weiter Um die NVA kam ich glücklicherweise drum herum, ir¬ 
gendwie wollten die mich nicht so richtig, ich hatte aber auch bei 
meiner Musterung den Dienst mit der Waffe verweigert, mehr 
war bei uns nicht drin, jedenfalls kamen die dann erst nach der 
Wende auf mich zu und somit war der Zivildienst kein Problem. 

Steffen Schölzel: Am 04.04.1968 in Sömmerda, Thüringen gebo¬ 
ren und dort bis vor einem Jahr gelebt. Mein Vater ist Bauingeni¬ 
eur und meine Mutter war bei der Deutschen Bank angestellt. 


OX-FANZINE 114 












PUNK IN DER DDR 


Wie, wann und durch wen kamst du mit Pop/Rock¬ 
musik in Kontakt, und wie dann mit Punk? Welche 
Bands/Platten waren das? 

Jörg Löffler: Popmusik, in den frühen 70er Jahren durch Radio 
und Fernsehen. Mit Freunden und Klassenkameraden hat man 
sich dann ausgetauscht. Aber was die meisten so gehört haben, 
hat mir nicht gefallen. Irgendwie bin ich dann Ende der 70er auf 
Punk gekommen. Obwohl ich anfangs noch nicht den Überblick 
hatte, wusste ich, das ist mein Ding. Platten hatte ich da keine. 
Aber auf englischsprachigen Radiosendern, die wir auf Mittelwel¬ 
le schlecht empfangen konnten, lief manchmal was, CLASH, UN- 
DERTONES, THE JAM, XTC. Auf Radio Luxemburg wurde mal 
„My way“ von Sid Vicious gespielt. Alle haben sich über diese 
Blasphemie aufgeregt. Kurz zuvor war Elvis gestorben. „My way“ 
war seine letzte Single und geisterte noch lange durch die Charts. 
Ich fand es cool, dass jemand diese Schnulze zerlegt. 

Arnim Bohla: Mit 10 immer wieder fasziniert vom Rock der 
60er und ab 1973 vom aufkommenden Glamrock. Das Radio war 
die einzige Möglichkeit, diese Musik zu hören, was mein Bru¬ 
der und ich auch ausgiebig taten. Dabei, entgegen den Bestrebun¬ 
gen des Vaters, auch - oder besser: fast nur - die Sender aus dem 
Westen gehört. Zu den ersten Bands gehörten dann im Rockbe¬ 
reich URI AH HEEP, BLACK SABBATH, TEN YEARS AFTER und 
VELVET UNDERGROUND. Letztere deuteten schon an, dass der 
Mainstream nicht das sein wird, was mich ewig begleitet. Neben 
Glambands wie SLADE, T. REX, Bowie kamen auch einige Teenie- 
bands bei mir recht gut an, wie zum Beispiel RUBETTES, MUD 
oder HELLO. Da an Platten nicht zu denken war, wurden als Quel¬ 
le, diese Musik aufzunehmen, das Radio genutzt und Sendungen 
wie „Rock Over RIAS“ entdeckt, die nächtelang „geile“ Musik 
spielten. Da gab es dann auch vereinzelt Musikblöcke mit Bands, 
die eher in die Richtung VELVET UNDERGROUND zeigten. Das 
erste Mal, als ich dann MC 5 mit „Kick out the jams“ hörte, oder 
MUSIC MACHINE, die STOOGES mit Live-Aufnahmen, die eher 
einem Kampf als einer Show glichen, war alles andere verges¬ 
sen. Und irgendwann gab es dann mal im Sender DT64 einen Bei¬ 
trag über die neuen verabscheuungswürdigen Bands aus England. 
Was Walter Ulbricht in den 60ern mit seinem „Yeah, Yeah, Yeah“ 
gegen die aufkommenden Beatbands wetterte, übernahmen jetzt 
die so genannten Jugendsender in Sachen Punk. Das war das erste 
Mal, dass ich den Begriff „Punk“ hörte. Da die Songs nicht ausge¬ 
spielt wurden, war der Reiz umso größer, sich diese Titel irgend¬ 
wie zu besorgen. Der Sound von „Blitzkrieg bop“ und „Rocka- 
way beach“ ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Und dann end¬ 
lich auch im RIAS eine Nacht lang Punkrock. Mittlerweile war ich 
über 15 und ich erinnere mich noch heute genau an jeden Song, 
der im ersten Block gespielt wurde: „Borstal breakout“ von SH AM 
69, „White riot“ von CLASH und „Anti social“ von SKREWDRI- 
VER. Danach folgte das geniale „Im sure we’re gonna make it“ 
von IVY GREEN und der Virus Punkrock hatte mich endgültig in¬ 
fiziert. Die erste Punkplatte, die ich dann später mein Eigen nen¬ 
nen konnte, war die „Singles Going Steady“ von den BUZZCOCKS 
und „die“ SEX PISTOLS-Platte. Beide habe ich mir von Bekannten 
aus Ungarn einschmuggeln lassen und 100 beziehungsweise 120 
Ostmark pro Platte bezahlt. Bei einem Verdienst von 800 Mark 
war das schon ein stattlicher Preis. Später kamen dann auch un¬ 
garische Punk- und New Wave-Platten dazu. Ostdeutsche Platten 
gab es nur 1983 von KEKS und PANKOW. KEKS coverten in ihren 
Konzerten einige Punksongs, unter anderem auch „My way“ von 
Frank Sinatra/Sid Vicious. Mitte der 80er kam dann auch DT64 
mit der Sendung „Parocktikum“, welche von Lutz Schramm mo¬ 
deriert wurde. Dort gab es dann neben einer Menge Indie auch 
Diverses zum Thema Punk. Vor allem spielte er auch Ost-Bands, 
die mit Tapeveröffentlichungen ihre Botschaft unters Volk brach¬ 
ten. 1983 während meiner Armeezeit hatte ich noch ein Schlüs¬ 
selerlebnis in Halle an der Saale: Während einer von der Armee 
organisierten Party traf ich vor der Lokalität einen recht bunt an¬ 
zuschauenden Zeitgenossen. Gestylte Haare, Nietenjacke und so 
weiter. Lag natürlich nah, einen solchen Typen mal anzuspre¬ 
chen, denn so typisch war es für die DDR ja nicht, dass hier Punks 
ständig auf der Straße zu sehen waren. War ein nettes Gespräch 
und ich hab an dem Tag auch erfahren, dass es neben KEKS auch 
noch Punkbands im Untergrund gibt. Der Typ erzählte mir von 
seiner Band mit dem Namen MÜLLSTATION. 

Carsten Hiller: Meine erste Lieblingsband war mit 10 Jahren AC/ 
DC, ältere Jungs, mit denen ich meist spielte, brachten mich auf 
diese Band. Die hörte ich bis ich 13 Jahre war mehr oder weni¬ 
ger regelmäßig bei Freunden, da ich weder einen Kassettenrecor¬ 
der noch einen Plattenspieler hatte und meine Schwester mir ih¬ 
ren nur selten und ungern zur Verfügung stellte, um dann die 
bei Amiga erschienene „Highway To Hell“ von AC/DC zu hö¬ 
ren. Mit 13 Jahren habe ich mein komplettes Jugendweihegeld in 
einen Kassettenrecorder mit Radio und zwei Magnetbandkasset¬ 
ten investiert. Zu dieser Zeit gab es auch die ersten Discobesuche, 
bei denen ich Soul und Funk für mich entdeckte. Mit 14 Jahren 
wurde ich, durch Freunde beeinflusst, zu einem großen DEPE- 
CHE MODE-Fan. Mit 15 Jahren sah ich dann zum ersten Mal den 
Film „Beat Street“ von Harry Belafonte und war fortan dem Hip¬ 
Hop sehr zugetan. Mit 16 Jahren hörte ich begeistert Sade, Hip¬ 
Hop, DEPECHE MODE und wieder verstärkt AC/DC. Da ich keine 
Westbeziehungen hatte, besorgte ich mir diese Musik über Freun¬ 
de oder nahm sie bei DT64 auf. Auf der Berufsschule in einem In¬ 
ternat in Seelow traf ich dann in meiner Klasse auf einen Jungen, 
Andre M. aus Frankfurt/Oder, der ein absoluter Musikfreak war, 
Gitarre spielte und auf meinem Zimmer war. Dieser Andre brach¬ 
te Woche für Woche Tapes mit .neuer Musik mit, die wir nachts 
auf einem alten Kassettenrecorder immer und immer wieder hör¬ 
ten und dabei auch stets Bier tranken - was cool war, aber nicht 
immer schmeckte. Auf diesen Tapes war zuerst vor allem Mu¬ 
sik von U2, THE STRANGLERS, THE CLASH, P.I.L., den SEX PIS¬ 
TOLS, THE CURE, und den TOTEN HOSEN zu hören, später ha¬ 
ben wir überwiegend DEAD KENNEDYS, DIE ALLIIERTEN, CA¬ 
NALTERROR und erste Aufnahmen von lokalen Bands wie zum 
Beispiel DOWN AT HEEL oder PAPIERKRIEG gehört. Mir gefielen 
zuerst eigentlich nur U2, später immer mehr die TOTEN HOSEN 
- da ich ihre Texte verstand und diese meinem Lebensgefühl da¬ 
mals ziemlich genau entsprachen. 



Andreas Kohl: Diese Verantwortung trägt zweifellos mein Va¬ 
ter, dessen Begeisterung für den Rock’n’Roll und Rockabilly der 
50er Jahre die wohl prägendste Erfahrung für mich war. Die Prä¬ 
senz von Musik in meinem Elternhaus ging weit über das übliche 
Maß hinaus. Gene Vincent, Eddie Cochran, Alvin Stardust, John¬ 
ny Burnette waren allgegenwärtig und es verging keine Minute, 
in der das alte Tesla-Tonbandgerät mal nicht dudelte. Unsere Plat¬ 
tensammlung war überschaubar. Die Tonbänder, die sich auf der 
Schrankwand meiner Eltern stapelten, hingegen nicht. Da wurde 
keine Gelegenheit ausgelassen, im Radio mitzuschneiden, ja, so¬ 
gar an den Fernseher wurde angestöpselt, wenn N3 in der Reihe 
„Fernsehmuseum“ alte Folgen von „Oh Boy“ oder „Let’s Rock“ 
wiederholte. Der Schritt zum Punk war ein langsamer, fließen¬ 
der. Vielleicht habe ich ihn bis heute nicht vollständig beschrit¬ 
ten. Mein Punk-Verständnis ist sicher ein nicht ganz so Plakati¬ 
ves wie das von vielen anderen. Ich habe erst sehr viel später be¬ 
merkt, dass ich bereits in jungen Jahren offenbar mehr Punk war, 
als ich mir damals selbst eingestanden hätte. Ich hab mich viel¬ 
mehr als Hippie gesehen, der sich auf kirchlichen Veranstaltun¬ 
gen herumtrieb, auf denen hin und wieder auch Bands spielten. 
Die ersten wirklichen Punkplatten, die ich besaß, waren ein paar 
Tapes der RAMONES, PETER & THE TEST TUBE BABIES, CLASH, 
U.K. SUBS, CHELSEA, so das Übliche eben. Obwohl ich auch da¬ 
mals immer schon fasziniert war, wenn bestimmte Klischees ge¬ 
brochen wurden - Klischees, die ich ja noch nicht mal richtig 
kannte -, wie das zum Beispiel Ian Dury oder Adam Ant gemacht 
haben. So etwas hat mich fasziniert, so ein, sagen wir mal, Pro- 
to-Wave-Zynismus. 

Henryk Gericke: Ich kam nicht durch Bands oder Platten zu 
Punk. Punkplatten gab es in der DDR nicht, ihre Einfuhr war ver¬ 
boten. Ich kam zum Punk durch einen Artikel in einer DDR-Zei- 
tung. Dort stand was von Londoner Jugendlichen, die sich Punks 
nennen, auf den Konzerten gegenseitig umbringen und die Lei¬ 


chen in die Kanalisation werfen. Das fand ich verstörend genug, 
um mich mit 14 für Punk zu interessieren. Mein erster Song, den 
ich für Punkrock hielt, war „Rock’n’roll damnation“ von AC/DC, 
mein erster Song, der Punk war, „Hong Kong Garden“ von den 
BANSHEES. 

Mike Göde: Pop/Rockmusik war im Radio regelmäßig zu hören. 
Bis zu meinem 13. Lebensjahr hörte ich, was angesagt war, AC/ 
DC, T. REX und so weiter. Zu Punk kam ich durch meinen älteren 
Bruder Rene, der stand eines Tages vor mir im Punk-Outfit und 
in der Hand eine Kassette mit der ersten Platte der SEX PISTOLS, 
„Never Mind The Bollocks“. Später folgten dann alle angesagten 
Punkbands wie CLASH, DAMNED, STRANGLERS ... 

Mike Wendt: Bei uns zu Hause liefen eigentlich immer „Westra¬ 
dio“ und „Westfernsehen“, und das Erste mit Musik, an das ich 
mich erinnern kann, ist eine von meinen Eltern aufgenomme¬ 
ne Kassette, die ich zu meinem 7. Geburtstag bekam, da ich mir 
„englische Musik“ gewünscht habe. Ich hab keine Ahnung mehr, 
was da drauf war, aber ich fand’s super. Zum selben Geburtstag 
bekam ich von meinem Patenonkel aus Hamburg meine erste 
Schallplatte. Er kaufte mir im Intershop eine Scheibe von den LES 
HUMPHREY SINGERS. Toll! Anfang der 80er hab ich mich dann 
für den ganzen NDW-Kram begeistert. Das war aber zum großen 
Teil das ganze Zeug, was im Radio lief, da meine musikalischen 
Quellen aus RIAS und Bayern bestanden und immer fleißig mitge¬ 
schnitten wurde. Dann fand ich irgendwie DEPECHE MODE klas- 
se und irgendwann kamen dann im Fernsehen bei „Formel Eins“ 
DIE ÄRZTE und DIE TOTEN HOSEN und noch andere Bands, die 
eben nicht am Freitag in der Radio-Hitparade bei Bayern 3 auf¬ 
tauchten. 

Volly Tanner: Ganz am Anfang war das Wort - Leonard Cohen, 
die gelbbraune Platte, die es in den Bibliotheken gab, und ich hab 
die mir dann dort weggefunden, befreit aus der Hand Unwürdi¬ 
ger sozusagen. Punk kam 1984, ich war jämmerliche, verkorkste 
14 Jahre alt und niemand mochte mich, manchmal wurde ich rot, 
wenn Mädchen mit mir redeten. Da fand ich eines Tages auf ei¬ 
nem Flohmarkt eine Platte der SEX PISTOLS, also das ganz traditi¬ 
onelle Ding, damit hatte der Virus ein neues Opfer gefunden und 
ich nahm ihn bereitwillig in mich auf. Zu dunklen DDR-Zeiten 
gab es immer mal Tapes zum Kopieren - SCHLEIM-KEIM und so - 
und im Radio machte Lutz Schramm meine Ohren sauber. Eigent¬ 


lich war für mich Punk jedoch eher weniger Musik, mehr Einstel¬ 
lung: Ich war Punk - ich war gegen euch! 

Hendrik Franke: Zur Musik kam ich 1981/82 über die NDW 
und dann auch ganz schnell zu so Semi-Punk-Sachen wie Nina 
Hagen, SIGUE SIGUE SPUTNIK, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, 
TON STEINE SCHERBEN ... Freunde spielten bei der Ausbildung 
des Musikgeschmacks natürlich auch ein riesige Rolle, irgend¬ 
wie schleppte jeder irgendwas an und die Radiosendungen wa¬ 
ren auch viel besser damals, da wurde auch mal mit ein biss¬ 
chen Mut gehandelt und nicht nur die Mainstream-Scheiße ge- 
dudelt. Starthilfe gaben damals der NDR, die John Peel Session 
und aus der Heimat der Jugendsender DT64. Da gab es zum Bei¬ 
spiel die Sendung „Die ganze Platte“, wo jede Woche eine Seite 
einer LP komplett gespielt wurde, die zweite Seite gab es nächste 
Woche, die Tracklist konnte man sich zuschicken lassen. Gema? 
Gema kacken! Gema ist Wessi-Mist, da brauchten wir uns wohl 
nicht drum zu kümmern. Jedenfalls liefen da auch so Platten wie 
die RAMONES, CLASH und so weiter. Geile Sache! Unvergessen 
natürlich die Sendung „Parocktikum“, die sich ausschließlich der 
Punk- und Underground-Mucke widmete. Diese Sendung war 
definitiv wichtiger als Sex! Dann kam noch dazu, dass L.E. eine 
Großstadt ist und zu einer Szenehochburg in Sachen Punk und 
Underground wurde. Im Gegensatz zur ersten Punkwelle, welche 
fast ausschließlich in Berlin existierte. 

Steffen Schölzel: Mein erster Kontakt mit Rockmusik war die 
Gruppe QUEEN, mein Cousin war großer Fan und hat mir Kas¬ 
setten davon überspielt. Später folgten dann: THE SWEET, SLADE, 
LED ZEPPELIN und DEEP PURPLE. Alles, was man halt irgendwie 
bekommen konnte. Irgendwann hörte ich im Radio bei HR3 die 
SEX PISTOLS, gefolgt von IDEAL. Das hat mich so umgehauen, da 
wollte ich gar nichts anderes mehr hören. Schwer beeindruckt 
und beeinflusst haben mich vor allem THE RAMONES, THE MIS- 
FITS, COCKNEY REJECTS, THE EXPLOITED, D.R.I., MOTÖR- 
HEAD, AC/DC, aber auch die frühen TOTEN HOSEN, HANS-A- 
PLAST, SISTERS OF MERCY, THE CURE oder solche Sachen wie 
PALAIS SCHAUMBURG. Hauptsache, es war schnell, hart oder 
schräg - am besten alles zusammen ... Verboten war ja eh fast al¬ 
les, bis auf die PUDHYS und KARAT. Habe am Anfang auch nur 
englischen Punk gehört, deutsch war mir zu blöde. Auf jeden Fall 
war es die Art, wie diese Musik gespielt wurde. Das hob sich auch 
von dem ganzen Metal-Kram ab, den die anderen gehört haben. 
Punks gab es nicht in Sömmerda. Den ersten Iro sah ich erst Jahre 
später in Erfurt, so Anfang der 80er. 

Was hat dich an Punk interessiert, was machte den 
Reiz aus? 

Jörg Löffler: Ich fühlte mich als Außenseiter und da war Punk die 
optimale Musik. Wenn ich zu Feten mit meinen Kassetten gekom¬ 
men bin, haben die meisten anderen die Flucht ergriffen. Es blie¬ 
ben nur die wirklich „Harten“ ... Viele dachten, es wäre nur eine 


Provokation. Das war es teilweise. Aber mir hat diese Musik wirk¬ 
lich gefallen: schnell, einfach, direkt und negativ. So was gab es 
vorher nicht - Bands wie SONICS oder STOOGES waren uns da¬ 
mals völlig unbekannt. 

Arnim Bohla: In erster Linie die Aggressivität, die in den Songs 
förmlich zu spüren war. Natürlich spielte auch eine Rolle, andere 
Musik zu hören als die „Masse“. 

Andreas Kohl: Nun ja, was macht den Reiz von Punk für einen 
13/14-Jährigen aus ...? Die Punks, mit denen ich in meiner Hei¬ 
matstadt konfrontiert wurde, erfüllten alle Klischees nahezu per¬ 
fekt: abgerissene Kleidung, bunte Haare und viel, viel Alkohol. 
Mich hat das am Anfang eher abgestoßen, aber natürlich trotzdem 
fasziniert. Ich war der Meinung, um wirklich etwas bewegen zu 
können, sollte man Konfrontationen dort suchen, wo aus ihnen 
etwas inhaltlich Wertvolles entstehen kann. Passanten anpöbeln, 
in einem Land, in dem es keine kapitalistische, sondern allenfalls 
eine idealistische Kritik an der grauen Masse geben konnte, war 
mir einfach zu wenig. Heute sehe ich das freilich anders. Viel¬ 
leicht hatte es auch damit zu tun, dass ich eben kein Arbeiterkind 
war, sondern aus einer Intelligenzler-Familie kam und schon von 
der sozialen Herkunft nicht richtig dazugehören konnte. 

Henryk Gericke: Punk war unberechenbar in einem Land, wo 
der ganze Lebenslauf vom Reißbrett kam. 

Mike Göde: Es war anders. Es war frischer, aggressiver und pro¬ 
vokanter. 

Mike Wendt: Das war eigentlich nicht nur Punk, sondern einfach 
Musik, die anders war. Der Reiz lag zum Beispiel darin, Leuten 
in Schule und Lehre, die damit überhaupt nichts anfangen konn¬ 
ten, zu erklären, dass sie absolut keine Ahnung von Musik hätten. 
Denn wir waren die, die SEX PISTOLS, DEAD KENNEDYS, HANS¬ 
A-PLAST und EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN hörten. Dann kam 
noch dazu, dass die Bands unheimlich cool aussahen. Wir wollten 
eben nicht sein wie die Mehrheit der Jugendlichen. 

Volly Tanner: Punk war Revolte, ein Aufstand gegen die Pop¬ 
perwirklichkeit, gegen dogmatische, faschistische Schummel- 
kuscheligkeit. Punk war meine Rettung vorm Versinken in einer 
Welt, der alle angehören. Punk war meine Chance, Individualität 


Aufklärung des harfen Kerns der Heavv-Mp+ai —•p avic , i M c«** 

.ÄSr SS“. 


OX-FANZENE 115 






PUNK IN DER DDR 


zu leben. Punk war das, was meine Eltern nicht verstanden und 
wogegen sie nichts tun konnten. Punk war in mir, ein Stachel, der 
mich zwang zu schreien, um mich zu treten und mit Gegenstän¬ 
den zu werfen. Punk war mein Manifest - und Punk ist dies alles 
immer noch für mich! 

Hendrik Franke: Was damals den Reiz am Punk ausmachte, weiß 
ich eigentlich gar nicht so genau. Die Freunde waren halt irgend¬ 
wie auch da, die Mucke war geil, die Punks waren einfach die 
Netteren, und vor allem die Schöneren, Menschen mit was in der 
Birne. Das Bewusstsein, Protest und Politik, all das kam später, 
da ist man mit 13, 14 einfach noch zu klein, das kam so mit 16 
oder 17 Jahren. 

Steffen Schölzel: Punk war für mich am Anfang einfach nur die 
schnellste, aggressivste und genialste Musik, die ich bis dahin ge¬ 
hört hatte. 

Wie hast du damals Punk definiert? 

Jörg Löffler: Ich habe das nicht definiert, die Probleme hatten die 
anderen. Da wurden ständig solche Fragen gestellt: Was bedeutet 
die Sicherheitsnadel? Was bedeutet dieser Spruch? Was bedeuten 
die Nieten? Wir haben darauf nur blöde Antworten gegeben. Es 
hatte keine Bedeutung. Es ging um die Ästhetik. 

Arnim Bohla: Anders sein. Das Thema, die legen sich dort drü¬ 
ben im Westen mit dem System an, spielte eine große Rolle. Aus 
meiner Sicht gab es dazu in der DDR keine Veranlassung. Ich emp¬ 
fand, bis auf wenige Sachen, den Osten immer als das bessere Ge¬ 
sellschaftsmodell. 

Carsten Hiller: Ich definierte Punk damals als links, gerecht, düs¬ 
ter, aufregend, aggressiv, verrucht, kraftvoll, spektakulär und ge¬ 
heimnisvoll. 

Andreas Kohl: Was Punk damals war, war mir zu offensichtlich, 
deshalb hab ich mich selbst nicht als Punk gesehen. Erst viel später 
hab ich verstanden, um was es wirklich ging, und dass eben das 
Plakative erst die Möglichkeit geschaffen hat, bestimmte Dinge zu 
diskutieren. So als ob der saufende Punk auf der Straße quasi die 
Tür aufgemacht hat. Das war so im Herbst 1988. Und ab da hab 
ich mich auch als Punk gesehen, wenn ich auch nicht so aussah. 
Sicherlich hatte das auch was damit zu tun, dass ich mich schon 
damals auf Konzerten herumtrieb, die eben weniger dieses Punk- 
Klischee bedienten, sondern so einen avantgardistischen Ansatz 
hatten, organisiert zum Beispiel durch FREUNDE DER ITALIENI¬ 
SCHEN OPER oder AG GEIGE. 

Henryk Gericke: Ich habe Punk damals gar nicht definiert. Das 
war ja der Reiz daran, dass das noch fließend und nicht festge¬ 
legt war. Punk bedeutete ja, sich neu zu erfinden, also Definiti¬ 
onen abzulegen. 

Mike Göde: Anfangs wollte ich mich von der breiten Masse ab¬ 
heben, aber über vieles war ich mir gar nicht im Klaren. Es war 
cool, rebellisch zu sein. 

Mike Wendt: Bei uns in der Kleinstadt gab es die Definition 
„Punk“ nicht wirklich, zumindest am Anfang. Wir wurden eine 
ganze Zeit lang im Ort einfach „die Bunten“ genannt. 

Volly Tanner: Punk gab mir die Möglichkeit, nicht dazugehö¬ 
ren zu müssen. Man war ja sowieso schon Aussatz! Damals dachte 
ich, im politischen Bereich wäre Punk eine positive Art von An¬ 
archie - auch ich habe später erfahren müssen, dass Punk leider 
ein Lifestyle ist. Punk war D.I.Y. - meine ersten Texte, grauenhafte 
Stümpereien. Es ging gegen Staat und Faschisten, gegen meine El¬ 
tern und die Nachbarn, gegen die MZ-fahrenden Ficker aus mei¬ 



ner Berufsschulklasse, die all die Mädchen abbekamen und gegen 
diese Weichbirnen, die ihre Beine breit machten, damit sie mitt¬ 
wochs ab 19 Uhr in der Großräschner Disko Tatkraft ihre Wodka- 
Cola ausgegeben bekamen. Das kotzte mich an und deshalb gab es 
Punk in meinem Leben. Punk war damals eindeutig „dagegen“ zu 
sein, da gab es kaum positive Assoziationen. 

Wie wichtig oder überhaupt möglich war die optische 
Komponente von Punk - Frisur, Haarfarbe, Kleidung? 
Wie sah die aus? 

Jörg Löffler: Da wir nicht in eine Punk-Boutique gehen konnten, 
haben wir ziemlich viel selbst gebastelt und eigene Ideen entwi¬ 
ckelt. Wir haben uns an dem orientiert, was wir auf Bildern in 
Zeitschriften gesehen haben. In Dresden lebten wir ja so ziemlich 
hinterm Mond. Dass es noch mehr Punks in der DDR gibt, haben 
wir anfangs gar nicht gewusst. Da entwickelte sich so eine Art Bi¬ 
otop. Nachdem wir Ende 1982 Kontakte zu anderen DDR-Punks 
geknüpft hatten, haben wir uns viel von denen abgeschaut und da 
begann die Uniformierung. 

Arnim Bohla: Bis auf ein paar „Verkleidungen“, so möchte ich das 
mal in meinem Fall nennen, bin ich äußerlich immer recht „nor¬ 
mal“ durch das Leben gewandelt. Denn das erste Mal mit einer Si¬ 
cherheitsnadel im Ohr in der Schule erzeugte ohnehin nur Kopf¬ 
schütteln und Unverständnis. 

Carsten Hiller: Obwohl ich den Zugang zur Erweiterten Ober¬ 
schule - EOS - hatte, entschied ich mich, auch auf Druck meines 
Vaters für eine Ausbildung zum Tischler, und während der theo¬ 
retischen Ausbildung war ich im Internat der Berufsschule in See- 
low unter gebracht. Zu dieser Zeit hatte ich mir eine totale Verwei¬ 
gerungshaltung zugelegt, mir die Haare wachsen lassen und war 
outfitmäßig wohl eher Richtung „Hippie“ oder - wie wir diese 
Leute damals nannten - „Penner“ unterwegs. Irgendwann kam 
mein Zimmergenosse Andre mit Boots aus dem DDR-Jagdbedarfs- 
laden in Frankfurt/Oder an und ließ sich die Haare ähnlich Sid 
Vicious schneiden. Ich fand dieses Outfit zuerst total hässlich, vor 
allem die groben Schuhe, konnte mich aber bald diesem aggres¬ 
siven und wilden Look nicht mehr entziehen und besorgte mir 
ebenfalls „Jägerboots“, ging zum Friseur und ließ mir die Haare 
kurz schneiden, um sie mir anschließend mit Seife auf Punk zu 
trimmen Für mich war die optische Komponente des Punk enorm 
wichtig, da sie sowohl meinem Geschmack als auch meinem Le¬ 
bensgefühl entsprach: Provozieren, Auffallen, Gerechtigkeit ein¬ 
fordern, irgendwie militant und die Zugehörigkeit zu einer extre¬ 
men Subkultur signalisierend. 

Andreas Kohl: In meiner ursprünglichen Definition von Punk 
war die optische Komponente klar festgelegt: Iro, Lederjacke mit 
allerlei Schmierereien drauf, vorzugsweise MÜLLSTATION- und 


DAILY TERROR-Schriftzug, Domestos-Jeans oder andere zerris¬ 
sene Hosen. Ich war das ganze Gegenteil davon und wechselte 
outfitmäßig zwischen Rockabilly-Look mit ordentlich geschmier¬ 
ter Tolle und brutalstem Ostblueser- und Hippie-Image hin und 
her. Hirschbeutel, eingeschmuggelter Bundeswehrparka, Tram¬ 
per und Batikhose inklusive. Das ist bis heute meine Definition 
von Punk geblieben: Ich kann rumlaufen, als käme ich gerade 
vom JEFFERSON AIRPLANE-Konzert, kann aber trotzdem MINOR 
THREAT hören. 

Henryk Gericke: Die Optik war enorm wichtig. Zunächst als Ex¬ 
periment mit allen möglichen und unmöglichen Accessoires, spä¬ 
ter dann leider in Form der Uniformierung von Punk durch Le¬ 
derjacke, Nato-Hose und Springerstiefel. Auf jeden Fall war ein 
Punk-Outfit in der DDR eigentlich ein klarer Fall von Republik¬ 
flucht, da man das FDJ-Blauhemd und überhaupt die hilflose und 
ältliche DDR-Jugendmode verhöhnte. 

Mike Göde: Alles, was man sich besorgen konnte, wie Motorr¬ 
adlederjacken, Militärstiefel, alte Sackos und Mäntel, wurde lei¬ 
denschaftlich getragen im Zusammenhang mit Sicherheitsnadeln, 
Ketten, Nieten und selbstgemachten Badges. Die Haare waren ge¬ 
färbt und hochgestellt, auch ein Iro schmückte meinen Kopf in 

schimmerndem Weiß. 

* 

Mike Wendt: Da ich ja Kellner lernte, hatte sich das Thema Fri¬ 
sur für mich mehr oder weniger erledigt. Die Haare hatte ich ei¬ 
gentlich immer schwarz gefärbt. Das ging auch auf der Arbeit 
durch. Ganz am Anfang hatte ich die Seiten kurz und oben drauf 
so eine Art Dauerwelle, was im Nachhinein völlig Scheiße aus¬ 
sah. Etwas später hab ich mir die Haare etwas wachsen lassen 
und im Job einfach glatt nach hinten gekämmt, nach Feierabend 
Haarspray oder Seife rein und alles quer durcheinander. Klamot¬ 
tentechnisch haben wir so ziemlich alles selbst so hergerichtet, 
wie wir es brauchten oder konnten. Wir waren auf alle Fälle sehr 
kreativ. Da es in der DDR selbst bei der Armee keine richtigen 
Schnürboots gab, griffen wir auf Wanderschuhe zurück. Die wa¬ 
ren günstig und erfüllten ihren Zweck. 

Volly Tanner: Die war nicht wirklich so wichtig, in meinem Um¬ 
feld waren auch Skins, die Popmusik hörten, und Grufties, die 
THE CURE hörten. Mein Umfeld war schon immer sehr durch¬ 
mischt, da mich die Geschichten der anderen Leute immer sehr 
interessierten. Damals verkehrte ich in einer Kneipe, den Drei 
Linden in Großräschen, da waren hauptsächlich alte Süffel und 
Kriminelle zugegen und die erzählten von ihrem fantastischen 
Leben. Das hat mich eigentlich immer mehr gefesselt als irgend¬ 
welche Dresscodes. 

Hendrik Franke: Optisch sich zum Punk zu bekennen, war spä¬ 
ter denn auch auf alle Fälle sehr wichtig für uns. War vielleicht 
nicht so einfach wie im Westen, aber auch nicht so schwierig, 
wie man vielleicht denkt. Schließlich gab es auch bei uns Militär 
und die dazugehörigen Klamotten. Aber es war natürlich strengs¬ 
tens verboten, so was als Zivilist und Punk zu tragen, und man 
durfte sich auf gar keinen Fall damit erwischen lassen. Ich hat¬ 
te von irgendwoher Sowjet-Militärstiefel, die mir viel zu klein 
waren und die ich deshalb so gut wie nie trug. Besser waren da 
schon die DDR-Schweißer-Stiefel mit Stahlkappe und allem Drum 
und Dran. Klamotten wurden bemalt, zerrissen und wieder ge¬ 
flickt oder in Übergröße getragen und so weiter Auch Haare fär¬ 
ben ging gut, es gab da nämlich so ein Anti-Pilz-Mittel, welches 
Mama aus dem Krankenhaus mitbrachte und das prima lila oder 
grüne Haare machte. Okay, nicht nur Haare, sondern auch Bade¬ 
wannen und Handtücher, aber egal, gesund war’s bestimmt. Ich 
hatte jedenfalls keinen Pilz auf dem Kopf... 

Wie waren die Reaktionen deiner Umwelt darauf - Fa¬ 
milie, Freunde, Lehrer, Chef, Kollegen ...? 



Juni 1953. In der DDR wiederholt sich - wie zu Zeiten des „Roten Terrors“ unter dem Diktator Josef 
Stalin in Russland - eine bekannte Wirrung im Aufbau einer „Diktatur des Proletariats“. Fabrikarbei¬ 
ter müssen höhere „Arbeitsnormen“ erfüllen und wenden dagegen Protestformen an, die kommu¬ 
nistische Splittergruppen heute noch von der „lohnabhängigen Bevölkerung“ im „(Klassen)Kampf 
gegen das Kapital“ einfordern: Generalstreik, Straßenproteste, teils gewaltsame Besetzungen von Be¬ 
hörden und blutige Straßenschlachten mit der Polizei. Am 17. Juni 1953 lassen die russischen Trup¬ 
pen im „Arbeiter- und Bauernstaat“ ihre Panzer ausrücken. Menschen der Arbeiterklasse, die für ein 
besseres Leben kämpfen wollen - also genau dafür, wofür der Kommunismus stehen will -, werden 
unterdrückt. Es kommt infolge der Unruhen innerhalb weniger Tage zu 55 bis 70 Toten. Am Ende soll 
es bis zu 13.000 Festnahmen auf dem gesamten Gebiet der DDR gegeben haben. 

Jene Vorgehensweise ist bekannt oder soll sich wiederholen: Seit Anbeginn der Oktober-Revolution 
1917 kämpften die Kommunisten nicht nur gegen Adel, Kirchen und Zarentum, sondern auch gegen 
die Arbeiterklasse und (ehemalige) Mitstreiter im Kampf gegen das Kapital. Arbeiteraufstände oder 
parteiunabhängige Gewerkschaftsbewegungen werden in der Sowjetunion, Polen, Ungarn, Bulgari- 


PUNK IN DER DDR: DIE HINTERGRÜNDE 

DAS GUT 
GEMEINTE BOSE 

Der Kommunismus wollte eine gerechte Welt für Arbeiter und Bauern schaf¬ 
fen. Die Unterdrückten sollten besser leben, nicht mehr von Adel, Kapital und 
Industrie ausgebeutet werden. Doch rasch wurden in den „Diktatur(en) des 
Proletariats“ (auch) jene Menschen, die man zu befreien vorgab, wieder unter¬ 
drückt, verfolgt und ermordet. Hippies und Punks mussten denn auch Klas¬ 
senfeinde sein - und Naziglatzen konnten 1987 ein Konzert von ELEMENT OF 
CRIME in der Zionskirche sprengen. 

en oder der Tschechoslowakei niedergeschlagen. Menschen werden in den oft unmenschlichen La¬ 
gern des Gulag-Systems interniert, wo sie mittels Zwangsarbeit zu wahren Sozialisten umerzogen 
werden sollen - viele kommen dabei um. In China lässt das Regime noch am 4. Juni 1989 eine De¬ 
mokratiebewegung - seit Monaten aufbegehrende Studierende und Arbeiter - blutig niederschlagen. 
Panzer und Militärkonvois rollen durch Pekings Straßen, man lässt auf Demonstranten schießen und 
in einer Nacht- und Nebelaktion überrollen Panzer ein Protestkamp auf dem „Platz des himmlischen 
Friedens“. Die Zahl der Todesopfer wird in Peking auf bis zu 1.000 geschätzt, man spricht von zehn¬ 
tausenden Verletzten und Inhaftierten infolge der Militäraktionen im ganzen Land. Die Hardcore-Le- 
gende CAPITOL PUNISHMENT hat für das Album „Bulwarks Against Oppression“ ein Foto aus jenen 
Tagen als Cover genutzt. Es zeigt einen Mann, der mit Einkaufstüten in der Hand einen Kampfpan¬ 
zer stoppen will. Von den TV-Bildern jener Tage ist bekannt: der Panzer hat mehrfach angezogen und 
den Mann immer wieder mit seiner Stahlschnauze „geschubst“. CAPITOL PUNISHMENT verkneifen 
sich im gleichnamigen Song indes allzu CDU-nahe Zeilen, wie sie OHL in „DDR“, „Warschauer Pakt“, 
„Ostblock“ und „Roter Terror“ mochten. 

Rund acht Jahre nach dem Massaker in China sorgte ein Buch für Aufsehen. „Das Schwarzbuch des 
Kommunismus“ löste eine heftige Debatte aus und wagte sich an eine vorläufige Bilanz über den „real 
existierenden Sozialismus“ beziehungsweise Kommunismus und dessen rund 80-jährige Geschich¬ 
te. Weltweit, summieren die Autoren, seien wohl über 90 Millionen Menschen Opfer des Kommu¬ 
nismus geworden in all seinen asiatischen, osteuropäischen, afrikanischen und südamerikanischen 


OX-FANZINE 116 












PUNK IN DER DDR 


Jörg Löffler: Da sich die Entwicklung bei mir nicht von einen Tag 
auf den anderen, sondern allmählich vollzog, waren die Reaktio¬ 
nen nicht so krass. Als ich dann extremer aussah, reichten sie von 
Entsetzen über Aggressivität bis Belustigung. Schön fand das kei¬ 
ner. Mein Vater hat mal eine Lederjacke von mir zerschnitten. 

Arnim Bohla: Die Mehrheit konnte mit dem Thema nichts an¬ 
fangen. Später war auch die Tatsache von Bedeutung, dass meine 
Freundin und jetzige Frau mit vielen Bands etwas anfangen konn¬ 
te. Das erleichtert einiges, wie zum Beispiel gemeinsame Konzert¬ 
besuche und so weiter. 

Carsten Hiller: Die Reaktionen meiner Familie war anfangs ge¬ 
schockt bis traurig, später akzeptierten meine Eltern das und hat¬ 
ten viel Freude an mir und meinen Freunden. Meine Freunde 
wurden ja ebenfalls Punks beziehungsweise sympathisierten da¬ 
mit, den Lehrern schien es egal zu sein beziehungsweise sie gin¬ 
gen recht souverän damit um - wir hatten eh mehr Spaß an char¬ 
manten, intelligenten Provokationen in der Berufsschule. Meine 
Kollegen und mein Chef machten sich darüber eher lustig, waren 
vereinzelt aber auch interessiert. Zwischenzeitlich hatte ich mir 
mal betrunken einen Iro schneiden lassen, den ich aber schnell 
wieder ablegte, da mein Vater bei meinem Anblick anfing zu wei¬ 
nen. Später ließ ich mir aber wieder einen Iro schneiden — da hat¬ 
te sich mein Vater an das Ganze gewöhnt. 

Andreas Kohl: Mit Lehrern hatte ich immer kleine Probleme, 
wenn auch nicht ernsthaft. Oder zumindest habe ich das nicht 
ernst genommen. Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass ich 
schon damals eine ziemlich gefestigte Weitsicht hatte und star¬ 
ke familiäre Rückendeckung. Einige meiner Freunde hatten es da 
schwerer, was sie wiederum auch härter und extremer gemacht 
hat. Da ich outfitmäßig eher unauffällig war, hatte ich verhält¬ 
nismäßig wenig Probleme, wenn es dann um Inhalte ging und 
ich meiner Agitationslust freien Lauf ließ, wechselten sich die Re¬ 
aktionen zwischen fassungslosem Kopfschütteln und beinhartem 
Kontra ab. Das hat mir in der Schule schon einige Probleme be¬ 
reitet, die dann immer darin gipfelten, dass meine Eltern beim 
Direktor antanzen mussten und ihnen nahe gelegt wurde, ihren 
Sohn zu mäßigen. Das haben sie dann immer an mich weiterge¬ 
reicht, so in der Art: Wenn du die Klappe aufreißen willst, mach 
es, aber sieh zu, dass es irgendeinen Sinn hat, damit du dir später 
nicht selbst Vorwürfe machst, du hättest dir Chancen für nichts 
und wieder nichts verbaut. 

Henryk Gericke: Ich habe es mal so formuliert: „Punk war noch 
nicht Mode, ich erfuhr aber trotzdem, was es bedeutet, Mode zu 
sein.“ Das heißt, in der Schule wurde ich bestenfalls verlacht, an¬ 
sonsten gab es aber eher auf die Fresse. Mein Vater, zu dem ich ein 
gutes Verhältnis hatte und habe, war begeistert und grüßte mich 
auf der Straße nicht mehr. In der Lehre wurde man an Arbeitsplät¬ 
ze verbannt, die am trostlosesten waren, was aber den Vorteil hat¬ 
te, dass man seine Ruhe hatte. Am tollsten war es auf der Straße: 
War man allein unterwegs, war man eigentlich vogelfrei. 

Mike Göde: Meine Mutter war bei mir dagegen, da mein älte¬ 
rer Bruder schon entartete. Sie hatte keine Chance. Freunde such¬ 
te man sich bei Gleichgesinnten und auf den Rest war was ge¬ 
schissen. Mit Lehrern hatte ich im Großen und Ganzen keine Pro¬ 
bleme, eigenartigerweise. Was mein Berufsleben betrifft, war ich 
bei meinen Kollegen körperlich in der Verfassung, mich zu be¬ 
haupten. Extremen Ärger hatte ich mit allen Vorgesetzten. 

Mike Wendt: Ich hatte eigentlich kaum Stress wegen meines Auf¬ 
tretens. In der Familie sowieso nicht, da mein Bruder in die glei¬ 
che Kerbe schlug und unsere Eltern der ganzen Sache ganz locker 
gegenüberstanden. Ich bin von Natur aus ein sehr lustiger Mensch 
und lache gern. Ich denke, damit bin ich gut gefahren und so hat 
mich aus meinem Umfeld auch keiner dumm angemacht. 



Volly Tanner: Mein Vater hat mich mal am Iro geschnappt und 
mit dem Kopf gegen die Wand gehauen, dazu hat er lauthals und 
mit rot angelaufenem Hals intoniert: „Das mache ich jetzt so lan¬ 
ge, bis du eine ordentliche Frisur hast.“ Völlig absurd, natürlich. 
Der Chef meines Lehrlings Wohnheims sagte hingegen mal, als 
mein Iro besonders gut in Richtung Sonne stach: „Irokesenhaar¬ 
schnitt ist in Ordnung, aber wenn du mit Glatze kommst, fliegste 
hier raus!“ — Das war 1988! 

Hendrik Franke: Die Reaktionen aus dem Staat und der Bevölke¬ 
rung waren teilweise recht hart. Dazu kamen noch die staatstreu¬ 
en Medien mit ihren Kampagnen, von wegen Punks gab es nicht 
in der DDR und die, die nicht wegzureden waren, waren sowie¬ 
so vom Westen gesteuert, waren drogenabhängig und schmutzig 
und klauten, was nicht niet- und nagelfest war. Eine Episode ist 
noch die Abschlussprüfung in der Schule. Damals gab es das Ge¬ 
setz in der DDR, dass man die Prüfung nur in FDJ-Uniform ab¬ 


Hast du dich, wie konkret oder abstrakt auch immer, 
unterdrückt gefühlt? Welche Sanktionen hast du er¬ 
fahren? 

Jörg Löffler: Ich wurde in diese Verhältnisse hinein geboren. Ich 
kannte nichts anderes. Vieles, was ich heute als Unterdrückung 
empfinden würde, war damals normal. Es gehörte zur Überle¬ 
bensstrategie, sich mit den Umständen zu arrangieren und sich 
kleine Nischen zu suchen. Bei einem großen Teil der Menschen, 
vor allem älteren, führte das zu Resignation und Lethargie. Man 
machte es sich in seiner Neubauwohnung gemütlich, oder in sei¬ 
ner Gartenlaube, flüchtete sich in eine Art Galgenhumor oder „re¬ 
bellierte“ im stillen Kämmerlein. Westpakete waren eine Art Er¬ 
satzbefriedigung. Natürlich fand ich es absurd, dass einem vorge¬ 
schrieben wurde, was man zu denken und zu fühlen hatte, dass 
es diese Zwänge und Verbote gab, dass man nicht reisen konn¬ 
te, wohin man wollte. Aber ich hatte nie die Absicht, den Staat 
zu stürzen. 

Arnim Bohla: Ich hab meine Einstellung immer kundgetan. Da¬ 
bei hatte ich sowohl im Lager derer, die die DDR verteufelten, als 
auch bei denen, die den Sozialismus als das Nonplusultra ansa¬ 
hen, meine „Gegner“ gefunden. Unterdrückt habe ich mich in 
der DDR nie gefühlt. Erst als die Perestroika und Glasnost zu uns 
kamen, habe ich verstärkt über eine offenere Gesellschaft nachge¬ 
dacht. Unterdrückung verband ich nur mit einem Erlebnis: Ende 
1988 habe ich die Band HERBST IN PEKING live erlebt und in 
der Woche darauf innerhalb meines Jobs erfahren, dass die Band 
Auftrittsverbot für unseren Kreis bekommen hat. Für mich, der 
dem Konzert beiwohnen durfte, blieb die Frage, warum? Aber 
das war schon unmittelbar, bevor die ersten Montagsdemonst¬ 
rationen begannen. 

Carsten Hiller: Ich habe mich zu keiner Zeit unterdrückt gefühlt, 
da ich, obwohl Aussehen und Verhalten immer extremer wur¬ 
den, die Sanktionsmöglichkeiten der DDR nur selten zu spüren 
bekam. Und wenn, dann hatte ich sie mir auch redlich verdient 
beziehungsweise konnte sie mit Humor nehmen. Dieser Eindruck 


Zielstellung; -Zersetzung dieser, Gruppe 

- Suche, Auswahl, Überprüfung und Gewinnung 
eines Mitgliedes diesen (%uppe auf der Grund¬ 
lage der R 1/79 



legen durfte. Nun war ich aber nicht drin in diesem Verein. Mir 
wurde dann angeboten, man könnte mir leihweise ein FDJ-Hemd 
zur Verfügung stellen, was ich dankend ablehnte, da ich mich ja 
nicht mit fremden Federn „schmücken“ wollte. So war das aber 
auch gar nicht von denen gemeint, natürlich müsse ich auch in 
den Verein eintreten. Andererseits „könnte man aber auch mit 
Abschluss 8. Klasse was werden in unserem Arbeiter- und Bau- 
ernstaat ...“. Ich trat dann in die FDJ ein, für ganze zwei Mona¬ 
te, machte meine Prüfung, entehrte unmittelbar danach vor dem 
Leipziger Hauptbahnhof mit Freunden die leihweise zur Verfü¬ 
gung gestellten staatlichen Klamotten und war letztendlich glück¬ 
lich, auch wenn sie mich irgendwie ja doch gekriegt hatten. 

Steffen Schölzel: Meine Eltern haben das akzeptiert, aber begeis¬ 
tert waren sie nicht gerade. Für die Lehrer war das eine absolu¬ 
te Provokation, da standen dann schon mal in der Pause zwei net¬ 
te Herren von der Stasi im Klassenraum und baten zum Einzel¬ 
gespräch. Von der Polizei wurde man ständig kontrolliert. Wenn 
man nicht aufgepasst hat und alleine war, hat man in der Disko 
auch ganz schnell eins aufs Maul bekommen. 


ist sicher meiner Jugend und Naivität, dem Rückhalt durch meine 
Familie und des gesamten positiven sozialen Umfeldes zu verdan¬ 
ken. Ich will damit Erfahrungen anderer weder in Frage stellen, 
noch die DDR übern Klee loben. Bei mir war es aber so. 

Andreas Kohl: Ja, unterdrückt habe ich mich gefühlt. Ich wuss¬ 
te, dass ich bestimmte Dinge nie würde erreichen können, weil 
ich mich eben nicht mit dem System arrangieren würde. Auf der 
anderen Seite hab ich das aber auch irgendwie als Chance begrif¬ 
fen, denn ab einem bestimmten Punkt hat eben auch keiner mehr 
von mir erwartet, dass ich das tue. Zum Beispiel hat mich in der 
10. Klasse keiner gefragt, ob ich in die Partei eintreten will. Wäh¬ 
rend meine Klassenkameraden also die Tiraden des Parteisekre¬ 
tärs über sich ergehen lassen mussten, der ihnen in schillernden 
Farben ausmalte, welche Vorteile es bringt, wenn man sich die 
abgehackten Hände ans Revers heftet, durfte ich gehen und bin 
zum Baden an den Baggersee gefahren. Ein wenig heftiger wur¬ 
de es dann, als ich den Wehrdienst total verweigern wollte, was 
ja in der DDR unter Strafe stand. Da haben sie mich dann durch 
die Mangel gedreht und wie ich später erfahren habe, bin ich so- 


Auswüchsen. „Der Kommunismus [...] hat im Namen von Gerechtigkeit und Freiheit Milliarden von 
Menschen betrogen, denn seine Taten waren stets das pure Gegenteil. [...] Was ist das also für ein 
wunderbares System, das nirgendwo etwas anderes als seine Perversion in die Tat umgesetzt hat?“, 
fragt sich der Philosoph und „konservative Medienintellektuelle“ (Freitag) Jean-Francois Revel 1997 
in der französischen Zeitung Le Point. In einer Interview- und Artikelserie merkt in Le Monde zur 
gleichen Zeit Roger Martinelli von der durchaus Kommunismus-kritischen „Neugründungs-Genera- 
tion“ der französischen, Kommunistischen Partei PCF an: „Der Kommunismus ist Henker und Op¬ 
fer zugleich. Es hat kommunistische Stalingegner gegeben“, die Opfer der „terroristischen Gewalts¬ 
pirale“ geworden seien. 

Was Martinelli meint, bilanziert das „Schwarzbuch“: Kern aller kommunistischen Regimes war ein 
Netz aus Geheimdiensten und Unterdrückung. Die Bevölkerung wurde überwacht. Diejenigen, die 
gestern noch gegen „das Kapital“ kämpften, mit der Umsetzung des Kommunismus durch Partei, 
Militär und Geheimdienste aber unzufrieden waren und dagegen rebellierten - Arbeiter, Bauern, 
Gewerkschafter, Anarchisten, Sozialdemokraten, ehemals antifaschistische Partisanen, Juden, Kom¬ 
munisten, Trotzkisten, sogar Parteifunktionäre -, wurden plötzlich selbst unterdrückt, deportiert, 
verhaftet, durch Haftbedingungen, Folter, Waffengewalt oder Hungersnöte ermordet. Wie aber soll¬ 
ten solche Regimes umgehen mit Menschen, die sich per se außerhalb einer Gesellschaft platzier¬ 
ten? Punks etwa. Deren anarchisches Treiben war den „sozialistischen“ Staaten ein Dorn im Auge. 
Auffallend dabei indes: während die DDR sich als antifaschistischer Staat begriff, wurden Punks in 
ihren Stasi-Akten auch mit Begriffen belegt, die schon die Nationalsozialisten nutzten (die „Volks¬ 
schädlinge“ seien „negativ dekadent“). Zugleich wurden Punks selbst als Nazis diffamiert, denn 
schon Sid Vicious hatte ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz auf der Brust getragen ... Kleinbürger in 
Ost- und Westdeutschland hatten hier die Wiedervereinigung zeitweise wohl schon an der Vorur¬ 
teilsfront vollzogen. 

1983 erschien bei dem Berliner.Kultlabel Aggressive Rockproduktionen die Split-LP „DDR von un¬ 
ten“. Die Punkband SAUKERLE - dahinter versteckten sich SCHLEIM-KEIM - sangen vom „Spion im 
Cafe“ und kritisierten die Überwachung und Stasi-Durchsetzung der DDR-Gesellschaft. Wie sehr die 
Stasi-Agenten und „Informellen Mitarbeiter“ selbst in der Alternativszene präsent waren, zeigte sich 
jedoch schon anhand dieser Platte. Der Kopf der zweiten Band, ZWITSCHERMASCHINE, wurde nach 
dem Mauerfall als Spitzel enttarnt. Sascha Anderson war nicht nur kreativ in der alternativen Szene 
des Prenzlauer Bergs gewesen, sondern hatte dieselbe auch für die Stasi beobachtet. 1987 erschien 
bei X-Mist Records die LP „Made In GDR“ der Leipziger Punkband L’ATTENTAT. Die Aufnahmen wa¬ 
ren mittels Musikkassette über die Grenzen geschmuggelt worden. Obschon damals in Westdeutsch¬ 
land längst Hardcore angesagt war und der eher rumpelige Deutschpunk der Leipziger unzeitgemäß 
wirkte, sorgte die Platte für Aufsehen. Später stellte sich heraus, dass Gitarrist und Sänger Imad in der 
Leipziger Punks-Szene auch als Stasispitzel aktiv gewesen war. 


Punk war nicht die erste Alternativ- oder Oppositionsbewegungen in der DDR, die die Härte des 
Staates zu spüren bekam. In den 1970er und 1980er Jahren war etwa die Oppositionsbewegung - 
eine Mischung aus Hippies, Künstler, Studierenden- und Friedensbewegung - in Jena sehr stark. In 
seinem Buch „Vision und Wirklichkeit“ beschreibt Udo Scheer den Kampf und die Unterdrückung 
jener Gruppe, deren Ziel eine „basisdemokratische Erneuerung des Sozialismus von innen heraus" 
war. Quasi-Dissidenten wie Lutz' Rathenow und Jürgen Fuchs wollten den Sozialismus reformieren, 
nicht stürzen. Unter den Studierenden kam es zu Exmatrikulationen, Dauerobservationen, Künst¬ 
lern wurden Auftrittsverbote erteilt, es kam zu Ausbürgerungen und Inhaftierungen, ein Mitglied 
kam unter ungeklärten Umständen in der U-Haft um. Roland Jahn stellt als Ex-Mitglied jenes Kreises 
in Scheers Buch fest: „Im Endeffekt wirst du ja nicht als Staatsfeind geboren, sondern du wirst zum 
Staatsfeind erzogen. Diese [DDR] hat die Staatsfeinde herangezüchtet.“ 

Die Stasi - korrekter Name: Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - verstand sich selbst als „Schild 
und Schwert der Partei“, also der allein regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 
(SED). Zum 25-jährigen Bestehen der Stasi sagte deren Chef Erich Mielke 1975, Aufgabe des MfS sei 
es „feindliche Kräfte im Innern aufzuspüren und unschädlich zu machen.“ 1989, als die DDR kurz 
vor ihrem Ende und dem Mauerfall stand, schätzte man, dass auf 1.000 DDR-Bürger zirka 5,5 Stasi¬ 
mitarbeiter kamen - das waren auf die Bevölkerung umgerechnet zweieinhalbmal so viele Geheim¬ 
dienstler wie in der Sowjetunion. 

Am 17. Oktober 1987 tritt die Westberliner Band ELEMENT OF CRIME in der Ostberliner Zionskir¬ 
che auf. Das Konzert ist illegal organisiert. Als Support spielt die DDR-Punkband DIE FIRMA. Um 22 
Uhr stürmt eine Gruppe von etwa 30 Nazi-Skinheads die Veranstaltung, grölt „Heil Hitler“ und „Ju¬ 
den raus aus deutschen Kirchen“. Die Nazis prügeln, teils mit Stangen und Flaschen bewaffnet, auf 
Teile der zwischen 400 bis 1.000 Besucher ein und verletzen einige Menschen schwer. Erst als sich 
Punks entgegenstellen, ziehen sich die aus Ostberlin stammenden Naziskins zurück. Im Umfeld der 
Kirche gehen die wilden Schlägereien noch weiter. Zwar beobachten Volkspolizei und Stasi den An¬ 
griff, doch sie schreiten nicht ein. 

Trotz des immensen Überwachungsapparates hatte die Stasi das seit Anfang der 1980er Jahre auftre¬ 
tende Problem der Nazis und rechtsextremer Hooligans in der DDR vertuscht. Im selbst ernannten, 
antifaschistischen Teil Deutschlands durfte es hinter der Mauer, jenem „antifaschistischen Schutz- 
wall“, derlei nicht geben. DDR-Presse und Gerichtsbarkeit nannten die Angreifer auf die Zionskirche 
später denn auch lieber „Rowdys“ oder die Tat „Rowdytum“ - während die eher linke Punkszene 
dem MfS immer schon ein Dorn im Auge gewesen war und blieb. Monate nach dem Angriff ging die 
Stasi denn auch gegen Punks, Oppositions- und Umweltgruppen in der Zionskirche vor. 

Michael Klarmann 


OX-FANZINE 117 




PUNK IN DER DDR 


gar von der Schule geflogen. Nur haben sie vergessen, mir das am 
Schuljahresende 1988/89 mitzuteilen und im Herbst 1989 bin ich 
dann natürlich wieder hin und dann kam die Wende. Ich bin also 
das, was man einen Wende-Gewinner nennt. 

Henryk Gericke: Unterdrückt habe ich mich nicht erst als Punk 
gefühlt. Das Gefühl wurde lediglich verstärkt. Das war nicht abs¬ 
trakt, das Stadtzentrum war tabu, eigentlich alle so genannten Ju¬ 
gendclubs waren es. Viele aus der Punk-Szene wurden mit 18 Jah¬ 
ren gleich in die NVA-Kasernen abkommandiert, viele gingen in 
den Knast, manche noch minderjährig. Sich einen Anwalt zu neh¬ 
men, war möglich, aber eine Farce. Du konntest dich als Ost-Punk 
einfach nicht frei bewegen und hast hinter der Mauer auch noch 
wie hinter Gittern gelebt. 

Mike Göde: Umso mehr Druck auf mich ausgeübt wurde, umso 
erster und intensiver wurde die Sache für mich. Sanktionen: Aus¬ 
schluss aus jeder Form gesellschaftlichen Lebens. 1988 Kün¬ 
digung der Arbeitsstelle ohne Begründung und ab dem Tag im 
Jahr keine Neueinstellung. Ich war arbeitslos, was im Sozialis¬ 
mus nicht existierte. 

Mike Wendt: Ob ich mich damals unterdrückt gefühlt habe, kann 
ich heute mit Abstand nicht mehr genau sagen. Der Mensch er¬ 
innert sich immer nur an die guten Zeiten im Leben. Heute kann 
ich nur darüber lachen, was sich die „Genossen“ haben einfallen 
lassen. So mussten wir alle vor dem 1. Mai oder 7. Oktober zur 
Volkspolizei und unterschreiben, den Ort beziehungsweise den 
Kreis nicht zu verlassen. Ziel war, dass wir nicht in der Öffent¬ 
lichkeit in einem größeren Ort in Erscheinung treten sollten. Was 
einen ständig begleitete, waren die Personalausweiskontrollen. Je 
größer der Ort war, umso mehr Polizei und umso mehr wurde 
man kontrolliert. In Berlin hat’s mich mal in der Silvesternacht 
weit über zehnmal erwischt, und wenn die Ordnungshüter Lan¬ 
geweile hatten, musste man erst mal mit zum Revier. 

Volly Tanner: Unterdrückt fühlte ich mich nur von meinem Va¬ 
ter - aber das hatte nichts mit meiner Punk-Sache zu tun. In Groß- 
räschen gab es zwar Lehrer, die mich irgendwie runterdrückten, 
aber das war Kindergarten. In diesem Lebensabschnitt ist man ja 
sowieso der Meinung, dass die ganze Welt gegen einen ist. Sank¬ 
tionen gab es nicht, ich kam in alle Kneipen rein, in die ich rein 
wollte. 

Steffen Schölzel: Ich konnte meine Lieblingsbands nicht live se¬ 
hen und auch ihre Platten nicht kaufen. Aber wir haben ja ge¬ 
wusst, dass Punk Ärger bedeutet. Und ein Wochenende ohne Bul¬ 
lenkontrolle war eigentlich auch nur der halbe Spaß. Wir wollten 
uns ja ganz bewusst von allen anderen abheben. 


Wie sah das Verhältnis zur Staatsmacht aus? Was für 
Erlebnisse hattest du? 

Jörg Löffler: Solange sie einen in Ruhe gelassen haben, haben wir 
uns über die Staatsorgane nur lustig gemacht. Außer Ausweis¬ 
kontrollen passierte anfangs in Dresden nicht viel. Als wir in an¬ 


dere Städte reisten, und im Laufe der Zeit auch in Dresden, wur¬ 
den wir mit der Willkür von Polizei und Transportpolizei kon¬ 
frontiert. Wir wurden kriminalisiert, wurden „Vernehmungen“ 
zugeführt. Es kam zu Verhaftungen. Zwar ahnten wir, dass uns 
die Stasi auf dem Kieker hat, aber dass die uns schon seit unseren 
ersten zaghaften Anfängen überwachte, erfuhren wir erst später. 

Carsten Hiller: Mein Verhältnis zur Staatsmacht war nicht ge¬ 
prägt vom Hass auf Polizisten oder auf die Stasi - ich kannte ja 
keinen. Ich habe die Staatsmacht eh nicht besonders ernst genom¬ 
men, habe mich lustigt über sie gemacht - und hatte Glück! 

Andreas Kohl: Das war relativ entspannt. Sicher, als im Herbst 
1989 alles hoch kochte, hat man die Jungs auch schon mal aus 
der Nähe kennen gelernt, aber wirklich harte Repressalien hat es 
nicht gegeben. Wir waren zwar in einer Stadt mit 100.000 Ein¬ 
wohnern, aber da war doch alles sehr familiär und nicht zu ver¬ 
gleichen mit dem, was etwa in Berlin oder Leipzig abging. 

Henryk Gericke: Wenn man mit Freundei} im Zug zu einem der 
wenigen illegalen Punk-Konzerte zum Beispiel von Berlin nach 
Leipzig oder umgekehrt fuhr, war es eigentlich die Regel, dass 
man auf irgendeinem Provjnzbahnhof rausgefischt wurde, im 
schlimmsten Fall auf die Mütze kriegte und, nach stundenlanger 
Warterei in Eiseskälte, die Heimreise antreten durfte. Vorzugs¬ 
weise in Zügen mit lauter Armisten auf Fronturlaub, die eine kon¬ 
krete Bedrohung darstellten. Punk und Staat in der DDR, das war 
eine Konfrontation zwischen Subkultur und Diktatur, das war 
Heidenspaß und bitterer Ernst zugleich. 

Mike Göde: Ich habe dieses System gehasst und das machte mich 
verdammt stark. Festnahmen, Verhaftungen und Verordnungen/ 
Auflagen waren an der Tagesordnung. Zu Feierlichkeiten der DDR 
musste ich mich innerhalb der Wohnung oder außerhalb Berlins 



aufhalten. Bei Zuwiderhandlung sofortige Festnahme. Regelmä¬ 
ßige Vorladungen auf Reviere der Polizei waren die Regel und 
Hausdurchsuchungen waren auch nichts Ungewöhnliches mehr. 
Aus meiner Musik und meinen Texten probierte man mir ständig 
einen Strick zu drehen. 

Mike Wendt: Wer nicht ganz bescheuert war, wusste, was los 
ist im Land. Die Frage hieß also, wie weit gehe ich und wie weit 
lege ich mich mit dem Staat an. Die Mehrzahl von uns hat eine 
gewisse Grenze eingehalten, andere sind in den Knast gegangen 
wegen „Arbeitsbummelei“ oder anderem Kram und dann in den 
Westen rüber. Andere haben einfach die Ausreise beantragt. Dass 
man ständig überwacht wurde, war klar. Und mit welchem sinn¬ 
losen Aufwand manchmal mehrere Beamte wegen eines kleinen 
Reisenden beschäftigt sind, sieht man an folgender Geschichte: 
Ich war mit dem Zug auf dem Weg nach Römhild. Römhild liegt 
im tiefsten Thüringer Wald Richtung Grenze. Zwischen Jena und 
Weimar die erste Ausweiskontrolle im Zug. Nachdem ich mein 
Reiseziel preisgegeben hatte, begann die Maschinerie zu laufen. 
Mein Ausweis wurde eingezogen und ich stand bis zum Bahn¬ 
hof in Meinigen unter ständiger Bewachung. In Meinigen wurde 
ich von drei Beamten in Empfang genommen und drei, vier Stun¬ 
den zum Verhör festgehalten. Es bestand ja „Fluchtgefahr“. Tota¬ 
ler Aufwand und Schikane, aber völlig sinnlos. 

Hendrik Franke: Unser Verhältnis zur Staatsmacht, das muss ich 
wahrscheinlich gar nicht weiter ausführen, war wie überall. Bul¬ 
lenschikanen, willkürliche Verhaftungen, weil man Punk war, 
Stasi-Anwerbeversuche, um die Szene auszuhorchen und und und 
... Zwei, drei Freunde habe ich in der Zeit verloren, weil sie den 
Druck nicht mehr ausgehalten haben und den Selbstmord vorzo¬ 
gen. Scheiß Staat! Noch heftiger aber traf es wohl Bands. Promi¬ 
nentestes Beispiel aus Leipzig ist die Band L’ATTENTAT. Auftritts¬ 
verbot, ständige Verhaftungen, Ausbürgerung in den Westen und 
so weiter. Später schaffte es der ausgebürgerte Teil mal irgend¬ 
wie, in die Zone einzureisen und in Leipzig ein Konzert als DER 
SCHWARZE KANAL zu geben. Das war ein Highlight und fand na¬ 
türlich in einer Kirche statt. 

Steffen Schölzel: Über mich gibt es eine Stasi-Akte, in der sechs 
Spitzel über mein Leben berichten. Wir waren eine sehr große 


Bedrohung für die DDR und den Sozialismus. In Berlin haben 
uns die Bullen an die Wand gestellt und uns die Klamotten ab¬ 
genommen. In Sömmerda haben sie alle Leute grundlos auf einer 
Privatparty verhaftet und einem Punk aus Nordhausen das Joch¬ 
bein gebrochen. Ich wurde eine Zeit lang fast jeden Tag von ein 
und demselben Bullen kontrolliert, obwohl er mich genau kann¬ 
te. Manche Kneipen durfte man nicht betreten und aus anderen 
wurde man als Punk gleich wieder rausgeschmissen. Wildfremde 
Leute haben auf offener Straße Dresche angeboten. 

Wie war das mit Freiräumen, etwa in Kirchen? Und 
wie siehst du das Verhältnis zwischen eigentlich anti¬ 
religiösem Punk und der Kirche? 

Jörg Löffler: Das Verhältnis Punk und Kirche hatte keinen religi¬ 
ösen Hintergrund. Zumindest seitens der Punks. Vereinzelt setz¬ 
ten sich Mitarbeiter der Kirche für oppositionelle Randgruppen 
ein und ermöglichten beispielsweise Auftritte von Punkbands in 
kirchlichen Räumen. In Dresden gab es in der Zeit, als ich in der 
Szene war, keine Punk-Kirche-Beziehungen. Mit der Band ROTZ¬ 
JUNGEN habe ich zwar in den Räumen einer Jungen Gemeinde 
geprobt, aber nur weil der Pfarrerssohn in meine Klasse ging. Erst 
in den späten 80ern gab es das Cafe PEP in Prohlis und den „Ar¬ 
beitskreis Punk“ im Umfeld der Martin-Luther-Kirche. Dort fand 
1989 auch ein Punk-Konzert statt. 

Arnim Bohla: Ich hatte keine Kontakte zu religiösen Einrichtun¬ 
gen. Dies würde meinem Verständnis von „frei sein“ auch zuwi¬ 
derlaufen. Denn was will oder wollte die Kirche mit der Unter¬ 
stützung der Punks in der ehemaligen DDR erreichen? Aus mei¬ 
ner Sicht wollten sie damit nur auf Stimmenfang gehen. Sich einer 
solchen Institution zu bedienen, ist nicht der Weg. Um kein Miss¬ 
verständnis aufkommen zu lassen, ich habe nichts gegen gläubige 
Menschen. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. 


Carsten Hiller: Meiner Wahrnehmung nach war die Kirche ein 
Ort, an dem sich Punks aufhalten, austoben und künstlerisch und 
politisch ausleben konnten. Die Kirche bot Schutzräume, Probe¬ 
räume und Raum für Veranstaltungen. Ich glaube, haha, dass die 
Kirche in diesem Zusammenhang einen der wenigen hellen Mo¬ 
mente in ihrer Geschichte hatte und dem eigentlichen Gedanken 
des Christentums so nah war wie nie zuvor. Ich denke, dass das 
Verhältnis zwischen Punk und Kirche in der DDR den Umständen 
geschuldet war - wie auch immer man dies bewerten möchte. 
Prinzipiell finde ich, dass jeder „Punk“ zwar ein Recht auf seinen 
Glauben hat, aber Punk sollte verdammt noch mal auch immer 
wieder auf die Gefahren von Religionen hinweisen. Eine Zusam¬ 
menarbeit mit der Kirche sollte nur punktuell stattfinden. 

Andreas Kohl: Ohne diese kirchlichen Freiräume wäre ich heute 
nicht da, wo ich bin. Die Kirche, und in meinem Fall ganz beson¬ 
ders die Katholische Kirche, hat uns damals ermöglicht, uns aus 
dem ganzen ideologisch belasteten Sumpf des Alltags auszuklin¬ 
ken und andere Lebensentwürfe und Gesellschaften zu diskutie¬ 
ren und auszuprobieren. Unabhängig, ob und welchen Glauben 
man hatte, traf man sich dort, letztlich auch, um Musik zu hö¬ 
ren, zu spielen oder einfach Partys zu feiern, bei denen man nicht 
darauf achten musste, einen bestimmten Prozentsatz DDR-Rock 
zu spielen. Inwieweit die Kirche damit ihre hegemonial definier¬ 
ten Missionsbestrebungen verfolgt hat, kann ich nicht mal heute 
bewerten. Fakt ist, dass wir in der Kirche die Toleranz erfahren 
haben, die es im Alltag nicht gab, und deshalb war es schon mal 
ein Gewinn. Ich habe in den letzten Jahren oft erlebt, dass gera¬ 
de diese Verbindung bei Gesprächspartnern aus dem Westen Be¬ 
fremden ausgelöst hat, und - was viel schlimmer ist - man als 
Ostler das gar nicht vermitteln kann, was Kirche damals bedeu¬ 
tet hat. Wenn du in einem totalitären System aufwächst, mit dem 
du dich nicht arrangieren willst, entsteht ein ungeheuerer psy¬ 
chologischer Druck, den du vielleicht gar nicht so wahrnimmst, 
weil du mit ihm aufwächst und er sich stufenlos verstärkt, je äl¬ 
ter du wirst. Trotzdem brauchst du ein Ventil für diesen Druck. 
Irgendwo muss er hin. Und als Jugendlicher in der DDR hast du 
dir dann eben so ein Ventil gesucht und nach jeder Chance gegrif¬ 
fen wie ein Ertrinkender nach einem Halm. Und die Kirchen wa¬ 
ren da, aus welchen Gründen auch immer. Die Katholische Kir¬ 
che hat den Staat DDR nie anerkannt, was also bedeutete, beim 
Betreten von Kirchengelände verließ man das Hoheitsgebiet der 
DDR. Und da diese Institution ja auch eine beträchtliche interna¬ 
tionale Macht darstellte, beließ es die DDR dabei, den Laden mehr 
oder weniger offensichtlich zu unterwandern, aber keine offene 
Konfrontation zu suchen. Was das bedeutete, kann man jeman¬ 
dem, der nicht dabei war, absolut nicht vermitteln - es war die 
pure und reine Freiheit in einer Welt voller Kontrolle, Repressa¬ 
lien und Totalitarismen. Meine ersten MINOR THREAT-, CIRCLE 
JERKS-, MINUTEMEN- und POISON IDEA-Tapes hab ich in und 
durch diese kirchlichen Freiräume bekommen. 

Henryk Gericke: Einige der evangelischen Kirchen stellten eine 
Art exterritoriales Gebiet für die Punks dar. Das wurde ihnen ei¬ 
gentlich selten gedankt. Andererseits waren sie mit der Klientel, 
die sie sich da in die heiligen Hallen geholt hatten, auch heillos 
überfordert. Am Anfang stand da sicher auch der Missionsgedan¬ 
ke, als das nicht funktionierte und Punkbands nicht das Wort Got¬ 
tes predigten, sondern reinen Zynismus, war’s aus mit der Gna¬ 
de Gottes. Viele Kirchen schlossen ihre Pforten, abgesehen von 
wenigen Ausnahmen. Man sollte aber dennoch nicht undankbar 
sein. Viele Konzerte hätte es ohne Kirchenasyl nicht gegeben. 

Mike Göde: Es war der einzige Raum, wo wir uns frei bewe-* 
gen konnten, weil die Staatsmacht der DDR - offiziell - keinen 
Zutritt hatte auf Kirchengelände. Mit den Jugenddiakonen klär¬ 
ten wir im Vorfeld, dass sie uns mit jeder Form von Glaubensbe¬ 
kehrung verschonen sollen. Ich kann nur sagen,, wir fühlten uns 
dort sehr wohl und sicher. Die Evangelische Kirche in der DDR 
trug enorm dazu bei, dass sich die Punk-Szene gut organisierte 
und ständig wuchs. 

Mike Wendt: Die Jungen Gemeinden in den Kirchen waren ei¬ 
gentlich, außerhalb des privaten Bereiches, der einzige Platz, wo 
Konzerte oder Treffen von Punks stattfanden. Diese wurden über¬ 
wacht, aber man blieb vom Staat meist unbehelligt. Drinnen zu¬ 
mindest, denn davor kam es dann schon hin und wieder zu Un¬ 
stimmigkeiten mit den Ordnungskräften. Da ich und alle anderen 
auch nicht religiös erzogen waren, machte ich mir darüber keine 
Gedanken. Die Kirche gab uns Platz und dabei blieb es. Ich den¬ 
ke, im Westen stehen sich Kirche und Staat nahe, was sie zu einem 
gemeinsamen Feind macht. Im Osten war die Kirche dem Staat 
ein Dorn im Auge, was Punk und Kirche näher zusammenbrach¬ 
te. Obwohl es von unserer Seite ein reines Zweckbündnis war. 

Hendrik Franke: Sonderbarerweise war die Kirche der Freiraum, 
den man brauchte. Dort konnte man sich mit anderen Punks tref¬ 
fen, dort fanden die Konzerte statt - bis auf ein paar wenige selb¬ 
storganisierte Open-Airs oder Wohnzimmer-Konzerte -, da war 
Punk! Ja, klar, auch sie war Stasi-unterlaufen, aber wo w r ar das 
nicht der Fall? Dabei identifizierte man sich nicht mit der Bibel 
und so weiter, sondern eher mit den Leuten. Die Pastoren wa¬ 
ren echt nette Menschen, die Verständnis für uns hatten. Das war 
wichtig! Die Clubs kamen dann erst deutlich später dazu, so um 
J987 herum. Da gab es dann in Leipzig den Eiskeller, jetzt Conne 
Island, den Anker, die Villa, den Grafikkeller, die MB, vieles so 
Studentenclubs. Ach ja, und natürlich die Völle, das „Clubhaus der 
Völkerfreundschaft“, unsere Stammkneipe. 

Wie war das Verhältnis von Punks zu anderen 
Jugend(sub)kulturen? 

Jörg Löffler: Zum größten Teil habe ich mich von anderen abge¬ 
grenzt. Hin und wieder hatte ich mit Langhaarigen beziehungs¬ 
weise Künstlern und Profimusikern zu tun, wenn es um Musik- 
Logistik ging. Die Punk-Szene hatte damals kein eigenes Netz¬ 
werk. Man war auf andere angewiesen. 

Carsten Hiller: Das Verhältnis von Punks zu anderen Subkultu¬ 
ren war überwiegend schwer beschädigt. Die meisten Auseinan- 


1. Herkunft und Entstehung des Ausgangsmaterial3 und Darlegung 
des operativen Sachverhaltes 

Durch den IM »Karl-Otto» - Reg.-Nr. IX 2105/65 der KD Sömmerda 
sowie durch den IMB "Peter Leitner" - Heg.-Er. IX 2115/84 der 
KD Erfurt wurde inoffiziell herausgearbeitet, daß negative 
Personen aus Sömmerda einen sogenannten 

"Schieimkeim-Fan-Club" 

gründen wollen. 


OX-FANZINE 118 
















PUNK IN DER DDR 


dersetzungen hatten wir mit Nazi-Skinheads, mit meist rechtslas¬ 
tigen Metal-Fans und mit irgendwelchen aufgeblasenen Schönlin¬ 
gen und Wichtigtuern, die man heute wahrscheinlich als Yuppies 
bezeichnen würde. Kontakte gab es zur alternativen und Künst¬ 
lerszene, zu den Hippies, Bluesern oder Pennern und ein wenig 
zur Gruftie- und Gothic-Szene. 

Andreas Kohl: Es gab bei den Kleinstadt Verhältnissen keine Gren¬ 
zen. Man hat sich auch eher weniger organisiert. Sicher, es gab 
Unterschiede in den Stilen und im Habitus, die aber mehr ober¬ 
flächlich waren als ideologisch. Wenn man am Wochenende weg¬ 
ging, gab es Popper, Waver, Punks, Metaller, Blueser, aber alle tra¬ 
fen sich in derselben Disco, die in der Regel der Saal einer Knei¬ 
pe war. Warum? Weil das meist die einzige Disco im Umkreis 
war. Natürlich gab es auch schon mal Schlägereien, vorwiegend 
zwischen Punks und Metallern, aber im Großen und Ganzen hat 
einen allein die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur 
schon zusammengeschweißt, weil man ja wusste, man ist anders 
als die anderen. Das ist,auch das Interessante gewesen, dass es eine 
gewisse Achtung der anderen gab, wenn beispielsweise HipHop- 
per oder Breakdancer eine Einlage gaben, bevor die Metal-Runde 
losging. Dann saß man da und dachte, Mensch, die sind ja eigent¬ 
lich wie ich, die versuchen auch irgendwie einen Ausweg aus der 
Scheiße zu finden, nur machen die es anders. 

Henryk Gericke: Angespannt. Eigentlich gab es nur die Hippie¬ 
fraktion, bei der es 30 Jahre lang keine Entwicklung gegeben hat¬ 
te und die über Jahre und wenigstens drei Generationen hinweg 
denselben Scheiß hörte und im selben Ornat herumlief. Die wa¬ 
ren genauso uniformiert wie später die Punks. Die Hippies fühl¬ 
ten sich in ihren Reflexen, Peace etc., massiv gestört. Am Ende 
waren sie von den Punks ebenso genervt wie die, von denen sie 
selbst ständig beargwöhnt und verfolgt wurden, nämlich den so 
genannten Staatsorganen. Das war zwar eine unausgesproche¬ 
ne Allianz, die aber in der gemeinsamen Ablehnung von Punk 
durchaus bestand. Die Skins wiederum wurden von der Stasi lan¬ 
ge zur vermeintlichen Befriedung der Punk-Szene benutzt. Kam 
es zu Auseinandersetzungen, wurden meistens die Punks „zu¬ 
geführt“, die Skins ließ man laufen. Sie waren in ihrem marti¬ 
alischen Äußeren dem Militärstaat DDR näher als die libertären 
Punks. 

Mike Göde: Sehr schlecht im Großen und Ganzen. Es gab ständig 
gewalttätige Auseinandersetzungen. Außer die Bullen überrasch¬ 
ten uns, dann war für alle klar, wer der Feind ist. 

Mike Wendt: Hier gilt ganz klar, zumindest bei uns in der Pro¬ 
vinz, man hat sich zusammengetan. Ob Punk, Metal, Skinhead 
oder andere, man hat sich getroffen und zusammen gefeiert. So 
sind wir zum Beispiel immer mit den Metallern aus Gera unter¬ 
wegs gewesen und auch zu Konzerten von Metal-Bands gefahren. 
Hauptsache, es war was los. Geändert hat sich das erst Ende der 
80er Jahre, als bei den Skins ein starker Rechtsruck zu verzeich¬ 
nen war und es dann auch zu Auseinandersetzungen kam. 

Hendrik Franke: Egal, ob das nun HC-Punk, Deutschpunk, 
Wave/Indie, Underground oder ein Metal-Konzert war, irgend¬ 
wie waren immer alle Subkulturen da, man kannte sich und kam 
bestens miteinander klar. Okay, bis auf die Nazi-Glatzen natür¬ 
lich! Mit Poppern wollten wir auch nix zu tun haben, aber das 
war ja auch keine Subkultur. 

Waren Punks in der DDR politisch? Wenn ja, wie? Im 
Westen war (und ist) Punk ja letztlich immer irgend¬ 
wie links. 

Jörg Löffler: Ich habe mich als unpolitisch gesehen. „Links“ oder 
„Rechts“ waren für mich abstrakte Begriffe. Ich wollte definitiv 
nicht links sein, denn links war ja die SED. Politik hatte den Beige¬ 
schmack „Staatspolitik“. Unbewusst war ich schon politisch. 

Arnim Bohla: Punk ist immer politisch, so auch in der ehemali¬ 
gen DDR. Diskussionen zum politischen System, zu dem, was uns 
störte beziehungsweise belastete, gehörten immer dazu. Für mich 
ist Punk auch generell eine linke Kultur/Subkultur. Das, was da 
aus einigen Bands und Fans wie zum Beispiel SKREWDRIVER ge¬ 
worden ist, hat mit dem Ursprung nichts zu tun. Auch Oi!-Punk, 
der unpolitisch oder gar rechtslastig ist, hat mit Punk in mei¬ 
nem Verständnis nichts zu tun. Auch wenn Punk für mich Tole¬ 
ranz, Offenheit bedeutet, muss in diese Richtung eine klare Ab¬ 
sage erfolgen. 

Carsten Hiller: Alle Punks, die ich damals traf, waren irgendwie 
politisch. Und die „Punks“, die später Naziskins wurden, waren 
eben rechtsextrem und rassistisch, wie wir leider manchmal erst 
spät bemerkten. Das politische Engagement der Einzelnen bestand 
bei den jungen Punks, wie ich einer war, eher im Zeigen einer 
politischen Überzeugung auf Jacken und durch das Outfit an sich, 
aus der Hilfeleistung bei Auseinandersetzungen und spontanem 
Provozieren der Staatsmacht. Ältere Punks hatten meist schon ein 
Leben begonnen, das fernab der sozialistischen Realität stattfand. 
Dazu gehörte das Besetzen von Wohnungen, die heruntergekom¬ 
men waren, das Produzieren von illegalen Flugblättern oder von 
Kassetten mit Punk- oder Alternativ-Bands, das Organisieren von 
Konzerten, Lesungen oder anderen künstlerischen Ereignissen 
sowie von Reisen zu anderen Punks in der DDR. Außerdem hat¬ 
ten einige Ausreiseanträge gestellt. Insgesamt würde ich schät¬ 
zen, dass zu meiner Zeit, also etwa ab 1987/88, Punk fast immer 
ein Bekenntnis zum Antifaschismus, Humanismus und für Tole¬ 
ranz war. Ob das nun links war oder ist, muss wohl jeder für sich 
selbst beantworten. Eine Ablehnung des DDR-Systems, wie es sich 
damals darstellte, war aber ebenfalls bei fast allen Punks, .die ich 
kannte, fest verankert. 

Andreas Kohl: Natürlich war Punk in der DDR politisch. Das ging 
ja gar nicht anders. Die DDR-Gesellschaft war in einem absoluten 
Höchstmaß politisiert und ideologisiert, viel, viel mehr als die 
Bundesrepublik. Das ist auch das, was zu vermitteln heute schwer 
fällt. Der Alltag war durchdrungen von Politik, wenn auch abso¬ 
lut einseitig und, ja, fast schon mythologisiert. Trotzdem muss¬ 



te eine irgendwie geartete Auflehnung sofort als politische Äu¬ 
ßerung wahrgenommen werden und zwar von jedem, den Ak¬ 
teuren wie auch den Außenstehenden. Und dessen war man sich 
bewusst. Wenn du dir heute eine Sicherheitsnadel ins Ohr haust, 
wirst du morgen beim Schuldirektor vorstellig werden müssen 
und er wird dir das als konterrevolutionäre Umtriebe auslegen. 
Das mag albern klingen, aber so war’s. Das war ja auch die einzig 
wirkliche Waffe, die sie gegen dich hatten ... dein politisches Be¬ 
wusstsein in Frage zu stellen, weil das allein deine Zugehörigkeit 
zur Gesellschaft als vollwertiges Mitglied definiert hat. Oder um 
es kürzer zu formulieren; wer nicht in jeder Hinsicht konform 
ist, der ist gegen das System und das System hat das Recht, ihn 
zu vernichten. Eine politische Richtung im klassischen Sinn lässt 
sich da eher weniger ausmachen, da das System ja von einem kru¬ 
den konservativen Sozialismuskonstrukt durchdrungen war, hat¬ 
te es Punk schwer, eine einheitliche politische Linie zu deklarie¬ 
ren, obwohl er es ja im eigentlichen Sinne nirgendwo je dazu ge¬ 
bracht hat. Selbst im Westen ist Punk auch leider nie mehr gewe¬ 
sen als eben „irgendwie“ links. Und das vor allem als Gegenent¬ 
wurf zum konservativen Politikverständnis des Alltags, also eben 
sogar mehr „irgendwie“ dagegen als „irgendwie“ links. Im Osten 
war er eben auch „irgendwie“ dagegen. 

Henryk Gericke: Die Politisierung und Radikalisierung setzte mit 
der beginnenden Verfolgung ein. Am Anfang brachen die Punks 
jeden Dialog mit der Macht einfach ab und scherten sich einen 
Dreck um Werte und Normen des DDR-Systems. Erst mit der Aus¬ 
differenzierung der Szene in Subszenen, ab 1983 vielleicht, gab es 
auch Punks, die sich zum Beispiel in Kirchen- und Bürgerrecht¬ 
lerkreisen engagierten. Ob bewusst politisch oder nicht, letztlich 
war Punk zu sein in der DDR immer ein Politikum. 


Mike Wendt: Von unserem Denken und Handeln her waren wir 
auf alle Fälle links. Unser Problem war nur der Staat, der war of¬ 
fiziell auch links. Wir vertraten linke Ansichten und waren in 
einem sozialistischen Staat Konterrevolutionäre. Richtig poli¬ 
tisch wurde ich erst 1989 und fuhr regelmäßig nach Leipzig. Mit 
Freunden haben wir Ende Oktober 89 in Hermsdorf auch die ers¬ 
te Demo organisiert. 

Volly Tanner: Punk war politisch, weil Leben politisch war. 
Punk war eindeutiges Statement, man stellte sich auf die Seite des 
schwierigeren Weges, sagte sozusagen: Euren Weg will ich nicht 
mitgehen! Schon allein dadurch war das politisch - heute ist ja 
Punk meist Pop, und Pop ist nun mal kein Aufruhr. 

Hendrik Franke: Punk in der Zone war automatisch politisch. 
Man musste sich einfach mit Politik auseinander setzen, um als 
Punk zu überleben. Punk war natürlich auch Saufen, Spaß und 
Musik, aber ich gehe so weit, zu sagen, dass Punk bei uns in ers¬ 
ter Linie Politik war - merkt man auch an vielen Texten von al¬ 
ten DDR-Bands. Später gab es ja dann auch das Punk-Nazi-Phäno- 
men. Eine sehr polarisierende Zeit! Irgendwie verschwammen für 
eine kurze Zeit ein wenig die Szenen. Punks wechselten ins Nazi- 
Lager, Faschos wurden Punks, das alles war ein Austesten, das al¬ 
les hing zusammen mit Freunden und wo die standen, es war ein 
reges Hin und Her. Jedenfalls kam man zu einem Punkt, an dem 
man Leute aus beiden Lagern kannte, das war schon komisch, 
rettete einem aber manchmal den Arsch! Hielt auch nicht lange 
an, die Zeit, dann waren die Lager gefunden und man ging dazu 
über, sich die Fresse zu polieren. Die Szenen wurden ernster und 
die Fronten verhärteten sich. Ich persönlich fand die Nazistruk¬ 
turen schon immer nur unansehnlich und sehr dumm. Und ich 
musste auch keine Test-Ausflüge ins rechte Lager unternehmen, 
um zu wissen, dass Scheiße braun ist und stinkt! 

Wie sah der Austausch in Sachen Punk aus? Hattest 
du oder deine Clique Kontakte in den Westen, in an¬ 
dere Städte der DDR, in die „Bruderstaaten“? 

Jörg Löffler: Ich hatte Kontakte nach Leipzig, Weimar, Karl-Marx- 
Stadt, Berlin, nach Westdeutschland und eine Zeit lang nach Un¬ 
garn. Innerhalb der DDR hat man sich besucht oder bei Veranstal¬ 
tungen getroffen. Mit Westdeutschen und Ungarn haben wir uns 
in Dresden, Berlin, Budapest oder in Tschechien getroffen. Au¬ 
ßerdem hatte ich Briefkontakt zu Punks in vielen Ländern. 

Arnim Bohla: Nein! Erst später, nach 1990, habe ich Kontakte 
nach West-Deutschland, Kolumbien, England, Norwegen und in 
die Türkei geknüpft. 



EIN FILM ÜBER PUNK IN DER DDR 


MICHAEL BOEHLKE 


TOO MUCH FUTURE/OSTPUNK 


Die Idee zu „too much future“, einem Dokumentarfilm über Punk in der DDR, ergab sich zwangsläufig. 
Zum einen waren wir Teil der DDR-Punk-Szene, zum anderen gab es bis dahin nichts Filmisches, was 
diese/unsere Geschichte auch nur annähernd authentisch erzählt hätte. 


Die eingängigen Werke zum Thema blieben uns nicht verborgen 
und hinterließen ihre Wirkung. So fanden wir in der Punk-Szene 
New Yorks ähnliche Verwirrungen und gebrochene Biografien, 
wie sie auch die subkulturelle Szene Ost-Berlins Ende der siebzi¬ 
ger Jahre zu bieten hatte. 

Aber in allen Filmen und Büchern zum Thema Punk in Ameri¬ 
ka und England, wie auch Westdeutschlands, bleibt die Geschich¬ 
te von Punk in Ostdeutschland unbeleuchtet und somit Subkultur. 
Diesen Mangel nahmen wir persönlich. Auf die allgemein deut¬ 
sche Unwissenheit zum Thema Punk in der DDR wollten wir rea¬ 
gieren. Daraus resultierte nun ein Tatendrang, dessen Ursache ei¬ 
ner nicht geringen Verzweiflung über dieses scheinbare Desinte¬ 
resse entsprang. Neben anderen Veröffentlichungen, gab es 2005 
in Berlin eine umfangreiche Ausstellung und nun den Film „too 
much future/ostPUNK!“. 

Punk im Osten war so vielfältig wie Punk im Westen. Die Anfän¬ 
ge waren ein Experiment und spannend. Einige Geschichten, die 
während unserer Recherchen zu Tage traten, waren unfassbar. Sie 
gaben uns Grund, tiefer nachzuforschen, und dieses unterbelich¬ 
tete Kapitel ostdeutscher Geschichte ins Licht der Öffentlichkeit 
zu bringen. Punk im Osten war das Kind einer Mangelgesellschaft 
und lehnte sich auf gegen eine „Diktatur der Vereinheitlichung“. 
Er war Ausdruck jugendlichen Leicht- und Frohsinns, unterstützt 
durch den Mut zum Dilettantismus. Es existierte kein kultureller 
Gegenentwurf, sondern ein lustvolles Dagegensein. Aber der so¬ 
zialistische Staat kannte keinen Spaß und drangsalierte und ver¬ 
folgte die Punks, sperrte sie erst aus und dann nicht selten ein. 

Die Punk-Geschichte der DDR ist deshalb einmalig, weil der Staat 
und sein verlängerter Arm, das Ministerium für Staatssicherheit, 
unverhältnismäßig und massiv gegen diesen Ausbruchsversuch 
vorgingen. Daraus resultieren die unterschiedlichsten Biografi¬ 


en, sie sind voller dramatischer Wendungen und es gibt in ih¬ 
nen die unglaublichsten Vorfälle. Auf der Suche nach geeigneten 
Protagonisten für unseren Film, haben wir im Vorfeld mit vie¬ 
len Ex- und Noch-Punks gesprochen. Auf einige wenige mussten 
wir uns schließlich konzentrieren. Maximal vier sollten es wer¬ 
den, und diese sollten exemplarisch für die Szene und dennoch 
für sich selbst stehen. 

Am Ende haben wir zwei Frauen und vier Männer interviewt, 
weniger an geballter Aussagekraft zu zeigen war uns nicht mög¬ 
lich. Gelebt haben sie in Berlin, Leipzig und Dresden. Sie erzählen 
die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und zeigen Lebensläufe 
mit Brüchen, aber allen gemeinsam ist der Schnittpunkt Punk. 
Sie mussten sich mit der Freiheitsberaubung durch den Staat DDR 
auseinandersetzen. Diese erfuhren einige von ihnen nicht erst im 
Knast, sondern jeder von ihnen erfuhr sie durch die Mauer. Ge¬ 
meinsam ist ihnen, dass sie den Mut hatten, ihre Wut öffentlich 
zu machen. Sie hatten nicht vor, das System schleichend zu unter¬ 
wandern. Einige drückten sich in der Malerei aus oder gründeten 
Punkbands, andere wiederum realisierten Super-8-Filme. Nicht 
weniger interessant, und im Film zu sehen, ist, wo die Protago¬ 
nisten des Films heute stehen. Mit ihren Lebensentwürfen, Beru¬ 
fen, mit ihren politischen Meinungen und ihrem Punk. 

„too much future/ostPUNK!" ist der Versuch, dieses komple¬ 
xe Thema in 90 Minuten Film zu beleuchten. Dabei geht es uns 
nicht um Bildung, sondern dem Thema entsprechend um Vitali¬ 
tät und Unterhaltung. Der glückliche Umstand mit Neue Visionen 
einen engagierten Verleih gefunden zu haben, sorgt dafür, dass 
der Film im Spätsommer 2007 in den deutschen Kinos startet und 
endlich diesen Teil deutscher Subkultur erfahrbar macht, 
michael „pankow“ boehlke & Carsten Fiebeler 

myspace.com/toomuchfuture 


OX-FANZINE 119 






PUNK IN DER DDR 


Carsten Hiller: Meine Kontakte zu anderen Punks beschränkten 
sich auf Fürstenwalde und Umgebung, Berlin, Frankfurt/Oder 
und Potsdam. Freunde von mir hatten noch losen Kontakt nach 
Dresden. Zu Punks aus dem Ausland hatten wir keinen Kontakt. 

Andreas Kohl: Nein. Wir sind zwar immer fleißig nach Tschechi¬ 
en gefahren und haben uns dort eine gute Zeit gemacht und na¬ 
türlich auch Gleichgesinnte getroffen, aber das war nie mehr als 
eine lose Bekanntschaft, deren maximaler Effekt mal die Zusen¬ 
dung einer tschechischen Lizenzplatte war. 

Henryk Ger icke: Ich selbst hatte nur sporadisch Kontakt nach 
West-Berlin. Ich weiß aber, dass Mark E. Smith mit einer Frau aus 
der Szene bekannt war und sie auch in Ostberlin besuchte. Jello 
Biafra war von den Punks in der DDR beeindruckt. In Interviews 
ließ er immer mal die Ost-Punks grüßen. Kontakt gab es vor allem 
nach Polen zu DEZERTER, aber auch nach Ungarn, wo die Punk¬ 
bands ungleich professioneller, aber äußerlich weniger Punk wa¬ 
ren. Das hatte vor allem mit den lebensgefährlichen Auseinander¬ 
setzungen mit Zigeunern zu tun, die die Punks hassten und ziem¬ 
lich rabiat waren. Ich habe die panische Angst der ungarischen 
Punks vor Begegnungen mit Zigeunern 1983 selbst erlebt. 

Mike Göde: Kontakte in andere Städte der DDR und „Bruderstaa¬ 
ten“ waren sehr stark. Besonders aus dem Raum Sachsen hatten 
wir viele befreundete Bands und Punks. Anfang der 80er entstan¬ 
den auch enge Kontakte nach Westberlin. Leute aus dem Block¬ 
schock schickten regelmäßig Bands zu uns rüber, die bei uns in 
der Kirche spielten. Unter anderem THE REST, UPRIGHT CITI- 
ZENS, VKJ, DISASTER AREA. 

Mike Wendt: Ohne Austausch wäre gar nichts gegangen. Das fing 
schon bei der Musik an. Da gab es so eine Art Tauschbörse quer 
durch die DDR. So wurde per Brief ausgetauscht, wer was hat und 
wer was sucht. Das wurde dann auf Kassette kopiert und machte 
die Runde. Weiter haben wir so jeder Band aus dem Westen ge¬ 
schrieben, wenn wir an Adressen kamen, um Musik zu bekom¬ 
men. Der Aktionsraum unserer Clique lag eigentlich zwischen 
Jena, Eisenberg, Gera und Zeitz. Hier gab es regelmäßige Tref¬ 
fen oder Partys, bei denen dann auch die lokalen Bands wie SPER¬ 
MA COMBO aus Jena, Die DEUTSCHEN KINDER aus Eisenberg 
oder eben U.A.N. und UGLY HURONS aus Hermsdorf spielten. 
Solche Partys wurden per Mundpropaganda quer durchs Land be¬ 
kannt gemacht, so dass Leute aus der ganzen Republik anreisten. 
Die besten Partys gab es immer in Eisenberg bei den DEUTSCHEN 
KINDERN. Sie verfügten über eine riesige Garage als Proberaum, 
die mit Bar und kleiner Bühne ausgestattet war. 



von einer beschissenen Gruppe befreit, in die nächste beschis¬ 
sene Gruppe hinein. Deshalb hab ich mich meist aus solchen Zu¬ 
sammenhängen herausgehalten. Ich wollte schreiben und Krach 
machen. Und Ich sein, das geht aber nur, wenn ich nicht zulasse, 
dass dauernd andere meinen Weg bestimmen. Also ein selbstbe¬ 
stimmtes Leben - und Punk gab mir die Möglichkeit dazu. 

Hendrik Franke: Hatte in der DDR ein Mensch ein neues Tape 
oder LP, meistens von Oma aus dem Westen geschmuggelt, dann 
wurde die hundertfach kopiert und weitergegeben, bis die Qua¬ 
lität so was von räudig war, dass man kaum noch was drauf hör¬ 
te. Meistens war es so, dass DDR-weit alle das gleiche Tape hatten, 
auch mit den gleichen Aussetzern und Aufnahmefehlern. Aber es 
gab auch die andere Richtung. DDR-Bands ließen ihre Musik in 
den Westen schmuggeln und dort erschienen dann plötzlich LPs 
davon. L’ATTENTAT: „Made In GDR“ auf X-Mist oder die Split- 
LP von SCHLEIM-KEIM als SAUKERLE mit ZWITSCHERMASCHI¬ 
NE: „DDR von unten“ auf AGR - mittlerweile alles schwer ge¬ 
suchte Platten. Ein paar Bands produzierten zu Hause aufwändigst 
mit alten DDR-Kassettenrecordern eigene Tapes und verklopp¬ 
ten die dann auf Konzerten in Kirchen. Gab es zum Beispiel von 
SPERMACOMBO, DIE FANATISCHEN FRISÖRE, MÜLLSTATION, 
SCHLEIM-KEIM oder KALTFRONT. Der Ostblock spielte auch eine 
gewaltige Rolle. Punkbands gab es in jedem Ostblockland eini¬ 
ge, in Sachen Veröffentlichung hatten uns allerdings Länder wie 
die damalige Tschechoslowakei, Polen oder Ungarn einiges vor¬ 
aus. Somit fuhr man halt nach Prag, Budapest und kaufte ordent¬ 
lich ein. 


Volly Tanner: In den Westen gab es kaum Kontakte, mehr in 
Richtung Cottbus, Halle, Berlin - wie gesagt, ich wollte nicht 


Wie wichtig war Musik aus dem Westen, wie groß war 
die Rolle von eigenen Bands? 


PUNK WAR MEHR ALS EIN LIFESTYLE 

THOMAS BRUSSIG 

Der Name Thomas Brussig war mir bis vor einem Jahr gänzlich unbekannt, bis ich über eine Freundin auf 
sein Schauspiel „Heimsuchung“ (Verlag Volk und Welt, 2000) gestoßen bin. Das Stück spielt nach der 
Wende und handelt von drei Ex-Punks, die nach dem Versuch, sich an einem ehemals engen Freund für 
seine Spitzeltätigkeit für die Stasi zu rächen, in einer Kirche in Hessen vor der Polizei Zuflucht suchen. 
Das sehr unterhaltsame Stück brachte mich auf die Idee, mal nachzufragen, wie man darauf kommt, so 
etwas zu schreiben. Thomas Brussig (Jahrgang 1965) ist vor allem durch seine Drehbücher für „Sonnen¬ 
allee“ und „NVA“ bekannt geworden. Doch auch seine Romane wie „Helden wie wir“ (1995), „Am kürze¬ 
ren Ende der Sonnenallee“ (1999) oder „Wie es leuchtet“ (2004) erfreuen sich großer Beliebtheit. Wenn 
ihr dieses Heft in Händen haltet, wird sein Reportageroman „Die Berliner Orgie“, das seinen nachdenkli¬ 
chen Streifzug durch das Berliner Rotlichtmilieu beschreibt, in den Läden stehen. Mein Interesse im fol¬ 
genden Interview galt allerdings Thomas’ Bezug zu Punk und wie er ihn während seiner Jugend in Ost- 
Berlin erlebt hat. Nach einigen vergeblichen Anläufen erwischte ich ihn am Telefon und wurde das erste 
Mal in meinem Leben gefragt, ob ich aus Sachsen käme. Mein Dialekt klänge so. Was sagt man dazu? 
Nicht genug, dass man sich als Schwabe in Freiburg permanent hämische Kommentare anhören muss. 
Nein, die Freiburger verpassen einem auch noch einen sächsischen Akzent... 


Thomas, wie kommt man darauf, ein Stück zu schreiben, das 
von drei Ex-DDR-Punks handelt, die in einer Kirche in Hessen 
Zuflucht vor der Polizei suchen? 

Die Handlung geht zurück auf ein Filmprojekt mit meinem ehe¬ 
maligen Schulkameraden Bernd-Michael Lade, für das ich das 
Drehbuch verfasst habe. Der Film heißt „Rache“ und hat eine 
ganz ähnliche Handlung wie „Heimsuchung“. Lade ist Schauspie¬ 
ler und spielt heute zum Beispiel im Dresdner „Tatort“ den Kom¬ 
missar Kain. Wir haben uns auf der Filmhochschule wieder ge¬ 
troffen, wo ich damals Dramaturgie studiert habe und er Regie. 
Lade war zu DDR-Zeiten Punkrocker. Er spielte in der Band CA- 
DAVRE EXQUISE und brachte es 1989 mal auf Platz zwei der DDR- 
Hitparade. 

Warst du auch Punk? 

Nee. Aber in der zweiten Hälfte der 80er war ich oft auf Punk- 
Konzerten. Das war eine unglaublich interessante Szene. Vom Sel- 
ber-Punksein haben mich aber die Konsequenzen abgeschreckt. 
Ich war zwar wütend und war gegen das System, aber Punk stand 
für die Totalverweigerung. Ich bin eher ein konsensbedürftiger 
Mensch, leider, und ein Zuhause mit fließend Warmwasser ist mir 
wichtig, haha. Mir hat bei Punk das ungeschützte Rausschreien 
dieser Wut imponiert, die ich ja auch in mir gespürt habe. Das hat 
mir unheimlich imponiert. Bands wie HERBST IN PEKING, ICH- 
FUNKTION, SANDOW, HARDPOP, DIE FIRMA, FEELING B, DIE 
ANDEREN oder DIVISION höre ich bis heute. Wobei die nicht im 
engeren Sinne Punkbands waren. Die wurden etwas hilflos als 
„die anderen Bands“ bezeichnet. Die konnten mehr als die be¬ 
rühmten drei Akkorde und machten nicht nur diesen typischen, 
monomanischen Punk-Sound. HERBST IN PEKING spielten bei¬ 
spielsweise mit einer Mandoline. Das waren alles Bands, die we¬ 
nig hatten und viel wollten. Darin lag die Schnittmenge mit dem 
Punk. Die „anderen Bands" fanden sich dann aber in völlig ver¬ 
schiedene Sounds und Spielweisen wieder. Ich glaube, die meis¬ 
ten Bands hatten auch keine Vorbilder, sondern waren auf der Su¬ 


che. Es begann irgendwie mit Punk, strebte dann aber weg, zu et¬ 
was Eigenem. 

Wie hat die Kirche in der DDR, die ja auch ein eher gespann¬ 
tes Verhältnis zum SED-Regime hatte, die Punks gesehen? Hat¬ 
ten die Pfarrer Verständnis dafür, wenn sich Jugendliche gegen 
den Staat aufgelehnt haben? 

Die Punks waren eine „erniedrigte“ Gruppe und damit ein Fall 
für die Kirche. Es gab Pfarrer, die damit konnten, und andere, die 
damit gar nichts zu tun haben wollten. Punk war zunächst apo¬ 
litisch. Die haben ja nur gesagt: „Mit diesem Land können wir 
nichts anfangen.“ Das ist aber in einem System, das jeden haben 
will, hintenrum wieder eine extrem politische Haltung. 

Was hat die Staatsobrigkeit zu den Bunthaarigen in Lederjacke 
gesagt? Wurde das überhaupt öffentlich thematisiert? 

Kaum. Vielleicht auch, weil da was war, was die Obrigkeit über¬ 
haupt nicht kapiert hat. Die Reaktion der Staatsobrigkeit auf die 
Punks war sehr von der Situation vor Ort und von der Einstel¬ 
lung der Polizisten vor Ort bestimmt. Dann wiederum gab es aber 
Radiosendungen, in denen Punk gespielt wurde. Ich würde da 
durchaus von einem Desinteresse des Staates sprechen, von einer 
Unlust, sich systematisch nun auch noch um diese Problemgrup¬ 
pe zu kümmern. Das werden Punks natürlich anders sehen. Als 
Punk warst du in gewisser Weise vogelfrei. Du konntest nicht da¬ 
mit rechnen, dass sich irgendjemand für dich einsetzt, wenn du 
als Punk Dresche kriegst. 

Ich habe neulich eine Dokumentation gesehen, in der es um 
einen Überfall von Nazi-Skinheads auf die Zionskirche in Ost- 
Berlin während eines Punk-Konzerts 1987 ging. Fanden Kon¬ 
zerte in Kirchen häufiger statt oder war das eine Ausnahme? 

Punkbands haben oft in den Kirchen gespielt. Ich musste aber 
nicht in die Kirche gehen, um die Bands zu sehen. Es gab zwar 
Auftrittsverbote, zum Beispiel für HERBST IN PEKING, aber die 
DDR-Staatsführung hat in den 80ern schon angefangen zu schwä¬ 
chein, weshalb sich die Verbote in Grenzen hielten. Die konn¬ 


Jörg Löffler: Musik aus dem Westen war sehr wichtig. DDR-Punk 
fand ich größtenteils sehr mies, was sicher auch an den techni¬ 
schen Möglichkeiten lag. Ich wollte nie klingen wie die anderen 
DDR-Punkbands. 

Arnim Bohla: Die ersten Jahre waren ausschließlich von engli¬ 
schen und amerikanischen Bands geprägt. Ab 1983 wurde auch 
der eine oder andere deutsche Song im Radio gespielt. 1985, wäh¬ 
rend einer Reise nach Bulgarien, hörte ich das erste Mal die TO¬ 
TEN HOSEN und verfolgte die Band dann auch konsequent wei¬ 
ter. 

Carsten Hiller: Musik aus dem Westen war mein Einstieg in das 
Thema Punk und bestimmte meine Hörgewohnheiten etwa bis 
Ende 1988. Ab 1989 kamen die ostdeutschen, so genannten „an¬ 
deren Bands“ gleichberechtigt dazu. Dies hatte wesentlich da¬ 
mit zu tun, dass in Fürstenwalde der Club im Park von einem 
„alternativen“ Clubleiter namens Frank G. übernommen wurde 
und wir ab diesem Zeitpunkt in unserer Provinzstadt einen La¬ 
den hatten, der DDR-weit bekannt wurde für seinen Konzerte und 
Kunstveranstaltungen. Bei diesen Veranstaltungen und Konzerten 
konnten wir so ziemlich die gesamte „Elite“ der DDR-Alternativ- 
bewegung live erleben. 

Andreas Kohl: Die Qualität einheimischer Bands habe ich erst 
sehr spät schätzen gelernt. Ich hatte immer eine tiefe Skepsis vor 
Musik made in GDR, die oft hundsmiserabel war, weil eben auch 
die Probensituation schlecht war. Und wenn sie professionell ge¬ 
spielt war, hatte sie den Touch von Anbiederung, weil man Musik 
eben nur dann vernünftig betreiben konnte, wenn man staatliche 
Vorgaben erfüllte und sich einstufen ließ. So eine Einstufung be¬ 
inhaltete dann auch eine andauernde Kontrolle. Das hieß also im 
Umkehrschluss: eine Band, die ganz offiziell irgendwo auftritt 
beziehungsweise auftreten darf, hat in irgendeiner Form mit dem 
System einen Deal gemacht und dann war sie eben für mich nicht 
mehr ehrlich. Dass das sehr kurz gedacht war, hab ich dann Ende 
der 80er langsam begriffen, als ich die so genannten „neuen“ 
oder „anderen“ Bands wie SKEPTIKER, SANDOW oder FREUN¬ 
DE DER ITALIENISCHEN OPER kennen gelernt habe und feststel¬ 
len konnte, wie intelligent subversiv die waren. Und zwar so, dass 
die Obrigkeit gar nicht mitbekommen hat, wie subtil sie Botschaf¬ 
ten beispielsweise verstecken konnten. Und außerdem waren wir 
mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo die Staatsmacht 
sich beim Künstler anbiedern musste, um den Kontakt zur Jugend 
nicht gänzlich zu verlieren. Dann bekam das eine ganz neue Wer¬ 
tigkeit und mit der Wende hab ich dann im Nachhinein mitbe¬ 
kommen, dass da doch eine ganze Menge passiert war. 

Henryk Gericke: Interessanterweise war zunächst gar nicht so 
sehr die Musik aus dem Westen Deutschlands oder Berlins Wich¬ 



ten da selbst mit der Stasi-Unterwanderung der Musikerszene ein¬ 
fach nicht mehr jeden Brand löschen. Dieses Konzert 1987 in der 
Zionskirche, bei dem übrigens ELEMENT OF CRIME, also eine 
Westberliner Band spielte, war ein einschneidendes Ereignis, ein 
unglaublicher Skandal: Nazis in der DDR! Ich habe damals direkt 
neben der Zionskirche gewohnt und war auch als Zuschauer beim 
Prozess gegen die beteiligten Skinheads, aus reinem Privatinteres¬ 
se. Der Verhandlungsraum war rappelvoll. 

Wogegen richtete sich die Wut der Punks im Osten? Würdest 
du sagen, dass es Unterschiede zu den Punks in der BRD gab? 

Punk war letztlich ein Westimport. Die Slogans waren dieselben. 
Ganz anders waren die politischen Umstände. Die Punks im Osten 
zeigten einem Staat, der für sich beanspruchte, für alle*da zu sein, 
die kalte Schulter. Das brachte Probleme. Ein richtiger Punk kam 
überhaupt nicht ins Ausland, nicht mal mehr in den Ostblock. Ich 
glaube, dass Punk im Westen doch eher ein Lifestyle war, denn 
dem Staat Bundesrepublik ist es doch völlig egal, ob jemand Punk 
ist oder nicht. Und natürlich haben sich die Ost-Punks auch nicht 
gegen Konsumterror auflehnen können, wenn es nichts zu kaufen 
gab. Es war eine Auflehnung gegen die permanente Kontrolle, ge¬ 
gen das ungefragt Eingetaktetwerden, gegen den roten Einheits¬ 
brei und gegen den schier übermächtigen Konsens, der den gan¬ 
zen Laden namens DDR lange zusammenhielt. 

„Heimsuchung“ ist derzeit - wenn überhaupt - nur gebraucht 
zu bekommen. Wird es eine Neuauflage geben? 

Wohl eher nicht. Wer will schon Theaterstücke lesen? Allerdings 
habe ich das auch in Deutschland für Aufführungen vorerst ge¬ 
sperrt, weil das Stück zunächst in diese Ost-West-Problematik- 
Schublade geschoben wurde. Die ganzen Rätsel, die in dem Stück 
stecken, sind da völlig untergegangen. Ich muss einfach auf den 
Tag warten, an dem nicht gleich ein Ost-West-Tendenzstück ge¬ 
wittert wird, wenn auf der Bühne mal drei Ostler in einer Kirche 
im Westen Zuflucht suchen. 

Hannes Baral thomasbrussig.de 


OX-FANZINE 120 




PUNK IN DER DDR 


tig, sondern Bands wie die SEX PISTOLS oder STRANGLERS, von 
den CLASH oder U.K. SUBS ganz zu schweigen. Ich glaube, erst 
mit der Gründung eigener Bands wuchs das Interesse an deutsch¬ 
sprachigem Punk, nicht aber unbedingt an Deutschpunk. Also 
eher an den NEUBAUTEN, ABWÄRTS, MALARIA, DER MODER¬ 
NE MANN und so weiter, und nicht so sehr an der Prollpunk-Va- 
riante. Wobei das in anderen Regionen auch genau umgekehrt ge¬ 
wesen sein kann. Die Konzerte eigener Bands wie PLANLOS oder 
WUTANFALL waren immens wichtig für das eigene Selbstver¬ 
ständnis und fürs Selbstbewusstsein. Man fühlte sich nicht mehr 
gejagt, sondern als Herr der Lage. Außerdem waren diese Kon¬ 
zerte auch immer riskant. Oft drang man gar nicht bis zur Kirche 
oder dem entsprechenden Atelier durch, denn die Bullen fingen 
einen nicht selten vorher ab. Dann verbrachte man die Nacht auf 
einem toten Revier, statt dort, wo die Kumpels hüpften. Das war 
bitter. Andererseits war es auch immer durch ein aggressives Ele¬ 
ment im Umgang miteinander gefährlich. 

Mike Göde: Musik aus dem Westen spielte nicht so vordergrün¬ 
dig eine Rolle, jede Band, die es verstand, guten Punk zu machen 
mit extremen Texten, wurde abgefeiert. Natürlich bleiben Samp¬ 
ler wie „Soundtrack zum Untergang“ und noch viele andere Sa¬ 
chen unvergessen. 

Mike Wendt: Ganz klar, Musik aus dem Westen war wichtig. Ne¬ 
ben den frühen Punkrock-Klassikern, spielten vor allem Bands 
wie SLIME, RAZZIA, DAILY TERROR oder BOSKOPS eine Rolle. 
ÄRZTE und TOTEN HOSEN wurden gern gehört und ich persön¬ 
lich fand viele Sachen vom Weser-Label wie MIMMI’S, SUUR- 
BIERS und GOLDENE ZITRONEN toll. Das hat dann auch unse¬ 
re Band beeinflusst. Die Bands bei uns waren aber auch extrem 
wichtig. Zum einen setzten sie sich ja vor allem auf textlicher Ebe¬ 
ne mit den Dingen auseinander, die uns beschäftigten, und zum 
anderen waren das die Bands, die wir live erleben konnten. Die 
eigenen Bands waren das „wahre Leben“, die West-Bands waren 
die „unerreichbaren Stars“. 

Volly Tanner: Musik war nicht so wichtig, Hauptsache, es war 
laut und schräg - dann war das in Ordnung. Der Westen war ein¬ 
fach kein Thema. Ich hörte die Bands die mir gefielen, SKEPTI¬ 
KER, ART und SK und was so gerade herum wuselte. Aber eigent¬ 
lich ging es mir immer mehr um mein eigenes Ding: EINZEL¬ 
HAFT, der Name war wirklich Programm — im Nachhinein gese¬ 
hen! Bands waren für mich auch keine Kommunikationspunkte, 
das waren doch auch keine anderen Leute, als die, die sich jeden 
Tag in den Drei Linden besoffen. 

Hendrik Franke: Ich glaube auch, dass der größte Unterschied 
zwischen Ost- und West-Punk und zwischen Ost- und West- 
Punks war, dass man im Westen rausschreien konnte, was einem 
nicht gefiel, im Osten ging das nicht ohne Auftrittsverbot und 
Knast, hier musste man verpacken, man musste zwischen den 
Zeilen lesen können. Auch das macht für mich den Ost-Punk et¬ 
was reizvoller. Außerdem lief das ganze Punksein im Osten doch 
etwas anders ab. Diffiziler, weniger uniformiert, weil es einfach 
an der szenetypischen Punk-Uniform, Nieten, Lederjacken, But¬ 
tons und so weiter, haperte. Und die Szene war meiner Meinung 
nach politischer und ernster, es gab weniger Sauf-Punks bei uns. 
Konntest ja auch nicht an der Ecke stehen und saufen, ohne gleich 
in den Bau zu wandern ... Das heißt aber nicht, dass ich alles aus 
dem Westen Scheiße fand, ich hatte Unmengen von „Feindes- 
Punk“-Tapes und fand die auch geil, kannte auch Leute aus Han¬ 
nover und Hamburg. Nur aus dem Herzen sprachen mir der Zoni- 
Punk und die Zoni-Combos. 

Steffen Schölzel: Meine Oma hat mir meine erste SEX PISTOLS- 
Platte aus dem goldenen Westen mitgebracht. Ansonsten brach¬ 
te immer mal jemand Kassettenaufnahmen mit. In Ungarn gab 
es offiziell Punkplatten und T-Shirts für viel Geld zu kaufen. Dort 
sind auch Platten erschienen. So hatte zum Beispiel fast jeder Ost- 
Puhk den „Backstagepass-Sampler“ und die EXPLOITED-LP „Live 
On Stage“ made in Ungarn. Die meiste Musik haben wir aus dem 
„Westradio“ aufgenommen. Der Westen war auf jeden Fall der 
musikalische Maßstab. Es wurden eigentlich alle Trends nachge¬ 


ahmt. Die eigenen „großen Bands“ des Ost-Rock haben wir ver¬ 
achtet. Ich kann den Mist bis heute nicht hören. 

Welche Bands gab es in eurer Gegend, wie hat man 
sich ausgetauscht, wie von Konzerten, Partys etc. er¬ 
fahren? 

Jörg Löffler: Bis 1985 waren mir in Dresden PARANOIA, SUIZID 
und Kurzeitprojekte wie LETZTE DIAGNOSE bekannt. Wie wir 
uns ausgetauscht haben ...? Wir haben uns fast jeden Tag gesehen. 
Etwa ab 1986 lockerte sich die Situation etwas auf. Es entstanden 
recht viele mehr oder weniger punkähnliche Bands. 

Arnim Bohla: Keine Bands! Wenig Konzerte, lag sicher auch dar¬ 
an, dass ich seit 1982 verheiratet war und zwei Kinder zu versor¬ 
gen hatte. Punk-Konzerte waren dabei nicht so hilfreich. Aber ei¬ 
niges wurde auch mitgenommen, zum Beispiel Attila, die NEW¬ 
TON NEUROTICS und einige Ost-Bands: DIE VISION, FEELING 
B, DIE ANDEREN ... 

Carsten Hiller: Parallel dazu kamen auch meine alten Schulfreun¬ 
de in den Jahren 1986/87 mit Punk und New Wave in Berüh¬ 
rung, was darin gipfelte, dass sich einer einen Iro schneiden ließ, 
viel Musik von NICK CAVE AND THE BAD SEEDS, PHILIP BOA 



AND THE VOODOOCLUB sowie SLIME und HANS-A-PLAST mit¬ 
brachte und nur noch vereinzelt zur Lehre ging. Als Folge dieser 
Entwicklungen kam es in der Freizeit zu einem regen Musikaus¬ 
tausch und Reiseverkehr zwischen Fürstenwalde und Frankfurt/ 
Oder, bei der sich beide Seiten kennen lernten und befruchte¬ 
ten. Durch diesen regen Austausch lernte ich alternative Künst¬ 
ler und Punks aus Frankfurt kennen sowie die Lust an Live-Musik 
— in Frankfurt/Oder fanden damals öfter kleinere Konzerte von 
„alternativen“ Bands statt. Dann wurde durch den Club im Park 
plötzlich unsere Stadt, Fürstenwalde, zu einem begehrten Reise¬ 
ziel für allerlei alternative Leute und Punks aus Berlin, Frankfurt/ 
Oder, Potsdam, Straußberg und anderen Gegenden des damaligen 
Bezirkes Frankfurt/Oder und unsere Stellung innerhalb der Sze¬ 
ne wurde sehr viel bedeutender. Jetzt fuhren die Leute zu uns und 
wir nicht mehr woanders hin! Fast jede Woche gab es nun auf¬ 
regendes in Form von Konzerten, Lesungen, Ausstellungen und 
vieles mehr. Meine Freunde und ich traten sofort in den Club¬ 
rat ein, bestimmten den Alltag stark mit und hatten nun endlich 


einen Raum, in dem wir das Sagen hatten und nicht irgendwel¬ 
che FDJ-Funktionäre, alte Systemkunstfreunde oder Kraftsportler 
und Schläger mit rechten Einstellungen. Dies machte uns immer 
selbstbewusster, wir wurden mehr und befreiten uns aus der Op¬ 
ferrolle. Jetzt bestimmten wir, wer in den Laden kam, machten 
den Einlass und hauten Störenfrieden und Nazis aufs Maul oder 
stellten sie bloß. Höhepunkt war 1989 sicher ein vom Club im 
Park organisiertes Open Air mit den damals angesagtesten Bands 
unserer Szene, DIE ANDEREN, DIE ART und DIE SKEPTIKER auf 
der Fürstenwalder Freilichtbühne, zu dem mehr als 800 „bun¬ 
te“ Leute kamen. Durch die Vielfalt der im Club durchgeführten 
Veranstaltungen wurde das Haus aber nie zu einem reinen Punk- 
Treffpunkt, sonder eher zu einem Zentrum für all jene Kunst und 
Musik, die die DDR kritisch hinterfragte und vom System wohl 
so nicht gewollt war. 

Andreas Kohl: Das, was ich in unserer Gegend mitbekommen 
habe, waren ein paar drittklassige Schülerbands, leider nicht 
mehr. Vielleicht war da was, aber dann ist es an mir vorbei ge¬ 
gangen. In Leipzig gab es einige coole Bands, die ich aber erst spä¬ 
ter entdeckt habe. 

Henryk Gericke: Ich bin von 79 bis ’84 unterwegs gewesen. Da 
gab es in Berlin die legendären PLANLOS, aber auch NAMEN¬ 
LOS, die ein trauriges Exempel für die „Zersetzungsstrategien“ 
der Staatssicherheit waren. Es gab aber auch UNERWÜNSCHT, 


SKUNKS, SENDESCHLUSS, mit denen ich meist unterwegs war, 
ROSA BETON, BANDSALAT, ROSA EXTRA und andere mehr. Ich 
selbst war Sänger einer Band namens THE LEISTUNGSLEICHEN. 
Von Konzerten und Partys erfuhr man sozusagen durch die „Stil¬ 
le Post“, wobei man mitunter bei einer Adresse landete, wo nie¬ 
mand etwas von einer Party wusste. Der „Kult“-Urpark im Plän- 
terwald war so was wie die Terminbörse der Punks, das war die 
Central Station des DDR-Punk quer durch alle Provinzen. 

Mike Göde: In Ost-Berlin gab es sehr viele Bands: unter anderem 
PLANLOS, NAMENLOS, ROSA BETON. Konzerte waren meist län¬ 
ger geplant, genau wie Partys, weil Telefon in unseren Kreisen 
nicht vorhanden war. Vieles machten wir schon damals über Fly¬ 
er und Mundpropaganda. 

Volly Tanner: Na ja, in Großräschen waren wir die Einzigen. 
Dann gab es noch eine Band, die DURAN DURAN nachspielten, 
in deren Raum wir probten, und dann ging es natürlich zu den 
einschlägigen Konzerten - aber Musik war halt nicht wirklich 
das, was Punk für mich ausmachte. 

Hendrik Franke: Ein Abenteuer war es, von Partys oder Konzer¬ 
ten zu erfahren. Die fanden irgendwo in der Republik statt, Open 
Air an der Ostsee, in einer kleinen Wohnung in Dresden, in ei¬ 


nem besetzten Haus in Chemnitz, Berlin, Leipzig ... egal, man 
war da. 

Steffen Schölzel: Im Nachbarort gab es SCHLEIM-KEIM, welche 
wir Jungs von BRECHREIZ 08/15 regelmäßig im Proberaum be¬ 
sucht haben. Dort haben wir dann das eine oder andere Bier zu¬ 
sammen vernichtet und nicht selten auch zusammen Musik ge¬ 
macht. Heute sind Klaus und ich der Überrest aus dem Osten von 
SCHLEIM-KEIM und BRECHREIZ 08/15 und spielen jetzt gemein¬ 
sam in der Band KOLLEKTIVER BRECHREIZ. Von Konzerten er¬ 
fuhr man nur über Mund-zu-Mund-Propaganda. Das hat natür¬ 
lich nicht immer geklappt. Einmal sollten wir einen Auftritt ge¬ 
meinsam mit SCHLEIM-KEIM haben, aber als wir ankamen, war 
das Konzert schon vorbei, man hatte uns den falschen Tag mitge¬ 
teilt. Man musste ständig vor der Stasi Haken schlagen. In mei¬ 
nem Zimmer fanden regelmäßig Bandproben statt, bei denen 
manchmal bis zu 20 Personen anwesend waren. Meist endete 
das in wüsten Besäufnissen. Wir nannten das „Umtrunk mit Mu¬ 
sik“. 1988 hatten wir - BRECHREIZ 08/15 - unser einziges gro¬ 
ßes Konzert. Es fand in einem Dorf statt, wo es keinen „Dorfbul¬ 
len“ gab, und war als Abifete getarnt und offiziell bei der Polizei 
angemeldet. Es waren über 100 Leute dort und wir mussten unser 
Programm mehrfach spielen, weil wir nicht genug Lieder hatten. 
Zum Schluss fanden einige Pogotänzer eine DDR- und eine Ar¬ 
beiterfahne und tanzten damit den Kommunistenpogo. Wir wur¬ 
den nicht erwischt. 

Gab es Fanzines oder (Kassetten-)Labels? 

Jörg Löffler: In Dresden nicht. Zumindest in den frühen 80ern. 
Ab 1986 war inoffiziell einiges mehr möglich. 

Arnim Bohla: Kassetten gab es ab circa 1987, die man bei den 
Bands oder über das DT64-„Parocktikum“ bestellen konnte. Mei¬ 
nes Wissens nach gab es keine Fanzines. 


Carsten Hiller: Fanzines oder Labels kannte ich nicht. In Frank¬ 
furt/Oder hatten aber die Leute um die Band PAPIERKRIEG eine 
illegale, kleine Druckerei und die Möglichkeit, Kassetten in sehr 
guter Qualität zu vervielfältigen. Im Zusammenspiel von hartem 
Punkrock - unter anderem ein SLIME-Coversong -, einem gu¬ 
ten Kassettencover sowie einem erstklassigen Button wurden PA¬ 
PIERKRIEG in der lokalen Szene so etwas wie Helden, auch weil 
alle Musiker zeitweise einen Iro hatten. Gespielt haben sie meines 
Wissens aber nicht besonders oft. 

Andreas Kohl: Nein, Fanzines gab es keine. Wie auch? Es gab ja 
keine Kopierer, und Druckereien standen unter staatlicher Kon¬ 
trolle. Kassetten-Labels gab es in dieser Form auch nicht, obwohl 
wir eine geradezu blühende Mixtape-Kultur hatten. Ich weiß 
nicht, wie viele Mixtapes ich für Kumpels und Freunde gemacht 
habe, meistens ganz aufwendig gestaltet mit Covers aus Zeitungs¬ 
collagen oder komplett selbst gemalt. Und dabei kostete eine Leer¬ 
kassette zwischen 22 und 30 Mark, je nach Qualität. Da sind gan¬ 
ze Taschengeldersparnisse draufgegangen. 

Henryk Gericke: Fanzines und Labels gab es erst in der zweiten 
Hälfte der 80er. Zu nennen wäre der Friedrichshainer Moaning 
Star, wobei da nicht nur Punks mitmischten und es auch weni¬ 
ger um Musik ging als um politische Umtriebe. Die Labels ent¬ 
standen eher im Umfeld der Experimental- und Avantgarde-Sze¬ 
ne, die sich aber wiederum auch aus der Punk-Szene rekrutierte. 
Das waren die Leute, die zu intelligent waren, um Punk zu blei¬ 
ben oder Skin zu werden, denn Skin im Osten zu sein, bedeute¬ 
te Fascho zu sein. Eine Kenntnis oder auch nur Ahnung vom Spi¬ 
rit of 69 gab es nicht. 

Mike Wendt: Fanzines gab es meines Wissens nicht. Kann sein, 
dass irgendwo mal was probiert wurde, aber da klemmte die Sa¬ 
che schon beim Vervielfältigen. Es gab kaum Kopierer oder ähn¬ 
liches. Labels gab es auch keine, außer unserer Amiga war da 
nichts. Einige Bands wie KG REST brachten über Umwege eine 
Platte im Westen raus. Die Bands nahmen meist unter abenteuerli¬ 
chen Bedingungen Kassetten auf, die dann untereinander kopiert 
oder auf Konzerten verkauft wurden. 

Volly Tanner: Klar gab es das - für mich zu dieser Zeit zwar nicht 
greifbar, aber im Nachhinein, da lernte ich recht viele Macher 
kennen, steht alles im Buch „Dunkle Rebellen - Die letzten ih¬ 
rer Art“, Edition 42. 

Hendrik Franke: Flyer gab es gar nicht, Fanzines kaum Ganz 
wichtig in diesem Kontext war „Reaktion Leipzig“. Unter diesem 
Namen wurden in und um L.E. Konzerte und Festivals organi¬ 
siert und auch so eine Art Fanzine - meist zu den Veranstaltun¬ 
gen - herausgegeben. War eine der wichtigsten Institutionen in 
Sachen Ost-Punk! 

Wie hast du die Wende erlebt? 

Arnim Bohla: Als eine sehr spannende Zeit. Veränderungen und 
bis zu einem gewissen Zeitpunkt auch die Hoffnung, dass ein Teil 
aus „unserer/meiner“ Welt mit in diese neue Zeit genommen 
wird. War wohl leider nicht der Fall. 

Carsten Hiller: Die Wende habe ich nicht als Befreiung erlebt, 
dafür ging es mir einfach zu gut. Als ich die Nachricht von der 


a) Die OPK-Pe.rson plant den Zusammenschluß Fleichsesirm+pn 

sonen zur Verfolgung gesetzwidriger Ziel! ®era I 213 Stcl 


zen* In polit* Hinsicht schätze ich ihn als polit* .n, 

und er besitzt dis typische Punk-Einstellung: 

000142 

»Hüll Bock» 

»Ho future» —- 

d% h« keine Lust auf gar nichta« keine Zukunft» ___ 


OX-FANZINE 121 











PUNK IN DER DDR 


Maueröffnung erhielt, war ich irgendwie nicht überrascht, es 
schien mir auf Grund der Entwicklungen der Monate davor nur 
die logische Konsequenz. Es dauerte dann auch ein paar Tage län¬ 
ger als bei anderen, bis ich mich ins „westliche Ausland“ nach 
Berlin-Kreuzberg wagte. Ich hatte weder Angst, dass die Grenzen 
wieder geschlossen werden, noch das Gefühl irgendwas zu ver¬ 
passen. Nach und nach fand ich die Wende aber immer besser, da 
es eine überaus aufregende Zeit war und diese mir Möglichkeiten 
bot, an die vorher nicht zu denken gewesen wäre. 

Andreas Kohl: Auf der Straße, in einem riesigen Demonstran¬ 
tenzug, so wie Tausende andere DDR-Bürger auch. Nichts wirk¬ 
lich Spektakuläres. Vom Begrüßungsgeld hab ich mir „Heavier 
Than Thou“ von SAINT VITUS gekauft, erstens, weil ich das Tape 
schon hatte, und das zweitens die einzige SST-Platte war, die ich 
im WOM in Berlin am 11. November 1989 finden konnte. Eine 
Initialzündung. 

Henryk Gericke: Ich bin bereits um 23 Uhr über die Bornhol- 
mer Brücke gegangen. Ich sah, wie die Leute die Grenzer küss¬ 
ten und sich quasi bedankten. Ich konnte nicht fassen, was ich 
erlebte, und war trotzdem fern von aller Euphorie, ganz im Ge¬ 
gensatz zu allen, die mich umgaben. Das war ein seltsames Ge¬ 
fühl. Ich erinnere mich noch, wie ich auf der Bornholmer Brü¬ 
cke in Gedanken immer nur zwei Worte auf die DDR-Funktionäre 
gemünzt wiederholte: „Diese Verbrecher, diese Verbrecher, die¬ 
se Verbrecher 

Mike Wendt: Nachdem ich mit Freunden in Leipzig zu den De¬ 
mos war, bin ich irgendwie dann doch regelrecht überrumpelt 
gewesen von der Wende. Ab November hatte sich dann auch der 
Ton verschärft in Leipzig, denn wir riefen nicht „Deutschland ei¬ 
nig Vaterland“ und mussten sogar rennen, um nicht vom Mob 
verprügelt zu werden. Wir wollten die DDR verändern und nicht 
das ganze Land abschaffen. Im Nachhinein gesehen ging es wohl 
nicht anders. 

Hendrik Franke: Mit der Wende kam auch das Drogenproblem. 
Ja, ich weiß, auch vorher gab es in der Zone Drogen - und keine 
schlechten! -, aber der Missbrauch startete nach der Wende. Nicht 
wenige Leute blieben auf der Strecke, landeten in der Psychiatrie 
oder haben sich gleich komplett vom Globus geschossen. Es gab 
aber auch positive Aspekte. Bands konnten sich bessere Instru¬ 
mente beschaffen, es gab plötzlich die Möglichkeit, Tonträger zu 
produzieren, es gab Rückkehrer - L’ATTENTAT spielten in L.E. - 
und man konnte die unterschiedlichsten Medien nutzen. Hausbe¬ 
setzungen wurden politisch. Vorher war eigentlich alles scheiße¬ 
gal, man zog halt in ein leer stehendes Haus oder eine leer stehen¬ 
de Wohnung und keine Socke interessierte sich dafür. Es gab so¬ 
gar so was wie ein Joint Venture auf Hausbesetzungsart. Händler 
aus dem Westen suchten Räume für ihre Waren und fragten in be¬ 
setzten Häusern an. War halt billiger. Dafür rückten sie dann mit 
Möbeln, Teppichen und so einem Kram rüber, was uns natürlich 
sehr gelegen kam. Jetzt war’s anders. Der Staat schickte die Staats¬ 
macht, westliche Investoren wollten Häuser, ehemalige Eigentü¬ 
mer schickten ihre Schlägertrupps - meist aus dem rechten Spek¬ 
trum rekrutiert - und so weiter. Mit der Ruhe war es vorbei! 

Steffen Schölzel: Zur Zeit der Wende war Punk nicht mehr an¬ 
gesagt, weil die Leute andere Sorgen hatten. Das Begrüßungsgeld 
musste abgeholt werden. Ich selbst war sehr überrascht und bin 
auch nicht gleich in den Westen gefahren, hatte niemals damit 
gerechnet. Ich bin auch kein Freund von demonstrierenden Men¬ 
schenmassen, die wie die Hammel in der Herde durch die Gegend 
laufen. Bei vielen von denen sah man noch den Fleck am Sakko, 
wo vorher noch das Parteiabzeichen war. 

Was hat die Wende für dich als Punk bedeutet? Hast 
du dadurch den Kontakt zur Punk-Szene verloren 
oder hat er sich intensiviert? 

Jörg Löffler: Als Teil der Dresdner Punk-Szene hatte ich mich 
schon vor der Wende nicht mehr gesehen. Kontakte zur westdeut¬ 
schen und internationalen Punk-Szene haben sich für mich inten¬ 
siviert. In den 90er Jahren habe ich in Dresden Konzerte auch mit 




Punk- und HC-Bands aus den alten Bundesländern und aus dem 
Ausland organisiert. 

Arnim Bohla: Erst mal waren andere Sachen wichtiger. Einen 
Job suchen und so weiter. Ich habe ab und zu eine Platte der al¬ 
ten Helden gekauft, wie zum Beispiel alles von CLASH, SH AM 
69, Patti Smith. Aber ansonsten lief nichts. Ab 1994 ist das wie¬ 
der intensiver geworden. Konzertbesuche, später ein eigenes La¬ 
bel und so weiter 

Carsten Hiller: Als Punk hatte die Wende für mich erst mal zur 
Folge, dass ich mir vom Begrüßungsgeld meine „Traumschuhe“ 
kaufen konnte. Ein Paar Doc Martens im „Yello Gelb “-Laden in 
Kreuzberg. Die Affinität zu Doc Martens-Schuhen hält übrigens 
bis heute an. In den ersten Monaten nach der Wende wurde mein 
Kontakt zur Punk-Szene immer inniger. Zum einen durch die 
neuen Freiheiten, die uns Locations und Orte besuchen ließen, an 
die früher nicht zu denken gewesen wäre, und zum anderen da¬ 
durch, dass ich mit drei Freunden eine Punkband gründete und 
mit dieser recht schnell, zumindest in der lokalen Punk-Szene, 
erfolgreich war. Wir nannten uns UNITED ATTENTÄTER - spä¬ 
ter passte der Name sogar richtig gut, denn in unserer Band spiel¬ 
ten ein Metaller, zwei Punks und ich als SHARP -, wir produzier¬ 
ten schon nach drei Monaten ein Demo und spielten viele Kon¬ 
zerte. Teilweise reisten uns Punks, Antifas, linke Metal-Fans und 
SHARPs oder Oi!-Skinheads sogar nach. Als wir unseren Stil Rich¬ 
tung Metal veränderten, ging der intensive Kontakt zur Punk-Sze- 
ne als Mitglied dieser verloren. Als Mitarbeiter und später auch 
Leiter des Club im Park habe ich aber bis heute noch gute Kontak¬ 
te zur lokalen Punk- und Oi!-Szene. Auch meine Tätigkeit als So¬ 
zialarbeiter und „Kulturmanager“ sowie mein heutiges musikali¬ 
sches Wirken lassen immer wieder Berührungspunkte zur Punk- 
Szene erscheinen. Nicht zuletzt treffe ich dabei auch immer wie¬ 
der alte Bekannte und ehemalige Mitstreiter. 

Andreas Kohl: Nun, ich war, wie gesagt, nie so richtig Mitglied 
der Punk-Szene, würde aber schon sagen, dass sich der Kontakt 
intensiviert hat. Vor allem nach der Wende sind für mich so vie¬ 
le Türen aufgegangen. Ich hab Fanzines gemacht, auch über Gara- 
ge-Punk, Konzerte veranstaltet. Ich meine, ich wäre heute wahr¬ 
scheinlich Physiklehrer, ohne Scheiß, wenn die Wende nicht ge¬ 
kommen wäre. Stattdessen hab ich ein Plattenlabel und das deut¬ 
sche Punk-Fanzine Nr. 1 stellt mir Fragen zur DDR-Punk-Szene. 
Da kann man schon von Intensivierung sprechen, oder? 

Mike Göde: Die Wende sah ich mit sehr gemischten Gefühlen. Ei¬ 
nerseits war ich froh, dass all meine Freunde und der große Teil 
Menschen frei waren, andererseits kotzte es mich an zu wissen, 
dass alle Spitzel und Ja-Sager jetzt die Fahne in eine andere Rich¬ 
tung halten konnten, ohne sich für ihre Taten zu verantworten. 
Den Kontakt zur Punk-Szene verlor ich nicht. Ich machte genug 
neue Bekanntschaften mit der Westberliner Szene und genoss es, 
mit meinen alten Freunden, die ich wieder sehen konnte, mich 
frei zu bewegen. 

Mike Wendt: Eigentlich war das Wendejahr das coolste, was es 
gab. Wir schwebten irgendwie im gesetzlosen Raum. Vom Staats¬ 
apparat fühlte sich keiner mehr zuständig oder traute sich nichts 
zu machen. Wir organisierten Konzerte mit Bands aus Ost und 


West. Ich konnte mit der eigenen Band auch endlich machen, was 
ich wollte, und öffentlich spielen. Ich lernte Leute wie Höhnie 
und Horst Bartel aus Hannover und Ralf Rexin aus Berlin kennen 
und ich traf all die, mit denen ich/wir nur im Briefkontakt stan¬ 
den. Was sich veränderte, waren die Leute, mit denen man zu¬ 
sammen war, alte Bekannte gingen in den Westen und neue ka¬ 
men hinzu. 

Steffen Schölzel: Zuerst habe ich den Kontakt zum Punk fast ver¬ 
loren, es gab ja auf einmal keine Punks mehr. Nachdem der erste 
Schock verdaut war, ging es dann aber richtig los. Ich fing neu an 
und gründete die Band KOLLEKTIVER BLUTSTURZ. Nun konnten 
wir sagen, was wir wollten, aber es hat niemanden mehr interes¬ 
siert. Mit einem Iro konntest du zu diesem Zeitpunkt keinen mehr 
schocken. Was mich seitdem an den Punks stört, ist der Konsum 
von Drogen. Das finde ich echt scheiße. Meiner Meinung nach hat 
das nichts mit Punk zu tun. Jetzt habe ich dank Internet Kontakt 
zu Punks auf der ganzen Welt. 

Worin siehst du die Unterschiede zwischen Punks in 
der DDR und denen in der BRD? 

Jörg Löffler: Die DDR-Punks hatten grundsätzlich andere gesell¬ 
schaftliche Rahmenbedingungen. Daraus entwickelte sich notge¬ 
drungen eine eigene Variante. Aber trotzdem haben sie sich viel 
von West-Punks abgeschaut. Punk kam aus England. Daran ha¬ 
ben sich die BRD-Punks orientiert und daran wieder die DDR- 
Punks. Ob es schwerer war, in der DDR Punk zu sein, kann ich 
nur vermuten. 

Carsten Hiller: Unterschiede zwischen Punks in der DDR und 
Punks in der BRD konnte ich kaum ausmachen. Vielleicht wa¬ 
ren einige „West-Punks“ zum Teil schon so kaputt, dass ich die 
Kraft des Punk bei ihnen nicht mehr feststellen konnte und eini¬ 
ge Punks aus der BRD schienen mir bürgerliche „Aussteiger auf 
Zeit“ zu sein, die Punk nur irgendwie cool fanden und eigentlich 
darauf warteten, in Papis Firma gutes Geld verdienen zu können 
- das waren aber die Ausnahmen. Außerdem glaube ich, dass vie¬ 
le Punks in der DDR Punk nicht als geschlossene Subkultur mit 
Dresscode betrachteten, sondern sich eher als alternative Lebens¬ 
künstler verstanden. Lebenskünstler, die sich, neben der sozialis¬ 
tischen Realität, eine eigene, möglichst bunte und vielfältige Welt 
schaffen wollten und zum Teil auch schafften. 

Andreas Kohl: Das ist eine schwierige Frage, weil ich die BRD- 
Punks der damaligen Zeit ja nie kennen gelernt habe. Ich denke 
aber, dass die Unterschiede nicht so groß gewesen sind. Die Art 
der Äußerung wird sich geähnelt haben, ebenso wie der Antrieb, 
das Exhibitionistische im Stil, das Ausbrechen und Zerstören von 
konservativen Strukturen, die Ideale, wenn es denn welche gege¬ 
ben hat - das wird sich geähnelt haben. Unterschiedlich waren 
sicher die ideologischen Unterfütterungen des Ganzen. Während 
Punk in der BRD zu allererst eine Kapitalismuskritik war, die sich 
gegen das Establishment und die damit verbundene Profitmaxi¬ 
mierung auf Kosten der Individualität gewendet hat, war es im 
Osten wohl eher eine ideologische Kritik mit dem Ziel, Individu¬ 
alität erst mal zu erreichen und nicht nur zu verteidigen. Im Os¬ 
ten ging es klar gegen totalitäre Strukturen und damit war Punk 
in der DDR vielleicht politisch offensichtlicher, weil die Zustände 
das so erzwungen haben. Das soll aber nicht heißen, dass Punk in 
der BRD weniger politisch war, vielleicht aber subversiver. 

Henryk Gericke: Punk in der DDR war, anders als Punk im Wes¬ 
ten, kein Ausdruck des Protests gegen Perspektivlosigkeit und so- * 
ziales Elend. Das Problem war eher, dass man sich wie zwangs¬ 
ernährt fühlte durch festgeschriebene Perspektiven, durch ei¬ 
nen Lebenslauf, der Abweichungen, und seien sie noch so gering, 
nicht vorsah. Mit 16 hattest du deine „Planstelle“ weg und wur¬ 
dest nach der kaum zu verhindernden NVA-Zeit bis zur Rente in 
die Mühlen des „sozialistischen Wettbewerbs“ entlassen. Deshalb 
haben wir unsere Ost-Punk-Ausstellung 2005 in Berlin auch „Too 
Much Future“ genannt, da „No Future“ in einem Staat, der sich 
auf einer Utopie, also auf eine ideale Zukunft gründete, eher einer 
Verlockung glich. Punk in der DDR war kein Protest gegen eine 
satte Konsumgesellschaft, es war der Protest gegen eine Mangel¬ 
gesellschaft. Dieser Mangel war nicht nur materieller Natur, weil 
es hinten und vorne an den so genannten Konsumgütern fehl¬ 
te. Dieser Mangel bestand vor allem in einer fundamentalen Un¬ 
terversorgung an elementarsten Freiheiten. Sich diese Freiheiten 
zu nehmen, war in der DDR eigentlich undenkbar und bis dahin 
in dieser Radikalität einmalig. Den Mangel an Pressefreiheit oder 
zum Beispiel Reisefreiheit konnte das nicht wettmachen. Aber 
man war zumindest in Grenzen frei. 

Mike Göde: Der Punk in der DDR hatte mehr den Charakter ei¬ 
nes Staatsfeindes, weil der Staat auch mit aller Macht verhindern 
wollte, dass es Subkulturen gibt. Es sollte keine Aussteiger geben. 

In der BRD hatte ich das Empfinden, Punk ist mehr etwas Gesell¬ 
schaftliches, Ausbruch aus dem Konsumzwang, aus dem spie߬ 
bürgerlichen Leben und aus dem genormten deutschen Dasein. 
Natürlich hatte auch die westdeutsche Szene eine politische Hal¬ 
tung. 

Mike Wendt: Hier kann ich nur für mich sprechen. Es kommt ja 
immer auf die Sichtweise und den Standpunkt an. Ich denke, man 
kann da nicht zwischen DDR und BRD unterscheiden, eher zwi¬ 
schen Stadt und Provinz. Als ich „Dorfpunks“ von Rocko Schamo- 
ni las, hab ich gedacht, das war ja fast wie bei uns damals. Ich fand 
im Westen das Klischee „Punk“ ausgeprägter. Das heißt, du bist 
erst wer, wenn du diese Klamotten trägst oder ein gewisses Be¬ 
nehmen an den Tag legst. War im Osten irgendwie nicht so. 

Musstest du nach der Wende von Spitzeln in deiner 
Umgebung erfahren? Wie bist du damit umgegan¬ 
gen? 

Jörg Löffler: Nicht in meiner unmittelbaren Umgebung, nicht aus 
der Punk-Szene. Ich habe von Leuten aus Leipzig, Berlin und Karl- 
Marx-Stadt gehört, bin aber bisher keinem von ihnen begegnet. 

Es gab in Dresden Spitzel in subkulturellen Künstlerkreisen, die 


übersichtsbogen zur operativen Personenkonl^olle—-- 

000175 

»Fan» 


Lfd. 

Nr. 

Name, Vorname 

PKZ 1 

Karteikarten erhalten 
Datum/Unterschrift 

1. 


4 17314 

0 8. Aprifm 

2. 


4 17318 j 

Sy srp i98 i 

3. 













1. Gründe für dos Einleiten 

Es besteht der Verdacht des Zusammenschlusses•zur Verfolgung 
gesetzwidriger Ziele nach § 218 StGB. Die Person^unterhält 
umfangreiche Verbindungen zur Punk-Hock-Grup^e^Sljhleimkein». 


Zielstellung der OPK 

- umfangreich* 

- inwieweit li 

- Aufklärung d< 
Sömmerda, mi 




hg der Person W. 

Trafbestände gern. §218 StGB vor 
harten Kerns der Heavy-Metal-Fans in 
dem Ziel der Zerschlagung und Zersetzung 


DANK AN STEFFEN SCHÖLZEL, DER UNS SEINE STASI-AKTE IN KOPIE ZUR VERFÜGUNG GESTELLT HAT. 
AUSSCHNITTE DIESER AKTE SIND ÜBER DIE SEITEN DIESES ARTIKELS VERTEILT. 


OX-FANZINE 122 

































PUNK IN DER DDR 


teilweise auch die Punk-Szene tangiert haben. Bei einigen wuss¬ 
te oder ahnte man es schon vorher. Also war ich nicht sehr ge¬ 
schockt. 

Arnim Bohla: Erfahren schon, war mir aber egal! Ich hatte weder 
Repressalien noch irgendwelche anderen Probleme deswegen. 
Dass der Staat oder besser jeder Staat seine „Informanten“ hat, ist 
doch wohl klar. Und ich sehe keinen großen Unterschied zu dem, 
was im Westen zum Beispiel mit der Punk-Datei lief. 

Carsten Hiller: Ich habe nach der Wende erfahren, dass der Lei¬ 
ter des Club im Park, Frank G., dem ich und die lokale Punk-, Al¬ 
ternativ- und Kunstszene soviel zu verdanken haben, von der Stasi 
beauftragt war, den Club in der oben beschriebene Art und Wei¬ 
se zu betreiben. Ob die Stasi sich das Ganze so vorgestellt hat, sei 
mal dahingestellt, und auch die Gründe für Franks Stasi-Tätig¬ 
keit sollen hier nicht erläutert werden. Fakt ist aber, dass er eini¬ 
gen Menschen übel mitgespielt hat, Freunde betrogen und belo¬ 
gen hat. Mir ist durch ihn allerdings nichts Nachteiliges passiert. 
Mein Verhältnis zu ihm, wurde nach seinem „Geständnis“ distan¬ 
zierter und heute sieht man sich vielleicht alle zwei Jahre mal, re¬ 
det über alte Zeiten und belässt es dabei. 

Andreas Kohl: Ich wusste schon zu DDR-Zeiten, wer Spitzel war. 
Irgendwie hatte ich das Glück, von Typen umgeben zu sein, die 
einfach zu dumm waren, so was unbemerkt zu machen. Die ha¬ 
ben sich einfach doof angestellt und man hat es gemerkt. Von 
daher gab es zumindest für mich kein böses Erwachen und ich 
musste mich zum Glück nie damit auseinandersetzen, wie ich da¬ 
mit umzugehen habe. Auch wenn ich mir darüber Gedanken ge¬ 
macht habe, ich wüsste nicht, wie ich reagiert hätte. Die, von de¬ 
nen ich es wusste, taten mir eher leid. Wohl aber auch deshalb, 
weil ich glücklicherweise nie miterleben musste, wie jemandem 
ernsthaft Schaden zugefügt wurde. 

Henryk Gericke: Ja. Wobei das andere Freunde noch viel stärker 
betraf und mich nicht so sehr, was meine Zeit in der Punk-Sze¬ 
ne, sondern eher meine Zeit in der Literatur-Underground-Sze- 
ne vom Prenzlauer Berg betraf. Wie soll man damit umgehen? 
Am Anfang habe ich noch versucht, den Dialog mit den Spitzeln 
zu pflegen, wenn ich sie sah. Irgendwann war klar, dass es keine 
echte Reflexion, kein wirkliches Eingeständnis des Verrats geben 
würde. Alles hatte irgendwie immer seine Gründe. War es nicht 
die verkorkste Kindheit, dann war es die Psyche, war es nicht die 
Psyche, dann war es die Intention, die eigenen Freunde vor der 
Stasi zu schützen oder ähnlicher Schwachsinn. Heute spreche ich, 
wenn ich einen von ihnen sehe, und höre nicht mehr zu. Ich will 
sie nicht mehr verstehen. 

Mike Göde: Beim Erhalt meiner Stasiakte lagen die Tatsachen ja 
auf dem Tisch, aber ich nehme es keinem übel. Da auch nicht je¬ 
der mental in der Lage war, dem Druck standzuhalten. Einige aus 
Angst resultierende Sachen sollte man Leuten verzeihen. Nur zu 
denjenigen, die von vornherein als Informanten arbeiteten, brach 
ich den Kontakt rigoros ab. 

Mike Wendt: Ich hab von einigen Leuten erfahren, dass sie für die 
Stasi gespitzelt haben, wo ich es nie gedacht hätte. Nach der Wen¬ 
de, Anfang der 90er, war man der Sache gegenüber noch anders 
eingestellt als jetzt. Früher war man wütend auf die Leute, heu¬ 
te ist mir das mehr oder weniger egal. Ich selbst habe aber erst 
Anfang 2007 meinen Antrag auf Akteneinsicht gestellt. Ich finde, 
man muss auch unterscheiden, ob die Leute freiwillig oder unter 
Zwang für die Stasi gearbeitet haben. 

Volly Tanner: Ja, ich erfuhr von Spitzeln - aber da ich mich ja nie 
wirklich so fest an Menschen band, war das nicht so wild -, für 
mich war das meist nachvollziehbar, ich hatte sowieso keine hohe 
Meinung von den Menschen. 

Hendrik Franke: Wer die Spitzel von damals waren, habe ich nie 
erfahren. Hätte mich aber auf alle Fälle schwer interessiert. Hät¬ 
te für die Leute keinerlei Konsequenzen gehabt, waren halt alles 
Freunde, ich hätte es nur gern gewusst. Leider wurde mir mitge¬ 
teilt, dass angeblich keinerlei Stasiakten über mich existieren sol¬ 
len. Dafür hat meine Mutter alleine eine fette Akte, wo es zu ei¬ 
nem nicht kleinen Teil um mich und meine Freunde geht. Da tun 
sich mir doch Zweifel auf ... Es wird aber wohl auch gemunkelt, 
dass sich die BRD für einige Akten aus den Stasi-Archiven inte¬ 
ressierte ... 

Steffen Schölzel: Ja ich habe meine Stasiakte angefordert und be¬ 
kommen. Die Namen der Spitzel haben mich nicht überrascht, 
da hatten wir eine Art sechsten Sinn für entwickelt. Mein Schul¬ 
direktor hat zum Beispiel über mich geschrieben: „Schölzel be¬ 
hängt sich mit klirrenden Ketten und hat keine Freunde.“ Selten 
so gelacht. 

Wie sieht heute dein Verhältnis zur SED-Nachfolge- 
partei PDS/Die Linke aus? 

Jörg Löffler: Die PDS ist zumindest kein explizites Feindbild für 
mich. 

Arnim Bohla: Ist ja wohl die einzige linke Partei oder? Ich bin 
zwar nicht mit allen Aussagen, die da so fallen, einverstanden, 
aber das muss auch nicht sein. Wäre das der Fall, könnte ich auch 
Mitglied werden. Insgesamt bin ich ein glühender Verfechter da¬ 
von, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen und da fällt mir 
im politischen Spektrum der heutigen Parteien leider keine weite¬ 
re ein, wo ich mit gutem Gewissen mein Kreuz machen kann. 

Carsten Hiller: Mein Verhältnis zur PDS/Die Linke ist geprägt 
durch'die Erlebnisse nach der Wende. Oft war sie die einzige Par¬ 
tei, die antifaschistische und alternative Aktionen, Projekte und 
ähnliches vor Ort ernsthaft unterstützt hat und ich kenne viele 
Aktivisten aus ihren Reihen - vom Punk über höhere, junge Funk¬ 
tionäre bis zum erfahrenen Historiker und Professor. Ich sehe 
aber durchaus noch genügend alte Starrköpfe, deren Einfluss aber 
immer marginaler zu werden scheint. Vor allem aber sehe ich 



eine zum Teil erschreckende Anbiederung an so genannte „sozi¬ 
aldemokratische“ Positionen. Diese neoliberale Scheiße ist einer 
linken Partei nicht würdig und suggeriert vielen Menschen, dass 
es eine Alternative zum bestehenden System nicht gibt. Dies halte 
ich aus vielerlei Gründen für sehr gefährlich. 

Andreas Kohl: Ich habe kein Verhältnis zu dieser Partei. Im bes¬ 
ten Fall halte ich sie für Utopisten, die sich verzweifelt dagegen 
wehren, die Erfahrungen aus der Geschichte anzuerkennen. Im 
schlimmsten Fall halte ich sie für gefährliche Rattenfänger, die 
mit oberflächlichen Wünschen der Menschen in diesem Land 
spielen und plakativ vereinfachend agieren. Je nachdem, wo und 
wie wir im Wahlkampf stehen, tendiere ich mehr oder weniger 
zur einen oder anderen Seite. 

Henryk Gericke: In der Partei gibt es sicher integere Leute. Aber 
für mich ist der Verein kontaminiert. Gerade durch die jüngsten 
Exzesse von Stasi-Offizieren, die auf Veranstaltungen die Leute 
verhöhnen, die sie früher schon mit Dreck beworfen haben. Ich 
würde diesen Verein nicht wählen, mache mir aber auch nicht die 
Perspektive von Westpolitikern zu Eigen, die die PDS für genau¬ 
so gefährlich halten wie die NPD. Die wissen nicht, wovon sie re¬ 
den, aber das hat ja Struktur. 

Mike Göde: Es gab weder früher, noch gibt es heute eine Partei, 
der ich meinen Glauben und meine Zustimmung schenken kann. 
Eine sozialistische Partei halte ich generell für das Beste, was es 
geben könnte. Die Frage ist nur die Form der Umsetzung. 

Volly Tanner: Ich kenne Leute in dieser Partei, das sind ange¬ 
nehme Menschen, und ich kenne Arschlöcher unter ihnen. Mei¬ 
ne persönliche Bindung an Menschen macht sich nicht am Par¬ 


nicht gewählt, was am Rande eines Straftatbestandes lag. Heute 
wähle ich, weil es so schön sinnlos ist. 

Mike Wendt: Links von der Mitte. Ich lasse mich aber nicht von 
jemandem vor irgendeinen politischen Karren spannen. Bei uns 
im Ort arbeite ich als Parteiloser in der SPD-Fraktion im Stadtrat 
mit. Hier sieht man noch, was dabei rauskommt, wenn man was 
macht, und ich kann meine Entscheidungen selbst treffen. 

Volly Tanner: Positiver Anarchist, Humanist, freidenkender, 
selbstständiger, undogmatischer Mensch, zornig, wütend, jedoch 
nicht hasserfüllt. Oft verletzt, doch nicht verletzend. Ich versu¬ 
che, die Kreise einzelner Individuen nicht zu behindern, wenn 
diese nicht in meine Räder greifen. Hedonistisch und freundlich. 

Hendrik Franke: Auf alle Fälle stehe ich politisch sehr links. Ich 
lese - jetzt freiwillig! — die Junge Welt als Tageszeitung. Jetzt kann 
man sie wieder lesen. Sie ist für mich die einzig wirkliche und 
kompromisslos radikal linke Tageszeitung, die es in Deutschland 
gibt. Mit Großdeutschland habe ich nach wie vor nix am Hut, von 
mir aus kann’s verrecken, wenn wir dadurch leben können. Auch 
nach wie vor kommt für mich keine Parteizugehörigkeit infrage. 

Steffen Schölzel: Die Partei, für die ich auf die Straße gehen wür¬ 
de, muss erst noch gegründet werden. 

Siehst du dich heute noch als Punk? 

Jörg Löffler: Ich höre Punk, gehe auf Punk-Konzerte und spiele in 
einer Punkband, aber ich ordne mich nicht in irgendeine Grup¬ 
pierung ein. Punk beschäftigt mich auch weiterhin. Ich recher¬ 
chiere für das Ausstellungsprojekt „Too Much Future. Punk in der 
DDR - eine Ausstellung in Dresden“, das Mitte August 2007 eröff¬ 
net wird. Natürlich auch mit Konzerten im Rahmenprogramm. 

Arnim Bohla: Natürlich, innerhalb meiner Definition schon. Au¬ 
ßerdem habe ich auch versucht, meine Kinder weltoffen, poli¬ 
tisch offen, tolerant zu erziehen. Und es scheint mir gelungen zu 
sein. Mit meinen Söhnen haben wir zum Beispiel 1997 mit East 
Side Records begonnen, unbekannten deutschen Punkbands ein 
Medium zu bieten und ihre Musik zu veröffentlichen. Mittlerwei¬ 
le führt mein Sohn Daniel das Ganze mit mir gemeinsam weiter 
und wir veröffentlichen die Attila/BARNSTORMER-Scheiben auf 
Vinyl und kümmern uns um die norwegische Band TRASHCAN 
DARLINGS. Also kann Punk auch jenseits der 40 noch Spaß ma¬ 
chen. Aktiv bleibt man dabei allemal. Mein Pensum an Konzert¬ 
besuchen steigt dabei zurzeit auch wieder an. 

Carsten Hiller: Punk bedeutete und bedeutet für mich die Frei¬ 
heit zu lieben, möglichst vorurteilsfrei, offen und tolerant zu 


Steffen Schölzel wurde aufgefordert, diese Jacke nicht mehr zu 
tragen, oder die Symbole abzutrennen, kam dieser Anv/eisung aber 
erst nach mehrmaligen Vorhaltungen nach. 

Außerhalb der Schulzeit wurde er in Lederkleidung mit Metallnieten, 
und Ketten gesehen. Er hat offensichtlich keinen Ereund unter 
seinen Mitschülern. 


teibuch fest. Von mir wird jeder respektiert, der an einer huma¬ 
nen Vision und gegen die Machthabenden arbeitet, da ist es völlig 
egal, wer die Macht hat - wer Macht hat, ist prinzipiell der Feind, 
da er auf seinem Wege nach oben Leichen in seinen Keller stopfen 
musste - und das nicht zuwenig 

Steffen Schölzel: Gysi finde ich intelligent, aber der Rest der al¬ 
ten Bonzenzombies erfüllt mich mit Grausen. Unbelehrbare Voll¬ 
idioten. 

Wo siehst du dich heute im politischen Spektrum? 

Jörg Löffler: Nirgends, ich finde alles Scheiße. Ich bin Individu¬ 
alist. 

Arnim Bohla: Sicherlich immer noch recht weit links. Habe erst 
kürzlich im Radio einen Song von Mitch Ryder gehört, dessen 
Schlussworte mir förmlich aus der Seele gesprochen haben. In 
diesem Weihnachtslied hieß es sarkastisch: Ich danke dem Weih¬ 
nachtsmann für Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Gewaltverbrechen, 
Regierungs- und Wirtschaftskorruption, ein Rechtssystem, das 
Recht spricht für Geld, eine hohe Selbstmordrate, Hoffnungslo¬ 
sigkeit, Krieg, Schönheitswahn, Anbetung des Geldes und so wei¬ 
ter. Das alles kannte ich bis 1990 nur aus dem Fernsehen. 

Carsten Hiller: Mich selber würde ich als linken Humanisten be¬ 
zeichnen, für den das Hier und Heute nicht das Ende sein kann 
und der als chronischer Optimist daran glaubt, etwas verändern 
zu können. 

Andreas Kohl: „Irgendwie“ links. Wie sehr ich diese Antwort 
hasse. Aber so ist es. Ich bin immer noch dabei, mir unter Be¬ 
achtung der herrschenden Strukturen und gesellschaftlichen Zu¬ 
stände mit all ihren Verflechtungen, Gesetzmäßigkeiten und sich 
gegenseitig beeinflussenden Bedingungen ein in sich schlüssi¬ 
ges politisches Selbstbild zu bauen. Und immer, wenn ich den¬ 
ke, jetzt hab ich es, stürzt es wieder ein, weil die politische Kraft, 
zu der ich mich dann hingezogen fühle, etwas tut, was ich ent¬ 
weder nicht erwartet habe, nicht verstehe oder für schlicht und 
einfach falsch halte. 

Henryk Gericke: Ich halte mich für linksliberal bis wertkonser¬ 
vativ, ohne konservativ zu wählen. Ich habe einfach begriffen, 
dass zum Beispiel die Grünen für mich auch keine Lobby darstel¬ 
len. Ich stehe etwa ihrer Ausländerpolitik, die ich nur kulturro¬ 
mantisch nennen kann, äußerst gespalten gegenüber. Trotzdem 
wähle ich sie aus Mangel an Alternativen. Ich habe in der DDR 


* 

sein, Neues zu wagen, sich zu wehren und zu kämpfen, sich mög¬ 
lichst wenig zu verstellen, nicht geldgeil zu sein und natürlich das 
Leben trotz aller Scheiße so gut es geht zu genießen. Wenn das 
auch „wirklich“ Punk ist - dann bin ich immer noch einer! 

Andreas Kohl: Ich würde gerne mit Ja antworten, weil ich prin¬ 
zipiell noch zu dem stehe und auch das lebe, was Punk für mich 
bedeutet - strikte Individualität und kritisches Bewusstsein. Dann 
denke ich aber manchmal wieder, herrje, ich hab eine Firma, eine 
Familie, wohne im Grünen und romantisiere eine Art revolutio¬ 
näres Selbstverständnis, was ich gar nicht mehr ausleben kann, 
weil ich entweder in Strukturen gefangen bin oder mich mit ih¬ 
nen arrangiert habe, die mir gar nicht mehr erlauben, das zu sein, 
dessen ich da in einer „Alter Sack“-Mentalität nachhänge. Meine 
RAMONES- und MINOR THREAT-Platten höre ich immer noch. 

Henryk Gericke: Ich sehe mich heute nicht mehr als Punk, aber 
als von Punk nachhaltig geprägt. Das betrifft vor allem meinen 
allgemeinen Skeptizismus, der, solange er nicht in Bitternis um¬ 
schlägt, auch eine Kraft ist. Und auf Kraft und Energie kam es 
beim Punk an. 

Mike Göde: Im Herzen noch immer hundert Prozent. Äußerlich 
nicht mehr, aber ich glaube, das spielt auch keine große Rolle. 
Wichtig ist die Lebenseinstellung, die sich daraus entwickelte. 

Mike Wendt: Mein Bruder sagt immer, unsere Oma war voll 
Punk. Sie war meist lustig, fand immer okay, was wir gemacht ha¬ 
ben, und hatte immer den passenden Spruch parat. Wenn das so 
ist, bin ich noch Punk! Wenn jemand eine andere Definition hat, 
mir egal. Musikalisch auf alle Fälle! 

Volly Tanner: Ja, und das ist auch gut so! 

Hendrik Franke: Ach ja, natürlich bin ich immer noch Punk, 
werde ich auch immer sein. Ich bin der Meinung, wenn man sich 
für Punk entschieden hat, hat man seinen Lebensweg gewählt. 

Steffen Schölzel: Klar bin ich noch ein Punk, was denn sonst...? 

Joachim Hiller, Michael Klarmann 


Im nächsten Ox gibt es als Ergänzung zu diesem „Punk 
In der DDR“-Artikel ein Interview mit Sascha Anderson 
und Cornelia Schleime. Beide waren in der Band ZWIT¬ 
SCHERMASCHINE aktiv, Anderson außerdem treibende 
Kraft hinter der Veröffentlichung der ersten DDR-Punk- 
Platte „DDR von unten/eN De“. 


OX-FANZINE 123 










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OX-FANZINE 125 



















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Jr Jb 1 Km Jtt JriiiM 1v/und hardcore (teil 8) 


VON KLAUS N. FRICK 

Was zuvor passierte: 

Der Januar 1987 ist verdammt kalt. Vor allem in den Dörfern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer 
Alb, in einer Region also, die man sich spießiger kaum vorstellen kann. Ausgerechnet dort wohnt der¬ 
zeit Peter Meißner, den - fast - alle nur Peter Pank nennen. Sehr „punkig“ ist das alles nicht, aber in dem 
Dorf hat er eigentlich seine Ruhe, und die ist ihm derzeit sehr viel Wert. Wobei er sich redlich Mühe gibt, 
die eigene Ruhe zu stören ... 



Zurück aus Südfrankreich und gleich in die Straßen¬ 
punk-Szene von Stuttgart: Einen größeren Gegensatz 
hatte ich mir im Winter 1986/87 nun wirklich nicht 
vorstellen können. Es war scheißkalt, ich fror den gan¬ 
zen Tag, und zu allem Überfluss hatte ich keinen rich¬ 
tigen Draht mehr zu den alten Kumpels herstellen kön¬ 
nen. In Avignon hatte ich schlechte Erinnerungen zu¬ 
rückgelassen, und es kam mir tatsächlich vor, als sei mir 
das Herz gebrochen worden. 

Wann immer ich mir die letzten Stunden in Südfrank¬ 
reich in Erinnerung rief, sah ich den toten Pico auf dem 
Bett liegen, in genau dem Zimmer, in dem ich Wochen 
verbracht hatte, in meiner „Heimat“ in Südfrankreich, 
und mich schüttelte ein Grauen, das mir selbst galt. Wie 
tief war ich abgesackt, wie krank war ich gewesen? Ich 
erinnerte mich an den Gestank in dem Zimmer, an die 
buchstäblich dicke Luft, und selbstverständlich kam mir 
das Bild der Leiche zu meinen Füßen vor Augen. Wahr¬ 
scheinlich konnte ich von Glück reden, dass ich das gan¬ 
ze selbst überlebt hatte. Mich schüttelte bereits der Ge¬ 
danke daran. 

„Was ist?“ Jörg betrachtete mich forschend. „Ist dir 
schlecht?“ 

„Ich denk’ nur an die Zeit in Stuttgart zurück.“ 

„Kann ich mir vorstellen. Ich hab’ dich ja buchstäblich 
aus der Gosse gezogen.“ 

Ich nickte. Die Bilder tauchten in meiner Erinnerung 
auf, als seien sie Fotos, die schon einige Jahre alt sind 
und die man mit einer Mischung aus Entsetzen und 
Freude betrachtet. Meine Bilder waren wellig und an¬ 
gerissen, denn ich wusste nicht mehr so genau, was ich 
in diesen Tagen von morgens bis abends im Detail getan 
hatte. Der Anfang des Jahres 1987 war alles andere als 
eine gute Zeit gewesen. 

Mit blutunterlaufenen Augen starrte mich Rotze an. Gel¬ 
ber Schleim lief ihm aus der Nase und über die ver- 
schürften Lippen. „Und du hast wirklich nichts zum 
Drücken?“ Seine Stimme klang dünn, und sie passte zu 
seiner ausgemergelten Gestalt, die trotz Nietenlederja¬ 
cke nichts von einem selbstbewussten Punkrocker hat¬ 
te, sondern eher etwas von einer Zerrfigur aus einem 
Spiegelkabinett des letzten Jahrhunderts. 

„Hab’ ich nicht, weißt du doch." Mir selbst ging es 
nicht gut, und mit einem Rest von Hirn wusste ich, dass 
ich ziemlich beschissen aussah; ich hoffte aber, dass ich 
noch einen weiten Weg bis zu dem Anblick hatte, den 
Rotze bot. Meinen Pullover hatte ich bis zum Hals hoch¬ 
gezogen, die Lederjacke wärmte nur unzureichend, und 
ich fror ununterbrochen, zitterte an allen Gliedern und 
klapperte mit den Zähnen. 

„Jaja.“ Er verzog das Gesicht. „Und zu kiffen hast du 
auch nichts, denk’ ich.“ 

„Haben wir gerade alle nicht“, erinnerte ich ihn. 

Das Leben war hart in diesen Tagen nach dem Jahres¬ 
wechsel 1986/87. Die Temperaturen in Stuttgart hatten 
sich auf einem niedrigen Niveau eingependelt, und wer 
auf der Straße lebte, versuchte der widerlichen Kälte 
mit Drogen und Alkohol etwas entgegenzusetzen. Aber 


seit einigen Tagen war der letzte Rest an Haschisch und 
Marihuana spurlos weggeraucht, von härteren Drogen 
ganz zu schweigen. 

Ich schaute Rotze an. Als ich ihn vor einigen Tagen zum 
ersten Mal wiedergesehen hatte, hätte ich ihn kaum er¬ 
kannt. Seit dem September war er noch schmächtiger 
geworden, und er schien zu beabsichtigen, sich mit al¬ 
len nur erdenklichen Drogen ins Jenseits zu ballern. Mir 
war zwar schleierhaft, woher er beispielsweise Heroin 
besorgte, aber er schaffte es und pumpte sich in unre¬ 
gelmäßigen Abständen die Spritze in die Armbeuge. 
„Scheiße, siehst du kaputt aus“, murmelte ich. Der Atem 
stand in weißen Wolken vor meinem Gesicht und stieg 
an der grauen Wand, an der ich lehnte, langsam in die 
Höhe. 

„Was hast du gesagt?“ Rotze stand immer noch vor mir, 
und er würde nicht so schnell verschwinden. 

„Ach nichts.“ Ich winkte ab. „Nichts, was irgendwie 
wichtig wär’.“ 

Seit gut zweieinhalb Stunden trieben wir uns jetzt auf 
der Königsstraße herum, der Einkaufspassage in Stutt¬ 
gart, gelegentlich auch in den Seitenstraßen oder in der 
Klettpassage, den unterirdischen Gängen, welche die 
Straße mit dem Hauptbahnhof vertrieben. Wir schnorr¬ 
ten Passanten um Kleingeld an, versuchten uns selbst 
warmzuhalten, und wichen den Ordnungskräften der 
Kaufhäuser und der Einkaufspassage aus, wenn das nö¬ 
tig wurde. 

Rotze ging einige Meter zur Seite. Er lehnte sich gegen 
die Wand und rutschte langsam in die Hocke. In die¬ 
ser kauernden Stellung blieb er sitzen, den Rücken ge¬ 
krümmt und den Kopf nach vorne hängend, als wolle er 
mit der Nase die Kniescheibe treffen. Der rote Iro hing 
ihm seitlich über die Ohren, die kahlrasierten Stellen 
wuchsen seit einigen Tagen wieder nach, und unterhalb 
des Kinns zogen sich Spuren von Eiter den Hals hinab. 
Ich schüttelte den Kopf. So wollte ich nicht enden, nicht 
mit einem Gesicht und Händen voller Schleppscheiße 
auf der Straße herumlungern. Aber ich sah an Gestalten 
wie Rotze oder dem einige Jahre älteren Nougat, wohin 
dieser spezielle Lebensstil führte. Nachdenklich kramte 
ich mit meiner Hand in der Tasche meiner zerschlisse¬ 
nen Jeans, die für die Jahreszeit viel zu dünn war. Einige 
Markstücke hatte ich noch, teilweise an diesem Tag zu¬ 
sammengeschnorrt, teilweise noch von den letzten Ta¬ 
gen zurückgelegt. 

Mein Magen meldete mit einem deutlichen Grummeln, 
dass es an der Zeit war, wenigstens etwas feste Nah¬ 
rung zu mir zu nehmen. Ich hatte seit dem Aufstehen 
erst zwei Flaschen Bier getrunken, von dem Korn eini¬ 
ger Punks hielt ich mich fern; das wollte ich mir nicht 
antun. Ich stieß mich von der Wand ab. Ohne mich um 
Rotze zu kümmern, verließ ich den Hofeingang und be¬ 
wegte mich auf die offene Straße hinaus. 

Im Sommer empfand ich Stuttgarts Innenstadt schon als 
komplett deprimierend. Sah man vom Schlosspark ab 
und dessen zahlreichen Möglichkeiten, sich unter Bü¬ 
schen und Bäumen oder auf grünen Wiesen aufzuhal¬ 
ten, wurde das Zentrum der schwäbischen Metropo¬ 
le von Beton und Asphalt beherrscht. Als Ausbund ar¬ 
chitektonischer Grausamkeit hatte ich schon immer die 
Königsstraße empfunden, aber die breite Fußgängerzo¬ 
ne zwischen Hauptbahnhof und Schlossplatz war nun 
mal die beste Möglichkeit - vielleicht sogar die einzige! 
-, Passanten um ein bisschen Kleingeld anzubetteln. 
Erst als ich auf der Straße stand, wo im Sommer Stüh¬ 
le zum Kaffeegenuss einluden, wurde mir klar, dass ich 
nicht einmal wusste, was ich vorhatte. Scheiße, dachte 
ich, das geht so nicht weiter. Mir fiel in einem kurzen 
Gedankengang ein, dass ich mir ähnliches in Südfrank¬ 
reich überlegt hatte. 

Rechts von mir erhob sich die Betonfassade der „Ler¬ 
che”, des größten Schallplattengeschäftes der Stadt. Ich 
schaute an der Mauer hoch, betrachtete den Werbe¬ 
spruch, der behauptete, Süddeutschlands wichtigster 
Plattenladen zu sein, und schüttelte den Kopf. Hier hat¬ 
te ich meine erste DEAD KENNEDYS-Platte gekauft, hier 
gab es in den frühen 80er Jahren auf einmal ganz viele 
schräge Platten der auslaufenden Neuen Deutschen Wel¬ 
le für billiges Geld zu kaufen. 


Und nichts davon hab’ ich jetzt, machte ich mir klar. Die 
Platten standen hoffentlich im Keller meiner Eltern, wo 
ich sie vor über eineinhalb Jahren deponiert hatte, und 
vielleicht kam ich irgendwann wieder ran. Im Augen¬ 
blick hatte ich nicht das geringste Interesse, meinen Er¬ 
zeugern über den*Weg oder in die Arme zu laufen. Sie 
würden mich in meinem jetzigen Zustand wahrschein¬ 
lich nicht einmal erkennen: Mein Pullover und meine 
Jeans waren zerschlissen und schmuddelig, die Lederja¬ 
cke schmucklos und ohne irgendwelche Nieten oder Be¬ 
schriftungen, die kurzen Haare standen schmutzig ab. 
Langsam bog ich um eine Straßenecke, die von der Kö¬ 
nigsstraße weg und in Richtung Rotebühlstraße führ¬ 
te. Die Gegend galt als ein Entwicklungsgebiet; schon 
jetzt standen hier viele Bürogebäude, aber es hieß, man 
wolle in diesem Bereich der Innenstadt in den nächs¬ 
ten Jahren neue Glaspaläste eröffnen. Die Stadtverwal¬ 
tung plante darüber hinaus ein gigantisches Projekt, 
das angeblich bis ins 21. Jahrhundert reichen sollte. Mir 
war das relativ gleichgültig, aber man bekam das Gere¬ 
de schon mit, wenn man sich einfach nur in der Stadt 
bewegte. 

Ohne weiter darüber nachzudenken, bog ich in die Ab¬ 
zweigung ein, die zum beliebten Imbiss „Zum Zum“ 
führte. Dort hatte sich eine Gruppe von Punks mit ihren 
Hunden breitgemacht. Sie lagen auf Decken, die wahr¬ 
scheinlich aus dem Rotkreuzlager stammten, und stier¬ 
ten vor sich in. Einer von ihnen, ein bärtiger Mann, des¬ 
sen schmutzigen Haare noch Reste roter Farbe zeigten, 
hielt eine Schnapsflasche in der Hand, aus der er in kräf¬ 
tigen Zügen trank. Er winkte mir, als ich vorüberging, 
sagte aber nichts; die anderen reagierten nicht einmal. 
Ich winkte zurück und machte, dass ich weiterkam. Am 
„Zum Zum“ ging ich vorbei, dann hielt ich mich links 
und folgte der nächsten Straße. Autos fuhren in vier 
Spuren an mir vorüber, gelegentlich eilten Passanten 
über die vom eisigen Wind gepeitschten Straße, aber 
niemand beachtete mich. Es war Januar, es war kalt, und 
die Leute hatten besseres zu tun, als sich um einen hei-^ 
matlosen Punk zu kümmern. Und ich hatte nicht die 
geringste Lust, einen Menschen anzusprechen, um her¬ 
auszufinden, ob dieser mir unter bestimmten Umstän¬ 
den ein wenig Kleingeld geben könnte. 

Zwar fühlte ich mich antrieblos, gelangweilt und ge¬ 
schwächt, aber ich ging trotzdem weiter, als hätte ich 
einen Menschen hinter mir, der mir einen Tritt nach 
dem anderen versetzte. Vom Vorabend hatte ich noch 
einen Kater, und die zwei Flaschen Bier auf nüchter¬ 
nen Magen hatten mir nicht gut getan. Ich wechselte die 
Straßenseite zuerst in die eine, dann in die andere Rich¬ 
tung und erkannte erst nach einiger Zeit, dass ich weit 
oberhalb des Schlossplatzes war, in eine der vielen Sei¬ 
tenstraßen, deren Namen ich mir nie merken konnte. 
Hier irgendwo war anfangs der 80er Jahre die „Alte 
Mausefalle“ gewesen, hier hatte ich irgendwann 1981 
die FUCKING GUTE BÜRGER BAND gesehen, und hier 
... Ich schüttelte den Kopf. Das war Vergangenheit, und 
was jetzt zählte, war die Realität des Jahres 1987. Auch 
wenn ich mit dieser Realität in diesen Augenblicken 
überhaupt nicht klarkam. 

Und irgendwann stand ich in einer Straße und blick¬ 
te auf eine Imbissbude, die schräg auf der anderen Seite 
lag. Sie hatte mich angezogen, als sei sie ein Magnet und 
ich nur ein Stück Metall, das ihr auf unsichtbaren Bah¬ 
nen folgte. Kopfschüttelnd über mein eigenes Verhalten 
betrachtete ich die Bude, schräg hinter einigen Autos 
stehend. Der Imbiss, der sich laut Türschild selbst „Re¬ 
staurant“ titulierte, hatte bereits geöffnet. Er bot - wie 
ich durch die erleuchteten Fenster sehen konnte - viel¬ 
leicht vier oder fünf Tischen Platz und zeichnete sich 
vor allem durch eine Theke aus, hinter der zwei Män¬ 
ner arbeiteten. 

Ich erinnerte mich gut an den Imbiss, auch wenn ich 
die Szenen dort gerne verdrängt hätte. Hier hatte ich 
im Dezember mein Päckchen abgegeben, die seltsame 
Ware, die ich aus Südfrankreich mitgebracht hatte, ohne 
je genau zu erfahren, was darin gewesen war: Drogen 
wahrscheinlich, aber ich wollte es nicht genau wissen. 
„Eigentlich schulden die mir noch einen Gefallen“, 
überlegte ich halblaut. Sollte ich einfach hinüber ge- 


OX-FANZINE 126 





PETER PANK 


hen und die Burschen anbetteln? Ich hatte ihnen ein 
Geschäft besorgt, und jetzt hatte ich Hunger - also war 
das meiner Ansicht nach Grund genug, auf der ande¬ 
ren Straßenseite nachzufragen. „Eine kleine Pizza müss¬ 
te doch drin sein“, murmelte ich weiter. 

Ich schaute zu, wie zwei dickliche Männer mit Schnauz¬ 
bärten, die ihre massigen Körper in zu enge Anzüge ge¬ 
presst hatten, das Restaurant betraten. Sie wirkten auf 
den ersten Blick unsympathisch, und ich hätte mit ih¬ 
nen nicht gern den Abend verbracht. Sie gingen direkt 
auf die Theke zu und unterhielten sich mit den Män¬ 
nern dahinter. Das Gespräch, von dem ich kein Wort 
verstand, wurden gestenreich ausgetragen, und es sah 
aus, als schrien sich beide Gruppen an. 

„Ich glaub’, das ist doch keine so gute Idee“, murmelte 
ich. Würde ich jetzt in das Restaurant gehen und jeman¬ 
den in ein Gespräch verwickeln, hätte garantiert nie¬ 
mand Zeit für mich. Und während ich mich umdrehte, 
um eine andere Bude zu suchen, fiel mir erst auf, wie 
lächerlich mein ganzer Plan eigentlich war: Niemand 
würde sich um mich kümmern, niemand würde mir et¬ 
was geben, und viel eher würde mir irgend jemand auf 
die Fresse schlagen. Was für ein Quatsch, was für eine 
alberne Idee! Ich schüttelte den Kopf, ging los und ... 

... und stand direkt vor Rotze. Schwankend versperr¬ 
te er mir den Gehweg, ein dürrer junger Mann, dessen 
Lederjacke offen stand und dem die Kälte anscheinend 
weniger ausmachte als mir. „Was machst du hier?“, 
fragte er, eine Spur herausfordernder, als es angebracht 
gewesen wäre. 

„Was machst denn du hier?“, gab ich zurück. 

„Ich bin dir gefolgt.“ Ein Grinsen zog über sein Gesicht, 
das wahrscheinlich spöttisch sein sollte. Zwischen dem 
Schorf unter dem Kinn und dem Rotz an der Nase sah 
es ziemlich verunglückt aus. „Ich dachte mir, wenn der 
Peter Pank irgendwohin geht, wo’s was zu futtern oder 
zu saufen gibt, geh’ ich mit und hol’ mir auch was.“ 
„Du spinnst. Ich bin nur spazieren gelaufen. Und hier 
gibt’s nichts zu fressen.“ Ich wollte an ihm Vorbeige¬ 
hen. 

Seine Stimme stoppte mich. „Und die kleine Wirtschaft 
da vorne, dieses ... dieses Restaurant, also dieser Imbiss, 
was ist mit dem? Sind das Kumpels von dir?“ 

„Depp! Natürlich nicht! Wie kommst du darauf?“ 

„Du hast halt so geguckt, als wolltest du rüber, und 
dann hast du dich nicht getraut, weil die zwei Typen 
rein sind. Und da hab’ ich zwei und zwei zusammenge¬ 


zählt.“ Rotze spuckte aus, ein gelber Klumpen glibber- 
te auf den Asphalt. 

„Ich wusste gar nicht, dass du rechnen kannst.“ Ohne 
mich weiter um ihn zu kümmern, ging ich in Rich¬ 
tung Königsstraße. 

An einer Bäckerei, keine zweihundert Meter weiter, 
hielt ich an. Zwar rümpften die Verkäuferin und die 
zwei Kundinnen in dem Laden die Nase, aber sie war¬ 
fen mich nicht hinaus. Ich kaufte ein trockenes Bröt¬ 
chen und eine Butterbrezel - etwas Luxus musste sein — 
und verließ den Laden. In einem Hauseingang, der mich 
vor dem Wind und der Kälte schützten, ließ ich mich 
nieder. Die noch warmen Backwaren schmeckten köst¬ 
lich, mit zitternden Fingern aß ich zuerst das Brötchen 
und dann die Brezel. Ich hatte das Gefühl, ein wenig auf 
Touren zu kommen. 

Der kleine Ausflug hatte mich zumindest halbwegs zur 
Besinnung gebracht. Ich konnte nicht zurück, ich wollte 
es auch nicht, weder zu meinen Eltern noch in die Sze¬ 
ne, der ich aus Südfrankreich entkommen war. Was die 
Alternative sein konnte, wusste ich ebensowenig. Aber 
ich musste mich nicht umdrehen, um zu sehen, wo und 
wie ich garantiert nicht enden wollte. Rotze gehörte zu 
den Leuten, die irgendwann mal „No Future!“ zu wört¬ 
lich nehmen würden. 

Der Weg zurück zur Königsstraße kam mir diesmal kür¬ 
zer vor. Vielleicht lag es daran, dass ich jetzt feste Nah¬ 
rung im Bauch hatte, vielleicht hatte das Wetter auf¬ 
geklart. Die Uhr am Schlossplatz zeigte an, dass schon 
nach zwei Uhr mittags war, die hellste Zeit des Tages im 
Januar. Bald würde es dämmern, dann kam die Dunkel¬ 
heit, dann musste ich wieder in das dreckige Loch, in 
dem ich zur Zeit immer unterkam. Fürchterliche Aus¬ 
sichten, dachte ich und entschloss mich, noch einmal 
zu schnorren. 

Ich stellte mich dem erstbesten Passanten in den Weg, 
er sah aus wie ein Geschäftsmann auf dem Weg zum 
nächsten Termin. „Haben Sie ein paar Groschen für 
mich?“, fragte ich so höflich wie möglich. 

Er beachtete mich nicht und ging weiter, den Blick 
durch die strengen Brillengläser gerade aus gerichtet. 
Hätte ich mir ja denken können, dachte ich. „Schönen 
Tag noch!“ rief ich ihm hinterher. 

Bei Frauen hatte ich meist mehr Erfolg. „Entschuldi¬ 
gen Sie bitte“, sprach ich eine vielleicht dreißigjährige 
Durchschnittserscheinung an, „können Sie mir aushel¬ 
fen?“ 


„Geh zum Sozialamt!“, schnauzte sie mich an. „Ich hab’ 
selbst nichts.“ 

„Ist ja schon gut.“ Ich trat einen Schritt zurück. „Ich 
wollt’ Sie nicht beleidigen.“ 

Von rechts ertönte eine tiefe Stimme. „Wenn du mich 
anschnorrst, scheuere ich dir eine. Und zwar kräftig.“ 
Ein Bulle oder sonst ein Stresser, das war das erste, was 
mir durch den Kopf schoss. Erschrocken wandte ich 
mich um. Der bärtige Kerl vor mir war mehrere Zen¬ 
timeter größer als ich und gut doppelt so breit. Lange 
Haare fielen ihm bis auf die Schultern, auf dem Kopf 
trug er eine Wollmütze. Er kam mir entfernt bekannt 
vor, aber ich kapierte nicht sofort woher. 

„Bist ganz schön runtergekommen, Peter Pank“, mein¬ 
te er trocken. 

Jetzt endlich erkannte ich ihn. „Jörg! Jörg Schadler!“ 
Fast wäre ich ihm um den Hals gefallen. „Was treibt 
dich nach Stuttgart?“ 

„Einkäufen“, brummte er. „Muss ja auch mal sein. Ir¬ 
gendwas fehlt auf dem Dorf immer.“ 

Ich kannte Jörg vom Jugendzentrum her. Er hatte zeit¬ 
weise in einem Dorf gewohnt, direkt bei der Kleinstadt 
im Schwarzwald, aus der ich stammte. Weil er einen al¬ 
ten Bauwagen als Behausung hatte, der mitten im Wald 
stand, hatten wir ihn immer nur den „Waldmenschen“ 
genannt: ein freundlicher, ein gemütlicher, ein manch¬ 
mal seltsamer Typ, der gelegentlich bei Veranstaltungen 
zu viel Schnaps soff und dann zum Ausrasten neigte. Im 
Frühjahr war er fortgezogen, und seither hatte ich ihn 
nicht mehr gesehen. 

„Hast dich ja gar nicht verändert“, sagte ich und grins¬ 
te, „du siehst aus wie immer.“ 

„Die Haare sind ein wenig länger.“ Er lachte kollernd. 
„Aber du siehst scheiße aus, wenn ich das mal sagen 
darf.“ Er wies in eine unbestimmte Richtung. „Hängst 
du etwa mit diesem stinkenden Punker-Gesocks hier 
rum?“ 

Ende der achten Folge 

Peter Pank, mit bürgerlichem Namen eigentlich Peter 
Meißner, blickt in die Vergangenheit zurück; das sind 
in diesem Fall einfach mal drei Wochen. Anfangs des 
Jahres 1987 scheint Stuttgart kein schönes und auch 
kein gutes Pflaster gewesen zu sein. Was das mit sei¬ 
ner aktuellen Situation zu tun hat? Das erfahrt ihr in 
der nächsten Ox-Ausgabe - wenn es wieder heißt; PE¬ 
TER PANK - UND: HARDCORE! 



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OX-FÄNZINE 127 


































SPONGE-PIX 





an hour and a half away from Berlin in Dessau. Okay, why not? 
Leaving directly from work that evening, I made the trip and was 
very happy as I made it to the Beat Club to even make the first 
band’s last 5 songs. GO AHE AD, Dessau/Berlin locals opened 
and played some hot energetic straight up hardcore, I like their 
new shit! Frontman Stitty was bouncing and stomping around so 
much, I heard that he took a painfully unplanned stagedive before 
I got there, got up, and continued without missing a beat. This 
band has a future! Continuing with the North American influ- 
enced hardcore, next band up was Aschaffenburg’s best straight- 
edge export SO FAR AWAY. Their shouter Felal appears to be 
somewhat small, but he’s bigger than life when it comes to thras- 
hing a stage and screaming in your face. Hard to believe this band 
has only been together since 2005, their stage presence and attitu- 
de say otherwise. Kick-ass young musicians, watchout MAROON! 
Berlin’s MAKE IT COUNT continued the onslaught, and the ni- 
cely filled Beat Club crowd was really into the show as it was star- 
ting to get hot in the place. It’s obvious that MAKE IT COUNT just 
finished a big tour with TERROR and other huge bands, because 
you get that type of seif confidence in your shows and know how 
to work the crowd, and that they did. Positive energy, no bullshit, 
and just as they say about themselves, „No scene police!“ Cool. 
Great set, good moshing, and an awesome sound. 

The next band for me was probably the highlight of my night, be¬ 
cause you know I lean more towards the punk hardcore sound, 
and this band fuckin blew me away! The VICTIMS I don’t know 
why I’ve never seen this band before, and I wasn’t really expec- 
ting much, but after the first song I just stood in awe and watched 
this three piecer from Stockholm bust everyone’s nuts. A lot of 
the crowd which were pretty much into the other straight-edge 
bands had a hard time trying to figure this band out, but if you 
don’t dig this band, then your dead. This is the example of Ro¬ 
ger Miret’s quote „Never trust a hardcore kid who has not liste- 
ned to punk!“ This band is so hardcore, yet so punk. My tip: Go 
see VICTIMS!! We’ll, as the last band and headliners AN OTHER 
BREATH made their way to the stage, I was already toying with 
the idea of leaving about half way through their show since I had 
a long drive back to Berlin. What before maybe appeared to be 
some College preppy types from New York, when ANOTHER BRE¬ 
ATH hit the first note, I knew I was totally wrong and that this was 
what the crowd came for, and for good reasoning. They fuckin 
shred! From tempo zero to 100, this band explodes. Finest in your 
face hardcore, tight as shit, and a frontman named Ted, who could 
politely ask you a favor, thank you, and then go ballistic two se- 
conds later, grabbing faces from the crowd and shoving the mike 
to their mouth for sing alongs. Finally the first big mosh pits of the 
night in this little club. Killer! I’m a fan! Needless to say, I remai- 
ned the entire show, and was so awake and amped, I could have 
probably drove to Australia that night, or actually it was already 
morning. A great show put on in a hot little club, the Beat Club in 
Dessau. Check it out! 

Next issue I’ll be back to my old form with way too many shows 
to talk about in such a short column, including With Full Force 
XIV. C-ya there. 

I’m outta here! 

Yer Sponge 


YO DUDES, WASSUP? 

Well shit, I almost didn’t 
have enough to talk about 
this time, due to unfor- 
seen health deterioration 
process, personal survi- 
val commitments, and fo- 
reign interogational move¬ 
ment activity! (I was sick, 
had to work, and did some 
travelling, okü) But, at the 
end of my dry spell I was 
able to get my butt back out there and get a few really kil- 
ler shows under my beit. 


After one of those long work shifts, I popped into Wild at Heart 
for a cold beer and what was supposed to be a Glam band that 
night. Expecting to see a lot of make-up and hairsprayed vixens, 
it actually turned out to be a somewhat normal rock-sleaze band 
from Hollywood ELEGANTLY WASTED, who just played 
kick-butt music with maybe the glam influence of T-REX to MOT- 
LEY CRÜE, but more punky and down to earth. Formed in Holly¬ 
wood, but in reality, guitarrist and Singer Lenny J., and guitarrist 
Queen D. are both from Sweden, met in the USA, and the match 
made in heaven was perfect. They gave their all to the somewhat 
small crowd that night. I missed the opener DEATH VALENTI¬ 
NE, but heard they were kinda interestingly weird, somewhere 
between electric influenced Dark Goth and Doom Metal. Hmmm, 
have go check em out next time. 


A week later it was of to Kato in Kreuzberg for one of the all time 
best beer drinking skate bands GANG GREEN! Last time I saw 
them was 1999, 1987, and 1986. Yup, 25 years and still going 
strong. Uhh, kinda. The night before they played in Prague with 
my bros’ GWAR, and partied with them. Idiots! Partying with 
GWAR is a death sentence that I’ve personally many times just ba- 
rely survived. After jamming with GANG GREEN out front, and 
sucking down a few original USA Budweiser beers, we went back¬ 
stage to do a few group photos. Well, original founder, frontman, 
and all around party animal Chris Doherty lasted about ten pho¬ 
tos before he started blowing chunks, much to the delight of the 
other band members Wally, Matty, and Mike Earls who was fil- 
ling in for Rockin’ Bob. I won’t show you those pictures! Short- 
ly thereafter, they took the stage and proceeded to give an almost 
two hour set of every GANG GREEN hit you could wish for from a 
setlist that was a meter long. Lots of sing alongs, special requests, 
and drum, bass, and guitar solos from a band that still rocks har- 
der than they party, and that says a lot! Düring the second enco- 
re, a few local fans were up on the stage and were allowed to do 
the vocals on a couple GG songs, and the packed Kato house was 
happy. Awesome show from one of the most influential hard-edge 
punkbands fr*im the git-go. They’re coming back this year. Go see 
em! ganggreenboston.com 


After a long break on concert going due to the earlier described 
reasons, I got a tip for a show „Always X-Forever-X Night“, about 


OX-FÄNZINE 128 










A LIFE ON STAGE 

W _ _ _ _ 


CARBURETORS 

02.04.07 Köln, Stereo Wonderland 

Da geht man montagabends naiv und nichts ahnend auf einen Gig 
ins Stereo Wonderland und erlebt das verrückteste Konzerterleb¬ 
nis seines kurzen Lebens! Zwar waren an diesem Abend um halb 
zehn nur 20 bis 30 Nasen in der recht kleinen Kneipe, doch das 
war kein Grund für die CARBURETORS, fünf Rocker aus Norwegen, 
nicht tüchtig Gas zu geben. Ohne lästige Vorband ging es direkt mit 
„Rock and roll forever“ vom großartigen Album „Loud Enough To 
Raise The Dead“ los. Und der Song war nicht nur Opener, sondern 
auch Motto des Abends. Die fünf, allesamt im schmalzigsten Grea- 
ser-Look, mit Pomade im Haar, gehüllt in schwarze Lederjacken, sa¬ 
hen zwar aus wie JohnTravolta, klangen aber eher wie AC/DC, ROSE 
TATTOO, MOTÖRHEAD und TURBONEGRO auf Speed. Sänger Ed¬ 
die Guz und seine Mannen waren gut aufgelegt und nahmen die 
ganze Situation des reservierten und spärlichen Publikums mit Hu¬ 
mor und versprühten gute Laune und coole Sprüche. Stian Krough 
entpuppte sich als super Leadgitarrist, der Heavy Metal-Frickeleien 
genauso beherrscht wie Rock and Roll-Licks ä la Chuck Berry. Der 
größte Blickfang war aber Zweitgitarrist Kai Kidd, der breitbeinig 
mit seiner Klampfe über die Theke stiefelte, durch den ganzen Laden 
lief oder sich zwischen den Liedern gerne einmal neben zwei Girls 
auf die Couch gepflanzt und geflirtet hat. Auch der Handvoll Leu¬ 
te, die den Gig lieber durch das Fenster bestaunt haben (weil 4 Euro 
Eintritt zu teuer wären ... Ignoranten!), bot er etwas fürs Auge, in¬ 
dem er sich auf die Fensterbank stellte und weiter auf seine Strom¬ 
gitarre eindrosch. Kultiger geht’s nimmer! Wider Erwarten wuchs 
der Crew vom Wonderland kein Hörnchen, man zeigte sich in Fei¬ 
erlaune, spendierte der Band eine Runde Jägermeister, welche wie¬ 
derum Publikum und Mitarbeiter mit Whiskey abfüllte. „Wenn ihr 
noch eine Zugabe wollt, dann flüstert einfach ,Yes!“‘, forderte uns 
Guz auf. Gerne doch! Diese endete damit, dass zwei 16-Jährige, ein 
anderer Mann und ich auf die Bühne befohlen wurden und „God- 
damn, it’s good to be right“ ins Mikro schrien. Zwar gab es keinen 
Mofafahrer im Publikum, der Burnouts auf die Fliesen hinlegt, wie 
mir der Tourbegleiter Andre vom Gig am Vorabend berichtete, aber 
trotzdem war es ein total bekloppter Gig, der mir vor allem wegen 
der Wohnzimmeratmosphäre und des verrückten Haufens aus Oslo 
noch lange im Gedächtnis bleiben wird! Arndt Aldenhoven 

TRANS AM, LOVE OF DIAGRAMS 

UND ÜBERFLÜSSIGER DEUTSCHER SCHMOCK 

14.03.07 Berlin, „Intro Intim“ im Maria am Ufer 

„Intro Intim“ wartet mit einer komischen Zusammenstellung auf, 
aber um TRANS AM zu sehen, nehme ich das auf mich. Die ers¬ 
te Band, LOVE OF DIAGRAMS aus Australien, ist recht gut, sie hät¬ 
ten auf jeden Fall das Potenzial, die Lücke, die SLEATER-KINNEY in 
der Indie-Welt hinterlassen haben, zu schließen, wenn dafür auch 


eindeutig noch ein wenig Abwechslung fehlt. Die sirrende, echo- 
lastige Gitarre erinnert sehr an INTERPOL und der Gesang gefällt 
mir ausgesprochen gut, ich bin auf jeden Fall gespannt auf die 
von Bob Weston produzierte Platte. Danach wird es erst Mal rich¬ 
tig schlimm, was halten TRANS AM wohl von dieser Veranstaltung? 
KARPATENHUND klingen wie eine Schülerband und machen Mu¬ 
sik, die ihren Eltern bestimmt gefällt, jetzt brauchen die wenigs¬ 
tens kein Radio mehr zu hören, sondern können die Weichspülmu¬ 
sik ihrer Kinder auflegen. Was soll das? Ich würde gerne MIA oder 
WIR SIND HELDEN die Schuld an so was geben, aber verglichen mit 
dem, was KARPATENHUND abliefern, sind die großartig. Falls der 
Bandname der gleichnamigen „Drei ???“-Folge entlehnt ist, wäre 
das endlich mal ein Beweis, was für ein reaktionärer Schmock auf 
deren Mist wächst, aber ich will hier keine Verschwörungstheori¬ 
en spinnen ... POLARKREIS 18 sind enttäuschend und langweilig, 
der ebenso langweilige Großteil des Publikums ist wohl wegen ih¬ 
nen da und bleibt zum Glück nicht bis TRANS AM. Als in der Um¬ 
baupause noch einmal POLARKREIS 18 aus der Konserve gespielt 
wird, merke ich, dass sie auf Platte viel besser sind', obwohl sie live 
nichts großartig anders machen, aber irgendwie zündet es da nicht 
so recht. Sie sehen auch einfach zu sehr aus wie Bubis von der Mu¬ 
sikschule, und über den Bandnamen könnte ich mich sowieso stun¬ 
denlang aufregen! Dann, endlich, irgendwann nach zwölf, begin¬ 
nen TRANS AM, wirken zu zwei Dritteln zwar unsäglich schlecht ge¬ 
launt - kein Wunder, bei den Vörbands - zu einem Drittel dafür ge¬ 
radezu überschwänglich. Die Show ist fantastisch, nach einigen ty¬ 
pischen Chicago-Noiserock-Krachern, die die ganze gewaltige Ener¬ 
gie und Spielfreude dieser Band vermitteln, spielen sie größtenteils 
Synthie-Nummern, die einmal mehr ihre große Affinität zu KRAFT¬ 
WERK beweisen, aber in der Version von TRANS AM werden daraus 
unbeschreiblich originelle Disco-Wave-Rock-wasauchimmer-Num- 
mern, die einfach nur Spaß machen. Leider ist der Auftritt letztend¬ 
lich zu kurz, und weniger (also die zweite und dritte Band einfach 
wegzulassen!) wäre für mich eindeutig mehr gewesen! 

Der Anti-Chris 


BEATALLICA, DOKTOR ROCK 
03.05.07 Köln, Prime Club 

METALLICA sind mittlerweile ziemlich doof und die BEATLES sind 
tot, zumindest teilweise. Deswegen gibt es nur einen Ausweg und 
dieser heißt BEATALLICA. Die vier Amis stellen die perfekte Sym¬ 
biose dar aus oben genannten Bands, aus Pop und Metal und Me¬ 
lodie und Härte. Das Beeindruckende ist, wie Jaymz Lennfield, Grg 
Hammettson, Kliff McBurtney und Ringo Larz es schaffen, in ih¬ 
ren Songs die eigentlich gegensätzliche Musik zu verschmelzen und 
dabei Markenzeichen, Riffs und Hooklines beider Bands in Ein¬ 
klang zu bringen. Das Resultat sind höchst unterhaltsame, manch¬ 


mal recht punkige Songs wie „Blackened the USSR“, „The thing that 

should not let it be“, „Leper Madonna“.and justice for all my 

loving“ oder „Sgt. Hetfield’s Motorbreath pub band“, bei denen die 
Titel ebenso wie die Pseudonyme wohl für sich sprechen. Dazu gibt 
es exklusiv vier neue Lieder vom Album, das Ende Juni erscheinen 
wird. Eins davon ist an METALLICAs Instrumental „The call of Ktu- 
lu“ angelehnt. Der obligatorische Hammett-Gitarrensolo-Spot wird 
ebenso wie das Basssolo „Anesthesia (Pulling teeth)“ von Cliff Bur¬ 
ton (RIP) aufs Korn genommen. Das aber mit Respekt und viel Lie¬ 
be zum Detail. Die Band zeigt sich spielfreudig, scherzt herum und 
spielt willig vier Zugaben für die vielleicht fünfzig Nasen, die heute 
Abend anwesend sind. Diese danken es den vier in „Sgt. Pepper“-ar¬ 
tige Roben gehüllten Musikern mit regem Headbangen und Tanzen, 
ganz im Sinne der Twist & MoshTour. 

Als Vorband gab es mit DOKTOR ROCK ein Gitarre-Schlagzeug-Duo 
aus Hamburg, das schön rockigen Garage-Rock spielt, der mich ein 
wenig an die EAGLES OF DEATH METAL erinnert. Die zwei Ham¬ 
burger, verhüllt in Kittel, Mundschutz und Haube, schaffen es er¬ 
staunlich gut, in knapp ,2 5 Minuten extrem viele Songs zu packen. 
Das spärliche Publikum will aber anscheinend nur BEATALLICA se¬ 
hen, weswegen nicht mehr als Höflichkeitsapplaus zu erwarten war. 
Schade eigentlich. Arndt Aldenhoven 


CURSIVE, ZAK MC KRAKEN 
& THE EGOSHOOTERS 
10.03.07 Magdeburg, Projekt 7 

CURSIVE, ÖLAFUR ARNALDS 
11.03.07 Berlin, Lido 

CURSIVE auf Deutschlandtour soll man ja nicht verpassen und die 
Gelegenheit war günstig sie im direkten Vergleich mit sich selbst in 
Magdeburg und Berlin zu erleben. Das P7 in Magdeburg war mit 
knapp 200 Leuten proper gefüllt und als Support waren die Lokal¬ 
helden von ZAK MC KRAKEN & THE EGOSHOOTERS am Start. Es 
sollte eigentlich deren Record-Release-Party werden, aber die Plat¬ 
te kam anscheinend nicht rechtzeitig aus dem Presswerk und so war 
bei den Jungs wohl Frustsaufen angesagt. Anders ist die indiskutab¬ 
le Leistung auf der Bühne wohl nicht zu erklären. Selten habe ich 
in letzter Zeit Musiker mit schlechterer Laune gesehen. Was nützt 
es einer Band schließlich, wenn sie aus fünf tollen Musikern be¬ 
steht, aber keine geschlossene Mannschaftsleistung auf die Bühne 
bringt. Ja ja, die Musik heißt hier Emo, aber muss Emotion immer 
selbstverliebt und traurig sein? Ein Sänger, der losgelöst von sei¬ 
ner Band in permanenter Kopfstimme schwebt, und Bandkollegen, 
die sich nur noch den Rücken zudrehen. Nee, Jungs, das könnt ihr 
doch wohl besser. 

Dann CURSIVE, die auf dieser Tour mit neuem Schlagzeuger unter- 



THE DAMNED *THE BOYS 

DIE LOKALMATADORE * POISONIDEA 

DIE WALTER ELF * VOLXSTURM 

THE ADVERTS PLAYED BY TV SMITH 8 THE BORED TEENAGERS 

LOS FASTIDIOS*EL BOSSO 8 DIE PING PONGS 
THE BOONARAAASÜ! * ALPHA BOY SCHOOL 
REZUREX* FRANTIC FLINTSTONES * SÜZY 8 LOS QUAHRO 
ZOMBIE GHOST TRAIN* THE BRIGGS* THE GRIT* IIP TO VEGAS 
STAGE BOTTLES * DEAN DIRG* EASTSIDE BOYS»SHEME-TROUBLE 
SUPERNICHTS - 0UTL4W - THE CRIMSON GHOSTS 



SPERRZONE★ THE 

THE SHOEMAKERS * THE EGYPT1AN GAY LOVERS 
STRONGBOW* AGENT KRÜGER * DIE HABERZETTLS 

Fesüvallickel: VI 30,-Euio inkl. Camping 8 Parken i- w, 

OToMiE41=ä?l!illioia3 


EASTPAK 


II 



OX-FANZINE 129 












LIFE ON STAGE 



ZSK, NOT NOW NOT EVER, KLEINSTADTHELDEN 
23.03.07 Lübeck, Rider’s Cafe 

ZSK lösen sich auf. Unglaublich, aber wahr. Da muss man doch was 
machen. Richtig, und zwar sich ins Auto setzen und zu einem der 
Gigs ihrer Abschiedstour fahren. Die Wahl fiel auf Lübeck und das 
Rider’s Cafe, das ein netter Club mit Galerie für das ältere Publi¬ 
kum ist und an diesem Abend mit circa 300 Menschen fast aus¬ 
verkauft gewesen sein dürfte. Den Start machten die KLEINSTADT¬ 
HELDEN aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Die nennen ihre 
Musik Emo-Punk, haben aber mit Punk so wirklich gar nichts zu 
tun. Es gab eher moderne, melodische deutsche Rockmusik zu hö¬ 
ren, die eine gewisse Radiokompatibilität nicht verbergen kann und 
will. Aber trotzdem konnte man sich dem Charme der vier jugend¬ 
lichen Nachwuchsmusiker nicht wirklich entziehen und es kam so¬ 
gar richtig gute Stimmung im Saal auf Gut gemacht, Jungs. Von de¬ 
nen wird man wohl in Zukunft noch einiges hören. 

Danach Ring frei zur Mosh-Sportstunde mit NOT NOW NOT EVER. 
Hier wurde bester Hochleistungssport und eine sehr gute Perfor¬ 
mance im Synchronspringen und Seitwärtsmoshen geboten. Nur 
leider geht Spontaneität halt anders und Adidas- und Nike-Uni- 
formklamotten haben bei Punk wohl auch nichts verloren. Die 
Musik war moshender Vollindiefresse-Hardcore, der beim Volk so¬ 
gar erstaunlich gut ankam. Im Ohr blieb allerdings nur der „Rodeo 
clown“ von LIFETIME, und das sagt wohl alles. 

Die ZSK-Schlachtrufe wurden immer lauter und entluden sich erst 
in frenetischem Jubel, als Joshi und Co. nach kurzer Umbaupause 
die Bühne stürmten. Meine Herren, was für ein Empfang und das 
von einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt wohl eher unter 20 
Jahren lag. Erstaunlich, aber da hat die Tour mit den TOTEN HO¬ 
SEN wohl Einiges dazu beigetragen. Der jüngste Stagediver war tat¬ 
sächlich ganze 11 Jahre alt und bekam von der Band auf der Bühne 
ein Shirt überreicht. ZSK waren jedenfalls in grandioser Form und 
haben sichtlich jede Minute ihres vorletzten Konzertes ever genos¬ 
sen. So sieht wahre Spielfreude aus und mit einem Entertainer wie 
Hochsprungweltmeister Joshi kann ja auch nichts anbrennen. Ich 
glaube, sie haben auch so ziemlich alle Songs gespielt, die sie so 
spielen können, und sich und den Fans eine fantastische Reise durch 
die letzten zehn Jahre bereitet. ZSK lösen sich auf. Ob sie diese Ent¬ 
scheidung mittlerweile bereut haben? Christoph Lampert 


wegs sind, deshalb nur vierzehn Stücke spielen konnten. Aber die 
hatten es in sich. In bester Spiellaune genossen Tim Kasher & Co. 
sichtlich den direkten Kontakt zum Publikum im P7 und rockten, 
was das Zeug hielt. Zu Beginn gab’s gleich „Dorothy at forty“ und 
dann folgten alle Kracher der aktuellen LP plus einige wenige alte 
Hits. Nach einer knappen Stunde war dann Schluss und CURSIVE 
konnten offensichtlich wirklich keine weiteren Songs spielen. 

Im Berliner Lido waren tags darauf zwar mindestens 100 Leute 
mehr anwesend, aber die konnten die tolle Stimmung in Magde¬ 
burg nicht toppen. Vorprogramm war hier Olafur Arnalds aus Is¬ 
land, der sich mit seinem begleitenden Streichquartett der sehr ru¬ 
higen, sehr langsamen klassischen Komposition verschrieben hat. 
Das Publikum verfolgte die Darbietung durchgehend am Boden sit¬ 
zend, aber mit großem Applaus und erzwang sogar eine Zugabe. 
Man sollte den Booker im Lido für diese Zusammenstellung eigent¬ 
lich steinigen, aber interessanterweise ist Ölafur „Öli“ Arnalds in 
seinem zweiten Leben als Schlagzeuger der isländischen Hardcore- 
Combo FIGHTING SHIT tätig und diese Verknüpfung macht die Sa¬ 
che interessant. Checkt beide MySpace-Seiten und ihr wisst, was ich 
meine. Unglaublich, der Bursche. CURSIVE starteten dann etwas re¬ 
servierter als am Vortag, waren aber gut genug, um das Publikum 
schnell auf ihre Seite zu ziehen. Es ist schon klasse, welche Energie 
die fünf Herren aus ihrer Musik ziehen und dann auf der Bühne ver¬ 
strömen. So sehen gelebte Emotionen aus. Da würden die Hemden 
ordentlich durchgeschwitzt, auch ohne immer das Gaspedal durch¬ 
treten zu müssen. Einfach bester purer Rock aus dem Hause Sadd- 
le Creek. Die Songlist zwar komplett umgestellt, aber natürlich die¬ 
selben vierzehn Songs im Programm. Schade, aber nicht zu ändern. 
„Dorothy“ diesmal als Rausschmeißer und am Ende ein verdienter 
Sieg nach Punkten für Magdeburg. Christoph Lampert 

EIN HAMBURGER IN MÜNCHEN 

Beruflich hat es mich im April für eine Woche von Hamburg nach 
München verschlagen. Alleine in sterilen Business-Hotels die Aben¬ 
de verbringen, war noch nie mein Ding, also stürzte ich mich mun¬ 
ter ins Münchner Nachtleben, was sich ja doch in vielen Momenten 
vom Hamburger unterscheidet. Aber lustig war es allemal... 

10.04.07 SUPERSUCKERS, JETSAIDREADY, 

Kultfabrik Metropolis 

Eddie Spaghetti und seine Mannen diesmal mit vollem Rockpro¬ 
gramm, Akustik-Country-Geschichten blieben zu Hause. Der Sup¬ 
port JETSAIDREADY lieferte ein solides, wenn auch etwas hausba¬ 
ckenes Rock-Set ab. Allerdings stieß das devote Auftreten des Sängers 
(„Danke, dass wir hier spielen dürfen“) an diesem Abend eher ne¬ 
gativ auf. Die SUPERSUCKERS machten es danach besser („We are 
the greatest rock’n’roll band in the world“). Understatement, geh 
kacken. Ein perfektes Konzert der Band mit dem Highlight „Born 
with a tale“ zum krönenden Abschluss. So treten wahre Könner auf. 
Das Münchner Publikum zuerst noch reserviert, taute im Laufe der 
Show auch immer mehr auf und wollte die Band am Ende gar nicht 
mehr gehen lassen. Am Merchandise-Stand durfte Eddie Spaghetti 
dann auch reichlich Autogramme schreiben. Ein negativer Nachge¬ 
schmack blieb trotzdem. 

11.04.07 Bayern München - AC Mailand, Allianz Arena 

An diesem Abend ging es zum Fußball. Champions-League-Vier- 
telfinale zwischen Bayern München und AC Mailand. Auf dem Weg 
zum Stadion gab es nicht ein Bier irgendwo zu kaufen. Auch trank 
niemand der Zuschauer mal ein Bier, nirgendwo lag Leergut her¬ 
um, stattdessen überall berittene Polizei. Sportplatzspaß sieht anders 
aus als das, was man beim Besuch der Allianz Arena erlebt. Drinnen 
dann dasselbe Bild. Nur alkoholfreies Bier, das man nur mit vorher 
zu erstehenden Geldkarten kaufen kann. Zur Strafe verloren die Bay¬ 
ern 0:2 und schieden somit aus dem Wettbewerb aus. Die Mailän¬ 
der Ultras im Block über uns freute es und so ließen sie auch mäch¬ 
tig die Sau raus. 

13.04.07 LOS BANDITOS, BRAINEATERS, Monofaktur 

Mit dem wirklich guten neuem Album „Beat Odyssee“ im Gepäck 
bereisten die LOS BANDITOS die Republik und machten auch in 
München Halt. Die Monofaktur lockte neben dem musikalischen 
Programm auch mit Sonderpreisen für Jägermeister das Publikum. 
Das war nicht in Massen, aber doch ausreichend erschienen. Die ers¬ 
te Band des Abends hatte ich leider verpasst, beim Eintreffen standen 
bereits die französischen BRAINEATERS auf der Bühne. Der Sänger 
zog sich bis auf die Unterhose aus und legte eine coole Iggy Pop¬ 
mäßige Bühnenshow hin. Die Band spielte dazu kernigen Garagen¬ 
punk der gut in Ohr und Bein ging. Danach zeigten die LOS BAN¬ 
DITOS, warum sie zur Speerspitze der deutschen Instrumentalsze¬ 


ne zählen. Äußerst versiert und abwechslungsreich bedienten sich 
die vier bei Surf-, Beat-, Rock- und Soundtrack-Elementen und ver¬ 
mengten diese zu ihrem ganz eigenen Sound. Das war großes Thea¬ 
ter, auch wenn die Zuschauer an diesem Abend doch äußerst reser¬ 
viert blieben — trotz des billigen Jägermeisters. 

15.04.07 NEVADA TAN, Backstage 

Morgens beim Frühstück im Hotel lernte ich zwei Jungs kennen, die 
zur Band NEVADA TAN gehörten. Sie erzählten mir, dass sie abends 
im Backstage auftreten und mich gerne auf die Gästeliste setzen 
würden. Später im Büro las in der Young BamS einen Artikel über 
die Band, in dem diese als die „neuen TOKIO HOTEL“ angeprie¬ 
sen wurden. So ein Teenie-Konzert könnte ja ein großer Spaß wer¬ 
den, dachte ich mir und fuhr pünktlich um halb acht zum Backsta¬ 
ge. Dort war ich zuerst sehr enttäuscht, dass außer der befürchteten 
Münchner Szene-Journaille insgesamt doch recht wenig Publikum 
anwesend war. Doch die rund 200 Kids machten mächtig Alarm. 
Vom ersten Stück an wurde gekreischt, was das Zeug hält. Und die 
Band selber? Der DJ an den Turntables trug das ganze Konzert über 
eine schicke Hasskappe, der Rest sah aus, wie man sich eine Boy¬ 
group so vorstellt. Die Musik? Deutschrock mit HipHop. So was von 
harmlos, dass man auch mit viel Wohlwollen noch nicht mal von 
nett sprechen kann. Später spielten in der Nachbarhalle des Backsta¬ 
ge noch NAPALM DEAJH. Schade, dass die Tickets dafür nicht auch 
noch galten. Da hätten die Kids echt was lernen können. 

Abel Gebhardt 


MAXIMO PARK, PANDA 
10.04.07 Berlin, Lido 

... und wir wollten vorher noch Wetten abschließen, ob und — wenn 
ja, wie viele - kreischende Teenager wohl bei MAXIMO PARK vor 
der Bühne stehen würden. Nur soviel vorweg: es waren ihrer nicht 
wenige. Doch vorher langweilten noch die Berliner Lokalmatado- 
re von PANDA. Eine total nervende Berliner Göre am Mikrofon, die 
mit ihrem kreischenden Piepsgesang eine ernste Gefahr für mei¬ 
ne Plomben darstellte, und drei Jungs um sie herum, die sich lei¬ 
der nicht wesentlich von der Stelle bewegten. Zugegeben, der Ber¬ 
liner Akzent konnte einen schon manches Mal zum Grinsen brin¬ 
gen, und auch der Drummer wusste zu überzeugen, aber unterm 
Strich war die mannschaftliche Gesamtleistung eher durchschnitt¬ 
lich. Dann Licht aus und in den ersten Reihen des voll besetzten Ber¬ 
liner Lidos brach die kollektive Massenhysterie aus. Ich persönlich 
habe ja noch nie ein Konzert mit 95 Prozent Mädchenquote direkt 
vor der Bühne gesehen, aber so ähnlich muss es wohl auch bei je¬ 
der Boygroup zugehen. 

Umso überraschender dann der Gig von MAXIMO PARK. In bes¬ 
ter Spiellaune rotzten die Briten einen Hit nach dem anderen raus 
und präsentierten sich in großer Form. Ich bin kein Fan ihrer Al¬ 
ben und kann den Hype nicht wirklich verstehen, aber live war das 
schon große Klasse. Sänger Paul Smith gönnte sich keine Sekunde 
Pause und sprang wie ein aufgezogener Brummkreisel von einer 
Bühnenseite zur anderen. Ich denke, der hat seinen Bowler an der 
Frisur festgeklebt, denn anders kann das Teil bei diesen Energieaus¬ 
brüchen auf dem Kopf eigentlich nicht halten. Keyboarder und Gi¬ 
tarrist taten ihr Bestes, um da mitzuhalten - und einzig die Rhyth¬ 
mussektion blieb ein wenig zurückhaltender. Wären nur die vergos¬ 
senen Schweißmengen der Maßstab, dann hätte dies auch eine gro߬ 
artige Punkshow sein können. Es gab dann auch alle Songs der bei¬ 
den Alben zu hören und nach 90 Minuten Feuerwerk war der Spaß 
zu Ende. MAXIMO PARK live? Gerne wieder und wenn schon Pop¬ 
musik, dann bitte so energisch vorgetragen wie hier. 

Christoph Lampert 


M.O.T.O., SCIENTISTS 
19.04.07 Freiburg, Walfisch 

„Two, four, six, eight“, kommen die ersten Worte, aus dem Mikro 
von Paul Caporino. Und los geht’s mit Garagen-Punkrock’n’Roll-Di- 
amanten aus 26 Jahren MASTER OFTHE OBVIOUS. Das erste Stück 
„2, 4, 6, 8“ von der neuesten Platte „Raw Power“ macht den An¬ 
fang, gefolgt von Titeln wie „Chocking on your own vomit“, „I hate 
my fucking job“, und der neuen genialen P.trash-Single „Climbing 
up the Eiffel Tower“. Ungeschliffen, poppig, punkig und mit viel 
Spaß geht es bei „We are the rats“ und „I’m not giving up un- 
til you mind“ richtig gut ab. Paul wird noch eine ganze Weile sei¬ 
ne Songs mit „One, two and go now“ ansagen, bevor es irgend¬ 
wann zu viel wird. 

Nach kurzer Umbaupause geht es ohne viel Klimbim weiter. Mit 
dem ersten Ton von „Swampland“ sind THE SCIENTISTS in klassi¬ 
scher Besetzung - Leanne Cowie ersetzt seit 1993 Brett Rixon an 


/JOACHIMS KLEINE KONZERTKOLUMNE 



29.03.07, GANG GREEN Bochum, Zwischenfall: Bei der letzten Tour vor Jahren war es echt leer, 
diesmal der Zfall so voll wie in den Neunzigern, das Publikum entweder ganz alt oder ganz jung. Die 
Bostoner in Höchstform, fein! 

30.03.07, Sunny Bastards-Festival, Mülheim/Ruhr, Jetleck: Es spielten auf: EMSCHERKUR- 
VE77, 4 PROMILLE, BOWER BOYS, URBAN REJECTS, DOWN THE DRAIN und WIENS NO.l Das Publi¬ 
kum: Punks und Skins united, Oi! Oi! Oi! Lustig: Der schwule Saunaclub im Kellergeschoss des Clubs. 
31.03.07, MDC, Düsseldorf, AK: Die perfekte Band für einen entspannten Abend in Düsseldorf bes¬ 
ter „Location“ für Konzerte. Billiges Bier ohne Ende, viele alte Bekannte, Lehrer treffen ihre Schüler, und 
Dave Dictor und Co. heizen das AK auf, bis das Wasser von der Decke tropft. 

03.04.07 SHINS, Köln, LMH: Furchtbare Vorband, Name vergessen. Dann die mächtigen SHINS, und 
die waren himmlisch gut, der'Saal sowohl bei den alten wie den neuen Songs ergriffen. 

12.04.07 ASTA KASK, Köln, Sonic Ballroom: Die Schweden hatte ich in den letzten Jahren im¬ 
mer verpasst, jetzt bliesen sie Usclü und mich völlig weg, so druckvoll und mitreißend spielten sie ihre 
Hits. 

19.04.07 THE CHURCH, Krefeld, Fabrik: Die Australier stoßen auf ein Publikum, das sie auch 
vor 20 Jahren schon gesehen hat. Gut sind die straighteren, etwas zäh die psychedelischen Songs. Trotz¬ 
dem: Schön! 

20./21.04.07 Roadburn-Festival, NL-Tilburg, 013: Die Redaktion im kuschligen Mini-Bunga¬ 
low im Freizeitpark, Alkohol schon am Nachmittag - Tilburg, war kommen! Im besten Rock-Club der 
Welt (kein Scherz!) ein perfekt organisiertes Festival für Leute, die gerne schwarz tragen. Highlights: 
ON TRIAL, BLUE CHEER, BIG BUSINESS und die mächtigen MELVINS in unfassbarem Dolby Surround- 


Sound. Am Samstag dann HIDDEN HAND, RED SPAROWES, PELICAN und die absolute Krönung: NEU- 
ROSIS. Unfassbare Dynamik, Musik wie einen Sturmflut, hinter der Band Projektionen im Kinoformat 
- wir sind hingerissen. Fazit: Bestes Festival ever, Killer-Club, kein nerviger Pöbel. Nächstes Jahr kom¬ 
men wir wieder! 

24.04.07 PERE UBU, Essen, Zeche Carl: Keine Vorband, Anfang verpasst, aber nicht „Sonic re- 
ducer“.Yeah! David Thomas zweifelt an seinem Verstand, als er plötzlich zwei Flachmänner in der Hand 
hält. Einer aus dem Publikum gesteht-schließlich. 

28.04.07 Fiendforce-Festival, Solingen, Cobra: Es ist heiß, die Schminke verläuft, doch ansons 
ten passt alles bei der Sitzung des Karnevals Vereins Ghoultown. DEEP EYNDE, SHADOW REICHENSTEIN 
und Co. spielen auf, ca. 666 Besucher. 

05.05.07 NOMEANSNO, Mülheim/Ruhr, AZ: Alte Männer groß in Form. „The river“ reißt mich 
mit. Nicht schön: der halbnackte RobWright bei der Zugabe. 

10.05.07 SHOCKS, Düsseldorf, AK: Musikalisch eine exzellente Band, nur leider auch genauso 
gute Shoegazer. Stimmung! 

11.05.07 BOONARAAAS!!!, Düsseldorf, Pretty Vacant: Schon bei den KIDNAPPERS wird die 
Sauna eröffnet, bei den Damen dann schmilzt man nicht nur vor Charme dahin ... 

18.05.07 SUBHUMANS (UK), Düsseldorf, HdJ: Nietenkaiser galore vor dem HdJ, das „Bier“ ist 
warm und eklig, aber,Dick Lucas und seine SUBHUMANS können alles. Traumhaft gut! 

19.05.07 NO SHAME, Düsseldorf, AK: FUNERAL MARCH sind eine respektable Vorband, doch die 
Finnen blasen sie imd das Publikum einfach an die Wand. Killerband! 

Joachim Hiller 


OX-FANZINE 130 












LIFE ON STAGE 



STEAKKNIFE, TEAM TYSON 
14.04.07 Berlin, Schokoladen 

STEAKKNIFE nach langer Zeit mal wieder aufTour, da setzt man sich 
doch wohl ins Auto und fährt ein paar Meilen mehr durchs Land, 
um dem Spektakel beizuwohnen. Ausgewählt wurde der sympathi¬ 
sche Schokoladen in Berlin, der dann - auch wie erwartet - fast aus 
allen Nähten zu platzen drohte. Den Auftakt machten TEAM TYSON 
aus Berlin und die machten ihren Job mehr als nur gut. Eine halbe 
Stunde lang gab es Highspeed-Punk VRoll vom Feinsten zu hören, 
so dass ein Support für STEAKKNIFE überhaupt nicht besser gewählt 
werden konnte. Das Publikum forderte Zugabe und das Quartett gab 
dann auch noch „Bloodstains“ zum Besten. Als die Band uns hin¬ 
terher erzählte, dass dies ihr erster Auftritt gewesen war, wollte uns 
glatt die Kinnlade runterklappen. Aufpassen, da kommt sicher noch 
was Großes auf uns zu. 

Das letzte Lebenszeichen von STEAKKNIFE liegt schon einige Jahre 
zurück, und dann legen uns die Herren um Sänger Lee Hollis mit 
„Parallel Universe OfThe Dead“ ein solches Granatenalhum vor. Die 
Erwartungen waren also hoch geschraubt, aber da braucht man sich 
bei STEAKKNIFE keine Sorgen zu machen. Ab dem zweiten Song 
setzte sich vor der Minibühne im Schokoladen eine kollektive Mas- 
scntanzwoge in Bewegung, bei der Band und Publikum sichtlich 
Spaß miteinander hatten. Die alten Herren spielten ein buntes Best- 
Of aller vier Alben und der tobende Mob trieb sie zu immer neuen 
Höchstleistungen an. Bassist Hell-G war dann schließlich auch nicht 
mehr zu halten und ließ sich bei „It s my life“ - zur Verwunderung 
seiner Mitstreiter - quer durch den Raum tragen. Lee war in toller 
Form und wie immer einer der großen Entertainer auf den Brettern, 
die den Punk bedeuten. Nur auch er musste der harten Gangart Tri¬ 
but zollen und so war dann nach 25 Hits und fünf Zugaben endgül¬ 
tig Feierabend. Auch wenn das Volk die Band nicht von der Bühne 
lassen wollte, gab es keine weiteren Songs, und jetzt heißt es warten, 
bis die nächste Tour STEAKKNIFE wieder in die Hauptstadt führt. 

Christoph Lampert 


den Drums -TonyThewlis, Boris Sujdovic, Kim Salmon im Walfisch 
angekommen. Die Salmon sehe Lebensmaxime, alles einfach zu hal¬ 
ten, wird auch live eingehalten. Wenig Worte, wenig Drumherum, 
einfach nur die Songs krachen lassen. Nörgler würden nörgeln, dass 
das wortkarge souveräne Umsetzen der Songs mit gelangweilter Ab¬ 
zocke seitens der Band gleichzusetzen sei. Das ist bei Salmon und 
Co. kompletter Bullshit, denn der Sound, in den späten 70ern ge¬ 
schaffen, hat in den 90ern und bis heute so viele Bands von MUD¬ 
HONEY und NIRVANA bis zu den DRONES inspiriert, dass die Da¬ 
seinsberechtigung der SCIENTISTS mindestens damit erfüllt ist. Mit 
dem Band-Überhit „Swampland“ anzufangen, zeugt von Selbstbe¬ 
wusstsein, auf eine lange Liste an genialen Songs zurückgreifen zu 
können. Lieder wie „Revhead“, „Blood red river“ und „The spin“ 
auf Platte zu hören, ist schon geil genug, aber zu sehen, wie sie 
handwerklich gemacht werden, über trifft alles. Die Songs entste¬ 
hen aus dem immer selben Stoff und sind in ihren Ausartungen von 
sehr langsam („Backwards man“) bis noisig („We had love“, „Clear 
spot“), dazwischen bluesigere und rockigere Variationen, immer 
anders. Den Sound, der Kurt Cobain genauso begeistert und inspi¬ 
riert hat wie Thurston Moore und Jon Spencer, in seine Einzelhei¬ 
ten zu zerlegen, hilft nicht beim Versuch einer Beschreibung. Einfa¬ 
che heftige Drums und Ein-Akkord-Bassläufe als Rhythmusgrundla¬ 
ge, Zwei-Akkord-Gitarrenwände drüber und fertig. 

Bei genauem Hinhören ist es dann komplexer als es sich auf Papier 
liest, zumal Kim Salmons Gesang markant und mitreißend ist. Wie 
es sich für einen Basser gehört, bollert Boris Sujdovic in der Büh¬ 
nenecke, als ob ihn das alles nur am Rande was angehen würde und 
er nix dafür kann. Drummerin Leanne Cowie bearbeitet die gro¬ 
ße Tom und die Bassdrum mit kurzen trockenen Schlägen schein¬ 
bar mühelos wie ein Uhrwerk und sorgt für den unnachahmlichen 
Rhythmus. Mit einem Haarschnitt, der in den 60ern bei soliden Bür¬ 
gern den Beat-Horror ausgelöst hätte, heute auf jeder Beamtenstube 
zu sehen ist, und dazu passendem roten Hemd entlockt Tony Thew- 
lis seiner Gitarre nie enden wollende Verzerrungen. Neben Kleinig¬ 
keiten, wie die Feedback-Völldröhnung in „Backwards man“ mit 
Hilfe eines gläsernen Wasserkruges an den Gitarrensaiten zu erzeu¬ 
gen, sorgt er mit Kim Salmon kongenial für die mehrschichtigen Gi¬ 
tarrenlagen. Und Kim Salmon himself? Ja, wie hat man sich so Leu¬ 
te vorzustellen, die seit 30 Jahren in verschiedenen Bands prägend 
Musik gemacht haben? Unauffällig, schmächtig, ruhig, sorgfältig 
geschnittene kurze Locken und Bärtchen, anthrazitfarbenes Hemd, 
graue Hose und eine Seele voller Songs, die er auf der Bühne voll 
ausschüttet. So ruhig er abseits der Bühne erzählt und sich bewegt, 
so heftig entlädt er sich beim Singen der Songs. Neue Songs gibt es 
keine zu bestaunen, aber der Backkatalog reicht ja erstmal. „This is 
my happy hour“, nimmt man Salmon insgesamt zwar nicht ganz ab, 
aber Spaß gemacht hat es trotz reduzierter Dezibel nicht nur vor der 
Bühne und mit den beiden Zugaben „Murderess in a purple dress“ 
und „If it is the last thing I do“ geht’s zufrieden nach Hause. Nach 
dem Comeback 2006 auf dem ATP-Festival und der daraus entstan¬ 
denen Live-CD „Sedition“ der Beweis, dass THE SCIENTISTS zurück 
sind. Fragt sich nur, für wie lange. Matilda Gould 


VOODOO GLOW SKULLS, DAWSON’S CRACK, 

GROWN AT HOME 

23.04.07 Mönchengladbach, Projekt 42 

Ein schöner Abend für Ska-Freunde. Im gewölbeartigen Projekt 42 
in der Mönchengladbacher Partymeile spielten als Erstes die sechs 
blutjungen Londoner GROWN AT HOME, allesamt in schwarze Di- 
ckies-Montur gehüllt, Skapunk zwischen MAD CADDIES und RX 
BANDITS. Der Trompeter und der Saxophonist glänzten durch gute 
Soli und der Sänger kam charismatisch und agil rüber. Nur der Gi¬ 
tarrist hatte einen schlechten Tag erwischt, technische Schwierigkei¬ 
ten und gerissene Saite blieben ihm nicht erspart. Der Sound war in 
dieser komischen Gruft leider auch nicht wirklich bombig, da vor 
allem das Schlagzeug penetrant nachhallte. 

Danach enterte eine Band die Bühne, die an Witz und Schönheit 
nicht zu übertreffen war: DAWSON’S CRACK. Die sieben Jungs aus 
der Nähe Kölns hatten mächtig Hummeln im Hintern, sprangen 
und rockten sich durch ihr Set, das größtenteils aus Songs ihres De¬ 
bütalbums „Martial Farts“ (Großartiger Titel, warum ist da vorher 
niemand darauf gekommen?) bestand. Vor allem der dicke Gitarrist 
gab mächtig Gas und der nicht minder dünne Sänger J-Cock (ja, ja 


...) zeigte sich humorvoll und lachte die einheimischen Fans da¬ 
für aus, dass sie sich sogar den fünfzigsten Gig seiner Gruppe ansa¬ 
hen. Dabei war die Mischung aus LESS THAN JAKE, MAD CADDIES 
und BLINK 182-Spaßpunk sehr unterhaltsam. Am Ende spendierte 
Mr. Cock dem Publikum, das an diesem Abend leider etwas spärlich 
angereist war, noch eine Runde Ekelporno-DVDs. Höchstens hun¬ 
dert Mann ließen sich an diesen warmen Frühsommerabend mit be¬ 
scheuerter Ska-Musik zulüllen. 

Für die sympathischen Chaoten VOODOO GLOW SKULLS, die man 
vor dem Konzert gemütlich vorm Club beim Skaten antraf, stellte 
das keine Demotivation dar. Die Band um Sänger Frank „Kartoffel¬ 
kopf ‘ Casillas und seine zwei Brüder ließ sich nichts anmerken. Mit 
Wrestlermaske und „Human pinata“ eröffneten die sechs gleich mit 
Vollgas das anderthalbstündige Set. Und siehe da: Das anfangs zu¬ 
rückhaltende Publikum zeigte nun richtigen Enthusiasmus. Die feh¬ 
lende Trompete fiel nicht sonderlich ins Gewicht. Hits der Marke 
„Delinquent song“, „Bulletproof’ oder „Baile de los locos“ fehlten 
nicht und machten klar, dass man auch noch nach mehr als 15 Jah¬ 
ren Bandgeschichte das Maß in Sachen ultrabrutalem Skacore dar¬ 
stellt. Zudem gab es CDs für 10 und T-Shirts für 12 Euro, was ein 
mehr als fairer Preis ist. So muss das sein! Arndt Aldenhoven 


TRENCHER, SCOTCH EGG 
04.04.07 Wien, Fluc 

Ein Verrückter, der mit einem Gameboy musiziert und eine HC- 
Band, die mit Synthie anstatt des üblichen Gitarrenbreis anrückt: 
Zwei gute Gründe aus England, sich die Nacht um die Ohren zu 
schlagen. Kurz nach Mitternacht serviert SCOTCH EGG einem 
Gameboy entlockte, piepsig-fiepsige Melodien über ultraschnel¬ 
le, hammerharte Beats. Dazu verzerrteste Vöcals, nette Breaks so¬ 
wie arhythmischer, vertrackter Krach von der Festplatte. Ein beein¬ 
druckender Anblick, wie dieser kleine Mann das Noise-Inferno per 
Taschenspielkonsole steuert & ordentlich abrockt. Danach das Trio 
TRENCHER mit kurzen, schnelle Songs derThreeOneG-Schule: Mu¬ 
sik, die herausfordert, polarisiert und - nomen est omen - Gräben 
zieht. Tiefe, derb verzerrte Bassklänge wühlen in der Magengegend 
herum, während der Mann am Casio diesem kleinen Gerät Klänge 
entlockt, die sich durch alle Gehirnwindungen fräsen und jede Sy¬ 
napse einzeln zum Glühen bringen. Mit einem wunderbaren Ver¬ 
ständnis für Struktur verpacken sie die Songs in ein herrliches, ge¬ 
schickt vertracktes Chaos. Des Öfteren fühlte ich mich an PG99 er¬ 
innert; ich glaube die hätten so geklungen, wenn sie mit Synthesi¬ 
zer anstatt Gitarren gespielt hätten. Sehr gut gemacht, das Ganze! 
Hardcore, Grindcore, surreal organisiertes Chaos, Post-Irgendwas: 
Eine Verhöhnung nicht nur der existierenden Rockmusiklandschaft, 
sondern auch unserer banalen Welt. Eine Grenzerfahrung. 

Konstantin Hanke 


MONSTERS, MAD MULLAHS 
09.03.07 Köln, Tsunami Club 

Erstaunlich früh wache ich auf am nächsten Morgen, was vor allem 
daran liegt, wie ich mich fühle. Nicht das in großzügigen Schlucken 
genossene Bier ist schuld, welches ich dank meines Kollegen Cars¬ 
ten sogar noch über meine finanzielle Grenze hinaus weiter trinken 
durfte. Auch nicht die ungefähr vier normalen Zigaretten ohne ir¬ 
gendwelche Stimulanzien darin, die ich, obwohl Nichtraucher, in¬ 
haliert hatte. Kein Kater, alles im grünen Bereich! Nur leider fühle 
ich mich wie der wichtigste Teilnehmer einer üblen Acht-gegen-ei- 
nen-Keilerei. Derjenige, den die anderen brauchten, um ordentlich 
auf ihre Kosten zu kommen. Ist es denn wirklich notwendig, sich als 
alter Mann, der stramm auf die 40 zu rennt, bei einer Band wie THE 
MONSTERS Zweidrittel des Konzertes durch die ersten dmi Reihen 
schubsen zu lassen? Dass ich nicht umgefallen bin, lag daran, dass in 
dem Gewühle und Exessivpogostakkatoslam kein Zentimeter Platz 
gewesen wäre, um hinzufliegen. Wer fallt, wird nicht mehr auftau¬ 
chen, soviel war mir klar. 

Ja! Ja, es ist notwendig, denn die Schweizer Band um den Beat-Man 
entfacht im restlos ausverkauften Tsunami Club einen ebensolchen. 
Alle geben sich vollkommener Ekstase hin, egal, ob auf oder vor der 
Bühne. Der Schweiß tropft von der viel zu niedrigen Decke und die 
armen Roadies haben alle nur erdenkliche Mühe, die beiden Stand¬ 
boxen in ihrer Position zu halten. Mag' sein, dass s 'm Mob liegt, 


der permanent dagegen knallt, mag aber genauso gut sein, dass die¬ 
ses Inferno, welches aus den Boxen donnert, dafür verantwortlich 
ist. Das Gesamtwerk der Veröffentlichungen auf Voodoo Records 
kann ja schon für sich beanspruchen, zu dem Besten unserer Zeit 
zu gehören. Doch als ob das nicht genug wäre, hat schon im letzten 
Jahr auf meiner persönlichen Liste der besten Konzerte eine Band 
dieses Labels den Sieg einfahren können. Im Mai diesen Jahres wird 
es nun eng für ZENO TORNADO & THE BONEY GOOGLE BROT¬ 
HERS, ihren Platz zu behaupten, die Latte wurde vom Boss an die¬ 
sem denkwürdigen Abend bereits sehr hoch gehängt. 

Wer aufmerksam die Überschrift gelesen hat, dem ist aufgefallen, 
dass im Vorprogramm noch die Kölner MAD MULLAHS auf den 
Brettern standen. Da die Räumlichkeiten des Tsnumai Clubs keine 
Sicht auf die Bühne zulassen, sofern man nicht in vorderster Reihe 
mitkämpft, musste man mindestens 2,10 sein, um vom Geschehen 
etwas mitzubekommen. Zumindest dann, wenn man sich noch im 
hinteren Teil des Ladens dem Gespräch und dem Bier widmen woll¬ 
te. Ich bin leider nur 1,80. Erstaunlich allerdings, dass der wagemu¬ 
tige Sänger das komplette MONSTERS-Konzert hindurch bei jenen 
dort herrschenden Temperaturen die Perücke aufgelassen hat. Meine 
Hochachtung. Claus Wittwer 

KSM40, ABLÄRM,,GUILLOTINE, KLEBEBAND 
31.03.07 Köln, Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“ 

Ferienanfang, ab nach Köln. Unterwegs bin ich mit Hermann und 
Max von KLEBEBAND. Wir fahren mit dem Zug nach Köln, und 
kaum sind wir gegen sechs Uhr abends angekommen, fange ich 
auch schon an, endlos Bier in mich reinzuschütten. Zwischendurch 
gehen wir in die Innenstadt, um uns schöne Asi-Unterhemden zu 
kaufen, die wir noch schnell anziehen, bevor KLEBEBAND anfangen, 
damit durch diese klar erkennbar ist, dass ich als Roadie zur Band 
gehöre. Als es dann losgeht, trifft mich fast der Schlag. Ich wuss¬ 
te ja, dass Hermann mit seinen sechzehn Jahren besser Schlagzeug 
spielt als ich Holzhacker, aber als die zweiköpfige Band anfängt, ihr 
HC-Black Metal-Gemisch durchzuknüppeln gibt es wohl keinen im 
Raum, der nicht ungläubig über das Wahnsinnstempo des singen¬ 
den Schlagzeugers staunt, der dabei noch brüllt und grunzt wie ein 
zwei Meter großer Fleischermeister. Ich brülle auch fleißig mit, ob¬ 
wohl ich die Texte nicht kenne. Aber außer Max’ geschrieenen Pas¬ 
sagen versteht man ja sowieso nix. Übrigens fallt es vom Sound her 
gar nicht auf, dass die zwei keinen Bassisten haben. 

Höllenkrach, nach einer halben Stunde ist schon wieder alles vorbei, 
und von GUILLOTINE kriege ich gar nichts mit, weil ich einfach viel 
zu besoffen bin. Ich habe mir aber sagen lassen, die seien zwar ganz 
gut gewesen, nur hätten sie zu viele politische Ansagen gemacht, 
deren Aussage eigentlich für eine Punkband überflüssig, weil selbst¬ 
verständlich sein sollten. Als ich irgendwann aus dem Koma erwa¬ 
che, spielen gerade ABLÄRM und KSM40 immer abwechselnd ein 
paar Lieder, und trotz dicken Nebels zwischen der Bühne und mei¬ 
nem Bewusstsein, befinde ich, dass der Schrei-Hardcore-Trash bei¬ 
der Bands schon gut abgeht. Den Leuten scheint es auch zu gefal¬ 
len und ein paar Mal wird sogar gepogt, was bekanntermaßen bei 
solchen eher unbekannten Bands leider oft nicht der Fall ist. Später 
werden Max und ich noch in ein Gespräch mit einem etwas dogma¬ 
tischen Veganer verwickelt, der uns nach unseren Pro-Fleisch-Aus¬ 
führungen ein entrüstetes „Es geht einfach um Respekt vor Leben!“ 
an den Kopf wirft und empört wegstampft. Der hätte uns wohl ger¬ 
ne verhauen, aber was soll er denn machen mit seinen Tofu-Ärm¬ 
chen? Insgesamt und überhaupt war es ein richtig geiles Konzert 
mit allem, was dazu gehört! Tobias Weber 

DYSE, MEN KILLING MEN 
29.03.07 Wien, EKH 

Zunächst spielen in düster-ästhetischer Kelleratmosphäre die Öster¬ 
reicher MEN KILLING MEN, die als Trio soliden Schrei-HC bieten. 
Schöne Instrumentalpassagen und immer wieder mal nette Rhyth¬ 
musspielereien sorgen für etwas Abwechslung in einem sonst eher 
bekannten, uninspirierten Klangraum. Der Sound ist auch scheiße, 
deswegen wirkt es an einigen Stellen recht unausgegoren. Insge¬ 
samt aber okay. Bei DYSE passt dann irgendwie alles: Songs. Sound, 
Show - alles vom Feinsten. Die zwei sympathischen Thüringer er¬ 
zeugen nur mit Schlagzeug und Gitarre einen unglaublich dichten, 
druckvollen Sound. Hier und da lugen SHELLAC um die Ecke und 
in brachialeren Momenten fühle ich mich an FLUID erinnert, aber 
im Ganzen sind DYSE doch sehr eigen. Ihr Equipment haben sie so 
platziert, dass sie sich direkt gegenüberstehen und diese sichtbar 
gemachte Interaktion ist dann auch in ihrem Spiel deutlich zu mer¬ 
ken, es passt einfach alles: jeder Ton, jeder Schlag, jedes Fill, jedes zu¬ 
sätzlich erzeugte, scheinbar zufällige Geräusch hat seinen Platz und 
seine Daseinsberechtigung. Der Drummer, der sich körperlich to¬ 
tal verausgabt, avanciert mit seinem extrovertiertem Spiel und Auf¬ 
treten eindeutig zum Frontmann der Combo. Interessant auch, dass 
dem gesamten Konzert Talkshow-Gelaber unterlegt ist, was beson¬ 
ders in Pausen innerhalb der Songs und in ruhigeren Passagen äu¬ 
ßerst wirkungsvoll zur Geltung kommt. Tolles Konzept, tolle Band. 

Konstantin Hanke 


SMACKDOWN, TATORT TOILET, KSM40 
01.05.07 Gießen, AK44 

Besuch aus dem Porzer Ghetto! Da muss man sich sehen lassen. Da 
dieses Konzert gewissermaßen ein Gegenbesuch von KSM40 war 
(unser Besuch in Köln ist auch hier im Ox nachzulesen), war ich 
wieder mit Max und Hermann unterwegs. Natürlich wieder im Asi- 
Unterhemd. Es fing an mit TATORT TOILET, die mit ihren Hornbril¬ 
len und Sixtl .s-Frisuren wie die typischen Studenten von heute äus- 
sahen und .‘igentlich genauso klangen wie die HIVES. Da wir die¬ 
ses nicht allzu erotisch fanden, gingen wir lieber nuchmal um die 
Ecke ins Sowieso ?m Bierchen trinken. Dadurch verpassten wir lei¬ 
der das ers*e d von KSM40, lauschten dem Rest des Auftrittes 
aber mit Vei zückung. Wenig überflüssige Ansagen, viel musikalisch 
auf die Fresse. So muss das sein. Die drei Jungs haben live echt Ener¬ 
gie. Schöner „Posicore“ mit anständigen Texten. Zum Schluss wur¬ 
de sogar nur für uns drei eine Zugabe nachgelegt, da wir die Ein¬ 
zigen waren, die eine solche verlangten. Am Merchandising-Stand 
verkaufte lustigerweise der Veganer, dessen Bekanntschaft wir schon 
in Köln gemacht hatten. Der erwies sich aber als gar nicht so übel, 
weshalb es mir schon wieder ein bisschen Leid tut, was ich über ihn 


OX-FANZINE 131 






BEffifa 


THE FESTIVÄIIPVH VOL/I 


FOB MOB®] 


•TICK®$i 


%3 + TEE BUSINESS + TOWER BLOCKS + STAGE BOTTLES + TEE VOICE + GERM ATTACKS + BLAGGERS + SOIFASS 


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13.09. Franfurt a. M. Batschkapp (Gennany) 1 Saarbrücken Garage (Germansj&Jq.t 

21.09. Dresden Reithalle (Germany) ! 22.09. Berlm 4 SO 36 // Popcorn Jhowease (GmnajhyMj 
25.Ö9. Wien Arena (Austria) JÄ0O9. München Backsj^gg^jsennany) | 30.09 Ha? 
05.10. Jena - Fhaus (Germany) j 06 Jo. EsÄ - Fpn Box AinjuieTGermany) | 07.10. Schwei 


INIOS: WWW. H,K LI .ONE A RTHTO U {*. 1 WVVW.MYSFAC^pÖM/HELLONEARl H 1 OUR 


wmm 


17.06. Biddinghuizen - Heids 01 Rock (NU 
19.06. Zürich - Hallenstation (CH) - KORN 
23.06. Mannheim - Feuerwache Mannheim 
2S.06. Wergei-Komma (A) 

27.06 Prague-Bock Cafe (CZE) 
29.06. Rot^schiora - With Full Force 
30.06. Münster-Vamstreiin Festival 


02.08. Frankturt a. M. - Nachtleben 
03.08. Wacken - Wacken Open Air 
04.08. Leisnig - Sucks n Summer 
11.-12.08. Bad Berka - Party San Open Air 
16.08. Dinkeibühl - Summer Breeze 
26.08. München - Free and Easy 




STIUJNGQM 


30.06. Roitzschjora - With FuO Force 
13.07. Rotterdam - Waterfront 
14.07. Herk - De - Stad - Rock Herk 


v 24.06. Herne - Pressure Fest 
26.06. München - Backstage- MAR00N 
29.06. Roitzschjora - With Full Force 


22.07. Halbinsel Pouch - Back To Future Festival 
26.07. Trondheim - Storasfestivalen (NOR) 
03.08. Lindesberg - Augustibuller Festival (SWE) 
10.08. Heilbronn - Stereo Total 


15.06. Sittard - FeniK 
18.06. Hamburg - Hafenklang 
19.06. Marburg-KFZ 
20.06. Bielefeld - Movie 
21.06. Hannover - Musikzentrum 
22.06. Weinheim - Cafe Central 
26.06. Lindau - Club Vauderville 
27.06. Augsburg - Kantine- SW0RN ENEMY 
02.07. Berchtesgaden - Kuckucksnest 
12.07. Köln-MTC-ZERO MENTALITY 


04.08.Leisnig-Sucks n Summer 
17.08. Freiburg-Cräsh 
25.08. Varsselder - Huntenpop 
26.08. Rotterdam - Baroeg Open Air 


23.06. Herne - Pressure Festival 
30.06. Roitzschjora - With Full Force 
02.07. Hohenems - Event Center (AUS) - KORN 
03.07. Lindau - Club Vauderville - TERROR 
06.07. Saarweliingen - Rock Well Festival 
07.07. Bonn-Rheinkultur 
12.07. München - Backstage 
14.07. Nürnberg-Z-Bau 
31.08.Hamei-loch n’Roll 
09.09. Münster - Skater Palace 
14.09. Berlin-SO 36 






MORE BANDS 0N TOUR: 


FOR AU TOURDATES AND ALI RANDS WE HAVE G0 T0 WWW.MAD-T0URR00KING.DE AND CHECK THE TOURDATES SECTION! 


// MAD TOl’RBOofrNG PRESENTS' - ■~<T’ A\ 

C C 5 HELL ON EARTH TOUR O ) 

■CT 


FEATÜRIN& 

+ ALL BANDS OF 2005 
+ ALL BANDS OF 2006 ** 

+ TONS OF BONUS MATERIALS 
+INTERVIEWS 
+ MANY MORE 


TICEETStBBBSKLES STARTS IN J.ULY«07, 
TfESßETSic fl’-" r? f " 
• jjlSiSR ijEBLY.UE 
WWW. GOBETE X«BEGOR l>S. COM 


RELEASE DATE 

JIJLY 07 


MAD T0URB00KING PR0U0LY PRESENTS 


30.06. Münster - Vainstream Festival 
01.07. Roitzschjora - With Full Force 
02.07. Frankfurt a. M. - Nachtleben 
31.08. Lichtenfels - Rock My Ass Festival 
01.09. Hameln - lech N’ Roll Festival 
21.09. Berlin-S036 
25.09. Dresden -t. b.a. 

12.10. Osnabrück - N8 // Rock n’ Roll Hell Festival 

12.08. Berlin-Cassiopeia 
15.08. München - Backtage 


15.06. Trier - Summer Blast Fest 
16.06. Arnheim - The Stage (NL) 

21.06. Hannover - Musikzentrum - WALLS 0F JERICHO 
24.06. Herne - Pressure Fesstlual 
25.06. Freiburg-Atlantik 
26.06. Schweinfurt - Alter Stadtbahnhof 
27.06. Augsburg - Kantine- WALLS 0F JERICHO 
30.06. Roitzschjora - With Full Force 


0 Df lt §\\ Poison Iclea /flAD BIVVV. 


WALLS,. 

JERICHO 


HTTP://WWW.MAD-T0URB00KING.DE 

















LIFE ON STAGE 


CULT OF LUNA 
17.04.07 Marburg, KFZ 

Es ist bis dahin ein eigentlich echt lauer Frühlingsabend am 17. 
April, als CULT OF LUNA im Marburger KFZ auf die noch finste¬ 
re Bühne schleichen. Einer nach dem anderen marschiert zu sei¬ 
nem Instrument - ohne Zeit zu verlieren, ohne sich umzuschauen. 
Wer bis dato noch gezweifelt hat, dass die Jungs aus Umeä/Schwe- 
den eine verflucht geradlinige Show spielen, soll nun eines Besseren 
belehrt werden. Kein Wort zum Gruß, kein Blick für das Publikum. 
Das wäre auch nicht angebracht, würde nur die gespannte Erwar¬ 
tung durchbrechen, mit der das Publikum, seit die Vorband THE AC¬ 
TRESS die Bühne verlassen hat, dem Main Act entgegenfiebert. Alles 
ist verdammt nordisch unterkühlt, der laue Frühlingsabend draußen 
scheint vergessen. Als das leise Rauschen und Klimpern des Intros 
beginnt, ist kaum ein Laut im Publikum zu vernehmen. Niemand 
traut sich zu sprechen, nahezu andächtig wartet man. Das Intro ist 
kürzer als gedacht, höchstens drei Minuten sphärischer Klänge las¬ 
sen die Schweden dem High-End-Kracher „Finland“ vom neuen Al¬ 
bum „Somewhere Along The Highway“ vorausgehen. Der schlägt 
schnell ein. Von Beginn an haben die Jungs das Publikum in der Tasche. Drei Gitarren - Erik Olofsson, Fredrik Kihlberg und Sänger Johannes 
Persson - tragen Schicht für Schicht auf den Elektronikgrund von Anders Teglund, der im Hintergrund die Knöpfe dreht, auf und variieren 
zwischen mahlstromartigen Stampfern und gefühlvollem Gefrickel. Die Band schwebt zwischen Minimalismus und ausuferndem Spiel. Wäh¬ 
rend Fredrik Kihlberg sich nur durch eine wohlmeinende Laune der Schwerkraft auf den Beinen hält, mal hierhin, mal dorthin schwankt, auf 
die Knie sinkt, um nach minutenlanger Kauerstellung blitzschnell wieder nach oben zu federn, steht Bassist Andreas Johansson fast stoisch in 
der Mitte der Bühne - bearbeitet mit einer Brutalität den Bass, die auch seine Fingerkuppen nicht unbeeindruckt lässt. 

Am Ende der Show ist sein Instrument blutverschmiert, die Bühne vor seinen Füßen voll roter Tropfen. Sänger Persson seinerseits legt mit sei¬ 
nen Shouts immer wieder den Finger in die Wunde. Teils verschmilzt die Stimme mit dem Elektrogefüge im Hintergrund, teils sticht sie her¬ 
vor wie ein Axtschlag. Als ob er den Mond anbellt — vielleicht deswegen CULT OF LUNA? Obwohl nur zu sechst, statt wie gewohnt zu acht 
- Sänger Klas Rydberg hat aus familiären Gründen nicht die Reise nach Deutschland angetreten. Percussionist Thomas Hedlund beschränkt 
sich mittlerweile auf die Studioarbeit - hämmern sich die Schweden mit Magnus Lindberg an den Drums ins Gedächtnis jedes Zuhörers. Das 
ist Ohrenkino von höchster Qualität, eine psychedelische Reise. Viele stehen zum Schluss mit geschlossenen Augen im Saal. Nach andert- 
halbstündiger Show im mal roten, mal blauen Gegenlicht, das kaum einmal die Gesichtszüge eines der Akteure preisgibt, ist das Spektakel zu 
Ende. Mit einem letzten Fiepen, einem letzten Riff bäumt sich der Sound auf, um langsam zu verebben. Die Instrumente bleiben liegen, wo 
eben noch die Musiker standen. So still sie auf die Bühne geschlichen sind, so still sind sie verschwunden und lassen ihre Zuhörer mit einem 
unverhohlen überwältigten Gesichtstausdruck stehen. An diesem Abend ist wohl jeder mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause ge¬ 
fahren. Jonas Mueller-Töwe 



geschrieben habe. THE SMACKDOWN haben wir uns dann gespart 
- war doch Schule am nächsten Tag und eigentlich wollten wir so¬ 
wieso nur KSM40 sehen. Tobias Weber 


MAD CADDIES, WATERDOWN, JUPITER JONES, 
THIS IS A STANDOFF 
25.04.07 Münster, Skaters Palace 

Juchuu, die MAD CADDIES sind wieder aufTour und spielen nach 
etlichen Jahren mal wieder im Skaters Palace in Münster und or¬ 
dentlich Verstärkung haben sie diesmal auch mitgebracht! So geht es 
um 20 Uhr los mit THIS IS A STANDOFF aus Calgary, die netten, aber 
nicht besonders spektakulären, kalifornisch angehauchten Punkrock 
präsentieren. Weiter geht es mit JUPITER JONES, die durch den mar¬ 
kigen Gesang und die deutschen Texte an Hamburger-Schule-Bands 
wie ... BUT ALIVE oder auch KETTCAR erinnern. 

Danach betreten die Lokalhelden WATERDOWN die Bühne, die dem 
Namen ihres neuen Albums, „All Riot“ alle Ehre machen. Als Gast¬ 
sänger für einen Song gesellt sich Ingo von den DONOTS zu WA¬ 
TERDOWN auf die Bühne und es wird mit drei Sängern noch mal 
richtig Remmidemmi gemacht, bevor die MAD CADDIES dran sind. 
Als Selbige die Bühne betreten, brechen dann im Publikum kom¬ 
plett alle Dämme und die Caddies liefern, wie gewohnt, den Sound¬ 
track für eine großartige Party. Mit dabei sind natürlich alle Hits wie 
„Monkeys“, „Drinking for 11“ und „Silence“, die die Menschen 
im Skaters Palace in eine tanzende, singende und springende Mas¬ 
se verwandeln. Aber auch Songs des brandneuen Albums „Keep It 
Going" werden vorgestellt und Ohrwürmer wie „Backyard“ und 
„State of mind“ schlängeln sich angenehm relaxt in die Gehörgän¬ 
ge ein und vermitteln sofort ein groovend-fluffiges Sommer-Sonne- 
Strand-Gefühl, bevor das Tempo mit schnelleren Skapunk-Stücken 
wieder anzieht. Stagediver geben sich während der ganzen Show 
auf der Bühne die Klinke in die Hand und alle sind vollkommen au¬ 
ßer Rand und Band. 

Nachdem die Band die Bühne verlassen hat, wird dann auch vehe¬ 
ment „Zugabe!“ gefordert, und natürlich lassen sich die Caddies, 
die wie immer eine unglaubliche Spielfreude an den Tag legen, nicht 
lange bitten. So kann die Party dann mit eigenen und gecoverten 
Songs (wie zum Beispiel „S.O.S.“ von ABBA) weitergehen. Als dann 
nach fünf(!) Stunden, um ein Uhr, endgültig Schluss ist, verlässt 
man das Skaters Palace durchgerockt, -geschwitzt und glücklich und 
freut sich, diese großartige Band mal wieder live gesehen zu ha¬ 
ben. Nadine Maas 


FU MANCHU, MONTREAL 

04.05.07 Bochum, Zwischenfall (Visions-Party) 

Ging ja schon gut los, der Abend ... An der Tür des eher kleinen 
Clubs uniformierte Vollprofi-Security-Kanten, die einen auf Ober¬ 
macker gemacht haben, aber nicht mal wussten, ob es eine Garde¬ 
robe gibt - die es natürlich nicht gab, aber Jacke ins Auto bringen 
gestaltete sich ebenfalls kompliziert, denn besagte Türsteher woll¬ 
ten, warum auch immer, zunächst keinen Stempel zum erneuten 
Betreten des Zwischenfalls rausrücken, und dabei waren sie auch 
noch äußerst rabiat und unfreundlich. Arschgeigen. Als wir schlie߬ 
lich um kurz nach neun Uhr (und damit für normale Konzertver¬ 
hältnisse noch reichlich früh) endlich im Laden waren, hatten zwei 
der vier Bands (VALIENT THORR und noch wer) schon gespielt. 
Warum lässt man in einem Club, der um null Uhr Schicht machen 
muss, vier Bands spielen? . * 

Nach dem Stress dann erstmal ein Bier abgreifen, das — oh Schreck! 
- drei Euro kostete. Ohne Pfand! Nach einer elendigen Umbaupau¬ 
se (trotz des engen Zeitplans musste erstmal das eigene Schlagzeug 
aufgebaut werden) fingen dann MONTREAL an, die ich ja eigentlich 
echt gut leiden mag, aber hier war das einfach nur scheiße — denn 
wegen des immer enger werdenden Zeitplans war keine Zeit für 
lange Ansagen, der Sound war total auf Doom eingestellt, und die 
Popmusik der Hamburger kommt mit extrem reingedrehten Bässen 
und völlig dumpf gemischt einfach nur mies. Und als MONTREAL 
dann auch noch für ihre zwei Handvoll angereister Teenies began¬ 
nen, Zugaben zu spielen, schlug die Stimmung bei den vornehmlich 


anwesenden langhaarigen Rockern verständlicherweise langsam in 
Aggressivität um - denn als nach erneuter Umbaupause die Haupt¬ 
band des Abends schließlich anfangen konnte, war es schon deutlich 
nach elfUhr. So blieb FU MANCHU nichts anderes übrig, als ein lei¬ 
der sehr kurzes Set sehr schnell runterzuprügeln und sich am Ende 
auch noch mit einem entnervt stressenden Tontechniker rumzupla¬ 
gen, der um Punkt zwölf anscheinend kurz davor war, einfach den 
Saft abzudrehen. Also keine Zugabe der Band, wegen der wohl der 
Großteil der Leute in den rappelvoll ausverkauften Laden gekom¬ 
men war. Ist doch Vollmist, so was. Jan EckhofF 


LES CAMELEONS, PEARLINGER 
30.04.07 Hagen, Pelmke 

Fast imunterbrochen seit nun über zehn Jahren ist die Pelmke mein 
Ziel des Vorabends zum ersten Mai und selbiger fürs Ausnüchtern 
verplant. Ein Plan, mit dem ich bislang noch nie schlecht gefah¬ 
ren bin, und so war es auch in diesem Jahr. Zwar habe ich für Emo- 
core-Gekreische nicht viel übrig, doch vor PEARLINGER muss ich 
den Hut ziehen. Ich hab es fast die ganze Zeit im Raum ausgehal¬ 
ten und sogar ab und an gegen meinen Willen mit dem Kopf nicken 
müssen. Die Cargo-Shorts und Vans tragenden Studenten im Raum 
haben dementsprechend also richtig abgefeiert, was die mir zuvor 
unbekannten Hagener darboten. Richtig in den Mai getanzt wurde 
dann aber mit LES CAMELEONS, und dass die Franzosen sich mit 
ihrem Ska-gewürzten melodischen Punkrock vom Geheimtip mit¬ 
tlerweile zu einem angesagten Namen gemausert haben, das bewies 
der trotz zig Konkurrenzveranstaltungen im nächsten Umland aus 
allen Nähten berstende Saal. Ich hoffe, die Feuerwehr hat an diesem 
Abend nicht die Besucher gezählt ...Vom ersten bis zum letzten Lied 
tanzende Menschen, entspannt fröhliche Stimmung, trotz des völlig 
überfüllten Clubs, kein Stress und im Anschluss noch Disco mit ver¬ 
nünftiger Musik - sollen doch andere Steineschmeißen gehen oder 
für die 20-Stunden-Woche demonstrieren; ich weiß, wo ich nächs¬ 
tes Jahr an diesem Tag sein werde. Jan EckhofF 

BREAK THE CHAINS FESTIVAL 
23.03.07 Moers, Volksschule 

Die Volksschule in Moers ist eins der letzten wirklichen Hardcore- 
und Punk-Refugien an unserem schönen Niederrhein. Offensicht¬ 
lich hat sich die Stadt Moers dazu entschlossen, jenes Obdach mit 
einer riesigen Altenresidenz zu umzingeln - was schon den ein oder 
anderen Alt-Punker aus meinem näheren Bekanntenkreis hat hellhö¬ 
rig werden lassen. Als ich gegen 19.30 Uhr an besagter Stellte ein¬ 
traf, war im Schlamm vor der Volksschule kein Millimeterchen Park¬ 
platz mehr frei. Dieser befand sich fest in holländischer Hand. Kein 
Wunder - aus unserem sympathischen Nachbarland hatten sich 
gleich drei Musikgruppen angekündigt. Nicht umsonst gelten die 
Niederländer heimlich als die treuesten Fans auf diesem Kontinent. 
Das Festival war für 17.30 Uhr angesetzt. Ganze zehn Bands sollten 
sich an diesen Abend ein Hardcore-Stelldichein liefern. CHAKRA 
und die Herren von NO ONE GETS OUT ALIVE, die sich eigent¬ 
lich bereits im Vorfeld aufgelöst hatten, verpasste ich glorreich. Die 
Straight Edger von Ml LES TO GO waren schon mächtig zugange 
und präsentierten einen gut gebrüllten Youth Crew, metallisch, hef¬ 
tig, voll auf die Zwölf. Der Mensch hinterm Mischpult hatte wohl 
eine starke Affinität zum gut ausgesteuerten Bass, denn dieser Schall 
rüttelte heftig an meinem Magen, der sich daraufhin symptoma¬ 
tisch äquivalent zu einer Achterbahnfahrt verhielt. Ohne Ohrenstöp¬ 
sel wäre ich wahrscheinlich heute taub. 

Die Nächsten auf der Liste waren die Wegberger ITALIAN STAL¬ 
LION, die sich hierzulande mit ihren thrashigen Hardcore-Punk 
den Arsch abtouren und zu Recht eine beachtliche Fanbase vorwei¬ 
sen können. Die guten alten DIRTY ROTTEN IMBECILES kamen mir 
dabei in den Sinn, immer wieder schön, so etwas zu hören. AYS, 
ebenfalls ausWegberg, pumpten ihre metallischen Youth Crew-Sal¬ 
ven unmittelbar auf das Publikum, das diese auch kurzerhand in ei¬ 
nem tobenden Moshpit absorbierte. HOODS UP waren extra aus 
Hamburg angereist, um ihre fetten Gitarrenwände mit riesigem Ge¬ 
töse publikumswirksam niederzuknüppeln. Geradezu fürstlich be- 



OX-FANZINE 133 




LIFE ON STAGE 


reiteten sie den Weg für NEW MORALITY aus Arnheim. Druck¬ 
voller Hardcore mit Metaleinschlag ließ ihre Triple-Split-7 “-Release- 
Show wie eine Bombe einschlagen. STRIKE FIRST, ebenfalls aus 
Arnheim, prallten mit fein säuberlich geknüppelten NY-Hardcore 
auf die schon schwächelnden Kids und hinterließen einen leichten 
MADBALL-Nachgeschmack. 

Der Break des Festivals kam ohne Zweifel durch RESTLESS 
YOUTH aus Nimwegen beziehungsweise Tilburg, die diesen gan¬ 
zen Youth Crew, New- und Oldschool-Kapellen schon fast altba¬ 
cken mit ihrem 7Os Rock-Anleihen-Hardcore den Stinkefinger zeig¬ 
ten. Den krönenden Abschluss bildeten JUSTICE aus Belgien, und 
nach meinem Empfinden hätten mich die Jungs mit ihrem melo¬ 
dischen, bretternden Hardcore noch ein wenig länger beschallen 
können. Denn auch wenn ich dem Punk näher stehe als dem Metal 
- diese Mischung hat auf jeden Fall überzeugt. Ein feierlicher Ab¬ 
schluss für einen knüppelharten Abend. JeNnY Kracht 

NOMEANSNO, POTTY UMBRELLA 
05.05.07 Mülheim, AZ 

Manchmal rücken Bands erst ins Rampenlicht, wenn sie mit be¬ 
kannteren Bands auf Tour gehen. Die Aufgabe eines Scheinwerfers 
haben sicher auch NOMEANSNO übernommen, die schon durch 
Touren mit REMOVAL aus Kanada, RIFU aus Norwegen und den 
großartigen Jazzcore-Giganten ZU aus Italien jene Bands in den Spot 
der geneigten NMN-Anhängerschaft gezerrt haben. POTTY UM¬ 
BRELLA aus Polen schickten sich diesmal an, mit den Hockey-Punk- 
Opas einige Gigs durch Polen, Deutschland und die Niederlande ab- 
zureißen. Das gute Wetter an diesem Abend veranlasste die Alt-Pun- 
ker-Fraktion des Ruhrgebiets, sich geschlossen auf den Bänken vor 
dem AZ Mülheim breit zu machen. 

Leider verpassten sie dabei eben jene POTTY UMBRELLA, die nicht 
umsonst in Polen kein unbeschriebenes Blatt mehr sind. Eine Musik¬ 
mischung, die mal wieder das Schubladendenken außer Kraft setzt, 
sich perfekt in die großartige Liste instrumentaler Support-Kapel¬ 
len der Hardcore-Kanadier einreiht. Psychedelischer 70s Rock, ge¬ 
paart mit Avantgarde-Punk und Noise. SONIC YOUTH, THE WHO, 
JESUS LIZARD und Jimmy Hendrix spielen auf zur Jam Session. Hö¬ 
renswert! Rob.Tom und John kamen nach Mülheim, um die Jugend 
zu belästigen - nur leider waren davon vielleicht eine Hand voll in 
der bis auf den letzten Platz besetzten Halle. Das Durchschnittsalter 
liegt bei den Konzerten der Punk-Großväter meist jenseits der drei¬ 
ßig. Ohne Schnickschnack traten die drei auf die Bühne, „I’m an 
asshole“ ertönte, und siehe da, die Menge tobte. Auch „’til I die“, 
„In her eyes“ und „So low“ von ihrer neuen Release „All Roads 


Lead To Ausfahrt“ überzeugte augenscheinlich mächtig. „The river“ 
durfte, Punk sei Dank, nicht fehlen und stimmte auf „Mondo ni- 
hilissimo 2000“ ein, welches ebenfalls auf der neuen CD zu lie¬ 
gen kam. Insgesamt könnte man meinen, dass die HANSON BROT¬ 
HERS und NOMEANSNO mit diesem Album ein Gemeinschaftspro¬ 
jekt des basslastigen Hardcore-Punk par exzellence initiiert haben. 
„All Roads ...“ ist ein druckvoller Nachfolger der NMN-Setlist „The 
People’s Choice“, eine von den Fans selbst ausgewählten Hit-Com¬ 
pilation. „Angel and devil“, wieder ein Klassiker und daraufhin „I 
see the mansion in the sky“, ebenfalls auf der neuen Scheibe zu fin¬ 
den. Ein netter Break ist immer wieder das instrumentale „The night 
nothing became everything“, von der „0+2=1“ und auch der olle 
„Tower“ ist immer wieder ein Tänzchen wert. 

Der Schweiß tropfte schon von der Decke, als die Herren „Two lips, 
two lungs and one tongue“ schmetterten und mit „Slugs are bur- 
ning“ zum vermeintlich letzten Lied anstimmten. Das sollte aber 
nicht alles gewesen sein. Barbusig und unter tosendem Applaus 
stürmte Rob mit seinen Mitstreitern nach wenigen Minuten erneut 
auf die Bühne. Zwei Zugaben mit vier Songs, darunter auch „Big 
dick“ und „The fall“, folgten. Dann ließen die schweißnassen Grei¬ 
se unter frenetischem Beifall von der Bühne ab. Wären die Nachbarn 
vom AZ nicht so schallempfindlich, würden die Herren wohl heu¬ 
te noch dort rocken. 

Ohne schlechtes Gewissen kann ich sagen, dies war eins der besten 
Konzerte, die die Jungs je abgeliefert haben - wenn man mal von 
der Barbusigkeit absieht. Davon könnt ihr euch gerne selbst über¬ 
zeugen, denn pogocam.de hat es komplett mit drei Kameras aufge¬ 
zeichnet. NOMEANSNO sind auch im Juni für einige Konzerte und 
Festivals hier in der Ecke unterwegs. JeNnY Kracht 

DYING FETUS, SKINLESS, CATTLE DECAPITATION 
05.05.07 Essen, Turock 

Aufgrund des mehr als vorzüglichen Wetters verpasste man erstmal 
bei ein, zwei Bierchen im hauseigenen Biergarten sämdiche Vor¬ 
bands im ausverkauften Turock, nur um später festzustellen, dass die 
Innentemperatur im Laden wohl durch die Support Acts kondens- 
mäßig drastisch angestiegen ist. Auftakt machten für meine Beglei¬ 
tung und mich CATTLE DECAPITATION, die hiermit mm auf dem 
alten Kontinent debütierten. Recht kurzweilig, üve auf jeden Fall 
besser als auf Konserve, auch wenn .ich nach paar Liedern doch eher 
wieder die frische Luft vorgezogen habe. Danach ging es aber wie 
gewohnt wieder partytauglich ab bei SKINLESS. Die Band ist ein¬ 
fach eine Bank, ohne Zweifel, sei es jetzt musikalisch oder enter¬ 
tainmentmäßig. Auf eine Wall Of Death folgte ein Tsunami Of Death 


und zum Schluss gab es noch ein Zombiewalk Of Death. Bei all 
dem Getümmel vor und auf der Bühne wurde sogar von einem völ¬ 
lig überforderten Security-Mitarbeiter der Sänger versehentlich von 
der Bühne geschmissen. Ganz großes Kino! Zum Abschluss luden 
DYING FETUS noch einmal zum Abgehen ein. Ehrlich gesagt, haben 
die Herren doch im Laufe der Jahre und wahrscheinlich aufgrund 
ständiger Line-up-Wechsel ein wenig ihren Reiz verloren. Wie auch 
immer zockte man sich straight durch die Discografie, wobei klar 
zu sehen war, dass die alten Kracher besser vom Publikum ange¬ 
nommen wurden als die neueren Songs der letzten beiden Alben. 
Dennoch: Hammerbilling und ein netter Abend mit vielen alten Be¬ 
kannten! Uwe Kubassa 


M.O.T.O., M.I.A. 

24.04.07 Köln, Sonic Ballroom 

Ich habe bis jetzt nie verstehen können, warum Typen Schnauzbär¬ 
te tragen. Frieren Männer an der Oberlippe eher als Frauen? MUSIC 
INTELLIGENCE AGENCY, kurz gesagt M.I.A. aus dem schönen Le¬ 
verkusen scheinen richtige Fans dieser Oberlippen-Fiffies zu sein. 
Zudem scheinen sie auch schon mal dann und wann TURBONE- 
GRO oder THE WHO gehört zu haben. Eigentlich eine nette, schrä¬ 
ge Combo, die mit ihrem Garage-Pop-Punk-Synthie-Style und dem 
singenden Schlagzeuger schon Eindruck auf mich gemacht hat. 

Eine der coolsten, ältesten und immer noch unbekanntesten Bands 
sind M.O.T.O. aus Chicago. Über jeden Zweifel erhaben, schlagen sie 
mit ihrem Drei-Akkorde-Punkrock die RAMONES um Längen - ihre 
Songs sind fabelhaft einfach gestrickt, trashiger habe ich Pop-Punk 
selten erlebt. Leider hatte Sänger Paul Caporino eine böse Erkältung 
erwischt und er krächzte durch die Gegend, als ich ihn im Biergar- 
ten des Ballrooms antraf. Ein Interview? Daran war am allerwenigs¬ 
ten zu denken. Aber trotz Heiserkeit rockte Paul den ehrwürdigen 
Sonic Ballroom ordentlich, obwohl ihm das ein oder andere Mal 
die Stimme leicht wegsackte. Natürlich bedurften Songs wie „I hate 
my fucking job“ keiner Erklärung, das Publikum grölte lauthals mit. 
Paul war da auch direkt in seinem Element, obwohl er sich als Ange¬ 
stellter in einem Plattenladen doch am wenigsten beschweren kann. 
„Dance, dance, dance, dance, dance to the radio“ oder „The chicks 
can teil“ taten ihr Übriges, um den Tanzsaal endgültig zum Toben zu 
bringen. 2008 ist wieder eine Tour plant. Ich habe Gerüchte gehört, 
die besagen, dass jeder, der MASTER OFTHE OBVIOUS noch nicht 
mindestens ein Mal live gesehen hat, dumm beziehungsweise im¬ 
potent wird und zusätzlich alle RAMONES-Platten abgenommen be¬ 
kommt. JeNnY Kracht 


/DER NORDWESTDEUTSCHE PUNKMÄRÄTHON 


Mir fällt auf, dass ich die letzen Live-Kolumnen immer mit verpass¬ 
ten Konzerten eingeleitet habe. Nun ja, Traditionen soll man nicht 
brechen und deshalb gestehe ich, dass mir diesmal unter anderem 
die grandiosen GOLDEN HELMETS in Meppen, die MONS¬ 
TERS in Münster und auch M.O.T.O. durch die Lappen gegangen 
sind. Nicht mal über die BLITZKRIEG BOYS kann ich skandalö¬ 
se Tourgeschichten erzählen, Asche auf mein Haupt ... 

Trotz alledem lagen natürlich noch ein paar Shows an und los ging’s 
am 03. März mit einem echten Dejä-vu-Erlebnis, denn Henning 
Basler und PULL A STAR TRIP sind vor fast einem Jahr schon 
mal in gleicher Konstellation im Meppener J@m-Center aufgetre¬ 
ten. Eigentlich waren GENJI als Support geplant, aber das war eine 
Affäre, bei der mal wieder ein pikanter Einblick in gegenwärtiges 
Tourbusiness gewährt wurde. „Pay to play“ heißt heutzutage näm¬ 
lich das Zauberwort und bei GENJI herrschte wohl dummerweise 
grad Ebbe im Portemonnaie. Über solche Praktiken denke jeder, was 
er will, very Punkrock ist das aber sicher nicht ... Da Henning Bas¬ 
ler mittlerweile ohnehin fest bei PAST involviert ist, absolvierte er 
an diesem Samstag erneut eine okaye Ein-Mann-Indiepop-Opener- 
show, wobei ich mich diesmal nicht ganz so dafür erwärmen konn¬ 
te wie noch vor einem Jahr. PAST ließen danach mit ihrem Akustik - 
(Scr)Emo (den „Die hören sich an wie dieses Lied von DASHBOARD 
CONFESSIONAL“-Vergleich verkneif ich mir mal) nichts anbrennen 
und so manch einer wunderte sich, dass Bart tatsächlich leise(!) 
schreien kann. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht ... In der Zugabe 
wurde es dann richtig gemütlich, als Bart und Steffen auf Barho¬ 
ckern direkt im Publikum spielten. Und wisst ihr, wofür ich meine 
Freundin Kerstin liebe? Wenn sie mir in solchen Momenten ins Ohr 
flüstert: „Solltest du mal in einer Band spielen und so eine Aktion 
bringen, mach ich sofort mit dir Schluss!“ 

Direkt eine Woche später, am 10.03. musste sie sich im Gleis 22 
schon wieder aufregen, was aber diesmal weniger an meinen Plä¬ 
nen lag, einer Barhockerklampfencombo beizutreten, sondern eher 
aus ihrem Logopädenberufsstand resultierte. Wir durften nämlich 
Babette von den VAGEENAS dabei zuhören, wie die sich in be¬ 
trächtlich schiefer Tonlage beträchtlich heiser sang, und so was kön¬ 
nen Logopäden und -innen gar nicht gut haben. Ansonsten waren 
die VAGEENAS für eine halbe Stunde ganz amüsant, auch wenn ich 
die Band mit ihrem eher hausbackenem Oldschool-7 7 er-Punkrock 
nicht zwingend öfters sehen muss. Den Vogel schossen danach aber 
die EPOXIES ab, die ich an diesem Abend zum ersten Mal sah. Was 
soll ich sagen? Eine erstklassige Ami-Entertainment-Band vor dem 
Herrn, mit Nebel, Lasergitarren und einer Schaumschneemaschine, 
deren Auswurf verdächtig nach Revell-Modellbaukleber roch. Wäh¬ 
rend alle Jungs sich in Roxy Epoxy verliebten, war ich damit be¬ 
schäftigt, nicht zuviel von dem Kunstschnee zu schlucken und auf¬ 
zupassen, dass mir keiner der Gitarristen ein Auge auslasert. Zur to¬ 
talen Verwirrung trugen auch die beeindruckenden Gesichtsentglei¬ 
sungen des Synthesizer-Mannes bei, den ich nebenbei schwer im 
Verdacht habe, den ZODIAC KILLERS ihre Sonnenbrillen gestoh¬ 
len zu haben. Musikalisch war natürlich alles perfekt, da der wa- 
vige Punkrock der EPOXIES live noch eine Ecke knackiger als auf 
Konserve rüberkommt. In der Zugabe gab es noch ein WIPERS-Co- 
ver und das ist wohl eine der besten Arten, einen grandiosen Abend 
ausklingen zu lassen! 

Danach folgte bei mir konzerttechnisch etwas Leerlauf, so dass es 
erst am Freitag, den 20. April weiterging. Dann allerdings gleich mit 
einem echten Zuckerstück von Combo: den wunderbaren MON- 


TESAS in der Münsteraner Luna Bar. Die Montesitas hatten die 
Jungs auch im Gepäck, also war eine tolle Sixties-Beat-Rock’n’Roll- 
Show vorprogrammiert. Auch das Publikum hatte alles zu bieten: 
vom Indiehörer über Rockabillys bis zu Punkrockern waren alle 
Schichten und Altersklassen vertreten. Die MONTESAS schaffen ir¬ 
gendwie einen Konsens, auf den sich alle einigen können, und mir 
wäre es vollkommen unverständlich, wenn überhaupt jemand eine 
so tolle Band schlecht finden könnte. Die neue Besetzung ist übri¬ 
gens auch prima, der Orgelmann freute sich wie ein Honigkuchen¬ 
pferd und der Bassist klampfte sein Instrument auch diverse Male 
auf dem Rücken. Eine coole Bühnenshow mit perfekter musikali¬ 
scher Umsetzung war es also und wer nicht da war, stinkt! Komisch 
ist übrigens, dass ich zum Beispiel nach DEAN DIRG-Shows im¬ 
mer den Drang habe, mir einen schmierigen Proll-Schnauzbart an¬ 
zuzüchten, während ich nach MONTESAS-Konzerten am liebsten 
immer dieses geile Errol-Flynn-Bärtchen stehen lassen möchte. Mal 
abwarten, wie ich das noch kombinieren kann ... 

Am nächsten Tag war ich mal wieder in „Support your local scene“- 
Angelegenheiten unterwegs, da vom Meppener Jugendzentrum ein 
alljährliches Indoor-Festival veranstaltet wurde, das acht lokalen 
Bands auf großer Bühne eine Auftrittsmöglichkeit bietet. Letztes Jahr 
hab ich in Bezug auf uninspirierte Bands noch ziemlich vom Leder 
gezogen, was mir sogar diverse Hass-Mails von ALARMING JESUS 
einbrachte (schönen Gruß an dieser Stelle, ich hab mich köstlich 
amüsiert), aber diesmal sei vorweggenommen, dass ich unter al¬ 
len Bands, die ich gesehen hab, trotz verschiedenster Stilistiken kei¬ 
nen Ausfall ausmachen konnte. Organisation, Werbung, Sound und 
Bühne waren bestens, das große Manko war allerdings die mangeln¬ 
de Publikumsresonanz. Und das ist eine Entwicklung, die mir in 
letzter Zeit nicht nur im Emsland permanent negativ auffallt. Selbst 
in so genannten „alternativen Jugendszenen“ scheint eine Flatra¬ 
teparty, oder alleine Saufen im Partykeller angesagter zu sein, als 
raus zu gehen und gute Musik zu entdecken. An diesem Abend wa¬ 
ren folglich für einen günstigen Preis von 5,- Euro für acht Bands 
leider nur circa 280 Leute da, was in einem für 1.000 bis 2,000 
Leute ausgelegten Saal sowohl für Bands als auch Publikum mehr 
als schade ist. Allerdings animieren solche eher negativen Vorzei¬ 
chen ja auch oft dazu, wirklich das Allerbeste aus einem an sich ver¬ 
korksten Abend zu machen und so war es (zumindest bei mir) zum 
Glück auch an diesem Samstag! An Bands waren HIGH 5 (myspace. 
com/high5music), NOISE CONCEPTION (thenoiseconcepti- 
on.com), HASHMARK (myspace.com/hashmarkonline), NEXT 
EXIT OUT, BACK TO BASEMENT (backtobasement.com) und 
8 ON THE RUN (8ontherun.de) vertreten, die ihren Job auch al¬ 
lesamt gut machten. Der wilde Abend begann dann aber so rich¬ 
tig nach meinen persönlichen Favoriten Syd Berliner feat. BIG 
TENNIS (myspace.com/bigtennis), mit deren Trommler Johannes 
ich mich nachher dermaßen gut verstand, dass wir uns gemeinsam 
vollkommen aus der Umlaufbahn schossen. An sich nichts Schlim¬ 
mes, aber das führte dazu, dass ich bei der letzen Band des Abends 
- die absolut unglaublichen 80er-Jahre-Spandex-Posermetalcombo 
SYZZY ROXX (syzzy-roxx.de) - mitsingend in der ersten Rei¬ 
he stand. Dabei schwöre ich: ich kenne kein einziges Lied von de¬ 
nen! Danach verlässt mich zum Glück mein Erinnerungsvermögen, 
aber Johannes hat den Abend noch ziemlich treffend resümiert: „Ich 
kann bestätigen: wir haben auf jeden Fall mitgesungen. Und ich 
glaube, das war noch das Harmloseste. Ich erinnere mich noch dar¬ 
an, dass wir mit Wunderkerzen in der Hand über die Bühne getanzt 



sind. Zum Glück gab’s auf der Veranstaltung nicht allzu viele Zeugen. 
Zu Hause hab ich dann noch gepflegt in unseren Garten gekotzt...” 
So weit ging’s bei mir zum Glück nicht, aber am nächsten Tag hatte 
ich den Kater des Jahres und Kerstin schüttelte nur noch den Kopf. 
True Metal will never die! 

Am Freitag de 27.04. setzten dann THE CREETINS einen schö¬ 
nen Konzert-Schlusspunkt im Lingener JZ Kotten. Um eventuel¬ 
le Hardrock-Exzesse zu umgehen, übernahm ich diesmal lieber 
höchstpersönlich das Volant meines Rüsselsheimer Sportwagens, 
und bei bestem Frühsommerwetter überstand unsere kleine Auto¬ 
besatzung sogar zwei zwar amüsante, aber auch etwas anstrengende 
Vorbands (Refrainzitat: „Bier, Bier, Bier - unser Lebens'elexier ...“). 
Die CREETINS reisten danach direkt von einem am selben Tag absol¬ 
vierten Gig mit den BEATSTEAKS an und legten wirklich eine super 
Show auf die Bretter. Ich kannte die Band, ehrlich gesagt, bisher nur 
von Samplerbeiträgen, aber die CREETINS zogen hier ein routinier¬ 
tes Feuerwerk an spielfreudigem Singalong-Punkrock ab, dass es ein 
echtes Vergnügen war. Ein prima Auftritt, bei dem allerdings ein 15- 
jähriger Jungpunk der heimliche Hauptdarsteller war, der immer 
wieder durch Bühnenausflüge und Fallen von derselbigen nervend 
auffiel, so dass er wegen Störung des Hausfriedens zu unser aller 
Amüsement nach dem Konzert noch den grün-weißen Ordnungs- 
kräften übergeben wurde. 

Eine Woche später sollten dann noch ALEXISONFIRE nach Lin- 
gen kommen, aber die zogen es vor gleich mal, ihre komplette Tour 
zu canceln, wobei die Gründe zwischen „Tourbus ist hegen geblie¬ 
ben“ und „Family Tragedies“ pendelten. Alle Emokids vor Ort ha¬ 
ben geweint, mir war das Ganze aber ziemlich egal, denn ich zieh 
jetzt erstmal los, kauf mir eine Akustikgitarre, einen Barhocker, eine 
Spandexhose und arbeite dabei an meinem Errol-Flynn-Bärtchen 
und der Resozialisierung Lingener Jungpunks. 

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal! 

Bernd Fischer (berndfü ox-fanzine.de) 


OX-FANZINE 134 






LIFESTYLE 


Zum Glück verhält es sich mit den derzeit gastierenden 
Bands nicht wie bei den aktuellen Veröffentlichungen des 
laufenden Jahres, von denen sich die Zahl begeisternder 
Tonträger bisher in einem absolut überschaubaren Maß 
hält. 

Das Frühjahr war spontan, wie ein Besuch im Esslinger Komma 
mit zwei Bands, von denen eine nur alleine war: MONSIEUR 
MO RIO, sprich ein einzelner Mensch an seiner Farfisa-Or- 
gel, der sich als Alleinunterhalter voll und ganz selbstverwirk¬ 
licht hatte. Platte würde ich mir trotzdem keine von ihm kaufen, 
weil meine musikalische Welt anders aussieht. Wie auch immer! 
MAKE BELIEVE, Ex-dies-und-das, JOAN OF ARC, Herrn Al- 
bini als Produzent genannt und noch mehr Referenzen im Vor¬ 
feld angeführt (als ob das etwas ändern würde), von denen keine 
Einzige auch nur halbwegs zutraf. Vertrackter, schwieriger Kas- 
tenfrickelhardcore, der ansatzweise schön melodisch war, mich 
aber dennoch nicht so richtig berührte, weil ... keine Ahnung. 
Ich steh ja auch nicht auf Ausdruckstanz und nicht auf Studen¬ 
tenmusik, nach der man das ganze Erlebnis nachher ausdiskutie¬ 
ren muss. Wichtig war hier eigentlich nur, dass ich es noch recht¬ 
zeitig vor Einsetzen des Schneesturms nach Hause geschafft habe. 
Schöne Sache übrigens, das „Bitte nicht im Konzertsaal rauchen! 
Danke!!! “-Schild. Wäre allerdings noch schöner, wenn sich auch 
noch jemand daran halten würde. Streichen wir den Abend ein¬ 
fach aus der Kategorie erinnerungswürdiger Konzerte, der Anlass 
war ja sowieso ein anderer. 

Trotz eines konzertgünstigen Montagabends, einer vollen Hütte 
im allseits geschätzten Heilbronner Stereo Total, qualifiziertem, 
stresserprobtem Thekenpersonal, das den Andrang zu jeder Zeit 
im Griff hatte und als Eröffnungsact MR. BUBBLE BEE, die an 
selbiger Stelle schon mal standen. Dafür hatte ich eine wirklich 
sehenswerte Dokumentation über die Winterwälder der Taiga ab¬ 
gebrochen, wo in manchen Regionen der Sommer gerade mal ei¬ 
nen Monat dauert? Die weiße Pracht mit Getier wie dem Viel¬ 
fraß und Elchen wäre mir jedenfalls lieber gewesen, als die nicht 
so sehr prickelnden Animationsansagen, halbwegs bejubelte Co¬ 
verversionen - 2x RAMONES, lx GANG GREEN (Sakrileg) plus 
ein paar weitere, die ich auf der vergeblichen Suche nach einem 
Flipper oder Geldspielautomaten nur von weitem hören konnte. 
Schwammdrüberblues und weiter geht’s, denn immerhin war es 
nicht überlang. Bei GANG GREEN waren die Erwartungen so 
niedrig angesetzt, dass man damit gerade mal den Fußboden hät¬ 
te beleuchten können, eine Enttäuschung war damit nahezu aus¬ 
geschlossen, selbst bei einer Band, die seit 10 Jahren keine neue 
und seit 20 Jahren keine richtig gute Platte mehr veröffentlich 
hat. Das einzige verbliebene Originalmitglied Chris Doherty (41, 
sieht aber aus wie 55) hatte jedenfalls schon vor Beginn des Sets 
eine ziemliche Schlagseite, die er trotz schweißtreibender Büh¬ 
nenshow mit leichten Sehstörungen aufrecht hielt. 

Immerhin haben wir daraus etwas gelernt: Wenn man mit jahre¬ 
langem Alkoholmissbrauch schon nicht besonders alt wird, dann 
kann man wenigstens so aussehen. Alle Befürchtungen wurden in 
einem überlangen Set mit mehreren Zugaben in Bier und Schweiß 
ertränkt. Die wenigen müden Rocker wurden immer wieder 
durch frühe Prügelklassiker aufgelockert, und selbst wenn es bis 
zu den zweiten Zugaben dauerte, um „Terrorize“ und „Sold out“ 
zu hören, war es jede zweite Minute wert. Einer Band, die so weit 
über ihr Relevanzverfallsdatum hinaus ist und auch mit Leihgi¬ 
tarrist noch so rockt, kann man auch ein paar Durchhänger gut 
und gerne verzeihen, selbst dann, wenn sich die Gesamtbotschaft 
auf „Bier, Ficken, Oi!“ reduzieren lässt. Na gut, wir streichen das 
„Oi! “, weil sie wirklich gebrettert haben. 

Unglaublich war an diesem Abend nur die minder attraktive Tor¬ 
te, die direkt vor der Bühne ihrem männlichen Begleiter überle¬ 
benswichtige Botschaften ins Ohr brüllen musste, obwohl er of¬ 
fensichtlich weder etwas verstand noch etwas hören wollte. Blei¬ 
ben nur die offenen Fragen: Warum sind es so gut wie immer un¬ 
attraktive Menschen, die ihre Raffel nicht halten können? Wieso 
ist der Frauenanteil unter den Labertaschen überdurchschnittlich 
(liegt es an der „Schnitte“?) Weshalb haben die meisten der Ner¬ 
vensägen so markerschütternde Gieskannenstimmen, die selbst 
eine zwei Lagen tiefergestimmte Doomgitarrenwand nicht über¬ 
tönen kann? Wie viel Geschwafel ertragen manche Leute, nur für 
einen billigen Fick? Wieso gehen sie nicht vor die Tür, und war¬ 
um, um alles in dieser Welt, zahlen sie Eintritt, wenn sie die Band 
auf der Bühne nicht die Bohne interessiert? 

Tja, warum zahlen andere Vollidioten Geld für eine Karte und 
verpassen dann das Konzert? Vielleicht, weil sie die aufgedruck¬ 
ten Angaben entweder nicht ernst nehmen „Einlass 19:00 Uhr, 
Beginn 20:00 Uhr“, oder eben doch „with Special Guest“. „Be¬ 
amtenhorrorpunk mit Unterschlagung bei Kindervorstellung“, so 
könnte man den Auftritt von BALZAC in der Röhre zu Stuttgart 
zusammenfassen, wenn man bösartig wäre (bin ich, weil mir ir¬ 
gendwer 16,30 Euro schuldet). Einen Konzertbeginn um 20:00 



Manchmal (ganz selten!) wer¬ 
de ich gefragt, warum und 
wieso mein Bild der Mensch¬ 
heit im Besonderen und auch 
im ganz Allgemeinen nicht 
zum Besten bestellt ist und 
warum mich die Rituale be¬ 
stimmter jüngerer Altersgrup¬ 
pen nicht die Bohne interes¬ 
sieren. Vielleicht erhellt die 
kleine Begebenheit aus einem 
Buchladen von gestern Vor¬ 
mittag die eine oder ande¬ 
re dunkle Ecke. Tochter (ca. 
20 Jahre, Hüftgold, trotzdem 
bauchfrei, geschmackloses mit 
Perlen besetztes T-Shirt, zu enge Hose, Einheits-Taubenschiss- 
Strähnchen-Frisur, ausgelatschte flache Treter) mit ihrer Mutter 
(aufgeschwemmt, teuer, aber geschmacklos eingekleidet, ca. vier 
Friseurtermine im Monat) sind auf der Suche nach einem Buch 
für ein Kind. Tochter: „Räuber Hotzenplotz ... von wem ist denn 
das?“ (Es steht unübersehbar rechts oben in der Ecke des Buches). 
Mutter: „Das ist aber kein Märchen, oder?" Tochter: „Nee, das ist 
doch aus dieser Fernsehserie!“ 

In meiner Welt als Jugendlicher gab es noch Hörspiele, und jeder 
kannte die Geschichten von Otfried Preußler (Die kleine Hexe, 
Krabat, Das kleine Gespenst) oder wenigstens H.G. Francis (ca. 
fünfzig Prozent aller Europa-Klassiker), Bücher waren nicht ver¬ 
boten, und wer eine einigermaßen korrekte Grammatik auf¬ 
weisen konnte, der wurde auch nicht als Superstreber durch die 
Wohnanlage gejagt. Auf meinem eigenen Planeten hätten solche 
Leute wie Frau Doof und ihre überernährte Tochter (mit ohne Ju¬ 
gend, aber SMS-Daumen) keine eigenen Kreditkarten und wür¬ 
den maximal als angelernte Sanitärfachkräfte in öffentlichen Ein- 



Uhr kann ich in Stuttgart nicht wirklich ernst nehmen, und selbst 
wenn, dann war da immer noch eine Vorband angekündigt, die 
meinetwegen pünktlich beginnen darf, dann sollte es um kurz 
nach 21:00 Uhr aber immer noch für die Hauptgruppe reichen. 
Eine glatte Fehlkalkulation, denn es gab weder einen Special 
Guest noch die übliche Verzögerung, die entsteht, wenn der La¬ 
den nicht gefüllt ist. BALZAC begannen um kurz nach 20:00 Uhr, 
spielten eine knappe Stunde, das war’s. So kam ich exakt zwei Mi¬ 
nuten nach der letzten Zugabe um Viertel nach Neun in einen auf¬ 
geräumten Veranstaltungsort, der mit 50 bis 60 Leuten spärlich 
unterbelegt war, obwohl sicherlich mehr Tickets verkauft worden 
sind. Da nach mir auch noch Leute eintrudelten und lange Gesich¬ 
ter zogen, bleibt der Trost, nicht alleine wie ein Depp dagestan¬ 
den zu haben. Allerdings ist mir so etwas in über 25 Jahren noch 
nicht passiert! Wer auch immer solche Zeiten ansetzt, hält wahr¬ 
scheinlich jeden Tag ein Mittagsschläfchen und veranstaltet sonst 
hauptberuflich Kindergeburtstage. Unfassbar! 

Für Erwachsene dagegen gab es nur einen Tag später eine Veran¬ 
staltung ohne Ringelpietz und Anfassen, nämlich PORN, BIG 
BUSINESS und die MELVINS. Voll war’s, bis auf einzelne 
Ausnahmen volljährig und verdammt laut!!! Wie immer ange¬ 
nehmes Ambiente in der Schorndorfer Manufaktur mit einem ei¬ 
nigermaßen akzeptierten Nichtrauchergesuch, bei dem man an¬ 
schließend nur halb soviel stank wie sonst. Sehr schön, wenn man 
mal nicht zu den Gesichtsältesten gehört und feststellt, dass da 
auch Leute abgehen, die ein paar Sommer mehr auf dem Buckel 
haben als man selbst. PORN als ernst zu nehmende Vorgruppe zu 
bezeichnen fällt schwer, musikalisch war es ein pures Traktat, 
das zu nicht mehr und nicht weniger geeignet war, die Anwesen¬ 
den zumindest auf die Lautstärke einzustellen. Drei Leute, dar¬ 
unter ein kostümierter Dale Crover (als - natürlich - dicker El¬ 
vis) spielen langsamen Sludge-Rock mit vielen unmotivierten Im¬ 
provisationen und sogar ein bis zwei richtige Stücke. Musikalisch 
und äußerlich entsprach die Band in etwa der Band von Cheech 
& Chong, inklusive Stirnband und Hinweis auf den Mann mit 
dem ganzen Shit im Gepäck. BIG BUSINESS sind Restmusiker von 
KARP und den MURDER CITY DEVILS, die sich für Plattenaufnah¬ 
men um Gastmusiker bereichern, live um Herrn Crover (schon 
wieder) an der Gitarre. Kaum ein Unterschied zur Duo-Version 
nur mit Bass und Schlagzeug. Noise der gehobenen Art, nur un¬ 
weit entfernt von den MELVINS, die sich für ihre letzte Platte kon¬ 
sequenterweise die beiden BIG BUSINESS-Musiker einverleibten. 
Der Übergang des BIG BUSINESS-Sets zum Gig der MELVINS war 
dann auch nahtlos. Herr Crover setzte sich an das zweite Schlag¬ 
zeug, King Buzzo kam mit seiner Gitarre und dann wurde eben 
noch lauter und heftiger gelärmt. Zwei Schlagzeuger sind eine fei¬ 
ne Sache, und wenn sie derart präzise und virtuos spielen wie 
hier, sogar ein richtiges Monster. Eine ganz andere Klasse als der 



richtungen hinter einem Porzellanteller ihr Dasein fristen oder 
Spucknäpfe leeren. Für den Teil der in diesem Kulturkreis aufge¬ 
wachsenen Jugendlichen habe ich ein unfehlbares System entwi¬ 
ckelt, nach dem sich eindeutig trennen lässt, mit welchen Men¬ 
schen ich in näheren Gesprächskontakt (also mehr als fünf Sät¬ 
ze) treten will und solchen, die für meine Altersstufe als zu „ju¬ 
gendlich-debil“ klassifiziert werden können. Die anfänglich fünf 
Fragen sind nach jahrelanger Erprobung auf zwei zusammenge¬ 
schrumpft, die so unfehlbar sind wie die Tatsache, dass man hin¬ 
ter dem letzten Deppen immer noch einen weiteren findet. 

1. „Palimpalim ...?“ Bei wem es hier nicht klingelt, der darf mei¬ 
netwegen aus einem anderen Land stammen, oder gerne dort¬ 
hin ziehen. 

2. „Nenn mir nur zwei Filme mit Louis de Funes.“ Wenn dich un¬ 
gläubige große Augen anstaf>en, dann weißt du, dass du entweder 
alt bist oder aber gerade vor jemandem stehst, für den das Visum 
zur kulturellen Grenze deiner Generation nicht ausgestellt wur¬ 
de. Nein, ich will nicht mit jemandem reden, der einen glatzköp¬ 
figen alten Franzosen nicht kennt und der mit einem der wenigen 
Höhepunkte des deutschen Nonsens-Humors nicht mal eine Tür¬ 
klingel verbindet. Trotzdem gibt es nach wie vor Idealisten, die 
weiterhin Einkaufsläden (Wann hat jemand von euch den letz¬ 
ten Einzelhandelsladen dieser Art betreten?) betreiben, statt Su¬ 
permarktdiscounter für Kinder, in denen die kleinen Päckchen 
auf Paletten feilgeboten werden und wo man an der Kasse mit der 
Kreditkarte bezahlen kann (wäre übrigens eine prima Idee für 
eine neue Monopoly-Ausgabe: EC-Karten-Monopoly). Und es gibt 
immer noch Buchverlage, die Otfried Preußler-Bücher verlegen, 
die von Kindern gelesen werden, die sich heimlich die 27. Wie¬ 
derholung von „Louis und die außerirdischen Kohlköpfe“ oder 
„Das Beste aus Nonstop Nonsens“ auf einem verwarnen Sparten¬ 
kanal ansehen. In diese Jugend setze ich all meine Hoffnung, der 
Rest kann mir gestohlen bleiben! 


letzte MELVINS-Gig vor ein paar Jahren, keiner der alten Klassiker 
dabei, aber dafür war das hier von einem anderen Planeten. Laut, 
hart und einsam, denn neben dieser Band gibt es keinen Anwärter 
auf den Kronprinzentitel. Lang war’s, klasse war’s und komplett 
arschlochfrei, wie eigentlich immer in Schorndorf. 

Wie viel ein paar Kilometer Luftlinie ausmachen können, sowie 
die Tatsache, dass manche Bands sich ihr Publikum nicht zu hun¬ 
dert Prozent aussuchen können, zeigten TITO & TARANTU- 
LA, die in der Reichenbacher Halle spielen sollten. Es lässt sich 
wohl nicht vermeiden, dass hier die Typen auftauchen, die auf 
DVD-Börsen stets mit Rücksäcken herumlaufen und genau dem 
Klischee entsprechen, das mein Nachbar mit dem Wort „Baller¬ 
mann“ verbindet. Normalerweise stört mich das nicht, wenn ge¬ 
rade mal 0,5 Prozent des Publikums so ausfällt, solange das am 
anderen Ende des Konzertsaales stattfindet. Wenn sich Freund „Da 
passen noch drei Bier zwischen Milz und Lunge“ genau dort mit 
seinen nicht minder begabten Nachwuchsidioten versammelt, 
wo ich stehe, und sowohl meine Begleitung als auch mich in bier¬ 
seliger Zutraulichkeit vollseiert, dann ist der Abend eher adrena- * 
lingeladen und nicht wirklich entspannt. 

Als Vorband trat die verstoßene kleine Schwester von Mike Ness in 
ultralighte Fußstapfen ihre großen Bruders. Benedicte Braen- 
den klang nicht nur wie Herr Ness auf Country-Solopfaden, son¬ 
dern bewegte sich auch so, nur viel preiswerter und eben kom¬ 
plett kalorienarm. Wie Frau Gwen Stefani, bei der man an der 
Zahnspange gespart und den blonden Rest mit einer Garderobe 
ausgestattet hat, die gerade mal 10 Dollar inklusive High Heels ge¬ 
kostet haben dürfte. Komischerweise trotzdem sehr ansprechend, 
weil musikalisch sehr verspielt, und irgendwie hatte sie was, die 
Frau mit ihren halbwüchsigen Jungs. TITO & TARANTULA waren 
weit besser als in Hannover vor circa zehn Jahren, lauter, hefti¬ 
ger Schweinerock, für den ich NASHVILLE PUSSY ohne nachzu¬ 
denken gerne stehen lasse, mit der aktuellen Betty Page-Doublette 
am Bass gleich mehrfach. Grandios verschwitztes langes Set, dem 
nicht einmal die mehrfachen Ausfälle der Basstechnik geschadet 
haben. Bis auf die halbwüchsige Idiotenbande um uns herum, ein 
angenehm gemischtes Publikum sämtlicher Altersklassen, super¬ 
gute Stimmung, alle Hits, volles Haus und am Ende kaum offe¬ 
ne Wünsche. Würde ich mir jederzeit wieder ansehen, denn live 
ist diese Band (bis auf den durchgeknallten Gitarristen und Tito 
frisch besetzt) ein echter Hin- * § . - > 

gucker. cu! bobtorture.de 

kaiie stille buntere bilder ... 

DER KÜCHENTIPP: 

Für schizophrene Gäste genügt ein Gedeck, selbst wenn manche 
für zwei essen! 



OX-FANZINE 135 













TERMINE 



the scarlet letter ofro( 


DROPKICK MURPHYS-HATEBREED 

AS I LAY DYING • HEAVEN SHALL BURN 
THE BONES • LESS THAN JAKE 

CONVERGE *UNEARTH *AGAINSTME! 

CHIMAIRA • SMOKE BLOW • PARKWAY DRIVE 

BROILERS • BORN FROM PAIN • MISERY SPEAKS 

30.JUNI 2007 • MÜNSTER 


Alle weiteren Infos gibt es auf www.vainstream.coni 


VISUMS VANS CMP skb 


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MILLENCOLIN 


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01.09.2007 - HERNE 


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Zakk/ Düsseldorf 

LAVELA PUERCA 



Zakk/Düsseldorf 


+SUPPORT 

Stone-RatingerHof/I 

DEADLINE: 

+ THECRINDOUS 

enberghalle/Herne 

Fear aFury Festival 

MILLENCOLIN 

+ MAD CADDIES + IGNITE 
L + DIE KASSIERER + LOKALMATADORE 
+ HEIDEROOSJES +SONDASCHULE 
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Termine 2007 

15. Juli 


T 

9. September 

£V 

28. Oktober 

Y 

P 

23. Dezember 


Georg-Elser-Hallen 
Rosenheimerstrasse 143 


Eintritt mit 18er Raum 5 € 





OX-FANZINE 136 


























Älle Tourdaten unter www.livegigs.de 


TERMINE 


108 

03.07. Hannover, Bei Chez 
Heinz | 04.07. Karlsruhe, Ju- 
bez | OS.07. Wolfsburg, Ju¬ 
gendhaus Ost | 06.07. Leis- 
nig, AJZ | 07.07. Cottbus, 
Muggefuge.V. | 16.07. Mün¬ 
chen, Feierwerk e.V. 

ABUELA COCA 

08.06. Dornstadt, Woodstock 
Open Air | 09.06. CH-Ba- 
sel, Archeo Festival | 10.06. 
CH-Thun, Cafe Bar Mok¬ 
ka | 11.06. Freiburg, Jazz¬ 
haus | 12.06. Marburg, 

Trauma | 13.06. Wermels¬ 
kirchen, AJZ Bahndamm | 
15.06. Stuttgart, Landespa¬ 
villon | 16.06. Halle / Saa¬ 
le, Objekt 5 | 18.06. Hanno¬ 
ver, Bei Chez Heinz | 19.06. 
Bielefeld. KAMP | 20.06. 
Hamburg, Hafenklang (exil) 

| 21.06. Berlin, Zion City 
Stage | 22.06. Mannheim, 
DASTHING | 23.06. Hagen, 
KuZ Pelmke | 27.06. Frank¬ 
furt / Main, Nachtleben | 
30.06. Annaberg-Buchholz, 
Alte Brauerei Annaberg e.V | 
04.07. Erfurt, SZ Engelsburg 
e.V. | 06.07. A-Wien, Are¬ 
na | 07.07. A-Aflenz, Green 
Valley Festival | 10.07. Er¬ 
langen, E-Werk | 11.07. Bre¬ 
men. FLUT-Festival | 12.07. 
Flensburg, Vobcbad | 14.07. 
Hamburg. Elbinselfestival | 
17.07. Köln, Sonic Ballroom 
| 19.07. Kassel, Barracuda 
Bar | 20.07. Lindau, Club 
Vaudeville | 23.07. Reutlin¬ 
gen. Cafe Nepomuk | 24.07. 
CH-Luzem, Blue Balls Festi¬ 
val | 26.07. München, Feier¬ 
werk e.V. | 27.07. Konstanz, 
KuLa | 28.07. CH-Appenzell, 
Postplatz Open Air 2006 

AGAINST ME! 

28.06. Hamburg. Molotow | 
OS.07. Köln, Underground j 
07.07. Berlin, Magnet Club 

ALPHA BOY SCHOOL 

1 S.06. Witten, Haus Wit¬ 
ten-Atrium | 16.06. Werne, 
Open Air | 28.06. Bochum, 
Wageni | 07.07. Duisburg, 
Parkfest | 20.07. Köln, Ac¬ 
cess All Area | 21.07.'Glau¬ 
bitz. Back to Future Open Air 


| 11.08. Haltern a.S., Open 
Air | 2S.08. Waltrop, Parkfest 
| 31.08. Lichtenfels, Rock 
myass | 07.09. Dissen, Open 
Air | 07.12. Duisburg, Hun¬ 
dertmeister 

ABWÄRTS 

22.08. Braunschweig, Rol¬ 
ling Stone im Jolly Joker | 
23.08. Köln, Prime Club | 
24.08. Haltern, Old Daddy j 
25.08. Stuttgart, Schocken j 
26.08. Fulda, Kreuz | 28.08. 
Frankfurt / Main, Nachtle¬ 
ben | 29.08. Bremen, Römer 
| 30.08. Hamburg, Grünspan 
| 31.08. Berlin, SO 36 

ANDTHEWINNERIS 

09.06. Chemnitz, Südbahn¬ 
hof | 20.07. Calbe/Milbe, 
entgleist festival | 01.09. 

Haynsburg, Rock auf der 
Burg 

ANTENNAS 

09.06. Gelsenkirchen, Lokal 
ohne Namen | 11.06. Ham¬ 
burg, Grüner Jäger St. Pauli 
| 14.06. Remseck, Haus der 
Jugend | IS.06. CH-Schaff- 
hausen, Rastafari Open Air 
| 16.06. CH-Luzem, B-Si- 
des Festival 

ARCTIC MONKEYS 

28.06. Hamburg, Stadtpark 
Freilichtbühne | 09.07. Ber¬ 
lin, Columbiahalle | 10.07. 
Dresden, Alter Schlachthof 

BANE 

24.08. Leipzig, Conne Island 
| 25.08. Münster, Skaters 

Palace | 09.09. CH-Luzem, 
Sedel | 10.09.Trier, Exhaus | 

11.09. Gießen, MGB | 12.09. 
Hannover, Bei Chez Heinz | 
13.09. Bremen, Wehrschloss 
| 14.09. Bochum, Matrix | 
16.09. Rosswein, Jugend¬ 
haus | 19.09. A-Wien, Are¬ 
na | 23.09. München, Fei¬ 
erwerk e.V 

BANKRUPT 

15.06. Löbau, Klinik Club 
| 16.06. Lübbenau, Kultur¬ 
hof e.V | 03.08. A-Pulkau, 
Open air im Park | 04.08. A- 
Jennersdorf, Rock Your Sox 
Off II | 18.08. Fort Gorgast, 


OBOA Festival | 01.09. Tor¬ 
gau, Punx Picnic Festival 

BARCODE 

29.06. Löbnitz, With Full 
Force Festival | 01.07. Leip¬ 
zig, With Full Force | 03.08. 
Großröhrsdorf, Bike'n'Roll 
- Festival | 04.08. Leisnig, 
Sucks ,n‘ Summer Festival 

BEAST OF BOURBON 

06.07. Hannover, Cafe Glock- 
see | 07.07. Dortmund, 

FZW | 11.07. Ulm, Eden | 
13.07. München, Muffathal- 
le | 27.07. Köln, Yard Club | 
29.07. Berlin, Columbia Club 
| 31.07. Hamburg, Knust 

BEATSTEAKS 

06.07. Dresden, Elbufer | 
07.07. Berlin, Wuhlheide j 
04.08. Bremen, Open Air 
am Pier 

BELLRAYS 

26.06. Wiesbaden, Schlacht¬ 
hof | 27.06. Hamburg, Mo¬ 
lotow | 28.06. Köln. MTC 

BENUTS 

30.06. Icking, Abi Party | 
04.07. München, Tollwood 
Festival | 21.07. Pösing, Pö- 
singer Open Air | 21.07. Ro¬ 
senheim, Hitzefrei | 28.07. 
Kaufbeuren, Make my day 
Festival | 29.07. Erding, 

Sinnflut Festival | 03.08. 

Schierling, Labertal-Festival 
| 03.08. Nennslingen, Play- 
ground Open Air | 04.08. 
Kösching, Mexico Open Air 

BLACK DAHLIA 
MURDER 

02.08. Frankfurt / Main, 
Nachdeben | 03.08. Wacken, 
Wacken Open Air | 04.08. 
Leisnig, Sucks ,n‘ Summer 
Festival | 11.08. Bad Berka, 
Party San Open Air | 16.08. 
Dinkelsbühl, Summerbrezze 
Festival | 26.08. München, 
Free and Easy Festival “Red- 
field Labelnight” 

BLONDE REDHEAD 

23.06. Heidelberg, Karlstor¬ 
bahnhof | 24.06. München, 
Feierwerk e.V | 25.06. Ber¬ 
lin, Postbahnhof | 28.06. 
Köln, Gebäude 9 

BOOZED 

09.06. Stemwede, Burning 
Sofa Festival | 15.06. Ham¬ 
burg, Molotow | 14.07. Lan¬ 
genau, Open Air | 27.07. Be¬ 
elen, Krach Am Bach Festi¬ 
val | 28.07. Heeke, Pampa¬ 
rock Festival | 25.08. Schütt¬ 
dorf, Komlex Open Air | 
08.09. Sarstedt, Open Air j 
15.09. Bad Essen, Schwimm¬ 
bad Open Air | 26.10. Pün¬ 
derich, Band Invasion 

BORIS 

23.06. Dortmund, FZW | 
04.07. Stuttgart, Schocken j 
05.07. Hamburg, Molotow 


BORN FROM PAIN 

08.06. Röblingen am See, 
Salt Lake Rocks Festival | 
09.06. Kassel, Barracuda Bar 
| 30.06. Münster, Vainstream 
j 06.07. Aschaffenburg, Co- 
los Saal | 07.07. Medewitz, 
Open Air | 28.07. Weißen¬ 
fels, Schlossfestival | 14.08. 
Mönichkirchen, Rocky 
Mountains Festival | 18.08. 
Villmar, Teils Beils Festival | 
07.09. Gräfenhainichen, OFT 

BOTANICA 

07.06. München, Backsta¬ 
ge Club | 08.06. CH-Lu- 
zern, Konzerthaus | 09.06. 
CH-St.Gallen, Grabenhal¬ 
le | 10.06. CH-Winterthur, 
Salzhaus | 11.06. Reudin¬ 
gen, Cafe Nepomuk | 13.06. 
Neu-Ulm, Salon Hansen | 
14.06. Soest, Sonic Club j 
15.06. Krefeld, Blauer En¬ 
gel | 19.06. Düsseldorf, Pret- 
ty Vacant Club | 20.06. Jena, 
Rosenkeller | 21.06. Hal¬ 
le / Saale, Objekt 5 | 22.06. 
Würzburg, U&D Festival | 
27.06. Reichenau, Bütezettel 
| 29.06. Lärz, Fusion Festival 

BRIGGS 

20.07. Hannover, Bei Chez 
Heinz | 22.07. Leipzig, 

Back To The Future Festival 
| 25.07. Düsseldorf, AK47 | 
26.07. Bielefeld,AJZ | 27.07. 
Aulendorf, irReal | 28.07. 
Homberg, Burgbergfesti¬ 
val | 29.07. München, Fei¬ 
erwerk e.V | 30.07. Hanno¬ 
ver, Bei Chez Heinz | 31.07. 
Hamburg, Hafenklang (exil) 

| 01.08. Kiel, Pumpe | 

07.08. Köln, Sonic Ballroom 
| 08.08. Freiburg, Walfisch | 
11.08. Berlin, Wild At Heart 

BRIGHT EYES 

18.06. München, Elser Hal¬ 
le | 19.06. Wiesbaden, 

Schlachthof | 20.06. Es¬ 

sen, Weststadthalle | 23.06. 
Scheessei, Hurricane Festival 
| 24.06. Neuhausen Ob Eck, 
Southside Festival 

BURY YOUR DEAD 

22.06. Schloß-Holte. Ser- 
engeti Festival | 24.06. 

Herne, Pressure Festival | 
26.06. Saarbrücken, Garage 
| 27.06. Rosmarkt, Colos- 
Saal | 28.06. Bochum, Ma¬ 
trix | 01.07. Löbnitz, With 
Full Force Festival | 10.08. 
Dresden, Alter Schlachthof | 
14.08. München, Muffathal- 
le | 15.08. München. Muf- 
fathalle 

CALI BAN 

18.06. Augsburg, Kanti¬ 
ne / Musikkantine | 29.06. 
Twistringen, Reload | 30.06. 
Roitzschjora, With Full Force 
Festival | 18.08. Dinkelsbühl, 
Summerbrezze Festival 

CASUALTIES 

26.07. Bielefeld, AJZ | 27.07. 
Rostock, Force Attack Fes¬ 
tival | 28.07. Berlin, KATO 



Schickt eure Konzertdaten per eMail an termine@ox-fanzine.de oder erfasst sie selbst un¬ 
ter www.livegigs.de 

Die Termine auf dieser Seite sind nur ein kleiner Ausschnitt aus den Terminen auf unse¬ 
rer Website. 

Achtung! Alle Termine ohne Gewähr! Bitte wendet euch bei Nachfragen ausschließlich an 
die Veranstalter. Wir können keinerlei Garantie für die Richtigkeit der Angaben geben, da wir 
sie genauso übernehmen, wie sie uns von den örtlichen Veranstaltern und den Konzerta¬ 
genturen übermittelt werden. Auch Auskünfte zu den Veranstaltungsorten können wir euch 
leider nicht geben. 


| 30.07. München, Feierwerk e.V. | 31.07. 
Schweinfurt, Alter Stadtbahnhof | 13.08. Saar¬ 
brücken, Kleiner Club Garage | 16.08. Ham¬ 
burg, Hafenklang (exil) | 17.08.Torgau, Endless 
Summer Festival | 18.08. Lindau, Club Vaude¬ 
ville | 20.08. CH-Basel, Sommercasino | 21.08. 
Bochum, Matrix 

CALEXICO 

07.07. Bonn, Rheinkultur | 11.07. Darm¬ 

stadt, Centralstation | 12.07. Karlsruhe, Zelti- 
val | 13.07. A-St. Pölten, Nuke Festival | 16.07. 
Kassel, Kulturzelt | 17.07. Erlangen, E-Werk | 
18.07. Jena, Kulturarena | 24.07. CH-Luzern, 
Blue Balls Festival | 25.07. Dachau, Rathaus¬ 
platz | 26.07. Frankfurt / Oder, Inseltheater 
Ziegenwerder 

CHUNG 

08.06. Marburg, Cafe Trauma | 09.06. Hanno¬ 
ver, Cafe Glocksee | 14.06. Hamburg, Hafen¬ 
klang (exil) | 15.06. Berlin, Diamond Lounge 
| 21.06. Köln, Blue Shell | 22.06. Frankfurt / 
Main, Cafe ExZess | 23.06. Chemnitz, Atomino 

CLAUS GRABKE 

08.06. Ulm, Cat Cafe | 06.07. Lingen, abi- 
festival | 07.07. Rathenow, Havelaut Festival 
| 14.07. Bad Salzdetfurth, Teichrock - Festi¬ 
val | 21.07. Talge, Talge Open Air | 07.09. Ber¬ 
lin, TWH 

CLICK CLICK DECKER 

21.07. Wadern, Rock am Bach -Festival | 24.07. 
A-Pirkdorfer See, Lake 07 | 28.07. Grossefehn, 
Omas Teich Festival | 11.08. Oberhausen, Ol¬ 
gas Rock 

COLDWORKER 

15.06. Marburg, KFZ | 16.06. Trier, Summer 
Blast Fest | 17.06. Wermelskirchen, AJZ Bahn¬ 
damm | 19.06. München, Feierwerk e.V. | 
20.06. Schweinfurt, Alter Stadtbahnhof | 21.06. 
CH-Erstfeld,Transilvania | 28.07. Obersinn, Ei¬ 
senwahn Festival 

CONVERGE 

15.06. Wiesbaden, Schlachthof | 16.06. Trier, 
Summer Blast Fest | 17.06. Chemnitz, AJZ Tal¬ 
schock | 19.06. Berlin, KATO | 22.06. Herne, 
Pressure Festival | 30.06. Münster, Halle Müns¬ 
terland | 14.07. Nürnberg, Z-Bau | 16.07. A- 
Wien, Arena | 18.07. München, Feierwerk e.V. 

| 19.07. CH-Lausanne, Le Romandie 

COR 

08.06. Rostock, Trafo Werft3Eck | 09.06. Gei- 
thain, Open Air | 22.06. Magdeburg, Sackfab¬ 
rik | 23.06. Gelsenkirchen, Amphitheater Gel¬ 
senkirchen | 07.07. Langenchursdorf, OpenAir 
| 13.07. Ludwigslust, Burning Summer Open 
Air | 14.07. Bergen auf Rügen, Rügen Rockt OA 
| 28.07. Behnkenhagen, Force Attack Festival | 
18.08. München, Rock for Hearts OA | 25.08. 
Braunschweig, Rock for Heart OA | 31.08. We¬ 
sel, ORR OA | 01.09. Stavenhagen, Arsch Cho- 
lio Open Air | 07.09. Berlin, Resist to Exist OA 
| 07.09. Wilhehnsaue/Oderbruch, Punk Uff’m 
Dorf OA | 08.09. Gräfenhainchen, OFT OA | 



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r*s o * 

d- \ 

*/* “ i s . 
C 5 § § 
0^22 


CONVERGE // RISE AND FALL // ANIMOSITY 
PARKWAY DRIVE II INTERNAL AFFAIRS 
DOWN TO NOTHING // MISERY INDEX 
DEW SCENTED // COLDWORKER 
BRING ME THE HORIZON II JOB FOR A COWBOY 


1 LESSTHANJAKE + SUPPORT 

WK BÜN8ESWK? M KARTENHAUSJBE »NB ßCKFTGNUNt OE 

I im i ii .. 

I “ EARTH CRISIS // SWORN ENEMY 

♦ LOCAL SUPPORT 


mm 


SICK OF IT ALL 

CONVERGE RISE AND FALL • ANIMOSTIY • NINTEEN REASONS 

WK Ü 8 ER T 1 CKFT ONLINE 0 £ II CMVENTIM OE II ALIEN UNSEREN SHOPS II ALLE TER 8 AX SHOPS 
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“TICKETS VOM 30 5 2007 BEHALTEN IHRE GMGKEII? 


07 in 

U,1U - HFT.T.ONF.A 


HELL ON EARTH TOUR 2007 

WALLS OF JERICHO // BORN FROM PAIN // 
FEAR MY THOUGHTS + MORE BANDS 


OX-FANZINE 137 






































TERMINE 


05.10. Bremen, Schlacht¬ 
hof | 06.10. Schwerin, Dok¬ 
tor K. | 22.12. Kiel, Pumpe 
| 29.12. Oberhausen, Turbi¬ 
nenhalle | 20.01. Frankfurt / 
Main, Batschkapp 

CRUSHING CASPARS 

08.06. Großenhain, Open 
Air | 09.06. Schwedt, Open 
Air | 15.06. Guben, No Bud¬ 
get Open Air | 16.06. Brahls- 
dorf, Rock Gegen Rechts | 
22.06. Stavenhagen, Open Air 
| 06.07. Aschaffenburg, Co- 
los Saal | 07.07. Medewitz, 
Open Air | 03.08. Gro߬ 
röhrsdorf, Bike'n'Roll - Fes¬ 
tival | 12.08. Immenhausen, 
AKKU | 07.09. Gräfenhaini- 
chen, OFT | 08.09. Stavenha¬ 
gen, Tankhaus 

D.H. 

15.06. Hannover, Bei Chez 
Heinz | 16.06. Itzehoe, Haus 
der Jugend | 05.07. Leip¬ 
zig, Nato | 06.07. Gera, Un¬ 
tergrund | 29.09. Tübingen, 
Epplehaus | 12.10. Bischofs¬ 
werda, East-Club 

DECEMBERISTS 

23.09. Köln, Live Music Hall 
| 24.09. Frankfurt / Main, 
Batschkapp | 25.09. Karlsru¬ 
he, Substage Rockrampe e.V 
| 28.09. München, Muffa- 
thalle | 29.09. Berlin, Post¬ 
bahnhof | 30.09. Hamburg, 
Große Freiheit 36 

DINOSAUR JR 

29.06. München, Olympi¬ 
ahalle | 30.06. Berlin, Post¬ 
bahnhof | 01.07. Hamburg, 
AOL Arena 

DISCIPLINE 

08.06. Gerach, Laimbachtal¬ 
halle | 09.06. Freiburg, Crash 
Musikkeller 

DO OR DIE 

11.08. Olbernhau, Welcome 
Goodbye Summer | 12.08. 
Immenhausen, AKKU | 
17.08. Berlin, Udo | 18.08. 
Moers, Aretta 

DOWN TO NOTHING 

15.06. Trier, Summer Blast 
Fest | 16.06. Bielefeld. AJZ 
| 17.06. Chemnitz, Never 
Say Die Festival | 19.06. A- 
Dornbirn, Cafe Schlacht¬ 
haus | 20.06. Schweinfurt, 
Alter Stadtbahnhof | 23.06. 
Roßwein, JH | 24.06. Her¬ 
ne, Pressure Festival | 28.06. 
Berlin, KATO | 29.06. Arpke, 
Jugendtreff 

DR. WOGGLE 
& THE RADIO 

09.06. Heidelberg. Halle 02 
| 17.06. Kirchheim, Stadt¬ 
fest | 30.06. Weinheim, 

Open Mind Air06 | 15.07. 
Trief. Ex-Haus | 20.07. CH- 
Brugg, Free for Peace-Festival 
| 27.07. Mannheim, Bands 
On Board 

DRONES 

18.06. Hamburg, Markthalle 
| 19.06. Cottbus, Gladhouse 
| 20.06. Jena, Rosenkeller | 
21.06. Stuttgart, Die Röhre j 
22.06. CH-Zürich, Mascotte 
| 23.06. CH-Altdorf, Eventfa¬ 
brik | 03.08. Rees / Haldem, 
Haldern Pop Festival 

DUESENJAEGER 

06.07. Göttingen, T-Kel- 
ler | 07.07. Leipzig. Zor- 
ro | 17.08. Stemwede, 31. 
umsonst&draußen Festival | 
08.09. Hannover, Kur Kon¬ 
zerte Festival | 06.10. Osna¬ 
brück, Ostbunker 

DYSE 

22.06. Schleusingen, Schul¬ 
club | 29.06. Lärz, Fusion 
Festival | 06.07. Erfurt, Sto¬ 
ned From the Underground 
Festival 

EARTH CRISIS 

24.06. Herne, Pressure Festi¬ 
val | 25.06. Bremen, Wehr¬ 
schloss | 26.06. München, 
Backstage | 27.06. Schwein¬ 
furt, Alter Stadtbahnhof | 
30.06. Roitzschjora, With 
Full Force Festival 

EDITORS 

12.06. Berlin, Postbahnhof | 
13.06. Köln, Kulturkirche j 
22.06. Scheeßel, Hurricane 


Festival | 24.06. Neuhausen 
Ob Eck, Southside Festival, 

FEAR MY THOUGHTS 

16.06. Trier, Summer Blast 
Fest | 30.06. Twistringen, 

Reload | 01.07. Roitzschjo¬ 
ra, With Full Force Festival 
| 16.08. Dinkelsbühl, Sum- 
merbrezze Festival | 08.09. 
Remchingen, Slamdance Ma- 
nia Festival 

FELIX CULPA 

15.06. Sögel, Alter Bahnhof 
| 04.08. Löningen, Freibad 
| 07.09. Essen, Cafe Nova | 

I 5.09. Wolfsburg, Schlacht¬ 
haus | 28.09. Rügen, E-Werk 
| 29.09. Rügen, E-Werk 

FILMS 

23.06. Neuhausen Ob Eck, 
Southside Festival | 24.06. 
Scheeßel, Hurricane Fes¬ 
tival | 27.07. Berlin, Ber¬ 
lin Festival | 28.07. Grosse¬ 
fehn, Omas Teich Festival | 
10.08. Rothenburg, Tauber¬ 
tal Festival | 11.08. Eschwe- 
ge. Open Flair 

FIRE IN THE ATTIC 

22.06. Radevormwald, 
Schoofs Out Party 2007 | 
07.07. Bonn, Rheinkullur | 
14.07. Geretsried, Sonnenrot 
Festival | 28.07. Bausendorf- 
Olkenbach, Riezer Stübchen 
| 03.08. Trebur, Trebur Open 
Air | 05.08. A-Bleiburg, Lake 
07 Festival | 18.08. Fuchstal, 
Open Air Fuchstal | 24.08. 
Elend, Rocken am Brocken 
Festival | 25.08. Cuxhaven, 
Deichbrand Festival | 30.08. 
Hamburg, Hafenklang (exil) 

FLESH 

10.06. A-Wien, Chelsea | 

11.06. A-Innsbruck, Week- 
ender Club | 12.06. Mün¬ 
chen, Feierwerk e.Y | 13.06. 
Stuttgart, Schocken | 14.06. 
Nürnberg, K4 | 15.06. Köln, 
Gebäude 9 | 16.06. Ludwigs¬ 
hafen, Das Haus | 17.06. 
Wiesbaden, Wiesbaden | 
18.06. Berhn, Magnet Club | 
19.06. Hamburg, Molotow | 
20.06. Münster, Gleis 22 

GENEPOOL 

08.06. Heilbronn, Stereo To¬ 
tal | 09.06. Neuensee, Rock 
im Wald | 21.07. Hade- 
marschen, RRock Festival | 
11.08. Oberhausen, Olgas 
Rock | 17.08. Stemwede, JFK 
Festival | 02.10. Köln, Under¬ 
ground | 04.10. Hamburg, 
Hafeaklang (exil) | 05.10. 
Hannover, Bei Chez Heinz 
| 06.10. Chemnitz, Bunker 
| 07.10. Berlin, White Trash 
| 11.10. Dortmund. FZW | 

13.10. München, Backsta¬ 
ge Club | 14.10. Wiesbaden, 
Schlachthof 

GIRLSCHOOL 

20.07. Lübeck, Treibsand | 
21.07. Jüterborg, Altes Lager 

GOGOL BORDELLO 

24.06. A-Wien, Donauinsel¬ 
fest | 03.07. Karlsruhe, Zel- 
tival | 29.07. CH-Paleo, Pa- 
leo Festival | 11.08. CH-Zo- 
fingen, Heitere Open Air | 
12.08. Rothenburg, Taubertal 
Festival | 17.08.CH-Gampel, 
Open Air 

GOLDENEN ZITRONEN 

12.07. Esslingen, Komma | 
13.07. München, Kammer¬ 
spiele | 14.07. Augsburg, 

Brecht Convention Festival 

HARA-KEE-REES 

08.06. Berlin, Bassy-Cow- 
boy-Club | 11.06. Hamburg, 
Molotow | 12.06. Kassel, 

A.R.M. | 13.06. Nürnberg, 
Muz Club | 14.06. Stuttgart, 
Keller Klub | 16.06. Köln, 
Sonic Ballroom 

HASS 

07.09. CH-Zürich, Dynamo 
| 22.09. München, Feier¬ 
werk e.V. | 28.09. Essen, Ze¬ 
che Carl e.V. | 05.10. Ham¬ 
burg, Uebel&Gefahrlich | 

19.10. Chemnitz, AJZ Tal¬ 
schock | 20.10. Berlin, SO 
36 | 29.12. Oberhausen,Tur¬ 
binenhalle 

HATEBREED 

19.06. CH-Zürich, Hallen¬ 
stadion | 23.06. Mannheim, 


Feuerwache | 25.06. A-Wör- 
gl, Komma | 29.06. Roitz¬ 
schjora, With Full Force Fes¬ 
tival | 30.06. Münster, Vain- 
stream 

HATESPHERE 

13.06. Hannover, MUZ 
NORD | 14.06. Berlin. K 17 
| 15.06. Trier, The Ultima- 
te Summer Blast Festival | 
17.06. Köln, Underground 
| 18.06. Osnabrück, Bastard 
Club | 19.06. Darmstadt, 

Steinbruch | 20.06. Mün¬ 
chen, Metropolis | 21.06. 
CH-Erstfeld, Transilvania | 
22.06. A-Salzburg, Summer 
Nights Festival | 23.06. A- 
Millstadt, Bergwerk | 24.06. 
A-Wien, Arena | 07.07. Os¬ 
terode, Rock Harz. Open Air 
| 19.07. Kreuth, Earthshaker 
Fest | 18.08. Ubstadt-Weiher, 
Motoball-Arena | 19.08. Es¬ 
sen, Essen Original | 01.09. 
Hameln, Joch'n'Roll Fest | 

10.11. Essen, Ru Fest 

HAUSVABOT 

10.06. Albersdorf, Punk am 
Ring | 27.07. Behnkenha- 
gen, Force Attack Festival | 
01.09. Hameln, Regenbogen 
| 21.09. Chemnitz, AJZ Tal - 
schock | 22.09. Magdeburg, 
Sackfabrik | 23.09. Dres¬ 

den, Chemiefabrik | 24.09. 
Rostock, Toxis Weißes Kreuz 
| 25.09. Hamburg, Hafen¬ 
klang (exil) | 26.09. Wer¬ 
melskirchen, AJZ Bahndamm 
| 27.09. Göttingen, JuzI | 
28.09. Hameln, Sumpfblu¬ 
me | 30.09. Augsburg, Kan¬ 
tine / Musikkantine | 02.10. 
Weiden, 5 Inch Club | 
04.10. Nürnberg, Kunstver¬ 
ein | 05.10. Arnstadt, Lok- 
schuppen 

HEAVEN SHALL BURN 

23.06. München, Backslage 
| 27.07. Dieburg, Traffic Jam 
Open Air | 04.08. Wacken, 
Wacken Open Air 

HELL ON EARTH 
TOUR 2007 

mit: WALLS OF JERICHO. 
BORN FROM PAIN. FEAR MY 
THOUGHTS I 13.09. Frank¬ 
furt / Main, Batschkapp | 
14.09. Saarbrücken, Garage 
| 20.09. Hannover, Musik- 
Zentrum | 21.09. Dresden, 
Reithalle | 22.09. Berlin, SO 
36 | 05.10. Jena, F-Haus | 
06.10. Essen, Funbox Amalie 
| 07.10. Schweinfurt, Alter 
Stadtbahnhof | 12.10. Fürs¬ 
tenfeld, Jugendzentrum Co- 
yoba | 13.10. Donauwörth, 
JuZE | 31.10. Freising, Lin¬ 
denkeller | 01.11. CH-Lu- 
zem, Sedel | 02.11. A-Luste- 
nau, Factory | 03.11.CH-Us- 
ter, Rock City 

HOLD STEADY 

23.06. Neuhausen Ob Eck, 
Southside Festival | 24.06. 
Scheeßel, Hurricane Festival 

IGNITE 

17.08. Torgau, Endless Sum¬ 
mer Festival | 18.08. Ub- 
stadt-Weiher, Weiher Hilft 
Festival | 25.08. Horb am 
Neckar, Minirock Festival | 
31.08. Bamberg, Rock My 
Ass Festival | 01.09. Herne, 
Fear 8t Fury Festival 

ISIS 

12.06. Köln, Bürgerhaus 
Stollwerck | 13.06. Berlin, 
Postbahnhof | 24.06. Schee¬ 
ßel, Hurricane Festival 

JASON ANDERSON 

16.06. Berlin, Trompe¬ 
te | 21.06. A-Wien, Arena | 
22.06. München, Kafe Kult j 
23.06. Esslingen, Komma 

JAY REATARD 

09.06. Speyer, FLÄMING 
STAR | 11.06. Konstanz, 

Contrast | 12.06. Frankfurt 
/ Main, Dreikönigskeller | 
24.06. Hamburg, Beat Club 

JOB FOR A COWBOY 

12.06. Münster, Triptychon 
| 13.06. Gießen, MUK | 

14.06. München, Feierwerk 
e.V | 15.06. Wiesbaden. 

Schlachthof | 16.06. Trier, 
Summer Blast Fest | 17.06. 
Chemnitz, AJZ Talschock | 
19.06. Berhn, SO 36 | 20.06. 
Schweinfurt, Alter Stadtbalm¬ 


hof | 22.06. Herne, Pressu¬ 
re Festival 

KAFKAS 

16.06. Wadern, Jugendclub 
| 23.06. Stavenhagen, Elek¬ 
trisch Verstärkt-Open Air | 
29.06. Amberg, Juz Klärwerk 
| 06.07. Koblenz, HOT | 
19.10. Tübingen, Epplehaus 
| 20.10. Ulm, Beteigeuze 

KARAMELO SANTO 

29.06. Oettingen, Karibische 
Naechte | 30.06. Stuttgart, 
Festival der Kulturen | 02.07. 
Freiburg, Zelt-Musik-Festival 
| 03.07. Jena, JG - Stadtmitte 
| 06.07. A-Aflenz, Green Val¬ 
ley Festival | 09.07. Reutlin¬ 
gen, Cafe Nepomuk | 10.07. 
Erlangen, E-Werk | 12.07. 
Kiel, Pumpe | 17.07. Mün¬ 
chen, Feierwerk e.V | 19.07. 
Regensburg, Alte Mälzerei | 
21.07. Berlin,YAAM | 03.08. 
Bad Windsheim, Weinturm 
Open Air | 06.08. Düssel¬ 
dorf, ZAKK | 07.08. Hanno¬ 
ver, MusikZentrum 

KATE MOSH 

09.06. Heilbronn. MOBI- 
LATclub | 27.07. A-St. Veit, 
Buschrock | 04.08. Trebur, 
Trebur Open Air | 11.08. 
Storkow, Mamallapuram Fes¬ 
tival | 27.09. Dortmund, 

FZW | 28.09. Münster, Amp 
| 29.09. Bremen, Römer | 
03.10. Hamburg, Grüner Jä¬ 
ger St. Pauli | 04.10. Ilme¬ 
nau, BD Club | 05.10. Karls¬ 
ruhe, Jubez | 06.10. Nürn¬ 
berg, Club Stereo 

LAMBCHOP 

07.07. Bonn, Rheinkul¬ 
tur | 09.07. Hamburg, 

Uebel&Gefahrlich | 10.07. 

Aschaffenburg, Colos Saal | 
12.07. CH-Montreux, Jazz 
Festival | 13.07. A-Feldkirch, 
Poolbar Festival | 14.07. A- 
St. Pölten, Nuke Festival | 
16.07. Karlsruhe, Zeltival j 
17.07. Erlangen, E-Werk 

LESS THAN JAKE 

21.06. Leipzig, Parkbühne 
| 25.06. Schweinfurt, Alter 
Stadtbahnhof | 26.06. Ber¬ 
lin, KATO | 29.06. Monta¬ 
baur, mach 1 Festival | 30.06. 
Münster, Vainstream 

LOCUST 

22.08. Hamburg. Hafen¬ 
klang (exil) | 24.08. Han¬ 
nover, Cafe Glocksee | 
26.08. Leipzig, Conne Island 
| 27.08. Marburg, KFZ | 
28.08. Stuttgart, Schocken j 
29.08. Wiesbaden, Schlacht¬ 
hof | 30.08. Nürnberg, K4 | 
31.08. München, Kranhalle j 
09.09. Saarbrücken, Roxy 

LOGH 

28.06. Kassel, Documenta | 
30.06. Bremen, Römer 

MAD MONKS 

16.06. Stapelfeld, 

Umsonst&Draussen | 23.06. 
Stavenhagen, Elektrisch Ver¬ 
stärkt-Open Air | 14.07. 

Neuenkirchen, Neuenkirche- 
ner Open Air | 21.07. Nor¬ 
denham, Fonsstock-Festival 
| 28.07. Grossefehn, Omas 
Teich Festival | 04.08. Bre¬ 
men, Open Air am Pier | 
10.08. Wiefelstede, Night 
Festival | 11.08. Tarmstedt, 
Rock Den Lukas | 11.08. Ba¬ 
kum, Staatsforsten Open Air 

MADBALL 

04.08. Leisnig, Suck$ ,n‘ 
Summer Festival | 05.08. 

Marburg. KFZ | 07.08. Bo¬ 
chum, Matrix | 17.08. Frei¬ 
burg, Crash Musikkeller 

MISERY INDEX 

15.06. Marburg, KFZ | 16.06. 
Trier, Summer Blast Fest | 
17.06. Wermelskirchen, AJZ 
Bahndamm | 18.06. Hanno¬ 
ver, Indiego | 19.06. Mün¬ 
chen, Feierwerk e.V. | 20.06. 
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬ 
hof | 21.06. CH-Erstfeld, 
Transilvania | 28.07. Ober¬ 
sinn, Eisenwahn Festival 

MIT 

15.06. Mannheim, Feuer¬ 
wache | 16.06. Bayreuth, 

Uni Festival | 07.07. Lin- 
gen, abi-festival | 21.07. 

Rüsselsheim, PhonoPop Fes¬ 


tival | 26.07. Kassel. A.R.M. 

| 27.07. Berhn, Berhn Festi¬ 
val | 28.07. Dortmund, Jui- 
cy Beats Festival 

MONTREAL 

09.06. München, Backstage 
| 21.06. Dortmund, FZW | 
22.06. Stukenbrock, Serenge- 
ti Festival | 23.06. Gelsenkir¬ 
chen, Amphitheater Gelsen¬ 
kirchen | 07.07. Verl, Rock 
den Sand | 13.07. Harsefeld, 
Gymnasium | 14.07. Teten¬ 
büll, Theatrium | 21.07. Im¬ 
menstadt, Rock am Insel¬ 
see | 27.07. Herzogenau¬ 
rach, School's Out Festival | 
05.08. Trebur, Trebur Open 
Air | 08.09. Helmbrechts, 
Warwood Festival 

MUFF POTTER 

09.06. CH-Zürich, Zürich 
Festival | 16.06. Oberhau¬ 
sen, Rock Airea | 10.07. A- 
Pirkdorfer See, Lake 07 | 
20.07. Weigendorf, Weigen- 
dorf Open-Air | 21.07. Pa¬ 
derborn, Open Horizon Fes¬ 
tival | 28.07. Bad Karlsha¬ 
fen, Sonic Bang Festival | 
10.08. Eschwege, Open Flair 
| 11.08. Rothenburg o.d. 

Tauber, Taubertal Festival | 
18.08. Rotenhain, Open Air 
| 25.08. Lüdinghausen, Area 
4 Festival | 01.09. Elmshorn, 
Krückau Festival | 13.09. Er¬ 
furt, Engelsburg | 14.09. lan¬ 
gen, Rock am Pferdemarkt | 
15.09. Hamburg, Knust | 
16.09. Berhn, Lido | 17.09. 
Dresden, Groove Station | 
19.09. Köln, Underground 
| 20.09. Bielefeld, KAMP | 
21.09. Dortmund, FZW j 
22.09. Saarbrücken, Roxy | 
23.09. Buchloe, JUZ | 25.09. 
Gießen, MUK | 26.09. Erlan¬ 
gen, E-Werk | 27.09.A-Graz, 
PPC | 28.09. A-Lustenau, Ca- 
rini Saal | 29.09. A-Steyr, 
Röda | 30.09. A-Wien. Are¬ 
na | 02.10. Konstanz, KuLa 
| 03.10. CH-Luzern, Schüür 
| 05.10. Karlsruhe, Substa¬ 
ge Rockrampe e.V | 06.10. 
Chemnitz, Talschock 

MURPHY’S LAW 

12.08. Berhn, Cassiopeia | 
15.08. München, Backstage 

NAKED LUNCH 

29.06. Passau, Passauer 
Kunstnacht | 02.08. Rees- 
Haldern, Haldern Festival | 
03.08. Freising, Prima leben 
und Stereo Festival 

NARZISS 

09.06. Iserlohn, Stay Wild | 
31.08. Hameln, Joch'n'Roll 
Fest | 29.09. Merzig, Rock 
Auf Dem Berg 

NEAERA 

16.06. Trier, Summer Blast 
Fest | 23.06. Wolfsburg, Hal¬ 
lenbad | 24.06. A-Wien, Do- 
nauinselfest | 29.06. Roitz¬ 
schjora, With Full Force Festi¬ 
val | 02.08. Wacken, Wacken 
Open Air | 18.08. Ubstadt- 
Weiher, Weiher Hilft Festival 
| 31.08.A-Kärnten, RockThe 
Lake Festival | 08.09. Rü¬ 
dersdorf, Gruenen Kehle 1 

NEBULA 

03.07. Köln, Underground 
| 05.07. Berlin, Knaack | 
06.07. Sondershausen, Last 
Resort Festival | 15.07. 

München, Backstage Club | 
17.07. A-Millstadt, Bergwerk 
| 18.07. A-Wien, Escape 

NEVER SAY DIE! HEAT 
SEEKER FESTIVALS 

mit: CONVERGE, PARKWAY 
DRIVE, BRING ME THE HO¬ 
RIZON, RISE AND FALL, ANI- 
MOSITY | 17.06. Chemnitz, 
AJZ Talschock | 19.06. Ber¬ 
hn, SO 36 | 20.06. Schwein¬ 
furt, Alter Stadtbahnhof 

NINE POUND HAMMER 

29.06. Münster, Gleis 22 | 
01.07. Berlin, Wild At Heart 
| 02.07. Halden, Dr Feel- 
good | 04.07. Hamburg, 
Molotow | 05.07. Nürnberg, 
K4 | 06.07. München, Mo¬ 
nofaktur | 07.07. Tübingen, 
Epplehaus 

ORANGE GOBLIN 

08.09. Cammer, Gutspark - 
South Of Mainstream Festival 
| 09.09. Hamburg, Molotow 


| 10.09. Jena, Rosenkeller | 
14.09. Köln, Underground 

PALE 

28.06. Münster, Skaters Palace 
| 29.06. Würselen, Burg Wil¬ 
helmstein | 06.07. Lingen, 
abi-festival | 07.07. Bonn, 
Rheinkultur 

PARKWAY DRIVE 

16.06.Trier, Festival | 17.06. 
Chemnitz, AJZ Talschock | 
19.06. Berlin, SO 36 | 20.06. 
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬ 
hof | 23.06. Herne, Pressu¬ 
re Festival | 30.06. Münster, 
Vainstream 

PASCOW 

26.05. Duisburg, Asta Keller 
Uni Duisburg | 08.06. Sieg¬ 
burg, SJZ | 09.06. Braun¬ 
schweig, Nexus | 23.06. Gel¬ 
senkirchen, Amphitheater 
Gelsenkirchen | 21.07. Wa¬ 
dern, Rock am Bach - Fes¬ 
tival | 28.07. Behnkenha- 
gen, Force Attack Festival | 
08.09. Hannover, Kur Kon¬ 
zerte Festival 

PAUL WELLER 

18.09. Köln, Tanzbrunnen | 
19.09. Hamburg, Musikhal¬ 
le Hamburg | 20.09. Berlin, 
Schiller Theater 

PLACE OF SKULLS 

23.09. Osnabrück, Bastard 
Club | 25.09. Köln, MTC 
| 28.09. CH-Luzem, Sedel 
| 30.09. A-Wien, Escape | 
03.10. Leipzig, UT Conne¬ 
witz | 05.10. Spremberg, 
Erebos | 07.10. Berhn, Roa- 
drunners Paradise 

POISON IDEA 

20.07. Kinsau, Rote Zora Fes¬ 
tival | 21.07. München, Back¬ 
stage | 22.07. Pouch, Back To 
Future Festival | 10.08. Heil¬ 
bronn, Stereo Total 

PORCUPINE TREE 

22.06. Köln, E-Werk | 23.06. 
Neuhausen Ob Eck, Southsi¬ 
de Festival | 24.06. Scheeßel. 
Hurricane Festival | 30.06. 
Offenbach, Capitol | OS.07. 
Berhn, Columbia Club | 
08.07. Leipzig, Parkbühne 

POTHEAD 

16.06. Hohenlobbese, Pot¬ 
stock | 13.07. Öttersdorf, 

Open Air Festival | 21.07. 
Bersenbrück-Talge, Talge 
Openair | 01.09. Freden- 
beck, Rock am See | 08.09. 
Hindenberg, Glück Auf 
Open Air | 21.09. Rostock, 
M.A.U. Club | 29.09. Dort¬ 
mund, FZW 

PURGEN 

21.09. Chemnitz, AJZ Tal¬ 
schock | 22.09. Magdeburg, 
Sackfabrik | 23.09. Dres¬ 
den, Chemiefabrik | 24.09. 
Rostock, Toxis Weißes Kreuz 
| 25.09. Hamburg, Hafen¬ 
klang (exil) | 26.09. Wer¬ 
melskirchen, AJZ Bahndamm 
| 27.09. Göttingen, JuzI | 
28.09. Hameln, Sumpfblu¬ 
me | 30.09. Augsburg, Kan¬ 
tine / Musikkantine | 02.10. 
Weiden, 5 Inch Club | 
04.10. Nürnberg, Kunstver¬ 
ein | 05.10. Arnstadt, Lok- 
schuppen 

QUEENS OF THE 
STONE AGE 

22.06. Scheeßel, Hurricane 
Festival | 23.06. Neuhausen 
Ob Eck, Southside Festival | 
28.06. Köln, E-Werk | 04.07. 
Berlin, Columbiahalle 

REJECTED YOUTH 

14.07. Sulzbach, Black Cats 
Open Air | 04.08. Potsdam, 
Archiv | 15.09. Langenzenn, 
Open Air | 21.09. Neuen¬ 
kirchen, Juz | 22.09. Brühl, 
JuZe | 23.09. Moers. Süd¬ 
ring | 10.11. Ravensburg, Ju¬ 
gendhaus Ravensburg 

SHARK SOUP 

07.07. Erlangen, E-Werk | 
14.07. Sulzbach-Rosenberg, 
Black Cats Open Air 

SHE-MALE TROUBLE 

20.07. Glaubitz, Back To The 
Future Open Air | 24.08. 
Horb am Neckar, Minirock 
Festival | 25.08. Meidelstet- 
ten, Kick- und Musikfest 


SICHELZECKEN 

22.06. Brühl, JuZe | 23.06. 
Aachen, AZ j 13.07. Müns¬ 
ter, Bosporus | 14.07. Her¬ 
zebrock, Muck | 28.07. Aa¬ 
chen, Mühle | 14.09. Bar¬ 
singhausen, Falkenkeller 
| 15.09. Warendorf. Dub¬ 
lin Road 

SICK OF IT ALL 

23.06. Herne, Pressure Fes¬ 
tival | 30.06. Roitzschjo¬ 
ra, With Full Force Festival 
| 02.07. A-Hohenems/Vor- 
arlberg, Tennis Event Center 
| 03.07. Lindau, Club Vaude¬ 
ville | 06.07. Saarwellingen, 
Rock Weh Festival | 07.07. 
Bonn, Rheinkultur | 14.07. 
Nürnberg, Z-Bau | 31.08. 
Hameln, Joch'n'Roll Fest | 
01.09. CH-Granichen, Open 
Air Festival | 14.09. Ber¬ 

lin, SO 36 

SMOKE BLOW 

29.06. Roitzschjora, With 
Full Force Festival | 30.06. 
Gelsenkirchen, Amphitheater 
Gelsenkirchen | 07.07. Geis¬ 
lingen, Helfenstein-Festival 
| 28.07. Backnang, Jugend¬ 
zentrum Backnang | 04.08. 
Großröhrsdorf, Bike'n'Roll 
- Festival 

SONDASCHULE 

21.06. Dortmund, FZW | 
06.07. Geislingen, Helfen¬ 
stein-Festival | 07.07. Dahl¬ 
hausen, Tittemania Festival 
| 21.07. Cloppenburg, Sta¬ 
pelfelder Open Air | 04.08. 
Oberhausen, Pogo United 
Festival | 1 1.08. Neuwurs- 
schnitz, Waldbad Open Air | 
12.08. Lichtenfels, Rock am 
See Festival | 17.08. Elz,Teils 
Beils Festival 

SONIC YOUTH 

16.06. Wiesbaden, Schlacht¬ 
hof | 21.06. München, Toll¬ 
wood Festival | 26.06. Köln, 
E-Werk | 27.06. Berlin, Co¬ 
lumbiahalle 

STRIKE ANYWHERE 

20.06. Hamburg, LOGO | 
22.06. Chemnitz, Talschock 
| 06.07. Geislingen, Helfen¬ 
stein-Festival | 08.07. A-Vi- 
enna, Arena | 16.07. Mün¬ 
chen, Backstage | 17.07. 

Schweinfurt, Alter Stadt¬ 
bahnhof 

STRUNG OUT 

01.07. Roitzschjora, With 
Full Force Festival 

SWORN ENEMY 

15.06. Trier, Summer Blast 
Fest | 21.06. Hannover, Mu¬ 
sikZentrum | 24.06. Her¬ 
ne, Pressure Festival | 25.06. 
Freiburg, Atlantik | 26.06. 
Schweinfurt, Alter Stadtbahn¬ 
hof | 27.06. Augsburg, Kan¬ 
tine / Musikkantine | 30.06. 
Roitzschjora, With Full Force 
Festival | 05.07. A-Wörgl, 
Komma | 06.07. A-St. Pölten, 
FreiRaum 

TEN EAST 

10.06. Hamburg, Hafenklang 
(exil) | 12.06. Osnabrück, 
Bastard Club | 13.06. Köln, 
Underground | 14.06. Jena, 
Rosenkeller | 16.06. Aachen, 
Musikbunker 

THERMALS 

08.07. Flensburg, Volxbad 
| 09.07. Dortmund, FZW | 
10.07. Bremen, Lagerhaus 


| 13.07. Gräfenhainchen, 

MELT! Festival | 21.07. Rüs¬ 
selsheim, Phono Pop Festival 

TURBO AC‘S 

19.07. Dortmund, FZW | 
21.07. Wadern, Rock am 
Bach - Festival | 22.07. Frei¬ 
burg, Walfisch | 26.07. Ber¬ 
lin, Wild At Heart | 27.07. 
Johannesberg, Mühlbergfes¬ 
tival | 28.07. Lindau, Um¬ 
sonst und Draußen | 29.07. 
Buchloe, JZ Buchloe | 30.07. 
Hannover, Bei Chez Heinz | 
01.08. Kiel, Pumpe | 07.08. 
Koblenz, Circus Maximus 

UNEARTHLY TRANCE 

08.09. Spremberg, Erebos | 

13.09. Rostock, JAZ | 14.09. 
Leipzig, Zorro 

VAGEENAS 

09.06. München, Glocken¬ 
bachwerkstatt | 16.06. Wies¬ 
baden, Kulturpalast Wies¬ 
baden | 18.06. Köln, Sonic 
Ballroom | 28.07. Rostock, 
Force Attack Festival 

WALLS OF JERICHO 

15.06. Sittard, Fenix | 16.06. 
Trier, The Ultimate Summer 
Blast Festival | 19.06. Mar¬ 
burg, KFZ | 20.06. Biele¬ 
feld, Movie | 21.06. Hanno¬ 
ver, MusikZentrum | 22.06. 
Weinheim, Cafe Central | 
24.06. Herne, Pressure Festi¬ 
val | 27.06. Augsburg, Kan¬ 
tine / Musikkantine | 30.06. 
Roitzschjora, With Full Force 
Festival j 02.07. Berchtesga¬ 
den, Kuckucksnest | 03.07. 
A-Oberwart, OHO j 04.07. 
Augsburg, Kantine / Musik¬ 
kantine | 07.07. Saarwellin¬ 
gen, Rock Well Festival 

WATERDOWN 

07.07. Geislingen, Helfen¬ 
stein-Festival | 28.07. Lin¬ 
dau, Umsonst & Draußen 
Festival | 01.09. Lüden¬ 

scheid, Midsummer Open Air 
| 29.09. Menningen, Rock 
auf dem Berg | 06.10. Oet¬ 
tingen, JUZ | 26.10. Schne¬ 
verdingen, FZB 

YOU SAY PARTY! 

WE SAY DIE! 

02.07. Köln, Gebäude 9 | 
03.07. Hamburg, Molotow | 
04.07. Berlin. Lido 

ZERO MENTALITY 

15.06. Trier, The Ultima¬ 
te Summer Blast Festival | 
23.06. München, Backsta¬ 
ge | 24.06. Backnang, Stras- 
senfest | 29.06. Würzburg, 
AKW! | 03.07. CH-Zürich, 
Dynamo | 06.07. Bochum, 
Matrix | 12.07. Köln. MTC | 
31.08. Hameln, Joch'n'Roll 
Fest | 03.11. Mönchenglad- 
bach, Aqua 

ZAUNPFAHL ' 

16.06. Neukirch, 01904 | 
22.06. Stavenhagen, Elek¬ 
trisch Verstärkt-Open Air | 
06.07. Medewitz, Open Air 
| 07.07. Langennaundorfi JC 
Open-Air | 29.07. Behnken- 
hagen, Force Attack Festival 
| 31.08. Barby, Spirit-from- 
the-street Open Air | 01.09. 
Hameln, Joch'n'Roll Fest | 
07.09. Berlin, Resist to Exist 
OA | 08.09. Wilhelmsaue/ 
Oderbruch, Punk UfFm Dorf 
OA | 14.09. Auterwitz, Rock 
i.d. Scheune | 06.10. Kolmar, 
Gasthof 



VORSCHAU OX #23 


SUBHUMANS, JULIEN TEMPLE, STÄRVING 
MISSILE RECORDS, AGAINST ME, BAD RELIGION, 
MUNICIPÄL WASTE, ALICJA TROUT, JAY REATARD, 
D.O.Ä., INFERNO, TOWERBLOCKS, TURBOSTAAT, 
TITZ, BORN FROM PAIN 


Ox # 73 erscheint am 2. August 2007. 
Rezensionsmaterial muss bis zum 
30. Juni eingetroffen sein. 

News und Termine brauchen wir 
bis spätestens 15. Juli 


OX-FANZINE 138 











Pestpocken 


GOMMANDANTES 

FAHNENFLUCHT 


Palmara 

Skanibals 


HAUSVABOT 

hoskovskAva UälkymnS 


Ein Bier 

ein Euro! 


www.forceattack.de 

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DESTROY ALL MONSTERS 
Grow Live Monsters DVD 
(MVD) 

„Grow Live Monster“ ist eine 
Auswahl aus No-Budget Super 
8-Film-Fantasien, die zwischen 
1971 und 1976 gedreht 
wurde. 

Die Filme drehen sich um 
DESTROY ALL MONSTERS 
und wie viel Lärm sie in 
Kellerräumen und live machen 
konnten. Psychedelic trifft 
Noise trifft Kunst. 


BITUME 

Gut Im Trend CD/LP 
(Rookie) 

Das vierte Album der vier Nord¬ 
lichter, produziert von Archi 
Alert (u.a. TERRORGRUPPE, 
MOVEMENT, CREETINS). 
Intelligenter Punkrock mit dem 
Gespür für die richtige Melodie. 
Hier eine Verbeugung an die 
frühen Jahre der TOTEN 
HOSEN, dort eine Inspiration 
durch SOCIAL DISTORTION. 
Hier FEHLFARBEN in der 
Stimme, dort BUT ALIVE in den 
Texten. 


DRAGONS 

Here Are The Roses CD 
(Ohm) 

David Francolino (LEVITATION) 
erschafft auf „Here Are The 
Roses“ zusammen mit 
Elektronik-Abenteurer Anthony 
Tombling Jnr. eine Unterwelt 
voller geisterhafter Vokale und 
unvergleichlichen Melodien. Als 
hätten die EDITORS einen elek¬ 
trischen Schlag bekommen und 
DEPECHE MODE die letzte 
Nacht auf einem Nagelbett ver¬ 
bracht. Willkommen im Jahr 
der DRAGONS. 


HANDSOME FÜRS 
Plague Park CD/LP 
(Sub Pop) 

Das neue Projekt von Dan 
Broeckner, dem Sänger von 
WOLF PARADE! 


»Da können sich LOW warm 
anziehen, wenn sie hören, was 
ihre Labelmates HANDSOME 
FÜRS auf ihrem Debütalbum 
„Plague Park“ angerichtet 
haben. (...) Nur mit Gitarren, 
Drum Machine und Beatbox 
codieren sie die Melancholie 
um in mal zornige, mal hym- 
nisch-krachende feedbackge¬ 
tränkte Musik (...)« 

- Musikexpress 


ABWÄRTS 

ROM- 


n 

ABWÄRTS 
Rom CD/LP 
(Cargo Records) 

Das neue Abwärts Album - ab 
dem 08.06. überall erhältlich. 
Hört „Lucky Fucky“ von 
ABWÄRTS auf der Ox-CD in ' 
dieser Ausgabe! 

»Der deutliche musikalische 
Aufwärtstrend der legendären 
Punkband setzt sich mit dem 
von Rodrigo Gonzales (DIE 
ÄRZTE) produzierten neuen 
Album fort.« - Musikexpress 


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JETSOVERHEAD ^ 

Bridges CD 
(Sweet Nothing) 

Nominiert für die kanadischen 
Juno Awards in der Kategorie 
„Best New Group“, beweisen 
JETS OVERHEAD, dass experi¬ 
mentelle Rockmusik großartige 
Songs hervorbringen kann. 
Chillige Gitarrengrooves, 
erhebende Songs, hypnotischer 
Trancerock der Erinnerungen an 
THE VELVET UNDERGROUND, 
MYBLOODY VALENTINE, 
SPIRITUALIZED und THE 
MAMAS AND THE PAPAS weckt. 


THE MOANERS 
Blackwing Yalobusha CD 
(Yep Roc) 

„Blackwing Yalobusha“ ist 
weniger Komposition und mehr 
Beschwörung, nach den Worten 
von Gitarristin/Sängerin Melissa 
Swingle (Ex-TRAILER BRIDE) 
dazu gedacht, „ein wenig Glück, 
ein wenig Traurigkeit und ein 
bisschen Grusel zu fühlen, 
solange man fühlt und leiden¬ 
schaftlich fühlt.“ Ein Genie¬ 
streich des Garageblues-Duos 
Laura King und Melissa Swingle. 


PISSED JEANS 
Hope For Men CD/LP 
(Sub Pop) 

»DIE Sub Pop Neuentdeckung! 
Vorhang auf für PISSED JEANS 
aus Allentown, PA! „Yeah, seit 
Jahren wirklich keine so kaputte 
Band mehr gehört, die sich auf 
einer Platte derart fertig durch 
die Stücke hackt. Herrlich, da 
fühlt man sich gleich besser, 
denn DIE sind richtig fertig und 
angefressen! Wem FLIPPER ein 
wenig zu drogenfrei und harm¬ 
los waren, der sollte hier sein 
Glück finden!« - Ox-Fanzine 


»Das neue Jennifer Gentle Opus 
bietet wieder eine „Achterbahn¬ 
fahrt der Seinszustände wie sie 
etwa im großartigen Endzeit- 
Roman ,Fear And Loathing In 
Las Vegas’ geschildert wird.« 

- gaesteliste.de 


»Die verrücktesten Italiener, die 
nicht in die Politik gegangen 
sind. Noch nicht.« 

- plattentests.de 


PSYCHIC TV 
Hell Is Invisible... 

Heaven Is Here CD 
(Sweet Nothing) 

Die erste Aufnahme des multi¬ 
kulturellen Grenzgängers 
Genesis P-Orridge (THROBBING 
GRISTLE) mit seinen reinkar- 
nierten PSYCHIC TV alias PTV3! 
Handverlesene Gäste sind Nick 
Zinner (YEAH YEAH YEAHS), 
Gibby Haynes (BUTTHOLE 
SURFERS) und der renommier¬ 
te Autor Douglas Rushkoff. Eine 
chronologische Reise durch den 
Tod in Richtung Wiederaufer¬ 
stehung zur spirituellen Erleuch¬ 
tung. 


JENNIFER GENTLE 
The Midnight Room CD 
(Sub Pop) 

Psychedelica meets Punk goes 
Noise. 





Im Vertrieb von 



GERMANY 

»ww.cargo-records.de 



AvimKinnun i un i i aj i ihiai i mwawc iwiw-iwp wiiiw.io kikhix/ iiiii i cviai im ai iwi cjac iwncn cicn\imM 7 / ff □MI7MWJ- 










































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C-GRUPPE, 
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TOTEN 
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S’ORTION. 
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DRAGONS 

Here Are The Roses CD 
(Ohm) 

David Francolino (LEVITATION) 
erschafft auf „Here Are The 
Roses“ zusammen mit 
Elektronik-Abenteurer Anthony 
Tombling Jnr. eine Unterwelt 
voller geisterhafter Vokale und 
unvergleichlichen Melodien. Als 
hätten die EDITORS einen elek¬ 
trischen Schlag bekommen und 
DEPECHE MODE die letzte 
Nacht auf einem Nagelbett ver¬ 
bracht. Willkommen im Jahr 
der DRAGONS. 



HANDSOME FÜRS 
Plague Park CD/LP 
(Sub Pop) 

Das neue Projekt von Dan 
Broeckner, dem Sänger von 
WOLF PARADE! 

»Da können sich LOW warm 
anziehen, wenn sie hören, was 
ihre Labelmates HANDSOME 
FÜRS auf ihrem Debütalbum 
„Plague Park“ angerichtet 
haben. (...) Nur mit Gitarren, 
Drum Machine und Beatbox 
codieren sie die Melancholie 
um in mal zornige, mal hym- 
nisch-krachende feedbackge¬ 
tränkte Musik (...)« 

- Musikexpress 




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PISSED JEANS 
Hope For Men CD/LP 
(Sub Pop) 

»DIE Sub Pop Neuentdeckung! 
Vorhang auf für PISSED JEANS 
aus Allentown, PA! „Yeah, seit 
Jahren wirklich keine so kaputte 
Band mehr gehört, die sich auf 
einer Platte derart fertig durch 
die Stücke hackt. Herrlich, da 
fühlt man sich gleich besser, 
denn DIE sind richtig fertig und 
angefressen! Wem FLIPPER ein 
wenig zu drogenfrei und harm¬ 
los waren, der sollte hier sein 
Glück finden!« - Ox-Fanzine 



PSYCHIC TV 
Hell Is Invisible... 

Heaven Is Here CD 
(Sweet Nothing) 

Die erste Aufnahme des multi¬ 
kulturellen Grenzgängers 
Genesis P-Orridge (THROBBING 
GRISTLE) mit seinen reinkar- 
nierten PSYCHIC TV alias PTV3! 
Handverlesene Gäste sind Nick 
Zinner (YEAH YEAH YEAHS), 
Gibby Haynes (BUTTHOLE 
SURFERS) und der renommier¬ 
te Autor Douglas Rushkoff. Eine 
chronologische Reise durch den 
Tod in Richtung Wiederaufer¬ 
stehung zur spirituellen Erleuch¬ 
tung. 


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Im Vertrieb von 


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